Das Interesse an anderen Menschen

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    • Das Interesse an anderen Menschen

      Hallo zusammen,

      mich würde mal interessieren, in welchem Maße ihr euch für andere Menschen interessiert.

      Mir ist bei mir mal wieder aufgefallen, dass mein Interesse für andere sich doch sehr begrenzt ist wenn man es überhaupt Interesse nennen kann...
      Wie zeigt sich das?

      1. Wenn mir andere was erzählen (und die erzählen immer nur über sich selbst und was sie erlebt haben), dann verliere ich nach ca. 10-15 Minuten die Aufmerksamkeit und wünsche mir nur noch, dass es aufhört.
      2. Ich habe kein Verlangen danach, andere Menschen zu treffen, und mich mit ihnen z.B. Über Stunden zu unterhalten.
      3. Wenn ich gezwungen bin, mich mit anderen zu treffen, ich also mit dabei bin, aber nicht im Vordergrund stehe, dann hab ich nach 1-2 Stunden überhaupt keine Nerven mehr und möchte am liebsten gehen. Das ist selten möglich und dann bekomme ich miese Laune und betrachte das Ganze als Lebenszeitverschwendung.
      4. Ich gehe Menschen am liebsten aus dem Weg um nicht mit ihnen in Kontakt zu geraten.
      5. Ich würde mich als potentiell menschenscheu bezeichnen. Wenn ich alleine leben würde, wäre ich vermutlich sehr kauzig, weil ich keine Rücksicht mehr auf andere nehmen müsste.
      6. Das, was die Menschen sagen und machen, langweilt mich. Ich kenne nur sehr wenige, die ich als interessant bezeichnen würde.

      Was seid Ihr für Typen? Ähnlich? Anders?
      Wer mag was dazu schreiben?
    • Ich habe so eine Ahnung, dass das Interesse an anderen Menschen erst da sein kann, wenn es nicht mehr in erster Linie Stress ist, mit anderen Menschen zusammen zu sein, und wenn man auch sonst im Leben nicht nur überwiegend Stress hat.

      Andere Menschen sind Stress, wenn sie Erwartungen haben, und man sich anstrengt, diese zu erfüllen. Als getarnter Autist ist das ein ständiger Kampf.
      Wenn man gefühlt im Alltag dauernd kämpfen muss, dann ist klar, dass man den Kopf nicht frei hat. Wenn dir der Löwe hinterherrennt, interessiert es dich auch nicht, was dein Nachbar für Hobbies hat.

      Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob man in einer Beziehung nur versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten, ohne dass jemand erfahren darf, was dahinter ist. Oder wenn man in einer Beziehung offen sein kann, sich so zeigen kann, wie man wirklich ist.
      Die Beziehungen vom ersten Typ sind leer und nur anstrengend, die Beziehungen vom zweiten Typ können erfüllend und schön sein. Dafür müssen sie noch nicht einmal besonders eng sein.

      Als getarnter Aspie kann man ja nie irgendwas wirklich mit anderen teilen. Es ist schön, wenn man das dann mal kann, z.B. weil man mit der Diagnose offen umgeht. Deshalb ist es auch in Ordnung, wenn man mal eine Weile im Mittelpunkt steht, es ist ja nicht für immer. Irgendwann geht das automatisch in mehr Gegenseitigkeit über. Ich finde es schön, wenn andere sich für mich interessieren, und dann kann ich mich auch für sie interessieren. Mein Gefühl war früher immer, dass es sowieso niemanden interessiert, was ich bin, was ich denke oder fühle. Es ging immer nur darum, die Erwartungen zu erfüllen.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Das ist eine Perspektive, die ich noch nicht kenne.
      In der Tat bin ich quasi im permanenen Stress. Alleine schon beruflich bedingt. Dazu kommt - wie Du schreibst - ständig den Erwartungen der Anderen entsprechen zu müssen. Gebe ich mir da keine Mühe, gerate ich genau deswegen in anderen Stress...
      Meine Frau ist zwar auch der Meinung, dass ich bedeutend mehr als autistische Züge habe, aber eine offizielle Diagnose gibt es nicht.
      Sie ist so eher das Gegenteil von mir, was soziale Interaktion betrifft. SIe braucht viele Freunde und muss sich auch ständig mit denen treffen.
      Ich habe einen und sehe den alle paar Monate mal. Und das reicht mir!
      Wenn ich dann mal dabei bin bei einem Treffen mit ihren Freunden, habe ich immer das Gefühl, sie muss sich für mich schämen, weil ich halt so anders bin, als alle anderen.
      Je nach Verfassung gelingt es mir mal mehr, mal weniger, mich normal (also wie die anderen) zu verhalten. Meist weniger... :(
      Aber es hat wohl wirklich was mit dem sonstigen Stress zu tun. Bin ich entspannt, z.B. nach einem Urlaub, dann schaffe ich das besser, das fällt mir dann selber auf.
      Ich bin schon lange am überlegen, wie ich den Stresslevel senken kann, ich hab da nur keine Idee...

