In Gruppensettings nur "drehbuchgemäße" Gedanken / Gefühle äußern?

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    • In Gruppensettings nur "drehbuchgemäße" Gedanken / Gefühle äußern?

      Habe lange überlegt, wie ich die Sache knapp genug formuliere, dass es als Threadtitel passt, und hoffe das trifft nun die Sache halbwegs auf den Punkt. Es geht um eine Sache, die jetzt kein akutes Problem für mich darstellt, aber mir (und euch vermutlich auch) im Leben schon des Öfteren untergekommen ist und es vielleicht auch in Zukunft wird.

      Als Rahmensetting sind hierbei offizielle, moderierte Gruppensettings gemeint, wie sie vor allem in therapeutischen Settings (z. B. Tagesklinik, stationärer Aufenthalt, soziales Kompetenztraining, ...) aber relativ oft auch in edukativen Settings (z. B. Schule, Berufsschule, Seminare, Weiterbildungskurse, in bestimmten Fällen auch im Studium) zu finden sind.

      Gemeint sind Settings, in denen an bestimmten Punkten Leute gezielt dazu aufgefordert werden, ihre Gedanken und Gefühle zu äußern, entweder allgemein oder auf ein bestimmtes Thema bezogen. Typische Zeitpunkte, zu denen das passiert, wären die Folgenden:

      1. Die Blitzlichtrunde (Zu Beginn des Treffens soll jeder mal kurz(!) etwas zu seiner aktuellen Stimmung sagen und diese begründen)

      2. Bewertende Äußerungen nach erfolgten gemeinsamen Übungen oder handwerklichen Arbeiten. (Hierbei geht es nicht oder nicht nur um die Bewertung des Produkts sondern besonders darum, was es für Gefühle in einem ausgelöst hat.)

      3. Die Schlussrunde (hier soll jeder nochmal kurz was sagen zu seinem Befinden und seiner Zufriedenheit mit der Session, was jedoch nicht mehr von anderen kommentiert werden soll).


      Da so viel bezüglich der Gefühle gefragt wird (und da es z. B. selbst bei stationären Aufenthalten nur selten die Möglichkeit gibt z. B. in einem Einzelsetting mit einem Therapeuten darüber zu sprechen) sollte man wohl annehmen, dass man seine Gefühle und Gedanken ehrlich äußern kann / soll und man deswegen keine Vorwürfe bekommt und dass dieses offene äußern heilsam ist und / oder hilfreich für die Gruppe. Nach meinen bisherigen Lebenserfahrungen scheint mir jedoch, dass das gar nicht erwünscht ist, sondern man im Grunde (notfalls auch geheuchelt9 nur die Dinge sagen soll, die vom moderator so vorgesehen waren und die zudem hübsch in den vorgesehenen zeitlichen Rahmen sich einbetten lassen. Ich muss oft innerlich die Augen verdrehen, wenn ich Teilnehmer Dinge sagen höre, die so perfekt dem entsprechen, was die Moderatorin sich vermutlich gewünscht hat, dass ich stark zweifeln muss, ob das ehrlich ist oder ob sie mit ihren Äußerungen nur dafür sorgen wollten, dass alle anderen sich gut fühlen bzw. gebauchpinselt fühlen.

      Da fragt man sich dann im Falle von therapeutischen Settings, wo da nun die Therapie bzw. die therapeutische Wirkung ist. Inzwischen denke ich, die eigentliche Idee ist kein wirkliches Eingehen auf den Einzelnen sondern vielmehr eine erhöhe Gleichschaltung der Gefühle (man kann sich wunderbar an den Äußerungen der Vorredner orientieren) und die Grundidee, dass man durch das Gruppenerlebnis Sicherheit und Stimmungsanpassung gewinnt (und im Falle einer fortlaufenden Gruppe auch immer mehr als Gruppe zusammenwächst und dadurch gesund wird), was bei NTs ja auch oft wohl funktioniert aber bei Autisten eher seltener. Und wer in seinen Äußerungen vom Drehbuch abweicht, kann leicht diese angestrebte Gruppenharmonie stören. Somit wäre der unausgesprochene Appell: "Wir fragen zwar aber wir sind gar nicht wirklich daran interessiert, wie du empfindest. Wenn deine Gefühle nicht zu dem passen, was wir uns wünschen, versteck sie lieber und halte dich ans Drehbuch!" Das ist ungünstig, denn wie ich erst kürzlich wieder gelesen habe, ist gerade, wenn die eigenen gefühle nicht okay sind und nicht klar geäußert werden (oder bestimmte Gefühle quasi verboten sind), dann trägft das nicht zu Gesundung bei sondern im Gegenteil. Und auch gerade bei der Pädagogik mit Kindern hat das fatale, verheerende Folgen auf lange Sicht, da es die Persönlichkeit auf eine Art formt, die später zu Problemen führt. Und wenn diese dann therapeutisch behandelt werden sollen und man auf oben genanntes Setting stößt, beißt sich die Katze in den Schwanz. Da wirken dann bestimmte Patienten so angepasst und pflegeleicht und in Wahrheit wurde ihnen gar nicht geholfen.

      Ich gehe mal kurz auf die Problempunkte der einzelnen Phasen ein.


      1. Das Blitzlicht: Hier soll man seine Gefühle kurz äußern. Wie gesagt: Ganz kurz. Das erste Mal untergekommen sind mir Blitzlichtrunden in einem therapeutischen Setting vor vielen Jahren. Damals ging es mir nicht so gut. Ich war überfordert mit Blitzlichtrunden denn wie es mir aktuell ging, ließ sich immer nicht mit ein-zwei Worten schildern sondern da stand eine ganze Geschichte dahinter, die ich erklären musste / müsste, um zu erklären, wie es mir geht. Aber das war nicht erwünscht, da es den zeitlichen Rahmen sprengte. Also bin ich dazu übergegangen auf die Blitzlichtfrage nach dem Befinden gar nicht mehr zu antworten, denn eine "unfertige" Antwort, die so nicht nachvollziehbar ist, wollte ich nicht geben. Und hätte ich das getan, also z. B. nur gesagt: "Mir geht es schlecht" (ohne Erläuterung) hätte sich mir auch der Sinn dessen verschlossen. Das wäre als Antwort nun widerum doch zu knapp gewesen und hätte die Neugier geweckt. Ich konnte nur ganz oder gar nicht, also habe ich halt gar nicht. Als mir Jahre später in edukativen Settings, wo ich eh meine Probleme für mich behalten wollte, die Blitzlichtfrage gestellt wurde, habe ich halt oftmals etwas unverfängliches geantwortet wie z. B. "Ich bin müde" oder "ich habe Kopfschmerzen". Und inzwischen hatte ich auch halbwegs gelernt, Kurzantworten zu meinem Befinden zu geben.

