"Autismustherapie" - Integration als Ziel?

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    • "Autismustherapie" - Integration als Ziel?

      Hallo zusammen,

      ich habe mir neulich zwei Einrichtungen für Menschen mit ASS angesehen. Das eine war eine Art WfbM für Menschen mit ASS, dort probierten sie, die Umstände und Aufgaben so anzupassen, dass es Menschen mit ASS dort gut geht. Das andere war ein Autismustherapiezentrum, dort ging es darum, dass der Mensch mit ASS alles lernt, was es braucht, damit er in einer NT-Welt zurechtkommt und zwar auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

      Das sind ja nunmal zwei Ansätze, die in eine ganz andere Richtung abzielen. Im Threat Welche Therapiemethode/n findet Ihr bei Autismus Spektrum sinnvoll? beschreibt das "seinn" total gut:

      "Es gibt nämlich zwei Arten, wie man Probleme mit anderen lösen kann:
      Akkomodation und Assimilation
      Bei der Akkomodation verändert man sich selbst, um in die bestehende Umwelt zu passen.
      Bei der Assimilation verändert man die Umwelt, um sich in ihr wohler fühlen zu können."

      Weiter schreibt "seinn":

      "Realistisch gesehen müssen beide Strategien mal angewendet werden, wobei man immer zuerst die Assimilation probieren sollte. Das braucht zwar erstmal mehr Energie, macht langfristig aber glücklicher.
      Schade, wenn Psychotherapeuten nur Akkomodation als Strategie der Bewältigung aufzeigen. In meiner Therapie ging es meinem Wunsch nach vor allem um Assimilation, was meine Therapeutin auch als bessere Variante sieht.
      Sie sagte immer, dass ein Pinguin in der Wüste nicht glücklich wird, sondern ins Wasser muss."

      Hier im Forum glaube ich beide Tendenzen zu erkennen: Es gibt Leute, die suchen händeringend (RW) nach Therapieangeboten, die ihnen helfen, zu lernen, sich an die Welt anzupassen. Und andere die eher nach Wegen suchen, wo sie ihre Nischen finden. Also oft überschneidet sich das auch, aber ich denke meist ist dennoch das Eine oder das Andere der Schwerpunkt, zumindest bei denen, die "in Not" sind.

      Und bei den Programmen zur Autismustherapie habe ich so das Gefühl, dass die tendentiell meist auf Akkomodation abzielen. - Oder kennt ihr da auch andere Programme?

      Und wie seht ihr das? Wie sollte eine gute Autismustherapie aufgebaut sein? Was sollte sie enthalten?

      Und wie viel Anpassung findet ihr okay? Und wann würdet ihr aussteigen, auch wenn das hieße, dass euer Leben "untypisch" wird ("untypisch" z.B. in dem Sinne, dass man keinem Job nachgeht, weil man merkt, dass man kaputtginge, wenn man das weiterhin täte - oder weil man sich nicht mehr ausreichend genug verbiegen kann/will)?
      Surprised by the joy of life.
    • Surprised wrote:

      Und wie seht ihr das? Wie sollte eine gute Autismustherapie aufgebaut sein? Was sollte sie enthalten?
      Beides, ehrlich gesagt.
      Eine gewisse Anpassung machen auch NT s, bzw eben jedes Individuum.

      Surprised wrote:

      Und wie viel Anpassung findet ihr okay?
      Ich denke, auch das ist wie bei jedem Menschen sehr individuell....die einen fühln sich wohl und geborgen, wen sie mehr assimiliert sind, andere brauchen ganz viel Eigenes, "ihrs".
      Ich z.B hätte gerne beides in einem..schon nicht ganz alleine dümpeln, aber ganz viel Meines und in meiner Art machen können.
      Wieviel Prozent Kompromisse sein dürfen, kann ich noch nicht ausmachen. Das hängt auch von der Tagesform ab oder vom Thema.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”


      (Sylvia Boorstein)
    • Beides halte ich für sehr wichtig.

