Aus den Augen, aus dem Sinn?

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    • Fee70 wrote:

      Ich habe das auch so bei meinem Mann( AS) erlebt . Wenn ich ihn fragte ,ob er traurig wäre ,wenn ich ihn verlasse,kam darauf nur : Na schön wäre das nicht ,aber das Leben geht weiter ,Reisende soll man nicht aufhalten .Das Thema wäre auch nach 18 Jahren durch *wumm.
      So etwas will ich als Nt-Frau überhaupt nicht hören . Ich bin ein Mensch ,der sehr emotional ist und auch trauert .Aber so empfindet er das nun mal .Mein Sohn ( auch AS) ist hingegen sehr emotional .
      @Fee70
      :yawn: Ich glaube, dazu muss der Mann nicht mal NT sein :-p (es reicht schon, wenn man die Frage rationell beantwortet und nicht kapiert, wie die eigentliche Frage bzw. Aufforderung dahinter lautet ;) )

      Ich war mal mit einem Partner zusammen, von dem ich wissen wollte, ob er für immer mit mir zusammen sein will. Da meinte er, prinzipiell ja, sofern ich mich nicht groß ändern würde. :nerved: Diese Antwort war meiner Meinung nach zwar nicht komplett falsch, aber schon 'ziemlich' falsch. :lol: Ich finde es nämlich nicht in Ordnung, wenn man jemandem nicht zusteht, dass die Person sich weiterentwickelt bzw. man sich dann möglicherweise abwendet. Aber realistisch gesehen war die Antwort vermutlich gar nicht mal so schlecht.

      Ich glaube aber, dass man als Frau (ja, auch als autistische Frau :oops: ) sich dann manchmal versichern will, ob der Partner einen wirklich mag. Insbesondere dann, wenn der Partner keine Worte von sich gibt, dass er das tut bzw. das irgendwie nicht bei einem ankommt. Dann ist keine rationelle Antwort gewünscht, sondern irgendwas anderes. Das kapiere selbst ich (habe aber auch schon ein paar Beziehungsratgeber gelesen, da stand sowas häufiger drin bei Kommunikationsproblemen zwischen Männern und Frauen).

      Was mir gerade einfällt: Ich habe auch mal einen Partner gefragt, ob er mich noch mag. Darauf antwortete er: "Sonst wäre ich ja nicht mehr mit dir zusammen". :d Das ist inhaltlich eigentlich auch sehr überzeugend, aber irgendwie wollte ich dann tatsächlich was anderes hören. Am Besten wäre es wohl, wenn man dann selbst kommunizieren würde und sowas sagt wie, dass man sich mehr Aufmerksamkeit oder Zuneigung wünscht oder so. Aber das kann auch nach hinten losgehen. Einmal meinte ich, dass mir mehr Komplimente und Beachtung wünsche, da meinte der Partner, dass er mir doch beim Sex Komplimente mache. :roll: Danach fühlte ich mich noch schlechter. :|
    • Ich trauer schon sehr um Menschen, Tiere oder Dinge, die weg sind. Um Tiere und Dinge wahrscheinlich sogar mehr als andere. Um Menschen ist es von anderer Qualität. Aber dennoch trauere ich. Ich vermisse primär die Gefühle, die die Person in mir auslösen konnte. Aber ich finde es auch bedauerlich, dass diese Person z.B. aus dem Leben geschieden ist und keinerlei Möglichkeit mehr hat, mit der Umwelt in Kontakt zu treten, also einfach "alles stehen und liegen lassen musste", und nicht mehr erledigen kann, es ist eindeutig vorbei. Bei getrennten Beziehungen kommt mir hin und wieder der Gedanke, dass dieser und jener Moment schön war und ich den gerne wieder erleben würde, aber es hatte meist seine Gründe, weshalb man sich nicht mehr trifft und das rationalisiert dann diese Verhältnisse. Grundsätzlich ist es aber schon so, dass ich Treffen nicht so brauche wie andere. Ich möchte mich schon Mal treffen, aber nicht in der Intensität, wie es andere gerne tun. Nichtsdestotrotz versuch/te ich es immer wieder, aber irgendwann ist immer die "Puste aus". (RW)
      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
      (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 - 322 v. Chr.)