      Danke für Deine Antwort und Sichtweisen!
    • unikum wrote:




      1. Wenn mir andere was erzählen (und die erzählen immer nur über sich selbst und was sie erlebt haben), dann verliere ich nach ca. 10-15 Minuten die Aufmerksamkeit und wünsche mir nur noch, dass es aufhört.
      2. Ich habe kein Verlangen danach, andere Menschen zu treffen, und mich mit ihnen z.B. Über Stunden zu unterhalten.
      3. Wenn ich gezwungen bin, mich mit anderen zu treffen, ich also mit dabei bin, aber nicht im Vordergrund stehe, dann hab ich nach 1-2 Stunden überhaupt keine Nerven mehr und möchte am liebsten gehen. Das ist selten möglich und dann bekomme ich miese Laune und betrachte das Ganze als Lebenszeitverschwendung.
      4. Ich gehe Menschen am liebsten aus dem Weg um nicht mit ihnen in Kontakt zu geraten.
      5. Ich würde mich als potentiell menschenscheu bezeichnen. Wenn ich alleine leben würde, wäre ich vermutlich sehr kauzig, weil ich keine Rücksicht mehr auf andere nehmen müsste.
      6. Das, was die Menschen sagen und machen, langweilt mich. Ich kenne nur sehr wenige, die ich als interessant bezeichnen würde.

      Was seid Ihr für Typen? Ähnlich? Anders?
      Wer mag was dazu schreiben?
      Bis auf Punkt 3 (Miese Laune und Lebenszeitverschwendung) unterschreibe ich Dein Statement. Das mit der Rücksicht nehmen hat sich bei mir mit den Jahren eher reduziert. Was nicht heißt, dass ich rücksichtslos bin, sondern ich sage immer öfter, was ich brauche um Kontakte aushalten, oder sogar mitgestalten, zu können. Leider gibt es nur sehr wenige Menschen, die meine spezielle Art zu leben verstehen und akzeptieren. Ich bin es aber auch leid, mich ewig hinter Masken zu verstecken, nur um überhaupt Kontakte zu haben. Glücklich bin ich damit insgesamt allerdings nicht, denn ich lege oft schon zu Beginn eines Kontaktes meine "Karten auf den Tisch" (RW), was oft nicht gut ankommt. Ich kann aber nicht einsehen, wieso ich erst lange meine angebliche "Schokoladenseite" (RW) zeigen soll. Es kostet Kraft, ist nicht wirklich ehrlich und ist im Endeffekt widersprüchlich.
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Schneckentanz wrote:

      Mir geht es ähnlich wie Dir.... :d

      Allerdings habe ich festgestellt, dass ich entspannter bin wenn ich mich mit anderen Aspies treffe und mich nicht verstellen muss. Mit denen treffe ich mich sogar richtig gerne! :nod:
      OK, das kann ich nicht beorteilen, weil ich keine anderen Aspies kenne.
      Aber ich kann mir vorstellen, dass das dann weniger anstrengend ist.
    • Mit den Leuten, die ich als Freunde bezeichnen würde und auch mit den meisten Aspies bei Treffen kann ich mich stundenlang unterhalten. Da ist es auch egal, wenn mal eine Pause entsteht.
      Bei den typischen erzwungenen Small-Talk-Gelegenheiten - also fremde Leute auf irgendwelchen Feiern oder Veranstaltungen - bin ich auch recht schnell überfordert mich all den für mich uninteressanten Dingen und der Vorwurf, ich würde mich nicht für den Anderen interessieren, dürfte da berechtigt sein.

      Wirklich menschenscheu bin ich nicht. Wenn es nötig ist, dann kann ich inzwischen auch mit den meisten Menschen (sachlich) kommunizieren. Aber wenn ich im Hausflur höre, dass einer der Rentner-Nachbarn mit zu viel Zeit gerade draußen ist, dann warte ich lieber noch, um nicht in unnötig lange Gespräche verwickelt zu werden.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
      Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Teilnehmer-Limit von Privatkonversationen verdoppelt werden sollte.
    • Bei mir ist das mal so mal so.
      Es hängt sehr von dem Menschen ab und auch um was es geht, also was man zusammen macht und worüber man redet.
      Da ich keinen Smalltalk beherrsche kann ich nur wirklich mit anderen reden wenn es ein Thema ist, über das ich etwas weiß und dann mitreden kann, sonst findet eigentlich nie eine richtige Konversation statt sondern nur ein kurzes Frage-antwort-spiel wo der andere vermutlich auch schnell die Nerven verliert und sich fragt warum ich nicht richtig mit ihm rede XD
      Es kommt daher selten vor das ich überhaupt mit anderen rede denn meine Kontakte zu anderen sind sehr begrenzt.
      Außer meiner Mutter die so ähnlich ist wie ich, und ein paar anderen Aspies in einem ATZ die ich ggf einmal im Monat sehe, habe ich keinen wirklich tiefgründigen sinnvollen Kontakt zu anderen.
      Die frau wo ich zum saubermachen hingehe redet auch oft mit mir aber ich kann selten wirklich mitreden weil mich die Themen kaum interessieren. Sie will immer von mir wissen ob es was neues gibt und manchmal kann ich was erzählen, dabei weiß ich nichtmal ob sie das hören will.
    • unikum wrote:

      Mir ist bei mir mal wieder aufgefallen, dass mein Interesse für andere sich doch sehr begrenzt ist wenn man es überhaupt Interesse nennen kann...
      Wie zeigt sich das?
      Gar kein Interesse an Menschen scheints du aber wohl nicht zu haben oder warum hast du eine Frau?

      Mein Interesse an Menschen ist geringer als beim Durchschnitt. Menschen, mit denen ich mich Stunden unterhalten kann, ohne es
      als Zeitverschwendung zu erleben, sind sehr selten. Gruppen sind noch schlimmer. Wobei ich auch manchmal bewusst Gruppen aufsuche, zB was meine besonderen Interessen betrifft.

      In Bezug auf meine schriftstellerische Tätigkeit interessiere ich mich schon für Menschen, aber die Personen in meinen Texten sind
      nicht so anstrengend und halten den Mund, wenn ich es will. :d

      Allerdings brauche ich auch Menschen, mit denen ich mich über Dinge austauschen kann, die mich beschäftigen. Oberflächliche Kontakte hingegen, nur um was trinken zu gehen oder die Zeit totzuschlagen, nehme ich nicht mehr auf.
    • unikum wrote:


      mich würde mal interessieren, in welchem Maße ihr euch für andere Menschen interessiert.
      Hängt von der Person ab, ehrlich gesagt - ansonsten scheine ich dir da recht ähnlich zu sein:

      unikum wrote:


      1. Wenn mir andere was erzählen (und die erzählen immer nur über sich selbst und was sie erlebt haben), dann verliere ich nach ca. 10-15 Minuten die Aufmerksamkeit und wünsche mir nur noch, dass es aufhört.
      2. Ich habe kein Verlangen danach, andere Menschen zu treffen, und mich mit ihnen z.B. Über Stunden zu unterhalten.
      3. Wenn ich gezwungen bin, mich mit anderen zu treffen, ich also mit dabei bin, aber nicht im Vordergrund stehe, dann hab ich nach 1-2 Stunden überhaupt keine Nerven mehr und möchte am liebsten gehen. Das ist selten möglich und dann bekomme ich miese Laune und betrachte das Ganze als Lebenszeitverschwendung.
      4. Ich gehe Menschen am liebsten aus dem Weg um nicht mit ihnen in Kontakt zu geraten.
      5. Ich würde mich als potentiell menschenscheu bezeichnen. Wenn ich alleine leben würde, wäre ich vermutlich sehr kauzig, weil ich keine Rücksicht mehr auf andere nehmen müsste.
      6. Das, was die Menschen sagen und machen, langweilt mich. Ich kenne nur sehr wenige, die ich als interessant bezeichnen würde.

      Bei vielen Leuten finde ich auch nach zehn, zwanzig Minuten, dass es reicht, ich selbst rede ja auch nur höchst selten so viel über mich. Das "Verlangen" nach längeren Treffen habe ich auch nur bei ganz, ganz wenigen Leuten. Bei Sachen, die nicht beruflich wichtig sind, kann ich glücklciherweise bei Betriebsausflügen oder sowas auch verschwinden, wenn's mir zu viel wird, nur Familie (an der ich zu großen Teilen überhaupt kein interesse habe) geht das natürlich nicht. Lebenszeitverschwendung trifft das eigentlich ganz gut.

      Ich bin vermutlich auch eher menschenscheu, leide darunter allerdings auch etwas. Ein bisschen kauzig bin ich vermutlich auch, genau deswegen :D
      Bei (Rück-) Fragen oder Bezugnahme bitte zitieren oder mit @ anschreiben, sonst übersehe ich das. —— Wie das Land, so die Witze: Platt.
    • muetzentraeger wrote:

      Bei vielen Leuten finde ich auch nach zehn, zwanzig Minuten, dass es reicht, ich selbst rede ja auch nur höchst selten so viel über mich. Das "Verlangen" nach längeren Treffen habe ich auch nur bei ganz, ganz wenigen Leuten. Bei Sachen, die nicht beruflich wichtig sind, kann ich glücklciherweise bei Betriebsausflügen oder sowas auch verschwinden, wenn's mir zu viel wird, nur Familie (an der ich zu großen Teilen überhaupt kein interesse habe) geht das natürlich nicht. Lebenszeitverschwendung trifft das eigentlich ganz gut.

      Ich bin vermutlich auch eher menschenscheu, leide darunter allerdings auch etwas. Ein bisschen kauzig bin ich vermutlich auch, genau deswegen :D
      @muetzentraeger
      Die Kombination aus Menschenschei und leicht kauzig zu sein ist vermutlich nicht sehr gut.
      Von Leiden würde ich bei mir noch nicht sprechen, dafür habe ich zwangsmäßig zu viel Kontakt zu Menschen.
      Wenn ich aber wieder auf mich allein gestellt wäre und die Wahl hätte, wäre ich wieder in der Spirale gefangen... das kenn ich bereits.
      Das ist nicht schön und wird immer schlimmer...

      Über fachliche oder sachliche Themen (die mich interessieren) kann ich stunddenlang mit anderen sprechen, das würde mir dann auch nicht langweilig werden, wäre nur sehr anstrengend.
      Doch ich kenne nur einen, der sich wenigstens teilweise für die Dinge begeistern kann, die mich beschäftigen.
    • Um deine Frage zu beantworten: Ich finde leider, dass ich mich zu wenig für andere Menschen interessiere. Längere (auch kürzere) Monologe machen mich regelrecht rastlos, es sei denn, ich finde das Thema wirklich faszinierend. Dann stelle ich dazu auch sehr viele Detailfragen. Wenn es aber etwas ist, was ich gar nicht verstehe und auch mit viel Mühe nicht spannend finden kann, schalte ich schon nach kurzer Zeit innerlich total ab.

