Autismus im Lauf des Lebens - Wird er immer intensiver?

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    • Cloudactive wrote:

      Mir ist gerade eingefallen, dass in der frühen Jugend vieles noch als normal ausgelegt wird, was dann im frühen Erwachsenenleben dann doch auffällt.
      Zum Beispiel wusste ich eigentlich schon direkt, dass es eher abnormal war, dass ich mich nicht für Beziehungen und Soziales interessierte.
      Betrachtet wurde das aber als "mit der Zeit wird sich das schon geben, sowieso besser, wenn sich eher für Sachliches interessiert wird, Karriere geht erstmal vor..."
      Das merkte ich so richtig krass nach dem Abitur. Vorher war mein erwachsenes Umfeld begeistert von meinen Interessen. Meine Eltern trösteten mich auch damit, wenn das, was mich interessierte, bei den anderen nicht so "in" war und sie kein Verständnis dafür hatten, später wäre das viel wertvoller, ich könnte damit viel mehr anfangen. Daher war ich regelrecht schockiert, als meine Eltern dann später alles andere als erfreut waren, als ich meine "schöngeistigen", aber "brotlosen" Interessen tatsächlich studieren wollte. Dabei war eigentlich abzusehen, dass meine Beschäftigung damit eben nicht in eine Studienentscheidung für BWL oder Jura münden würde. :roll: Mich hat diese Reaktion sehr verunsichert, ich hätte eigentlich Ermutigung und Hilfe dabei gebraucht, Wege zu finden, wie ich aus meinen Interessen etwas machen kann. So war diese Verunsicherung in Kombination mit den "gemischten" Erfahrungen, die ich (größtenteils aufgrund von sozialen Schwierigkeiten) im Studium machte, fatal.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Schreiberling wrote:

      Ein paar Gedanken dazu:

      Je älter man wird, desto mehr Verantwortung muss man im Leben tragen, beruflich, familiär, gesellschaftlich. Das zieht Energie ab, die dann nicht mehr fürs Kompensieren autistischer Eigenarten zur Verfügung steht. Zudem steigt die gesellschaftliche Eingebundenheit, was erhöhte Anpassung erfordert.

      Dazu kommt, dass man einfach älter wird. Wenn dann noch die eine oder andere (chronische) Krankheit dazukommt, schwinden die Kompensationsressourcen noch weiter.

      Ich glaube auch, dass der Wunsch, man selbst sein zu dürfen, mit steigendem Alter dringender wird. Weil man merkt, dass die ganzen Anpassungsstrategien der Vergangenheit viel Kraft gekostet, aber letztlich nur wenig genutzt haben. Und weil man merkt, dass das Leben endlich ist und man deshalb wenigstens für eine gewisse Zeit mal sein können darf, wie man eben ist.

      Ja.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”


      (Sylvia Boorstein)
    • TalkativeP wrote:

      harmonicfour wrote:

      „Wird der Autismus im Laufe des Lebens immer stärker?“
      Mir hat man bei der Diagnostik gesagt, dass es mit der Zeit besser wird, weil ich einfach mehr Situationen kennengelernt hätte die ich dann anstelle der Intuition nutzen könne.
      Auf mich trifft beides zu - irgendwie.

      Auf der einen Seite kann ich besser mit meinen Schwierigkeiten umgehen, seit ich weiß, wo sie her kommen. Ich setze mich stressigen Situationen, von denen ich weiß, dass sie mir nicht gut tun, nicht mehr aus, wenn es sich vermeiden lässt.

      Auf der anderen Seite kann ich vieles nicht mehr kompensieren (dadurch und dem darauf folgenden Zusammenbruch), was letztendlich mit fast 57 Jahren zur Diagnose geführt hat.

