Lehrer/Lehramtsstudenten/Erzieher/andere soziale Berufe unter euch?

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    • Ich habe einen Beruf erlernt, wo ich viel mit Leuten zu tun habe. Hätte ich die Diagnose zeitig bekommen, hätte ich den Beruf nie erlernt. Es war einfach vergeudete Zeit und Energie. Meine Erfahrung sich im Job zu outen ist negativ und das habe ich von etlichen anderen auch gehört.
    • @MathePinguin, wenn ich richtig verstehe, studierst Du Mathe und Musik auf Lehramt? Gerade in der Kombination sind das, glaube ich, ausgesprochene Mangelfächer. Damit dürftest Du gute Chancen auf eine Einstellung haben und auch darauf, dass man Deinen Bedürfnissen gegenüber offen ist und beispielsweise auch eine Arbeitsassistenz genehmigt. Es gibt Lehrer, die mit Arbeitsassistenz arbeiten, die ihnen die "soziale Seite" des Berufes abnehmen, und für die das gut funktioniert.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Rhianonn wrote:

      Lehrer an öffentlichen Schulen ist - im Gegensatz zu evtl. Erwachsenenbildung oder Nachhilfeschulen - in meinen Augen defintiv nicht aspie- like.
      Dem würde ich zustimmen!

      Ich habe Deutsch als Fremdsprache studiert, also eigentlich, um in der Erwachsenenbildung zu arbeiten. Das ist im Angestelltenverhältnis auch okay für mich, freiberuflich leider nicht, da ich dann zu viele Stunden unterrichten müsste und das schaffe ich nicht!
      Ich habe auch schon Erfahrungen an Schulen. Mein Fazit ist, dass ich mich nur noch (aktuell auf Jobsuche) bei kleineren Privatschulen bewerbe,
      bevorzugt sogar im Oberstufenbereich. So große Schulen mit großen Klassen oder auch mit einem Kollegium von 70 Personen oder mehr, sind
      für mich nicht bewältigbar.

      In der Erwachsenenbildung macht mir das Unterrichten sogar Spaß, obwohl es anstrengend ist. Mir gefällt die Sinnhaftigkeit.
    • Ich habe zwar keinen sozialen Beruf, aber ich habe eine Zeit lang versucht, mein Interesse an Sprache / Schreiben / Literatur als Journalistin auszuleben. Dazu habe ich neben dem Studium freiberuflich als Journalistin gejobbt.

      Das Schreiben war nicht das Problem. Aber im Journalismus muss man permanent Kontakt zu anderen Leuten aufnehmen, ob nun telefonisch oder vor Ort...

      Ich habe von Anfang an gemerkt, dass mich die ständigen Kontakte total überfordern und dass die Freude am Schreiben diesen Stress nicht ausgleicht. Erst dachte ich noch, ich würde mich daran gewöhnen, aber das war nicht so. Irgendwann musste ich aufgeben, weil mir jeder Auftrag Angstattacken verursacht hat. Als Lehrerin vor einer Klasse stehen zu müssen, wäre für mich der absolute Horror.

      Du schreibst aber, dass dir das Unterrichten Spaß macht. In welchem Kontext hast du diese Erfahrung gemacht? Hast du schon mal vor einer Klasse gestanden? Wie viele Kinder waren das? Welche Altersgruppe?

      Ich kann dir auch nur den Tipp geben, es rechtzeitig auszuprobieren, ob und wie du unterrichten kannst. Welche Bedingungen du brauchst, um dich wohl zu fühlen, und was dir Stress macht.
      Und wenn du merkst, dass dich etwas belastet - bitte glaub nicht, das würde sich geben, wenn du erst mal mehr Erfahrung hast. Meistens tut es das nicht, es wird eher schlimmer.
      I have my books
      And my poetry to protect me
    • Das kann ich nur "unterschreiben". Meine Ausflüge in den Tagesjournalismus im Studium zeigten mir, dass das viel zu stressig für mich ist. Und ja, auch sozial sehr fordernd. Gerade im Lokaljournalismus braucht man extreme Netzwerk-Fähigkeiten und muss einschätzen können, über wen man was schreiben darf. Was unterrichten betrifft, machte mir das an der Uni Spaß. Zugleich fand ich es aber auch immer anstrengend, vor allem mit großen Gruppen. Schwierig wurde es bei "Zwangskursen", wo die Leute verpflichtend dabei waren und ich ihre Anwesenheit kontrollieren musste. Dauerhaft an einer Schule zu unterrichten, stelle ich mir sehr auslaugend vor.
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    • Ich arbeite ehrenamtlich beim Kinderschutzbund. Ich mache das gerne, aber könnte mir nicht vorstellen das hauptamtlich zu machen.

