Asperger im Studium

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    • Asperger im Studium

      Hallo, sicherlich gibt es ja hier einige Mitglieder, die auch Student sind oder waren. Ich beginne jetzt im Oktober mein Studium und bin sehr verängstigt, ob ich den studentischen Alltag mit meinem Asperger-Autismus bewältigen kann. Wie sind eure Erfahrungen damit und auf was muss ich aufpassen?
    • Kann klappen, muss aber nicht. Das hängt sehr von den individuellen Bedürfnissen ab. Vielleicht langt es schon, sich vor Ort einen ruhigen Rückzugsort zu suchen, z.B. in der Bibliothek.
      Ansonsten gibt es auch Nachteilsausgleiche, aber die Voraussetzungen dafür variieren und müssen bei der Uni erfragt werden.

      Du fängst ja nun schon mit dem Studium an. Ansonsten wäre eine FH eine Alternative zur Uni. Dort sind die Abläufe geregelter.
    • Ich studiere und ich finde es z.B. sehr gut, dass ich mir den Stundenplan weitgehend selber gestalten kann. Die Seminare und Vorlesungen sind dazu immer in denselben Räumen, das hilft mir auch. Ich strukturiere mir den Alltag so, wie ich es brauche. Das ganze Soziale an der Uni mache ich allerdings nicht mit und Gruppenarbeiten stressen mich sehr und erfordern sehr viel Kraft, Geduld und Mühe von mir. Auch, dass alles so groß ist, hat mir am Anfang echt Angst gemacht. Aber man kann sich immer wieder zurückziehen, vor allem in eine leise Bibliothek oder so.
      Ich muss nebenbei zum Glück nicht arbeiten, was ich einige Semester jedoch getan habe. Ich habe aber richtig gemerkt, dass ich dazu nicht in der Lage bin, weil mich das Studium doch sehr stresst.
    • Hey hey,

      Was wirst du denn studieren?
      Also pauschal lässt sich das natürlich nicht beantworten weil jeder Mensch, wie @TalkativeP schrieb, verschiedene Bedürfnisse und eine individuelle Wahrnehmung hat und deshalb verschiedene Dinge als Problematisch erleben kann. Deine Ängste kann ich dir deshalb nicht vollständig nehmen. Vielleicht hilft es dir ja trotzdem, zu hören wie ich es als aktuell Studierende empfinde.

      Also ich studiere jetzt seit etwa einem Jahr und für mich ist das Studium im Vergleich zur Schule sogar in vielen Aspekten entspannter. In der Schule wird von Menschen verlangt, auf eine ganz bestimmte Art und Weise aufmerksam zu sein und dem Unterricht zu folgen. Während ich in der Schule manchmal Ärger bekommen habe, weil ich im Unterricht gezeichnet habe weil ich so besser aufpassen kann, achtet an der Uni niemand auf deine Arbeitsweise. So kannst du selbst entscheiden wie du am Besten lernst. Außerdem sind Unis nicht so streng mit Anwesenheitspflichten wie Schulen und wenn du mal wirklich keine Lust auf soziale Interaktion hast, kannst du dir die Folien zur Vorlesung einfach online ansehen und daheim lernen.

      Das einzige Problem, das ich persönlich mit dem Leben als Studierende habe ist, dass man selbst in größerem Umfang als vorher für die eigenen sozialen Kontake verantwortlich ist. Als ich in der Schulzeit ständig von einer sehr begrenzten Anzahl von Kommiliton*innen umgeben war, haben sich meine sozialen Kontakte und Freundschaften quasi von selbst ergeben. In einem größeren Studiengang muss man dann plötzlich intensiver dafür sorgen, soziale Kontakte aufzubauen falls man sich welche wünscht, um nicht zu vereinsamen. Allerdings gibt es ja auch unterschiedlich große Studiengänge, je nachdem was du studierst kannst du über 400 oder nur 20 Kommiliton*innen haben.

      Und WGs könnten schwierig sein, allerdings gibt es meistens auch die Möglichkeit sich ein günstiges Studiappartment in einem Wohnheim zu mieten, dann hast du deine Ruhe und kannst dich wann immer du es brauchst zurückziehen.


