Blickkontakt meiden: Weil es unangenehm und/oder nichtssagend ist?

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    • FruchtigBunt wrote:

      Bei mir ist es so, dass mich der Blick in die Augen von den Inhalten ablenkt
      Das trifft es auch bei mir am besten. Ich habe kein Problem mit Blickkontakt, das wurde mir in der Kindheit auch antrainiert, aber wenn ich mich z.B. für eine Formulierung besonders konzentrieren muss, schaue ich in eine andere Richtung. Das Gesicht des anderen "auf unscharf stellen", was ich auch schon mal mache, reicht dann nicht.
    • Ich beziehe mich mal auf die Titelfrage des TE:

      Blickkontakt meiden, weil es "nichtssagend" ist: Das wäre ja irgendwo ganz schön arrogant - ich kuck dir nicht in die Augen, weil dein Blick so hohl, leer, eben nichtssagend ist. Nein, so ist das nicht bei mir.

      Unangenehm: Trifft es schon eher. Aber bei mir ist es so, dass Blickkontakt einfach nicht geht. Das heißt, ich kucke jemandem in die Augenpartie und drehe den Blick sofort wieder weg, wie man die Finger von der heißen Herdplatte wegzieht. Rede ich mit einem einzelnen Gesprächspattner, dann schaue ich auf den Mund. Rede ich mit mehreren Leuten oder mit jemandem, wo ich denke, Blickkontakt ist wichtig (Vorstellungsgespräch z. B.), dann streife ich ganz schnell über die Augenpartie des Gegenübers. NTs scheint das zu reichen. :-p

      Am liebsten mag ich Gespräche, wie oben einige schon geschrieben haben, wo der/die andere und ich nebeneinander laufen bzw. sitzen: Ich rede gern beim Spazierengehen, ich rede gern mit Leuten, die in der Kneipe neben mir sitzen, und ich kann dann viel leichter auch über persönliche Dinge sprechen. Es fällt dann einfach ein Stressor weg. Denn im Kopf läuft sonst immer bei mir mit: Eigentlich müsste ich dem/der jetzt in die Augen blicken. Oder: Findet die/der es nicht doof, wenn ich immer vor mich hin auf die Tischplatte schaue? Deshalb sind Kommunikationssituationen, wo sich die Frage nach dem In-die-Augen-Sehen gar nicht stellt, einfach optimal.

      Mit der Konzentration hat das eher nichts bei mir zu tun. Denn auch bei Themen, wo ich mich nicht so konzentrieren muss, geht der Blickkontakt nicht. Ubrigens: Auch NTs schauen gern in Richtung Zimmerdecke, zum Fenster raus oder auch einmal nach unten, wenn sie scharf nachdenken. In einer mündlichen Prüfung z.B. kucken die ja nicht die ganze Zeit in die Augen der Prüfer.
      "Lies are just another way of telling the truth." (Paravadin Kanvar Kharjappali)

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    • Ich habe diese Position noch von keinem anderen Aspie bisher gehört, aber: ich kann Gesichter extrem gut lesen. So gut, dass diese Fähigkeit binnen kürzester Zeit ausbrennt. So wie man nicht in die Sonne schaut, weil es zu hell ist, so schaue ich nicht in die Augen meines Gegenübers, weil es so sehr viele Informationen sind. Meist konzentrierte ich mich nur auf den Mund oder schaue komplett weg und konzentrierte mich auf die Stimme.
    • Schlitzohr wrote:

      Ich habe diese Position noch von keinem anderen Aspie bisher gehört, aber: ich kann Gesichter extrem gut lesen. So gut, dass diese Fähigkeit binnen kürzester Zeit ausbrennt. So wie man nicht in die Sonne schaut, weil es zu hell ist, so schaue ich nicht in die Augen meines Gegenübers, weil es so sehr viele Informationen sind. Meist konzentrierte ich mich nur auf den Mund oder schaue komplett weg und konzentrierte mich auf die Stimme.
      Uuh spannend, so gehts mir auch! Ich sehe anderen extrem gut an, was in ihnen passiert, und irgendwie zieht das an mir. Als müsse ich, wenn es mir irgendwie möglich ist, dann Verantwortung für mein Gegenüber übernehme, weil ich ja weiß wie es dem geht. Das hat mich auch sehr lange davon abgehalten, Asperger in Betracht zu ziehen obwohl sonst so viel passte, habe das auch im Diagnoseverfahren gesagt. Hab die Diagnose trotzdem bekomme.

