Autismus als ähnliches Anderssein wie Homosexualität u.ä.?

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    • HCS wrote:

      es geht ja überhaupt nicht um Selbstdiagnosen, sondern um einen (meiner Meinung nach ziemlich verqueren) Vergleich AS/Homosexualität.
      nach den genannten Sätzen beides.
      Aber für mich jetzt okay.

      HCS wrote:

      Und wir hatten es obendrein auch schon sehr viel persönlicher - mir wurde vorgeworfen (ich nenne keine Namen), die Diagnose mehr oder weniger erschlichen zu haben.
      stimmt

      RegenbogenWusli wrote:

      Dennoch, der Vergleich ist dürftig und hapert an vielen Ecken.
      Autismus ist mehr als nur eine andere Ansicht Dinge zu sehen oder zu mögen sondern auch oft eine Einschränkung, etwas was verhindert das man normal und ohne Hürden mit anderen reden kann oder selbstverständlich andere kennen lernen kann, Freunde findet oder andere Dinge die für andere selbstverständlich sind.
      Das ist nicht bei allen so aber bei sehr vielen.
      Das finde ich auch so.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Surprised wrote:

      Darin war u.a. davon die Rede, dass aktuell sehr viele Leute gerne als Autisten diagnostiziert werden würden, weil Autismus in der Gesellschaft als "bessere" Diagnose als z.B. eine Zwangsstörung wahrgenommen werde und Autismus daher zu einer Art "Königsklasse" der psychiatrischen Diagnosen aufgestiegen sei.
      Ich glaube, dass mit Abstand die aller aller meisten Menschen keine F-Diagnose wünschen und lieber bestmöglich klarkommen im Leben.

      Eine Königsklasse ist Autismus nicht, auch wenn übertriebene Überzeugungen und Überlegungen weit verbreitet sind. Das reicht von einer generellen Überlegenheit gegenüber anderen Menschen (vor allem gegenüber dem Phantom "NT"), eine bessere Welt ohne Kriege bis hin zur Überlegung, ob "Gott" Autist sei. Ich denke auf dem Boden der Realität sehen die Dinge dann "etwas" anders aus. Da dürfte viel Image/Ruf, Overrating und Selbstbetrug im Spiel sein. Viele irrsinnige Überzeugungen werden leider von den Leuten selbst produziert.


      Surprised wrote:

      Mich persönlich hat an dem Text gestört, dass Autismus als hippe Modediagnose beschrieben wurde, die sich Leute gerne selbst zuschreiben.
      Bevor AS in den Medien 2010 häufiger wurde, war diese Bezeichnung weit verbreitet und zwar im Laufe des Jahres 2009. Typische Beschreibungen und Begriffe: "Modediagnose", "Wunschdiagnose", "Ärzte abklappern bis es die begehrte Diagnose gibt", "Möchtegernautisten", "Pseudo-Autisten", "Verwässerung", "Letzte Ausfahrt {Diagnosestelle}" und weitere Dinge. Daher wurde eine Regel eingeführt, damit die Leute sich nicht gegenseitig etwas absprechen oder andichten (z. B. Borderline oder "NT" bzw. "eNTe").

      Ein früher Artikel (siehe Link unten), der quasi wie ein Startschuss war und direkt eine Kontroverse um Möchtegerndiagnosen nach sich zog. Das lag aber nicht wirklich am Artikel selbst, sondern eher daran, dass aus einer vergleichsweise kleinen Runde zunehmend ein größeres Forum wurde und es häuften sich die Fälle, wo AS irgendwie nicht passte. Speziell, dass hinter diesem "Ich war schon immer anders" sich so oft ein Asperger-Syndrom verbergen soll. Whatever. Viele weitere Kontroversen folgten und zeitweise war das Forum in "echt" und "unecht" gespalten inklusive Abwanderungen. Also das mit der "Modediagnose", das hab ich am häufigsten im Forum selbst gelesen. Die letzten Jahre sind in der Hinsicht ruhiger geworden. Heutzutage wird sich wegen jeden Killefit gestritten, früher waren "Wunschdiagnose", "miese Diagnostikstellen", "Möchtegernautisten" meistens der Grund für heftigen Streit, aber auch ein Grund das Forum zu verlassen.