      Es gibt Dinge, die kann man umgehen, eigene Strategien finden, Ausnahmen und Nischen finden....aber es gibt eben auch Situationen für die das nicht geht, weil man in der Welt zurecht kommen möchte und muss.
      Das Thema Arzt zum Beispiel.....ohne Vermögen (damit könnte man sich ja Arztbesuche auch passend erkaufen und wäre der Bestimmer....) wird man auf Arztpraxen angewiesen sein. Ziel sollte sein, diese nutzen zu können. Dafür gibt es Strategien....gucken wo die Problemstellen sind und Lösungen dafür finden. Da geht schon einiges. Also für mich ist die Antwort auf Deine Fragestellung: Beides zusammen ist wichtig und sinnvoll. Eben individuell schauen WO genau es klemmt und warum.....dann gucken was möglich ist und was eben nicht.
      Eine Therapie sollte genau DAS machen, meiner Meinung nach. Es gibt nicht nur schwarz und weiß (RW).
      Grüsse
      Alys
    • Surprised wrote:

      Und bei den Programmen zur Autismustherapie habe ich so das Gefühl, dass die tendentiell meist auf Akkomodation abzielen. - Oder kennt ihr da auch andere Programme?

      Und wie seht ihr das? Wie sollte eine gute Autismustherapie aufgebaut sein? Was sollte sie enthalten?

      Und wie viel Anpassung findet ihr okay? Und wann würdet ihr aussteigen, auch wenn das hieße, dass euer Leben "untypisch" wird ("untypisch" z.B. in dem Sinne, dass man keinem Job nachgeht, weil man merkt, dass man kaputtginge, wenn man das weiterhin täte - oder weil man sich nicht mehr ausreichend genug verbiegen kann/will)?
      Ich kenne mich nicht so gut aus, mit allen Möglichkeiten einer Autismustherapie. In der Tagklinik, wo ich war, würde ich sagen, dass es zwar eine Mischung war, aber mit einem vielleicht etwas stärkeren Fokus auf Akkomodation? In gewissen Situationen ist es aber schwierig sich anders als ein typischer NT zu verhalten, wenn man nicht anecken will.
      Es wurde schon darüber gesprochen, was man für Stärken hat und dass man zB, wenn man seinem Gegenüber vom Autismus erzählt, ihm auch die Aufgabe übergibt, sich auch anzupassen und nicht die ganze Arbeit alleine zu machen.
      Oder dass man bezüglich eines Jobs auch Bedürfnisse haben darf und diese auch äußern.

      Für mich ist eine gewisse Anpassung im Job okay, ich würde nicht ohne leben wollen, das wäre schrecklich für mich.
      Im Privaten bin ich dazu allerdings nur noch in einem kleinen Rahmen bereit. Ich wünsche mir zB sehr eine Partnerschaft, würde mich dafür aber nicht zusehr akkomodieren, da dass mit Stress und Unzfriedenheit verbunden ist.
      Ich denke, man muss sich klarmachen, wie wichtig einem etwas ist und was mehr Stress bringt.

      Reine Akkomodation halte ich gerade für Autisten fatal, aber in vielen gängigen Therapien ist das die normale Herangehensweise, weshalb mich eine Therapie, die ich mal über ein halbes Jahr gemacht habe, nur immer depressiver gemacht hat. Damals wusste ich auch noch lange nichts von meinem ASS und ich sollte in der Therapie natürlich so werden wie normale Menschen sind.
    • In meiner Therapie in einem Autismus-Kompetenzzentrum geht es auch darum, besser mit den eigenen Grenzen umzugehen. Anpassung habe ich in meinem Alter schon genug gelernt. Das ist dann wichtiger für junge Autisten. Es ist dann auch nicht nur Anpassung, es ist Wissen, wie die Welt funktioniert.

