Schwerbehindertenausweis bekommen!

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    • Ich stimme zu, dass der Grad der Einschränkung und damit berechtigterweise auch der Grad der Behinderung bei autistischen Menschen ganz wesentlich von den Lebensumständen abhängt und das von seiten der Behörden berücksichtigt werden sollte. Eigentlich trifft das sogar auf alle Behinderungen zu, daher bin ich auch Anhängerin des sozialen Modells von Behinderung. Einen Grad der Behinderung von mindestens 50, also einen Schwerbehindertenstatus, halte ich bei Autisten jedoch in jedem Fall für angemessen. Einfach zur Schutzfunktion. Autisten haben oft kaum ein tragfähiges soziales Netzwerk. Sofern sie nicht sehr wohlhabend sind oder aus einer solidarischen Großfamilie stammen, kann eine kleine Änderung in den Lebensumständen leicht dazu führen, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Auch, wenn der Betreffende vorher gut zurecht kam. Da kann es essentiell sein, dann zumindest via SBA den besonderen Schutz- und Unterstützunsbedarf etabliert zu haben.

      Was die Diagnose selbst betrifft, halte ich nicht nur aus diesem Grund für richtig, sie auch ohne akuten Leidensdruck zu vergeben. Gerade die, bei denen es "gut gegangen" ist, können Vorbilder für sinnvolle Unterstützungsformen sein.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      The post was edited 1 time, last by Leonora ().

    • MusicSexNature wrote:

      Die Frage ist nur, ob diese Fälle einfach durch langen Leidensdruck in Kombination mit hoher Intelligenz so sehr in ihrem Kompensationsverhalten automatisiert sind, dass sie kaum in der Lage sind, ihre Beeinträchtigungen im Lebensalltag adäquat wahrzunehmen geschweige denn zu kommunizieren? Und dadurch einen geringeren Grad der Behinderung bescheinigt bekommen, als es der Lebensrealität der jeweils Betroffenen entspricht?
      Aus meiner Sicht ist das ein Grund, weshalb die Bewertungen bei Störungen im autistischen Spektrum oft so ausfallen, dass es dafür ein Missfallen gibt....

      Und es kann sehr wohl ein "Endergebnis" herauskommen, wie es sich z.B. bei Frau Dr. Preissmann zeigt: Mit viel Unterstützung und unter großer eigener Bemühung konnte sie ein Hochschulstudium beenden, promovieren und die fachärztlichen Prüfungen für gleich zwei Fachgebiete erfolgreich bestehen.
      Das unter dem Aspekt, dass sie sich ausschließlich um sich selbst kümmern durfte (mit den Vor- und Nachteilen). Es gibt ja auch erfolgreiche Aspies, die noch Familie haben und sogar versuchen, deiser Familie gerecht zu werden- was auch immer das im einzelnen bedeuten mag.
      Siehe auch HCS:

      HCS wrote:

      ......nicht mehr so gut kompensieren könnend und deshalb an der Grenze der Belastbarkeit. Und das muss mE bei der Feststellung eines GdB - der ja ggf. zu Ansprüchen an die Gesellschaft berechtigt - mit einfließen. Ich gehöre nun wirklich nicht zu denen, die AS als "andere Art des Seins" sehen, ich empfinde es sehr wohl als Behinderung, aber weder bei mir noch (zumindest derzeit) bei meiner Tochter halte ich Schwerbehinderung für eine zutreffende Beschreibung.

      @Leonora mag sehr wohl Beispiele kennen, die ihre dargelegte Sichtweise begründen.
      Aber das gilt nun einmal auch nicht für alle.
      Und die Versorgungsmedizin-Verordnung soll grundsätzlich bundesweit anwendbar sein. - Ob das immer so eingehalten wird, ist ein gänzlich anderes Thema!

      Im Großen und Ganzen gesehen kann man die VersMedV ganz gut anwenden. Aber sie ist nicht frei von logischen Fehlern und soll ja auch demnächst wieder geändert werden. Eigentlich zum Besseren der Betroffenen. Mal sehen, wie das mit der Umsetzung klappt.