      Ich habe immer versucht, so zu leben, wie es gut ist für mich. Dabei aber auch viel Rücksicht auf andere Menschen genommen und mich dadurch überlastet. Das mache ich heute nicht mehr, was andere über mich denken, wird mir mehr und mehr egal.
      ~ What the fuck is real life and where can I download it? ~
    • mir ist letztens nen Gedanke gekommen, den man evtl hier (bzw auch hier) verorten können.
      Nämlich der Wegfall von familärem und sozialem Gefüge.
      Ich glaube, ich hatte als Kind weniger Probleme, weil ich eine sehr große Familie als Bezug hatte. Meine Großeltern, Tante und Cousinen eine sehr ruhige Straße mit vielen Nachbarn mit gleichaltrigen Kindern und auch sonst einem gutem sozialen Gefüge untereinander dort. Man hat sich umeinander, bzw um mich gekümmert, vor allem meine große Schwester. So zumindest den wenigen Erinnerungen, die ich habe. Auch wurde akzeptiert, wenn ich eher für mich alleine seien wollte und mich zurückzog.
      Nja, dass ist alles nicht mehr. Durch die Trennung der Eltern und dem Wegzug, durch den Tod der Großeltern und die Familie, die in Streitigkeiten ums Erbe zerbrach, der Bruch mit dem Vater, die Schwester, die kaum noch Zeit hat und die geringe Akzeptanz von meiner Andersheit und das ich mich zurückziehe... haben den Boden auf dem ich stehe sehr wackelig gemacht, dass ich dann noch anfälliger wurde und dann wegen Überforderung krank.
      Also schon, dass es mit dem Alter schwerer wird. Dazu kommt halt auch noch, dass die eigene Kraft mit Belastung umzugehen, auch nicht mehr wird.
      »Bist du denn verrückt geworden?« »Nein. Mich gab's schon so ab Werk.« 8-)
    • Schneckentanz wrote:

      Ich erlebe das auch, dass meine Fähigkeit zur Kompensation im Laufe meines Lebens nachlässt.

      Ich habe relativ lange im Berufsleben durchgehalten, ich werde bald 60, konnte allerdings nie Vollzeit arbeiten.

      Aber im Moment weiß ich noch nicht, wie ich es bis zur Rente weiter schaffen soll..... :(
      die ersten 2 Aussagen treffen bei mir genau so zu, Rente heist nur GSA, aber Altersarmut gehört bei meinem Job zum Risiko ((75%)
    • Christian87 wrote:

      mir ist letztens nen Gedanke gekommen, den man evtl hier (bzw auch hier) verorten können.
      Nämlich der Wegfall von familärem und sozialem Gefüge.
      Ich glaube, ich hatte als Kind weniger Probleme, weil ich eine sehr große Familie als Bezug hatte. Meine Großeltern, Tante und Cousinen eine sehr ruhige Straße mit vielen Nachbarn mit gleichaltrigen Kindern und auch sonst einem gutem sozialen Gefüge untereinander dort. Man hat sich umeinander, bzw um mich gekümmert, vor allem meine große Schwester. So zumindest den wenigen Erinnerungen, die ich habe. Auch wurde akzeptiert, wenn ich eher für mich alleine seien wollte und mich zurückzog.
      Das halte ich für einen zentralen Aspekt. Als Kind und Jugendliche und oft auch noch als junge Erwachsene haben viele ein funktionierendes soziales Netzwerk, das ihnen Sicherheit und Geborgenheit gibt. Junge Menschen ohne offensichtliche kognitive oder körperliche Probleme werden (sofern sie nicht beispielsweise in der Schule aggressiv sind oder stark den Unterricht stören) dadurch meistens aufgefangen und bleiben so unauffällig. Insbesondere, wenn ein Kind oder Jugendlicher als "schlau" gilt und gute Noten schreibt, werden die Schwierigkeiten, die es dennoch gibt, zumeist als etwas gesehen, das sich "auswächst". Aber viele schaffen es später nicht, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen, mit Partner, Beruf, Familie. Und dann fallen viele Menschen aus den "Netzen", ohne, dass man unbedingt auf Autismus kommen würde.