      2: Äußerungen nach gemeinsamen Übungen oder nach handwerklicher Produktion: Hier soll es offenbar hauptsächlich darum gehen zu sagen, wie toll man die Übung fand und wie sehr sie einem geholfen hat. Äußerungen, die negativ oder abwertend sind, könnten die Leiterin vor den Kopf stoßen. Das gilt selbst für ein: "Ich kannte das alles schon, daher hat es mir nichts gebracht". Auch ein: "Mir war die Übung aus dem und dem Grund unangenehm" kann Unruhe in die Gruppenharmonie bringen und will daher gut überlegt sein. Selbst die Äußerungen zu handwerklichen Prozessen können schnell für aggressive Reaktionen anderer Teilnehmer sorgen. Beispielsweise musste ich mal ein Tier aus bunten Stoffresten machen, die dort rumlagen. In der Auswertung sagte ich dann sowas wie, dass ich es nicht mag, wenn ein Tier nicht seine echten Farben hat sondern man irgendetwas Buntes verwendet, und dass ich daher froh war, dass ich ein reingelbes und ein reinoranges Stück Stoff gefunden habe, aus dem ich mein Entenküken nähen konne. Obwohl dies der Wahrheit entsprach und mein echtes Empfinden widerspiegelte und es ja auch letztlich eine positive Äußerung zu meinem Resultat war (die Bewertung der Resultate der anderen war nicht vorgesehen und lag auch nicht in meiner Absicht), hat meine Äußerung eine Art Offline-Shitstorm ausgelöst. Die haben es wohl so empfuinden als wenn ich meinte es sei nicht okay, dass ihnen Tiere in nicht der Natur entsprechenden Farben gefallen. Dabei haben sie eher umgekehrt zum Ausdruck gebracht, dass es nicht okay ist, dass ich sie nur in den echten Farben mag und nicht in buntkariert oder so. Meine wahren Empfindungen waren also nicht gewünscht da sie nicht dem entsprachen, was jeder gerne hören wollte.

      3: Die Schlussrunde: Die ist sowieso problematisch eben gerade, da die Äußerungen nicht kommentiert werden dürfen. Würde da jemand etwas sagen, das beispielsweise als harsche Kritik empfunden wird, würden die anderen automatisch die Regel brechen und es doch kommentieren wollen und so würde die Session in Streit enden. Daher sollte man möglichst sich gerade auch in der Schlussrunde nur positiv äußern, also sowas sagen wie dass einem alles voll Spaß gemacht hat, dass die Moderatorin einen tollen Job gemacht hat, dass man sich dafür bedankt und dass man sich jetzt besser fühlt als zu Anfang der Session.

      *seufz*

      Ich glaube ich halte mich doch lieber fern von solchen Settings. Zu viel Heuchelei und zu viel "Drehbuch" und zu viele Möglichkeiten, anzuecken. Als mir das letzte Mal so etwas unterkam, habe ich es abgebrochen. Ist einfach zu süßlich und keine Chance sich in der Gruppe mit den wahren Gefühlen außeinanderzusetzen. Wenn man das doch versucht, gibt es immer Streit und am Ende harsche Kritik gegen mich bzw. gegen die Person, die den Gruppenfrieden stört, indem sie anderer Meinung ist.

      Frage mich auch manchmal, wie ich selbst es wohl anstellen / besser machen könnte, wenn ich mal solch eine Gruppe leiten soll, oder ob ich einfach alles genau so machen soll, wie ich es eigentlich irgendwie hasse.

      Auch frage ich mich, ob ich wirklich die einzige bin, die anders empfindet, oder ob die anderen nur mehr heucheln. Jedenfalls äußern andere deutlich seltener in solchen Gruppen Negatives und wenn doch, geht es meistens gegen mich. Zwar werden Moderatoren nicht immer von allen nur über den grünen Klee gelobt aber die Tendenzen gehen schon in die Richtung. Dass manchmal aber auch doch zur Äußerung von Verbesserungsvorschlägen aufgerufen wird, macht die Sache um so komplizierter. Da weiß man dann nicht welche man wirklich äußern darf und in welchem Umfang, zumal es vor aller Ohren ist. Oder ob selbst die Frage nach solchen Äußerungen eigentlich gar nicht ernst gemeint ist. Und wenn doch mal jemand "querschießt", ohne dass es mit mir zu tun hat, also z. B. jemand in der Schlussrunde ein neues Fass aufmacht oder sonstwie zu stark seine nicht ganz so Eididei-Gedanken einbringt, erhält auch die Person oftmals harsche Kritik für ihr Verhalten bzw. für ihre Kritik.

      PS: Mögliche Gründe, aus denen man eine Übung als unangenehm empfinden kann:

      1. Die Übung erzeugt einem Atembeklemmungen oder Hyperventilation (geht mir z. B. bei Entspannungsübungen mit kontrollierter Atemführung so)
      2. Man empfindet die Übung als kindisch / albern / Zeitverschwendung / erniedrigend / ehrenrührig
      3. Es ist eine Übung, von der man weiß, dass alle anderen sie gut hinbekommen werden nur man selber nicht und man dadurch dann blöd dasteht (geht mir zum Beispiel so bei Übungen, wo man sich schnell die Namen der anderen Teilnehmer einprägen soll und Ähnliches)
      4. Man hat die Übung schon zu oft irgendwo machen müssen, obwohl man sie immer doof fand
      5. Die Übung widerspricht dem eigenen Denken (geht mir zum Beispiel so bei Übungen, wo viel über Symbolismus gearbeitet wird, wo also die Objekte oder Tiere und ihre Handlungen / Positionierungen nicht wirklich als sie selbst gemeint sind sondern für irgendetwas stehen sollen).
      6. Die Übung beinhaltet etwas, wovor man sich ekelt oder was bestimmte Ängste triggert aufgrund von negativen Erlebnissen der Vergangenheit (ging mir z. B. so, als man sich gegenseitig mit Bällen aus zerknülltem Papier bewerfen sollte).
      7. Die Übung geht einem zu weit, da man z. B. Dinge anderen mitteilen soll, die einem zu privat / zu persönlich sind. (Das kann selbst passieren bei Themen, die die Gruppenleitung als unverfänglich eingeschätzt hat, was aber bei einzelnen Teilnehmern ein Fass aufmachen kann, von dem sie nichts ahnt. Oder der eine Teilnehmer ist mit den anderen einfach noch nicht eng genug vertraut, um sich so öffnen zu mögen.)
      8. Die Übung ist zu körperlich, unterschreitet die eigene Individualdistanz, missachtet bestimmte sensorische Empfindlichkeiten oder Ähnliches.

