"Du bist doch nicht behindert!" bzw. "Autismus ist doch keine Behinderung!"

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    • @BlaueStunde - na bei mir ist zum Beispiel die Anwendung der Theory of Mind eine "verlässliche" Stolperfalle.

      Die TOM der ersten Ordnung hab ich zumindest verstandesmässig noch drauf, allerdings muss ich mir die Anwendung der selbigen auch immer in bewußt in Erinnerung rufen . "flüssig" und intuitiv läuft da nichts.

      Bei der TOM zweiter Ordnung krieg´ich "Hirnsausen" - die krieg ich nicht auf die Reihe.

      Das ist natürlich blöd, wenn es darum geht Menschen und Situationen verlässlich und rasch einzuschätzen.

      Ist egal, solange man nur von wohlwollenden, offenen, klar kommunizierenden Menschen umgeben ist.

      Wird zum großen Hinderniss, wenn dem nicht so ist.

      Hat mich schon Jobs und Aufträge gekostet (bin "Teilzeit - Freiberuflerin").

      Und, solange ich nicht wusste, was bei mir los ist, hat es mich auch Selbstvertrauen gekostet.
    • @BlaueStunde
      Ich wäre definitiv mit jedem kommunikativen Beruf überfordert.
      Auch mit jedem körperlich anstrengenden Beruf, also Nicht-Bürojob.
      Ich bin in Gruppen schnell überfordert, privat gehe ich zwar auch auf Stammtische, rede da aber nur mit einer Person auf einmal. Und dann nur bei Mensa, wo die meisten eh schräg sind und wo man sich nicht verstellen muss.

      Ich wäre auch in Urlauben mit mehreren erwachsenen Personen überfordert, es ist mir viel zu chaotisch und man muss dauernd etwas tun, was man nicht will.
      Zu zweit oder mit Kindern klappt es super.

      Sozial sage ich das, was ich denke. Wenn es deswegen nicht funktioniert, dann ist es so. Meistens bleiben genug Menschen übrig, die es schätzen.

      Ich bin ein starker Komfortmensch - kein Camping, kein Zelten, ein weiches bequemes Bett. Die meisten Hotelbetten sind eine Katastrophe, da leide ich tatsächlich und habe Schmerzen.

      Ich brauche meine Sicherheit und würde nie selbstständig sein wollen...
    • Mein größtes Problem: Anknüpfen und Halten von persönlichen Beziehungen - also in beruflicher Hinsicht das "Netzwerken". Funktioniert bei mir miserabel, ich habe es geschafft, als Selbständiger nach 10 Jahren weniger Aufträge zu kriegen als nach drei, in einem wachsenden Markt. Und meinen letzten Job in Festanstellung habe ich nicht zuletzt deswegen schon in der Probezeit verloren. Im kleinen Rahmen geht es, in meinem kleinen Fach und der noch viel kleineren Gruppe von Leuten, die wissenschaftlich was ganz ähnliches machen habe ich Kontakte, weil das ja auch immer zuerst auf der Sachebene läuft, beim Studium ging es sehr übersichtlich zu (anfangs 17 Studenten - nicht pro Semester, sondern alle, einschließlich der Doktoranden), da ging es auch, aber ansonsten gar nicht.

      Beziehung kam deshalb auch erst zustande, als ich mit 43 in meiner Verzweiflung zur Anzeige gegriffen habe, das waren die Zeiten, wo ich mich selbst schon mal als "Sozialkrüppel" bezeichnet habe. Familie (verheiratet, ein Kind - auch AS) funktioniert ganz gut, aber v.a. weil ich eine sehr verständnisvolle Frau habe, die es in Ordnung findet, dass sie zwei- oder dreimal im Jahr mit Kind eine Woche oder 10 Tage verreist, damit ich ganz meine Ruhe habe.