      Zum Thema: Ich kann, wenn ich mich ernsthaft in ein Gespräch einbringen soll, nicht gleichzeitig Sehen, Hören und am Besten noch Denken. Wenn ich jemanden ansehe, dann bin ich damit beschäftigt, die optischen Eindrücke zu analysieren. Wenn ich etwas sagen soll, bin ich damit beschäftigt, eine möglichst treffende Formulierung zu finden und gleichzeitig womöglich noch zu prüfen, ob das wahr ist was ich sage. Wenn jemand etwas sagt, höre ich zu und versuche das Gehörte möglichst ohne Missverständnisse zu verstehen. Wobei ich wenig mehr hasse als wenn jemand schon transportiert hat, was er sagen will, aber mit Sprechen nicht fertig wird. Ich weiß meistens was kommt und halts nicht gut aus zu warten. Doof natürlich wenn beispielsweise mein Mann dann doch etwas anderes meint :m(: Aber dieses Warten hasse ich.
    • FrankMatz wrote:

      Blickkontakt meiden, weil es "nichtssagend" ist: Das wäre ja irgendwo ganz schön arrogant - ich kuck dir nicht in die Augen, weil dein Blick so hohl, leer, eben nichtssagend ist. Nein, so ist das nicht bei mir.
      Ich finde den Begriff "arrogant" sehr fraglich in der Sache. Wenn man den Zweck des "in die Augen schauen" nicht verstehen kann, dann ist es doch eigentlich nicht arrogant, oder? :roll:
      Ich wehre mich etwas gegen die Zuschreibung "arrogant", weil ich den Begriff "arrogant" mit anderen Situationen verbinden kann, aber ihn in der Szene nicht zutreffend finde. Ich bin mir aber nicht ganz sicher.

      Warum meinst du, dass es arrogant wirken könnte und warum meinst du, dass es tatsächlich arrogant sei? (Verständnisfrage).
    • Ich schau den Leuten zwar manchmal ins Gesicht, aber so gut wie nie in die Augen, weil ich da nichts drin sehen kann. Es sind für mich eben nur Augen, mehr nicht. Ich kann da keine Botschaften oder Gefühle drin lesen (einzige Ausnahme: wenn jemand weint; wegen der Tränen). Für mich ist in erster Linie das interessant, was jemand sagt. Mit Gesten und Körpersprache kann ich auch nicht viel anfangen. Und wie schon von anderen schon geschrieben: Ich kann mich auch am besten während der Autofahrt oder beim Spazierengehen unterhalten.
    • FruchtigBunt wrote:

      Ich finde den Begriff "arrogant" sehr fraglich in der Sache. Wenn man den Zweck des "in die Augen schauen" nicht verstehen kann, dann ist es doch eigentlich nicht arrogant, oder? :roll: Ich wehre mich etwas gegen die Zuschreibung "arrogant", weil ich den Begriff "arrogant" mit anderen Situationen verbinden kann, aber ihn in der Szene nicht zutreffend finde. Ich bin mir aber nicht ganz sicher.

      Warum meinst du, dass es arrogant wirken könnte und warum meinst du, dass es tatsächlich arrogant sei? (Verständnisfrage).
      Der TE hat gefragt: "Warum meiden Aspies Blickkontakt? Ist er unangenehm oder nichtssagend?" Das heißt, er will wissen, ob Aspies sich beim In-die-Augen-schauen unwohlfühlen ("unangenehm ") oder ob sie es nicht tun, weil der Blickkontakt ihnen keine Info bringt ("nichtssagend" ist).

      Jetzt kommt hinzu: "nichtssagend" ist fast immer abwertend. Nenne ich ein Buch "nichtssagend ", meine ich, dass sich die Lektüre kaum lohnt. Dito für Filme, für Musikstücke usw. Würde also jemand sagen "Ich schau dir nicht in die Augen, weil dein Blick nichtssagend ist", so fände ich das reichlich arrogant.

      Der TE hat seine Aussage nicht auf sich selbst gezogen (dann wäre meine Behauptung nicht so okay), er hat einfach gefragt, warum Aspies mit Blickkontakt Schwierigkeiten haben und er hat zwei mögliche Antworten dafür in den Raum gestellt.
      "Lies are just another way of telling the truth." (Paravadin Kanvar Kharjappali)
    • FrankMatz wrote:

      Jetzt kommt hinzu: "nichtssagend" ist fast immer abwertend. Nenne ich ein Buch "nichtssagend ", meine ich, dass sich die Lektüre kaum lohnt. Dito für Filme, für Musikstücke usw. Würde also jemand sagen "Ich schau dir nicht in die Augen, weil dein Blick nichtssagend ist", so fände ich das reichlich arrogant.
      Ach so, danke für die Erläuterung. Mir war nicht klar gewesen, dass es dir um die Zuschreibung des Wortes "nichtssagend" ging. Ich sehe das Wort "nichtssagend" in dem Zusammenhang nicht wertend, aber ich kann verstehen, wenn andere Menschen das als wertend erleben könnten.
      Für mich bedeutet nichtssagend soviel wie "ich kann anhand der Augen bzw. des Blickes nichts ablesen, der Blick sagt mir nichts." Ich würde damit nicht jemanden beleidigen wollen oder dem mitteilen wollen, dass er deshalb mängelbehaftet ist. Also eher die reine Sachinfo sehen. Deshalb würde ich es nicht als arrogant einstufen.