      Wenn ich mir beispielsweise einen Blinden vorstelle, der ansonsten bei relativ guter Gesundheit ist und alle gesetzlich vorgesehenen Hilfen & Unterstützungen bekommt, dann erhält dieser blinde Mensch "G", "B" , "RF", "BL" und "H".
      Bis auf das "BL" alles Merkzeichen, die bei Autisten auch in Frage kommen könnten.
      Aber dazu müssten sie im Gegensatz zum Blinden sehr stark durch die Autismusspektrumstörung eingeschränkt sein.
      Dieser Autist wäre - im Gegensatz zum Blinden- nicht in der Lage, ein eigenständiges Leben zum Beispiel in einer eigenen Wohnung zu führen. Der Blinde schon.

      Teilweise erklären sich solche nicht-Analogien durch die Historie der Kriegsopferversorgung in Deutschland. Es gab immer starke Verbände, die dies und jenes in den Vorschriften zur Beurteilung durchgesetzt haben wollten. Und manches haben sie ja auch hinbekommen.
      Wenn jetzt die Trommel laut für die Belange der Autisten jedweder "Farbe" gerührt wird (RW), ist das nur recht und billig, da die sogenannten unsichtbaren Behinderungen leicht unterbewertet werden können.
      Das liegt z.Teil auch daran, dass darüber "nur berichtet" wird, während es beim Beispiel Blindheit eindeutige Befunde gibt (in diesem Fall vom Augenarzt ; der sagt auch, was viele nicht wissen, nämlich dass der Verlust der Sehsinnes oft auch andere vegetative Beschwerden und psychische Vverstimmungen mit sich bringt. Blindheit ist eine komplexe Störung. Gut,weiß ich jetzt. Aber autistische bzw. tief greifenden Entwicklungsstörungen sind es auch! ).....
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Leonora wrote:

      Einen Grad der Behinderung von mindestens 50, also einen Schwerbehindertenstatus, halte ich bei Autisten jedoch in jedem Fall für angemessen. Einfach zur Schutzfunktion. Autisten haben oft kaum ein tragfähiges soziales Netzwerk. Sofern sie nicht sehr wohlhabend sind oder aus einer solidarischen Großfamilie stammen, kann eine kleine Änderung in den Lebensumständen leicht dazu führen, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht.
      Naja, das kann man so sehen. Muss man aber nicht.
      Denn auch das Argument des schützenden Netzwerks, das beim Zusammenbruch schwierige Zeiten anbrechen lässt, gilt für andere Behinderungen auch.
      Und niemand verbietet die zusätzliche Anerkennung z. B. einer wiederkehrenden schweren Depression (GdB 30, 40 oder 50) oder ähnlicher begleitender Behinderungen.

      Manche chronischen Erkrankungen erfordern einen hohen Therapieaufwand. Der wird ja bei diesen anderen Erkrankungen auch nicht zusätzlich berücksichtigt, sondern ist im vorgesehenen GdB enthalten.
      Betroffene Aspies sollten unbedingt deutlich machen, dass sie ausgerechnet durch ihre "Behinderung" in der gesellschaftlichen Teilhabe beeinträchtigt sind.

      Andererseits- wenn ein Beruf erreicht wurde, eine Famiie vorhanden ist oder ein zufriedenstellender gesellschaftlicher Status erreicht wurde, wie soll man dann eine Schutzfunktion für notwendig erachten? Und als notwendig deklarieren? Das sehe ich jetzt nicht unbedingt.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • HCS wrote:

      Das sehe ich nicht ganz so eindeutig. Hätte ich vor 20 Jahren die Diagnose bekommen, hätte ich es womöglich so unterschrieben, in meiner heutigen Situation finde ich weniger als 50 angemessen, ich kann ja ein weitgehend normales Leben führen (gut, kann der Unterschenkelamputierte auch). Wie stark AS tatsächlich einschränkt, hängt mE nicht unerheblich von den Lebensumständen und der (auch daraus resultierenden) psychischen Verfassung ab. Allein lebend mit schwindender Hoffnung auf Änderung, auch AS-bedingter relativer beruflicher Erfolglosigkeit und daraus resultierenden Depressionen ist was anderes als heute mit Familie und Traumjob, nur halt altersbedingt die Einschränkungen nicht mehr so gut kompensieren könnend und deshalb an der Grenze der Belastbarkeit. Und das muss mE bei der Feststellung eines GdB - der ja ggf. zu Ansprüchen an die Gesellschaft berechtigt - mit einfließen. Ich gehöre nun wirklich nicht zu denen, die AS als "andere Art des Seins" sehen, ich empfinde es sehr wohl als Behinderung, aber weder bei mir noch (zumindest derzeit) bei meiner Tochter halte ich Schwerbehinderung für eine zutreffende Beschreibung.
      Sehr sachlicher und differenzierter Beitrag, ich sehe es genauso :thumbup:

      Trotzdem finde ich, ist es auch wichtig anzuerkennen, was die heutigen gesellschaftlichen Bedingungen sind, wie Arbeitsmarkt und soziokulturelle Teilhabe unter den Bedingungen des Kapitalismus, der Globalisierung und der Digitalisierung strukturiert sind. Das wirkt sich natürlich nicht auf alle Lebenssituationen gleich aus, aber es ist der systemische und strukturelle Rahmen der einen großen Einfluss auf individuelle Lebensbedingungen hat, und vor diesem Hintergrund ist die Wahrscheinlichkeit einer sehr schweren Beeinträchtigung bei Asperger-Autisten schon sehr hoch, meiner Ansicht nach.
    • MusicSexNature wrote:

      wie Arbeitsmarkt und soziokulturelle Teilhabe unter den Bedingungen des Kapitalismus, der Globalisierung und der Digitalisierung strukturiert sind
      Da halte ich die familiären Umstände für wesentlich wichtiger. Wenn ich hier immer wieder von schwieriger Kindheit oder zumindest verständnislosen Eltern lese, gerade bei denen, die offenbar stärker beeinträchtigt sind, und dagegen mein Aspie-kompatibles Elternhaus sehe - klare Regeln was Formalien angeht, aber Inhalte sind zu hinterfragen, Interessen (auch SIs) wurden unterstützt, Selbständigkeit und Selbstbewusstsein gefördert durch Vertrauen - dann frage ich mich, was aus mir wohl unter schlechteren Umständen geworden wäre, und umgekehrt aus manchem anderen, wenn alle die gleichen Startbedingungen wie ich gehabt hätten. Kurzum: Glück spielt eine große Rolle, mehr als bei NAs. Die Arbeitsbedingungen der 50er/60er Jahre waren sicherlich Aspie-tauglicher als heutzutage, als man noch stärker nebeneinander herlaufen konnte statt "Teamwork", und als es auch noch mehr monotone Routinejobs gab. Aber mal ehrlich: wer außer ein paar Aussteigern wäre heute mit dem Lebensstandard der 50er zufrieden? Und der ist die Kehrseite der Arbeitsbedingungen. Und auch der soziale Konformitätsdruck schuf zwar einerseits bessere Bedingungen für Leute, die soziale Regeln nur über den Kopf erfassen können - mit einem Benimmbuch kam man da schon weit - aber er hatte seinen Preis, wenn man von der Norm abwich.
    • MusicSexNature wrote:

      Die Frage ist nur, ob diese Fälle einfach durch langen Leidensdruck in Kombination mit hoher Intelligenz so sehr in ihrem Kompensationsverhalten automatisiert sind, dass sie kaum in der Lage sind, ihre Beeinträchtigungen im Lebensalltag adäquat wahrzunehmen geschweige denn zu kommunizieren? Und dadurch einen geringeren Grad der Behinderung bescheinigt bekommen, als es der Lebensrealität der jeweils Betroffenen entspricht?
      Das wird sicher nicht selten sein. Man hat ja keinen wirklichen Vergleich, wie das Leben für andere sich "von innen" anfühlt, daher werden wohl gar nicht so wenige autistische Menschen ihre Schwierigkeiten unterschätzen. Vielleicht denken, es gehe allen so, andere würden sich nur "weniger anstellen".

      Capricorn wrote:

      Naja, das kann man so sehen. Muss man aber nicht.
      Denn auch das Argument des schützenden Netzwerks, das beim Zusammenbruch schwierige Zeiten anbrechen lässt, gilt für andere Behinderungen auch.
      Klar. Aber auch da werden die meisten Menschen - bei ernsthaften Behinderungen - dann sicher auch einen Grad der Behinderung von mindestens 50 bekommen. Genau davon schrieb ich ja, nicht davon, dass es regelhaft für Autisten einen GdB von 80-100 oder so geben müsste.

