Die freie Wahl?

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    • Die freie Wahl?

      Du hast immer die Wahl:
      Du verstellst Dich und zahlst einen hohen Preis dafür,
      oder
      Du bist Du selbst und zahlst einen hohen Preis dafür.
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Hallo @Janein,

      ich bin mir nicht sicher, ob ich deinen Beitrag richtig verstehe, aber mir ist dazu etwas eingefallen.

      Gerade in der Schulzeit habe ich immer versucht, mich anzupassen, damit mich meine Klassenkameraden doch vielleicht irgendwie mögen würden. Leider hat das überhaupt nicht geklappt.
      Als ich dann in der achten Klasse eine feste Zahnspange bekommen habe, konnte man sich jeden Monat die Farbe der Gummis auf den Brackets aussuchen und da ich Grün immer sehr mochte, habe ich mich beim ersten Mal für Grün entschieden. Eigentlich hatte ich vor, jeden Monat eine andere Farbe zu nehmen.
      Ich kam nach meinem Vormittagstermin beim Kieferorthopäden pünktlich zum Sportunterricht wieder in die Schule. Da kamen dann prompt zwei Mädchen auf mich zu (wohlgemerkt keine Freundinnen von mir, mit den beiden hatte ich nichts zu tun) und haben ohne irgendeinen weiteren Kommentar gesagt, dass ich die Farbe beim nächsten Mal ändern solle, denn das sähe schrecklich aus.
      Sonst nichts.

      In dem Moment habe ich die Entscheidung getroffen, dass solche Menschen nicht über mein Leben bestimmen dürfen. Zumindest sollen sie nicht denken, dass sie das können. Die kompletten anderthalb Jahre, die ich meine feste Zahnspange dann hatte, habe ich grüne Gummis verwendet.

      Das ist nur eines der Beispiele, in denen ich mich gegen das Verstellen entschieden habe. Es gab zu dieser Zeit einige Schlüsselmomente, in denen mir klar wurde, dass ich machen kann, was ich will, sie werden mich nie mögen oder akzeptieren. Aber dann muss ich mich auch nicht verstellen und versuchen, so zu sein, wie sie es gerne hätten.

      In dem Sinne: Ja, es gibt eine freie Wahl!

      Ich habe mich gegen die "Unterdrückung" durch meine Klassenkameraden entschieden. Das hat nichts daran geändert, ob sie mich mögen oder nicht, aber ich habe mich für mich entschieden und sie nicht "gewinnen lassen". Und das war etwas sehr Wichtiges für mich.

      Und was auch ein sehr wichtiger Punkt dabei ist: Willst du wirklich so sein wie die, die dich ausgrenzen?

      Ich weiß nicht, ob oder inwieweit dir das helfen kann, aber so empfinde ich das und das halte ich mir immer vor Augen, wenn ich mich mal wieder alleine fühle. Immerhin bin ich mir selbst irgendwie "treu" geblieben, wenn man das so sagen darf :)

      LG Rubixxy

      The post was edited 1 time, last by Rubixxy ().

    • Janein wrote:

      Du hast immer die Wahl:
      Du verstellst Dich und zahlst einen hohen Preis dafür,
      oder
      Du bist Du selbst und zahlst einen hohen Preis dafür.
      Es gibt noch den Mittelweg: Du verstellst Dich ein wenig und nur in Bereichen, wo das leicht fällt. Und wo es sehr schwer fällt, bist Du Du selbst.
      Bisher hat mir noch niemand die Rechnung präsentiert.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
      Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Teilnehmer-Limit von Privatkonversationen verdoppelt werden sollte.
    • Liest du zufällig gerade das Buch von Brit Wilczek? Da steht das nämlich genau so drin.
      Die Lösung laut der Autorin wäre, sich selbst treu zu bleiben, aber Expeditionen in die Welt der anderen zu machen, von denen man dann immer wieder zu sich selbst zurückkehren kann. Wie das in der Praxis genau aussehen soll, weiß ich noch nicht.
      Ich gehe davon aus, dass das nur mit bestehender und geouteter Diagnose so richtig funktioniert.

      Hat man sich lange Zeit bereits verstellt, muss man auch oft erst wieder herausfinden, wer man überhaupt ist und was man will.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Schwierige Frage.

      Ich bin gerade über die Erkenntnis gestolpert das, wenn man es im gewissen Rahmen schafft sich zu verstellen, ganz schnell Erwartungen und Ansprüche an einen gestellt werden die man dann nicht mehr erfüllen kann.

      Und dann

      gilt man entweder als arrogant oder faul oder desinteressiert oder unwillig weil der andere natürlich, von anderen Voraussetzungen ausgehend (die man ja selbst vorgespielt hat) davon ausgeht das man "kann" aber nur nicht will!
      Das macht den "Vorteil" den man durch mühsames Verstellen erreicht hat mehr zu nichte als wie wenn man es hätte bleiben lassen.