      Usw.

      Wer solch eine Übung anhand seiner Erfahrungswerte schon im Vorfeld ablehnt, kann erstrecht als die Gruppenharmonie störender Gruppensprenger empfunden werden, selbst wenn die Gruppenleitung diese Entscheidung akzeptieren sollte.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.

      The post was edited 5 times, last by Lex ().

    • Lex wrote:

      Da so viel bezüglich der Gefühle gefragt wird (und da es z. B. selbst bei stationären Aufenthalten nur selten die Möglichkeit gibt z. B. in einem Einzelsetting mit einem Therapeuten darüber zu sprechen) sollte man wohl annehmen, dass man seine Gefühle und Gedanken ehrlich äußern kann / soll und man deswegen keine Vorwürfe bekommt und dass dieses offene äußern heilsam ist und / oder hilfreich für die Gruppe. Nach meinen bisherigen Lebenserfahrungen scheint mir jedoch, dass das gar nicht erwünscht ist, sondern man im Grunde (notfalls auch geheuchelt9 nur die Dinge sagen soll, die vom moderator so vorgesehen waren und die zudem hübsch in den vorgesehenen zeitlichen Rahmen sich einbetten lassen.
      @Lex

      Ich finde mich in deinem Text sehr wieder. Insbesondere den obigen Abschnitt kann ich so aus meinem Erleben in therapeutischen Gruppensettings bestätigen.

      Ich wundere mich jedesmal wieder, was in Abschlussrunden gesagt wird. Ich bräuchte immer sehr viel mehr Zeit, um meine Gedanken in Abschlussrunden mitzuteilen und fragte mich dann oft, wie die Teilnehmer das so schnell zusammenfassen können. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass die meisten vermutlich gar nicht das sagen, was sie selbst denken, sondern vermutlich eher das, was sie glauben, was erwartet wird. Ich könnte auch kotzen, wenn in Gruppenrunden dann so Standardantworten kommen, wo man schon am Tonfall und der Ausdrucksweise hört, dass die Person das nicht aus voller Überzeugung sagt, sondern weil es so erwartet wird. Selbst dann wenn die Übungen in der Gruppe wirklich ein Reinfall waren oder überhaupt nicht viel bei rum kam, kamen dann häufiger Antworten, wo ich mir dachte "Hallo? Waren wir beide gerade im selben Raum anwesend?" Aber irgendwie scheinen die Leute dann auf mich nicht den Eindruck zu machen, als würden sie merken, was sie da tun. Sie kommen mir oft so vor, als würden sie das wirklich so meinen. Ich habe keine Ahnung, ob man selbst vielleicht so darauf getrimmt sein kann, was die Leiterin hören will, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, was man selbst fühlt.
      Wenn dann in einer Abschlussrunde vor mir ein paar solcher (meiner Meinung nach) schleimigen Antworten kommen, traue ich mich manchmal gar nicht mehr, meine wirklichen Gedanken zu sagen. Ich falle dann auch häufiger mit meinen Antworten auf oder sage, dass ich mit dem Feedback überfordert bin und nichts sagen will (weil mich dieser Konformitätsdruck so stresst).
      Vielleicht belügen sich die Therapeuten dahingehend auch selbst und glauben, dass das eine ehrliche Abschlussrunde sei, aber eigentlich wollen sie gar nichts Ehrliches hören?

      Ich kann genauso bestätigen, dass es ausdrücklich NICHT erwünscht ist, die wirklichen Gefühle von Patienten in Gruppensettings zu hören (es sei denn die Gefühle sind ausschließlich positiv und beziehen die Gruppe und die Therapeuten mit ein). Die meisten Therapeuten sind meiner Erfahrung nach so unprofessionell, dass sie nicht damit zurechtkommen, wenn man sagt, dass man verärgert ist, dass die Übungen so und nicht anders verlaufen sind (z. B. anders als es im zugehörigen Buch steht oder anders als vorher abgesprochen) oder dass man enttäuscht ist, dass jeder nur so wenig Redezeit hatte und nur so wenig geübt werden konnte. Man sollte auch tunlichst vermeiden zu sagen, dass man das meiste schon kannte und leider nicht viel Neues dabei war und man deswegen nicht wüsste, ob einem das Ganze etwas gebracht hat :m(:
      Besonders verheerend wird es, wenn man zugibt, dass man ein negatives Gefühl in Bezug auf die Behandler oder die anderen Teilnehmer empfindet. Statt, dass so ein Gefühl dann aufgearbeitet wird (ich kenne es eigentlich so, dass Störungen in der Gruppe immer Vorrang haben sollten und angesprochen werden sollten), kommt dann eher ein Gegenargument von anderen Teilnehmern wie "alsooo ICH fand es ganz toll wie Frau XY das gemacht hat!!!!" oder "WIESO??? Person XY hat doch nur ... gemacht" und der/die Therapeutin sagt darauf nichts mehr, so dass man selbst wie der Buhmann dasteht.
      Deshalb lasse ich es auch manchmal sein, meine Gefühle zu äußern, weil ich keine Lust darauf habe, dass dann darauf rumgehackt wird oder die nicht gewertschätzt werden. Denn man kann als Therapeut auch durchaus Gefühle wie Ärger oder Wut eines Teilnehmers wertschätzen und stehenlassen. Ich will damit nicht sagen, dass diese Gefühle in der Gruppe ausagiert werden sollten, aber wenn jemand in einer Abschlussrunde sagt, dass er auf den einen Vorfall wütend ist, weil... (und der Grund nicht an den Haaren herbeigezogen ist), dann sollte man als professioneller Therapeut damit umgehen können und dann zumindest sowas antworten können wie: "ich kann verstehen, dass Sie das wütend gemacht hat. Meinen Sie, dass Sie dennoch so aus der Gruppe gehen können oder wollen Sie noch etwas ansprechen?".