      Capricorn wrote:

      Manche chronischen Erkrankungen erfordern einen hohen Therapieaufwand. Der wird ja bei diesen anderen Erkrankungen auch nicht zusätzlich berücksichtigt, sondern ist im vorgesehenen GdB enthalten.
      Bei chronischen Erkrankungen, wo das der Fall ist, finde ich einen Schwerbehindertenstatus ebenfalls angebracht.

      Capricorn wrote:

      Andererseits- wenn ein Beruf erreicht wurde, eine Famiie vorhanden ist oder ein zufriedenstellender gesellschaftlicher Status erreicht wurde, wie soll man dann eine Schutzfunktion für notwendig erachten? Und als notwendig deklarieren? Das sehe ich jetzt nicht unbedingt.
      Dass ein Beruf erreicht wurde, heißt nicht, dass man dort langfristig bleibt. Wenn sich etwas ändert, beispielsweise der Kollege, der der "Anker" war, geht, kommt es nicht selten vor, dass Autisten nicht mehr "funktionieren". Insgesamt sind sie einfach viel empfindlicher als die Mehrheit. Ich finde schon, dass das einen besonderen Schutz durch Schwerbehindertenstatus rechtfertigt. Ist bei körperlichen Behinderungen ja auch der Fall, auch wenn jemand Arbeit und Familie hat.

      Capricorn wrote:

      Und es kann sehr wohl ein "Endergebnis" herauskommen, wie es sich z.B. bei Frau Dr. Preissmann zeigt: Mit viel Unterstützung und unter großer eigener Bemühung konnte sie ein Hochschulstudium beenden, promovieren und die fachärztlichen Prüfungen für gleich zwei Fachgebiete erfolgreich bestehen.
      Das unter dem Aspekt, dass sie sich ausschließlich um sich selbst kümmern durfte (mit den Vor- und Nachteilen).
      Christine Preißmann ist beruflich erfolgreich, gleich mehrfach, sowohl als angestellte Psychiaterin wie freiberuflich als Buchautorin und Referentin. Ihre Vorträge sind beliebt, und sie ist auch gut darin, anschließend mit dem Publikum zu diskutieren und auf die unterschiedlichsten Fragen und Anmerkungen einzugehen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass ein Schwerbehindertenstatus bei ihr berechtigt wäre. Sie spricht recht offen von ihrer Lebenssituation, und da kommt schon heraus, dass sie in vieler Hinsicht sehr eingeschränkt ist, auch in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe. Wenn ihre Geschwister und deren Kinder nicht wären, würde sie in späteren Jahren voraussichtlich überhaupt keine privaten Kontakte mehr haben. Und das ist schon für sich allein eine schwere soziale Beeinträchtigung.

      MusicSexNature wrote:

      Trotzdem finde ich, ist es auch wichtig anzuerkennen, was die heutigen gesellschaftlichen Bedingungen sind, wie Arbeitsmarkt und soziokulturelle Teilhabe unter den Bedingungen des Kapitalismus, der Globalisierung und der Digitalisierung strukturiert sind. Das wirkt sich natürlich nicht auf alle Lebenssituationen gleich aus, aber es ist der systemische und strukturelle Rahmen der einen großen Einfluss auf individuelle Lebensbedingungen hat, und vor diesem Hintergrund ist die Wahrscheinlichkeit einer sehr schweren Beeinträchtigung bei Asperger-Autisten schon sehr hoch, meiner Ansicht nach.
      Da stimme ich zu.

      HCS wrote:

      Kurzum: Glück spielt eine große Rolle, mehr als bei NAs.
      Das halte ich für eine sehr wichtige, zentrale Erkenntnis, was die Situation von Autisten betrifft. Sowohl in Bezug auf den Beruf wie auf das Privatleben. Das Elternhaus spielt eine Rolle, aber auch die Lehrer und die Mitschüler, die Ausbildungswahl, die Frage, ob es in verschiedenen Lebensphasen Mentoren und "Ankerpersonen" gab oder eben nicht. Und in beide Richtungen kann sich auch schnell eine Eigendynamik entwickeln.
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      The post was edited 1 time, last by Leonora ().

    • Leonora wrote:

      Wenn sich etwas ändert, beispielsweise der Kollege, der der "Anker" war, geht, kommt es nicht selten vor, dass Autisten nicht mehr "funktionieren". Insgesamt sind sie einfach viel empfindlicher als die Mehrheit.
      Aus meiner Innensicht stimme ich natürlich zu, ich schieße mir und anderen Aspies ja nicht selbst ins Bein (RW).

