Autismus im Lauf des Lebens - Wird er immer intensiver?

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    • Autismus im Lauf des Lebens - Wird er immer intensiver?

      Was ich mir schon lange durch den Kopf geht, ist folgende Frage: „Wird der Autismus im Laufe des Lebens immer stärker?“ Diesen Eindruck habe ich – zumindest bei mir. Schließlich verblassen immer mehr Erinnerungen in mir, die viel mit Menschenmengen zu tun hatten. Außerdem beschäftige ich mich immer obsessiver mit Mozart und Sailor Moon. Etwas, das ich als Kind zwar gerne getan hatte, aber nicht so krass wie jetzt.
      Da die Erinnerungen aus meinem Leben mit Menschen verblassen, könnte ich wohl nie eine Autobiografie von mir schreiben.
      Zudem fehlen mir immer öfter die Worte, wenn ich mich mündlich ausdrücken will. Das heißt: Es verschlägt mir oft die Sprache – im wahrsten Sinne des Wortes. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich häufig als Simulantin abgestempelt werde, wenn ich nicht reden kann. Letztendlich sind die Menschen viel zu faul, um Notizzettel mit Mitteilungen zu lesen.
    • So einen Thread hatten wir schon mal.
      Nach meiner Erfahrung nehmen zunächst mal die Erinnerungen zu, d.h. immer mehr Situationen sind "bekannt" und weniger stressig.
      Andererseits nehmen aber - das ist bein NT genau so - mit zunehmendem Lebensalter die Kompensationsfähigkeiten ab, so dass stressige Situationen belastender wirken.
    • Ein paar Gedanken dazu:

      Je älter man wird, desto mehr Verantwortung muss man im Leben tragen, beruflich, familiär, gesellschaftlich. Das zieht Energie ab, die dann nicht mehr fürs Kompensieren autistischer Eigenarten zur Verfügung steht. Zudem steigt die gesellschaftliche Eingebundenheit, was erhöhte Anpassung erfordert.

      Dazu kommt, dass man einfach älter wird. Wenn dann noch die eine oder andere (chronische) Krankheit dazukommt, schwinden die Kompensationsressourcen noch weiter.

      Ich glaube auch, dass der Wunsch, man selbst sein zu dürfen, mit steigendem Alter dringender wird. Weil man merkt, dass die ganzen Anpassungsstrategien der Vergangenheit viel Kraft gekostet, aber letztlich nur wenig genutzt haben. Und weil man merkt, dass das Leben endlich ist und man deshalb wenigstens für eine gewisse Zeit mal sein können darf, wie man eben ist.
    • harmonicfour wrote:

      „Wird der Autismus im Laufe des Lebens immer stärker?“
      Mir hat man bei der Diagnostik gesagt, dass es mit der Zeit besser wird, weil ich einfach mehr Situationen kennengelernt hätte die ich dann anstelle der Intuition nutzen könne.
      Mein Eindruck ist, dass ich zunehmend mit der Kompensation Schwierigkeiten kriege. Ich gehöre zu denen, die (glücklicherweise) voll arbeiten. Allerdings habe ich noch etliche Jahre vor mir und ich fürchte, nicht bis zum Ende durchzuhalten.
    • TalkativeP wrote:

      Mir hat man bei der Diagnostik gesagt, dass es mit der Zeit besser wird, weil ich einfach mehr Situationen kennengelernt hätte die ich dann anstelle der Intuition nutzen könne.
      Meine Diagnostiker haben mir gesagt (weil ich etwas älter bin) dass die Kompensationsfähigkeiten abnehmen im Alter. Gleichzeitig weiß ich aus persönlicher Erfahrung dass man als Erwachsener allmählich mehr Ahnung bekommt im sozialen Bereich, auch wenn man am Anfang wenig Ahnung hatte. Ich denke dass man zwischen 0 und 50 oder 60 immer mehr dazu lernt und besser wird und ab 50 oder 60 oder was auch immer wird es wieder schwieriger. Diese Entwicklung gibt es aber für jeden Menschen, denke ich, nicht nur für Menschen mit einer AS Diagnose. Man wird immer besser und ab einem gewissen Punkt geht es bergab und irgendwann stirbt man.
    • Also ich kann nur von mir sprechen.
      Ich habe ähnliche Sätze wie oben auch schon öfter hier gelesen und kann das teilweise an mir selber auch wiederfinden, allerdings mit dem Unterschied das ich nie kompentiert habe.
      Mein Wunsch "Ich" zu sein, war schon immer vorhanden, und hat sich egal wehm auch immer durchgesetzt, auch mal mit Protest, heimlichen Tätigkeiten Verboten zu umgehen etc etc, wodurch ich halt immer auffällig war.
      Ich merke aber auch je mehr ich über mich, über ASS und auch über andere lerne, kann ich andere und auch mich selbst besser verstehen und einschätzen, auch wenn das länger dauert als bei anderen die das von natur aus können. Das hilft leider nur minimal. Defizite habe ich trotzdem. Ich sehe keinen Sinn darin diese zu verbergen, das ist ansträngend und es bringt mir nichts.
      Das scheint anderen auch wenig zu bringen, ich weiß ja nicht ob sie zufrieden mit ihrem Leben in der Kompensationsphase waren. Sicher hat alles Vor und Nachteile. Für mich persönlich war es immer ein zu großer Nachteil nicht so seiin zu dürfen wie ich bin und so zu tun als wäre ich jemand anderes.
    • shnoing wrote:

      Andererseits nehmen aber - das ist bein NT genau so - mit zunehmendem Lebensalter die Kompensationsfähigkeiten ab, so dass stressige Situationen belastender wirken.
      Dies erlebe ich bei mir ganz genau so. Manchmal vermisse ich diese Fähigkeit zur Kompensation. Ich war wenigstens in der Lage, mit dem ein oder anderen ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen.
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Schreiberling wrote:

      Dazu kommt, dass man einfach älter wird. Wenn dann noch die eine oder andere (chronische) Krankheit dazukommt, schwinden die Kompensationsressourcen noch weiter.

      Ich glaube auch, dass der Wunsch, man selbst sein zu dürfen, mit steigendem Alter dringender wird. Weil man merkt, dass die ganzen Anpassungsstrategien der Vergangenheit viel Kraft gekostet, aber letztlich nur wenig genutzt haben. Und weil man merkt, dass das Leben endlich ist und man deshalb wenigstens für eine gewisse Zeit mal sein können darf, wie man eben ist.
      Der Wunsch "man selbst" sein zu dürfen wird, zumindest bei mir, seit Jahren immer stärker. Nur, ich habe wenig Ahnung, wer ich denn tatsächlich bin. Der Mann, den ich morgens im Spiegel sehe, sagt mir nichts dazu.

      Jedoch, etwas positives habe ich doch zu vermelden: Ich ereifere mich nicht mehr so sehr, in Diskussionen schnell und oft Beiträge zu liefern. Ich lege nur noch wenig Wert darauf, als wissend und/oder kompetent gesehen zu werden. Ich bin es nämlich nicht!
      Die Erkenntnis, daß es zu spät ist, kommt selten rechtzeitig.
    • Ich erlebe das auch, dass meine Fähigkeit zur Kompensation im Laufe meines Lebens nachlässt.

      Ich habe relativ lange im Berufsleben durchgehalten, ich werde bald 60, konnte allerdings nie Vollzeit arbeiten.

      Aber im Moment weiß ich noch nicht, wie ich es bis zur Rente weiter schaffen soll..... :(
      Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d
    • Schreiberling wrote:

      Je älter man wird, desto mehr Verantwortung muss man im Leben tragen, beruflich, familiär, gesellschaftlich.
      Wobei man sich halt überlegen muss, welche Verantwortung man übernimmt. Ich habe für mich beschlossen, dass ich das Leben so führe, wie es für mich passt, nicht wie die gesellschaftlichen Erwartungen sind.

      TalkativeP wrote:

      Mein Eindruck ist, dass ich zunehmend mit der Kompensation Schwierigkeiten kriege.
      Dem stimme ich zu! Ich bin knapp Ende 30 und es geht nicht mehr so wie früher. Wobei das Positive dabei ist, dass ich mehr ich selbst bin.

