Jobwechsel, ich hab mich getraut

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    • Jobwechsel, ich hab mich getraut

      Ihr Lieben,

      es ist etwa 1,5 Jahre her da gab es eine Umfrage in der Firma wo ich - aktuell noch - arbeite. Da hab ich angegeben, ich würde gern bis zur Rente bleiben. Der Job machte mir Spaß, das drumrum ließ sich aushalten und was anderes kann ich nicht (denkt man eh immer), also wollte ich da bleiben.

      Nach dieser Umfrage kam der große Umbruch in der Firma - ein Großkunde sprang ab, die Hälfte der Belegschaft musste gehen. Um meinen Arbeitsplatz hatte ich nie Angst, denn ich bin gut ihn dem was ich tue. Eine Abteilung war besonders von der Kündigungswelle betroffen - und übrig blieben die Vorrentner, die die anderswo keinen Job mehr bekommen würden. Ist an sich auch sozial korrekt - wenn diese Menschen es Wert wären sie zu behalten. Allerdings wird da offen zelebriert dass sie eh nicht mehr lange bis zur Rente haben und die Zeit noch irgendwie rumbringen würden. Diese Menschen bremsen jetzt den allgemeinen Betrieb und vor allem - den Kollegenzusammenhalt extrem aus.

      Meine Abteilung verstand sich immer gut, wir sind das einzige Team was funktioniert, arbeiten will, die Firma erhalten will. Der Rest will nicht, hat ja nicht mehr lange zu arbeiten. Durch den Druck der da intern entsteht drohte auch unsere Abteilung zu kippen. Denn wenn sämtliche Leute sich Mühe geben bis zum Umfallen und der Rest das nicht tut, schwingt der Frust einfach irgendwann zu einem selbst zurück. So fühlte ich mich zunehmend unwohler in der Firma. Warum komme ich mit guter Laune, wenn sie mir beim Betreten der Firma gleich wieder vergeht.... warum gebe ich mir mit meinen Kollegen Mühe, wenn die anderen gähnend warten bis der Tag rumgeht.

      Was mir auch klar war, ich muss aus der Branche raus. Diese Branche wird in den nächsten Jahren noch allgemein mit Umbruch zu kämpfen haben (Stichwort Digitalisierung), wer weiß wo man in der Zukunft ankommt. Das sagt das Engelchen auf meiner Schulter: Such dir was anderes. Und es gibt das Teufelchen: Bleib da, du hast deinen Rhythmus, deinen Tagesablauf, du kennst die Kollegen, fang nicht wieder von vorne an.

      Das Engelchen hat gewonnen, an einem Tag hab ich innerlich abgeschlossen mit dem Job und mich auf die Suche was ganz anderem, neuen gemacht. Hab zufällig im Netz eine Firmenhomepage gefunden wo ich gerne arbeiten würde, weil es mich interessieren würde. Ich hab aber keine Ausbildung die mich befähigt dort zu arbeiten. Trotzdem hab ich mich beworben obwohl es keine Stellenanzeige für mich passend gab - versuchen kann man es ja. Meine Hoffnung war gering. Drei Tage nach der Bewerbung erhielt ich einen Anruf vom Chef, eine weitere Woche später hatte ich das Vorstellungsgespräch und gleich den Vertrag in der Hand. Der Chef dort hatte sich die Mühe gemacht meine bisherigen Fähigkeiten in seinen Betrieb einzubinden und daraus einen Job für mich kreiert. Ich kann dort einen kleinen Teil meiner bisherigen Berufsfähigkeiten nutzen, aber auch das tun was ich bisher immer gern tun wollte, es mangels Ausbildung aber nicht kann.

      Ich halte die Beschreibungen bewusst sehr vage, ich habe einfach keine Lust dass irgendwelche Arbeitskollegen, egal ob neu oder alt, mich in dieser Beschreibung wieder finden. Die neuen wissen nichts von Aspergerverhalten und es kann gut sein dass sie es auch gar nicht so merken werden. Meine neuen Kollegen sind in der Anzahl wesentlich mehr als meine alten, man hat keinen so intensiven Kontakt wie früher. Ich arbeite zum Großteil Eigenverantwortlich, so dass ich nicht ständig Leute um mich habe.

      Mit dieser Geschichte möchte ich Mut machen. Es ist möglich sehr schnell Arbeit zu finden, die noch dazu nicht als Stellenangebot offen angeboten wird. Ich habe niemals damit gerechnet, dass ich per Zufall so eine Möglichkeit finde. Finanziell mache ich nur in der Probezeit ein wenig Abstriche. Es gibt doch manchmal noch Chefs, die sich die Mühe machen auch über den Tellerrand zu schauen und Leute, die sich initiativ bewerben, auch einzustellen, wenn sie fähig erscheinen. Ich möchte von mir behaupten, dass ich äußerst fähig bin, schnell neues lerne und große Eigeninitiative habe. Das muss man nur vernünftig kommunizieren können, dann kann es wohl klappen.