      Aber beim "Geschäft" der Beurteilung von Behinderungen, so wie es bei uns in Deutschland läuft (und in vergleichbarer Weise in der Schweiz, in Österreich; in anderen Ländern weiß ich's nicht) kommt man mit dem Argument der stärkeren Empfindlichkeit nicht weit.

      Wie auch sollte man das denn darstellen und nachweisen?

      Außerdem glaube ich nicht, dass es einen Empfindlichkeits-Durchschnittswert für "die Mehrheit", wie du schreibst, gibt.
      Da würden sicher auch die anderen in Selbsthilfegruppen organisierten Betroffenen (chronisch erkrankten) protestieren und sagen, dass sie ebenfalls besonders empfindlich in dieser und jener Hinsicht seien!

      Wobei ich auch heftig deinem Zitat von HCS und deinem folgenden Kommentar zustimme: Wenn man Glück hat und sich alles passend fügt, ist man selbst mit den Einschränkungen bei ASS fein raus.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Das Beispiel von Christine Preissmann zeigt meiner Ansicht nach deutlich, dass es um mehr geht als Empfindlichkeit. Trotz beruflichen Erfolgs und guten Verdienstes hat sie relativ wenig soziale Teilhabe. Außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeiten hat sie die nur in ihrer Herkunftsfamilie - aufgrund ihres Autismus. Peter Schmidt hingegen hat deutlich mehr Teilhabe, hat eigentlich in allen Lebensbereichen viel erreicht. Aber ausgerechnet er entspricht auch sehr stark dem "Bild" eines autistischen Menschen. Würdest Du so jemandem keinen SBA zuerkennen? Wenn das so üblich wäre, hätten es bald Unauffälligere noch viel schwerer. Auch dann, wenn sie wesentlich weniger Teilhabe haben als er.

      Und ja, ich halte es für sinnvoll, die Empfindlichkeit, die Autismus mit sich bringt, bei Feststellung des GdB zu berücksichtigen. Ist meiner Ansicht nach sowohl menschlicher wie kostengünstiger, als sie erst zusammenbrechen zu lassen, wenn sich die Dinge ungünstig verändern.
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    • Leonora wrote:

      Würdest Du so jemandem keinen SBA zuerkennen?
      Darum geht und ging es mir nie.


      Leonora wrote:

      Und ja, ich halte es für sinnvoll, die Empfindlichkeit, die Autismus mit sich bringt, bei Feststellung des GdB zu berücksichtigen
      Wenn es relevant ist, sollte es auch berücksichtigt werden. Aber es fragt sich doch: Wie? Und wie stelle ich das fest als Gutachter?

      Eine spezielle Empfindlichkeit gibt es auch z.B. bei Psychosen oder schweren affektiven Störungen mit häufigen Episoden ...und wenn es irgendwie nachweisbar ist, wird es auch berücksichtigt.
      Aber wenn jemand erfolgreich in Lohn und Brot steht, eine Familie erfolgreich managt und seinen Hobbies nachgehen kann, dann ist der Rest eigentlich für die Beurteilung im Schwerbehindertenrecht uninteressant. Sogar dann, wenn dieser Jemand Rautenmusterpullis trägt oder Cordhosen oder ein Hütchen mit Windrad.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Ich bin absolut dafür, auch Menschen mit chronischen Psychosen, schweren chronischen Depressionen etc. einen Schwerbehindertenstatus zuzugestehen. Ebenso wie chronisch Erkrankten mit hohem Therapieaufwand. Im Vergleich zum Durchschnitt sind die alle deutlich eingeschränkt. Da halte ich es für falsch, sie gegeneinander "auszupielen", nur weil man die Einschränkungen nicht gleich sieht. Sie sind keine Konkurrenz, es geht um die Abweichung von der durchschnittlichen gleichaltrigen Peer Group.
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    • Leonora wrote:


      Dass ein Beruf erreicht wurde, heißt nicht, dass man dort langfristig bleibt. Wenn sich etwas ändert, beispielsweise der Kollege, der der "Anker" war, geht, kommt es nicht selten vor, dass Autisten nicht mehr "funktionieren". Insgesamt sind sie einfach viel empfindlicher als die Mehrheit. Ich finde schon, dass das einen besonderen Schutz durch Schwerbehindertenstatus rechtfertigt. Ist bei körperlichen Behinderungen ja auch der Fall, auch wenn jemand Arbeit und Familie hat.