      Wahrscheinlich sollte man die Balance suchen zwischen Anpassung und Vermeidung von Überforderung. Da wo Überforderung anfängt, da muss man sich dann weniger anpassen und mehr nach passenden Rahmenbedingungen suchen.

      Die erwähnte WfbM ist ja für Autisten, die es auf dem allg. Arbeitsmarkt nicht schaffen, d.h. die sind schon am Maximum der Anpassung bzw. an der Anpassung gescheitert und brauchen eher passende Rahmenbedingungen.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Das stimmt. Aber es ist meiner Meinung nach ein absolutes gesellschaftliches Versagen, wenn es dann als Alternative nur die WfbM gibt. Die ist auf andere Weise als die reguläre Arbeitswelt total unpassend, zugleich über- und unterfordernd.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Interessantes Thema. Meinem Eindruck nach arbeiten konventionelle Psychotherapien eher mit Akkomodation, es geht um ein besseres Erwartungs- und Selbstmanagement. Aber es sind nicht nur Autisten, die auch passende "Nischen" brauchen. Daher sehen sich auch so viele Menschen als hochsensibel. Und daher ist die Abwehr konventioneller Psychotherapeuten beim Thema Autismus auch oft so stark. Ihr Ansatz geht halt in Richtung Anpassung, anderes haben sie nicht "im Angebot".
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
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    • Wie anpassen, ohne sich zu überfordern?
      Wo ist sie nötig, wie viel davon ist wirklich ist nötig?
      Was ist individuell möglich, wo sind die individuellen Grenzen?
      Wo und wie verhindern Komorbiditäten, das zu lernen?
      Wo und wie verstärken Komorbiditäten die Schwierigkeiten, was prinzipiell trotz und mit den individuellen AS-Grenzen nicht-überfordernd möglich wäre?
      Wie und mit was diese Grenzen umgehen durch anderes, das nicht begrenzt ist?
      Was, wenn sich Individuelle Grenzen mit Traumatischen Erfahrungen verknüpfen, so dass die Grenze bei Erleben bzw beim daran Denken zum Trigger wird? Wie das traumatherapeutisch auflösen?
      Was ist individuell wann und wie viel davon wie lange an Anpassung der Umwelt nötig?
      Getrennt nach AS, Komorbiditäten, jeweiligem zusammenwirken, so dass weder Über- noch Unterforderung eintritt?
      Welche AS-Aspekte müssen bei der Therapie der Komorbiditäten individuell berücksichtigt werden?
      Wie unterscheiden, was AS-spezifisch oder Komorbidität als Ursache bzw Hauptbestandteil des jeweiligen Problems?

      Das wäre so mal zu berücksichtigen, und das zu einer Gruppe, die ziemlich schnell zu vielem vieles besser weiß, wenn sie es zum SI macht - und ebenfalls gut darin ist, abzuwehren, was sie nicht betrachten will :d
      "AS? Sie wirken gar nicht so" -"Danke für die Bestätigung und Anerkennung all der geleisteten Arbeit, die dahinter steckt :) ".

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    • Leonora wrote:

      Ihr Ansatz geht halt in Richtung Anpassung, anderes haben sie nicht "im Angebot".
      Das stimmt aber so nicht. Eine Therapie kann z.B. auch beinhalten zu lernen, Nein zu sagen, oder auch Alternativen zu finden für etwas, was einem schwer fällt. Es geht nicht immer nur um Anpassung.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Nein-sagen gehört meinem Verständnis nach durchaus auch zum Thema Selbstmanagement. Das ist wichtig, für sich allein aber noch keine Hilfe, ein passenderes Umfeld zu finden. Wenn man das Anwenden und Lesen von Körpersprache, Mimik und Intonation mühelos auf die "normal" erwartete Weise beherrscht, kann das auch tatsächlich schon sehr hilfreich sein, um das vorhandene Umfeld für einen selbst kompatibler zu machen (hat man damit Schwierigkeiten, können die Versuche dagegen auch schnell mal "nach hinten losgehen", da man vielleicht entweder zu zaghaft und widersprüchlich oder umgekehrt plötzlich "unmotiviert" krass unfreundlich wirken kann). Wenn Therapeuten auch ohne Kenntnisse von Diagnosen ihren Klienten helfen, Alternativen für das zu finden, was sie als schwierig empfinden, halte ich das für sehr wichtig und hilfreich. Das sind vermutlich die Therapeuten, die auch Autisten gut weiterhelfen können.
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    • Ich musste ganz konkret etwas finden, mein Verhalten ändern, anderes nutzen, um die Reizfilterschwäche auszugleichen.
      Und so blöd das ist, früher hatte ich das instinktiv uns unbewusst sogar so gemacht.
      Um einen Praktikumsplatz zu finden erforderte es eben, alle potenziellen Stellen anzufahren, Weg und Umgebung auf mich wirken zu lassen. Um dann bei manchen festzustellen, es bringt erst gar nichts, dort anzufragen. Ein Weg, der mehr Kräfte frisst als ein Arbeitstag in ruhiger Umgebung, eine laute/große/unruhige Umgebung, die zusätzliche Kräfte erfordert....beides keine Orte an denen ich über Wochen jeden Tag arbeiten kann.

      Vorteil, ich hab jetzt ein inneres Bild von den Stellen, die meine Kriterien erfüllen, es erleichtert das Schreiben der Anfragen.
      Neues Problem, welche zuerst?
      Zwei/dreigleisig kann ich nicht :d

      Immer diese Entscheidungen :d

      Genutzt habe ich meine Erfahrung von früher, dass ich diese Schwäche gut kennengelernt habe und hochrechnen kann, und die "Wegmarkerfindetechnik". Da wo sie versagt, kein inneres Bild von der Strecke entsteht , sry, dann ist das auch nichts für mich.....Orientierungsschwäche :)
      "AS? Sie wirken gar nicht so" -"Danke für die Bestätigung und Anerkennung all der geleisteten Arbeit, die dahinter steckt :) ".
    • Leonora wrote:

      Nein-sagen gehört meinem Verständnis nach durchaus auch zum Thema Selbstmanagement. Das ist wichtig, für sich allein aber noch keine Hilfe, ein passenderes Umfeld zu finden.
      Ich finde, man passt damit aktiv das Umfeld besser an seine eigenen Bedürfnisse an, weil man anderen Bescheid sagt, was machbar ist und was nicht. Damit ist es eine Anpassung der Umwelt an die Bedürfnisse, nicht eine Anpassung von sich selbst an die Umwelt.

      Leonora wrote:

      Wenn Therapeuten auch ohne Kenntnisse von Diagnosen ihren Klienten helfen, Alternativen für das zu finden, was sie als schwierig empfinden, halte ich das für sehr wichtig und hilfreich. Das sind vermutlich die Therapeuten, die auch Autisten gut weiterhelfen können.
      Wobei es schon besser funktioniert, wenn der Therapeut Kenntnis von der Diagnose hat.
      Es ist wirklich nicht so, dass man in jeder Therapie dazu gezwungen wird, Dinge zu tun, die einem nicht liegen oder die man nicht tun will (eigentlich ist man als Klient sogar der "Boss" in der Therapie). Man bekommt Wege aufgezeigt und muss mit dem Therapeuten zusammen herausfinden, was funktioniert und was nicht. Dazu ist es wichtig, dass man auch sagt, was man möchte und Rückmeldung gibt über den Erfolg oder Misserfolg von gezeigten Strategien. Therapie geht nur in Kooperation mit dem Therapeuten, das funktioniert nicht, wenn einer gegen den anderen arbeitet. Ich könnte mir vorstellen, dass sowohl bei Borderline als auch bei Autismus an der Stelle Schwierigkeiten entstehen können, nur aus unterschiedlichen Gründen. Der Autist kann sich nicht so gut ausdrücken (z.B. über Gefühle), und der Borderliner hat ein Problem mit der Kooperation oder der Beziehung.

