Vorstellungsvermögen - konkret: sich selbst (nicht) von außen sehen können

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    • Vorstellungsvermögen - konkret: sich selbst (nicht) von außen sehen können

      Ich lese gerade in einem Buch über ADHS den Tipp, sich eine vergangene Situation geistig vor Augen zu führen (um daraus zu lernen, also aus der Situation), indem man sich zum Beispiel einen Fernsehbildschirm vorstellt und dann soll man sich "sich selbst auf dem Bildschirm vorstellen". Man soll sich die Szene, die man reflektieren will, auf diesem Bildschirm vorstellen mit sich selbst als Hauptfigur.

      Mein Problem ist jetzt: ich bin nicht in der Lage, mir mich selbst von außen vorzustellen. Ich kann so einen "Film" nicht erzeugen. Ich kann mir allgemein Menschen und erst recht Menschen in Bewegung so gut wie nicht vorstellen, wenn ich es versuche, sind es eher Stop-Motion-Bewegungen, würde ich sagen oder comic-hafte Bilder.

      Wenn ich jetzt zum Beispiel versuche, mir die Situation vorzustellen, wo ich heute im Supermarkt mit der Kassiererin interagierte, da krieg ich gerade mal ein Bild zustande, wie sie mir etwas Buntes hinhält und ich weiß, sie hat mich etwas gefragt. Wenn ich mich erinnere, fällt mir ein, ich hab gelächelt und "Ja, danke." gesagt (Es war eine Waschmittel-Probe, die sie mir angeboten hatte).

      Jedenfalls sehe ich das so, wie als ich in der Situation war, viel ist da allerdings nicht abgespeichert.

      Mich aber wie in einem Film von außen zu sehen, das geht nicht.

      Wie ist das bei euch?

      In dem Buch steht, man könne den "Film" sogar vor- und zurückspulen. Ich bekomme ja nicht mal einen Film hin, wie soll ich da diesen Tipp umsetzen?

      Gleichzeitig steht da, dass bei ADHS das "geistige Auge" nicht so gut ausgeprägt ist wie bei Personen ohne ADHS, das Vorstellungsvermögen sei sehr schwach. Der "Bildschirm" soll helfen, sich zu fokussieren auf die Bilder, aber das widerspricht sich doch: schwaches Vorstellungsvermögen und dann soll man aber vor dem geistigen Auge ganze Filme vor- und zurückspulen können.

      The post was edited 1 time, last by Lefty ().

    • Ich kann nur sagen, wie es bei mir (ohne AD(H)S-Diagnose) ist. Ich kann mir solche Situationen wie einen Film vorstellen und kann ihn auch vor- und zurückspulen (ich sehe dabei aber auch nur, was ich in der Situation auch bewusst wahrgenommen habe; alles andere fehlt dann halt). Allerdings kann ich mich dabei nicht von außen sehen. Ich sehe dann immer alles aus meiner Perspektive, denn eine andere Perspektive hatte ich in der Situation ja gar nicht. Ich kann mir das dann auch nicht aus einer anderen, beobachtenden Perspektive vorstellen (obwohl ich ansonsten eigentlich ein gutes Vorstellungsvermögen habe).

      Würde es dir denn vielleicht helfen, wenn du die Situation zu Papier bringst, also aufschreibst?
    • @Windtänzerin Das mit dem Aufschreiben mach ich auch, und wahrscheinlich werd ich dabei bleiben müssen. Das mit dem Film soll man üben, damit es zur Gewohnheit wird, in einer Situation erst zurück zu schauen, wie man damals gehandelt/reagiert hat und was das für Konsequenzen hatte. Hat man das drauf mit dem Film abspielen, dann kann man in einer aktuellen Situation erstmal innehalten und zurück schauen, bevor man handelt, damit man nicht denselben Fehler nochmal macht.

      Ich kann, wenn ich was unpassendes gesagt habe zum Beispiel, mich teilweise an den Gesichtsausdruck des Gegenübers erinnern, der mir signalisierte, dass ich was "Falsches" gesagt habe. Vielleicht muss das reichen. Ich glaub, so ganz versteh ich das alles auch nicht, wie das im Endeffekt funktionieren soll.
      Ich glaub, ich bin zu doof für diese Übung.
    • @Thimor und @Windtänzerin Danke euch. Ich hab wohl dem Autor blind vertraut, er rühmt sich mit seinen ganz neuen Strategien... es gibt ja noch andere Tipps, dann konzentrier ich mich lieber auf diese, als mich mit etwas abzumühen, was nicht funktioniert bei mir. Es wurmt mich irgendwie, dass er es so darstellt, als wäre es eine leichte Sache,de jeder mit etwas Übung hinbekommt :frown:
    • Michel wrote:

      Bei mir klappt das mit dem sich selbst von außen sehen ganz gut, ich muß mich auf die Situation aber schon sehr kkonzentrieren.
      Kannst du beschreiben, was du da so alles siehst, welche Details? Erkennst du dein Gesicht?
      Ich kann mir Gesichter nicht vorstellen (bin wohl auch ein wenig gesichtsblind) und hab bei der Übung festgestellt, dass ich gar nicht weiß, wie ich aussehe. Im Spiegel erkenne ich mich natürlich wieder, aber wenn ich jemandem meine Gesichtszüge beschreiben müsste, käme ich in die Bredouille.
    • @Lefty
      Mein Gesicht kann ich mir dabei nicht besonders gut vorstellen.
      Ich sehe mich dann meist von der Seite oder von hinten, nie von vorne.
      Details sehe ich dann auch ganz gut, manchmal fast so klar als wäre es real.

      The post was edited 1 time, last by Michel ().

    • Also ich kann das nicht so gut, ich kann es nur aus meiner Perspektive sehen. Wenn ich versuche eine bestimmte Situation von außen zu betrachten sehe ich nur ein Wirrwarr aus Bewegungen die wahrscheinlich so gar nicht stattgefunden haben und meine eigenen Gesichtsausdrücke kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich kann mir auch nicht vorstellen wie eine Situation auf eine andere Person gewirkt haben mag.
    • @Lefty Liegt es daran, dass Dein Erinnerungsvermögen nicht so gut ist oder an der reinen Vorstellungskraft? Ich denke in Bildern, meine Erinnerungen bestehen aus Bildern und auch Ton. Wenn ich an eine vergangene Situation denke, kann ich mich oft an viele Details erinnern, an Bewegungen, an den genauen Ablauf. Mich selbst kann ich mir auch gut vorstellen. Früher konnte ich das nicht. Ich wollte nie auf Filmen oder Tonbandaufnahmen sein, fand das schrecklich. Aber seitdem wir Kinder haben, sehe und höre ich mich oft auf Videos. Ich habe mich daran gewöhnt und durch die Videos weiß ich, wie ich für andere aussehe.
    • Ich kann mir erlebte Situationen nur schlecht wie 'nen Film vorstellen und schon gar nicht kann ich den vor- oder zurückspulen. Und ich kann mich dann auch nicht von "aussen" betrachten. Wie denn auch? Ich kenn die Situation doch nur aus meiner Perspektive. Umd woher soll ich wissen, wie ich in dem Moment auf andere gewirkt hab? Das hätte mir schon jemand sagen müssen, damit ich das auch weiss. Ich kann zwar im Nachhinein vermuten, wie ich auf andere Leute gewirkt hab, aber ob das dann auch richtig ist, ist fraglich. Oft guck ich z. B. neutral, aber es wird als maulig oder gar böse angesehen. Ich kann jedenfalls nicht hellsehen, wie andere Menschen meine Mimik, Gestik und meinen Tonfall auffassen. Da würde sich auch nicht ändern, wenn ich mir mich von aussen vorstellen könnte, denn das wäre ja immer noch meine Perspektive und nicht die des Gegenübers. Für mich wär so 'ne komische Übung deshalb sowieso nichts. :shake:

      The post was edited 1 time, last by Rusty Mike ().

    • @Bibi Blocksberg Ich habe ein sehr schlechtes Kurzzeitgedächtnis, auch kann ich mich nicht gut an Dinge erinnern, die keinen besonderen Eindruck hinterlassen haben, also so Alltägliches oder wenn zu viele Eindrücke da waren, dann kann ich das auch nicht mehr alles zusammen bekommen.
      Ich kann mich allerdings an sehr vieles erinnern, was ich gehört oder gelesen habe - das dann auch über Jahre hinweg. Also würde ich sagen, ich habe ein gutes Wort-Erinnerungsvermögen.

      Was Bilder angeht: wenn ich mir versuche, einen Weg von A nach B zu rekonstruieren, dann sehe ich auch im Kopf die Straßen und Kreuzungen, Auffälligkeiten am Wegrand usw. Die Bilder sind eher schwach, aber sie sind da.

      Und ich kann mich auch oft an Kleinigkeiten erinnern, wo andere dann fragen: DAS weißt du noch?? - Ich weiß dann z.B. nicht mehr, dass Person XY auch bei dem Geburtstag war, aber ich weiß genau, dass auf dem Esstisch Teelichthalter mit Kunstblumen standen, an welchem Platz ich saß und kann mich auch an kleine, eindrückliche Situationen erinnern.

      Ich glaube, das ist das Problem oder ein Teil davon: ich nehme nur einen Bruchteil der Situation wahr. Wenn mir wie oben beschrieben bei der Situation an der Kasse das bunte Etwas, das man mir hinhält, den größten Eindruck hinterlässt, dann kann ich natürlich nur schwer rekapitulieren, was in der Situation vor sich ging.

      Um bei dem Beispiel zu bleiben: während des Einkaufs- und Bezahlvorgangs bin ich sehr stark auf das fokussiert, was ich tun muss - richtiges Regal finden, Artikel finden, Weg zur Kasse, Waren vom Band nehmen, nachdem sie gescannt wurden und dann auch schon zeitgleich das Geld parat haben - da bleibt mir überhaupt keine Kapazität dafür übrig, mich selbst und mein Gegenüber (in dem Fall die Kassiererin) groß zu beobachten bzw. bewusst wahrzunehmen.
    • @Lefty Du hast recht! Ich glaube das Thema Supermarkt-Kasse war nicht passend für mich. Ich gehe immer in den einen Laden hier, hier hab ich alles gesehen und schaffe es mit die Situation & den Ablauf vorzustellen. Wenn ich aber z. Bsp. zum ersten Mal eine Situation erlebt habe, fehlen sicher 95% der Infos. Ich könnte z. Bsp. keine Strecke als Beifahrer fahren und danach ohne Navi als Fahrer - ich merke mir so nichts. Danke für deinen Input
    • hmm. ich kann mir im gedanklichen 3D Raum alles Vorstellen. Ich kann mir mich selbst darin und auch sämtliche Gegenstände vorstellen. Einen gedanklichen Flug durch die Wohnung oder über meiner Stadt vorstellen. Mein räumliches Vorstellungsvermögen ist gut und in sämtlichen "Räumlichen vorstellungs-Tests" schneide ich immer Top ab. Auch kann ich mir physikalische Abläufe gut vorstellen. Und während ich das schreibe, erzeuge ich Bilder im Kopf z.b. den Gedankenflug über meiner Stadt :)

      Scheint bei mir genau anders herum zu sein.

      Dafür kann ich nicht zuhören während ich was schreibe oder anderes tue bzw. andere Leute im raum reden.
      Da liegt mein defizit. Wie unterschiedlich wir alle doch sind.
      - Starke Begeisterung für Form, Farbe und Struktur.
      - Lost Places Fotografie. In stillgelegten Gebäuden herrscht eine vergleichslose, meditative Ruhe.

      Hier eine kleine Auswahl meiner Werke, die über die Jahre entstanden sind.

      deviantart.com/mind-eversion

      The post was edited 1 time, last by Oli73 ().

    • Oli73 wrote:

      Dafür kann ich nicht zuhören während ich was schreibe oder anderes tue bzw. andere Leute im raum reden.
      Da liegt mein defizit. Wie unterschiedlich wir alle doch sind.
      Das kann ich auch nicht.

      Zum Thema Vorstellungskraft muss ich noch sagen, dass ich da nicht so ganz dahinter steige bei mir. Erzählt jemand etwas auf anschauliche Weise, dann hab ich oft sofort ein Bild im Kopf - das führt dann dazu, dass ich lachen muss oder zusammen zucke oder sonstwie reagiere, je nachdem, worum es geht.

      Auch träume ich sehr lebhaft. Vielleicht ist im Wachzustand meine gesteuerte bildhafte Vorstellung zurück gedrängt, weil ich zuviel verbal denke. Ich muss immer alles analysieren und in Worte fassen. In meinen Träumen ist dieser Gehirnbereich dann ausgeschaltet und es können sich Bilder zeigen. Ich hab festgestellt, dass vieles von dem, was ich träume, einfach nur Verarbeitung von Gesehenem oder Gehörtem des Tages ist.

      Jedenfalls habe ich sehr wohl die Fähigkeit, mir Dinge vorzustellen, aber es passiert eher als dass ich es willentlich erzeugen kann. Ich kann mir zwar, wie ich oben glaube ich schon schrieb, auch z.B. eine Umgebung vorstellen, aber die Bilder dazu sind eher schwammig.
    • Lefty wrote:

      Wie ist das bei euch?
      Hmm, eher nicht.

      Ich hatte mal bewusst versucht, mich auf eine Situation mit anderen Menschen vorzubereiten.
      Das scheiterte allerdings primär daran, dass mir der Gegenpart fehlte.
      Ich stehe vor einer Blockade, wenn ich mir vorzustellen versuche, wie ein Mensch reagieren würde/könnte.
      Es gibt so viele Möglichkeiten, dass ich resigniere.

      In die Vergangenheit gerichtet, sehe ich Ausschnitte, aber einen richtigen Film, eher nicht.
      Wenn, dann Szenen.
      Das brauche ich aber nicht aktiv zu tun, sondern geschieht automatisch quasi nach jedem aufwühlenden Ereignis in nahezu Endlosschleife bis es fertig ist.
      Als würde mein Geist Ereignisse im Nachhinein "bearbeiten" und "verarbeiten".
      Wenn ich dann zum Schluss komme, dass etwas schief gelaufen ist, dann nagt das an mir sehr, manchmal Jahre.
      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
      (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 - 322 v. Chr.)
    • Lefty wrote:

      Um bei dem Beispiel zu bleiben: während des Einkaufs- und Bezahlvorgangs bin ich sehr stark auf das fokussiert, was ich tun muss - richtiges Regal finden, Artikel finden, Weg zur Kasse, Waren vom Band nehmen, nachdem sie gescannt wurden und dann auch schon zeitgleich das Geld parat haben - da bleibt mir überhaupt keine Kapazität dafür übrig, mich selbst und mein Gegenüber (in dem Fall die Kassiererin) groß zu beobachten bzw. bewusst wahrzunehmen.
      das geht mir auch ziemlich ähnlich so. ich glaube, dann bleibt auch einfach nicht viel andere erinnerung "hängen".

      ich kann mir solche situationen auch nur aus der eigenen perspektive vorstellen (wobei ich vermute, dass das auch ok wäre, es geht ja darum, über eine situation nachzudenken, das kann man dann auch noch. sehr subjektiv ist es so oder so)
      ich bin es garnicht gewohnt, mich auf videos zu sehen /hören. ich habe kaum vorstellungen darüber, wie ich auf andere wirke. das finde ich oft selber blöd weil ich vieles dadurch nur schlecht einschätzen kann.
      ich bin auch immer sehr interessiert an fotos, die gemacht wurden, ohne dass ich es bemerkt habe. quasi an meiner "natürlichen erscheinung" ;) Ich habe nämlich bemerkt, dass sie dann oft sehr anders ist als auf "gestellten fotos". das alles beeinflusst auch meine vorstellung von mir selbst.
    • Lefty wrote:

      Jedenfalls sehe ich das so, wie als ich in der Situation war, viel ist da allerdings nicht abgespeichert.

      Mich aber wie in einem Film von außen zu sehen, das geht nicht.

      Wie ist das bei euch?
      Es ist für mich ganz schwierig, dass zu erklären, auch wenn ich meine, es zu verstehen. Also - bezogen auf Deine Frage - beide Seiten, "das Buch" und Dich.
      Wenn ich mich unter Menschen bewege - das ist die beste Analogie, die ich habe - dann ist das für mich ein wenig so, als hätte ich eine Drohne um mich herumschwirren und so eine Art Google Glasses, auf denen dieses Außenbild gleichzeitig zur normalen Sicht dargestellt wird.
      Im Kopf/ in der Erinnerung bleibt etwas eher abstraktes: Wie eine Gliederpuppe und Texturen.
      Wenn ich mich erinnere, dann lasse ich zuerst quasi nur die Gliederpuppen laufen und erst dann, wenn ich den Ablauf habe, überlagere ich das mit den Texturen. Dabei "flackert" (ich habe kein besseres Wort) die Textur auch. Ich denke, deswegen kann ich mich auch besser an Räume/ geometrische Anordnungen erinnern, als an Menschen.
      Of course I talk to myself! :nod: Sometimes I need expert advice. :prof:
    • Ich kann mich mich gar nicht vorstellen. Manchmal über ich Gesichtsausdrücke vor dem Spiegel; dann sehe ich mich. Aber wenn ich nicht vor dem Spiegel stehe, habe ich überhaupt kein Bild von mir - weder innerlich noch äußerlich. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie ich auf andere wirke. Wenn sie mir das sagen, nehme ich es über den Verstand auf, aber mehr auch nicht.
      Jedes mal, wenn man mir sagt, ich wäre nicht gesellschaftsfähig,
      werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin überaus erleichtert.