      In dieser Hinsicht ist die Welt in den letzten Jahrzehnten bzw. dem Verlauf des letzten Jahrhunderts ja auch wesentlich anspruchsvoller geworden. "Früher" hatten die meisten ihre feste Gemeinschaft im Dorf, der "Beruf" stand fest, auch den Ehepartner fand man meistens dort, und wenn nicht, wurde oft "nachgeholfen". Nein, ich idealisiere diese Welt nicht, ich bin froh, dass sie hier so kaum noch existiert. Aber in einer solchen Welt wäre eine Diagnose wie hochfunktionaler Autismus schlicht bedeutungslos gewesen.

      Christian87 wrote:

      Nja, dass ist alles nicht mehr. Durch die Trennung der Eltern und dem Wegzug, durch den Tod der Großeltern und die Familie, die in Streitigkeiten ums Erbe zerbrach, der Bruch mit dem Vater, die Schwester, die kaum noch Zeit hat und die geringe Akzeptanz von meiner Andersheit und das ich mich zurückziehe... haben den Boden auf dem ich stehe sehr wackelig gemacht
      Das kann ich gut verstehen. Ich bin Einzelkind, bin aber mit einer sehr großen Verwandtschaft väterlicherseits aufgewachsen. In meiner früheren Kindheit haben wir sogar in unmittelbarer Nachbarschaft der Verwandten gelebt, später war ich in allen Ferien dort. Irgendwann fanden meine Cousins den Kontakt mit mir aber "uncool". Mein Vater verstarb relativ früh, und die unangenehmen und komplexen Erbstreitigkeiten nach dem Tod meiner Großmutter kurze Zeit später führten auch zu einem vollkommenen Bruch. Auch heute, Jahre danach, würde ich mit der Verwandtschaft meines Vaters keinen Kontakt mehr haben wollen. Auch der Tod meiner Großmutter mütterlicherseits vor ein paar Jahren war für mich schwierig zu verkraften, obwohl sie alt war und ich wusste, dass es irgendwann kommen würde. Ich glaube, nicht wenige Autisten erleben ihren Weg als zunehmende Vereinsamung, was die Kompensationsfähigkeiten oft beeinträchtigt. Auch die durchaus realistischen Zukunftsängste in dieser Hinsicht können sehr lähmend und hemmend sein. Im englischen Sprachraum hat man diese Problematik (jetzt nicht bezogen auf Autismus) übrigens schon erkannt, da gibt es eine Organisation namens "Ageing Well Without Children".
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
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      The post was edited 2 times, last by Leonora ().

    • Tomi Blum wrote:

      Rente heist nur GSA, aber Altersarmut gehört bei meinem Job zum Risiko ((75%)
      Das ist natürlich übel! 8o In welchem Berufszweig arbeitest Du denn, wenn ich fragen darf?

      Ich liege zum Glück bei Renteneintritt etwas über dem Grundsicherungsbetrag, und da ich sehr sparsam bin, habe ich eine private Rentenversicherung zusätzlich einzahlen können, wodurch die staatliche Rente etwas aufgestockt wird.
      Ich werde aber trotzdem nach Renteneintritt versuchen noch 1-2 Tage weiter arbeiten zu gehen, solange ich es schaffe, damit es nicht ganz blöd wird finanziell. Ich möchte keinesfalls nur noch meiner Partnerin auf der Tasche liegen (RW), es ist mir sowieso schon unangenehm genug, dass sie die ganze Zeit fast das Doppelte von mir verdient, und daher auch mehr zu den laufenden Kosten beiträgt. :( :nerved:

      Christian87 wrote:

      Nämlich der Wegfall von familärem und sozialem Gefüge.
      Das glaube ich auch! Wenn ich meine Partnerin und meine Kinder und Enkelkinder nicht hätte, wäre ich inzwischen wohl sehr einsam.
      Durch die Kinder, solange sie in Kindergarten und Schule sind, lernt man tatsächlich sehr viele Menschen kennen. Wenn das wegfällt, und man nicht in der Lage ist, alleine neue Kontakte aufzubauen oder bestehende zu halten, oder das auch kräftemäßig gar nicht schafft, vereinsamt man mit der Zeit.