      Apropos Anker. Hast Du eine Idee, wie man einen neuen anlernt? Seitdem meine Lieblingskollegin die Kanzlei gewechselt hat, ist halt niemand mehr da, der die Autorität hat, mir "geh nach Hause, Du siehst scheiße aus" zu sagen. Sekretärin scheidet aus wegen Machtgefälle, und männliche Kollegen auch wegen Alphagehabe (ist unter Männern irgendwie unvermeidlich).
    • Leonora wrote:

      ....auch Menschen mit chronischen Psychosen, schweren chronischen Depressionen etc. einen Schwerbehindertenstatus zuzugestehen.
      Den bekommen sie ja auch. Auf Antrag.

      Aber nicht automatisch wegen einer Diagnose ohne bestätigter schwerer Ausprägung.


      Anderes Problem:

      Lars77 wrote:

      Apropos Anker. Hast Du eine Idee, wie man einen neuen anlernt?
      "Anlernen" dürfte schwierig sein, sonst hättest du es wohl schon ausprobiert.
      Vielleicht trifft "aussuchen" es eher?

      In großen Betrieben kann man sich Unterstützung beim Personalrat und der Schwerbehindertenvertretung holen. Trotzdem kämpft man da oft genug "einsam auf weiter Flur" für sich und die berechtigten Anliegen.
      So was kommt für dich @Lars77 nicht in Betracht, oder?

      Kannst du dir jemand mit geeigneter Persönlichkeit aussuchen und bitten, diese Funktion (wie Schwerbehindertenvertreter) zu erfüllen? Vielleicht auch jemand in der Nähe des Arbeitsplatzes oder jemand aus der persönlichen Umgebung (Familie/Freunde/Nachbarschaft), sofern vorhanden?
      Oder kannst du Kontakt zu deiner früheren Kollegin beibehalten und sie bitten , aus der Ferne ein Auge auf dich zu werfen(RW)?
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • MusicSexNature wrote:

      ......es ist der systemische und strukturelle Rahmen, der einen großen Einfluss auf individuelle Lebensbedingungen hat, und vor diesem Hintergrund ist die Wahrscheinlichkeit einer sehr schweren Beeinträchtigung bei Asperger-Autisten schon sehr hoch, meiner Ansicht nach.
      Wenn ich unter heutigen Bedingungen (und bei gleichem naiven Herangehen an Probleme wie früher) meinen Bildungs- und Berufsweg noch einmal gehen müsste, hätte ich mit großer Wahrscheinlichkeit deutliche Probleme! x(
      und mir reicht es schon jetzt so wie es ist.....

      Andererseits sind unterschiedliche Menschen auch unterschiedlich stark belastbar, physisch und psychisch.
      Und so werden diese unterschiedlichen Individuen auch unterschiedlich gut (oder eben schlecht) mit ihren Herausforderungen fertig.

      Generell finde ich es schwierig, diese bestimmten Probleme im Erleben & Verarbeiten miteinander zu vergleichen: dazu sind die Grundvoraussetzungen zu unterschiedlich.

      Da bei der Beurteilung im Bereich des SGB IX so getan wird, als könne man sie vergleichen - auch ein appes Bein wird schließlich unterschiedlich "verarbeitet" - , sollten wenigstens gleichartige Kriterien im Geltungsbereich des Gesetzes angewendet werden.
      Soweit ich das erkennen kann, bemüht sich der Gesetzgeber darum, dies zu gewährleisten.

      Dass es auch krasse Fehleinschätzungen geben kann, weiß ich aus eigener Erfahrung sehr gut!
      Dass es Verbesserungen im Bereich soziale Teilhabe geben sollte - wer wollte das bestreiten ? - Ich jedenfalls nicht!
      Dass von einem besseren Miteinander und einer menschenfreundlicheren Arbeitswelt alle profitieren würden ist auch klar!

      Aber dass Autisten chronisch unterbewertet werden und einen besonderen Status innerhalb der Gruppe behinderter Menschen innehaben sollten, weil sie besonders Besonders sind, kann ich auf Anhieb nicht erkennen.
      Dafür ist mir die Autistencommunity (falls ich die so nennen darf) zu inhomogen/zu ungleich mit Fähigkeiten ausgestattet/ zu verschieden in ihren Bedürfnissen.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Leonora wrote:

      Aber auch da werden die meisten Menschen - bei ernsthaften Behinderungen - dann sicher auch einen Grad der Behinderung von mindestens 50 bekommen.
      Ergänzung meinerseits: Bei Autisten geht man davon aus, dass dieser eingeschränkte Zugriff auf Bewältigungsmechanismen bei Krisen dauerhaft ist.
      Bei anderen gravierenden Behinderungen kann es aber durchaus so sein, dass sie sich bessern.

      In gewissem Umfang kann es natürlich auch (besonders beim Aspergersyndrom in rel. milder Ausprägung und bei gutem, stabilisierendem Umfeld) bei Autisten eine gewisse Besserung geben.
      Die grundlegenden Probleme der kommunikativen und sozialen Missverständnisse oder Schwierigkeiten bleiben aber bestehen,wenn vielleicht auch etwas geringer ausgeprägt.

      Die Hervorhebung von mir in deinem Zitat @Leonora weist auf einen kleinen Logikfehler hin. Eine ernsthafte Behinderung kann auch mit z.B. GdB 40 bewertet werden. Und wenn sie sich bessert, auch mit weniger.
      Also: grundsätzlich sind Autisten von dieser "Überprüfung" eines GdB nicht ausgenommen, obwohl das zugrunde liegende Anders-Sein nicht aufgehoben wird.

      Wenn es wegen einer besonderen Sensibilität und Verletzbarkeit (Vulnerabilität) zu schweren Teilhabebeeinträchtigungen im höheren Alter kommt - bei Frauen öfters mal der Fall -, sollten die Auswirkungen natürlich auch entsprechend bewertet werden. Die zeigen sich dann aber meist in einer chronifizierten Depression oder ähnlichen affektiven Störungen. Egal, letztlich zählt die Beeinträchtigung.

      Nur muss diese wie bei anderen Behinderungen auch bewiesen sein, um bewertet werden zu können.
      Und nur die Behauptung, "wir" seien empfindlicher als andere, reicht eben nicht aus, um eine dauerhafte und für alle geltende höhere Bewertung in der Versorgungsmedizin-Verordnung herbeizuführen.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:

      The post was edited 1 time, last by Capricorn ().

    • Capricorn wrote:

      Lars77 wrote:

      Apropos Anker. Hast Du eine Idee, wie man einen neuen anlernt?
      "Anlernen" dürfte schwierig sein, sonst hättest du es wohl schon ausprobiert.Vielleicht trifft "aussuchen" es eher?

      In großen Betrieben kann man sich Unterstützung beim Personalrat und der Schwerbehindertenvertretung holen. Trotzdem kämpft man da oft genug "einsam auf weiter Flur" für sich und die berechtigten Anliegen.
      So was kommt für dich @Lars77 nicht in Betracht, oder?
      ich seh das schon kommen, dass ich in der Kanzlei "aus Versehen" einen Betriebsrat gründe. Sähe mir ähnlich.

      Capricorn wrote:

      Oder kannst du Kontakt zu deiner früheren Kollegin beibehalten und sie bitten , aus der Ferne ein Auge auf dich zu werfen(RW)?
      ich werd es versuchen. aber irgendwie ist die Schwierigkeit im "Freunde behbalten" auch Teil des Paktets. Wenn erst mal "aus den Augen" ist das "aus dem Sinn" schwer zu vermeiden. Auch da scheine ich irgendwas nicht richtig zu machen :).
    • Lars77 wrote:

      Apropos Anker. Hast Du eine Idee, wie man einen neuen anlernt? Seitdem meine Lieblingskollegin die Kanzlei gewechselt hat, ist halt niemand mehr da, der die Autorität hat, mir "geh nach Hause, Du siehst scheiße aus" zu sagen. Sekretärin scheidet aus wegen Machtgefälle, und männliche Kollegen auch wegen Alphagehabe (ist unter Männern irgendwie unvermeidlich).
      Am besten ergibt sich das "organisch". Einfach durch Sympathie und dadurch, dass ein sensibler Mensch merkt, dass ein anderer an manchen Punkten etwas Unterstützung braucht. Ein Machtgefälle muss da kein Hinderungsgrund sein. Gerade die Konstellation etwa eines Professors und einer Sekretärin, die ihn in vielem unterstützt, ist ja "klassisch". Allerdings wohl eher, wenn er unangefochten in seiner Position und die Sekretärin nur für ihn zuständig ist, das ist bei Euch vermutlich anders. "Organisch" hätte es sich trotzdem so entwickeln können, dass sie Dein "Anker" wäre, aber das ist ja offenbar nicht passiert. Bei SAP gibt es das "Buddy-System", wo "Ankerpersonen" quasi formalisiert sind, das halte ich für eine gute Lösung. Ist Deine Diagnose öffentlich bei Euch? Dann könntest Du so etwas vielleicht tatsächlich ansprechen. Ansonsten - und vielleicht generell am besten - sprich vielleicht die Person bei Euch an, die Dir am sympathischsten ist (unabhängig vom formalen Status) und erwähne Deine Probleme, ohne zwingend die Diagnose zu nennen.

      Capricorn wrote:

      Ergänzung meinerseits: Bei Autisten geht man davon aus, dass dieser eingeschränkte Zugriff auf Bewältigungsmechanismen bei Krisen dauerhaft ist.
      Bei anderen gravierenden Behinderungen kann es aber durchaus so sein, dass sie sich bessern.
      Auch das hängt sicher vom konkreten Fall ab.

      Capricorn wrote:

      Die Hervorhebung von mir in deinem Zitat @Leonora weist auf einen kleinen Logikfehler hin. Eine ernsthafte Behinderung kann auch mit z.B. GdB 40 bewertet werden. Und wenn sie sich bessert, auch mit weniger.
      Das ist kein Logikfehler, sondern meine Ansicht. Bei einer gravierenden Behinderung halte ich einen GdB von 40 für zu gering, gleichgültig, worum es sich handelt. Die niedrigeren GdBs sind eher dort sinnvoll, wo die Einschränkung für sich allein nicht so stark ist, sich aber Einschränkungen unterschiedlicher Behinderungen summieren können, so dass dann auch ein GdB von mindestens 50 angemessen wäre.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      Am besten ergibt sich das "organisch". Einfach durch Sympathie und dadurch, dass ein sensibler Mensch merkt, dass ein anderer an manchen Punkten etwas Unterstützung braucht. Ein Machtgefälle muss da kein Hinderungsgrund sein. Gerade die Konstellation etwa eines Professors und einer Sekretärin, die ihn in vielem unterstützt, ist ja "klassisch". Allerdings wohl eher, wenn er unangefochten in seiner Position und die Sekretärin nur für ihn zuständig ist, das ist bei Euch vermutlich anders. "Organisch" hätte es sich trotzdem so entwickeln können, dass sie Dein "Anker" wäre, aber das ist ja offenbar nicht passiert. Bei SAP gibt es das "Buddy-System", wo "Ankerpersonen" quasi formalisiert sind, das halte ich für eine gute Lösung. Ist Deine Diagnose öffentlich bei Euch? Dann könntest Du so etwas vielleicht tatsächlich ansprechen.
      Wir haben eine Sekretärin für mehrere. Und da fühle ich mich gezwungen, für die mit stark zu sein, falls sie mal einer von den anderen schlecht behandelt. Außerdem ist es halt nicht direkt "meine" :). Vielleicht haben wir zu oft die Sekretärinnen rotiert, sodass ich die Verlustgefahr schon einpreise, bevor ich mich zu sehr öffne. Boh, Autisten und Vertrauen in andere Menschen ... .

      Leonora wrote:

      Ansonsten - und vielleicht generell am besten - sprich vielleicht die Person bei Euch an, die Dir am sympathischsten ist (unabhängig vom formalen Status) und erwähne Deine Probleme, ohne zwingend die Diagnose zu nennen.
      Tu ich ja. Aber der eine ist zu weit weg vom Spektrum, um wirklich zu verstehen, und der andere hat genug eigene Depression. Da war meine Ankerkollegin (m.E. selbst mit Spektrumsverdacht) natürlich ideal. Wenig Wunder, dass sie es nicht lange ausgehalten hat.