      Wie gesagt, wir sind alle verschieden und es kann sein, dass das Studium für dich völlig andere Vor- und Nachteile hat. Was ich auf jeden Fall immer empfehlen würde ist, sich schon im Vorhinein nach möglichen psychologischen Hilfen an der Uni (hier gibt es eine Uni Therapie) oder in der Stadt umzusehen. So hat man direkt eine Anlaufstelle bei Problemen.

      The post was edited 1 time, last by Stella_Nigra ().

    • "Also ich studiere jetzt seit etwa einem Jahr und für mich ist das Studium im Vergleich zur Schule sogar in vielen Aspekten entspannter. In der Schule wird von Menschen verlangt, auf eine ganz bestimmte Art und Weise aufmerksam zu sein und dem Unterricht zu folgen. Während ich in der Schule manchmal Ärger bekommen habe, weil ich im Unterricht gezeichnet habe weil ich so besser aufpassen kann, achtet an der Uni niemand auf deine Arbeitsweise. So kannst du selbst entscheiden wie du am Besten lernst. Außerdem sind Unis nicht so streng mit Anwesenheitspflichten wie Schulen und wenn du mal wirklich keine Lust auf soziale Interaktion hast, kannst du dir die Folien zur Vorlesung einfach online ansehen und daheim lernen."

      (Am Handy weiß ich nicht, wie ich Zitate einfüge - sorry!)

      Das kann ich ganz genau so unterschreiben! So ist es bei mir auch und deshalb viel angenehmer als Schule.
    • Wie schon angesprochen - das hängt von allem Möglichen ab
      - welches Fach (groß/klein z.B.)
      - Deine Bedürfnisse (klare Strukturen oder Freiraum)
      - Deinen Problemen (Lärm, Gruppengröße etc.)

      Für mich war damals alles richtig: kleines Fach (man kam also quasi von allein in die Gruppe rein) und viel Freiraum. Ich bin nicht geräuschempfindlich und ertrage auch größere Gruppen (von der Belastung her - sozial wäre ein großes Fach für mich die Katastrophe gewesen), kam also auch mit dem Betrieb in Stadt und Uni zurecht. Das erste Semester war extrem anstrengend für mich - neues Umfeld, neue Arbeitsbedingungen, neue Stadt - aber danach waren zumindest die ersten drei Jahre die große Freiheit. So ungebunden wie zu Anfang des Studiums wird das Leben nie wieder. Wenn Du dagegen Struktur brauchst - entweder gibt Dir das ja schon das Fach, oder es gibt Möglichkeiten außerhalb. Ich bin z.B. in einer Studentenverbindung, da hatte ich ein überschaubares Umfeld außerhalb des Faches, mit klaren Regeln für den sozialen Umgang und einer festen Anlaufstation, wo man abends garantiert jemanden traf, den man schon kannte - anders hätte ich wahrscheinlich einsam vor mich hinstudiert.
    • Bei mir funktioniert es gut, aber ich habe auch einen festen Stundenplan und Anwedenheitspflicht gehabt, dafür verschiedene Kurse mit verschiedenen Leuten.
      Jetzt habe ich Blockunterricht immer 6 Wochen nur 1 Fach mit den gleichen 15 Leuten und dann eine Woche Vorbereitungszeit auf die Prüfung. Dann kommt das nächste Fach.

      Versuch wenigstens einen Freundeskreis zu finden. Es gibt immer eine Gruppe mit komischen Leuten und die akzeptiert dich auch. Ich habe mich einfach so lange in der Nähe aufgehalten, bis ich dazu gehört habe. Keiner wusste so genau wo ich herkam.
      Das hilft enorm bei organisatorischen Dingen, und vielleicht könnt ihr die gleichen Kurse wählen, dann sitzt man nicht neben Fremden. Wir hatten teilweise auch Hausaufgaben zu zweit, da ist es auch einfacher.