      Ich glaube, ich verberge das ganz gut, denn bisher haben mir kaum mal Leute den Vorwurf gemacht, nicht richtig zuzuhören.

      Meine Strategie, wenn ich mit einem Menschen festhänge ist die: Ich versuche herauszufinden, was an genau diesem Menschen interessant sein könnte, und dazu frage ich dann was bzw. lenke das Gespräch auf mögliche gemeinsame Themen, die ich selbst gut finde.

      Generell wünsche ich mir aber, dass andere sich für mich interessieren, und ich weiß, dass sowas eben auf Gegenseitigkeit beruhen sollte. Deshalb habe ich verschiedene Dinge ausprobiert, um zu beidseitig guten Gesprächen zu kommen. Manchmal klappt es (das ist toll!), manchmal nicht. Aber wie ich festgestellt habe, habe ich durchaus eine hohe Motivation, in Kontakt zu kommen. Je älter ich werde, umso bessere Lösungen finde ich dafür.
      Angry young woman, there’s no way back, so just keep walking.
      Yoko Ono
    • Deine Auflistung kann ich unterschreiben. Mir gehts ganz ähnlich und das Ganze ist im Moment sogar eins meiner größten Probleme. Es interessiert mich nicht wirklich, wenn andere von sich erzählen. Ich frage zwar nach, aber nur, weil man das eben so macht - das war ein langer Übungsprozess, bis ich das "automatisch" konnte. Echtes Interesse ist nur sehr, sehr selten da. Umgekehrt gibts derzeit eigentlich niemanden in meinem RL, dem ich wirklich was darüber erzähle, was in mir vorgeht. Also das, was mir wichtig ist halt.
      Andererseits passiert es mir leider oft, dass ich in eher oberflächlichen Gesprächen mehr von mir erzähle, als ich eigentlich möchte (ich trage leider "mein Herz auf der Zunge" - RW) und mich hinterher tagelang drüber ärgere, weil das oft Menschen sind, denen ich gar nicht so nahe sein möchte :? .

      Mit dem Thema befasse ich mich deshalb grade. Ich habe letztes Jahr eine Therapie angefangen, die Ärzte und auch ich selbst gingen von Depressionen aus. Inzwischen ist klar, dass es zwar möglicherweise mal welche gab, das Problem aber wohl ganz woanders lag. Zwischendrin hieß es mal "Sozialphobie". Das ist aber auch vom Tisch. Neulich meinte die Therapeutin "Sie haben keine Angst vor sozialen Situationen - Sie haben einfach keinen Bock auf Menschen!" Und dann meinte sie, dass sie mich wohl als "schizoide Persönlichkeit" einordnen würde. Ohne das böse "Störung" dazu, denn im Arbeitsumfeld und den meisten sozialen Situationen komme ich ganz gut klar, ich mag sie nur nicht und versuche ihnen aus dem Weg zu gehen, weil sie mich anstrengen. Trotzdem bin ich integriert und habe auch private Kontakte (die ich aufs absolut Nötige beschränke, weil es purer Stress für mich ist, auch wenn ich die Leute eigentlich ganz gern mag).

      Allerdings hätte ich ja nun einen Sohn mit sicher diagnostiziertem Asperger-Syndrom und diese beiden Störungen haben sehr viele Ähnlichkeiten/Gemeinsamkeiten, sodass sie bei mir auch Asperger vermutet. Und mir dringend zur Diagnostik rät. Bisher habe ich immer gedacht, das brauchts nicht, ich komm doch gut klar. Aber jetzt bin ich grade dabei, mich um einen Termin zu kümmern. Die Therapeutin hat angekündigt, die Therapie zu beenden, weil sie mit beiden Diagnosen keine Erfahrung hat und mir deshalb nicht weiterhelfen kann :cry: . Das Gefühl habe ich auch, mir hilft es aber ja schon, dass ich mit jemandem über meine Probleme reden kann (und der nichts weitererzählen darf, im Gegensatz zu Nicht-Ärzten). Denn die sind vorhanden, auch wenn es oft lange dauert, bis ich sie in Worte fassen kann und die Stunde dann schon fast rum ist. Ich hätte ja auch gern engere Kontakte zu einzelnen Menschen, aber das kostet mich jedes Mal so viel Kraft, dass ich schon vorher lieber Nein sage, wenn jemand fragt. Im Urlaub gehts grade so, aber im Alltag ... da brauche ich das bisschen Freizeit für mich allein, um meine Kräfte für den nächsten Tag zu sammeln.


      BlaueStunde wrote:

      Generell wünsche ich mir aber, dass andere sich für mich interessieren, und ich weiß, dass sowas eben auf Gegenseitigkeit beruhen sollte. Deshalb habe ich verschiedene Dinge ausprobiert, um zu beidseitig guten Gesprächen zu kommen. Manchmal klappt es (das ist toll!), manchmal nicht. Aber wie ich festgestellt habe, habe ich durchaus eine hohe Motivation, in Kontakt zu kommen. Je älter ich werde, umso bessere Lösungen finde ich dafür.
      Das ist toll! Magst/kannst du deine Lösungsansätze dafür vielleicht kurz schreiben? Ich komme da überhaupt nicht weiter, weil ich schon gar nicht weiß, wie ich an die Sache rangehen soll :( .
    • Geraldine wrote:



      Das ist toll! Magst/kannst du deine Lösungsansätze dafür vielleicht kurz schreiben? Ich komme da überhaupt nicht weiter, weil ich schon gar nicht weiß, wie ich an die Sache rangehen soll :( .


      Na klar. Ich bediene mich immer sehr gern bei der wunderbaren Website Captain Awkward (Klick), wenn es um soziale und kommunikative Fragen geht. Was ich da schon alles über zwischenmenschliche Dinge gelernt habe, ist super. Dort habe ich auch meine neuesten Gesprächsstrategien geklaut. Ich zitiere dir hier mal den entsprechenden Beitrag. Fragestellung war, wie man mit Leuten ins Gespräch kommt, ohne sich total zu langweilen:


      Captain Awkward wrote:

      Commander Logic, enthusiastic connector, has been going with “What are you nerdy about?” of late, and having great results with it. She is also great at asking people for recommendations for local things and getting them talking about their neighborhood. “Do you have a favorite bakery or coffee joint?” “If you ever have out of town guests, what’s a place you love to take them?”
      I try to think about both context and subjects that are low stakes but that people have strong opinions about. You’d be surprised at how well “What is your favorite sandwich?” at an event where people are eating, people get very excited about sandwiches.
      The “what five objects would someone use to summon you” or “what would create an irresistible You-trap, like, if you walked by this place on the street you’d have to go in and check it out” threads that go around sometimes on social media are pretty good stuff.
      I like questions that get the person to tell me a story about themselves. If you celebrate, what’s the best Halloween costume you ever saw/wore? What was your first ever job? Did you have an imaginary friend when you were a kid? What’s a word that you knew what it meant but never knew how to pronounce? If the universe could give you back one lost item, what would it be? When you were little what did you want to be when you grew up?

      Da finde ich sehr viel Inspiration. Ist leider auf englisch, aber normalerweise alles gut lesbar.

      Ich nutze es auch immer, wenn Menschen Berufe haben, die ich interessant finde. Und ich frage Dinge, die mich schlichtweg selbst beschäftigen. Zum Beispiel neulich auf einem Kindergartenfest unserer Gruppe, ich stand da rum und jemand stellte sich kurz neben mich, und ich fragte: "Fällt es dir eigentlich auch schwer, bei solchen Festen Small Talk zu machen, oder ist das für dich ganz easy? Für mich ist es immer ein bisschen komisch."