      Aber wenn jemand "dein Blick ist nichtssagend" als abwertend empfindet, kann ich nachvollziehen, dass die Aussage als arrogant empfunden werden könnte.
    • Icih hatte es gerade im falschen Thread gepostet: Hier gibt es einen kurzen, aber interessanten Artikel aus dem Ärzteblatt zum Thema. Es geht darum, dass man anhand von Studien bzw. Forschungsarbeit herausgefunden habe, dass Autisten nicht wegen fehlendem sozialen Interesse nicht in die Augen schauen, sondern womöglich wegen einer Übererregung der Amygdala. Man scheint dort aber noch ziemlich am Anfang zu stehen.
    • FruchtigBunt wrote:

      wegen einer Übererregung der Amygdala.
      kann ich mir gut vorstellen.
      Blicke, die belanglos wirken, kann ich z.B besser normal erwidern, meist.
      Oder flüchtige....sind sie starr und belanglos, irritiert es mich auch. Als ob man eine Wand ansieht.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Ally wrote:

      allem im Beruf, auch Desinteresse unterstellt, wenn jemand etwas erklärte. Oder ich wurde gefragt, ob ich überhaupt zuhöre. Ich wusste nie, wie die darauf kamen
      Oh... das kenne ich zu gut. Mir wird es auch indirekt vorgeworfen. Meine Kollegin hatte es mir erzählt, weil wir darauf kamen. Sie sagte, dass mein Chef sich immer beschweren würde, dass ich weder Gestik noch Mimik zeigen würde, wenn er mir etwas erklärt. (bin Azubi)
      Wir sind ein 4 Mann Betrieb, also sehr klein und familiär... Er sagte mir schon desöfteren, dass er aus mir nicht schlau wird, aber meine Arbeit gut findet. :lol:

      Ich werde öfter gefragt, ob ich denn zuhöre oder ob ich desinteressiert bin... Denn mir fällt es sehr sehr schwer anderen ins Gesicht zu schauen. Es ist einfach unangenehm und ich kann mich nicht richtig konzentrieren, wenn ich die Leute dabei anschaue.
    • Mir geht es ähnlich, wobei ich oft wirklich desinteressiert bin, mein Gegenüber aber einfach weiter redet und das nicht merkt. :lol:
      So kann ich mir auch gut vorstellen, wie es ist, wenn ich das bei anderen mache. :oops:
      Mir kommt es häufig so vor, als wäre dies nicht nur Autisten vorbehalten.
      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
      (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 - 322 v. Chr.)
    • Ich kann anderen in die Augen schauen, aber wozu? Ich kann in Augen nichts lesen, also lass ich es. Mir wird deswegen zwar auch schon mal vorgeworfen, dass ich nicht zuhören würde, bzw. desinteressiert wär, aber ich weise dann immer darauf hin, dass das nunmal meine Art ist, konzentriert zuzuhören. Bisher war's dann auch immer okay.
    • Clear wrote:

      daß Problem ist die Leute sehen meinen Stress nicht.
      Das ist genau das, was mir auch ständig passiert und was mich immer wieder sehr wütend macht. Ich beschäftige mich mit dem Thema Blickkontakt seit ich in der Schule bin und es stresst mich jedesmal sehr, wenn ich Leute anschauen muss und dann auch noch erwartet wird, dass ich mich an das erinnern kann, was gesagt wurde. Ich habe immer gesagt bekommen ich soll mich nicht so anstellen und einfach gucken, weil man das halt so macht und das 'normal' ist. Ich muss meinem Gegenüber also immer etwas geben, das sie mir nicht geben: Respekt (gegenüber den sozialen Anforderungen, die an mich gestellt werden). Ich erlebe es nie, dass auf meine Bedürfnisse eingegangen wird, ich habe ständig Probleme, wenn ich wieder mal nicht so funktioniere, wie das von mir erwartet wird.