      Du kannst mir auch gerne schreiben was und wo du studieren wirst; vielleicht kann ich dann noch etwas mehr sagen (Zufälle gibt's) :)
      Ich kann gut Mitmenschen umgehen
    • Vorweg: Ich habe an einer FH studiert, nicht an einer Uni. Evtl. sind einige Dinge an der Uni anders.

      pyromane wrote:

      Wie sind eure Erfahrungen damit und auf was muss ich aufpassen?
      In jedem Studiengang gibt's eine Studien- und Prüfungsordnung (SPO) und einen Studiengangsplan. Beides ist auf der Hochschul-Website zu finden.
      Im Studiengangsplan steht, welche Vorlesungen und Praktika man in welchem Semester besuchen sollte und/oder wie viele CP man in jedem Semster machen sollte. Man darf aber auch davon abweichen, das ist nicht verpflichtend.
      In der SPO stehen die wirklich entscheidenden Dinge: Wie viele CP muss man bis zu welchem Semester erreicht haben, um wie viele Semester darf man sein Studium verlängern, usw.
      Ich würde empfehlen, beide Dokumente mal durchzulesen.
      Sehr wichtig ist auch der Anmeldezeitraum für die Prüfungen. Der sollte irgendwo im Intranet stehen, bei mir war er im Intranet-Kalender eingetragen.
      Irgendwo (Intranet oder Aushang) steht auch, welche Hilfsmittel zu welcher Prüfung erlaubt sind: Vorlesungs-Skript, Bücher, Taschenrechner, oder auch gar nichts.

      Das sind eigentlich auch schon die wichtigsten organisatorischen Dinge, so schwierig ist's also gar nicht :thumbup: .

      Wichtig finde ich aber auch noch die privaten/persönlichen Dinge:
      Wenn man Sozialkontakte möchte, sollte man gleich am Anfang Kontakt zu seinen Kommilitonen suchen. Die typische Grüppchenbildung geht sehr schnell, und später wird's sehr schwer, noch Anschluss zu finden.
      Ich habe mir anfangs noch gar keine Kontakte gewünscht (war auch irgendwie noch nicht reif dafür) und habe sie später ziemlich vermisst und dann auch keinen Anschluss mehr gefunden.
      Genauso dürfte es für die meisten Leute gut sein, in eine eigene Wohnung oder eine WG zu ziehen und nicht bei den Eltern wohnen zu bleiben. Ich bin bei den Eltern geblieben und bereue es rückblickend betrachtet.
    • raspberrymylk wrote:

      ich finde es z.B. sehr gut, dass ich mir den Stundenplan weitgehend selber gestalten kann.
      Ich fand es ehrlich gesagt an meiner FH gut, dass ich einen festen Stundenplan hatte und mich nicht auch noch um die Organisation kümmern musste, es war eigentlich fast wie das Gymnasium.
      Auch für die Prüfungen wurden wir automatisch eingeschrieben, lediglich den Termin musste ich noch einem Aushang entnehmen.
      Wahrscheinlich hätte mich zu viel Freiheit auch dazu verführt, das Studium unnötig lange hinauszuzögern.

      In der Tat ist es sinnvoll, gleich am Anfang ein paar Leute zu finden, die kompatibel erscheinen. Nicht unbedingt nur Leute, die genau so scheu sind. Sondern auch welche, die relativ offen und freundlich auf alle zugehen.
      Ich hatte das Glück, dass mich ein Kommilitone anfangs angesprochen hatte, daraus ist eine bis heute währende Freundschaft entstanden und er selbst hat es einen riesigen Bekanntenkreis, durch den ich dann auch indirekt profitiert habe, weil er auch gern mal zwischen seinen Bekannten alles Mögliche vermittelt hat, von Dienstleistungen bis Gebrauchtwarenverkauf.
      Man braucht auch für viele Praktika Leute, mit denen man zusammenarbeiten kann. Da ist es gut, immer die Gleichen Leute zu haben, die man bereits kennt.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
      Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Teilnehmer-Limit von Privatkonversationen verdoppelt werden sollte.
    • Garfield wrote:

      Ich fand es ehrlich gesagt an meiner FH gut, dass ich einen festen Stundenplan hatte und mich nicht auch noch um die Organisation kümmern musste, es war eigentlich fast wie das Gymnasium.
      Meiner hat sich ständig wieder geändert teilweise ohne Ankündigung und das selber gestalten hat so nicht funktioniert. Jedes Mal ein Kraftakt. Ich denke das war auch einer der Gründe für meinen Studienabbruch.
    • Ich hab mit dem Studium gute und schlechte Erfahrungen gemacht, bzw. mache noch immer gute und schlechte Erfahrungen. Viele Dinge haben Vor- und Nachteile, kommt auch immer aufs Studienfach an. Ich hab sowohl die Anonymität genossen (weil sich von den 300 Leuten im Hörsaal keiner für mich interessiert hat und weil es als Mathestudent nicht komisch ist komisch zu sein), aber ich fand es auch hilfreich, dann an einer eher familiären Hochschule persönliche Ausnahmen und Unterstützung zu kriegen (nach dem Motto: "Wir wissen ja, was Sie fachlich draufhaben, da können wir jetzt schon mal ein Auge zudrücken, was das mit der Anwesenheitspflicht angeht.")

      Insgesamt würde ich sagen:
      Kann sein, dass das Studium mit Asperger nicht leicht wird. Kann aber sein, dass es trotzdem total viel Spaß macht. :)

      Und lass dich nicht entmutigen. Wenn es ein Fach ist, was dir wirklich wichtig ist und was dich interessiert, dann wirst du auch Wege finden, das irgendwie hinzukriegen!

      Viel Erfolg dir und einen guten Start!
      Die Welt wäre sehr langweilig, wenn alle Vögel fliegen könnten... :)
    • MathePinguin wrote:

      Kann sein, dass das Studium mit Asperger nicht leicht wird. Kann aber sein, dass es trotzdem total viel Spaß macht.

      Und lass dich nicht entmutigen. Wenn es ein Fach ist, was dir wirklich wichtig ist und was dich interessiert, dann wirst du auch Wege finden, das irgendwie hinzukriegen!

      Viel Erfolg dir und einen guten Start!
      Find' ich gut :thumbup:

      Unterschreibe ich auch!

      Zusatz:
      Da es manchen schwer fällt, andere Leute anzusprechen und gezielte Fragen zu stellen (oder es geht alles zu schnell), sollte man evtl. nach direkter Studienberatung/Studierendenberatung forschen. Viele Anfänger haben ähnliche Probleme. Deshalb kann man eigentlich ungeniert seine Probleme darlegen, wenn es nämlich Lösungen gibt, ist es gut, wenn nicht, ist es wenigstens schnell geklärt.

      Nachteilsausgleiche sind leider offiziell individuell auszuhandeln, aber inoffiziell ist es oft Ermessenssache, ob und was gewährt wird. Die zugrunde liegenden Regeln kann die Beratungsstelle sicher angeben oder zumindest sagen, wo man sie im Netz findet.
      Es gibt auch die möglichkeit einer (Hoch)schulbegleitung, aber über diese Möglichkeit weiß ich nicht viel.Sorry.
      Nochmal: Viel Erfolg und viel Spaß!
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Gruppenarbeit ist sehr stressig. Auch schon das Suchen nach Gruppenpartnern.
      Dann die Koordination wegen Hausaufgaben.
      Da geht mehr Kraft rauf für das drumherum, als für die eigentlichen Aufgaben.
      Per Nachteilsausgleich komme ich zukünftig wohl um Gruppenarbeit herum.
      Das heisst aber mehr Arbeit. (Sonst gibt man meist in Gruppen ab; zwei bis vier Leute)
      Und die Profs sagen häufig: ohne anregende Gruppendiskussionen werden Sie Schwierigkeiten haben mit dem Stoff.
      Das ist also doppelt-doof.

      Auch frühe Vorlesungen und/oder Klausuren sind übel, da ich mich nur Nachts, wenn es sehr ruhig ist, gut konzentrieren kann (AS + ADHS).
      Ohrenstöpsel + Medikinet helfen ein bischen, aber Nachts geht es trotzdem besser.

      Weiter Weg zur Uni -> viel Zeit im Nahverkehr. -> Noch mehr Stress (und früher aufstehen).

      Zumindest für frühe Klausueren habe ich per Nachteilsausgleich nun die Möglichkeit, Alternativen zu finden.
      Entweder Ausweichtermin (machen die ungerne, wegen des Aufwands), oder mündliche Prüfung. Letzteres habe ich noch nicht probiert, kommt demnächst das erste mal. Keine Ahnung, ob das ein Reinfall wird.