      Bei Veranstaltungen, die thematisch mehr oder weniger festgelegt sind, kann man seine Gedanken zum Thema teilen oder andere nach ihren Gedanken dazu fragen.

      Ich persönlich interessiere mich sehr für Psychologie und die "Funktionsweise" von Menschen, deshalb macht es mir eigentlich Spaß, nach einer passenden Kontaktmöglichkeit zu suchen (vorausgesetzt, ich hab noch halbwegs Energie und alles). Ich muss nur immer aufpassen, dass ich nicht zu viel von mir preisgebe oder den anderen nicht nach intimen Dingen frage. Beides irritiert. Aber auch das kann man ein bisschen lernen. Alle Gehirne sind plastisch und damit lernfähig :)

      Themen, von denen ich mittlerweile weiß, dass ich sie nur mit guten FreundInnen besprechen darf:
      - Sex/Treue
      - Verdienst/Geld
      - Feminismus bzw. konkretere politische Meinung
      - Eheprobleme (halt intimere Beziehungsdinge allgemein)
      - umstrittene politische Themen wie Grundeinkommen, Flüchtlingspolitik, Dieselfahrverbot...

      Also, es klappt nicht alles immer. Mir passieren auch Fehltritte und ich ärgere mich im Nachhinein manchmal über mich. Und manchmal gehe ich jedem aus dem Weg, weil ich gar keine Kraft zur Kommunikation habe. Aber so ist das eben. Dafür kommen zuweilen auch tolle, spannende Gespräche zustande, an denen ich aufrichtig Freude habe. Und viele Menschen sind netter, als ich vorher dachte.

      Hilft dir das ein bisschen weiter?
      Angry young woman, there’s no way back, so just keep walking.
      Yoko Ono
    • unikum wrote:

      Hallo zusammen,

      mich würde mal interessieren, in welchem Maße ihr euch für andere Menschen interessiert.

      Mir ist bei mir mal wieder aufgefallen, dass mein Interesse für andere sich doch sehr begrenzt ist wenn man es überhaupt Interesse nennen kann...
      Wie zeigt sich das?

      1. Wenn mir andere was erzählen (und die erzählen immer nur über sich selbst und was sie erlebt haben), dann verliere ich nach ca. 10-15 Minuten die Aufmerksamkeit und wünsche mir nur noch, dass es aufhört.
      2. Ich habe kein Verlangen danach, andere Menschen zu treffen, und mich mit ihnen z.B. Über Stunden zu unterhalten.
      3. Wenn ich gezwungen bin, mich mit anderen zu treffen, ich also mit dabei bin, aber nicht im Vordergrund stehe, dann hab ich nach 1-2 Stunden überhaupt keine Nerven mehr und möchte am liebsten gehen. Das ist selten möglich und dann bekomme ich miese Laune und betrachte das Ganze als Lebenszeitverschwendung.
      4. Ich gehe Menschen am liebsten aus dem Weg um nicht mit ihnen in Kontakt zu geraten.
      5. Ich würde mich als potentiell menschenscheu bezeichnen. Wenn ich alleine leben würde, wäre ich vermutlich sehr kauzig, weil ich keine Rücksicht mehr auf andere nehmen müsste.
      6. Das, was die Menschen sagen und machen, langweilt mich. Ich kenne nur sehr wenige, die ich als interessant bezeichnen würde.

      Was seid Ihr für Typen? Ähnlich? Anders?
      Wer mag was dazu schreiben?
      :nod:

      Als ich dieses Posting gerade gelesen habe, dachte ich zunächst das ist eines von mir. Eines das ich mal geschrieben und schon wieder vergessen hatte.

      Von Punkt 1 bis 6 geht mir das Alles exakt genauso.

      Und besonders faszinierend:
      Meine Frau ist ebenfalls das genaue Gegenteil von mir.

      Und auch ich hatte mal einen Freund - mit der Betonung auf einen.
      Ironie des Schicksals: Der Freund hat vor Jahren den Kontakt mit mir abgebrochen, weil ihm das zu viel wurde (wir haben uns auch nur alle paar Monate mal gesehen).

      Im Großen und Ganzen bin ich mit mir da auch ganz zufrieden.

      Wobei ich immer noch daran zu knabbern habe (RW), wenn mein tatsächlich vorhandenes mangelndes Interesse als persönlich gemeinte Abneigung verstanden wird.
      Und das ich auch nach viel Übung Small-Talk nicht beherrsche, finde ich manchmal ganz schön schade.
      Gespräche übers Wetter, Fußball, Handball - es gelingt mir einfach nicht.

      Das Wetter ist wie es ist und Sport, wo mehrere Leute Bällen hinterherlaufen - ich kann damit nichts anfangen.
    • Teilzeitheld wrote:

      Als ich dieses Posting gerade gelesen habe, dachte ich zunächst das ist eines von mir. Eines das ich mal geschrieben und schon wieder vergessen hatte.

      Von Punkt 1 bis 6 geht mir das Alles exakt genauso.

      Und besonders faszinierend:
      Meine Frau ist ebenfalls das genaue Gegenteil von mir.
      In der Tat ist die Deckungsgleichheit bei diesem Thema erstaunlich :)

      Unter dem Desinteresse leide ich zwar nicht direkt, aber eben indirekt, weil ich Menschen damit abschrecke obwohl ich das gar nicht persönlich meine.
      Wen ich nicht leiden kann, mit dem unterhalte ich mich erst gar nicht. DAS ist dann persönlich gemeint :d

      Meine Frau hat es mehr oder weniger akzeptiert, dass es so ist, wie es ist. Aber glücklich ist sie damit nicht, das weiss ich.
      Sie hat sich dran gewöhnen müssen, dass ich mich vor sozialen Dingen drücke, wann immer es geht und zwingt mich nur zu ihr wirklich wichtigen Veranstaltungen mitzukommen. Gibt es eigentlich den Begriff „Sozialallergiker“ ? Das wäre eine passende Beschreibung für mich ;)

      Der eine Freund, den ich seit über 20 Jahren habe, weiss, dass ER es ist, der sich melden muss und dass dies nich zu oft sein darf.
      So funktioniert das. Würde er sich nicht melden, dann wäre diese Freundschaft längst eingeschlafen und abgestorben... wie so einige in meinem Leben :/
    • Teilzeitheld wrote:

      Wobei ich immer noch daran zu knabbern habe (RW), wenn mein tatsächlich vorhandenes mangelndes Interesse als persönlich gemeinte Abneigung verstanden wird.
      Das scheint den Stolz mancher Menschen zu verletzen - "Wie, Du interessierst Dich nicht für MICH? Für wen hältst Du Dich eigentlich?" Man könnte auch sagen: Sie nehmen sich zu wichtig.
      Besonders heikel kann es werden, wenn man das Interesse jemandes vom anderen Geschlecht nicht erwiedert. Es gibt Leute, die einem das verübeln und nachtragen.
      Achtung, eigene Sprache!

      The post was edited 1 time, last by Eurich Wolkengrob ().

    • @BlaueStunde

      Es freut mich sehr zu lesen, dass jemand sich auch so für Psychologie und deswegen für Menschen interessiert UND eine offizielle Diagnose hat.
      Ich habe einen starken Verdacht seit mehreren Wochen und auch wenn sehr vieles zu passen scheint, zweifle ich ab und zu wegen "zu viel" Interesse an Menschen.

      Bei mir ist es sehr ähnlich, wie du es beschreibst. Small Talk finde ich sehr langweilig, ich gehe ziemlich sofort in die Tiefe.

      Ich treffe immer wieder Menschen (real und virtuell), die diese Tiefe mitmachen, deswegen bin ich auch ziemlich kontaktfreudig. Aber ich gebe mich nicht mit Menschen ab, die nicht tiefgründig reden wollen und vor allem versuche ich Gruppen zu vermeiden. Außer bei Mensa, da kann man zum Glück richtig nerdig sein...