"Das ist kein Autismus... das geht doch vielen so!"

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    • Teilzeitheld wrote:

      grace54 wrote:

      Das "Anderssein" als nicht so schlimm darzustellen, ist oft der Versuch zu verharmlosen.
      Derjenige, der das sagt, will trösten, will "kein Problem" daraus machen.

      Die andere Seite des Selben ist, dass damit auch die Ernsthaftigkeit, die Belastung klein gemacht werden und der Betroffene sich nicht verstanden und ernst genommen fühlt.

      Das ist ja nicht selten so, dass ein Verhalten oder Worte mehrere Auswirkungen hat.

      Ich habe mal zu jemandem tröstend gesagt: Das ist ganz leicht. Ich zeig es dir und wir machen es zusammen.
      Wie überrascht war ich, als ich erfuhr, dass derjenige sich niedergemacht gefühlt hat. Er hatte es nämlich nicht gut geschafft und meine Worte, es sei leicht, wurden aufgefasst, als halte ich ihn für zu doof, sowas Leichtes zu machen.

      Jede Art von Hilfe bringt z.B. auch die Botschaft mit, dass der, dem geholfen wird, es nicht allein schafft.

      Man kann nicht immer alle Möglichkeiten der Interpretation im Kopf haben. Also reden und fragen.
      Was aber, wenn man gar nicht auf die Idee kommt? Oder wenn man etwas anspricht und die Antwort erhält, es sei alles ok, obwohl es nicht so ist?Da wäre ich auch empfindlich.,
      Da wäre ich auch empfindlich.
      Wenn mir jemand sagt etwas ist ganz leicht, setzt mich das total unter Druck.
      Da kann es passieren, dass ich das ganz leichte nicht hinbekomme, weil mein Hirn total blockiert und mich nur um den Gedanken kreisen lässt, dass es doch so leicht ist und ich es doch hinbekommen muss. Die schwere Aufgabe (ohne Einschätzung des Schweregrades) mach ich dann parallel aus dem Handgelenk... ist schon komisch manchmal....

      Gern genommen ist übrigens in den Sommermonaten in Vertretungszeiten im Büro auch gerne folgende Ansage:
      Ach, sie machen Vertretung, naja ich hab' nur ne ganz leichte Frage (den nicht gesagten Halbsatz "für schwierige sind sie ja zu blöd" höre ich dann immer mit).
      Ja, das habe ich später verstanden.
      Aber in dem Moment wollte ich ausdrücken, dass es schwieriger aussieht und beim Tun sich als einfach herausstellt, um diese Person zu ermutigen.
      Es ging übrigens darum, einen Rührteig herzustellen.

      Das ist nun mehr als dreißig Jahre her, aber ich habe mich so geschämt damals, als ich es verstanden habe, dass ich es nie vergessen habe.
      Passiert euch so etwas auch?
    • Willowtree wrote:

      Bzgl. Selbstdiagnose nochmal der allgemeine Hinweis, den man hier im Forum nicht oft genug wiederholen kann: Bei den Autismusexperten in den Spezialambulanzen erhalten nur etwa ein Drittel der Personen, die sich dort vorstellen (alles Leute mit Verdacht, in der Regel mit sehr langer Wartezeit), auch die Diagnose.
      Insofern ist es riskant, ohne diagnostische Abklärung schon sein Selbstverständnis oder gar die Identität auf Autismus aufzubauen. Wenn dir Autismus schon so wichtig ist, dass du dich damit gegenüber anderen outest, solltest du es diagnostisch wirklich von Experten abklären lassen.
      :thumbup:

      Ich kenne den Ausspruch, dass das eher eine Charaktereigenschaft oder eine Eigenheit ist. Allerdings sind eben die Intensität und die Häufung ausschlaggebend. Ich kenne eigentlich keinen NT, der aufgrund von Reizüberflutung keinen Führerschein machen konnte, so als Bsp. Und so direkt wie ich sind sie auch nicht, auch wenn viele sich für ehrlich halten. Außerdem habe ich zB so eine Sensibilität gegenüber Kleidung, dass ich bald nackt rumlaufen muss. :d

      Wenn Leute gar nichts zur Autismusdiagnose sagen, ist aber auch seltsam. Entweder kennen sie sich gut damit aus oder man wirkt doch seltsamer als man ist.
    • Hase wrote:

      Typischer Weise bekomm ich dann eigentlich immer zu hören: "Das ist kein Autismus... das geht doch vielen so!"
      Ich bekam diesen Satz auch schon zu hören und zwar von einer Psychotherapeutin: "Du hast keinen Autismus... soziale Unsicherheiten kennt doch heutzutage jeder. Autismus mutiert doch eh immer mehr zur Modediagnose".
      Ich habe mittlerweile 4 Gutachten vorliegen: 3 von Fachärzten (davon von 2 Chefärzten) und 1 neuropsychologisches von einem Sachverständigen. Die habe ich zu einer anderen Psychotherapeutin mitgenommen die von ihr keinerlei Beachtung fanden, stattdessen hatte sie aber nach 30 Minuten Gespräch sofort eine Diagnose für mich parat: "Autismus hast du nicht, du siehst mir so klar in die Augen und bist reflektiert..... du hast eine Bindungsstörung und PTBS". Wie sie darauf kommt ist mir schleierhaft. Entweder werde ich in dem was ich sage nicht ernst genommen oder es gibt Therapeuten die meinen mich aus einem Leid erretten zu müssen wo kein Leid ist und wenn ich das mitteile dann kommt postwendend, ich würde nur verdrängen.


      Ich werde seit 17 Jahren psychiatrisch und psychotherapeutisch begleitet, ich bin medikamentös austherapiert, stationäre Aufenthalte sind bei mir nicht möglich da ich schwerwiegende psychosomatische Symptome entwickle und darunter auch schon großflächige Gewebseinblutungen hatte. Psychotherapie ist bei mir nicht angeraten sondern ein soziales Coaching. Das alles spricht für mich eine klare Sprache und von daher ist mir das mittlerweile völlig wurscht was sich andere denken. Ich habe aufgehört anderen AS zu erklären oder ihnen irgendwas begreiflich zu machen. Jeder hat bei Interesse die Möglichkeit sich einzulesen und wer das nicht will und auch sonst nur Widerworte findet der ist dafür nicht offen, ganz gleich was man sagen würde. Selbst wenn man meinetwegen psychische Erkrankungen heran zieht dann fände man dafür auch jede Menge Erklärungen: Depression: jeder ist mal trauig, jeder ist mal müde..... die Leute kapieren nicht, dass es vorrangig nicht um Symptombeschreibungen geht sondern um die Intensität, um die Ausprägung.
    • WelleErdball wrote:

      Hase wrote:

      Typischer Weise bekomm ich dann eigentlich immer zu hören: "Das ist kein Autismus... das geht doch vielen so!"
      Ich bekam diesen Satz auch schon zu hören und zwar von einer Psychotherapeutin: "Du hast keinen Autismus... soziale Unsicherheiten kennt doch heutzutage jeder. Autismus mutiert doch eh immer mehr zur Modediagnose".Ich habe mittlerweile 4 Gutachten vorliegen: 3 von Fachärzten (davon von 2 Chefärzten) und 1 neuropsychologisches von einem Sachverständigen. Die habe ich zu einer anderen Psychotherapeutin mitgenommen die von ihr keinerlei Beachtung fanden, stattdessen hatte sie aber nach 30 Minuten Gespräch sofort eine Diagnose für mich parat: "Autismus hast du nicht, du siehst mir so klar in die Augen und bist reflektiert..... du hast eine Bindungsstörung und PTBS". Wie sie darauf kommt ist mir schleierhaft. Entweder werde ich in dem was ich sage nicht ernst genommen oder es gibt Therapeuten die meinen mich aus einem Leid erretten zu müssen wo kein Leid ist und wenn ich das mitteile dann kommt postwendend, ich würde nur verdrängen.


      Ich werde seit 17 Jahren psychiatrisch und psychotherapeutisch begleitet, ich bin medikamentös austherapiert, stationäre Aufenthalte sind bei mir nicht möglich da ich schwerwiegende psychosomatische Symptome entwickle und darunter auch schon großflächige Gewebseinblutungen hatte. Psychotherapie ist bei mir nicht angeraten sondern ein soziales Coaching. Das alles spricht für mich eine klare Sprache und von daher ist mir das mittlerweile völlig wurscht was sich andere denken. Ich habe aufgehört anderen AS zu erklären oder ihnen irgendwas begreiflich zu machen. Jeder hat bei Interesse die Möglichkeit sich einzulesen und wer das nicht will und auch sonst nur Widerworte findet der ist dafür nicht offen, ganz gleich was man sagen würde. Selbst wenn man meinetwegen psychische Erkrankungen heran zieht dann fände man dafür auch jede Menge Erklärungen: Depression: jeder ist mal trauig, jeder ist mal müde..... die Leute kapieren nicht, dass es vorrangig nicht um Symptombeschreibungen geht sondern um die Intensität, um die Ausprägung.
      Leider ist aber das wohl genau das Problem.