      Ob ich heute noch in Vollzeit in einem "normalen" Job durchhalten würde, weiß ich nicht - eher nicht, obwohl es vor 25 Jahren sogar eine Weile im Großraumbüro funktioniert hat. Aber ich habe ja seit Jahren (schon bevor ich nur ahnte, dass da etwas wie ASS sein könnte - man muss im Leben auch Glück haben) einen perfekt Aspie-kompatiblen Arbeitsplatz: Schreibtisch zu Hause, keine Präsenzpflicht, kein eigentlicher Chef.
    • Gruen wrote:

      @crocodylia
      Was bedeutet erster und zweiter Ordnung? Ich kenne die Begriffe noch nicht.
      Ich erklär´s, so wie ich es meinte "verstanden" habe - keine Garantie, dass das genau so ist, lass´mich gerne eines besseren belehren.

      * Bei der Anwendung der TOM erster Ordnung kann ich mir vorstellen (oder weiß ich), dass der andere anders denkt als ich und ich versuche mir - aus dem jeweilgen Kontext heraus - vorzustellen, was er wohl denkt.
      * Bei der Anwendung der Theory of Mind zweiter Ordnung "weiß ich" (oder kann mir vorstellen), dass der andere andere Überzeugungen oder Schlußfolgerungen hat und kann mir vorstellen, was er wohl für Schlüsse über mich ziehen wird.
      Ich hoffe, das ist irgendwie hilfreich, mir wird, wie gesagt, schon bei dem Versuch es zu erklären "schwindlig".
    • Oh ja, das "Netzwerken" habe ich auch noch nie verstanden, wie die anderen es schaffen.
      Entweder es sind Freunde geworden oder gar nicht. "Nützliche" Kontakte liegen irgendwie außerhalb meiner Welt, deswegen würde ich als Freiberufler definitiv scheitern...
    • crocodylia wrote:

      Gruen wrote:

      @crocodylia
      Was bedeutet erster und zweiter Ordnung? Ich kenne die Begriffe noch nicht.
      Ich erklär´s, so wie ich es meinte "verstanden" habe - keine Garantie, dass das genau so ist, lass´mich gerne eines besseren belehren.
      * Bei der Anwendung der TOM erster Ordnung kann ich mir vorstellen (oder weiß ich), dass der andere anders denkt als ich und ich versuche mir - aus dem jeweilgen Kontext heraus - vorzustellen, was er wohl denkt.
      * Bei der Anwendung der Theory of Mind zweiter Ordnung "weiß ich" (oder kann mir vorstellen), dass der andere andere Überzeugungen oder Schlußfolgerungen hat und kann mir vorstellen, was er wohl für Schlüsse über mich ziehen wird.
      Ich hoffe, das ist irgendwie hilfreich, mir wird, wie gesagt, schon bei dem Versuch es zu erklären "schwindlig".
      Ich finde es sehr verständlich erklärt, ich habe es zumindest verstanden, ohne vorher zu wissen, worum es geht.

      Das zweite finde ich auch sehr schwierig und glaube nicht, dass ich das kann. Aber können es denn die NTs?
    • Sonne wrote:

      Jetzt würde mich nur interessieren, mit welcher Begründung man sich als behindert ansehen müsste, wenn man gut im Alltag zurechtkommt?

      GdB gibt es ja, glaube ich, beim Autismus nur, wenn man offensichtliche Beeinträchtigungen im Hier und Jetzt nachweisen kann, oder?
      Beim GdB würde man versuchen, das an objektiven Kriterien festzumachen, aber das gibt tatsächlich ja immer mal wieder Streit mit den Versorgungsämtern. Man muss aber unter den Einschränkungen nicht leiden, es reicht, wenn sie tatsächlich da sind. Also, wenn man z.B. Dauersingle ist, einem das aber völlig egal ist, dann ist es trotzdem eine Einschränkung. Man muss nur daran denken, diese Einschränkung beim Antrag als Einschränkung darzustellen, auch wenn man nicht darunter leidet, es sei denn, man will oder braucht keinen GdB, dann natürlich nicht. Beim GdB wird geschaut, wo die Teilhabe eingeschränkt ist. Eingeschränkt ist sie auch, wenn man nicht jeden Beruf machen kann oder bei der Freizeitgestaltung eingeschränkt ist, auch wenn man mit dem tatsächlich ausgeübten Beruf glücklich ist und auch mit seiner Freizeitgestaltung. Jemand, der gar nicht leidet, würde halt normalerweise erst gar keinen Antrag auf GdB stellen.