      Auch in Einzeltherapien habe ich schon sehr schlechte Erfahrungen damit gemacht, negative Gefühle, die ich gegenüber einem Therapeuten hatte, auszudrücken. Da wurde dann nicht darauf eingegangen, was diese Gefühle ausgelöst hat, sondern der Therapeut hat sich angegriffen gefühlt und war dann eher drum bemüht, das angeblich falsche Bild, das ich von ihm hatte, zurechtzurücken. Wenn ich dann äußere, dass ich den Eindruck habe, dass die Person gerade mehr darum bemüht ist, als auf einer Meta-Ebene das Geschehene zu überblicken und mir zu helfen, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass die Situation eskaliert. Ich denke mir dann immer, eigentlich müssten die Leute doch froh sein, dass ich so etwas so schnell erfasse, aber leider sind wohl selbst Therapeuten nicht daran interessiert, aufgezeigt zu bekommen, wenn sie ungünstig reagieren.

      Meiner Meinung nach sind gerade in Kliniken und auch anderen Gruppensettings oft unerfahrene Behandler am Werk. Ich habe selten Therapeuten erlebt, die in einem Gruppensetting fähig waren, die einfachsten Dinge konstruktiv zu regeln.

      Das scheint aber nicht nur auf Gruppen im Bereich der Psychiatrie/Psychotherapie so zuzutreffen, sondern auch auf andere Gruppen (Sportgruppen etc.). Ich habe deshalb auch meist wenig Interesse, dann etwas zu sagen, weil ich bei dieser Heuchelei nicht mitmachen möchte, vor allem dann nicht, wenn es meiner Meinung nach wirklich Anlass zur Kritik gab.

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().

    • FruchtigBunt wrote:

      Man sollte auch tunlichst vermeiden zu sagen, dass man das meiste schon kannte und leider nicht viel Neues dabei war und man deswegen nicht wüsste, ob einem das Ganze etwas gebracht hat
      Den Gedanken hatte ich auch schon.

      Danke für deinen Beitrag, scheine wirklich nicht die einzige zu sein, die diese Dinge so sieht, auch wenn es selten so zusammengefasst zur Sprache kommt.

      In Sportgruppen ist wo ich war kaum Zeit zum Reden gewesen zum Glück.

      Aber stimmt schon dass Gruppen nerven können. Ich ging zum Beispiel mal zu einer Gruppe von der es hieß sie sei für Studenten mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen gedacht. Ich ging also hin, war aber außer dem Moderatorenteam (das selbst aus Studentinnen bestand) die einzige Deutsche. Und habe dann gemerkt dass das Ganze so aufgezogen ist, dass ich eigentlich nicht reinpasse. Alles war nur auf die Ausländer konzipiert und die wurden wie Klienten behandelt, nicht wie Kommilitonen. Die junge Leiterin sprach mit so aufgesetzter Fröhlichkeit, dass es absolut steif wirkte und auch irgendwie von oben herab. Wenn ich versuchte durch saloppe Bemerkungen die Stimmung etwas aufzulockern / natürlicher werden zu lassen, kam das nicht gut an bei ihr. Sie benutzte dumme Phrasen, z. B. sagte sie "Freunde" zu den Teilnehmern, obwohl sie sie gerade zum ersten Mal traf. Und es kamen solche mich ausschließenden Aufgaben, zum Beispiel sowas wie: "Nächstes Mal bringt dann jeder ein typisches Gericht seines Landes mit. Ich bringe das für Deutschland mit" oder so, was irgendwie so klang als sei ein weiteres deutsches Gericht (von mir) überflüssig und als ginge es nur darum der "alles schön bunt hier" Mentalität zu fröhnen. Ich hätte mich auch als auslandsstämmige Studentin in der Gruppe nicht wohlgefühlt, weil es eben nicht auf einer Augenhöhe war. Ähnlich geht es mir auch, wenn ich zu einer von einem NT moderierten Gruppe speziell für Autisten (z. B. Kunstgruppe) ging, weil ich mich in dieser Klientenrolle nicht wohlfühlte. Ich brauche keinen, der einen paternalistischen und / oder gönnerhaften Aufriss um mich macht oder gar mich erziehen will.

      Und ich hasse aufgesetzt wirkende übertriebene Freundlichkeit. Dafür sollen Autisten sogar einen besonderen Riecher haben, obwohl sie ja sonst nicht viel mitkriegen was Zwischenmenschliches betrifft. *hust* Jedenfalls habe ich beide Gruppen abgebrochen, die mit den ausländischen Studenten schon nach dem ersten Mal. Hätte am liebsten denen, die die Studentin in die Position gesetzt haben, mal ein eindeutiges Feedback geschrieben... Das war so straff durchorganisiert, dass von lockerem sprachlich-kulturellen Austausch nicht die Rede sein kann. Es wirkte eher so wie z. B. damals als die Missionare Schulen gegründet haben, um die Eingeborenen zu unterrichten. Ich fürchte Flüchtlinge fühlen sich oftmals ähnlich heutzutage. ABer diese hier waren ncihtmal Flüchtlinge sondern gebildete Studenten, die lediglich im Ausland studieren.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Ich kenne gute und schlechte, also genannte Arten von settings.
      In der Lahnsteinklinik konnten wir unsere Gefühle ehrlich äussern.