      Die Diagnose ist nicht valide.

      Die Darstellung in den Medien eher unglücklich und sehr eindimensional.

      Ich kenne das aus dem Kindergarten in dem meine Ehefrau arbeitet.

      Jedes "besondere" Verhalten wird gerne von sozialpädagogischen Fachfkräften, Heilpädagogen etc. mit Fragen quittiert wie "Habt ihr schon mal auf Aspeger, wahlweise auch ADHS oder Hochbegabung" testen lassen.

      Das betrifft dann aber alle Kinder, die die gerade mal wieder jemand anderes verprügelt haben, die, die Einrichtungsgegenstände zerstören und auch die, die ein absonderliches Sozialverhalten an den Tag legen. Die Diagnosen sind dann ebenso zahlreich, wie zufällig und eben häufig auch unzutreffend.

      Tatsächlich gibt es in Deutschland (wie es in Österreich ist, ist mir nicht bekannt) nur ganz wenig Ärzte und Therapeuten, die durch Sachkenntnis oder gar ein eigenes Erfahrungsspektrum mit dem Thema verfügen. Als ich 2007 das erste Mal hier und dort mal die Diagnose erwähnte, mussten die meisten Ärzte noch nachschlagen, was das sein soll.
      Die praktizieren alle heute auch noch.

      Mir ist allerdings das Verständnis anderer Leute für meine Leiden und/oder Einschränkungen sehr egal.
      Von meiner Diagnose wissen meine Frau und meine Eltern (die das für Hokuspokus halten).
      Ansonsten erlaube ich mir durch d Diagnose einfach mehr ich selbst zu sein und das ohne schlechtes Gewissen.
      Manche halten mich deshalb vielleicht für einen Eigenbrödler, andere für einen arroganten Fatzke - das was schon immer so.
      Heute weiß ich es halt besser....
    • Teilzeitheld wrote:

      Tatsächlich gibt es in Deutschland (wie es in Österreich ist, ist mir nicht bekannt) nur ganz wenig Ärzte und Therapeuten, die durch Sachkenntnis oder gar ein eigenes Erfahrungsspektrum mit dem Thema verfügen. Als ich 2007 das erste Mal hier und dort mal die Diagnose erwähnte, mussten die meisten Ärzte noch nachschlagen, was das sein soll.
      Die praktizieren alle heute auch noch.
      Österreich ist dahingehend furchtbar aufgestellt wobei es im Osten Österreichs, in der Gegend Niederösterreich, Wien besser ist. Hier hinken Ärzte und Therapeuten weit hinter den Deutschen hinterher. Ich hatte 5 Jahre in Kiel gelebt, bin noch ab und zu dort und war bei einem guten Verhaltenstherapeuten in Hasseldieksdamm mit dem ich zwischenmenschlich sehr gut zurecht kam und der mich zum ersten Mal auf das Thema AS aufmerksam machte aber auch dazu sagte ich solle zu einem Diagnostiker gehen der sich explizit damit beschäftigt da ihm das Wissen- und die Möglichkeiten für eine Austestung fehlen. Es gibt hier in Tirol, bundeslandweit genau 1 Anlaufstelle bei einem Sachverständigen bei dem jede Diagnostik als Privatleistung verrechnet wird. Ich hatte eine Unterstützung aber es ist sicher nicht jedem möglich 400 Euro für ein Gutachten zu zahlen. Die nächste Anlaufstelle ist über 200km weg, die zwar auf Kassenleistung austesten aber ohne ADOS.

      Bei mir es auch so wie bei dir: Meine Eltern wissen Bescheid, mein Verlobter der auch selbst AS hat, die Verwandtschaft weiß nur wage von meinen Eltern Bescheid und das wars und jeder andere kann sich denken was er mag.

      The post was edited 1 time, last by WelleErdball ().