sich nirgendwo zugehörig fühlen

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    • FruchtigBunt wrote:

      Eine Entwicklungsstörung schließt mit ein, dass die Entwicklung verzögert ablaufen kann.
      Ich habe doch auch nicht gesagt, dass das nicht sein kann, nur, dass es nicht zwangsläufig dazugehört.

      Kayt wrote:

      Autismus bedeutet nicht, dass du entwicklungsverzögert bist (kann natürlich auch möglich sein [...]
      Das bedeutet doch, dass jemand autistisch sein kann mit Entwicklungsverzögerung, aber auch, dass jemand autistisch sein kann ohne, dass eine Verzögerung der Entwicklung vorliegen muss. Ich kann keinen Widerspruch erkennen, zwischen dem, was dir in der Diagnostik und Therapie gesagt wurde und dem, was ich geschrieben habe.

      Du hattest geschrieben, dass du frustriert darüber bist, erst jetzt über Familiengründung nachzudenken oder den Wunsch danach zu verspüren, weil deine Entwicklung dahingehend durch den Autismus verzögert sei. Sicher ist das möglich, das will ich nicht bestreiten, jedoch fällt mir auf (bzw. wirkt es so auf mich), dass dich die Diagnose sehr negativ getroffen zu haben scheint und du dich viel unfähiger/behinderter/in der Entwicklung verzögerst fühlst, seit du die Diagnose hast. Die Depression hattest du auchnoch nicht vor der Diagnose, habe ich das richtig verstanden? Als wäre es ein Cut in deinem Leben, der dich sämtlicher potentieller Skills beraubte. Deshalb schrieb ich, dass Autismus nicht = Entwicklungsverzögerung bedeuten muss (wenn auch kann). Aber auch nicht-autistische Menschen verspüren manchmal erst spät einen Kinderwunsch oder auch gar nicht. Ich würde versuchen diesen Umstand nicht primär pathologisch zu werten. Mir kommt es so vor als würdest du einen großen Fokus darauf setzen, dich unter dem Vorzeichen "krank" zu sehen. Dabei ist vielleicht manches gar nicht pathologisch. (Ich möchte damit nicht deine Sicht in Frage stellen, nur eine mögliche Alternative schreiben).

      Ich weiß nicht, warum du nun mehrfach in jüngster Zeit meine Formulierungen anders, zum Teil sogar gegenteilig zu dem verstehst, als ich meine mich ausgedrückt zu haben. Schreibe ich plötzlich anders als die Monate zuvor? Es ist mir nicht klar, ich würde aber gerne verstehen, woran das liegt.
      "in truth, only atoms and the void" Sean Carroll (paraphrased Demokritos)
    • FruchtigBunt wrote:

      Welche Dinge meinst du, wegen de Autismus nie haben zu können?
      Das gilt natürlich nicht für alle Autisten, sondern kommt immer auf die Ausprägung an und was man sonst so mitbringt. Aber obwohl ich mir einerseits sehnlich (wieder) eine Beziehung wünsche, denke ich nicht, dass es realistisch ist, dass sich noch einmal etwas ergibt. Dazu bin ich einfach zu anders und zu kontaktgestört. Naja, generell werde ich wohl immer isoliert bleiben, wobei man ja vielleicht über Autismus-Treffen ein bisschen in Kontakt kommt ...

      FruchtigBunt wrote:

      Lässt du deine Gefühle zu Hause zu?
      Sie überwältigen mich. Aber schon, wenn ich unterwegs bin, manchmal schaffe ich es kaum, nicht sofort laut loszuheulen ...
    • FruchtigBunt wrote:



      da_hoooli wrote:

      Auf Konzerten bin ich eher weniger allerdings war ich vergangenes Jahr einige Male in der Diskothek und da ist schon etwas ungewöhnlich wenn so viele um die 18 bis Anfang 20 sind und wir (ein Kumpel und ich oder auch noch jemand) da schon doch älter sind.
      @da_hooliiiWo lernst du denn so Leute kennen wie deinen Kumpel? Er scheint dahingehend ja auch aufgeschlossen zu sein bzw. holt möglicherweise auch etwas nach.
      Naja..die paar Leute, die zu meinem Freundeskreis gehören - die kenne ich schon längere Zeit, sprich seit einigen Jahren - an sich lerne ich nicht mehr wirklich noch neue Leute kennen außer es ist von nem Kumpel der Kumpel. Ja, er ist an sich noch jung geblieben. Das kommt mir sehr entgegen. Der nimmt es mir auch nicht übel wenn ich nicht immer genau so bin wie man es von meinem Alter her erwartet.
    • Kayt wrote:

      Ich habe doch auch nicht gesagt, dass das nicht sein kann, nur, dass es nicht zwangsläufig dazugehört.
      Dann haben wir uns falsch verstanden. Entwicklungsstörung schließt Entwicklungsverzögerung mit ein. Und wie stark die bei einem einzelnen Autisten zu Tage tritt, ist eine Frage des Spektrums. Wenn du die Meinung vertrittst, dass Entwicklungsverzögerungen nicht im Begriff der Entwicklungsstörung enthalten seien und mit Autismus nur indirekt zu tun hätten, stimme ich dem nicht zu.
    • FruchtigBunt wrote:

      Dazu kommt, dass ich mich noch nie in einem Beruf angekommen fühlte und auch an jedem Wohnort trieb es mich nach einer gewissen Zeit davon. Ich fühle mich momentan total heimatlos. Am Besten geht es mir noch in Fernzügen. Komme ich am Zielort an, fühlt es sich entweder falsch an oder ich weiß, dass ich diesen schönen Ort wieder verlassen muss und bald wieder in meiner Wohnung festhängen werde.

      Genau so geht es mir auch.

      In meiner Jugend, seit ich mich erinnere, war es immer so, dass ich gedacht habe, ich wäre einfach schon erwachsener als die Anderen. In der Schule dachte ich: "Wenn ich mit der Schule fertig bin wird es bestimmt besser. Dann gehöre ich zu den Erwachsenen und finde Leute, die sich nicht so pubertär verhalten".
      Im Studium dachte ich: "Wenn ich erstmal einen festen Job habe, fühle ich mich bestimmt sicherer und komme irgendwo an".

      Nach 2 Jahren Berufsleben sehe ich, dass das alles eine Illusion war und diese Hoffnung auf Besserung, die mir immer viel Kraft gegeben hat, verschwindet. Zurück bleibt das Gefühl, irgendwie mit 18 oder 19 Jahren stecken geblieben zu sein. Auf einmal fühle ich mich viel jünger als ich bin.

      Ich fahre im Moment mit dem ICE zur Arbeit, und aus irgendeinem Grund genieße ich diese Fahrten auch immer (solange es ruhig ist).

      Heimatlos fühle ich mich auch. Ich kann mich ohne Hilfe nur schwer orientieren und komme mir immer noch fremd und verloren vor in der Stadt wo ich seit 8 Jahren wohne.
    • FruchtigBunt wrote:

      @Leonora
      Ich habe mir die Seite gateway-women.com gerade angeschaut. Ich finde dort aber irgendwie keine wirklichen 'Informationen' bzw. eventuell verstehe ich die Seite auch falsch. Wo sind denn da auf der Seite Informationen zum Thema hinterlegt? Kennst du die online community (ich vermute mal, dass das eine Art Forum ist)? Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Konzentration habe, auf Cnglisch in einem Forum zu diskutieren, wobei ich ja auch erstmal nur lesen könnte.
      Ich bin nicht in der online community (wäre mir aktuell auch zuviel bzw. würde mich vermutlich eher runterziehen), und es stimmt, die Seite ist nicht besonders übersichtlich. Ich meinte unter anderem diesen Artikel über die "shock absorber generation" (hier spricht sie von den in den 60ern und 70ern geborenen Frauen, aber irgendwo hat sie das auf die frühen 80er erweitert). Das hier trifft es total:
      The old ‘marriage deal’ isn’t really possible any more and its prevalence in the past may actually have been overstated in our current cultural nostalgia for more ‘settled’ times. Those sole-breadwinner families living in comfortably-sized homes maintained by a secure (and well-pensioned) income – they hardly exist anymore. And, as for a stay-at-home wife, home-cooked meals on the table every night, freedom from domestic chores, children in bed by 7pm, good free state-schooling and a community of non-working women around to share the childcare… it’s another world, another age and these days, a lifestyle only available to the very rich. Meanwhile, professionals such as teachers, solicitors and doctors, many of whom in the past were able to afford to live like this on one income, now scrabble to achieve something like it on two incomes, not enough sleep and a mountain of debt. (...)

      The next generation, growing up in such stressed-out families and watching their parents tear themselves apart trying to make it work, will probably choose a very different model to organise their own family lives. But the shock absorber generation? We’re the ones metabolising the shock of integrating these changes into our culture, and many of us are reeling from the disparity between our lives and the ones we expected to be living. And sadly many of us think that’s our own fault – and that’s certainly the message that mainstream culture reflects back at us. (...)

      The sexual revolution has enabled women to achieve increased equality in many areas, but not in that of fertility. Life is long, but fertility is short, and as so many of us in the shock absorber generation tried to pack education, career, marriage and babies into our 20s and 30s (with a last dash to the altar of the fertility gods in our early 40s), the disparity between men’s and women’s fertility has come into stark contrast. Women have joined a professional working world which has grown up around the male template of working incredibly hard to establish your career in your 20s and 30s and to delay starting a family until your 40s – a model which runs counter to female fertility. Sadly, this is something that many of us who are childless-by-circumstance have found out the hard way. (...)

      In one generation, we’ve turned on its head aeons of courtship and mating behaviours, and those of us in the ‘shock absorber generation’ are working this through within the day-to-day context of our lives. We’re a living experiment.
      Hopefully, the generations that come after us will learn from our experiment that ‘having it all’ is a myth, that lunch isn’t ‘for wimps’ and that equality doesn’t necessarily have to mean going head-to-head with men in a working pattern that many of them don’t like either! Rather, equality should mean that both men and women are equally entitled to a culture that makes it possible to live balanced, healthy and purposeful lives, whether that involves being a parent or not.
      Sehr lesenswert ist auch diese Liste.

      FruchtigBunt wrote:

      Bei mir lief es aber tatsächlich so ab. Von meinen Eltern wurde mir bzw. wird mir immer noch eine Art Weltbild vermittelt, das besagt, dass man als Frau bloß nicht (zu früh) schwanger werden dürfe.
      Nicht nur in der Familie, auch in der Schule und eigentlich generell in der Gesellschaft. Frühe Schwangerschaften wurden immer als etwas gesehen, das möglichst vermieden werden sollte, auch beispielsweise im Studium (eigentlich der perfekten Zeit dafür). In der Schule wurden zwar die Funktion der Sexualorgane, Schwangerschaft etc. erklärt, aber es ging eigentlich nur um Verhütung, nie um die Grenzen weiblicher Fruchtbarkeit (das ändert sich jetzt erst langsam in Großbritannien). Der Feminismus selbst war lange Zeit - und ist heute auch noch - so sehr mit dem Recht auf Verhütung und Schwangerschaftsabbruch befasst, dass die "andere Seite" der reproduktiven Selbstbestimmung von Frauen fast vollständig aus dem Blick geriet. Auch Themen wie etwa die Erforschung und potentielle Verhinderung der Wechseljahre waren - und sind - lange kein feministisches Thema, weil der abwertende medizinische Blick auf Frauen, der sie im Vergleich zu Männern als "Hormonmangelwesen" sah, von feministischer Seite zurecht hinterfragt und die gesellschaftlich wertvolle Rolle unfruchtbarer alter Frauen als Großmütter betont wurde.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

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    • Shaluna wrote:

      In meiner Jugend, seit ich mich erinnere, war es immer so, dass ich gedacht habe, ich wäre einfach schon erwachsener als die Anderen. In der Schule dachte ich: "Wenn ich mit der Schule fertig bin wird es bestimmt besser. Dann gehöre ich zu den Erwachsenen und finde Leute, die sich nicht so pubertär verhalten".
      Im Studium dachte ich: "Wenn ich erstmal einen festen Job habe, fühle ich mich bestimmt sicherer und komme irgendwo an".

      Nach 2 Jahren Berufsleben sehe ich, dass das alles eine Illusion war und diese Hoffnung auf Besserung, die mir immer viel Kraft gegeben hat, verschwindet. Zurück bleibt das Gefühl, irgendwie mit 18 oder 19 Jahren stecken geblieben zu sein. Auf einmal fühle ich mich viel jünger als ich bin.
      Genau so erging es mir immer und ergeht es noch heute.
      Sehr lange hatte ich dieses Gefühl immer darauf geschoben, dass ich einfach andere Interessen als die anderen hatte. Während der Schulzeit dachte ich immer daran, dass es anders würde, wenn ich studiere und dabei Menschen mit ähnlichen Interessen treffe (in meinem Fall Naturwissenschaften, insbesondere theoretische Physik).
      Im thematisch sehr breiten Grundstudium, wo oft bis zu 300 Leute in den Vorlesungen waren, hatte ich mir eingeredet, dass es besser würde, wenn ich mich spezialisiere und „dann wirklich“ Menschen mit nicht nur ähnlichen sondern denselben Interessen treffe und alles überschaubarer würde. Als ich dann in den Spezialvorlesungen war, wurde mir langsam bewusst, dass es mir schwerfällt und gar unmöglich ist, selbst Kontakte herzustellen und aufrechtzuerhalten und gleiche Interessen eben nicht ausreichend sind, aber ich war immer noch davon überzeugt, dass es endlich besser würde, wenn ich als Masterstudent oder Doktorand in einer Forschungsgruppe arbeite und wirklich mit anderen zusammen forsche. Auch das bewahrheitete sich nicht. Bei der Masterarbeit hatte ich das Pech, dass die Gruppe sehr klein war, jeder räumlich getrennt an einem völlig anderen Projekt arbeitete und darüberhinaus keine Zusammenkunft in Form von Meetings o.Ä. bestand, also hoffte ich weiter, dass bei der Promotion in einer anderen Gruppe alles besser würde.
      Aber auch dort wurde es nicht besser, die Gruppe war überschaubar und eigentlich „ganz nett“, die Projekte sogar thematisch ähnlich, jedoch die Meetings und manche Kollegen anstrengend, es war chaotisch und die Aufgaben waren unklar und änderten sich mit der Laune des Chefs, die Konferenzen waren unerträglich, Netzwerken wurde erwartet, war aber für mich unmöglich, und diese gesamte Forschungs-Zusammenarbeit, von der ich seit 20 Jahren geträumt hatte, scheiterte an meinen Kommunikationsproblemen und sozialen Unfähigkeiten.
      Zwischendurch hatte ich noch andere Jobs, wo ich vorher zuversichtlich war, dass ich eine bessere Struktur und klarere Aufgaben bekommen würde und ich dadurch irgendwo mal ankommen könnte, mir war nicht einmal mehr wichtig, ob der Job an sich interessant ist oder die Kollegen nett sind, mittlerweile wäre ich schon mit der einfachen Resignation zufrieden: Das ist jetzt mein Job, so ist es halt, und ich mache meine Arbeit, so wie jeder andere auch.
      Es hat nun sehr lange gedauert, aber ich habe mittlerweile auch das Fazit gezogen, dass ich einer Illusion hinterhergerannt bin.

      Sehr ähnlich ist es mit dem Autismus.
      Lange Zeit dachte ich, es läge nur an unterschiedlichen Interessen, später, am Anfang des Studiums, überlegte ich, ob die Kommunikationsprobleme daher kämen, dass ich nie wirklich Kontakte hatte und darum nie wirklich gelernt hatte, wie man eben solche herstellt, oder dass ich, wie man mir oft sagte bzw. einredete, einfach „schüchtern“ sei, d.h. soziophobisch veranlagt sei oder geringes Selbstbewusstsein hätte – das passte aber alles nicht so richtig. Erst nach zwei, drei Jahren Studium las ich erstmals von Asperger-Autismus, worin ich mich zwar größtenteils wiederfinden konnte (genauer: in den Beschreibungen einzelner Autisten), aber zu dem Zeitpunkt glaubte ich immer noch daran, dass einfach nur die Umstände die richtigen sein müssten.
      Noch mal sieben Jahre später erhielt ich die Diagnose, die zunächst nur scheinbar Klarheit brachte, in dem Sinne, dass ich jetzt endlich die (oder eine) (mögliche) Ursache bestimmen konnte, warum ich es nie geschafft habe, irgendwo „anzukommen“, Anschluss zu finden, mich zugehörig zu empfinden, teilzuhaben, diese „Nische“ zu finden ... wie man es auch nennen will. Diese „Klarheit“, dass ich mit Autismus zumindest eine Art von Nische und Erklärung glaubte gefunden zu haben, wurde letztenlich besonders dadurch widerlegt, dass ich mich auf sämtlichen Autisten-Treffen so fehl am Platz gefühlt habe wie fast nirgendwo sonst – noch mehr als etwa während des Studiums in einem Hörsaal voller Reizüberflutung und sozialer Isolation – einerseits weil um mich herum dieselben (für (diese) Autisten vielleicht nicht dieselben) sozialen Dynamiken wie unter Nichtaustisten stattfanden, die ich bis heute nich begreife, und andererseits weil (möglicherweise das Spektrum einfach zu groß ist) zumindest dort keiner auch nur ansatzweise kommunikativ so ähnlich war wie ich.
      Mit einzelnen Autisten hatte ich hier und da mal einen angenehmen Online-Kontakt, hier im Forum kann ich mich in dem, was einzelne Schreiben wiederererkennen, aber insgesamt kann ich mich mit dem Begriff „Autismus“ oder „Autist“ nicht identifizieren, für mich ist das (auf mich bezogen) wie eine Theorie, die unelegant oder kontraintuitiv ist, aber aufgrund der bisherigen Erkenntnisse am besten passt und formal nicht widerlegbar ist.


      Leonora wrote:

      FruchtigBunt, ich kann Deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Mir ging es ähnlich und geht es teilweise noch immer, obwohl diese Gedanken zugleich mittlerweile vielfach auch Ängsten und Resignation gewichen sind. Ich hielt mich lange für eine absolute Spätentwicklerin. Mit den Interessen und Zielen Gleichaltriger konnte ich wenig anfangen. Aber meine waren ja viel interessanter! Ich glaubte, irgendwann die passende "Nische" zu finden. Und darüber auch einen Partner mit ähnlichen Interessen und "Seelenverwandtschaft" und dann auch irgendwann eine eigene Familie. Tja, "und plötzlich ist später jetzt" und ich habe nichts davon erreicht.
      So etwas wie einen Partner/(besten) Freund/Seelenverwandten hatte ich mir auch immer erhofft und immer wieder gedacht, ich hätte im nächsten „Abschnitt“ (Grundschule -> Gymnasium -> Grundstudium -> Masterstudium -> Promotion -> Job1 -> ..., Autisten-Treffen, etc.) mehr Gelegenheit so etwas zu finden. Ich war auch nie „verzweifelt“ jemanden zu finden, denn es gab ja ohnehin immer wieder einen nächsten Abschnitt, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es eigentlich keinen wirklich neuen Abschnitt mehr gibt.

      Leonora wrote:

      Mir hilft, mich durch die Verarbeitung der Diagnose immer eindeutiger als Behinderte zu definieren und zu erleben. Denn den Gedanken "objektiv betrachtet bin ich doch eigentlich eine Totalversagerin" kann ich so zurückweisen. Das hilft schon viel, und das Thema Behinderung eröffnet die Möglichkeit für gleichberechtigte Kontakte, hier und anderswo.
      Ich habe eine Zeit lang versucht, dieses Problem als Behinderung zu sehen (mit dem Begriff „behindert“ oder „Behinderter“ kann ich mich wiederum auch nicht identifizieren), denn das ist es ja eigentlich letztendlich, geholfen hat es mir insofern, dass ich mehr oder weniger erkennen/akzeptieren konnte, dass es so ist, wie es ist, und niemand Schuld daran hat, sondern es einfach nicht funktioniert, weil die Behinderung wie eine metaphorische Mauer dazwischen ist.
      Zu Anfang empfand ich deswegen auch noch eine gewisse Gleichberechtigung: Ich kann nicht mit anderen genausowenig wie die anderen mit mir nicht können. Leider habe ich festgestellt, dass die anderen aber eben doch häufig besser auf mich zugehen können als umgekehrt bzw. man mir z.B. einen Job besser/passender gestalten kann, sodass ich mich zumindest ein wenig zugehöriger fühle.
    • Mmh, ich finde es interessant, wie ihr mit diesem Begriff "Behinderung" umgeht. Früher war es mir nie ganz klar, was es eigentlich heißt, behindert zu sein. Vor allem bei Jugendlichen, aber auch bei älteren Menschen, ist "Behinderung" ja häufig mit etwas Negativem verbunden, das merke ich auch immer wieder, wenn mein Bruder mich "behindert" (abwertend) nennt, wenn ich mal wieder beim Abendessen einen Overload habe, weil das Porzellangeschirr so laut und schrill ist. Da kommt es halt gelegentlich vor, dass ich anfange zu schreien oder panisch wegrenne. Er wirft mir auch vor, dass ich das absichtlich täte, aber er hat selber ADHS, also müsste er doch eigentlich wissen, wie es ist, wenn man keine Kontrolle mehr hat über das, was man tut, es passiert einfach. Ich finde, dass da auch noch ein großes Maß an Selbstakzeptanz drinnesteckt. Dass diese "Behinderung" in Form von ASS halt der Grund dafür ist, dass man "anders" ist und mir persönlich hilft es sehr, wenn ich mich selbst so sehe, dass ich zwar diese "Behinderung" habe, sie jedoch nicht immer unterdrücken/verstecken kann, sondern ich dazu stehen sollte, wer ich bin. Und ich bin eben nicht "verrückt" oder "kaputt" oder so, ich bin genauso viel wert wie alle anderen Menschen und ASS gehört einfach zu mir dazu, es ist ein Teil von mir.
    • ilaria wrote:

      Ich habe überall nur noch das Gefühl mich verbiegen zu müssen damit es irgendwie funktioniert.
      Aber ich habe nie den Platz gefunden wo ich sagen und fühlen kann da gehöre ich hin, da fühle ich mich richtig.
      Geht es Euch auch so?
      Also mir persönlich würde es 'genauso' gehen, wenn ich verheiratet wäre u. Kinder hätte, was natürlich nicht der Fall ist. Wenn du meinst, dass du wg. Autismus diese Schwierigkeiten hast, dann solltest du mit deinem Mann reden, konsequent reinen Tisch machen u. für dich selbst retten, was noch zu retten ist: Eigene vier Wände in einer kleinen Wohnung u. den Rest zuerst mal einfach vergessen, nur noch in dich hineinhorchen u. stolz auf dich sein....