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    • Vielen Dank @all für diese vielen hochinteressanten Beiträge. Ich hab's erst mal nur quergelesen und komme später detaillierter darauf zurück. Für's erste nur mal soviel: Es gibt offensichtlich nicht EIN AS-typisches Verhalten. Es kommt Querbeet alles vor. Von sofort vergessen, über den-Kontakt-gerne-halten-wollen-aber-nicht-so-recht-wissen-wie, bis hin zu grossen Gefühlen. Das ist im Grunde auch nicht anders als bei NTs. Also was genau macht den Unterschied aus zwischen dem Schweigen eines AS und dem Schweigen eines NT? Ich empfinde es eindeutig anders. Ich muss mir das alles noch mal in Ruhe durchlesen und darüber nachdenken. Vielleicht lesen hier ja auch noch ein paar andere NTs mit und können mir auf die Sprünge helfen.

      Erst mal vielen Dank und schreibt weiter :) .
    • @FruchtigBunt
      Was für ein unglaublich ergreifender Beitrag. Vielen Dank fürs teilen.

      FruchtigBunt wrote:

      ...spürte ich immer häufiger ganz schlimme emotionale Schmerzen. Über die letzten Monate habe ich den Eindruck, dass meine Familie bzw. mein Heimatort wie eine Art "sicheres Gefühl" in mir verankert sind. Auch wenn ich mehrere Wochen nicht telefoniere oder mich nicht melde, habe ich das Gefühl, dass eine Art gedankliche Bindung bestehen bleibt. Ich vermute, dass das eine extrem starke Weiterentwicklung für mich ist.
      Wie eine Raupe, die ihren Kopf aus der Hülle streckt und anfängt NT-Luft zu schnuppern. Das ist ganz ausserordentlich. Du machst gerade eine unglaubliche Entwicklung durch. Mich würde ja brennend interessieren, was Asperger-Experten dazu sagen würden.

      Ich komme später auf deinen Beitrag zurück, wenn ich mehr Zeit habe.
    • Personen, zu denen ich sehr lange keinen Kontakt mehr habe, bleiben in meinem Langzeitgedächtnis, es sei denn, es waren nur flüchtige Begegnungen. Mir fällt es aber schwer, nach einer sehr langen Kontaktpause "mal eben so" wieder Kontakt zu der Person aufzunehmen. Das hat aber meiner Meinung nach nichts mit "AS" oder "NT" zu tun.

      Romi wrote:

      Ist das für AS normal? Weg ist weg! Was war, ist gewesen! Punkt. Kein Nachtrauern, kein Bedauern, kein Vermissen?
      Bei mir ist es nicht der Fall.
      "Jede Jeck is anders" (Kölsches Sprichwort)

      The post was edited 1 time, last by Grübler_1988 ().

    • Romi wrote:

      @FruchtigBunt
      Was für ein unglaublich ergreifender Beitrag. Vielen Dank fürs teilen.

      FruchtigBunt wrote:

      ...spürte ich immer häufiger ganz schlimme emotionale Schmerzen. Über die letzten Monate habe ich den Eindruck, dass meine Familie bzw. mein Heimatort wie eine Art "sicheres Gefühl" in mir verankert sind. Auch wenn ich mehrere Wochen nicht telefoniere oder mich nicht melde, habe ich das Gefühl, dass eine Art gedankliche Bindung bestehen bleibt. Ich vermute, dass das eine extrem starke Weiterentwicklung für mich ist.
      Wie eine Raupe, die ihren Kopf aus der Hülle streckt und anfängt NT-Luft zu schnuppern. Das ist ganz ausserordentlich. Du machst gerade eine unglaubliche Entwicklung durch. Mich würde ja brennend interessieren, was Asperger-Experten dazu sagen würden.
      Ich komme später auf deinen Beitrag zurück, wenn ich mehr Zeit habe.
      @Romi
      Gerne. Ich hätte nicht gedacht, dass den Beitrag jemand ergreifend findet. Ich schreibe ja meistens, wenn mich ein Thema selbst interessiert und ich meine Gedanken dazu sortieren will und weil ich mir irgendwie manchmal wünsche, dass ich etwas von dem weitergeben kann oder jemandem damit helfen kann, wenn ich manche Erkenntnisse hinschreibe.