      Eher bei wenigr "professionellen" Runden habe ich ganz schnell Probleme..da werden eher nur immer dieselben Dinge
      ohne weiteres Erforschen bejammrt, aber wenig kontruktives zum Verändern gesagt, geschweige denn, angenommen.
      Da soll es allerdings auch wohl nicht in die Tiefe gehen.
      Evtl eher so ein Art Klagemauer.
      Mir brngt das aber nichts. Es kommt mir nur destruktiv vor.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Danke Lex, auch wenn meine letzten Gruppensitzungen zum Glück schon lange Zeit zurückliegen, in deinem Beitrag finde ich all das wieder, was ich damals erlebt habe.
      Bei mir hat das schließlich dazu geführt, dass ich kaum noch etwas gesagt habe, denn die Dinge, die mir wichtig waren, die ich wirklich aussprechen wollte und es zu Beginn auch getan habe, wollte keiner hören. Da war ich zu ehrlich, zu "hart", habe wohl auch einige überfordert, wurde aber auch nicht von therapeutischer Seite "aufgefangen".
      Für mich waren diese Stunden nur frustrierend, fühlte mich völlig fehl am Platze und habe die Zeit schließlich nur noch abgesessen.
      Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe und mittlerweile dazugelernt habe mich in solchen Situationen auf etwas angemessenere Weise abgrenzen zu können.
      Es gibt nichts Schöneres, als dem Schweigen eines Dummkopfes zuzuhören. Helmut Qualtinger
    • Ein schönes Thema. Ein paar Gedanken:

      Vielleicht liegt es an meinem Alter (?), aber aus Übungen aller Art, die mir in irgendeiner Weise nicht liegen, gegen den Strich gehen oder wo ich mich nur blöd fühle, steige ich einfach aus. Ich hasse zum Beispiel Vorstellungsrunden, wo man den anderen Teilnehmern einen Ball zuwerfen und dabei den Namen des anderen sagen soll. Problem: Ich bin im Fangen wie im Werfen ungeschickt und habe einfach keine Lust, gleich zu Beginn als der ungeschickte Trottel dazustehen, der keinen Ball gefangen kriegt und beim Werfen meterweit daneben wirft.

      Schlussrundenfragen ("Was nehme ich heute mit?", "Wie fühle ich mich am Ende im Vergleich zum Anfang?" usw.) machen mir auch Probleme. So endet z. B. jede meiner Gruppentherapiesitzungen, und ich weiß so 15 bis 30 Minuten später im Auto, in der Bahn, was ich hätte sagen können, was mir aber spontan einfach nicht einfällt. Auch hier bin ich ehrlich und sage, wenn mir nichts einfällt, anstatt irgendeinen Schmus zu äußern, oder ich äußere auch Kritik am Sitzungsverlauf.

      Ja, und ich hasse auch das Gefühl, bei irgendetwas Kindischem mitmachen zu sollen, Rollenspiele sind so ein Thema. Ich hab sogar ein Problem damit, das Spiel der anderen zu bewerten, weil ich das irgendwie fast übergriffig finde und fürchte, mit meiner direkten Art andere vor den Kopf zu stoßen.

      Eine Einschränkung: Manchmal finde ich es auch ganz hilfreich, wenn ich mich zu etwas zwinge, das ich zunächst einmal nicht mag. Ich komme dann aus meinem Verkriechen heraus und bin nachher auch ein bisschen stolz, etwas geschafft zu haben, wozu ich mich überwinden musste. Ich thematisiere aber mittlerweile grundsätzlich mein Unwohlsein, und ob das der Sitzungsleitung oder den anderen Teilnehmern gefällt, ist mir egal.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • Als ich schrieb dass selbst in stationären Settings nur selten Einzelgespräche mit Therapeuten stattfinden, bezog ich mich übrigens darauf, dass diese in der Regel nur einmal pro Woche stattfinden. Da fragt man sich dann doch unweigerlich, wozu der Rest der Woche gut ist. Und was daran besser ist als einfach einmal pro Woche ambulant einen Therapeuten aufzusuchen. Durch die Autismusdiagnose wurde klar, wieso die Formel: "Stecken wir sie zu anderen Leuten, dann wird sie lernen mit anderen klarzukommen" nicht funktioniert hat. Ich weiß noch wie mal mir jemand von seiner Antialkohol-Therapie erzählt hat (die alle Elemente beinhaltete, einschließlich Handwerklichem und so weiter, alles Gruppe halt) und ich es nur so schwer nachvollziehen konnte, dass er das als angenehm und hilfreich empfand. Später wurde mir klar, dass er NT ist und ich Autist. Als ich mal in ner Tagesklinik war, habe ich mich nur geärgert, dass ich dort unbezahlt arbeiten musste und konnte nicht nachvollziehen, wieso andere sich dadurch aufgewertet fühlen. Gartenarbeit kann ich auch zuhause erledigen. Und Zwangspausen einlegen müssen wenn ich noch nicht erschöpft bin fand ich auch nicht toll. Mit den Kreativsessions konnte ich aber auch nichts anfangen. Speckstein wollte ich nicht wegen der Gesundheitsgefahren und für Nähmaschine konnte ich mich auch nicht begeistern. Statt kreativ zu werden habe ich die Zeit genutzt, die Löcher in meinen T-Shirts zu stopfen... - Okay, so viel dazu. Was in therapeutischen Gruppensettings noch hinzukommt ist, dass man sich mit psychisch Kranken Leuten rumärgern muss, die einen durch Streitereien und Sonstiges triggern und einem die Reifen vom Fahrrad aufschlitzen... Das hat zwar jetzt alles nicht mehr viel mit dem eigentlichen Thema zu tun aber ich wollte es mal erwähnt haben.
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    • Ich hasse aufgesetzte Freundlichkeit auch extrem und interessanterweise habe ich dafür auch einen sehr guten Riecher. Genauso wie eigentlich für alle Arten von Widersprüchlichkeiten. Mich kann so ein aufgesetztes Getue so aufregen, dass ich sehr feindselig werde und dann wohl versuchen will, die Person zu provozieren, um die Lügen aufzudecken. Anders kann ich mir meine Motivation in solchen Situationen nicht erklären.

      @Lex
      Ich finde es allerdings nicht gut, wie du über Menschen mit psychischen Krankheiten sprichst. Erstens ist Autismus auch eine solche Erkrankung und zweitens klingt es so, als würden alle psychisch Kranken Reifen aufschlitzen und Straftaten begehen. Das finde ich nicht in Ordnung. Unter den psychischen Erkrankungen gibt es zwar antisoziale Persönlichkeitsstörungen und Diagnosen in die Richtung, aber selbst da würde ich nicht alle Leute über einen Kamm scheren.
      Ich hoffe, dass es nicht so gemein gedacht war, wie es klang und du gerade nur sauer warst, weil du an diese Zeit dort gedacht hast.
    • Ich sehe Autismus NICHT als psychische Krankheit! Punkt. Was ich meinte ist, dass man in solchen Settings mit Leuten konfrontiert ist, die alle möglichen Arten von psychischen Krankheiten haben. Und da es selbst "gesunden" Leuten mitunter schwerfällt mich so zu akzeptieren wie ich bin, gilt das für psychisch Kranke (also z. B. Menschen mit Aggressionsproblematik) eben erstrecht. Soll heißen in solchen Settings wurde ich gemobbt, wurde mir das Leben schwer gemacht und ja, einmal wurde mir tatsächlich auch ein Fahrradreifen aufgeschlitzt. Und dabei war das einer mit teurer Einlage, die das beschädigt werden erhindern soll (aber halt nicht gegen Messerstiche hilft sondern eher beim Fahren über Steinchen), so dass mich dieser Vorfall 60 Euro oder mehr gekostet hat.