      Vollzeit zu arbeiten war für mich bisher allerdings noch gar kein Problem, wenn ich wieder etwas finde! Ich glaube, ich habe nämlich zunehmend Schwierigkeiten, mich im Vorstellungsgespräch zu verkaufen und da es wenig Stellen in meinem Bereich gibt, sieht das schlecht aus.
      Ich kämpfe dafür im privaten Bereich.
    • Je älter man ist desto mehr braucht man „seine“ Ruhe . Man will auch nicht mehr alles kompensieren . Ist auch eher bereit zu sagen ... Schluss ich gehe .
      Ich bin NT ...
      kann viele Leute , große Städte , sinnloses Gelaber ( sprechen ), ewiges jammern und so ein Zeug nicht mehr ertragen . Brauch größere Pause .
      Kann also möglich sein das es einfach altersbedingt ist .
    • Ich finde ja.
      Allerdings nicht nur, weil die Kompensationsfähigkeiten in einem gewissen Alter abnehmen,
      sondern weil ich immer weniger bereit bin, mich einzuschränken, zu quälen und zusammenzunehmen.

      Das ist eventuell ein Vorteil des fortgeschrittenen Alters. Ich mag mich nicht mehr verstellen.

      So habe ich mittlerweile nur noch die Kontakte, die mir gut tun.
      "Autismusdiagnose - Potius sero quam numquam.
      ( Lieber spät als nie.) "
      :irony:
    • Janein wrote:

      Jedoch, etwas positives habe ich doch zu vermelden: Ich ereifere mich nicht mehr so sehr, in Diskussionen schnell und oft Beiträge zu liefern. Ich lege nur noch wenig Wert darauf, als wissend und/oder kompetent gesehen zu werden. Ich bin es nämlich nicht!
      Das ist bei mir auch so.

      Habe früher ein bisschen überkompensiert, also wollte perfekt erscheinen, damit keiner merkt, dass ich in gewisser Hinsicht nichts peile. Inzwischen ist es mir fast egal, was andere über mich oder meine Leistung denken. Fast, weil natürlich, wenn die Meinung extrem negativ wäre, würde es mich schon ein bisschen treffen, aber ich bin auf jeden Fall entspannter als früher, was eigene Fehler angeht, und Streitereien sind mir auch ziemlich egal.

      Aber ich merke, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr kann, die früher gingen. Zum Beispiel längere uninteressante Texte sinnentnehmend lesen, oder zwei Tage bei einer Fortbildung aushalten. Manchmal werde ich tagsüber so müde, dass ich einfach einschlafe. Konnte/musste ich früher nie. Bis zur Rente habe ich allerdings theoretisch noch ca. 18 Jahre. Ich sehe momentan noch nicht, ob und wie ich die schaffe. Versuche es gerade mit positivem Denken, z.B. wenn ich einen beruflichen Termin habe, dann denke ich vorher nicht "irgendwas geht bestimmt schief", sondern ich versuche zu denken "das wird total gut/wird Spaß machen/alles wird gutgehen" o.ä. Manchmal klappt's. ;)

      Achja, was mir auch noch auffällt, ist dass ich weniger gut mit Veränderungen klarkomme.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Ich würde aus dem Gefühl heraus sagen, anders herum.
      Der Autismus in seiner Erscheinungsform nach außen wird weniger intensiv. (Wobei das auf die Person und die äußeren Umstände bestimmt ankommt.)
      Allerdings wird man sich seinen eigenen Autismus und die Andersartigkeit seiner eigenen Person wahrscheinlich immer intensiver bewusst, durch Erfahrungen und Wissensaneignung.
      Es gibt ja das Phänomen, dass einem mehr auffällt, wenn man mehr darüber weiß.

      Es kann aber auch sein, dass einem in den jüngeren Jahren mehr "verziehen" wird und später dann aber sanktioniert wird, so dass der Eindruck entsteht, dass man später stärker betroffen ist.

      Es kann auch sein, dass es 2 Knicks im Leben gibt, einmal nach der Kindheit, wo man angepasster wirkt, dann im späteren Alter, wo man wenig Kraft hat und wieder "zurück fällt" in seine instinktiven Möglichkeiten und Bedürfnisse.

      Eine gute Frage.
      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
      (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 - 322 v. Chr.)