      Trotzdem hat auch unabhängig vom Umfeld meine Kompensationsfähigkeit nachgelassen, weil meine Belastbarkeit insgesamt altersbedingt nachgelassen hat. Wenn ich sehr müde bin, nimmt z.B. meine Fähigkeit andere Menschen im Gespräch anzuschauen rapide ab.
    • Leonora wrote:

      In dieser Hinsicht ist die Welt in den letzten Jahrzehnten bzw. dem Verlauf des letzten Jahrhunderts ja auch wesentlich anspruchsvoller geworden. "Früher" hatten die meisten ihre feste Gemeinschaften im Dorf, der "Beruf" stand fest, auch den Ehepartner fand man meistens dort, und wenn nicht, wurde oft "nachgeholfen". Nein, ich idealisiere diese Welt nicht, ich bin froh, dass sie hier so nicht mehr existiert. Aber in einer solchen Welt wäre eine Diagnose wie hochfunktionaler Autismus schlicht bedeutungslos gewesen.
      Das kommt ganz drauf an. In einigen gebieten lebt man ja heute noch so, das man sich für ein Kind das auffällig anders ist und sich nicht so integrieren lässt einfach schämt. Man schließt es dann weg, es kommen eher Entmutigungen oder schlimmeres und der mensch wächst als gebrochener Mensch auf der für nichts taugt außer vielleicht mit im Haushalt zu helfen.
      Diese menschen leben meist für immer zuhause, haben keine Chance auf einen Job, fallen damit auch jahre durch das Raster und bekommen keine Hilfe wenn da keine Lehrer früh schon erkennen das Hilfe nötig ist, und wenn dann die eigenen Eltern sterben, sind diese Leute dann schnell obdachlos oder erben alles und haben dann ganz andere probleme auf die sie nie vorbereitet wurden.
      Viele Menschen sind auch garnicht in der Lage einen Job zu erlernen. Ich weiß erlich gesagt garnicht ob ich eine Ausbildung durchhalten würde. Es gibt da so viele Sachen die als Vorraussetzung stimmen müssen damit das klappt, und das betrifft nur den Praktischen Teil auf der Arbeit und nicht den schulischen Unterricht der auch hinzu kommt, und da hätte ich sicher meine probleme weil eben Theorie-lernen nie meine Stärke war. Darum ist es fraglich ob wenn ich je in so einer Situation aufgewachsen wäre, es überhaupt möglich gewesen wäre das aus mir etwas wird. In meiner tatsächlichen Jugendlaufbahn ging man schon rücksichtsvoller mit mir um und es ist auch nichts aus mir geworden.
      Manchmal habe ich aber auch das gefühl das andere leute hier im Forum (die Mehrheit die hier aktiv und viel schreiben) weniger stark betroffen sind bzw sie scheinbar Dinge noch gut genug können, so das sie selbst es nicht ganz so schwer hatten irgendwo ein leben selbstständig zu führen.
      Vielleicht ist das ja auch so. Das fällt mir dann schwer mich selbst dort wiederzufinden.
      Die probleme sind zwar ähnlich bei mir, aber ich merke doch regelmäßig bein Lesen das andere sich Dinge erarbeiten konnten wie Ausbildung, Job, gute Schulnoten, gewissen Intelligenz die man für all das braucht auch haben, wenigstens ein paar Freunde, Lebenspartner etc, die ich nicht habe oder jemals hatte, auch wenn ich das versucht habe.
      Ich will nicht sagen das diese Leute keine Schwierigkeiten haben oder keine probleme. Aber scheinbar haben sie etwas was ich nicht besitze, keine ahnung was das ist, vielleicht einen stärkeren Willen, mehr Kraft Schwierigkeiten durchzuhalten oder mehr Intelligenz um Probleme zu umgehen und dennoch ans Ziel zu kommen, ich weiß es nicht.
      Ich sage nicht das ich andere darüber beneide, das macht wenig Sinn, da ich an der tatsache nichts ändern kann.
      Es mag schwer sein wenn man soziales Gefüge nicht versteht oder so anwänden kann wie Nichtautisten das tun, aber wenn man dann noch zusätzlich andere Dinge ebenfalls nicht erlernen kann weil das gehirn dafür scheinbar nicht geschaffen ist, dann ist das noch schwerer.
    • Dass er stärker wird, denke ich - von mir ausgehend - nicht. Ich habe eher den Eindruck, die Einschränkungen, die ich dann doch habe, immer stärker wahrzunehmen.