      Das Bewerbungsgespräch an sich war erstaunlich gut. Ich war natürlich total angespannt vorher, bis dieser kleine ältere Mann mich mitnahm. Der dann so überaus natürlich, ganz ohne "Chefbesenstiel" im Hintern (Erklärung: diese Haltung, die viele Chefs haben, dieses korrekte, übertriebene, überhebliche...). Er war ganz natürlich und mit älteren Menschen komme ich sowieso besser klar, wir verstanden uns gut, das mit dem Augenkontakt klappte bestens (tut es meistens, wenn ich die Leute nicht kenne, aber weiß dass es um was geht).

      Eigentlich bin ich ziemlich stolz darauf, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Jetzt habe ich noch ein bisschen Zeit in Ruhe die alte Arbeit zu Ende zu bringen, meine Person da langsam rauszunehmen, anderen Leuten meine Arbeit zu überlassen. Aber ich freue mich auf meinen ersten - neuen - Arbeitstag.
    • DarkLizard wrote:

      Das sagt das Engelchen auf meiner Schulter: Such dir was anderes. Und es gibt das Teufelchen: Bleib da, du hast deinen Rhythmus, deinen Tagesablauf, du kennst die Kollegen, fang nicht wieder von vorne an.
      Genau in der gleichen Situation befand ich mich auch mal. Leider habe ich nicht auf das Engelchen gehört, weil mir der Schritt zu groß und zu gewagt vorkam. Das endete irgendwann in ganz viel Stress, Enttäuschung, völliger Überarbeitung und schließlich in meinem Zusammenbruch und der Kündigung seitens des Arbeitgebers.

      Aus heutiger Sicht hätte ich gut daran getan, das Arbeitsverhältnis zu beenden, als die ehemal sehr guten Arbeitsbedingungen anfingen, durch Personaleinsparungen zu kippen. Das hätte mir sehr viel Frust und Leid erspart. Mir fehlte damals aber der Mum dazu.


      Insofern, Glückwunsch und Hut ab, @DarkLizard, dass Du den Schritt gewagt hast. Und Alles Gute für den Neuanfang. :)
    • Glückwunsch, dass es so reibungslos geklappt hat. Ich habe damals etwas länger gesucht - wobei ich wegen der blöden Loyalität am liebsten nicht gewechselt hätte, es aber nötig war. Aber das ist kein AS-spezifisches Problem, meine NA-Frau mag auch nicht nochmal suchen, obwohl es gute Gründe dafür gäbe.
    • Danke!

      Input wrote:

      Aus heutiger Sicht hätte ich gut daran getan, das Arbeitsverhältnis zu beenden, als die ehemal sehr guten Arbeitsbedingungen anfingen, durch Personaleinsparungen zu kippen. Das hätte mir sehr viel Frust und Leid erspart. Mir fehlte damals aber der Mum dazu.
      oh, das tut mir sehr leid, dass es so weit gekommen ist. Aber ich hatte lange nicht den Mut zu diesem Schritt. Ich war ständig am zweifeln, einerseits mag ich den Job und hab alles so wie ich es haben möchte in meinem Bereich, es ist alles an seinem Platz. Aber ein kleines Ereignis machte mich dann innerlich so wütend und sauer, dass ich tagelang nicht zur Ruhe kam - ich hasse es Reklamationen zu bearbeiten die vermeidbar wären. Und nach dem ich tagelang tierisch sauer war über diese Situation hab ich innerlich gekündigt und mich auf die Suche begeben. Irgendwann ist das Maß einfach voll.
      Würdest du es heute wagen, wenn du noch einmal in so eine Situation kommen würdest?

      HCS wrote:

      meine NA-Frau mag auch nicht nochmal suchen, obwohl es gute Gründe dafür gäbe.
      ja das ist aber manchmal auch einfach der "Faulheit" geschuldet, weil es ja doch irgendwie läuft... oder es ist eben noch nicht der Zeitpunkt gekommen, wo sie innerlich gekündigt hat. Wenn man also abschließt mit der Firma, obwohl man noch dort ist. Es ist in der Tat so dass sehr viele Leute unzufrieden mit ihrer Anstellung sind, aber nichts dagegen unternehmen.
    • Das klingt gut! :)

      Wie hast Du denn das Anschreiben formuliert? Irgendwas muss ja da gewesen sein, auf Grund dessen die dich eingeladen haben. Hast Du nur von Deinen generellen Fähigkeiten und Interessen interessiert und geschrieben, dass Du Dich aus Grund x gerne umorientieren möchtest und warum dich grade Firma y interessiert?
    • Darlina wrote:

      Das klingt gut! :)

      Wie hast Du denn das Anschreiben formuliert? Irgendwas muss ja da gewesen sein, auf Grund dessen die dich eingeladen haben. Hast Du nur von Deinen generellen Fähigkeiten und Interessen interessiert und geschrieben, dass Du Dich aus Grund x gerne umorientieren möchtest und warum dich grade Firma y interessiert?
      das werde ich dir gerne per Konversation schicken, da man das Schreiben sonst erkennen würde.
    • Falls auch jemand anderes interessieren sollte wie mein Bewerbungs-Anschreiben aussah, dann werde ich es gerne per Konversation auch weiteren Personen schicken. Ich habe dort nur Firmennamen raus genommen, dann ist das ganze relativ neutral und kann auch als Vorlage für Personen dienen, die für sich selbst so etwas formulieren wollen, vielleicht um sich auch zu trauen etwas Neues zu suchen :)
    • DarkLizard wrote:

      Würdest du es heute wagen, wenn du noch einmal in so eine Situation kommen würdest?
      Wahrscheinlich ja.