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    • Mir wurde in der Beratung gesagt, dass es einfacher werden würde im Leben.
      Nicht weil man es besser kompensieren kann, sondern weil die anderen wohl weniger auf einen achten. In der Schule sei Gruppenzwang normal, aber es werde besser in Ausbildung/Uni, weil die Leute entspannter seien. Und wenn man noch älter wird, dann soll man den anderen total egal sein, weil die dann mit Familie und Kinder beschäftigt sind.

      Kann ich schlecht einschätzen, weil ich noch keinen Beruf ausübe.
    • Cloudactive wrote:

      Ich würde aus dem Gefühl heraus sagen, anders herum.
      Der Autismus in seiner Erscheinungsform nach außen wird weniger intensiv. (Wobei das auf die Person und die äußeren Umstände bestimmt ankommt.)
      Allerdings wird man sich seinen eigenen Autismus und die Andersartigkeit seiner eigenen Person wahrscheinlich immer intensiver bewusst, durch Erfahrungen und Wissensaneignung.
      Ich denke, das trifft es häufig. Mit der Zeit lernt man viel mehr über Menschen, Kommunikation etc., lernt zu einem gewissen Grad vielleicht auch, sein Verhalten entsprechend anzupassen. Nur kostet diese Anpassung immer Energie - und die lässt mit zunehmendem Alter oder vielleicht auch nur durch die ständige Anstrengung oft nach. Zudem ist die zunehmende soziale Erkenntnis ein "zweischneidiges Schwert", wie Du schon schreibst. Das stärkere Bewusstsein über die eigene "Andersartigkeit" kann verunsichern und hemmen. Generell glaube ich, dass in jüngeren Jahren der Autismus stärker erkennbar ist, später fallen vor allem die überlagernden Komorbiditäten auf. Oberflächlich gesehen ist das Sozialverhalten unauffälliger geworden, dafür gibt es jede Menge psychische oder körperliche Problematiken, die man oft erst bei näherem Kontakt erkennt. Auf Autismus wird dann oft niemand mehr kommen, auch kein Psychotherapeut oder Psychiater.

      Cloudactive wrote:

      Es kann aber auch sein, dass einem in den jüngeren Jahren mehr "verziehen" wird und später dann aber sanktioniert wird, so dass der Eindruck entsteht, dass man später stärker betroffen ist.
      Das spielt definitiv auch eine große Rolle. Manche autismustypische Besonderheiten werden zudem in der Kindheit oder Jugend noch positiv beurteilt und später eher kritisch gesehen. Bei Kindern und Jugendlichen sind viele Eltern froh oder sogar stolz, wenn sie zu Familienfeiern ein Buch mitnehmen und sich zwischendurch zurückziehen. Bei Erwachsenen wäre das extrem unhöflich.

      Cloudactive wrote:

      Es kann auch sein, dass es 2 Knicks im Leben gibt, einmal nach der Kindheit, wo man angepasster wirkt, dann im späteren Alter, wo man wenig Kraft hat und wieder "zurück fällt" in seine instinktiven Möglichkeiten und Bedürfnisse.
      Ich denke, es sind oft noch mehr "Auf und Abs", aber diese "Knicks" sehe ich ebenfalls.

      Schreiberling wrote:

      Je älter man wird, desto mehr Verantwortung muss man im Leben tragen, beruflich, familiär, gesellschaftlich. Das zieht Energie ab, die dann nicht mehr fürs Kompensieren autistischer Eigenarten zur Verfügung steht. Zudem steigt die gesellschaftliche Eingebundenheit, was erhöhte Anpassung erfordert.
      Nicht jeder Autist schafft es, im Erwachsenenalter sozial eingebunden zu sein. Aber wenn man seine "Nische" nicht gefunden hat, setzt auch das einen auf andere Art unter Stress und/oder kann Zukunftsängste auslösen. In jedem Fall wird der Druck größer. In der Kindheit, Jugend und auch noch in der Studienzeit wird man zudem noch sehr nach seinem "Potential" beurteilt, nach Interessen, Noten, Plänen etc. Wenn es einem nicht gelingt, diese Interessen oder Pläne in einen passenden Job zu "konvertieren", zählen sie später nichts mehr, da geht es nur noch darum, was man "aus sich gemacht" hat.

