Zugang zu Gefühlen / Emotionen

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    • Zugang zu Gefühlen / Emotionen

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      Ich hab da mal ne Frage ;)

      Ich habe ja große Probleme damit, dass ich keinen Zugang zu meinen Emotionen habe. Trauer, Wut, Freude etc alles fühlt sich irgendwie gleich an :nerved:
      Nur extreme Gefühle wie frisches Verliebt sein oder extreme Wut spüre ich.... der Rest ist irgendwie nicht vorhanden. Das war aber schon immer so.

      Wie sieht es bei euch aus?
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      Ich wähnte mich in der gleichen Situation.

      Seit ich weiß, daß ich AS bin und daß ich mit Emotionen anders umgehe, hat sich vieles relativiert.
      Was ich früher suchte und nicht fand an Emotionen, war das Idelabild an Emotionen, die die NT
      um mich herum auslebten und denen ich meinte, entsprechen zu müssen.
      Dazu kommt, daß die NT-Welt alle, die diesem Idealbild nicht entsprechen, negativ sanktionieren
      (Kalt wie 'ne Hundeschnauze, wenn man am Sarg der Mutter/des Vaters nicht in lautes Wehklagen
      verfällt etc.).

      Heute weiß ich, daß ich Emotionen habe, aber eben andere*. Und die finde ich ganz problemlos.
      Egal, ob es Freude ist oder Trauer oder Wut. Nur ist es eben meine Form der Emotion, nicht die,
      die Hollywood vorspielt (Ich liebe Dich, Dad !!! Schluchz, heul) oder die die NT-Welt von mir erwartet.

      Heute habe ich die Einstellung: Die NT-Welt kann mich mal gerne haben. Oder auch nicht. Mir egal.
      Hauptsache meine Lieben lieben mich. Und das tun sie, trotz aller Schratigkeit, die ich mitunter an
      den Tag lege. Sie wissen ja jetzt auch, wen sie da vor sich haben. :)

      * bzw. sie äußern sich anders.
      Spontanität will wohlüberlegt sein.
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      Oh Gefühle und Emotionen sind bei mir ja auch ein Thema.
      Viele Gefühle kenne ich nur vom Namen und ihrer Bedeutung, aber nicht vom eigenen erleben/fühlen/ausleben. Ist bei mir dann oft Rätselraten "könnte grade Freude sein, könnte aber auch Langeweile sein". In der Therapie arbeiten wir mit einem Zettel, auf dem alles mögliche an Gefühlen und so drauf stehen - auch ganz viele Worte die ich nicht als Gefühle gedeutet hätte, die es aber scheinbar sind. Für mich sind Gefühle Wut, Trauer, Ekel, Freude und Angst, so wie im Disney Film Alles steht kopf. Alles andere waren bisher eher nur Beschreibungen eines Zustandes. Naja und wenn wir den Zettel durchgehen für konkrete Situationen, sitz ich da und rate fröhlich vor mich hin, welche dieser Worte zur Situation passen könnten und was dort wohl die Allgemeinheit fühlen würde.

      Fred Kasulzke wrote:

      Heute weiß ich, daß ich Emotionen habe, aber eben andere*. Und die finde ich ganz problemlos.
      Egal, ob es Freude ist oder Trauer oder Wut. Nur ist es eben meine Form der Emotion, nicht die,
      die Hollywood vorspielt (Ich liebe Dich, Dad !!! Schluchz, heul) oder die die NT-Welt von mir erwartet.