      Grundsätzlich gesehen habe ich nichts gegen psychisch kranke Menschen, allerdings bin ich dann lieber in einer leitenden / betreuenden Position und nicht in einer Position, in der ich zum leichten Opfer werde. Übrigens kann man da selbst in edukativen Settings Pech haben. Zum Beispiel gab es in einer Schule eine junge Frau, die für ihre cholerischen Anfälle berühmtberüchtigt war schon aus der Zeit bevor ich sie kennenlernte. Allerdings schaffte sie es nun an ihrer neuen Schule ihr cholerisches Temperament nur noch mir gegenüber auszuleben. Das war praktisch für sie, dann da mich eh keiner mochte, hat es keinen so wirklich gestört. Zudem konnte man so fein mir die Schuld geben für ihre Ausraster und hat anhand der Stärke ihrer Reaktionen darauf geschlossen wie stark ich sie wohl provoziert haben müsste. Da ist es dann schwer klarzumachen, dass es nur eine Kleinigkeit war und sie überreagiert hat und zudem ihre Darstellung weit abweicht von der Wahrheit.
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    • Genau aus den Gründen, die du aufgezählt hast, @Lex, weigere ich mich, jemals wieder eine Art von Gruppentherapie zu machen. Stationäre Therapien und Tageskliniken sind der absolute Horror für mich, gerade wegen solcher Gruppensituationen, die ich oft (wenn nicht meist) als übergriffig empfinde.
      ~ Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein. ~
    • Okay. Ist gebongt.


      Das "Lustige" an der Sache ist, dass viele halt meinen Autisten sind nicht gruppenfähig, da sie nicht sozial genug sind.

      Man muss allerdings dazusagen, dass meine Mutter, obwohl sie offensichtlich keine Autistin ist, sich in Seminaren und therapeutischen Settings auch nicht wohl fühlt. Sie hat einen Horror vor "Stichworte auf Wolkenkärtchen schreiben" und vor "alle sitzen in der Runde und in der Mitte steht ein Blumenstrauß". Und sie mag es auch nicht, wenn andere Leute was in sie reininterpretieren (Therapeut meint ihre gute Laune / ihr Lächeln sei aufgesetzt / unecht / Zeichen für eine Störung) oder in von ihr gemalte Bilder (andere Gruppenteilnehmer schließen wegen dunkler Farben auf Depressionen). Sie selbst weiß noch immer am besten, was in ihr vorgeht!
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    • Lex wrote:

      Als Rahmensetting sind hierbei offizielle, moderierte Gruppensettings gemeint, wie sie vor allem in therapeutischen Settings (z. B. Tagesklinik, stationärer Aufenthalt, soziales Kompetenztraining, ...) aber relativ oft auch in edukativen Settings (z. B. Schule, Berufsschule, Seminare, Weiterbildungskurse, in bestimmten Fällen auch im Studium) zu finden sind.
      Die Problematik in diesen Settings, die Du hier beschreibst, kenne ich auch sehr gut. Sowohl aus Workshops an der Uni oder zur beruflichen Neuorientierung wie aus Workshops, die eher aus dem Bereich Menschen mit psychischen Belastungen stammen. Ich hasse das auch, vor allem die Vorstellungs- und Schlussrunden, und generell die Sitzordnung in Stuhlkreisen. Das hat mich alles etwas potentiell "Entblößendes". Ich persönlich mag es nicht, in solchen Settings Kritik anzusprechen, auch, weil ich selbst erfahrungsgemäß eher nicht mit der Solidarität anderer Teilnehmer rechnen kann. Bei anderen hingegen habe ich schon erlebt, dass dann mehrere auf ihre Kritik einsteigen. Meistens sage ich ein paar Phrasen, wie am Anfang, dass ich neugierig bin, am Ende, dass ich viele Anregungen bekommen habe und darüber noch nachdenken muss oder ähnliches. Oft stimmt das dann sogar.

      Lex wrote:

      2. Bewertende Äußerungen nach erfolgten gemeinsamen Übungen oder handwerklichen Arbeiten. (Hierbei geht es nicht oder nicht nur um die Bewertung des Produkts sondern besonders darum, was es für Gefühle in einem ausgelöst hat.)
      Das ist für mich am unangenehmsten. Auch, weil ich in solchen Runden schon unerwartete Kritik und sogar Angriffe erlebt habe, auch nach Partnerarbeit. Einmal etwa war ich bei einem Workshop für Frauen zur beruflichen Neuorientierung, wo wir uns jeweils durch eine Selbsteinschätzung anhand einer vorgegebenen Skala einer Frau gegenüber vorstellen und diejenige uns dann jeweils vor der ganzen Runde vorstellen sollten. Da kamen richtig "heftige", negative Sachen, und ich war erstaunt, wie mir "das Wort im Mund umgedreht" und Dinge völlig anders verstanden wurden, als ich sie gemeint hatte. Das war der krasseste Fall, aber vergleichbares habe ich auch in anderen Settings schon erlebt, etwa bei einem einwöchigen Berufsorientierungs-Workshop im Studium. Anderen passiert so etwas meinem Eindruck nach kaum, da scheint eine unausgesprochene Übereinkunft zu bestehen, hier nicht zu persönlich zu werden.