      Und dabei ist Blickkontakt etwas, was mein Gegenüber mir relativ einfach erleichtern kann. Einfach mal akzeptieren dass ich nicht so kann, wie andere. Einfach mal darauf achten, dass ich sehr wohl mitbekomme, worüber geredet wird, wenn ich nicht damit beschäftigt bin drüber nachzudenken ob ich jetzt lange genug in die Augen geschaut habe oder wann ich wieder weggucken darf. Mich einfach mal so sein lassen, wie ich bin, ohne sich darauf zu versteifen, was es heißen könnte, wenn ich den Blick abwende. Zu vertrauen, dass es nicht Desinteresse sondern einfach nur eine Eigenheit von mir ist, die akzeptiert werden sollte.

      Warum muss ich das Leben für andere Leute immer vereinfachen und mich selbst dadurch diesem kräfteraubenden Stress aussetzen? Warum kommen alle anderen immer zuerst und meine Bedürfnisse sind zweitrangig/komisch/lächerlich und werden immer persönlich genommen/als etwas interpretiert, das nicht stimmt?

      Und dann wundern sich alle immer, warum ich mich so schnell zurückziehe und allein sein möchte.
    • Cael wrote:

      Und dann wundern sich alle immer, warum ich mich so schnell zurückziehe und allein sein möchte.
      Genau das Problem habe ich auch immer...
      Es ist unheimlich anstrengend. Ich bin 8h am Tag an der Arbeit mit Menschen zusammen. Das ist schon echt anstrengend. In meiner Freizeit bin ich im Stall bei meinem Pferd. Dort sind auch viele Leute.

      Ja ich habe Blickkontakt geübt. Seit der Schule. Und bin darin auch recht gut. Aber es ist anstrengend und stresst mich.

      Ich bin froh, wenn ich alleine bin und nicht noch zig anderes machen muss. Meist setze ich mich in mein Zimmer vor den Computer nach dem Stall oder der Arbeit und versinke in der Online Welt - Videos, Spiele, ...

      Meine Mutter versteht nicht, warum ich gerne alleine bin. Und wirft mir immer wieder vor, warum ich mit fast 23 keine Beziehung habe - weil es mich stresst, ich ständig einen Nervenzusammenbruch habe, wenn da den ganzen Tag jemand um mich schwirrt und ich einfach nicht meine Ruhe bekomme. Und meine Beziehung fand eigentlich nur am Wochenende statt damals...
      Aber ich hatte täglich einen Nervenzusammenbruch/Meltdown, weil ich mit den "vollkommen normalen" Sachen in einer Beziehung einfach nicht klarkomme.
    • Bei mir ist es nicht so, dass mich der Blickkontakt direkt stresst, im Gegenteil - ich bin so fasziniert von Augen, dass ich oft sprichwörtlich daran "kleben bleibe". Ich könnte mir stundenlang fasziniert die Details einer Regenbogenhaut ansehen.
      Schaue ich in die Augen, habe ich automatisch einen so starken Fokus darauf, dass alles im direkten Umfeld unscharf wird. Wobei die Unschärfe / Detailfokussiertheit nicht nur auf die Augen beschränkt ist, sondern bei Mund oder Nase ebenso ausgeprägt ist. Alles auf einmal klappt nicht und wenn mir ein Detail wie ein Pickel oder Popel auffällt, ist es eh vorbei.

      Was mich daran eigentlich stresst: das Problem durch die Ablenkung vom Gesprochenen nicht mehr alles mitzubekommen - was sich bei steigendem Stresslevel dann auf Bruchstücke reduziert.

      Mir wurde allerdings noch nie gesagt, mein Blickkontakt wäre unnatürlich oder seltsam - was aber wohl leider nichts zu bedeuten hat:
      Vor etwas über 12 Jahren lernte ich, dass Blickkontakt sehr wichtig sei - worauf ich dann bis letzten Sommer oft versuchte ihn konstant das ganze Gespräch durchzuhalten :m(:
    • Bei uns gab es öfters stress mit Blickkontakt.
      Meine Tochter 12 Jahre alt schaut einen nie an wenn man mit ihr spricht. Wenn ich dann sauer war und mit ihr ein ernstes Wörtchen zu reden hatte, schimpfte ich immer das sie mir in die Augen schauen soll während ich mit ihr spreche. Ganz ehrlich?! Wenn sie es dann doch auf rang und zwang getan hat, habe ich mich durch ihre Blicke so unwohl gefühlt das ich mich nicht mehr konzentrieren konnte :d Sie hat dann so heftig gestarrt bzw. aufdringlich mit aufgerissenen Augen geguckt das ich ihr dann immer gesagt hab, "kannst weggucken wenn du willst aber hör bitte auf so zu starren" da ich zu dem Zeitpunkt nichts von dem ASS Verdacht wusste dachte ich immer sie will mich ärgern. Die arme konnte es uns in dem Punkt irgendwie nie recht machen, erst hieß es von uns "schau mich gefälligst an" und dann "hör bitte auf zu starren" :m(: