Derealisation als bewusste Methode zur Abgrenzung?

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    • Derealisation als bewusste Methode zur Abgrenzung?

      Hey Leute,

      ich bin noch relativ neu hier im Forum. Bin aber echt begeistert darüber wie sehr ich mich zum Teil in den Beiträgen von euch wieder finde. Weiß seit ca. drei Monaten dass ich Asperger-Autist bin (auch wenn eine offizielle Diagnose noch fehlt) und habe das erste mal das Gefühl langsam bei mir selbst anzukommen. Das ist echt schön. Das nur mal eben so vorab :d

      Da ich viele Komorbiditäten bzw. einen großen psychischen Leidensdruck seit vielen Jahren habe (Depressionen, Angstzustände, PTBS, Psychosomatische Beschwerden...), beschäftige ich mich intensiv mit den Zusammenhängen dieser Probleme zum Autismus und versuche da einen Durchblick zu bekommen. Ich finds echt krass immer mehr zu sehen, wie eng verknüpft diese ganzen Sachen mit Autismus zu sein scheinen. Wahnsinn was es da noch für einen potentiellen Forschungs- und Vermittlungsbedarf gibt. Naja jedenfalls, um nicht zu sehr abzuschweifen: Auf der Suche nach Antworten bin ich vor kurzem auf das Thema Dissoziative Störungen (wenn auch mehr im Kontext AD(H)S, aber ich denke da gibt es große Schnittmengen zu Autismus) und insbesondere die Phänomene Derealisation und Depersonalisation gestoßen. Ich habe hier im Forum zwar Einträge zu dem Thema gefunden, aber meistens auch eher als Komorbidität unter der man leidet. Vor allem seit heute beschäftigt mich aber ganz intensiv die Frage, inwiefern es womöglich einen funktionalen (also sinnvollen) Zusammenhang zwischen Autismus und Derealisation gibt. Vor allem weil ich dazu bisher nichts an Infos gefunden habe. Vielleicht ist der Zusammenhang auch zu logisch und offensichtlich, aber unsicher bin ich trotzdem. Oder ich habe den Begriff Derealisation einfach noch nicht richtig verstanden. Bei mir ist das so: Ich bin eigentlich fast immer nicht richtig "da", da ich dauernd Overload-Situationen ausgesetzt bin. Erst seit ich erkannt habe dass ich Autist bin, wird das besser, da ich jetzt anfange Overloads zu erkennen und zu handeln (was aber echt schwer ist). Dabei unterscheide ich zwei Zustände, die mir aber erst bewusst geworden sind als ich auf die Begriffe gestoßen bin: Entweder ich habe das Gefühl, nicht bei der Situation / bei der Handlung zu sein, agiere nur auf Autopilot und erst lange Zeit später kann ich die Eindrücke verarbeiten (Derealisation). Oder ich bin zu sehr im Kontakt mit meiner Umwelt, habe das Gefühl mich nicht abgrenzen zu können und verliere das Gefühl für meinen Körper (Depersonalisation). Letzteres fühlt sich für mich ganz schrecklich an und mündet immer wieder in Meltdowns oder panikartigen Zuständen (als würde ich gleich sterben, keine Luft kriegen, einen Herzinfarkt bekommen) mit Selbstverletzung. Bei der Derealisation dagegen habe ich gemerkt, dass ich das oft eigentlich sogar ganz angenehm finde (wenn es mir bewusst ist). Vielleicht kommt es auch auf den Kontext an, aber ich habe dann das Gefühl abgeschirmt zu sein und mich viel besser von meiner Umwelt und den Reizen abgrenzen zu können. Ich identifiziere mich dann nicht mehr mit meiner Umwelt und kann ganz bei mir und meinen Gedanken sein. Da habe ich mir gedacht: Kann das Sinn machen, das bewusst für sich zu nutzen und die Anwendung zu trainieren, sofern möglich, gerade in potentiellen Overload-Situationen? Oder verwechsel ich da was und eine Derealisation ist was ganz anderes? Wie sind da so eure Erfahrungen?