      trew wrote:

      aber es werde besser in Ausbildung/Uni, weil die Leute entspannter seien. Und wenn man noch älter wird, dann soll man den anderen total egal sein, weil die dann mit Familie und Kinder beschäftigt sind.
      An der Uni habe ich die Atmosphäre schon als wesentlich entspannter empfunden als in der Schule, allerdings auch, weil ich nicht in einem "verschulten" Studiengang bzw. einem Klassenverband studiert habe. Meine Einblicke in die "normale" Arbeitswelt haben mir jedoch gezeigt, dass beispielsweise in Büros der Gruppendruck eher größer ist. Ich glaube, als einziger Mensch ohne Partner und/oder Familie ist man dort auch unabhängig vom Autismus eher Außenseiter. Schon, weil es wenig Gesprächsthemen mit den anderen gibt.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      Mit der Zeit lernt man viel mehr über Menschen, Kommunikation etc., lernt zu einem gewissen Grad vielleicht auch, sein Verhalten entsprechend anzupassen. Nur kostet diese Anpassung immer Energie - und die lässt mit zunehmendem Alter oder vielleicht auch nur durch die ständige Anstrengung oft nach.
      Das trifft es bei mir sehr gut. Auch die Beobachtung mit den Wellen, das war bei mir sehr deutlich. Nach dem was ich hier so gelesen habe, wohl nicht ganz untypisch, dass nach den Problemen bis etwa zur 9. Klasse (plus/minus) erst mal ein Höhenflug kommt - ich glaubte einige Zeit, die Probleme wären weg. Waren sie nicht, ab etwa 22 ging es wieder bergab. Insgesamt spielt im Laufe der Zeit natürlich die zunehmende Lebenserfahrung eine Rolle, sie bessert manches (nicht nur nach außen), einfach weil man wie auch die meisten NAs schlicht ruhiger und zurückhaltender wird, bei besserem Wissen darum, wie man kritische Situationen umschifft.

      Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die dauernde Anstrengung ihre Spuren hinterlässt und nicht mehr ausgeglichen werden kann. Da ist dann die Frage, ob die Diagnose hilft oder verstärkend wirkt - ich denke, eher ersteres. Sobald man weiß, wo das Problem liegt, achtet man nicht nur verstärkt drauf (und übertreibt es vielleicht auch einmal), man kann sich auch gezielter schützen. Ohne Diagnose oder zumindest Eigenverdacht kann es dann sehr schnell gehen - bei mir kam der Verdacht das erste Mal überhaupt vor gut drei Jahren (mit 59), da habe ich noch gesagt "Diagnose brauche ich nicht" und war immer wieder im Zweifel, ob ich nicht übertreibe. Vor gut einem Jahr war dann relativ plötzlich klar, dass es zu viel wird, weshalb ich dann doch die Diagnose angestrebt habe. Ohne den Verdacht wäre es vermutlich ein oder zwei Jahre läger gut gegangen, der Absturz dann allerdings massiv gewesen. Dinge, die mir nie Probleme bereitet haben, werden auf einmal zur Hürde - eine Veranstaltung mit 100 Leuten über zwei oder gar drei Tage war noch vor 5 Jahren kein Problem, dieses Jahr war ich hinterher drei Tage völlig platt, obwohl es eine rundum gelungene Veranstaltung war. Und es war eindeutig nicht einfach "alter Mann, Deine Zeit ist vorbei" - erstens weniger Alkohol und mehr Schlaf als früher, zweitens habe ich mich hinterher ganz anders als früher innerlich komplett von der Welt isoliert (und deshalb gleich zwei Termine völlig vergessen).