      Leonora wrote:

      Christian87 wrote:

      mir ist letztens nen Gedanke gekommen, den man evtl hier (bzw auch hier) verorten können.
      Nämlich der Wegfall von familärem und sozialem Gefüge.
      Ich glaube, ich hatte als Kind weniger Probleme, weil ich eine sehr große Familie als Bezug hatte. Meine Großeltern, Tante und Cousinen eine sehr ruhige Straße mit vielen Nachbarn mit gleichaltrigen Kindern und auch sonst einem gutem sozialen Gefüge untereinander dort. Man hat sich umeinander, bzw um mich gekümmert, vor allem meine große Schwester. So zumindest den wenigen Erinnerungen, die ich habe. Auch wurde akzeptiert, wenn ich eher für mich alleine seien wollte und mich zurückzog.
      Das halte ich für einen zentralen Aspekt. Als Kind und Jugendliche und oft auch noch als junge Erwachsene haben viele ein funktionierendes soziales Netzwerk, das ihnen Sicherheit und Geborgenheit gibt. (...) Aber viele schaffen es später nicht, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen, mit Partner, Beruf, Familie. Und dann fallen viele Menschen aus den "Netzen", ohne, dass man unbedingt auf Autismus kommen würde.
      Genau den Schluss habe ich aus meiner Situation auch getroffen. Mit Eltern, Geschwistern, sehr lieben Nachbarn, Großeltern war so eine Art "Grundbedarf" Menschen da, die auch mal "mehr gegeben" haben als nette Unterhaltung. Wenn das - warum auch immer - wegfällt, und man es nicht schafft, etwas eigenens aufzubauen, kommt Einsamkeit.
      Bei (Rück-) Fragen bitte mit @ anschreiben, sonst übersehe ich das. -- Wie das Land, so die Witze: Platt. -- Selbsthilfegruppe Öffentlicher Dienst
    • Klar, ist auch generell ein zunehmdes soziales Problem. Allerdings ist das bei nichtbehinderten Menschen wohl meistens erst im hohem Alter der Fall (vor allem, wenn sie kinderlos geblieben sind), bei Behinderten ist es nicht selten schon im mittleren Alter oder sogar vorher soweit oder zeichnet sich perspektivisch ab. "Behinderte haben keine anderen Probleme als Nichtbehinderte, aber sie haben sie früher und stärker", meinte mal ein körperbehinderter Behindertenrechtsaktivist auf einer Veranstaltung, und da stimme ich zu.
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    • Und dann ist der Wegfall des bisherigen persönlichen Umfeldes für Autisten natürlich gravierender als für Normalos, denn ein ganz großes Problem ist ja gerade die Schwierigkeit, persönliche Beziehungen aufzubauen. Ich habe es in eineinhalb Jahren Bielefeld und dreieinhalb Jahren Leipzig nicht geschafft, auch nur eine Beziehung, die über das rein beruflich-kollegiale hinausgegangen wäre, zu begründen. Von den fünf Jahren ist schlicht nichts übriggeblieben. Und am neuen Wohnort danach hat es auch nur deshalb etwas besser (wenn auch nicht ausreichend) funktioniert, weil ich da schon jemanden kannte und mit ihm zusammen die später gescheiterte Selbständigkeit begründet habe.
    • Leonora wrote:



      Schreiberling wrote:

      Je älter man wird, desto mehr Verantwortung muss man im Leben tragen, beruflich, familiär, gesellschaftlich. Das zieht Energie ab, die dann nicht mehr fürs Kompensieren autistischer Eigenarten zur Verfügung steht. Zudem steigt die gesellschaftliche Eingebundenheit, was erhöhte Anpassung erfordert.
      Nicht jeder Autist schafft es, im Erwachsenenalter sozial eingebunden zu sein. Aber wenn man seine "Nische" nicht gefunden hat, setzt auch das einen auf andere Art unter Stress und/oder kann Zukunftsängste auslösen.

      ... genau das meinte ich. Ich bin nur über den Job sozial "eingebunden", allerdings raubt mir das alle Energie, so dass für sonstige soziale Aktivitäten keine Kraft mehr bleibt. Gleichzeitig empfinde ich einen hohen sozialen Druck im Job, der mir an die Substanz geht. Mein Leben besteht aus Arbeit und Erschöpftsein.

      Dass man als als einziger Mensch ohne Partner und/oder Familie im Job eher Außenseiter ist, habe ich auch schon früh gemerkt. Auf einer Fortbildung sollten wir uns vorstellen und ich war die einzige, die nicht Partner und Kinder vorweisen konnte. Ich kam mir da vor wie ein Alien. Mittlerweile haben sich die Kollegen aber daran gewöhnt und es kommen keine dummen Sprüche mehr. Hat jedoch Jahre gedauert.
    • es geht ja nicht nur ums einsam sein oder sich einsam fühlen. Auch der Wegfall von Rotinen und Sicherheit, auch das man sich mehr Gedanken um alles machen muss, wie, ganz banal, was esse ich oder wie sage ich meinem Nachbarn, dass er zu laut ist usw. Sozusagen wo sich andere / Familie gekümmert hat oder wenigstens bei unterstützt. Das kann schnell zu viel werden...
      »Bist du denn verrückt geworden?« »Nein. Mich gab's schon so ab Werk.« 8-)
    • HCS wrote:

      Auch die Beobachtung mit den Wellen, das war bei mir sehr deutlich. Nach dem was ich hier so gelesen habe, wohl nicht ganz untypisch, dass nach den Problemen bis etwa zur 9. Klasse (plus/minus) erst mal ein Höhenflug kommt - ich glaubte einige Zeit, die Probleme wären weg. Waren sie nicht, ab etwa 22 ging es wieder bergab. Insgesamt spielt im Laufe der Zeit natürlich die zunehmende Lebenserfahrung eine Rolle, sie bessert manches (nicht nur nach außen), einfach weil man wie auch die meisten NAs schlicht ruhiger und zurückhaltender wird, bei besserem Wissen darum, wie man kritische Situationen umschifft.
      Ja, genau. Auch bei mir gab es sowohl in der späteren Schulzeit wie zeitweise im Studium Phasen, wo ich die Probleme für verschwunden hielt, nur um dann später wieder hart auf den "Boden der Realität zu knallen". Die Erfahrung halte ich ebenfalls für recht typisch.

      RegenbogenWusli wrote:

      In einigen gebieten lebt man ja heute noch so, das man sich für ein Kind das auffällig anders ist und sich nicht so integrieren lässt einfach schämt. Man schließt es dann weg, es kommen eher Entmutigungen oder schlimmeres und der mensch wächst als gebrochener Mensch auf der für nichts taugt außer vielleicht mit im Haushalt zu helfen.
      :( Lange glaubte ich, solche Gegenden existierten in Deutschland kaum noch, aber inzwischen sehe ich das anders. Teilweise sind insbesondere psychische Erkrankungen sicher auch noch stark stigmatisiert.

      HCS wrote:

      Und dann ist der Wegfall des bisherigen persönlichen Umfeldes für Autisten natürlich gravierender als für Normalos, denn ein ganz großes Problem ist ja gerade die Schwierigkeit, persönliche Beziehungen aufzubauen.
      Ja, eben. Daher sind Übergänge für Autisten ja auch oft so schwierig und können mit Pech zu Brüchen schon in der Schulzeit oder sogar davor führen. Umgekehrt kann ein geeignetes Umfeld einen Autisten "aufblühen" lassen, wenn niemand mehr damit gerechnet hatte. Mehr als andere Menschen brauchen Autisten oft einen "Anker", um gut zurecht zu kommen.

      Schreiberling wrote:

      ... genau das meinte ich. Ich bin nur über den Job sozial "eingebunden", allerdings raubt mir das alle Energie, so dass für sonstige soziale Aktivitäten keine Kraft mehr bleibt. Gleichzeitig empfinde ich einen hohen sozialen Druck im Job, der mir an die Substanz geht. Mein Leben besteht aus Arbeit und Erschöpftsein.
      Das klingt gar nicht gut. :( Als soziale Einbindung würde ich das nur eingeschränkt betrachten, vor allem, wenn man beim Job noch eher Außenseiter ist. Generell halte ich Vollzeit-Stellen, die keine Kraft mehr für anderes lassen, gerade nicht für Inklusion. Wirklich passende Teilzeitstellen würden sicher oft besser funktionieren.
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      The post was edited 1 time, last by Leonora ().

    • Leonora wrote:

      "Behinderte haben keine anderen Probleme als Nichtbehinderte, aber sie haben sie früher und stärker", meinte mal ein körperbehinderter Behindertenrechtsaktivist auf einer Veranstaltung, und da stimme ich zu.
      Würde ich auch so sehen.
      Hinzu kommt, das wenn Nichtautisten (wie es bei anderen Behinderungen aussieht weiß ich nicht) von den Eltern weggehen, oder sie anfangen ein eigenes Leben aufbauen, sie weitaus weniger Probleme haben Freunde, Partner etc zu finden. Das ist für die meisten Autisten sehr schwer bis unmöglich. Die einfachste Möglichkeit für einen Autisten laut meiner Erfahrung, Freunde oder sogar Partnerschaften aufzubauen ist, wenn man in einem Behindertenwohnheim lebt wo alle Menschen aktiv einen gemeinsamen Tagesablauf haben, also wo man sich gezwungenermaßen auch jeden tag mal sieht und was zusammen macht (das muss nichtmal den ganzen tag sein).
      Ich kann bestätigen das das in meinem leben bislang die einzige Möglichkeit nähere Beziehungen zu anderen menschen aufbauen zu können.
      In öffentlichen Schulen waren enge Freundschaften kaum möglich für mich.
      An Arbeitsplätzen war es garnicht möglich für mich.
      Ich kann jetzt schlecht sagen wieviele hochfunktionale Autisten es gibt, wieviele sie sind im vergleich zu mittel und niedrigfunktionalen, aber ich zähle mich eher zu den mittelfunktionalen weil ich eben ohne diese Hilfe die ja doch ein starker eingriff in meine Freiheiten und Selbstständigkeit wären, nicht in der Lage bin ein Leben zu führen, was hier viele hochfunktionale können.