      Ich hab damals geschrieben, wenn AS eine Modediagnose ist, dann hat jeder ganz gute Karten seine Diagnose im Zuge dieser Mode bekommen zu haben. Zugegeben finde ich die Entwicklung, speziell dieses ASS, nicht ganz optimal. Es hat ein Wandel stattgefunden. Aber ich denke, dass die Bezeichnung Modediagnose der Sache nicht ganz gerecht wird. Vieles liegt vermutlich noch längst nicht in der Final-Version vor. Daher haben viele User davon berichtet zuvor andere Diagnosen gehabt zu haben. Es könnte sich theoretisch wieder was ändern. Man kann den Namen ändern, was aber bleibt ist das eigentliche "Kind".

      root.webdestination.de/kunden/…sl_neu/upload/32_36_7.pdf


      Surprised wrote:

      Noch heute höre ich in manchen konservativen Kreisen, dass Homosexualität eine "neue Mode" sei und ich überlege, ob es der Autismusdiagnose aktuell ähnlich ergeht?

      Und weiter ob es hinsichtlich des Andersseins sowieso viele Parallelen zwischen Autismus und Homosexualität gibt?
      Vielleicht im Hinblick auf Autistic Pride und Autismus-Shirts usw.
      Aber ansonsten würde ich es nicht mit der homosexuellen Bewegung vergleichen.
      Beim Autismus hat man eigentlich keine vereinten Kräfte ("united forces") und auf der "anderen Seite" steht die Gesellschaft.
      Beim Autismus gibt es keine Einigkeit, sondern eher eine Spaltung und oft ist man sich selbst untereinander "Feind".
      Manche sehen Autismus als Gabe.
      Manche gehen in die Luft, wenn man es als Behinderung, Störung oder so bezeichnet.
      Andere wiederum bestehen darauf und lehnen Verharmlosungen ab.
      Ferner sehe ich noch den starken Unterschied, dass bis heute keine allseits akzeptierte Einigkeit existiert, was Autismus genau ist, wo er beginnt und wer/was alles dazu gehört.
      Daher hat man mit diesem ASS ein Stück weit "neurologische Vielfalt" und entsprechend sieht es dann auch bei den Erwartungen, Zielen und so aus.


      Surprised wrote:

      Also ich denke da so ans Outing/Auting, an mögliche Diskriminierung, an Abweichungen in der persönlichen Lebensplanung etc.
      Hier würde ich sagen wie weiter oben. Es gibt keine "Einheitsfront" die einer aufzuklärenden Gesellschaft gegenüber steht. Sondern sehr häufig stehen die Autisten sich selbst gegenüber. Es gibt viele Feindschaften. Projekte kommen und gehen. Beleidigungen und Diskriminierungen finden häufig untereinander statt. Man hat eher Gruppierungen und ganz viele "Ich-AGs". Autisten in der medialen Öffentlichkeit hatten es nicht immer gerade leicht. Bereits bei Nicole Schuster hieß es, dass sie aufhören solle für Autisten zu sprechen. Bei den Ö-Autisten der Jahre später wurde es dann richtig fetzig. Ich erinnere mich, dass das in harten Zeiten seitens des Vereins mal so beschrieben wurde: der pure Hass.
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    • HCS wrote:

      Wo stellst Du das denn fest?
      Wann immer ich das Thema erwähne, findet sich bestimmt irgendeiner, der an sich entsprechende "Symptome" erkennt.... ob das jetzt auf der Arbeit oder im Bekanntenkreis oder der Verwandschaft ist. Auf Facebook bin ich in einigen Gruppen zum Thema, auch dort findet immer mal wieder jemand selbst und völlig ohne ärztlichen Beistand heraus, dass er oder sie Autist ist... ich habe sogar schon von Leuten gelesen, die so überzeugt davon waren, dass sie es nicht für nötig befunden haben, einen Arzt aufzusuchen, denn man wisse ja inzwischen, dass es kaum Ärzte gebe, die eine vernünftige Diagnose stellen könnten.... und das ist kein Einzelfall. Ich bin zwischenzeitlich aus etlichen Gruppen wieder ausgetreten.
      Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.
      (Albert Einstein)
    • Surprised wrote:

      Und ich überlege mir, ob das nicht vielleicht eine ähnliche Entwicklung ist, wie ehedem, als Menschen, die sich schon ihr ganzes Leben zu Menschen gleichen Geschlechts hingezogen fühlten, erfuhren, dass es was gibt, was sich Homosexualität nennt und dass sie das betrifft? Also wo das Kind plötzlich einen Namen hatte (RW)? Und dass nun durch Greta und Co. mehr Menschen auf die Idee kommen, dass der Name für ihr Anderssein eben Autismus lautet?
      Ich verstehe den Vergleich überhaupt nicht.