      In speziellen Autismustherapien für Erwachsene geht es nicht mehr rein um Anpassung, sondern darum, die Balance zu finden. Autistische Kinder dagegen müssen ja erst einmal lernen, wie andere Menschen funktionieren, damit sie den größtmöglichen Handlungsspielraum haben. Später können sie dann entscheiden, wieviel Anpassung machbar ist.
      Junge Autisten ohne Diagnose und ohne Therapie gehen eher den Weg der maximalen Anpassung, was sich dann im Erwachsenenalter rächt, wie ja die Erfahrung vieler Spätdiagnostizierter zeigt. Danach geht es in der Therapie dann mehr darum, wie man besser mit seinen Ressourcen haushalten kann oder wie man sich den Alltag erleichtern kann, also wie man von der maximalen Anpassung wieder ein Stück weit zu sich selbst findet. Über diese spezielle Problematik wissen nur Therapeuten Bescheid, die sich mit AS auskennen.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Ich glaube, es ist vor einer Therapie bzw. einer Lösungssuche sinnvoll, sich dieser beiden Prinzipien überhaupt gewahr zu sein und dass das in einer Therapie vom Therapeuten/Therapeutin auch bewusst so angesprochen und offengelegt wird. Dass man sich da gemeinsam überlegt, welche Prinzip sinnvoller ist. Mir war das längere Zeit gar nicht bewusst, dass es zwei ziemlich unterschiedliche Ansätze sind.

      Ich habe z. B. noch kein Buch gefunden (außer die Biografien von Autisten), in dem es darum ging, abzuwägen, was sinnvoller ist und beides zu kombinieren. Meist gibt es Bücher (Freiburger oder Kölner Therapieprogramm), in denen ganz selbstverständlich eher die Methode geübt wird, bei der sich die Autisten anpassen sollen und weitere Fähigkeiten erwerben sollen (Gestik, Mimik lesen, Smalltalk üben etc.) oder es gibt dann die Biographien wo eher mal die Meinung vertreten wird, dass man sich gar nicht anpasst und Autisten eh besser seien als NT etc.

      Ich dachte eine Weile, dass ich diese ganzen mir fehlenden Fähigkeiten antrainieren könnte, habe aber ziemlich schnell gemerkt, dass es nicht nur darum geht, dass mir das Wissen über bestimmtes Verhalten fehlt, sondern dass auch in meinem Kopf irgendetwas anders verschaltet ist, so dass ich über viele Dinge selbst nach langem Nachdenken keine Einsicht gewinnen konnte (z. B. bei den Themen 'soziale Lügen' und 'Kompromisse finden' etc.).

      Von daher würde ich sagen, dass ich es z. B. als hilfreich erachten würde, wenn mir jemand die Denkweise und Handlungsweisen von NTs erklärt, aber man darf nicht erwarten, dass ich mich dann ähnlich verhalte oder dieses Verhalten gutheiße. Ich bin mir aber trotzdem nicht sicher, ob das groß helfen würde. Denn ich weiß ja jetzt auch, dass manche Menschen es mit der Ehrlichkeit nicht so wichtig nehmen und ihnen anderes wichtiger ist, aber dennoch bin ich jedesmal ohne Ende entsetzt, wenn ich selbst in so eine Situation gerate. Irgendwie hilft es mir da nicht so richtig, dass ich weiß, dass andere Menschen andere Realitäten haben als ich.