      Leonora wrote:

      Lange glaubte ich, solche Gegenden existierten in Deutschland kommt noch, aber inzwischen sehe ich das anders. Teilweise sind insbesondere psychische Erkrankungen sicher auch noch stark stigmatisiert.
      Solange es Menschen gibt die das so sehen, wird es zumindest einzelne Haushalte geben in denen das nach wie vor passiert. Auf dem Land in abgelegenen Gebieten wo die Bevölkerum im durchschnitt auch noch älter ist (auch die behandelnden Ärzte falls vorhanden) kann das definitiv noch passieren. Es kann auch in modernen Städten passieren, meißt hier aber dann wegen einer strengen Glaubensrichtung. Menschen die zB der NAK angehören oder streng muslimische Leute etc, sind meist nicht bereit sich aufklären zu lassen.
      In der Türkei werden heute noch psychisch Kranke (auch Kinder) an Betten gefesselt wenn sie sowas wie ADHS haben oder ähnliches.
      Ich habe mal eine Dokumentation darüber gesehen was für einen Stellenwert behinderte Menschen in der Türkei haben, und die Türkei ist teilweise moderner eingestellt als andere muslimische Länder.


      Leonora wrote:

      Umgekehrt kann ein geeignetes Umfeld einen Autisten "aufblühen" lassen, wenn niemand mehr damit gerechnet hatte.
      Ja ich glaube das habe ich damals in dem Heim erlebt als ich dort noch auch die Klinikschule ging. Ich hatte dort Freunde durch die Heimstation, jüngere Kinder mit gleichen Interessen, feste Strukturen wie Küchendienst, Mülldienst etc, in der Schule gab es eine andere Lernform, es gab Lernpläne die für jeden individuell waren und man konnte neben den Hauptsachen noch andere Sachen hinzu wählen die einen interessiert haben. Die Aufgaben waren auch anders erklärt, leichter, ein selbstständiges Arbeiten war für mich daher dann leichter und angenehm. Ich war dort Klassenbester und es gab kaum Mobbing weil die Klasse kleiner war als in üblichen anderen Schulen.
      Die leute im heim meinten aber das ich mich so gut mache das ich nun bereit wäre für öffentliche Schulen also kam ich auf die hiesige Hauptschule, wo ich dann garkeine Freunde hatte, sogar oft auf dem Pausenhof mich unauffällig verhalten musste damit ich nicht in eine Gruppenschlägerei geriet, was mir dennoch zwei mal passierte weil ich einfach nur jeden tag an der gleichen Stelle herum stand. Ich hatte das Glück das die Schüler jünger als ich waren und mich trotz ihrer Anzahl dennoch gut verteidigen konnte...
      Der Unterrichtsstoff in der Hauptschule war leicht, ich musste mich nicht ansträngen um gut mitzukommen. Ich glaube die anderen waren alle sehr viel schlechter als ich weil sie keinen Bock auf den kram hatten und einfach nicht mitmachen wollten. Ich konnte das nicht nachvollziehen. Ich habe trotzdem immer mal einen Tag oder so krank gefeiert weil es mir von sozialen Aspekt auf der Schule garnicht gut ging, ich hatte ständig angst von anderen angegriffen zu werden, außer im Unterricht selbst wo ja Lehrer anwesend waren, aber auf dem pausenhof, auch dem weg zur schule, auf dem weg von der schule, und auch in den Gängen vor der Klasse, es war echt ekelhaft.
      Ich hatte auch immer schon das problem mit zu vollen Bussen. Volle busse mit fremden menschen sind schon unerträglich für mich, aber volle Busse mit Schülern die einen nicht leiden können sind die Hölle. Darum hab ich meist rumgetrödelt und einen später genommen oder bin durch den Wald zurück zum heim was gut eine stunde fußweg war aber dort war ich wenigstens allein. Keiner folgte mir in den Wald, oft passte ich auch auf das mich niemand sah.
      Sonst ging ich vorher immer den weg runter in den Ort wo die Busse fuhren aber da musste ich damit rechnen das auch andere Schüler diesen weg nahmen und da musste man dann auch mit spontanen angriffen rechnen.