      Oder man schafft es sich alle vom Leib zu halten damit keiner hinter die Fassade gucken kann. Aber dann ist man auch alleine und somit macht der vorher betriebene Aufwand keinen Sinn.

      Ich tendiere gerade dazu ehrlich zu sein, massig auf Unverständnis zu stoßen mit der kleinen aber immerhin vorhandenen Chance auf Menschen zu treffen die wirklich mich mögen.

      Letztlich habe ich mich noch nicht entschieden.

      The post was edited 1 time, last by Miami ().

    • Rubixxy wrote:

      Und was auch ein sehr wichtiger Punkt dabei ist: Willst du wirklich so sein wie die, die dich ausgrenzen?
      Das ist in der Tat ein wichtiger Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste überhaupt! Für Spätdiagnostizierte und in einem Sozialsystem (z.B. Familie) lebende Aspies kann es zum Prüfstein werden.


      Miami wrote:

      Ich bin gerade über die Erkenntnis gestolpert das, wenn man es im gewissen Rahmen schafft sich zu verstellen, ganz schnell Erwartungen und Ansprüche an einen gestellt werden die man dann nicht mehr erfüllen kann.
      Ganz genau damit bin ich immer wieder gescheitert. Ich konnte und kann die Erwartungen nicht erfüllen. Der erste kleine Umschwung kam erst in Gang, als ich damit aufhörte. Der Preis den ICH dafür zahle ist, unter anderem, daß ich keine Erfahrungen damit habe und teilweise naiv wie ein Kind bin. Um mich zu retten muß ich dann schnell doch wieder eine Maske aufsetzen, oder flüchten.


      Miami wrote:

      Ich tendiere gerade dazu ehrlich zu sein, massig auf Unverständnis zu stoßen mit der kleinen aber immerhin vorhandenen Chance auf Menschen zu treffen die wirklich mich mögen.
      Ganz genau so empfinde ich es auch. Mit fast 59 Jahren stehe ich mit dem "Koffer in der Hand" (RW) am Anfang einer großen Reise durch ein ganz anderes Leben. Und ich wünsche mir so sehr Menschen, die mich nicht verarschen und ausnutzen.


      Shenya wrote:

      Liest du zufällig gerade das Buch von Brit Wilczek?
      Ich kenne das Buch nicht. Die Frage nach der Wahl habe ich vor einiger Zeit in einem anderen Forum gefunden.


      Shenya wrote:

      Die Lösung laut der Autorin wäre, sich selbst treu zu bleiben, aber Expeditionen in die Welt der anderen zu machen, von denen man dann immer wieder zu sich selbst zurückkehren kann. Wie das in der Praxis genau aussehen soll, weiß ich noch nicht.
      Ausflüge....ein gutes Stichwort. Es gefällt mir, weil es dann nicht so negativ und schwierig belastet ist mit NT Menschen in Kontakt zu treten. Alles erst einmal unverbindlich halten und dann wählen, was man übernehmen möchte und was man besser lassen sollte. Gute Idee! Danke für den Hinweis ;)


      Shenya wrote:

      Hat man sich lange Zeit bereits verstellt, muss man auch oft erst wieder herausfinden, wer man überhaupt ist und was man will.
      Sehr mühsam und mit vielen Risiken behaftet. Sozusagen ein Neuanfang und der ist nun mal riskant.
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Janein wrote:

      Ausflüge....ein gutes Stichwort. Es gefällt mir, weil es dann nicht so negativ und schwierig belastet ist mit NT Menschen in Kontakt zu treten.
      Sie hat noch ausgeführt, dass es vergleichbar wäre mit einer Expedition zu den Inuit: wenn man als Forscher oder Tourist zu den Inuit fahren würde, dann würde man ja auch nicht versuchen, so zu tun, als wäre man ein Inuit. Sondern man würde sagen, dass man aus einem anderen Land kommt und die Inuit kennenlernen will.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      wenn man als Forscher oder Tourist zu den Inuit fahren würde, dann würde man ja auch nicht versuchen, so zu tun, als wäre man ein Inuit. Sondern man würde sagen, dass man aus einem anderen Land kommt und die Inuit kennenlernen will.
      Natürlich würde man es nicht versuchen, keine Frage ;) Jedoch erwartet die Umgebung fast unnachgiebig nach Anpassung, wenn man dauerhaft zusammen leben will, oder muß. Fremdes und Fremde werden in aller Regel bestenfalls geduldet, aber nicht bedingungslos integriert.