      Als 2010 die Richtlinien geändert wurden und man nicht mehr mit Asperger automatisch mindestens GdB 50 bekam, so wie es vorher der Fall war, da war ich der Meinung, dass diese Änderung ein Fehler ist, weil es gar nicht sein kann, dass man die Diagnosekriterien erfüllt und dadurch nicht eingeschränkt ist. Theoretisch wäre mit den neuen Richtlinien ja auch ein GdB von 0 möglich für Asperger.
      Vielleicht wird aber auch unterschieden zwischen Behinderung und Schwerbehinderung. Immerhin heißt es ja Schwerbehindertenausweis. Aber ich weiß es nicht. Für mich geht es nach wie vor nicht zusammen, dass eine Diagnose gestellt wird, die an klinisch bedeutsame Einschränkungen gebunden ist, und gleichzeitig zu sagen, einen Grad der Behinderung gibt es dafür aber nicht. Ich denke auch, diese Änderung diente nicht in erster Linie dazu, Leute korrekt einzustufen, sondern Geld einzusparen.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Sonne wrote:

      Oh ja, das "Netzwerken" habe ich auch noch nie verstanden, wie die anderen es schaffen.
      Entweder es sind Freunde geworden oder gar nicht. "Nützliche" Kontakte liegen irgendwie außerhalb meiner Welt, deswegen würde ich als Freiberufler definitiv scheitern...

      Mittlerweile weiß ich genau, was man von mir erwartet in meinem Beruf. Ich kenne meine Rolle und kann sie gut ausfüllen, solange es themenbezogen bleibt. Ich habe viele solcher Rollen (die Kindergartenmutti, die Freiberuflerin, die Besucherin eines Geburtstagsfests...).

      Ich weiß, was ich zu Netzwerkzwecken sagen muss und mache das mittlerweile voll routiniert. Oft kann ich ja auch über mein SI sprechen. Das heißt nicht, dass das berufliche Netzwerken mir leicht fällt, aber grundsätzlich kann ich es. Denke ich jedenfalls.

      Blöd wird es immer dann, wenn ich keine Erfahrungswerte in Situationen habe. Oder einfach, weil ich ein Mensch mit Kontaktinteresse bin, der nicht immer kapiert, wie der Kontakt sich gestalten soll. Ich neige zB sehr zum Oversharing und zum umständlichen Detail-Erklären von allem Möglichen, und das fällt negativ auf. Das finden Leute schräg.

      Mir geht es umgekehrt wie dir – ich wäre in einer Festanstellung unglücklich, denn auf lange Sicht würden dann wieder Menschen merken, dass ich irgendwie anders bin. Das will ich nicht. Bzw. ich will das möglichst selbst steuern, wer näheren Einblick bekommt.

      Und in meiner Branche ist es nicht ungewöhnlich, dass da exzentrische oder komische Leute rumlaufen. Immerhin, das hilft. In einem "Sparkassen-Setting" wäre ich absolut verloren.
      Angry young woman, there’s no way back, so just keep walking.
      Yoko Ono
    • @Shenya
      Danke, das finde ich sehr spannend.
      Wie kann man denn nachweisen, dass man nicht jeden Beruf ausüben kann? Schließlich hat man es nicht ausprobiert.

      Bzw können doch auch andere Menschen nicht alle Berufe ausüben? Oder wird da nach "Nicht ausüben mangels Fähigkeiten / Neigungen" von "Nicht ausüben wegen psychischen Überforderung" unterschieden?

      Mir war schon immer klar, dass ich nur wenige Berufe ausüben könnte, mir ist es nur nie wie eine Einschränkung erschienen, ich habe es irgendwie einfach akzeptiert und bin sehr froh, dass es zumindest einen Beruf gibt, der mir sehr gefällt, mich fordert, aber nicht überfordert.

      Wie kann man nachweisen, dass man wegen AS Dauersingle ist, wenn viele anderen AS eine Beziehung haben?