      Ich würde deshalb sagen: nein, es wird nicht schlimmer - man merkt es nur in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich stark, und fast jeder wird irgendwann an den Punkt kommen, wo das Alter über die Kompensationsfähigkeit siegt (fast jeder - bei meinem Vater, der ziemlich sicher auch AS war, waren selbst mit 86 nur Spuren davon hinter der preußischen Disziplin erkennbar, um die ich ihn beneide). Bei mir ist es aktuell die Geräuschbelastung - ich bin immer noch nicht empfindlich gegen einzelne Geräusche, aber seit einer Woche (mein Aspie-Urlaub, den wir vor einiger Zeit vereinbart haben: Frau und Kind am Meer, ich allein zu Haus) läuft nicht nur der Fernseher überhaupt nicht, selbst Musik, die ich sonst gern höre, wenn ich allein bin, interessiert mich nicht - nur Ruhe.
    • Mir ist gerade eingefallen, dass in der frühen Jugend vieles noch als normal ausgelegt wird, was dann im frühen Erwachsenenleben dann doch auffällt.
      Zum Beispiel wusste ich eigentlich schon direkt, dass es eher abnormal war, dass ich mich nicht für Beziehungen und Soziales interessierte.
      Betrachtet wurde das aber als "mit der Zeit wird sich das schon geben, sowieso besser, wenn sich eher für Sachliches interessiert wird, Karriere geht erstmal vor..."
      So langsam heißt es aber dann doch "willst du nicht mal gucken...willst du dich nicht mal Treffen... such dir doch jemanden..."
      Weil es halt so langsam in die Selbständigkeit geht und die Eltern auch nicht ewig währen.
      Vorher war man eben bei den Eltern gut aufgehoben und war auch so integriert.
      Zunehmend muss man sich dann aber in die Gesellschaft aktiv integrieren.
      Was in der Schule sogar schon eher passiv, also von alleine geschieht, allein dadurch, dass man einer Klasse angehört oder Schule.
      Später muss man das aber alles selbst regeln, wo man hingehen will und kann etc.
      In dem Lebensabschnitt hat es bei mir eben auch "gekracht".
      Man wird ins kalte Wasser geworfen und soll sofort schwimmen können.
      Ich lerne aber langsam erst schwimmen.

      Daneben werden Kontakte immer wichtiger, weil man dadurch wichtige Informationen bekommt.
      Sehr oft komme ich mir ohne dem eben wie ein Mensch aus dem Wald vor, der eben erst in die Zivilisation gefunden hat, wenn manche Themen elaboriert erörtert werden zwischen anderen Menschen in meiner Nähe.
      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
      (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 - 322 v. Chr.)
    • Schreiberling wrote:

      Dazu kommt, dass man einfach älter wird. Wenn dann noch die eine oder andere (chronische) Krankheit dazukommt, schwinden die Kompensationsressourcen noch weiter.
      Kann ich leider bestätigen. Jede weitere (chronische) Krankheit zieht Energie ab, die einem dann beim Kompensieren wieder fehlt. Als ich damals in der Klinik war, kamen da ja noch ein paar andere Dinge zutage und jede davon hat mir Energie abgezogen. Sei's, weil man sich deswegen an bestimmte Dinge halten muss, Schmerzen hat, drüber nachdenkt, ob und wie sich das verschlechtern wird oder weil man sich anderweitig damit beschäftigt. Besonders direkt nach der Diagnose ziehen solche Dinge 'ne Menge Energie, bis sich das irgendwann auf 'nen nicht mehr ganz so hohen Pegel einpendelt.

      Schreiberling wrote:

      Ich glaube auch, dass der Wunsch, man selbst sein zu dürfen, mit steigendem Alter dringender wird. Weil man merkt, dass die ganzen Anpassungsstrategien der Vergangenheit viel Kraft gekostet, aber letztlich nur wenig genutzt haben. Und weil man merkt, dass das Leben endlich ist und man deshalb wenigstens für eine gewisse Zeit mal sein können darf, wie man eben ist.
      Den Wunsch, ich selbst zu sein, hatte ich auch schon immer. Aber man musste ja immer irgendwelche bescheuerten Normen erfüllen (was mir aber immer nur mehr schlecht als recht gelang). Ich hab durch den Tod meiner Eltern schon als Teenager lernen müssen, wie schnell das Leben vorbei sein kann, aber geändert hab ich damals noch nichts (ich hatte da aber auch noch keine Diagnose). Das kam erst, als ich selber dann nach 'nem Unfall fast gestorben wär (wo ich die Diagnose dann auch schon hatte). Erst das war dann für mich der Moment, wo ich für mich entschieden habe, dass ich jetzt endlich ich selbst sein darf. Ich wollt am Ende nicht mein Leben damit verschwendet haben, jemand zu sein, der ich eigentlich gar nicht bin. Ich pass mich nur noch dann an, wenn es wirklich unbedingt notwendig ist. Ich bin dadurch zwar nicht mehr so umgänglich, hab z. B. 'ne vorlaute Klappe, polter auch mal ziemlich rum und bin manchmal auch verletzend direkt, aber damit geht es mir weitaus besser als früher. Ich hab dadurch mehr Energie für den Alltag und um die schönen Dinge im Leben sehen und geniessen zu können. Ich bin verdammt gern ich selbst und will's gar nicht mehr anders haben. Naja, als EM-Rentner kann ich's mir aber ja auch eher erlauben, ich selbst zu sein, als jemand, der arbeitet. Da dürfte das dann verdammt schwierig werden.

      Fidoline wrote:

      Vollzeit zu arbeiten war für mich bisher allerdings noch gar kein Problem, wenn ich wieder etwas finde! Ich glaube, ich habe nämlich zunehmend Schwierigkeiten, mich im Vorstellungsgespräch zu verkaufen und da es wenig Stellen in meinem Bereich gibt, sieht das schlecht aus.
      Ich kämpfe dafür im privaten Bereich.
      Ich hab zwar früher auch Vollzeit gearbeitet, allerdings nie länger als drei Jahre am Stück (und das war auch nur in der Ausbildung der Fall). Die meiste Zeit war ich arbeitslos. Ich konnte mich in Vorstellungsgesprächen wohl auch nie gut verkaufen und hab deswegen wohl so oft 'ne Stelle nicht gekriegt. Das ist mir aber erst aufgefallen, als ich schon EM-Rentner war. Im Nachhinein lösen sich so viele Sachen aus der Vergangenheit mit dem Wissen um AS (und ADS) plötzlich auf. Sachen, wo ich mich immer gefragt hat, wieso das so gelaufen ist und wieso das so war. Manches davon ist trotz allem noch verdammt schmerzhaft, anderes erklärt mir aber vieles und nimmt auch nach langer Zeit noch Druck weg. Vor allem kann/konnte ich dadurch auch mit vielen Dingen endlich mal abschliessen.

      Shenya wrote:

      Achja, was mir auch noch auffällt, ist dass ich weniger gut mit Veränderungen klarkomme.
      Geht mir auch so. Als ob ich immer starrer in meinen Abläufen und Gewohnheiten werden würd und ich immer mehr zu 'nem völligen Gewohnheitstier mutieren würd. Haben Veränderungen früher nur für einen Overload gesorgt und mir den ganzen Tag versaut, werfen die mich heutzutage erst mal völlig aus der Bahn, versauen mir z. T. gleich die ganze Woche und führen auch öfter mal zu 'nem Meltdown. Da bin ich echt froh, dass es mittlerweile in meinem Leben nur noch sehr selten mal Veränderungen gibt.
    • Rusty Mike wrote:

      Ich konnte mich in Vorstellungsgesprächen wohl auch nie gut verkaufen und hab deswegen wohl so oft 'ne Stelle nicht gekriegt.
      Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich tatsächlich nie ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch hatte. Es gab zwar welche, wo es laut Feedback gut lief, aber man entschied sich dann jeweils doch für den anderen Kandidaten. Umgekehrt gab es jedoch auch welche, wo ich entweder die allerengste Wahl war (da wurde mir einmal sogar geschrieben, dass Vorstellungsgespräch und Bewerbung nicht zusammen gepasst hatten und ein ausführliches Feedback angeboten - ich hatte damals zu große Angst, um das anzunehmen) oder wo es um eine Mini-Stelle ging, wo das Vorstellungsgespräch eher Formsache war und es dann trotzdem nicht klappte. Alle Chancen, die sich überhaupt für mich ergaben, kamen dadurch zustande, dass man mich entweder zuvor schon kannte und direkt die Stelle anbot oder mich ermutigte, mich zu bewerben (wo das formal notwendig war), oder man musste sich ausschließlich schriftlich bewerben, ohne mündliches Auswahlverfahren. Das würde heute leider nicht mehr funktionieren, da habe ich den Lebenslauf nicht mehr und bin auch viel zu gehemmt. :(
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.