      Damals bin ich unter anderem auch so lange geblieben, weil ich irgendwie dachte, dass diese Arbeitsstelle zu meinem Leben dazu gehört. Ich hatte irgendwie die Vorstellung im Kopf, als dass es gar nicht anders geht. Als ob ich dort zum Inventar gehören würde.

      Heute weiß ich, dass ich viel zu loyal gewesen bin. Das passiert mir bestimmt nicht wieder. Zu groß war der Schock, nach Jahren sehr engagierter Arbeit sehr plötzlich gekündigt zu werden, als ich wegen Überlastung nicht mehr meine gewohnten 100 Prozent geben konnte. So etwas möchte ich nie wieder erleben.
    • DarkLizard wrote:

      Falls auch jemand anderes interessieren sollte wie mein Bewerbungs-Anschreiben aussah
      Ich würde das auch gerne mal sehen, die Anschreiben von mir wurden von einem Berufsberater immer als "seltsam" bezeichnet und er meinte: "Als ich das gelesen habe, musste ich erst lachen, aber dann ist mir das Lachen auch irgendwie im Hals steckengeblieben..."

      Fände ich interessant wie eine "normale" Bewerbung eines Verdachtsautisten heutzutage so aussieht. :)
      Das Leben ist eine Komödie für den Denkenden und eine Tragödie für die, welche fühlen.
    • Ryu wrote:


      Fände ich interessant wie eine "normale" Bewerbung eines Verdachtsautisten heutzutage so aussieht. :)
      Sicherlich würde meine Bewerbung auch keinem Berufsberater genügen. Ich habe allerdings schon immer meine Bewerbungen selbst geschrieben und auf irgendwelche Regeln verzichtet. Ich glaube, dass die persönliche Formulierung ohne steife Formeln durchaus ankommt und Interesse weckt. Bis jetzt habe ich damit immer schnell Arbeit bekommen. Das erste Mal war eine eigene Bewerbung auf eine Stellenanzeige vom Arbeitsamt, die einen Job hervorbrachte. Später dann eine Initiativbewerbung ohne Stellenanzeige auch mit eigener Bewerbung, allerdings musste ich 1 Jahr warten bis ich den Job bekam, weil dann erst jemand in Rente ging. Ich hab mir damit quasi eine Stelle für die Zukunft gesichert. Und eben jetzt die dritte Initiativbewerbung die zum Erfolg führte, keine davon war irgendwelchen Regeln unterworfen. Außer die der höflichen Anrede und vernünftigem Deutsch, aber das sollte ja klar sein.

      @Ryu: Möchtest du mir vielleicht mal eine Bewerbung schicken, die jemand als seltsam kritisierte? Einfach damit ich das für mich schätzen kann, ob es wirklich so schlimm war, oder ob jemand nur irgendwelche Regeln vermisste, die man nicht immer braucht?
    • DarkLizard wrote:

      Möchtest du mir vielleicht mal eine Bewerbung schicken, die jemand als seltsam kritisierte?
      Da müsste ich mal schauen ob ich noch eine von meinen älteren auftreiben kann.

      Deine ist auf jeden Fall phantastisch, da habe ich selbst direkt Lust gekriegt dich einzustellen - für irgendwas. :d
      Dabei habe ich nicht mal eine Firma und auch überhaupt keinen Bedarf an Arbeitskräften und wüsste gar nicht für was. ^^

      (Rote Farbe geht bei mir ganz einfach über die Schritfarbeneinstellung in der Leiste hier oben.)
      Das Leben ist eine Komödie für den Denkenden und eine Tragödie für die, welche fühlen.
    • Ryu wrote:


      (Rote Farbe geht bei mir ganz einfach über die Schritfarbeneinstellung in der Leiste hier oben.)
      ja, aber irgendwie werden ja auch die Forenmitglieder verlinkt, damit man draufklicken kann um zu dieser Person zu gelangen. Ist also nicht nur rot sondern auch verlinkt, kein Plan wie das geht.
    • @DarkLizard Einfach das @ und dann den Usernamen direkt dahinter (ohne Leerzeichen).

      Normalerweise erscheinen nach den ersten drei getippten Buchstaben dann auch schon ein paar Vorschläge von Usern, die mit diesen anfangen, da kann man dann auch einfach auf den entsprechenden draufklicken. :)
      Wenn der Username Leerzeichen enthält, muss man den noch zwischen Apostrophen einschließen, aber bei der "Auf-die-Vorschläge-aus-der-Liste-klick-Methode" geht das eh alles automatisch. :)
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