      Die anderen dort wissen zum Teil, dass ich psychisch belastet bin, aber ich möchte mich nicht darüber definieren.

      Probleme habe ich keine, aber das liegt daran, dass ich am Telefon sitze und die Kinder und / oder Jugendlichen nicht im face – to – face Kontakt vor mir habe. Ich glaube, dass es das einfacher macht.
      Mir macht die Arbeit aber teilweise auch Spaß, weil es so gegensätzlich zu meinem Beruf ist und mich der Bereich und die Arbeit mit Jugendlichen interessiert.
    • kastenfrosch wrote:


      Dass ein Lehramtsstudium 16 Semester dauert finde ich allerdings etwas sehr lang? (Hier (NRW) sind es 6-9 Semester Regelstudienzeit, oder waren es zumindest bis vor ca. 6 Jahren)
      In NRW gibt es ja schon länger kein Staatsexamen mehr. Man muss erst den Bachelor of Education machen (6 Semester), dann den Master of Education (4 Semester). Macht zusammen 10. (Regelstudienzeit)

      16 Semester scheint mir aber auch etwas viel. Wenn man allerdings berücksichtigt dass Fächerverbindungen mit Musik in BW 2 Semester länger dauern (Bachelor = 8 Semester) und das Referendariat dazuzählt, kommt es ungefähr hin.
      Life is now
    • faithira wrote:

      Ich würde Aspi Lehrer wünschen , schon um der Schüler Willen.
      Naja, im Lehrberuf kommt es ja weniger auf die fachliche Kompetenz an, sondern mehr auf die pädagogische. Das bisschen Mathe z.B. das man für das Abiturniveau braucht, kann ja jeder der einen technischen Studiengang studiert hat. Aber das dann pädagogisch wertvoll jeden Tag im vollen Klassenzimmer an renitente Schüler zu vermitteln, so dass die dann auch noch Spaß daran haben... nicht einfach.
      Life is now
    • Spaß hat mir das Unterrichten auch gemacht, und wie. Aber der Spaß ist leider ganz schnell weg, wenn es einen völlig erschöpft, weil man sich nicht an die Belastung gewöhnen kann aufgrund seiner Einschränkungen. Ohne Einschränkungen scheint der Spaß am Unterrichten die Regeneration meiner Kolleginnen zu unterstützen (trotzdem sind die schon Wochen vor Ferienbeginn platt). Mit Einschränkungen werden einfach sehr viel mehr Ressourcen verbraucht, und der Lehrerberuf besteht auch nur zu einem kleinen Teil aus dem eigentlichen Unterrichten. Vielleicht hilft auch ein Blick in die Lehrerforen, um die Belastung zumindest für nicht-Aspie-Lehrer zu ermessen und vielleicht eine vage Idee zu erhalten, ob man sich das als Aspie zutraut.

      Oh, und mit dem Studium hatte ich keinerlei Probleme, ich war in weniger als der Regelstudienzeit durch und habe nebenher als HiWi gearbeitet und ein Kind großgezogen. Aber bereits das Ref. war grenzwertig, mit eigener Klasse wurde es dann ganz schlimm.

      The post was edited 1 time, last by Platypus ().

    • Ich hatte hier schon einmal Näheres über meine Erfahrungen als Professor mit AS geschrieben gehabt: Sammelthread: Berufe für Aspies
      Das ist zwar auch ein Lehrberuf, aber wahrscheinlich nur sehr bedingt vergleichbar, weil ich nur Erwachsene unterrichte, die zudem freiwillig kommen.
      Kinder zu unterrichten wäre ich höchstwahrscheinlich nicht in der Lage. Ich komme ja schon mit meinen eigenen kaum zurecht...
    • Ich war fast 30 Jahre lang in der sozialen Arbeit- jetzt geht gar nichts mehr.

      Mein SI hat mich dort hin gebracht, ich hatte keine Diagnose und habe nicht auf die Signale geachtet, die ich schon im Studium spürte: das viele "Sozialkuscheln" war schon im Studium nicht meines.