      * bzw. sie äußern sich anders.
      Das ist bei mir eigentlich auch so. Ich reagiere selbst in Extremsituation völligst gleichgültig nach außen hin und auch in meinem Inneren ist es bei weitem nicht so groß wie es andere sichtbar machen. Aber ich fühle eben für mich und auf meine Art und mein näheres Umfeld weiß das auch und kann einzelne Worte oder Reaktionen von mir mittlerweile gut einschätzen und gegebenenfalls auch mal für Außenstehende übersetzen. So hatten wir letztens eine Fortbildung und in der Abschlussrunde habe ich gesagt, dass ich mir ein bisschen verloren vorkam, so als würde ich im Rettungsboot meinem Team hinterher paddeln und käme nicht schnell genug mit. Und ich betonte wohl auch, dass es ok wäre dass ich alleine nebenher paddel. Die Referentin schaute wohl ein wenig irritiert und eine meiner Kolleginen meinte nur "das war jetzt ein ziemlich großer Gefühlsausbruch für sie". Und damit hatte sie recht und sie meinte es auch total ernst. Ich kann eben nicht direkt sagen wie etwas ist und dann kommt es oft auf Umwegen oder durch solche "Bilder", die nur eben nicht jeder lesen kann und weswegen eben oft kommt "boah, du bist ja kälter als ein Eisblock". Aber das bin ich nicht.
      Und mittlerweile ist mir auch egal wie Fremde denken, ich kann halt nicht da stehen und losheulen, nur weil mir grad jmd erzählt dass die Oma, Mutter oder sonst wer verstorben sind. Das bin ich einfach nicht.
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      Meine Gefühle/Emotionen bewegen sich meist dicht an der 'Null-Linie'. Und für mich fühlt sich das richtig an. Je weiter sie sich von dieser Linie entfernen, desto unangenehmer fühlt sich das für mich - besonders in Gesellschaft.

      Ich glaube, die Wissenschaft nennt das Affektverflachung und sieht darin einen Krankheitswert. Ich sehe es eher positiv, gerade in der heutigen, vor Emotionalität oft überschäumenden, Gesellschaft. Ich kann dadurch einen 'klaren Kopf' bewahren und rational denken und handeln.
      ~ What the fuck is real life and where can I download it? ~
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      Viele Autisten unterdrücken Gefühle (oder schieben sie auf), um in der Situation handlungsfähig zu bleiben (da die Gefühle stark sein können und man außerdem Gehirnkapazität für die aktuelle Situation braucht, da kann man es sich manchmal nicht leisten, sich in Emotionen verlieren). Manche haben auch Alexithymie.

      Ich selbst bin ziemlich gefühlvoll, nur nicht in Gegenwart anderer, da habe ich andere Prioritäten als Gefühle zu zeigen. Ich weiß auch meistens was ich fühle, weil ich darauf achte. Gefühle sind mir wichtig, sie sind wie die Farbe in einer schwarz-weiß-Welt, ohne sie würde etwas Wesentliches fehlen. Sie machen das Leben lebendig für mich.

      Es kann aber auch sein, dass wirklich die Gefühle in gewissen Situationen anders als bei der Mehrheit der Menschen sind, dass man vielleicht wirklich beim Tod eines Angehörigen nicht so viel empfindet, weil die Beziehung auch nicht so stark war zum Beispiel. Oder dass die Trauer erst später kommt, weil die Verarbeitung länger dauert.
      Menschen sind auch nur Tiere. - Ich mag Tiere!
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      Ich habe mein Leben lang probleme mit meinen Emotionen gehabt. Dabei sind es nicht die Emotionen ansich, die Probleme machen. Ich denke auch nicht, dass es ein autistisches Problem ist, seine Emotionen nicht gut spüren zu können. Vielmehr habe ich schon als Kind gemerkt, dass meine Emotionen nicht gerechtfertigt sind. Mich haben dinge erfreut oder geärgert, die bei anderen nicht diese Emotionen auslösen. Daher konnte ich meine Emotionen nie rechtfertigen. Und Rechtfertigung spielt in der Gesellschaft eine sehr große Rolle, besonders als Kind. Da man Emotionen aber weder erklären noch rechtfertigen kann, entwickelte sich bei mir der Eindruck, dass meine Emotionen in der Tat unberechtigt sind. Das ist bei den negativen Emotionen noch viel deutlicher als bei den positiven (niemand stört es wirklich, wenn man sich über etwas freut. Wenn man sich aber über etwas ungerechtfertigt ärgert, muss man sich erklären).

      Und so habe ich sehr schnell den Kontakt zu meinen Emotionen verloren bzw. ich habe angefangen, sie zu ignorieren und zu kontrolieren, so dass ich rational entscheiden konnte, nicht emotional. Die Emotionen sind ja trotzdem da, nur erreichen sie mich nicht mehr. Diese Fähigkeit ist notwendig, wenn man seine Emotionen und Bedürfnisse der Aussenwelt anpassen möchte (dies betrifft nicht nur Autisten). Ähnlich geht es allen Menschen, die ihre Emotionen seit der Kindheit kontrollieren müssen. Wenn man dann die Freiheit hat, seine Emotionen auszuleben und zu spüren, kann man es nicht mehr.

      Wenn die Gefühle und Bedürfnisse dauerhaft ignoriert werden, gibt es einen Langzeit-Effekt, der sich unbewusst von den Emotionen nach Aussen kämpft: die Depression. Dieses tiefe Gefühl, unglücklich zu sein, ohne dass man benennen könnte, woran es liegt, weil rational betrachtet alles in Ordnung ist.

      Ich habe in 8 Wochen Tagesklinik sehr viel über Meditation gelernt und Achtsamkeit. Es geht darum, seine eigenen Gedanken zu analysieren und zu bemerken, was in einem vorgeht. Das ist auch sehr Sinnvoll, denn dabei habe ich erst gemerkt, wie viel in mir brodelt, ohne dass ich Zugang dazu habe, und es sich nur unbewusst über Depressionen oder Gedanken äußern kann. Aber während die Meditation dazu dient, sich zu distanzieren und seine Gefühle und Gedanken von Aussen zu betrachten, habe ich gemerkt, dass ich genau das Gegenteil brauche.

      Die Meditation war interessant, aber eigentlich brauchte ich eine Methode, um mich nicht zu distanzieren, sondern in die Gedanken, Gefühle und die Situation hinein zu gehen. Ich weiß nicht, wie man das nennen soll, für mich ist es das Gegenteil der Meditation, der ausgleich dazu wenn man so will. Also sobald ich eine Emotion spüre, versuche ich nicht, sie zu analysieren, zu rechtfertigen, abzuwägen und darüber nachzudenken. Sondern ich konzentriere mich auf die Emotion, tauche in sie ein und lasse sie die kontrolle übernehmen. Denn die Emotionen sind keinesfalls irrational oder dumm. Viel öfter als mein Verstand liegen die Emotionen völlig richtig und wissen was zu tun ist.

      Es ging für mich also auch darum, ein Vertrauen zu meinen Emotionen aufzubauen, und sie nicht nur als Störfaktor anzusehen. Ihnen auch mal die Kontrolle zu geben und sie nicht zu einer Rechtfertigung zu zwingen. Ein solch erlerntes Verhalten nach 30 Jahren abzulegen ist aber extrem schwierig. Das ist so, als wollte man die eigene Muttersprache verlernen.

      Emotionen sind ja eine extrem wichtige Sache. Sie sind die Motivation hinter allem was wir tun, selbst wenn wir es nicht merken. Unser Verstand löst nur Probleme, er erzeugt keine Motivationen. Erst dadurch, dass uns etwas Freude macht, wollen wir mehr davon. Erst dadurch dass uns etwas wüttend macht, wollen wir es ändern. Erst wenn uns etwas traurig macht, verarbeiten wir es. Erst wenn uns etwas Enttäuscht, lösen wir uns davon.
      Die Emotionen sind also ein überlebenswichtiger Teil unseres Gehirns, denn all diese Aufgaben kann unser Verstand nicht übernehmen, selbst wenn wir oftmals denken, wir könnten es alleine durch den Verstand lösen.

      Das ganze ist ein wenig so, als würdest du einem Computer die Fähigkeit nehmen, Dateien zu löschen, umzubenennen oder zu ändern. Der Computer würde trotzdem laufen, aber er würde andauernd auf Probleme stoßen, abstürzten, Fehler erzeugen usw. Und besonders der Umgang mit den negativen Gefühlen ist entscheidend, denn erst durch sie werden wir Handlungsfähig. Erst wenn dich etwas ärgert, stört, wütend macht, nervt, enttäuscht oder ängstigt, dann mobilisiert dein Körper die Energie, um es zu verändern.

      Daher ist meine Meinung, dass Autisten genau so über Emotionen verfügen, wie alle anderen Menschen (und Lebewesen), nur dass diese anders gelagert sind als es die Gesellschaft vorgibt, und Autisten darum schon sehr früh bewusst den Kontakt zu den Emotionen als störend empfinden und ignorieren.