      Ich bräuchte irgendwie eine Hilfestellung dabei, diese anderen Realitäten einfach sein zu lassen und mich davon nicht so bedroht zu fühlen. Und irgendwie müsste ich lernen, dass es nichts bringt, darauf zu hoffen, dass die Welt irgendwann mal einsieht, dass es viel sinnvoller wäre, so zu denken, wie ein Autist.
      Das Ziel wäre vielleicht wirklich, zu lernen, mit dieser Diskrepanz zwischen der Welt und mir umzugehen.

      Dass man sich eben nicht selbst ständig abwertet und überfordert, weil man versucht, mitzuhalten und es doch nicht schafft. Dass man aber auch nicht die anderen beleidigt, die nicht nach den eigenen Prinzipien funktionieren.
      Für mich wären die Grundpfeiler:
      • mich so akzeptieren wie ich bin (auch wenn ich anders bin als die meisten anderen)
      • andere so akzeptieren, wie sie sind
      • lernen, meine Bedürfnisse angemessen anzusprechen (damit ich mich selbst nicht überfordere und anderen die Chance gebe, auf mich einzugehen)
      • lernen, sich angemessen abzugrenzen (auch zum Schutz vor Überforderung)
      Dafür braucht man vermutlich nicht mal eine spezielle Autismustherapie. Bis jetzt konnte ich das aber in keiner Einzel- oder Gruppentherapie lernen.
    • Shenya wrote:

      Eine Therapie kann z.B. auch beinhalten zu lernen, Nein zu sagen, oder auch Alternativen zu finden für etwas, was einem schwer fällt. Es geht nicht immer nur um Anpassung.
      Ja, das ist in meinen derzeitigen Therapien so.
      Es gibt immer auch Themen der Überforderung, wo ich mich verteidigen muss....aber tendenziell beinhaltet es beide Strömungen.

      Leonora wrote:

      Wenn Therapeuten auch ohne Kenntnisse von Diagnosen ihren Klienten helfen, Alternativen für das zu finden, was sie als schwierig empfinden, halte ich das für sehr wichtig und hilfreich. Das sind vermutlich die Therapeuten, die auch Autisten gut weiterhelfen können.
      Ja, das kann gut sein.

      Shenya wrote:

      Danach geht es in der Therapie dann mehr darum, wie man besser mit seinen Ressourcen haushalten kann oder wie man sich den Alltag erleichtern kann, also wie man von der maximalen Anpassung wieder ein Stück weit zu sich selbst findet. Über diese spezielle Problematik wissen nur Therapeuten Bescheid, die sich mit AS auskennen.
      Ja.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”


      (Sylvia Boorstein)
    • Wow, ich finde es toll, wie viele sich hier mit spannenden Beiträgen beteiligen! Danke.

      Fidoline wrote:

      dass man zB, wenn man seinem Gegenüber vom Autismus erzählt, ihm auch die Aufgabe übergibt, sich auch anzupassen und nicht die ganze Arbeit alleine zu machen.
      Ich glaube genau das durfte ich erleben, als ich mich am Arbeitsplatz "geoutet" habe. Seitdem gehen die viel sensibler mit mir um und ich gelte nicht einfach als unflexibel.

      Shenya wrote:

      In meiner Therapie in einem Autismus-Kompetenzzentrum geht es auch darum, besser mit den eigenen Grenzen umzugehen.
      Das klingt gut und sinnvoll! Was ist denn das für eine Therapie? Also ist das ein bestimmtes Programm? Und wer macht die? Also eine Psychotherapeutin oder ein Ergotherapeut, oder? Und ist das eine Gruppen- oder Einzeltherapie?

      Shenya wrote:

      Anpassung habe ich in meinem Alter schon genug gelernt. Das ist dann wichtiger für junge Autisten. Es ist dann auch nicht nur Anpassung, es ist Wissen, wie die Welt funktioniert.
      Das finde ich einen total wertvollen Gedanken, den ich gut nachvollziehen kann. Danke!