      Man rechnet sich doch der Gruppe "Homosexuelle" zu (wenn man das denn möchte oder sich dort richtig fühlt oder sich mit Schubladen überhaupt richtig fühlt), wenn man weiß, dass man als Mann Männer liebt. Wenn es dann einen Begriff dafür gibt, dann kann man überlegen, ob man diesen Begriff auf sich anwendet. Aber in den Fällen ist doch dann Fakt, dass ein Mann einen Mann mag/liebt, da geht es doch nicht um eine Mode oder um eine Marotte oder um den Wunsch, anders sein zu wollen und sich deshalb "homosexuell" zu nennen.

      Ob es Autisten gibt, die eigentlich keine sind und nur anders sein wollen und deshalb glauben, dass "Autist das neue Anders ist" weiß ich nicht. Vorstellen könnte ich es mir. Es gibt ja auch Bands, die sich "gestört aber geil" nennen und ich habe immer mehr den Eindruck, dass es plötzlich "cool" zu sein scheint, eine psychische Störung zu haben und dass dieses "anders" plötzlich toll ist.
      Nur weil es möglicherweise solche Menschen gibt, finde ich es aber vollkommen falsch, Autismus als eine Modediagnose zu bezeichnen und alle Leute (was ein Großteil sein dürfte, falls es überhaupt Leute gibt, die sich mit dem Begriff "Autismus" nur schmücken wollen) dann sozusagen da mit reinzuziehen und sie so hinzustellen, als würden sie sich die Probleme nur selbst ausdenken und gar nicht wirklich irgendwelche Einschränkungen haben. So erscheint mir das.

      Den Zusammenhang bzw. Vergleich in Bezug auf Homosexualität verstehe ich trotzdem nicht.


      MangoMambo wrote:

      Ich finde solche Artikel sehr traurig.
      Ich habe den Artikel noch nicht gelesen (was ich nachholen möchte). Wenn das aber tatsächlich in diese Kerbe schlägt, wäre ich von der SZ sehr enttäuscht. Weiter oben wurde es schonmal gefragt (möglicherweise habe ich es überlesen): Von wann ist der Artikel? Ich kann die SZ rückwirkend bis eine Woche lesen, deshalb wäre es wichtig zu wissen, damit ich die Zeitung rechtzeitig einsehe.

      The post was edited 2 times, last by FruchtigBunt ().

    • @MangoMambo
      Oh, danke für das Schaubild auf Seite 1, ist echt gut. :thumbup:

      On Topic:

      Homosexualität und Autismus sind grds. verschieden. Das eine ist eine sexuelle Präferenz, das andere ein psychisch-neurologisches Phänomen. Ich weiß nicht wirklich wie man das vergleichen will. Ich denke nicht, dass man sich aussucht, homosexuell zu sein, das geschieht eben nicht dadurch, dass man dadurch "erfährt", es ist einfach so. Es ist nicht mal wirklich ein Komplex, sondern ein Faktum, dass man auf das gleiche Geschlecht sexuell abfährt.
      Autismus hingegen ist eine Konvention, ein Sammelsurium an "Symptomen", welche nicht einmal alle gleich erfüllt werden müssen.
      Ich denke auch nicht, dass sich Homosexualität optisch und durch Verhalten unbedingt äußert, also man kann homosexuell sein, ohne dass es Leute wissen.
      Man kann aber schwer Autist sein, ohne dass es andere einfach merken.
      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
      (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 - 322 v. Chr.)
    • FruchtigBunt wrote:

      Den Zusammenhang bzw. Vergleich in Bezug auf Homosexualität verstehe ich trotzdem nicht.
      Ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich sehe da keinen Zusammenhang. Abgesehen davon, dass möglicherweise beides angeboren ist (wobei man da bei der Homosexualität glaube ich immer noch nicht felsenfest überzeugt ist... ehrlich gesagt habe ich mich damit aber noch nicht tiefgründiger beschäftigt.)

