Gedanken zum Thema Kindheit / Differenzierungen Autismus oder "normal"

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    • Gedanken zum Thema Kindheit / Differenzierungen Autismus oder "normal"

      Ich bin schon seit einer Weile dabei, das Diagnosenchaos meiner Kindheit ein wenig zu sortieren, und dabei kommen mir immer wieder bestimmte Gedanken, die sich aus meinen Erinnerungen und dem, was ich heute denke und erlebe, ergeben. Ich mache mir viele Gedanken um mich als Kind und auch um andere Kinder, um meine Sicht auf den Begriff "normal" etwas gerade zu rücken.
      Das Ding bei mir ist, dass ich mit meiner AS-Diagnose echt nicht klar komme, und inzwischen bin ich mir sogar recht sicher, dass sie nicht zutrifft. Ich habe meine Borderline-Diagnose, mit der ich wesentlich besser zurecht komme, und anhand der ich weit mehr Fortschritte mache als zuvor, als ich unter AS-Etikett behandelt wurde.

      Nun mache ich mir eben Gedanken darum, was ich als Kind gebraucht hätte, um weniger still und ängstlich zu sein. Ich weiß, dass man das nicht übertreiben sollte, dieses "Was wäre gewesen, wenn ...?", aber ab und zu kommen diese Gedanken eben auf.
      Ich habe eine kleine Cousine, die ich recht oft sehe, sie ist vier Jahre alt und ein ganz offenes, fröhliches, lebhaftes Kind. Und immer, wenn ich mit ihr spiele, frage ich mich eben "Was hätte ich als Kind gebraucht, um auch so zu sein?"

      Ich will meinen Eltern keinen Vorwurf machen, ihnen nicht die Schuld geben, weil ich weiß, dass meine Eltern beide selbst unter nicht ganz einfachen Umständen aufgewachsen sind. Insbesondere meine Mutter ist selber ein ängstlicher Mensch und wenn sie mir von ihrer Kindheit und Jugend erzählt, ist da viel, wo ich denke, dass sie diese Ängstlichkeit einfach an mich weiter gegeben hat. Ängstlichkeit, nicht Autismus!
      Das ist ein ganz wichtiger Punkt für mich: Ich bin nicht "behindert geboren", mein Hirn ist nicht "neurologisch anders", sondern es sind Umstände zusammen gekommen, die mich so gemacht haben. Ich bin das erste Kind meiner Eltern, ich war als sehr kleines Baby mal allein im Krankenhaus, habe wie gesagt ängstliche Persönlichkeiten in meiner Familie, wir haben in der Familie schädliche Prägungen erfahren (meine Eltern UND meine Großeltern sind streng religiös geprägt worden) und da ist noch einiges mehr.

      Was ich nun damit sagen will, ist:

      Ich möchte, dass da genau hingeschaut wird. Wenn ihr jemanden vor euch habt, der still und ein bisschen anders ist ... "Autismus" kann ein ziemlicher Hammer für jemanden sein, der das eigentlich nicht ist. Bei mir hat mir dieses Wort meine Gefühle und Träume fast zerstört. Ich möchte einfach, dass da genauer differenziert wird. Ein stiller, schüchterner Mensch mit ein, zwei besonderen Hobbys ist NICHT immer gleich ein Autist! Und das Wort "autistisch" wird heutzutage viel zu oft benutzt.
      Mir war und ist immer wichtig, dass man mich als mich selbst nimmt und sieht.

      Ich möchte mich jetzt an Eltern wenden, und an Menschen, die jemanden kennen, der die Diagnose "Asperger" hat:
      Bitte, seht diesen Menschen als Persönlichkeit an, auch manchmal ganz abseits der Diagnose. Nicht alles, was er/sie* mag und interessiert, ist gleich "Spezialinteresse", nicht jede gründliche Arbeitsweise ist gleich autistisch, und manchmal kann es sehr wichtig sein, zwischen scheinbarem "Desinteresse an Menschen" und "Schüchternheit" im Sinne von "Ich will zu den Menschen, aber ich hab Angst, ich trau mich nicht" zu unterscheiden. Dieser Unterschied ist zB in meinem Fall sehr wichtig.
      Vieles, was man so zu Autismus und Asperger liest und hört, kann einen verleiten, den so diagnostizierten Menschen keine Entwicklung in Richtung Normalität zuzutrauen. Ich habe zB eine Verwandte, die immer noch davon ausgeht, dass ich nicht umarmt werden will, obwohl ich das inzwischen sehr möchte, und die nicht versteht, dass ich mich verändert habe. Das verletzt mich jedes Mal sehr.
      Klar gibt es Fälle, die mit sich zufrieden sind und einfach in ihrem Autismus leben. Das weiß ich. Aber um diese Menschen geht es mir hier nicht. Ich habe so einen Kollegen, der ist starker Autist, teilt sich wirklich kaum mit, und vielleicht ist er so zufrieden und braucht die Dinge, die ich mir für mich wünsche, gar nicht. Ich weiß es nicht, man kriegt aus ihm keine Antworten heraus ...
      Aber darum gehts mir jetzt auch nicht. Mir geht es hier gerade um die Menschen, die sowieso im Grenzbereich des "Asperger-Spektrums" stehen. Weil, gerade die Kinder können oft ihre wahren Bedürfnisse noch nicht so äußern, dass man sie richtig versteht. Ich wurde sehr, sehr oft missverstanden, und ich möchte einfach ein wenig versuchen, etwas zu erreichen, dass das anderen nicht passiert.

      So. Entschuldigt diesen Roman von Text, aber das brannte mir gerade sehr unter den Nägeln (<- Redensart)
    • Jetzt antworte ich hier mal vor dem Hintergrund, dass ich eben zu deiner anderen Frage schon geschrieben habe. Könnte es sein, dass du selbst damit:

      Kyoukai wrote:

      Bitte, seht diesen Menschen als Persönlichkeit an, auch manchmal ganz abseits der Diagnose.
      gewisse Schwierigkeiten hast?
      Ich kann und will nichts zu deiner Diagnose sagen, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass mir scheint, dass du selbst zu glauben scheinst, durch eine Diagnose definiert zu sein. Du bist nicht deine Diagnose, egal welche du hast oder nicht hast. Eine Diagnose ist das Wort, das am ehesten ein bestimmtes Muster eines Teils deiner Persönlichkeit beschreibt zu dem Zeitpunkt, als jemand sich intensiv mit derselben befasst hat. Mehr erst mal nicht. Du bist viel mehr als dieses Muster, und du bist nicht verpflichtet dazu, dich ans Lehrbuch zu halten und dich "diagnosekriteriengerecht" zu entwickeln :)
      Dass andere, besonders Familienmitglieder, sich schwertun damit, dass man sich entwickelt und verändert, ist völlig normal und hat nichts mit Diagnosen zu tun, das ist ein völlig normales menschliches Phänomen. Nicht umsonst wollen junge Menschen oft gerne endlich raus aus dem Elternhaus, um nicht mehr an die Erwartungen der Eltern gebunden zu werden.
      Ich denke, sobald du dich innerlich befreien konntest von deinem eigenen "Diagnosen-Denken", können dich auch andere nicht mehr einengen.
      Vielleicht könntest du das bei deiner Therapie ansprechen?