      Die Entwicklung sehe ich auch, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob das eine Entwicklung in der Hinsicht 'von Asperger hin zu mehr NT' ist oder eine Entwicklung von 'extremer Rückzug wegen Traumatisierung hin zu real zurückgewonnener Sicherheit'. Möglicherweise ist das bei mir aber eh alles miteinander vermischt. Ich habe mir meinen Beitrag gerade nochmal durchgelesen und es klingt in meinen Ohren etwas erschreckend, dass ich meine Familie über 30 Jahre ( :yawn: :roll: ) niemals vermisst habe. Da war es für mich eigentlich auch so, als wären sie nicht mehr existent, sobald ich sie nicht mehr sehen konnte. Das war bei mir aber schon im Kindergarten so. Man sagte mir mal, dass meine Mutter mir im Kindergarten am ersten Tag 'tschüß' gesagt hätte und ich wäre dann im Raum irgendwohin gelaufen und hätte sie nicht weiter beachtet, als sie gegangen ist. Den anderen Kindern und die Erziehern hätte ich mich aber auch nicht zugewandt. So als sei es für mich Normalität, nicht in einer Gemeinschaft zu existieren. Das hat bei mir ziemlich sicher mit einem kranken Bindungsverhalten zu tun. Ich wüsste einfach zu gerne, wo bei mir die Grenze zwischen Asperger und Traumatisierung verläuft. Irgendwie scheint sich aber die Arbeit an den jeweils einzelnen Themen gegenseitig positiv zu beeinflussen.
      Ich überlege gerade, ob man die Grenze direkt bei dem Moment ziehen kann, in dem man die Person nicht mehr sieht: Ich ließ die Person (meine Mutter) offenbar schon vor dem 'nicht-mehr-Sehen' links liegen und wendete mich ab. Das deutet dann vermutlich eher auf eine Bindungsstörung hin. Wenn jemand vor dem Abschied dann noch anhänglich ist und erst nach dem Abschied sich schnell ablenkt, ist das vielleicht in Verbindung zu bringen, mit Autismus. Aber richtig überzeugen, tut es mich nicht.

      Vielleicht kann man hier mal Theorien sammeln, was die Ursache für dieses "Aus den Augen, aus dem Sinn" sein könnte. Ich würde das gerne verstehen.

      Dennoch bedeutet die Tatsache, dass es vermutlich ein großer Entwicklungsschritt ist, auch sehr viel Leid. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es die ganzen Jahre vorher, wo ich mit Menschen so gut wie nichts zu tun hatte und emotional wie tot war und ich nur schulisch und beruflich funktioniert habe, sehr viel leichter für mich war. Nun kommen die ganzen Ängste mit hoch und die ganzen Kommunikationsprobleme werden noch offensichtlicher. Wer nicht kommuniziert, der hat eben weniger Probleme. Ich glaube, dass ich früher weniger auffällig war, weil ich diese ganzen Bereiche geschickt umging. Aber irgendwann war es nicht mehr befriedigend, so einen Bogen um Menschen an sich zu machen. Nun bin ich vermutlich in der Phase einer inneren Zerrissenheit: Endlich konnte ich erkennen und akzeptieren, dass ich mich auch nach Menschen sehne, aber nun scheitert es an meinen diversen Problemen, diese Kontakte dann letztendlich in gesunder Weise ertragen zu können.
    • Hat jemand Interesse, mögliche Ursachen für "aus den Augen, aus dem Sinn" zu diskutieren bzw. hier aufzulisten?

      Ich wüsste gerne, ob das immer auf ein gestörtes Bindungsverhalten zurückzuführen ist oder auch an anderen Dingen liegen kann bzw. ob das tatsächlich Spezifisch für Autisten ist. Falls ja: Warum ist das so? :roll:
    • Romi wrote:

      Ist das für AS normal? Weg ist weg! Was war, ist gewesen! Punkt. Kein Nachtrauern, kein Bedauern, kein Vermissen? Oder habt ihr ganz andere Erfahrungen gemacht?
      Bei mir ... ja.
      Nicht bei Lebenspartnern, da empfinde ich Trennungen als sehr schlimm aber eigentlich aus dem Grund weil etwas Gewohntes weg fällt das mir Halt gibt aber sonst ist das so. Ich hatte einmal eine Freundschaft die hielt mit Unterbrechung 10 Jahre bis ich das beendet habe. Seit dem Tag habe ich an sie nicht mehr bewusst gedacht, die war weg als wäre sie nie da gewesen.
      Wenn ich meine Eltern mal 2-3 Wochen nicht sehe vergesse ich fast deren Gesicht. Das ist für mich emotional alles so weit weg, da habe ich wenig Zugang. Zu Verwandten halte ich zb gar keinen Kontakt. Mir fehlt bzw. habe ich nur ein eingeschränktes Bindungsgefühl und entwickle nie ein Wir-Gefühl innerhalb einer Gruppe.