      Nicht falsch verstehen, ich versuche mich in den Sachbearbeiter hineinzuversetzen und zu verstehen, wie er entscheidet.
      Ich spreche hier niemandem etwas ab.
    • Sonne wrote:

      Wie kann man nachweisen, dass man wegen AS Dauersingle ist, wenn viele anderen AS eine Beziehung haben?
      Dafür gibt es die ärztliche Stellungnahme.
      Ausserdem ist eine Beziehung für einen Autisten eher die Ausnahme denn die Regel...
      Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe.
      Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.
    • Ginome wrote:

      Sonne wrote:

      Wie kann man nachweisen, dass man wegen AS Dauersingle ist, wenn viele anderen AS eine Beziehung haben?
      Dafür gibt es die ärztliche Stellungnahme.Ausserdem ist eine Beziehung für einen Autisten eher die Ausnahme denn die Regel...
      Bei HFA? Da hab ich andere Statistiken gesehen. Muss aber noch danach suchen.
      Die Therapeutin von meinem Freund sagte auf Nachfrage, dass die meisten, die sie kennt, in Beziehungen seien.
      Der Beziehung-Thread hier hatte ähnliches berichtet.
    • Sonne wrote:

      Der Beziehung-Thread hier hatte ähnliches berichtet.
      Naja, was soll ich in einem Thread mitschreiben, der heißt "Deine Beziehung"? Ich habe keine und es ist für mich auch kein Thema.

      Aus dem Selbsthilfekontext kann ich beitragen, dass von neun Frauen zwei eine Beziehung haben (beide sind noch sehr jung), drei eine kurze, konfliktreiche hatten (Vergangenheit), aus der jeweils ein Kind hervorgegangen ist, und vier aktuell keine Beziehung haben, teils auch nie hatten. Bei den Männern weiß ich's nicht im Detail, würde aber schätzen, halbe-halbe. Da halten dann oft die Frauen den Männern den Rücken frei und übernehmen einen sehr fürsorglichen, sozialen Part.

      Wo/inwiefern ich mich behindert fühle? Genau wie Shenya schrieb:

      Shenya wrote:



      Ich kann im Prinzip nur einen Lebensbereich am Laufen halten; wenn ich voll arbeiten gehen würde, dann würden Freizeit, Beziehungen und Wohnen unter den Tisch fallen, und am Ende vielleicht auch die Gesundheit. Würde ich eine intime Beziehung eingehen wollen, bräuchte ich auch dafür meine gesamte Konzentration und Energie, sodass andere Bereiche nicht mehr funktionieren würden.
      Meine Kapazitäten reichen dafür, einen der Punkte auf "mehr schlecht als recht, aber geht gerade noch"-Niveau auszuführen und alle anderen auf Sparflamme, weil es halt lebensnotwendig ist, zu essen, zu wohnen und seinen Papierkram halbwegs in Ordnung zu halten.

      Das Schlimme ist: Ich habe nahezu ideale Lebensbedingungen: stressfrei, ruhig, relativ sorglos, ich arbeite unter Idealbedingungen, ich kann mir meinen Alltag frei gestalten und meine Kontakte größtenteils frei wählen... aber die Kapazitäten reichen trotzdem nicht. Ich muss zugeben, ich bin ein wenig neidisch auf die, die scheinbar alles so leicht schaffen... ich hätte das auch gerne. :(
    • Sonne wrote:

      Der Beziehung-Thread hier hatte ähnliches berichtet.
      Das Board ist alles andere als repräsentativ...

      Shenya wrote:

      Ginome wrote:

      Dafür gibt es die ärztliche Stellungnahme.
      Ja, darüber braucht man dann Arztberichte, wo das drinsteht. Ohne wird es schwer.
      Ohne Arztbericht wird jeder GdB schwer - selbst für Leute mit Querschnitt
      Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe.
      Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.
    • Es gehen auch nicht alle in eine SHG ;)

      Ich denke um da verlässliche Zahlen zu bekommen müsste man bei einer renommierten Spezialambulanz nachfragen.
      Die sehen ja auch die extrem leichten Fälle und könnten da gewiss plausible Zahlen liefern.
      Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe.
      Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.