      FruchtigBunt wrote:

      Ich glaube, es ist vor einer Therapie bzw. einer Lösungssuche sinnvoll, sich dieser beiden Prinzipien überhaupt gewahr zu sein und dass das in einer Therapie vom Therapeuten/Therapeutin auch bewusst so angesprochen und offengelegt wird.
      Das dachte ich mir auch beim Lesen der Beiträge. Was meint ihr? Wäre es gut am Anfang einer Therapie im Sinne eines Kuchendiagramms zu überprüfen, zu wie viel Prozent jemand akkomodieren bzw. assimilieren will? Also so nach dem Motto: Im Berufsleben wäre ich zu 70% Akkomodation bereit, in einer Beziehung nur zu 15%?

      FruchtigBunt wrote:

      Von daher würde ich sagen, dass ich es z. B. als hilfreich erachten würde, wenn mir jemand die Denkweise und Handlungsweisen von NTs erklärt,
      Das erlebe ich auch als sehr hilfreich. Allerdings auch unabhängig von ASS. Manchmal kann meinem Empfinden nach einfach wer anders besser nachvollziehen, wie es jemand anderem geht. Könnte mir z.B. vorstellen, dass Mütter besser nachempfinden können, was eine Mutter empfindet, wenn ihr Sohn kifft, als eine Nicht-Mutter oder so.
      Surprised by the joy of life.
    • Surprised wrote:

      Was ist denn das für eine Therapie? Also ist das ein bestimmtes Programm? Und wer macht die? Also eine Psychotherapeutin oder ein Ergotherapeut, oder? Und ist das eine Gruppen- oder Einzeltherapie?
      Das ist im Prinzip eine Verhaltenstherapie, aber auf AS zugeschnitten. Es macht eine Psychotherapeutin, und es ist eine Einzeltherapie.
      Alles wird galaktisch gut.
    • @Surprised
      Ich fände es auf jeden Fall wichtig, in einer Therapie nach Feldern (Beruf, Alltag, Familie etc) aufzuschlüsseln wo wieviel Anpassung von einem selbst machbar scheint und zu reflektieren wieviel Anpassung sinnvoll wäre.
      Ich meinte aber eher, dass die/der Therapeut das Thema überhaupt zur Sprache bringen sollte, statt pauschal davon auszugehen, dass jeder Autist Smalltalk lernen sollte und wie man Freunde findet. Manchmal könnte es wirklich wichtiger sein, zu lernen, wie für eine erträglichere Umgebung für sich sorgen kann und wie man sich auch mit wenigen Sozialkontakten akzeptiert, statt sich dafür abzuwerten.
    • Shenya wrote:

      Ich finde, man passt damit aktiv das Umfeld besser an seine eigenen Bedürfnisse an, weil man anderen Bescheid sagt, was machbar ist und was nicht. Damit ist es eine Anpassung der Umwelt an die Bedürfnisse, nicht eine Anpassung von sich selbst an die Umwelt.
      Die Fähigkeit, Nein zu sagen halte ich ähnlich wie die Fähigkeit zum sozialen Lügen (deren Fehlen oft auch von therapeutischer Seite einfach hingenommen wird, wie der Autismusforscher André Zimpel kritisiert) für essentiell, um überhaupt zurecht zu kommen. Allerdings ist sie meiner Meinung nach gar nicht eindeutig einem der beiden Prinzipien zuzuordnen bzw. hat Elemente von beidem (vielleicht ist das bei vielem der Fall, wobei ich trotzdem sinnvoll finde, sich der Prinzipien bewusst zu sein). Da geht es ja zunächst um ein besseres Selbstmanagement, darum, sich seiner Umgebung gegenüber anders zu verhalten. Das ist erst einmal anstrengend und kann auch Konflikte nach sich ziehen. Wenn es gut läuft, passt sich die Umgebung dann langfristig mehr an einen selbst an, ändert das Bild, das sie von einem hat, sieht einen nicht mehr als Menschen, den man "einfach so" ausnutzen kann. Aber das ist nicht gesagt. Insbesondere, wenn man nicht besonders geschickt ist, was Körpersprache etc. betrifft. Damit "Nein-sagen" auch funktioniert und nicht für mehr Konflikte und "Anecken" sorgt, würden viele Autisten mehr Hilfe brauchen als nur den Aufbau von Selbstbewusstsein.