      Lex wrote:

      Ich ging zum Beispiel mal zu einer Gruppe von der es hieß sie sei für Studenten mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen gedacht. Ich ging also hin, war aber außer dem Moderatorenteam (das selbst aus Studentinnen bestand) die einzige Deutsche. Und habe dann gemerkt dass das Ganze so aufgezogen ist, dass ich eigentlich nicht reinpasse. Alles war nur auf die Ausländer konzipiert und die wurden wie Klienten behandelt, nicht wie Kommilitonen. Die junge Leiterin sprach mit so aufgesetzter Fröhlichkeit, dass es absolut steif wirkte und auch irgendwie von oben herab.
      Das erinnert mich an einen Workshop zum Thema Intersektionalität und Diskriminierung, mit einer Dozentin mit Migrationshintergrund. In Wahrheit ging es hauptsächlich um Rassismus, war dabei aber interessant. Die Moderatorin (Namen und Aussehen nach geurteilt ohne Migrationshintergrund) "pickte" mich heraus, dass ich zuviel fragen und reden würde. Dabei hatte ich gar nicht so besonders viel gesagt, aber sie meinte, es solle eher ein Setting sein, wo die, die sonst nicht gehört werden, zu Wort kommen könnten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, da wurde an mir geradezu "ein Exempel statuiert", von ihr aus, obwohl die Dozentin sehr wohl auf meine Sachen einging und ich die Runde gar nicht dominierte. Fand ich sehr unangenehm.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Das habe ich auch schon erlebt. Settings wo man händeringend Leute, sie sich wenig beteiligen, dazu bringen möchte sich mehr zu beteiligen in der Annahme das sei schöner für sie und wo deshalb Leute die mehr reden ausgebremst werden (und sich dadurch schlecht fühlen) und man ihnen vorwirft sie würden anderen keine Chance zu reden geben und zugleich Leute, die nicht gerne im Mittelpunkt stehen, eigentlich nur zuhören wollen und gar nichts zu sagen haben, quasi zur Beteiligung gedrängt werden (und sich dadurch schlecht fühlen). Und das nur weil Moderatoren meinen Beteiligung müsste ausgeglichen sein.

      Stuhlkreis mag ich nicht so. Hab lieber Tisch vor mir. Dann kann ich mir besser Notizen machen und mich abstützen und so weiter. Tisch vor dem Bauch gibt mir Sicherheit. Ohne Tisch ist entblößend und schwer über Persönliches zu reden wenn einen so viele angucken. Und auch für mich ungewohnt und ablenken in so viele Gesichter zu sehen. Ich schaue sonst nur starr geradeaus gen Leiter.

      Aber die, die sowas konzipieren, würden die klassischen Methoden nie in Frage stellen.

      Mit Bewertung meinte ich üneigen noch die harmlose Variante, bei der die Teilnehmer sich nicht gegenseitig bewerten sondern es mehr um die Bewertung der Übung und wie man dir empfinden hat geht. Selbst das ist nicht ganz ohne. Gibt zwar auch Moderatoren die wollen wirklich gerne Verbesserungsvorschläge hören aber dennoch.

      Nervig ist auch das Feedbacksandwich auf Zwang, da einem nicht immer drei Sachen einfallen, die man sagen könnte.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Lex wrote:

      Das habe ich auch schon erlebt. Settings wo man händeringend Leute, sie sich wenig beteiligen, dazu bringen möchte sich mehr zu beteiligen in der Annahme das sei schöner für sie und wo deshalb Leute die mehr reden ausgebremst werden (und sich dadurch schlecht fühlen) und man ihnen vorwirft sie würden anderen keine Chance zu reden geben und zugleich Leute, die nicht gerne im Mittelpunkt stehen, eigentlich nur zuhören wollen und gar nichts zu sagen haben, quasi zur Beteiligung gedrängt werden (und sich dadurch schlecht fühlen). Und das nur weil Moderatoren meinen Beteiligung müsste ausgeglichen sein.
      Ja, genau. Ich habe dabei durchaus auch schon die "andere Seite" erlebt, Veranstaltungen, bei denen ich selbst zum Thema gar nichts sagen konnte oder mochte (ist halt sehr abhängig von Thema und Tagesform), und dann gefragt wurde, was ich denn dazu denke. In diesem speziellen Fall störte die Moderatorin sich offenbar noch zusätzlich daran, dass sich jemand ohne Migrationshintergrund mehr beteiligte als die meisten Leute mit Migrationshintergrund, die dabei waren. Ich glaube, das hier spielte da eine Rolle.

      Lex wrote:

      Stuhlkreis mag ich nicht so. Hab lieber Tisch vor mir. Dann kann ich mir besser Notizen machen und mich abstützen und so weiter. Tisch vor dem Bauch gibt mir Sicherheit. Ohne Tisch ist entblößend und schwer über Persönliches zu reden wenn einen so viele angucken.
      Das empfinde ich ebenso. Für mich ist ein Tisch in solchen Kontexten ein Stück Barrierefreiheit. Macht es mir leichter, auf für mich angenehme und konstruktive Art offen zu sein.

      Lex wrote:

      Mit Bewertung meinte ich üneigen noch die harmlose Variante, bei der die Teilnehmer sich nicht gegenseitig bewerten sondern es mehr um die Bewertung der Übung und wie man dir empfinden hat geht. Selbst das ist nicht ganz ohne.
      Auch da habe ich den Eindruck, das geht, wenn man gewissermaßen mit dem "Tenor" der Gruppe geht, mehrere ähnliches ansprechen. Ansonsten wird das schnell sehr schwierig.

      Lex wrote:

      Nervig ist auch das Feedbacksandwich auf Zwang, da einem nicht immer drei Sachen einfallen, die man sagen könnte.
      Ja. Zudem "versüßt" das einem die Kritik nicht unbedingt, wenn man um die Wirkungsweise weiß. Denn natürlich kann man als positive Dinge Banalitäten auflisten und dann etwas Grundsätzliches als Kritik. Da macht es keinen großen Unterschied dazu, nur die Kritik zu äußern. Und umgekehrt genauso.
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    • Ich bin gar kein "Gruppenmensch". Ich finde es anstrengend, diesen ganzen Beiträgen inhaltlich zu folgen und ich finde es anstrengend, so vielen Leuten gleichermaßen Aufmerksamkeit geben zu müssen, also zuzuhören.
      Ich war bisher nur in NT Gruppen (aller Art, von Arbeitsgruppen bis hin zu Therapie) und ganz ehrlich: vieles, was dort als Problem, sei es persönlich oder fachlich, definiert wird, ist für mich kein Problem. Das was für mich problematisch ist, verstehen wiederum die anderen nicht. Gruppe ist für mich sinnlos.

      Ich habe auch eine ziemlich schlechte "Einsatzplanung" in Gruppen. Wenn ich etwas beitragen will, suche ich immer nach dem richtigen Moment- und finde ihn selten.
      Meine Beiträge lösen oft Schweigen aus. Die Kommunikation geht einfach aneinander vorbei.