      Bin gespannt! Und sorry für den langen Text :nerved:
    • @MusikSexNature


      ich bin noch relativ neu hier im Forum. Bin aber echt begeistert darüber
      wie sehr ich mich zum Teil in den Beiträgen von euch wieder finde. Weiß
      seit ca. drei Monaten dass ich Asperger-Autist bin (auch wenn eine
      offizielle Diagnose noch fehlt) und habe das erste mal das Gefühl
      langsam bei mir selbst anzukommen. Das ist echt schön. Das nur mal eben
      so vorab
      ich bin auch erst seit März "Autist in freier Wildbahn", seit meiner ersten Opferzeugenaussage in einem Stalkingverfahren. Mir wurden die speziellen Rechte "gewärt" als Autist nur Fragen zu beantworten deren Sinn ich verstehe, dafür gelte ich auch als überdurchschnittlich vertrauenswürdig weil ich alles auch ausspreche was ich weis.

      Nach fünf jahren ermittlungen, wo ich wegen angeblicher PTBS usw bestenfalls von der Generalstaatsanwaltschaft ignoriert wurde, schlimmer aber beleidigt und als notorischer querulant von der Polizei verarscht wurde - dachte ich jetzt endlich meine Ruhe zu haben.
      Hab ich auch. dafür hat das Grund sicherungsamt meinen Freund jetzt angegriffen. Er ist NT und ich eben sein Aspie, seit 34 Jahren.
      Die Behörden versuchen jetzt seine Opferrente anzuzweifeln und bis morgen soll er den sog Lübeckecker Fragebogen präoperatorisches Denken abliefern. Ich bin echt kurz vorm durchdrehen, bin trotzdem total ruhig weil ich die Sache präzise durchdenken kann, dafür reichen 4 semester jura + AQ179 , aber ich hab keinen plan für morgen nach 14h
      der irrsinn ist das die hinter präoperativ-denken, einen empathie test verstecken. , das alles ist so perwers, - sone scvh..sse geht mir pers. sonstwo vorbei, aber meinem freund der wirklich als kind missbraucht wurde auf die art neue selbstzweifel und komplexe reinzudrücken ist abartig
      dein text ist zum glück lang genugt , dass ich auch merke in einer comunity zu sein und es so auch schaffen uns zu wehren.
      ich habe einige nächte durchgedacht, und nebenher forumsbeiträge gelesen machmal sogar entspannt auch zu musik oder anderem schreiben können, :| + :? + :shake: ++ :nod: dann am ende doch :)
    • Ach so, da gibt es Bezeichnungen für.
      Ich habe ständig das Gefühl nicht richtig "da" zu sein.
      Depersonalisierung wird also der Zustand genannt, in dem ich nicht in meinem Körper bin, für mich ein Dauerzustand im Kontakt mit Menschen, ich verschmelze mit den anderen und fühle mich dabei unwohl und kann mich davon nicht abgrenzen. Darum meide ich weitestgehend Kontakte.
      Sonst bin ich viel in Gedanken, abgetrennt vom " Rest der Welt" , was wohl auf deine Beschreibung für Derealisation zutrifft. Es ist von einer Art "sicherem Gefühl " begleitet.
      Tatsächlich benutze ich diese Gedankenflucht teilweise im Kontakt mit Menschen, was mir einen gewissen Abstand verschaffen kann, aber es funktioniert nicht immer, oft werde ich einfach wie eine Art Sog in Richtung Nicht-abgrenzen-können verschoben, die Mechanismen, die da wirken, unterliegen wenig dem eigenem Willen.

      Keine Ahnung, ob das irgendwie verständlich ist und ob es dir nutzen kann.
    • Ich glaube nicht, dass irgendjemand Dinge wie Dissoziationen und Derealisationen bewusst anwendet. Das würde dem Begriff meiner Meinung nach widersprechen. Das sind alles eher Schutzmechanismen, die unbewusst ablaufen, um sich vor Retraumatisierungen zu schützen.

      Aber im Bereich des Autismus kommt man ja ohne Begrifflichkeiten aus, die im restlichen Bereich der Psychiatrie gang und gäbe sind. Stattdessen gibt es dann eher Eigenkreationen wie "meltdown", "shutdown" etc. Was dies soll, verstehe ich nicht, weil es dadurch schwierig wird, Vergleiche anzustellen oder Autismus gegen andere Störungen abzugrenzen.

      Meiner Meinung nach gibt es zwischen Autismus und Traumatisierungen fließende Übergänge. Ich bin der Meinung, dass diese Dinge deshalb auch bei Autisten vorkommen können, aber dazu müsste das Konzept über Autismus vermutlich komplett auf den Kopf gestellt werden.
    • @FruchtigBunt
      hi, du hilfst mir gerade sehr beim nachdenken, ich verstehe halt Begrifflichkeiten aus restlichen Bereich der Psychiatrie nicht alle aber Retraumatisierung schon.
      mach ich einen denkfehler wenn ich mir vorstelle , das bei meinem freund (nichtASS) retraumatisierung zum mit meinem shutdown vergleichbaren führt. :roll: der vergleich geht wohl nicht, boa diese ganze diferenzialdiapnose hat für mich zu viele blinde? stellen?

      Die Behörden wollen bis morgen den sog Lübeckecker Fragebogen präoperatorisches Denken, hab das gerade durchgelesen, und echt , ich kann sowas seit dem studium auch neutral erfassen aber bei dem wird mir k...zübel.


      wenn ich ausserhalb des themas bin , entschuldigt bitte - ich kann mir auf die art gerade ganz gut weiterhelfen. wenn ich mehr zeit hätte würde ich nicht so ohne redaktion dazu schreiben, danke
    • FruchtigBunt wrote:

      Aber im Bereich des Autismus kommt man ja ohne Begrifflichkeiten aus, die im restlichen Bereich der Psychiatrie gang und gäbe sind. Stattdessen gibt es dann eher Eigenkreationen wie "meltdown", "shutdown" etc. Was dies soll, verstehe ich nicht, weil es dadurch schwierig wird, Vergleiche anzustellen oder Autismus gegen andere Störungen abzugrenzen.
      Das kommt ganz grob gesprochen daher, dass die Therapieansätze beim ähnlichen (oder gleichen) Erscheinungsbild nicht helfen oder sogar kontraproduktiv sind. Um die (anderen) Therapeuten nicht zu verwirren, verwenden diese selber diese verschiedenen Begriffe.
    • @shnoing
      Gibt es denn Studien darüber, dass die Therapieansätze, die man momentan bei Dissoziationen anwendet, bei Asperger tatsächlich nicht helfen? :roll:
      Ich vermute, dass man das gar nicht erst versucht hat, weil sich Asperger und Traumata ja laut Lehrmeinung bzw gängiger Meinung ausschließen,obwohl man nicht mal genau weiß, was die Ursachen für Asperger sind.
    • Linnea wrote:

      FruchtigBunt wrote:

      weil sich Asperger und Traumata ja laut Lehrmeinung bzw gängiger Meinung ausschließen,
      das ist ja dann absurd.....etlliche As sind traumatisiert.
      Neben Asperger kann man ja auch angeblich keine Persönlichkeitsstörungen haben (bzw. das darf beides nicht gleichzeitig diagnostiziert werden). :roll: Offenbar glaubt man, dass Menschen mit ASS immun gegen Traumata etc. sind. :fun:
    • Ewig suchender Michael wrote:

      Ach so, da gibt es Bezeichnungen für.
      Ich habe ständig das Gefühl nicht richtig "da" zu sein.
      Depersonalisierung wird also der Zustand genannt, in dem ich nicht in meinem Körper bin, für mich ein Dauerzustand im Kontakt mit Menschen, ich verschmelze mit den anderen und fühle mich dabei unwohl und kann mich davon nicht abgrenzen. Darum meide ich weitestgehend Kontakte.
      Sonst bin ich viel in Gedanken, abgetrennt vom " Rest der Welt" , was wohl auf deine Beschreibung für Derealisation zutrifft. Es ist von einer Art "sicherem Gefühl " begleitet.
      Tatsächlich benutze ich diese Gedankenflucht teilweise im Kontakt mit Menschen, was mir einen gewissen Abstand verschaffen kann, aber es funktioniert nicht immer, oft werde ich einfach wie eine Art Sog in Richtung Nicht-abgrenzen-können verschoben, die Mechanismen, die da wirken, unterliegen wenig dem eigenem Willen.

      Keine Ahnung, ob das irgendwie verständlich ist und ob es dir nutzen kann.
      Ich glaube nicht, dass Dissoziationen und Derealisationen einem bewusst werden , solange man in traumatisiertem zustand zusätzliche filter "einschaltet", also keine gelernten anpassungen. ich bin so nen halben sommer lang mit schwindel im nebel rumgelatscht. dann hab ich angefangen , eigentlich aus trotz die "zurückhaltung" aufzugeben. eigentlich hab ich mich nicht geändert weil ich schon immer 3/4 vom tag gemacht hab was ich bin. ich hab dann beim dieleneinschlagen richtiggehend einen arbeitsunfall provoziert, also den kopf in den schlagbereich vom bankhammer gebracht. hat genau hingehauen. mir gings dann echt besser.
      heute bin ich viel konzentrierter, teile den tag gut ein, aber auf die konzentrationslücken aufpassen ist gar nicht so einfach. oder sind die eine art depersonalisierung. :roll:
    • Ich denke es gibt verschiedene Zustände, zwischen denen man klar unterscheiden muss. Ich denke wir alle kennen es, in unangenehmen Situationen gedanklich abzuschalten, z. B. dem Lehrer nicht mehr zuzuhören, die sensorischen Eindrücke um sich herum nicht mehr richtig wahrzunehmen, in eigenen Gedanken zu versinken und zu warten, bis es vorbei ist. Das würde ich unter natürlicher Selbstschutz zählen und ist ansich etwas Gesundes würde ich sagen.

      Eine weit ernsthaftere Ausprägung ist die sogenannte Dissoziation. Das ist geistig ein regelrechtes Entfliehen aus dem eigenen Körper, was in dieser Form längst nicht alle Menschen kennen. Ein Beispiel wäre das eines Kindes, das in seiner Kindheit wiederholt sexuell missbraucht wird. Es lernt, seinen Geist quasi vorübergehend von seinem Körper zu trennen, damit "der da unten" mit dem Körper des Kindes machen kann was er will und das Kind davon nichts mitkriegt / spürt. Eine Person in dem Zustand ist wie erstarrt, nicht ansprechbar, ist in der Art von Zustand von der man früher dachte Autisten wären ständig darin, also in einem Zustand mit keinerlei Connections oder Sensoren zur Außenwelt hin und wohl auch keiner Denkfähigkeit mehr. Die Person ist einfach "nicht mehr da" für den Zeitraum. Und der gleiche Zustand kann der Person auch später im Leben wieder passieren. Dass sie also z. B. das Parfüm riecht, das wie das ihres Vergewaltigers riecht, und dadurch unweigerlich wieder dissoziiert für ein paar Minuten, auch wenn das eigentliche Trauma Jahre zurückliegt. Borderliner z. B. haben so etwas oft. Und ja, das ist wirklich etwas medizinisch bedenkliches, obwohl (oder auch gerade weil) es eine Selbstschutzmaßnahme des Körpers ist. Inwieweit es sich bei dem sogenannten autistischen "Shutdown" um einen dissoziativen Zustand handelt, weiß ich nicht mit Bestimmtheit. Wenn ja, sollte man dringend die Umweltbedingungen ändern, denn das bedeutet die Umwelt ist praktisch traumatisierend. Auch das berühmte "autistische" "den eigenen Körper Schaukeln" wird z. B. auch von NTs nach traumatischen Ereignissen mitunter gezeigt.

      Die Annahme, dass man jemanden, der das Asperger-Syndrom hat, nicht traumatisieren kann, ist übrigens ausgesprochener Blödsinn! (obwohl es ungemein praktisch wäre). Die Wissenschaft bemüht sich nur um Differenzierung, damit es nicht zu Verwechslungen zwischen Trauma und Autismus kommt, da bestimmte Symptome, die auftreten können (z. B. Ablehnung von Berührungen der Mutter oder wenig Reaktion auf die Eltern zeigen) identisch sein können trotz völlig unterschiedlicher Ursachen.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.

      The post was edited 2 times, last by Lex ().

    • FruchtigBunt wrote:

      @shnoing
      Gibt es denn Studien darüber, dass die Therapieansätze, die man momentan bei Dissoziationen anwendet, bei Asperger tatsächlich nicht helfen? :roll:
      Ich vermute, dass man das gar nicht erst versucht hat, weil sich Asperger und Traumata ja laut Lehrmeinung bzw gängiger Meinung ausschließen,obwohl man nicht mal genau weiß, was die Ursachen für Asperger sind.
      Studien sind mir nicht präsent. Ich weiß nur, dass die sog. melt- und shutdowns vorzugsweise mit In-Ruhe-Lassen zu behandeln seien, und das ist ja das Gegenteil einer Therapie. Es gibt in dem Zustand auch keinen Lerneffekt, weil das Gedächtnis dabei sowieso nichts speichert.
      Zum (unkonventionellen) Umgang von Autistinnen mit traumatischen Erfahrungen kenne ich zwei autobiographische Berichte, "Crazy in Love" (das ist trotzdem auf deutsch übersetzt) und "Heute singe ich mein Leben". Aber Triggerwarnung.
    • Lex wrote:

      Eine Person in dem Zustand ist wie erstarrt, nicht ansprechbar, ist in der Art von Zustand von der man früher dachte Autisten wären ständig darin, also in einem Zustand mit keinerlei Connections oder Sensoren zur Außenwelt hin und wohl auch keiner Denkfähigkeit mehr.
      [...]

      Inwieweit es sich bei dem sogenannten autistischen "Shutdown" um einen dissoziativen Zustand handelt, weiß ich nicht mit Bestimmtheit. Wenn ja, sollte man dringend die Umweltbedingungen ändern, denn das bedeutet die Umwelt ist praktisch traumatisierend.
      Ich finde auffällig, wie sehr sich diese Zustände ähneln. Und ich kann nicht richtig verstehen, woraus man ableitet, dass es bei Traumatisierten eine andere Ursache haben soll als bei Autisten. Bei Autisten sagt man pauschal, es wäre angeboren und würde aus dem Gehirn kommen.

      Vielleicht ist es aber bei Menschen mit Asperger nochmal etwas anderes als bei Autisten (also noch weiter im autistischen Spektrum). Ich habe z. B. auch Dissoziationen, aber die treten nicht permanent auf, sondern nur dann, wenn ich unter extremster Anspannung und Verzweiflung stehe, was bei mir eigentlich mit einem Meltdown gleichzusetzen ist. Somit frage ich mich, ob ich nun eine Dissoziation wegen Traumafolgestörung oder einen Meltdown wegen Asperger habe. Aber im Endeffekt ist es doch das gleiche oder nicht? (das ist die große Frage) :roll:
    • shnoing wrote:

      Zum (unkonventionellen) Umgang von Autistinnen mit traumatischen Erfahrungen kenne ich zwei autobiographische Berichte, "Crazy in Love" (das ist trotzdem auf deutsch übersetzt) und "Heute singe ich mein Leben". Aber Triggerwarnung.
      Vielen Dank für die Buchtipps. Ich versuche mal rauszubekommen, in welche Richtung das geht.
    • Lex wrote:

      Ich denke es gibt verschiedene Zustände, zwischen denen man klar unterscheiden muss. Ich denke wir alle kennen es, in unangenehmen Situationen gedanklich abzuschalten, z. B. dem Lehrer nicht mehr zuzuhören, die sensorischen Eindrücke um sich herum nicht mehr richtig wahrzunehmen, in eigenen Gedanken zu versinken und zu warten, bis es vorbei ist. Das würde ich unter natürlicher Selbstschutz zählen und ist ansich etwas Gesundes würde ich sagen.

      Eine weit ernsthaftere Ausprägung ist die sogenannte Dissoziation. Das ist geistig ein regelrechtes Entfliehen aus dem eigenen Körper, was in dieser Form längst nicht alle Menschen kennen. Ein Beispiel wäre das eines Kindes, das in seiner Kindheit wiederholt sexuell missbraucht wird. Es lernt, seinen Geist quasi vorübergehend von seinem Körper zu trennen, damit "der da unten" mit dem Körper des Kindes machen kann was er will und das Kind davon nichts mitkriegt / spürt. Eine Person in dem Zustand ist wie erstarrt, nicht ansprechbar, ist in der Art von Zustand von der man früher dachte Autisten wären ständig darin, also in einem Zustand mit keinerlei Connections oder Sensoren zur Außenwelt hin und wohl auch keiner Denkfähigkeit mehr. Die Person ist einfach "nicht mehr da" für den Zeitraum. Und der gleiche Zustand kann der Person auch später im Leben wieder passieren. Dass sie also z. B. das Parfüm riecht, das wie das ihres Vergewaltigers riecht, und dadurch unweigerlich wieder dissoziiert für ein paar Minuten, auch wenn das eigentliche Trauma Jahre zurückliegt
      Ja. Ich kenne beides.
      Dissoziation zum Glück kaum noch, eher kurze Reaktionen auf Trigger.
      Eine Zeitlang hatte ich sogar Dissoziations (nach?)träume, wo ich von oben bei Gewaltaktionen, die mir als Kind widerfuhren, zusah,
      weil es sonst nicht auszuhalten gewesen wäre.
      Das letzte bewusste Mal war vor etwa 5 Jahren, denke ich, in dieser Körpertherapiesitzung und den Monaten danach.
      Es ist mir, als würde noch ein Rest davon in mir herumschweben ab und zu. Oder andersherum, als würde noch ein Teil fehlen.
      Kennt das Jemand hier?
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • shnoing wrote:

      "Crazy in Love"
      hört sich interessant an,
      wiewohl:
      "
      Es
      ist von einem amerikanischen Mainstream-Ghostwriter lediglich auf der
      Basis der realen Erlebnisse verfasst worden. Und ich bekomme nicht den
      Eindruck, er hätte sich sonderlich gut in die Seele die beiden
      hineinversetzen können oder mehr als 'business as usual' mit der 'Story'
      getrieben..""

      ...
      es eventuell also gar nicht autobiografisch ist??
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Linnea wrote:

      shnoing wrote:

      "Crazy in Love"
      hört sich interessant an,wiewohl:
      "..."

      es eventuell also gar nicht autobiografisch ist??
      Das kann ich (ist das eine private Rezension?) so nicht bestätigen. Die betreffenden Passagen sind denen aus dem anderen genannten Buch strukturell ähnlich.
      Das Buch ist wohl schon lange vergriffen. Den Film dazu gibt es "Mozart und der Wal", aber für den hat nur "er" beraten, so dass "ihre" Perspektive nicht so vorkommt — sie haben sich wohl zwischen Buch- und Filmerstellung getrennt.
    • Wie spannend - über genau dieses Thema denke ich seit einigen Wochen ausgiebig nach. Um mehr über dissoziative Zustände zu erfahren, lese ich gerade das Buch "Dissoziative Bewusstseinsstörungen", Eckhardt-Henn/Spitzer, Schattauer Verlag, 2. Auflage. Ich finde es sehr interessant und empfehlenswert bisher (ca. 1/3 gelesen), aber natürlich habe ich gleich im Index nachgeschlagen, ob es einen Abschnitt zu Autismus/Asperger gibt, und es gibt keinen. Ist das nicht krass? (Es ist ein dickes Buch.) Ich habe allerdings noch nicht recherchiert, ob es in der englischsprachigen Literatur dazu etwas gibt.

      Ich habe folgende Überlegung: Macht es nicht Sinn, die Dissoziation (also das automatische und unwillkürliche Sich-Zurückziehen des Geistes und das Herunterfahren der Funktionen des Nervensystems) als eine Art Not-Aus-Schalter des (autistischen) Gehirns anzusehen? Inzwischen, da ich weiß, worauf ich achten muss und Erfahrung habe, kann ich mich selbst genauer beobachten. Die Dissoziation kommt (natürlich) immer dann über mich, wenn eine Situation für mich im Grunde unerträglich ist, was meist an sensorischen Reizen (v.a. Geräusche und Berührungen), Gesprächen, Unvorhersehbarkeit etc. liegt. In einer meinem eigenen Empfinden nach gewaltigen Willensanstrengung entziehe ich mich dann meistens aktiv der Dissoziation, um bestimmten (sozialen) Verpflichtungen und Zielen nachzukommen. Ich erzwinge also das Weiterfunktionieren meines Nervensystems über die Belastungsgrenze hinaus, anders gesagt, ich überbrücke den Not-Aus-Schalter manuell - und zwar regelmäßig. Dass das nicht gut gehen kann, ist eigentlich klar. Wenn ein System aufgrund seiner Beschaffenheit und Bauart nur für eine bestimmte Art und Intensität der Nutzung geeignet ist, kommt es natürlich zu Fehlfunktionen und/oder Beschädigungen, wenn man den Not-Aus-Schalter quasi gewaltsam deaktiviert, nachdem er auslöst, und einfach weitermacht mit der Belastung. Nichts anderes passiert mit einem Muskel, der über seine Leistungsfähigkeit hinaus beansprucht wird (Krämpfe, Faserrisse), oder einem Prozessor, der übertaktet wird (Abstürze, Materialdefekt) usw. Jedes technische oder organische System hat doch nur einen bestimmten und begrenzten Funktionsbereich, warum sollte das bei einem Nervensystem anders sein? Ein Nervensystem ist ja nichts völlig Andersartiges, es besteht genauso aus Materie und bestimmte materielle Teile darin erfüllen bestimmte Aufgaben, es basiert sogar auch auf Übertragung elektrischer Impulse.

      Auf jeden Fall schützt Dissoziation vor Unerträglichem, da bin ich ziemlich sicher, dass sie diese Funktion hat. Und ich erlebe jedenfalls in meinem Alltag häufig Situationen, in denen ich mich zwingen muss, weiter zu funktionieren und nicht zu dissoziieren. Das fühlt sich nach Gewalt gegen mich selbst an. Hinterher erlebe ich schlimme Zustände und muss in der Regel sedierende Substanzen einnehmen, um zu verhindern, dass etwas zu Bruch geht oder ich mich verletze. Sedierende Substanzen sind aber natürlich auch nur eine kontrolliertere Art der Selbstverletzung.
      Schlimm ist doch einfach, dass man als Autist in unserer Welt so oft in derartige Situationen kommt, in denen sozusagen der Not-Aus-Schalter auslöst und man regelrecht gezwungen ist, trotzdem weiterzufunktionieren. Denn sonst könnte man ja nicht zum Arzt gehen, einkaufen, usw. usw.

      @Lex: Ich finde deinen Beitrag sehr scharfsinnig. Über Traumatisierung und Autismus denke ich auch derzeit viel nach. Definitiv erlebe ich in meinem Alltag ständig Erschütterndes, um es (mangels Fachwissen) einmal mit einem etwas neutraleren Begriff zu versuchen. Ich denke, das geht vielen Autisten so. Es können einem ja als Autist subjektiv im ganz normalen Alltag wirklich furchtbar schlimme Dinge passieren - aber niemand in der Umgebung reagiert darauf dem eigenen Empfinden entsprechend. Man ist also vollkommen unverstanden und schutzlos ausgeliefert zugleich. Dazu kommt die Verwirrung, da die Welt einem ja eigentlich nicht offen feindselig gegenüber tritt, im Gegenteil, die allermeisten Menschen wollen einem ja gar nichts Schlechtes antun. Wenn man aber einfach nicht versteht und nicht kontrollieren kann, wann, wo und warum einem etwas Schlimmes passiert (was auch immer das für den jeweiligen Autisten individuell ist), muss das ja dazu führen, dass man ständig Angst hat und außerdem an sich zweifelt. Das entspricht ja in gewisser Weise strukturell einem Leben in einer regellosen und gewalttätigen Welt, in der es aber absolut unangemessen (bzw. aussichtslos) wäre, sich zu verteidigen. Das führt dann zum stillen Aushalten und Ertragen und Leiden und Mitmachen, was eigentlich strukturell exakt die Situation einer Vergewaltigung ist. Gerade wenn sensorisch die Schwellen zum körperlichen Empfinden gelockert sind (wie z.B. bei Synästhesien), ist man ja auch tatsächlich permanent körperlich spürbarer Gewalt ausgesetzt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das auch im fachlichen Sinne zu einer Traumatisierung führen kann.

      The post was edited 1 time, last by Alchemyst ().

    • Hm ja. Ist immer wieder ironisch, dass mangelnde Empathie als eines der Kernthemen von Autismus gesehen wird, während es jahrelang an Empathie gegenüber Autisten mangelte und es teilweise heute noch tut. Der frühkindliche Autist war von Anfang an missverstanden. Man meinte halt: "Er benimmt sich komisch." "Jemand muss ihm etwas schlimmes angetan haben" E"Er ist in sich gekehrt und wir wollen ihm die tolle Welt zeigen." Dass aber jetzt gerade in diesem Moment ihm etwas schlimmes angetan wird, dass beispielsweise um ihn rum zu viel Lärm ist (was von anderen gar nicht als Lärm empfunden wird) und er aus lauter innerer Not heraus ein seltsames Verhalten zeigt und sich innerlich abzugrenzen versucht, indem er sich abschottet und / oder sich durch monotone Bewegungen abzulenken und zu beruhigen versucht (wie auch andere Menschen es tun würden, wenn sie unsäglichen Zuständen wie z. B. Folter oder Einkerkerung ausgeliefert wären und / oder große Schmerzen erleiden), das wurde nicht verstanden. Stattdessen wurde die Mutter ins Gericht genommen sie hätte ihm nicht genug Zuwendung gegeben (was ja eine der klassischen Gründe für Traumatisierung im klassischen SInne wäre) und man hat angefangen ihm sein Verhalten über Lob und Strafe abzutrainieren, wie man es bei einem dummen Hundewelpen machen würde. Wenn der Autist noch dazu wirklich in der Intelligenz und / oder Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist, ist er doppelt angearscht.
      Natürlich gibt es auch Autisten, die nicht so arg lärmempfindlich sind oder bei denen das erst später auftritt, aber dennoch.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.