      Shenya wrote:

      Wobei es schon besser funktioniert, wenn der Therapeut Kenntnis von der Diagnose hat.
      Es ist wirklich nicht so, dass man in jeder Therapie dazu gezwungen wird, Dinge zu tun, die einem nicht liegen oder die man nicht tun will (eigentlich ist man als Klient sogar der "Boss" in der Therapie). Man bekommt Wege aufgezeigt und muss mit dem Therapeuten zusammen herausfinden, was funktioniert und was nicht. Dazu ist es wichtig, dass man auch sagt, was man möchte und Rückmeldung gibt über den Erfolg oder Misserfolg von gezeigten Strategien.
      Ja, das denke ich auch.

      Shenya wrote:

      In speziellen Autismustherapien für Erwachsene geht es nicht mehr rein um Anpassung, sondern darum, die Balance zu finden. Autistische Kinder dagegen müssen ja erst einmal lernen, wie andere Menschen funktionieren, damit sie den größtmöglichen Handlungsspielraum haben. Später können sie dann entscheiden, wieviel Anpassung machbar ist.
      Junge Autisten ohne Diagnose und ohne Therapie gehen eher den Weg der maximalen Anpassung, was sich dann im Erwachsenenalter rächt, wie ja die Erfahrung vieler Spätdiagnostizierter zeigt. Danach geht es in der Therapie dann mehr darum, wie man besser mit seinen Ressourcen haushalten kann oder wie man sich den Alltag erleichtern kann, also wie man von der maximalen Anpassung wieder ein Stück weit zu sich selbst findet. Über diese spezielle Problematik wissen nur Therapeuten Bescheid, die sich mit AS auskennen.
      Das stimmt. Wobei manche erwachsene Autisten auch durchaus noch Nachholbedarf haben, was manche Aspekte des sozialen Miteinanders betrifft. Ein Therapeut, der sich mit Autismus auskennt, kann da idealerweise die richtige Mischung finden.

      FruchtigBunt wrote:

      Ich glaube, es ist vor einer Therapie bzw. einer Lösungssuche sinnvoll, sich dieser beiden Prinzipien überhaupt gewahr zu sein und dass das in einer Therapie vom Therapeuten/Therapeutin auch bewusst so angesprochen und offengelegt wird. Dass man sich da gemeinsam überlegt, welche Prinzip sinnvoller ist.
      Ja, das finde ich auch hilfreich. Ich denke, Autisten profitieren ganz besonders davon, wenn so etwas offen und klar kommuniziert wird, und können sich dann oft auch besser auf eine Therapie einlassen. In vielen Fällen wird es sicher auf eine jeweils individuelle Kombination beider Prinzipien hinauslaufen.

      FruchtigBunt wrote:

      Ich fände es auf jeden Fall wichtig, in einer Therapie nach Feldern (Beruf, Alltag, Familie etc) aufzuschlüsseln wo wieviel Anpassung von einem selbst machbar scheint und zu reflektieren wieviel Anpassung sinnvoll wäre.
      Ich meinte aber eher, dass die/der Therapeut das Thema überhaupt zur Sprache bringen sollte, statt pauschal davon auszugehen, dass jeder Autist Smalltalk lernen sollte und wie man Freunde findet. Manchmal könnte es wirklich wichtiger sein, zu lernen, wie für eine erträglichere Umgebung für sich sorgen kann und wie man sich auch mit wenigen Sozialkontakten akzeptiert, statt sich dafür abzuwerten.
      Da kann ich mich anschließen.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

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