      The post was edited 1 time, last by WelleErdball ().

    • Also an gute Freunde denke ich schon mal öfters auch wenn ich sie nicht ständig sehe - sie sind so die Bezugspersonen in meinem Leben. Bei manchen anderen wäre es mir egal, wenn ich sie lange oder gar nicht mehr sehen würde. Bei Verwandten ist es auch schwierig.. mal abgesehen von meinen Eltern wohnen alle im Ausland und daher habe ich zu diesen Verwandten auch nie diese Bindung gehabt wie andere Menschen. Es sind beispielweise auch schon Leute aus dem Verwandtenkreis gestorben und die Trauer war bei meinen Eltern deutlich größer aber bei mir hielt es sich in Grenzen weil ich einfach keinen Kontakt zu diesen Menschen hatte. Ich kannte sie von Erzählungen, von Besuchen im Urlaub oder wenn sie mal einen Aufenthalt in Deutschland hatten. Egal waren sie mir nicht aber ich hatte einfach keine Bindung und kaum Kontakt mit ihnen. Bei gescheiterten Beziehungen denke ich zumindest noch an die schöne Zeit und Momente, die ich mit den Personen hatte aber den Mensch an sich wie er so ist vermisse ich nicht da die Person auch nicht mehr dieselbe ist wie damals.
    • FruchtigBunt wrote:

      Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es die ganzen Jahre vorher, wo ich mit Menschen so gut wie nichts zu tun hatte und emotional wie tot war und ich nur schulisch und beruflich funktioniert habe, sehr viel leichter für mich war. Nun kommen die ganzen Ängste mit hoch und die ganzen Kommunikationsprobleme werden noch offensichtlicher. Wer nicht kommuniziert, der hat eben weniger Probleme. Ich glaube, dass ich früher weniger auffällig war, weil ich diese ganzen Bereiche geschickt umging.
      Oh ja, das kann ich recht gut nachempfinden. Als es wirklich nur um "Ergebnisse/Abschlüsse" ging, also in der Schule und Ausbildungszeit, hab ich mir selbst immer eingeredet dass die Menschen die da in meiner Klasse sind, eigentlich völligst unwichtig sind für mich, weil ich die nach dem Abschluss/Ende der Ausbildung nie wieder sehen und nicht mit denen befreundet sein muss, ich also nicht in dieser Gruppe bin um Freunde zu finden, sondern eine gute Schulbildung/Ausbildung zu bekommen. Glücklicherweise war es dann während der Ausbildung auch so, dass ich an eine etwas weiter entferntere Schule gegangen bin und da keiner aus meiner Wohnortnähe war, sodass ich da wirklich jeglichem Kontakt aus dem Weg gehen konnte.
      Auch zu Beginn meiner Arbeitszeit, als eben alles noch neu war, ging es recht gut. Jetzt nach 5 Jahren merke ich aber eben zunehmend, dass die Anforderungen und Erwartungen an meine Kommunikations- und Beziehungsfähigkeiten einfach gestiegen sind und ich denen zum Teil nicht mehr gerecht werde. Wenn dann in Kommunikation auch noch Fachlichkeit und eigene Meinung gefragt sind, bin ich raus. Da geht einfach gar nichts mehr. Dementsprechend kommt da jetzt einfach viel mehr zum Vorschein als früher. Wobei da vermutlich die Auffälligkeit anders deutlich war, da war ich vielleicht die komische, weil ich mich eben nicht in die Gruppen und Gespräche integriert habe.

      Ansonsten fällt mir momentan bei mir auch auf, dass ich es nicht gut schaffe, zu mehreren Menschen gleichzeitig und gleichermaßen den Kontakt zu halten. Sprich, wenn ich gerade mit einer meiner 3 Freundinnen eine gute Phase habe, hab ich nicht mehr die Nerven, die Kraft und Motivation für die anderen beiden. Aber ich brauche doch auch die Auswahl, weil ich wenn ich zu lange und zu nah mit einer Person bin, diese aus meinem Leben verbannen muss, weils zu nah geworden ist. Da gibts keine konkteten Kriterien an denen ich das festmachen kann, weswegen es auch schwierig ist das dann zu kommunizieren, weils eben einfach nur ein Gefühl ist, was ich habe, also ein Gefühl von "zu nah, zu ertrückend, muss weg". Ist schwierig in Worte zu fassen und ziemlich sicher auch schwierig nachzuvollziehen - gerade für die betroffenen Menschen, die dann leider raus müssen.
    • Romi wrote:

      Ein NT hinterfragt dieses Verhalten. Warum? Wieso? Habe ich was falsch gemacht? Für einen AS scheint das überhaupt kein Problem zu sein. Wenn man zusammen ist, ist es gut. Wenn nicht, ist es auch gut. Ein AS scheint einfach sein Leben ohne den anderen weiterzuleben ohne an ihn zu denken, und wenn man sich wieder trifft, freut er sich trotzdem riesig.
      Nein, so einfach ist das nicht.

      "Wenn man zusammen ist, ist es gut" - nein, es ist noch lange nicht gut. Denn wenn ich mit Freunden zusammen bin (am allerliebsten in einer Zweier-Konstellation und zeitlich klar begrenzt: Kneipenabend z. B.), läuft im Kopf immer mit: "Mache ich alles richtig?", "Gehe ich genügend auf mein Gegenüber ein?", "Erzähle ich genügend von mir selbst statt nur über Sachthemen zu reden?". Das stresst, und es entsteht der Konflikt zwischen dem Wunsch, die Freundschaft zu unterhalten, sie zu stärken und gleichzeitig auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten.

      "Wenn nicht, ist es auch gut." Und nochmal nein, es ist auch dann nicht gut. Denn so sehr ich mein Alleinsein genieße, auf Bergtouren z. B., aber auch bei Konzertbesuchen, in Ausstellungen oder zu Hause in meinem Arbeitszimmer, so sehr ist da immer auch der Wunsch, mit vertrauten Menschen darüber zu reden. Den Wunsch zu realisieren, das ist dann das Problem.

      Konkretes Beispiel: Ich gehe einmal im Jahr für eine Woche allein in Urlaub, mache lange Wanderungen, unternehme was Kulturelles und freue mich daran, meine Routinen/Rituale leben zu können, sie nicht erklären und generell nicht reden zu müssen. Super! Aber da ist immer auch das Gefühl, dass es so einmal am Tag auch schön wäre, wenn meine Frau so für eine Stunde mit mir im Café säße. Und zugleich entsteht so etwas wie ein Schuldbewusstsein darüber, dass mir die eine Stunde reichen würde.

      Und was den Umgang mit Freunden allgemein angeht: Ich denke schon an sie, mir ist bewusst, dass ich mich engagieren (anrufen, mailen...) müsste, und trotzdem ist da etwas, das mich hindert, es zu tun. Ich kann dieses Etwas nicht genau definieren. Wo meine Frau spontan sagt "Ach, ich ruf jetzt mal xy an, von dem/der hab ich lange nichts gehört", da überlege ich Tage, schreibe mir Zettel "xy anrufen", gehe vorher durch, worüber ich reden könnte, was ich tue, wenn ich nur den AB erwische. Also: sein Leben weiterleben, ohne an den anderen zu denken, und sich nur übers Wiedersehen freuen (siehe Zitat), fast möchte ich sagen: Schön wäre es, wenn ich das könnte!
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • Personen zu denen ich einen intensiven Kontakt hatte bleiben auf jeden Fall in meinem Langzeitgedächnis abgespeichert auch wenn ich sie jetzt nicht mehr sehe. Bei flüchtigen Bekanntschaften heißt bei mir der Spruch aus den Augen,
      aus dem Sinn. Da speichere ich dann nichts mehr ab.
    • In meinem Langzeitgedächtnis bleiben viele Menschen, mit denen ich irgendeine Art von Beziehung hatte. Aber auch mit denen, mit denen ich eine enge Beziehung hatte, kann ich keinen Kontakt aufrechterhalten, wenn ich sie nicht mehr sehe.
      Jedes mal, wenn man mir sagt, ich wäre nicht gesellschaftsfähig,
      werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin überaus erleichtert.