Mittel zur Normalisierung der Wahrnehmung?

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    • Mittel zur Normalisierung der Wahrnehmung?

      Hallo,

      ich bin 20, Studentin & HFA-Autistin. Ich habe ein paar Fragen, die vielleicht in dieses Unterforum passen...

      Also fange ich mal vorne an... Die Besonderheiten der autistischen Wahrnehmung muss ich hier wohl niemandem erklären, also nur kurz die für mich wichtigsten Punkte: Ich nehme die Umgebung (und auch Gesichter, Gegenstände usw) nie als Gesamteindruck wahr, sondern in Einzelheiten. Manchmal eben nur ein besonders interessantes (und völlig bedeutungsloses) Detail, meistens aber sehr viele. Mein Gehirn verfolgt dann die Formen und Textur des Verkehrsschildes, des Mülleimers, der Bodenplatte, und aller möglichen anderen Dinge/Einzelteile von Dingen auf der Straße ... und fügt sie nicht richtig zusammen. Oder es hängt sich an der Textur eines Deckenbalkens auf und bleibt da. Das kennt Ihr hier ja sicher, aber nicht alle scheinen es als belastend wahrzunehmen. Ich war daran ja auch mein Leben lang gewöhnt und wusste nur "theoretisch", dass es anders möglich ist... Jedenfalls, dasselbe passiert, wenn ich mich auf Menschen konzentrieren will - dann zerlegt mein Gehirn im besten Fall die Gesichter in Einzelteile. Wenn der Fokus überhaupt beim Gesicht ankommt. Genauso ist es mit Geräuschen. Alles gleich von allen Seiten oder eines (z. B. von jemandem, der in der U-Bahn mit einer Bäckertüte raschelt), das alles übertönt. Es ergibt sich kein Gesamtbild, weder aus der Geräuschkulisse noch aus der visuellen. Dazu kommen die körperlichen Empfindungen. Die Überempfindlichkeit gegen bestimmte Stoffe kennen hier bestimmt viele. Bei mir betrifft das jede Berührung; mit jeder Bekleidung, sogar mit Haarsträhnen. Das sind dann ca. 10-30 Empfindungen (die sich für mich wie Stiche anfühlen) pro Sekunde... Ich war schon mehrmals an dem Punkt, an dem ich dachte, dass ich den Tod einem Leben damit - für mich sind es Schmerzen - vorziehe. Einfach weil es einem jede ruhige Minute raubt. Dafür habe ich sonst überhaupt kein Körpergefühl, ich kann einfach keine Verbindung zwischen "Geist" - Körper - Umwelt herstellen. Also z. B. auch wenig Gleichgewichtsgefühl usw...

      Ok. Nun zur ersten Frage: Hat jemand von Euch schon mal ein Medikament gefunden, dass die Wahrnehmung "normalisiert"? Und/oder die körperlichen Empfindungen abmildert? Mir wurden auch schon einige verschrieben, aber keines hat gewirkt.

      Die andere Frage ist: Was würdet Ihr tun, wenn Ihr so ein Mittel gefunden hättet? Das die Einzelheiten zu einem Gesamteindruck zusammenfügt, so dass nur noch das übrigbleibt, was Ihr gerade fokussieren wollt. Mit dem Ihr ohne Anstrengung (unbewusst!) die Geräusche filtern könnt. Und das die körperlichen Empfindungen stark reduziert und Euch ausserdem überhaupt einmal ein zentrales, nicht unangenehmes Körpergefühl gibt, mit dem Ihr Euch selbst in Eurer Umwelt verorten könnt? Was würdet Ihr dafür geben, so ein Mittel dann weiterhin zu nehmen?

      Ich habe nämlich vor knapp 2 Jahren etwas entdeckt, das genau diese Wirkung (für mich) hat.

      :!: 8o :!:

      Leider fällt es unter das Betäubungsmittelgesetz und ist auch nicht auf Rezept zu haben. Mehr sage ich mal nicht dazu (nur, dass ich noch nie etwas anderes davon hatte, keine typische "Drogenwirkung", wirklich nur diese positive "Wahrnehmungskorrektur"). Nur weiß ich aktuell nicht, wie ich weitermachen soll... Ich weiß aktuell auch nicht, ob ich, wie mir viele Leute dringend anraten, aufhören will/soll. (Können ist eine andere Frage.) Und dass es wirklich gegen eine bereits veranlagte "Falschwahrnehmung" hilft, glaubt mir auch niemand... Kann sich das jemand hier vorstellen und was würdet Ihr machen?

      VG, E.

      PS: Vielmals Entschuldigung für die "Romanlänge" dieses Eintrags...

      The post was edited 1 time, last by Eris(136199) ().

    • Ich nehme seit einiger Zeit das Medikament Tianeptin in geringer Dosis und es hat sich positiv auf meine Reizoffenheit ausgewirkt. Heißt, ich habe das Gefühl dass da plötzlich ein dünner Filter ist, der die Reize etwas abschirmt, weniger wichtig macht. Als wäre alles in mir drin etwas mehr im Einklang und ich verliere nicht ganz so schnell die Balance wie sonst, falls das Sinn macht. Meine Wahrnehmung ist dadurch keineswegs normal, nicht mal annähernd, aber ich fand das auch nie so extrem belastend wie du. Trotzdem ist das Medikament für mich eine kleine Hilfe im Alltag.