      Ich bin sehr auf den Punkt und extrem Lösungsorientiert. Ich mag kein Gelaber. Ich sage kurz und knapp, was ich zu sagen habe und zwar sowohl zu meinen eigenen Themen, als auch zu denen der anderen. Ich bin ziemlich direkt, weil ich alles andere Zeitverschwendung finde. Ich bin dabei freundlich und selten bis nie auf der persönlichen Ebene. Ich tue niemandem was, ich greife niemanden an, das macht es für die anderen aber offensichtlich nicht besser. Und für mich auch nicht. Ich finde einfach keinen Sinn in Gruppen.

      Blitzlicht usw. finde ich restlos überflüssig. Das, was da geredet wird, finde ich so aufgesetzt, dass ich nach 2 Minuten einfach nur Fluchtgedanken habe.
    • Aufgesetzt, das ist der richtige Ausdruck, japp.

      Da könnte man ja gleich Kindergarten spielen und die Teilnehmer mit einem gegenseitigen "piep piep piep, wir haben uns alle lieb" verabschieden. *Augen verdreh*
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    • Ani wrote:

      Ich habe auch eine ziemlich schlechte "Einsatzplanung" in Gruppen. Wenn ich etwas beitragen will, suche ich immer nach dem richtigen Moment- und finde ihn selten.
      Meine Beiträge lösen oft Schweigen aus. Die Kommunikation geht einfach aneinander vorbei.
      Auch das ist mir sehr vertraut, gerade bei Gruppendiskussionen. Nicht selten habe ich die "Wahl", entweder fast gar nichts zu sagen oder als diejenige wahrgenommen zu werden, die andere unterbricht und/oder zuviel redet. Dabei unterbrechen andere einander ebenfalls dauernd, aber wohl an den "richtigen" Stellen, oder ihre gesamte Art wirkt einfach anders als meine, so dass das als natürlicher Teil des Diskussionsflusses empfunden wird. Dass auf meine Beiträge niemand eingeht, kenne ich auch - und ebenso, dass zuweilen anschließend andere ähnliche Punkte ansprechen und damit auf Resonanz stoßen.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
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    • Lex wrote:

      Ich sehe Autismus NICHT als psychische Krankheit! Punkt. Was ich meinte ist, dass man in solchen Settings mit Leuten konfrontiert ist, die alle möglichen Arten von psychischen Krankheiten haben. Und da es selbst "gesunden" Leuten mitunter schwerfällt mich so zu akzeptieren wie ich bin, gilt das für psychisch Kranke (also z. B. Menschen mit Aggressionsproblematik) eben erstrecht. Soll heißen in solchen Settings wurde ich gemobbt, wurde mir das Leben schwer gemacht und ja, einmal wurde mir tatsächlich auch ein Fahrradreifen aufgeschlitzt. Und dabei war das einer mit teurer Einlage, die das beschädigt werden erhindern soll (aber halt nicht gegen Messerstiche hilft sondern eher beim Fahren über Steinchen), so dass mich dieser Vorfall 60 Euro oder mehr gekostet hat.

      Grundsätzlich gesehen habe ich nichts gegen psychisch kranke Menschen, allerdings bin ich dann lieber in einer leitenden / betreuenden Position und nicht in einer Position, in der ich zum leichten Opfer werde. Übrigens kann man da selbst in edukativen Settings Pech haben. Zum Beispiel gab es in einer Schule eine junge Frau, die für ihre cholerischen Anfälle berühmtberüchtigt war schon aus der Zeit bevor ich sie kennenlernte. Allerdings schaffte sie es nun an ihrer neuen Schule ihr cholerisches Temperament nur noch mir gegenüber auszuleben. Das war praktisch für sie, dann da mich eh keiner mochte, hat es keinen so wirklich gestört. Zudem konnte man so fein mir die Schuld geben für ihre Ausraster und hat anhand der Stärke ihrer Reaktionen darauf geschlossen wie stark ich sie wohl provoziert haben müsste. Da ist es dann schwer klarzumachen, dass es nur eine Kleinigkeit war und sie überreagiert hat und zudem ihre Darstellung weit abweicht von der Wahrheit.
      @Lex

      Das klingt belastend, was du erlebt hast und ich kann verstehen, dass du deshalb dazu tendierst, psychisch Kranken Menschen zu unterstellen, dass sie alle so seien. Das finde ich aber nicht richtig. In deinem Beitrag davor hörte es sich sehr verallgemeinernd an und so, als würden alle psychisch Kranken so gemeine Dinge machen. Das klingt auch in deinem jetzigen Beitrag an ("gilt das für psychisch Kranke eben erst Recht" (dass sie dich nicht akzeptieren wie du bist)). Ich finde einfach, dass man das pauschal nicht so sagen sollte.


      Lex wrote:

      Das habe ich auch schon erlebt. Settings wo man händeringend Leute, sie sich wenig beteiligen, dazu bringen möchte sich mehr zu beteiligen in der Annahme das sei schöner für sie und wo deshalb Leute die mehr reden ausgebremst werden (und sich dadurch schlecht fühlen) und man ihnen vorwirft sie würden anderen keine Chance zu reden geben und zugleich Leute, die nicht gerne im Mittelpunkt stehen, eigentlich nur zuhören wollen und gar nichts zu sagen haben, quasi zur Beteiligung gedrängt werden (und sich dadurch schlecht fühlen). Und das nur weil Moderatoren meinen Beteiligung müsste ausgeglichen sein.
      Das habe ich auch schon so erlebt. Meistens jeder eher die Variante, dass ruhige Personen kritisiert wurden dafür, dass sie so ruhig seien und dann aufgefordert wurden, sich zu beteiligen und ihnen dabei gesagt wurde, dass das eine Gruppe sei und sie sich nicht verschließen dürften etc. Die Personen wurden also gezielt 'schlecht' gemacht, weil sie sich nicht so verhielten, wie erwünscht.
      Dass redefreudige oder sehr raumeinnehmende Teilnehmer in ihre Schranken gewiesen werden, habe ich noch kaum erlebt. Es gab schon einige Gruppensettings wo das vorkam und eine einzige Teilnehmerin oder ein Teilnehmer alles dominiert hat und die Therapeuten nicht eingriffen. Sowas macht mich dann wiederum extrem wütend und entweder ich sage dann kein Wort mehr oder ich kritisiere das Verhalten offen.

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