      Abgesehen davon verstehe ich weder die Leute, die mit "Gay Pride" oder "Lesbian Pride" oder was auch immer, noch die, die mit "Autistic Pride" auf dem Shirt herumlaufen. Warum sollte man darauf stolz sein? Ist ja jetzt keine besonders tolle Leistung, schwul, lesbisch oder autistisch zu sein. Ist halt so. Oder nicht. Ich meine das wirklich nicht abwertend, im Gegenteil, ich finde es abwertend gegenüber den Heterosexuellen und Neurotypischen, wenn man diese "Besonderheit" als besonders lobenswert herausstellt. Ich bin absolut dafür, dass Minderheiten (die es immer geben wird) Gleichberechtigung erfahren, aber der Begriff "Stolz" passt meiner Meinung nach überhaupt nicht, es stört mich sogar im Kontext eher.

      Die Menschen sind zwar nicht alle gleich, aber gleichwertig!!!!
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    • Aspielle wrote:

      Auf Facebook bin ich in einigen Gruppen zum Thema, auch dort findet immer mal wieder jemand selbst und völlig ohne ärztlichen Beistand heraus, dass er oder sie Autist ist... ich habe sogar schon von Leuten gelesen, die so überzeugt davon waren, dass sie es nicht für nötig befunden haben, einen Arzt aufzusuchen, denn man wisse ja inzwischen, dass es kaum Ärzte gebe, die eine vernünftige Diagnose stellen könnten.... und das ist kein Einzelfall. Ich bin zwischenzeitlich aus etlichen Gruppen wieder ausgetreten.
      In der Anfangszeit waren Selbstdiagnosen noch gar nicht so unüblich. Daher gab es 2008 diese Momente: Und? Wie hast du es herausgefunden? Hat man es dir gesagt oder hast du es selbst gemerkt?
      Sogar der Rdos-Test war noch akzeptiert und viele User hatten ihr "Spinnennetz" als Logo.

      Es gab(?) oder gibt Autisten, die wohl ins Pride-Genre gehören, die sogar Diagnostik ablehnen, weil sie die Pathologisierung des Autismus verachten und in so einer Diagnostik dann ein Übel sehen.

      Ich denke, dass Selbstdiagnosen im Laufe des Jahres 2009 allmählich verpönt waren und bald quasi nicht mehr akzeptiert wurden. Aber es ging noch darüber hinaus, denn auch wurde nicht jede Diagnostik akzeptiert, da es da erhebliche Schwankungen im Aufwand gibt. Beschriebene Rekorde in Sachen Geschwindigkeit sind 15-20 Minuten, 30 Minuten, 45 Minuten. Ansonsten Zeitangaben wie 2 Stunden bis viele Stunde (8 Stunden for instance).

      Ich denke mir, dass sich natürlich Leute bei der Selbstdiagnostik wie auch bei vielen allgemeinmedizinischen Angelegenheiten, öfters in etwas verrennen können. Allerdings ist bekannt, dass viele Leute zuvor andere psychiatrische Diagnosen hatten und ich halte es für wahrscheinlich, dass bei AS nicht in jedem Fall die Endstation erreicht ist. Damit meine ich, dass weiterhin eine hohe Fehlerquote in der Psychiatrie möglich sein kann.

      Ansonsten würde ich schätzen, dass es beim Asperger-Syndrom sehr häufig so ist, vielleicht sogar in den überwiegenden Fällen, dass die Leute irgendwann mal davon lasen und einen Verdacht hatten. Das ist schon some kinda special, wenn man zur Psychiatrie geht und nicht sagt "Wat hab ich?" sondern "Checkt ma AS!". Also quasi in vielen Fällen es immer so ist, dass da quasi selbst die Verdachtsdiagnose "AS" gestellt wurde. Ansonsten kommt es vor, dass ein Elternteil über die Diagnostik des Kindes zum AS findet. Daneben gibt es natürlich noch die Fälle, wo man keine Ahnung hatte was vorliegt. Aber bei vielen war die selbstgestellte Verdachtsdiagnose oder die Selbstdiagnose ganz klar am Anfang und ohne diese wären ganz viele heute noch "ohne Fahrschein".

      Wenn jemand sich nun selbst diagnostiziert - stört mich das?
      Muss jeder selbst wissen wann und weswegen er zum Arzt geht.
      Mich interessiert und stört doch auch nicht, wenn jemand wegen Bauchschmerzen nicht zum Arzt geht.
      Ich finde es nämlich sehr ehrlich und man weiß dann, dass die Diagnose offiziell nie von einem Fachmann bestätigt wurde. Im englischsprachigen Raum fielen mir früher AS-Foren auf, die auch Selbstdiagnose als Statusoption hatten. Ehrlicher geht es eigentlich nicht und im Grunde ist die Distanz zum "VA"-Status nicht sooo gigantisch fern. Mir ist es lieber, wenn Leute sich wagen/trauen zu sagen, dass lediglich ein Eigenverdacht oder eine "Selbstdiagnose" vorliegt als wenn "ein vom Pferd erzählt wird". Denn wenn der Druck zu hoch ist, dann könnte das mit den Vermutungen wieder losgehen...
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    • Ich muss bei diesem Thread an Robin Schicha denken. Der Verkörperung von: Ich finde mich geil und Mutti mich auch. Ich bin etwas ganz besonders. Ich kenne keinen anderen Autisten mit einem solchen Grinsen. :nerved:
      When nothing goes right ... go left.
    • Hyperakusis wrote:

      Wie hast du es herausgefunden? Hat man es dir gesagt oder hast du es selbst gemerkt?
      Ohne meinen Psychiater, den ich aufgesucht habe, weil ich auf jahrelange Behandlung auf Depressionen bei einem anderen Psychiater keine Besserung verspürte, und der mich dann hat testen lassen, wüsste ich bis heute nicht, dass ich eine Entwicklungsstörung habe und nicht einfach nur irgendwie anders bin. Natürlich habe ich das immer gespürt, aber ich wäre nie darauf gekommen, dass es dafür eine Erklärung gibt, ich hab immer gedacht, ich strenge mich einfach nicht genug an.


      Hyperakusis wrote:

      Wenn jemand sich nun selbst diagnostiziert - stört mich das?
      Da hast Du recht, vielleicht nehme ich das zu persönlich. In meinem Umfeld hatte ich es anfangs etwas schwer und teilweise ist es das immer noch so, gerade weil ich zu gut kompensiere und relativ unauffällig bin, wenn und weil ich mich anstrenge (das hat seinen Preis, und der brachte mich zum Arztwechsel). Deswegen hatte ich ja ewig keine Ahnung und keiner hat es diagnostiziert. Ich reagiere sehr empfindlich auf das Thema. Das kann sein... und ist total off topic, deshalb hör ich jetzt lieber auf.
      Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.
      (Albert Einstein)
    • Autismus wird halt als "tiefgreifende Entwicklungsstörung" bezeichnet. Hat mich anfangs auch geschockt, als ich das auf meinem Diagnosebrief las. Aber eigentlich ist nur gemeint, dass man halt ein etwas anders entwickeltes Gehirn hat.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Cloudactive wrote:

      Man kann aber schwer Autist sein, ohne dass es andere einfach merken.
      Falls du mit "es" den Autismus meinst: Wie kommst du darauf? Man kann auch Autist sein ohne dass Laien den Autismus erkennen. Das trifft zumindest auf viele hochfunktionale Autisten zu. Selbst Ärzte können den Autismus übersehen, wenn deren Fachkenntnis nicht auf neuesten Stand ist. Im Forum wird das doch so oft diskutiert und dürfte somit eigentlich nichts Neues sein.
      "Jede Jeck is anders" (Kölsches Sprichwort)
    • Lex wrote:

      Sie merken meist schon, dass irgendwas anders ist an der Person. Sie wissen nur nicht, worum es sich handelt...
      Ja, und wenn es nur "faul" ist, die Annahme, die Person müsse sich mehr anstrengen, zusammenreißen,... da kommen dann die atypischen Diagnosen her (Esstörung, Depression,...).
    • Nalia wrote:

      Was genau du mit eingeschränkter Motorik meinst weiss ich nicht so genau.
      Bedeutet für mich, dass ich intuitiv wenig Körperbezogenes zustande bekomme. Ich habe als Kind sehr spät Radfahren und Rollschuhlaufen gelernt, und Häkeln und Stricken gar nie ( 6 im Zeugnis :() ohne dass ich Grob- und Feinmotorilk in einen Zusammenhang gebracht hätte. Mir sind auch Dinge kaputt gegangen , weil ich zu viel Kraft eingesetzt habe, und ich konnte keine Uhren aufziehen, weil ich die Kraft falsch eingesetzt habe.

      Das ist wirklich ANDERS - ich bin offen gesagt froh, dass es einen Namen hat und nicht einfach nur "blöd, faul, Schussel.....", denn das hat mich verletzt.

      Lex wrote:

      Sie merken meist schon, dass irgendwas anders ist an der Person. Sie wissen nur nicht, worum es sich handelt...
      Wenn man den Kontakt mit Psychologen etc. vermeidet ,kann sogar 40 Jahre niemand etwas bemerken. Komisch sein ist ja nicht verboten.

      Kommt man das erste Mal spät mit Fachleuten in Kontakt, gibt es dann oft Falschdiagnosen, weil die sich nämlich auch nicht vorstellen können , dass man soo lange kompensiert und einfach so "mitlläuft".

      Der Unterschied zu Homosexualität ist für mich ganz klar, dass wesentlich mehr Bereiche im Leben betroffen sind als "nur" Sexualität.
      Dazu muss ich sagen, ich kenne nur lesbische Frauen, keine homosexuellen Männer. Die Frauen sind wie andere Frauen auch, nur anstatt einen Freund haben sie eine Freundin.
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:

      The post was edited 1 time, last by Rhianonn ().

    • Lex wrote:

      Doch bei Autisten funktioniert dieses System in der Regel nicht, denn bei Ihnen ist in der Interaktion etwas grundsätzlich anders, fremd wirkend. Ihre Chancen auf Akzeptanz sind nur gegeben bei Leuten, die in gleichem Maße Mr. Spock, Data und Co. akzeptieren würden, obwohl deren Auftreten einfach nicht zum natürlichen Auftreten der Menschen passt. Die Unterschiede im Spielverhalten, im Arbeitsverhalten, in der verbalen und nonverbalen Kommunikation usw. werden vom Autisten selber oft gar nicht oder nur geringfügig wahrgenommen, sind aber so gravierend, dass eine Ausgrenzung oft automatisch erfolgt und kaum verhindert werden kann. Und hier ist es eben selten so, dass eine längere Zeit des Zusammenseins die Dinge verbessert sondern es ist oft eher umgekehrt, da das Fremdartige bleibt und mit der Zeit um so mehr heraussticht, wenn ein Zeitpunkt eintritt, wo man meint man müsste über die erste "Fremdelphase" bereits hinaus sein und andere haben in der Zeit längst Freundschaften miteinander geschlossen. Da ist die Gruppenintegration quasi misslungen, selbst wenn er formal gesehen der selben Gruppe angehört.
      Danke dafür!
      Das beschreibt den "roten Faden", der sich durch mein Leben zieht, sehr genau. Dass andere irgendwas anders/besser machen/können als ich, war mir immer bewusst. Schließlich haben die es geschafft, soziale Beziehungen nicht nur aufzubauen, sondern auch dauerhaft aufrecht zu erhalten. Damit tu ich mich schwer, obwohl ich oberflächlich gesehen ganz gut mit anderen klarkomme (manche Kollegen, lockere Bekannte ...). Ich bin aber nie dahinter gekommen, WAS das nun ist. Und auch nach der Diagnose meines Sohnes war der Gedanke, dass ich betroffen sein könnte, nicht wirklich naheliegend für mich.
      Erst in einer Psychotherapie hat sich rausgestellt, dass ich die gleichen Probleme habe wie mein Sohn. Allein wäre ich da nie drauf gekommen, denn für mich war das, was ich so erlebe, ja immer "normal", ich fand halt die Reaktionen der anderen oft seltsam und nicht nachvollziehbar :m(: . In ein paar Wochen hab ich jetzt erstmal ein Beratungsgespräch, danach sehe ich weiter.

      Bei uns war es übrigens so, dass ich dem Kinderarzt schon relativ früh gesagt habe, dass mein Sohn sich nicht so entwickelt wie andere Kinder. Der Arzt hat gar nicht richtig hingehört - er meinte, Autismus sei eine Modediagnose wie in den 90ern ADHS und dass die Hälfte der Eltern meinten, ihr Kind sei autistisch. Damit hatte er ja sogar recht (also, dass viele Eltern mit dem Verdacht zu den Ärzten kamen). Dummerweise wurden/werden aber wegen dieser Einstellung viele tatsächliche Autisten gar nicht oder erst sehr spät diagnostiziert (mein Sohn war letztendlich 16). Und bekommen dadurch viel zu spät Hilfe. DAS macht mich immer noch traurig, denn meinem Sohn wäre viel erspart geblieben, wenn wir die Diagnose ein paar Jahre früher bekommen hätten. Von mir selbst rede ich da gar nicht, denn auch wenn ich nicht unbedingt ein einfaches Leben hatte, hab ich mich doch immer irgendwie durchgewurschtelt.

      Sowas sucht sich niemand freiwillig aus, weil es grade mal en vogue ist und in gefühlt jeder Fernsehserie ein Quoten-Autist vorkommen muss :nerved: .
      Mein Sohn möchte übrigens auf gar keinen Fall, dass zu viele Leute davon wissen. Das Autismus-Bild in der Öffentlichkeit ist ziemlich verschoben, die meisten denken da allenfalls an Savants.

      Möglicherweise ist das sogar die einzige Gemeinsamkeit mit Homosexualität: Dass man es sich nicht ausgesucht hat, aber damit leben muss, weil man es nicht ändern kann. Allerdings trifft das auf so ziemlich jede Abweichung von der "Norm" zu (Krankheiten ausdrücklich ausgeschlossen, aber darum gehts hier ja nicht). Was auch immer man als Norm ansehen mag/kann/will.
    • Ich komme mal auf den Begriff "Modediagnose" (siehe TE) zurück. Bis nach der Jahrtausendwende habe ich Jahrzehnte meines Lebens mit unklaren Leibschmerzen verbracht: Blähbauch, Durchfall, Krämpfe. Das hat mich mehrfach bis zum Notarzt geführt, Diagnosen waren "V.a. Gallensteine", "Blinddarmreizung", "V.a. Lebensmittelvergiftung" und oft gab es nur ratlose Gesichter: "Ich kann nichts finden". Weitwerhin: Blutwerte unauffällig, Ultraschall ebenso... Erst nach der Jahrtausendwende tauche eine "Modekrankheit" in den Medien auf: Laktoseintoleranz. Mein Hausarzt hat es zwei Jahre lang abgelehnt, in dieser Richtung zu denken, weil ich parallel wegen anderer Probleme mit einer Magenschleimhautentzündung zu kämpfen hatte, und erst ich massiv insistierte, hat er mich an einen Gastroenterologen überwiesen, gleichsam als Strafe: "Dann müssen wir eben mal eine Magen- und Darmspiegelung machen lassen." Die ergab zwar nichts (außer der erwähnten Gastritis) - aber der zeitgleich durchgeführte Test erwies eindeutig meine Milchzuckerunverträglichkeit. Im Rückblick auf ein Leben voller Krämpfe bin ich damals (fast) heulend aus der Praxis...

      Labert heute irgendein dämlicher Comedian oder sonst wer in privaten Smalltalk-Runden abwertend über die steigenden Zahlen von Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit daher - ich lade ihn sofort ein, das Problem handfest vor der Tür zu klären (obwohl ich sonst ganz friedlich bin). Nein, das ist kein Aufruf zu Gewalt, aber Ausdruck der Verärgerung darüber, dass man mich nicht ernst nimmt - ich wünsche keinem die Stunden bäuchlings auf dem harten Fußboden liegend, weil nur so eine Überdehnung des Bauchraums erreicht werden kann, die irgendwann und meist nach heftigen (wie heißt das hochdeutsch?) "Winden" Erleichterung bringt.

      Und zum Autismus: "Modediagnose" unterstellt, dass sich jemand wichtig tut, dass sich jemand schmückt, um sich hervorzuheben. Glaubt jemand ernsthaft, dass Leute sich ein Schild um den Hals hängen ("Hey, ich bin Autist/in" oder "Hier spricht der/die Aspie") und in Wahheit nur zwei-, dreimal aus der Disco geflohen ist, weil es ihm zu laut war? Hingegen: In der Vergangenheit gab es reihenweise Menschen mit psychischen Auffälligkeiten, die sich besser mal zu ihnen bekannt hätten, und sei es nur per Eigenverdacht, anstatt ein Leben lang zu verdrängen, worüber andere hinter ihrem Rücken längst reden.

      Und noch ein paar Anmerkungen:

      Nowhere Mat wrote:

      Ich erinnere mich noch sehr gut, als Homo oder Bi sein in der linksalternativen Szene als neue Normalität betrachtet wurde und Heteros in diesen Kreisen zu Außenseitern wurden. Das war Mitte der 80er.
      Der "linksalternativen Szene" der 80er Jahre fühlte (und fühle, warum denn nicht?) ich mich zugehörig. Dass "Heteros in diesen Kreisen zu Außenseitern wurden", ist ein Gerücht. Homosexuelle Menschen hätten in jenen Jahren gern die Macht gehabt, die Heteros wenigstens ein bisschen in die Schranken zu verweisen. Die Me-Too-Bewegung weiß da schon was zu erzählen.

      Aspielle wrote:

      Die selbsternannten Autismus-Experten gehen mir gewaltig auf die Nerven, wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!
      Ernennen sich denn so viele selbst zu Autismus-Experten, dass das irgendweine Relevanz hätte? Ich sehe das nicht. Und wenn hier im Forum ein(e) 18-Jährige(r) mal schreibt (fiktiv jetzt): "Und da beschloss ich, ich hab Autismus", also, mir geht das dann nicht gleich "gewaltig auf die Nerven". Ich grinse vielleicht ein bisschen und denke aber immer auch, dass die junge Frau, der junge Typ schließlich einen Grund hat für seine Annahme, und zwar einen Grund, dem man mit Respekt, vielleicht auch Demut begegnen sollte, auch wenn sich der Autismus später diagnostisch nicht bestätigt.

      MangoMambo wrote:

      Homosexualität ist eine Vorliebe.
      Nee. Mein kleiner Neffe hat zurzeit eine Vorliebe für "Dr. Oetker Götterspeise Waldmeistergeschmack"; in zwei Jahren steht er vielleicht auf etwas ganz anderem. Schwulsein hat keine "Vorliebe" vor anderen Dingen, die man aber auch noch einigermaßen lieb hat.

      Hyperakusis wrote:

      Das ist schon some kinda special, wenn man zur Psychiatrie geht und nicht sagt "Wat hab ich?" sondern "Checkt ma AS!".
      Cool formuliert. Aber eigentlich mach ich das immer: zum Hausarzt, zu Fachärzten gehen und sagen: "Da ist was. Könnte das vielleicht xyz sein?" Schließlich bin ich ein mündiger Patient und habe eine eigene Meinung. Die darf ich zur Politik äußern, ohne Politologe zu sein, zu Wirtschaftsfragen, ohne BWL/VWL studiert zu haben, zu kulturellen Dingen, ohne Kunstgeschichtler, Theaterwissenschaftler o.Ä. zu sein - warum in aller Welt sollte ich vor einem/r Psychiater*in nur ehrfürchtig auf die Knie gehen? Deren Untaten im Rahmen von Diagnostiken sind hier im Forum ja hinreichend dokumentiert.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • Lex wrote:

      Und hier ist es eben selten so, dass eine längere Zeit des Zusammenseins die Dinge verbessert sondern es ist oft eher umgekehrt, da das Fremdartige bleibt und mit der Zeit um so mehr heraussticht, wenn ein Zeitpunkt eintritt, wo man meint man müsste über die erste "Fremdelphase" bereits hinaus sein
      Das ist super beschrieben.
      Sogar trotz Vertrautheit mit einigen Menschen fremdel ich immer wieder aufs Neue und begreife nicht, wieso.

      Bei sehr wenigen ist dem nicht so, zumindest nicht im Einzelkontakt.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)