      Mein Körpergefühl bessert sich langsam durch konsequente Physiotherapie (mit einer Autismus Diagnose hat man Anspruch auf eine Langzeitverordnung) und Yoga.

      Ich persönlich würde wohl keine Drogen konsumieren, allein wegen den damit verbundenen Unsicherheiten. Außer Cannabis habe ich auch keine Erfahrungen diesbezüglich. Ich würde aber niemanden dafür verurteilen, weil es eine ganz persönliche Entscheidung ist und ich den großen Leidensdruck nachempfinden kann.
    • Hallo

      nichtgeschwindigkeit wrote:

      Mein Körpergefühl bessert sich langsam durch konsequente Physiotherapie (mit einer Autismus Diagnose hat man Anspruch auf eine Langzeitverordnung)
      könntest du mir darüber mehr sagen? Welche Art Physiotherapie? Wer verschreibt sie?

      Ich vertrage wenige Medikamente wirklich gut und schon gar nicht bei längerer Einnahmezeit , daher ist das keine Option.
      Was ist das genau? Hast du Nebenwirkungen?
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:
    • Platypus wrote:

      Das interessiert mich auch. Wo steht denn eigentlich, auf welche therapeutischen Dinge man Anspruch hat? Von Ergotherapie habe ich das auch schon gelesen.
      Das hat mich nun auch interessiert, meine erste Recherche führte mich zu diesen zwei Links.:

      g-ba.de/downloads/40-268-2117/…eilmittelbehandlungen.pdf
      (S. 6)

      Die Erklärung der Abkürzungen findet man hier:

      heilmittelkatalog.de/files/luxe/hmkonline/online/index.htm
      (der ist von 2017, ob es was Neueres gibt?)

    • Eris(136199) wrote:

      Ok. Nun zur ersten Frage: Hat jemand von Euch schon mal ein Medikament gefunden, dass die Wahrnehmung "normalisiert"? Und/oder die körperlichen Empfindungen abmildert? Mir wurden auch schon einige verschrieben, aber keines hat gewirkt.
      Seroquel. Wirkt sehr gut reizabschirmend. Ich habe es eine Zeit lang sporadisch genommen.
      Empfehlen kann ich es aber nicht, eine Nebenwirkung ist eine Gewichtszunahme.
    • Rhianonn wrote:

      könntest du mir darüber mehr sagen? Welche Art Physiotherapie? Wer verschreibt sie?
      Die Physiotherapie verschreibt meine Hausärztin. Alle tiefgreifenden Entwicklungsstörungen fallen unter den langfristigen Heilmittelbedarf und dieser fällt somit auch nicht ins Budget der Ärzte.

      Meine Physiotherapeutin wendet kein spezielles Verfahren an und ist auch nicht auf Autismus spezialisiert. Je nach meinem aktuellen Zustand und eventuellen Schmerzen mache ich Kraftübungen an Geräten, Übungen auf einem Wackelbrett für Gleichgewicht und Koordination, oder normale Dehnübungen, manchmal bekomme ich auch Massagen oder werde getapet. Im Normalfall gehe ich 1-2x wöchentlich für 20 Minuten in die Praxis. Vor Beginn der Physio hatte ich immer das Gefühl nicht zu wissen wo mein Körper anfängt und wo er aufhört. Das bessert sich langsam.


      Rhianonn wrote:



      Was ist das genau? Hast du Nebenwirkungen?
      Deutsche Apothekerzeitung über Tianeptin
      Es heißt dass Tianeptin ein Serotonin Wiederaufnahme Verstärker wäre, in dem Link wird das genauer erklärt.

      Ich hatte anfangs Magen Darm Probleme und ein leichtes Zittern, was sich aber nach einem Monat eingependelt hatte. Ich reagiere sonst auch extrem sensibel auf Psychopharmaka und habe normalerweise die ganze Palette an heftigen Nebenwirkungen, dafür war das wirklich gut aushaltbar. Ich nehme 2x täglich 6,25 mg, anstatt empfohlenen 3x täglich 12,5 mg. Es wirkt bei mir außerdem angenehm subtil und nicht so extrem sedierend und reizabschirmend, wie zb Seroquel.
    • Shenya wrote:

      Hast du sie darauf angesprochen, oder kam sie selber drauf? Wenn ja, was waren deine Symptome?
      Ich habe eigentlich hauptsächlich Probleme mit chronischen Schmerzen und Hypermobilität und wollte einfach etwas für meinen Körper tun. Alleine habe ich aber für Sport o.ä. kaum bis keine Motivation. Durch Zufall habe ich von dem langfristigen Heilmittelbedarf für Physiotherapie gelesen und das dann bei meiner Ärztin angesprochen. Sie fand das eine gute Idee und verschreibt mir seitdem die Verordnungen. Die Besserung des Körpergefühls ist quasi nur ein positiver Nebeneffekt. Man kann da bestimmt noch gezielter Übungen für machen.
    • nichtgeschwindigkeit wrote:

      Durch Zufall habe ich von dem langfristigen Heilmittelbedarf für Physiotherapie gelesen und das dann bei meiner Ärztin angesprochen. Sie fand das eine gute Idee und verschreibt mir seitdem die Verordnungen. Die Besserung des Körpergefühls ist quasi nur ein positiver Nebeneffekt. Man kann da bestimmt noch gezielter Übungen für machen.
      Danke.
      Ich suche mir jetzt eine neue Hausärztin. ich hatte an meinem früheren Wohnort so eine Dauerverordnung, aber meine jetzige Ärztin hat das in drei Jahren nicht auf die Reihe bekommen.
      Dann werde ich darum bitten. Ich bin außerdem ja auch chronische Schmerzpatientin.
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:
    • nichtgeschwindigkeit wrote:

      Heißt, ich habe das Gefühl dass da plötzlich ein dünner Filter ist, der die Reize etwas abschirmt, weniger wichtig macht. Als wäre alles in mir drin etwas mehr im Einklang und ich verliere nicht ganz so schnell die Balance wie sonst, falls das Sinn macht.
      Macht absolut Sinn. :nod:
      Tianeptin war mir bisher einigermaßen unbekannt. Habe jetzt mal gegoogelt.

      nichtgeschwindigkeit wrote:

      Ich persönlich würde wohl keine Drogen konsumieren, allein wegen den damit verbundenen Unsicherheiten. Außer Cannabis habe ich auch keine Erfahrungen diesbezüglich. Ich würde aber niemanden dafür verurteilen, weil es eine ganz persönliche Entscheidung ist und ich den großen Leidensdruck nachempfinden kann.
      Vielen Dank für Dein Verständnis. Das Beste wäre, aus meiner Sicht jetzt gerade, wenn ein Arzt anerkennen würde, dass mir das Mittel wirklich nur das Leben erleichtert und etwas korrigiert, was bereits "falsch" veranlagt war ... und es verschreiben würde. So wie Cannabis. In England z.B. wäre das vielleicht durchaus möglich...

      PS: Ich habe das eigentlich gestern geschrieben. Ist wohl was beim Senden schiefgegangen...
    • In punkto Reizverarbeitung hat mir Ritalin gut geholfen. Ich nehme es nur nicht mehr, da es wahrscheinlich für meine Sonnenallergie letztes Jahr verantwortlich war und das ziemlich ätzend war...

      was auch immer du nimmst.... methylphenidat ist ja auch anregend wie manch andere drogen...

      @nichtgeschwindigkeit
      musstest du für die dauerverordnung dich mit der krankenkasse rumschlagen (RW)? dort steht ja, dass man ggf. zum gutachter muss usw...
    • kastenfrosch wrote:



      @nichtgeschwindigkeit
      musstest du für die dauerverordnung dich mit der krankenkasse rumschlagen (RW)? dort steht ja, dass man ggf. zum gutachter muss usw...
      Nein, mir wurde erklärt dass ich mit der Asperger Diagnose automatisch in den langfristigen Heilmittelbedarf falle und man das deswegen nicht mehr vorher genehmigen lassen muss. Es kommt aber anscheinend auch auf die Krankenkasse an. Meine Physio- und Hausarztpraxis haben das soweit untereinander geklärt. Ich hole einfach nur die neue Verordnung bei meiner Ärztin, wenn die aktuelle voll ist.

      Im Zweifelsfall kann man sich auch vor der Verordnung direkt an eine Physio Praxis wenden, weil die genau wissen, wie sie abrechnen können und welche Voraussetzungen es gibt. Das ist nämlich ziemlich komplex.
    • @kastenfrosch, braucht man für Ritalin keine ADHS-Diagnose mehr?

      kastenfrosch wrote:

      was auch immer du nimmst.... methylphenidat ist ja auch anregend wie manch andere drogen...

      Ich glaube, das darf ich hier nicht schreiben. ^^ Ich will ja auch nicht jemandes Leben durch doofe "Tipps" ruinieren...

      Aber es hat sonst wirklich keine Wirkung bei mir. Nur, dass sich die Details - die nicht einfach nur stören, sondern es auch schwer machen, den Überblick zu bekommen und die Umgebung richtig einzuschätzen -, zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Etwa so wie eine Brille für jemanden, der sonst immer die Augen überanstrengen muss, um sich zurechtzufinden. Meine Dauermigräne hat sich durch diese Entlastung z.B. sehr gebessert... Ich hatte aber noch nie einen "Kick" oder ähnliches, was ja üblicherweise eintreten sollte. Ich jage keinen Drachen oder so... ^^

      The post was edited 1 time, last by Eris(136199) ().

    • Ebenso. Zustopfen, Kopfhörer hat alles ned funktioniert. Ich kann nix auf dem Kopf leiden. Am ehesten tun noch schmale Zigarettenfilter, die kann ich nach Gebrauch wegschmeißen und sie machen nicht vollkommen taub.