      Schön ist es bestimmt, wenn die "Einheimischen" die Hand reichen (RW) und erkennbare Bemühungen entsprechend würdigen, unterstützen und Grenzen achten. Wobei es eine ständig beständige Wunde aufreißt. Man sieht die Behinderung nicht. Darüber wurde und wird ja hier immer wieder diskutiert.
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Garfield wrote:

      Es gibt noch den Mittelweg: Du verstellst Dich ein wenig und nur in Bereichen, wo das leicht fällt. Und wo es sehr schwer fällt, bist Du Du selbst.
      Bisher hat mir noch niemand die Rechnung präsentiert.
      Es freut mich, daß Du mit Deiner Vorgehensweise erfolgreich bist. Ansatzweise habe ich das mit dem Mittelweg schon probiert, als ich noch gar nichts von Autismus wußte. Dummerweise ist "verstellen" auch eine Leistung zu der man ein gutes Gedächtnis braucht. Sehr oft wurde mir dann Widersprüchlichkeit attestiert. Was auch stimmte.
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Janein wrote:

      Garfield wrote:

      Es gibt noch den Mittelweg: Du verstellst Dich ein wenig und nur in Bereichen, wo das leicht fällt. Und wo es sehr schwer fällt, bist Du Du selbst.
      Bisher hat mir noch niemand die Rechnung präsentiert.
      Es freut mich, daß Du mit Deiner Vorgehensweise erfolgreich bist. Ansatzweise habe ich das mit dem Mittelweg schon probiert, als ich noch gar nichts von Autismus wußte. Dummerweise ist "verstellen" auch eine Leistung zu der man ein gutes Gedächtnis braucht. Sehr oft wurde mir dann Widersprüchlichkeit attestiert. Was auch stimmte.
      Widersprüchlichkeit halte ich für eine mehr oder weniger zwangsläufige Folge eines Lebenswegs, der einem abverlangte, sich selbst mehr oder weniger stark zu verleugnen.
      "In das Popcorn, das Sie gerade essen, hat wer reingepisst!" (Kentucky Fried Movie)


      "Sind Sie Polizisten?" "Nein, Ma'am. Wir sind Musiker!" (The Blues Brothers)
    • Ein bisschen anpassen tut sich ja jeder Mensch. Ich würde mich im privaten aber nicht (mehr) zu viel verstellen. Warum soll ich mir da unnötigen Stress aufhalsen?
      Im Beruflichen ist es unumgänglich, da ich nicht in der IT arbeite. :-p
    • Janein wrote:

      Dummerweise ist "verstellen" auch eine Leistung zu der man ein gutes Gedächtnis braucht. Sehr oft wurde mir dann Widersprüchlichkeit attestiert.
      Das versteh ich nicht. Das klingt ja eher nach Lügen.
      Ich bleibe schon bei der Wahrheit, aber führe manches einfach nicht ins Detail aus.
      Nein, ich meinte sowas wie doch ab und zu mal nach Feierabend mit den Kollegen ein Bier trinken gehen, auch wenn es so anstrengend ist wie der ganze Arbeitstag davor und man das eigentlich nicht mag.
      Oder mal eben für einen Tag zu einer Schulung ins Ausland fliegen, obwohl das nur mit Beruhigungspillen machbar ist.
      Oder doch zur Familienfeier gehen, obwohl mich das Leben der meisten Familienmitglieder nicht groß interessiert. Das ist weniger anstrengend als jedes Mal eine Ausrede zu finden.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
      Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Teilnehmer-Limit von Privatkonversationen verdoppelt werden sollte.
    • Garfield wrote:

      Das versteh ich nicht. Das klingt ja eher nach Lügen.
      Du hast recht, das kann wie lügen klingen. Selbstverleugnung trifft es vielleicht besser.

      Wäre ich wirklich konsequent und würde mich allen so zeigen, wie ich wirklich bin, würde ich wahrscheinlich eines morgens in einer geschützten Station in der Psychiatrie aufwachen. Selbst dem Personal dort könnte ich den Tag versauen, weil z.B. das Prüfdatum der Feuerlöscher abgelaufen ist.
      Nicht, weil ich so gefährlich bin, oder gefährdet, sondern weil ich allen Menschen klugscheißend auf die Nerven gehen würde.

      Den Kopf einziehen und den Mund halten, ist anstrengend, ermüdend und auch irgendwie hart am Rand zur Lüge.

      Was mir gerade durch den Kopf geht, ist so ein Szenario wie in dem Sketch mit Loriot: "Das Bild hängt schief"

      Das Bild hängt schief
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Vulkan wrote:

      Das kenne ich leider auch so.
      Ja aber ich habe gelernt dass es besser wäre sich nicht zu verstellen denn es wird immer jemanden geben der einen komisch findet oder verurteilt egal wegen was und ich brauche ja nicht mir so viel Kraft rauben lassen, dass ich mich den Rest des Tages schlecht fühle. Trotzdem passiert es mir immer noch dass ich mich verstelle aber das ist wie so ein „Autopilot“ der einfach so übernimmt um mich so normal wie möglich durchzubringen.