      Dasselbe dann mit den Kollegen, die ständigen Supervisionen (die leidige WIE GEHTS FRAGE), Blitzlicht, Stuhlkreise, Teambesprechungen, Teambuilding, Mittags gemeinsam kochen, alles, was geht, feiern, Betriebsausflüge, alles immer mit allen und verstanden habe ich die Leute auch nie- kommunikativ meine ich. Das waren totale Überforderungen für mich.

      Ich habe unendlich viel Kraft aufwenden müssen, um damit klar zu kommen, was natürlich nicht möglich war. Ich kam null damit klar. Ich war fast 30 Jahre lang nur müde. Fit fühlen kannte ich nicht. Unzählige depressive Episoden waren die Folge, aber eben auch hier hochfunktional depressiv, heißt, ich habe immer weiter gemacht und keiner hat was gemerkt. Bis es gar nicht mehr ging. Jetzt bin ich berentet, zum Glück. Aber das, was mich der Job an Kraft gekostet hat, wird nicht mehr heilen.

      Die Arbeit mit den Klienten dagegen, war nie mein Problem. Da konnte ich selbst steuern, was wie läuft. Die Leute waren froh um klare Aussagen und klare Wege, was sie tun können. Ich habe tatsächlich auch gerne mit diesen Menschen gearbeitet. Auf selbständiger Basis wäre das bestimmt gut gelaufen. Aber ich und selbständig: da hätte es viel bessere exekutive Funktionen gebraucht und die Fähigkeit, zu Netzwerken. Da versage ich total.
    • Ani wrote:

      Blitzlicht, Stuhlkreise, Teambesprechungen, Teambuilding, Mittags gemeinsam kochen, alles, was geht, feiern, Betriebsausflüge,
      Ja, grausig. Besonders, wenn man auch noch motorische Schwierigkeiten hat und bei manchen der gemeinsamen Aktivitäten (zeichnen, kochen, mal eben was leserlich aufs Flipchart schreiben, "Aufwärm" - oder Partnerübungen etc.) schon an seine Grenzen kommt. Erzwungene Kommunikation über derartige Übungen strengt mich zudem immer sehr an.

      Ani wrote:

      Aber ich und selbständig: da hätte es viel bessere exekutive Funktionen gebraucht und die Fähigkeit, zu Netzwerken. Da versage ich total.
      Das ist in der Tat ein großes Problem. Wenn man seinen Fähigkeitenschwerpunkt nicht in Technik, IT oder Handwerk oder das Glück hat, eine sehr individuelle "Nische" zu finden, sehe ich gerade für "hochfunktionale" Autisten im heutigen System eigentlich keine Lösung.
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    • faithira wrote:

      @Leonora
      Genau das ist das Problem was ich auch sehe. Die Menschen sollen sich in ein System (zb. Schule ) einpassen . Statt das Menschen das System ändern !
      Volle Zustimmung. :nod:
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    • Ich bin nach der Ausbildung zum Gymnasiallehrer in den Bereich der berufsbildenden Schulen gegangen, weil es sonst keine Stellen gab, damals. Ich habe diesen Schritt nie bereut und erst im Nachhinein verstanden, warum: Selbst schwierige Berufsschulklassen (Bäcker, Metzger, Lageristen oder solche Schüler*innen, die erstmal ausbildungsfähig gemacht werden müssen) sind eben mindestens sechzehn Jahre alt und haben nichts von der lärmenden Wuseligkeit einer Unterstufenklasse.

      Außerdem bleiben einem im berufsbildenden Schulwesen nervige Eltern erspart, die - ich übertreibe ein bisschen - gleich mit dem Rechtsanwalt in die Sprechstunde kommen, wenn ihrem Kind die Nichtversetzung droht, oder die meinen, einem erklären zu müssen, wie man sein Fach zu unterrichten hat.

      @MathePinguin: Die sog. allgemeinbildenden Fächer, auch die musischen, gibt es in der Berufsbildung auch.

      Das Vor-der-Klasse-Stehen habe ich nie als belastend empfunden. Meine größere Distanz im Lehrer-Schüler-Verhältnis, auch emotional (was aber nicht mit Desinteresse gleichzusetzen ist) haben meine Oberstufenschüler*innen stets zu schätzen gewusst ("der lässt uns auch mal in Ruhe", "der fragt uns nicht dauernd nach privaten Dingen aus", vor allem: "der mäkelt bei Präsentationen nicht an unserem Auftreten herum, sondern bewertet in erster Linie den Inhalt").

      Wenn etwas schwierig war (ich bin in Rente), dann war es der Umgang mit den Kolleg*innen: Smalltalk am Kaffeeautomaten, dauerndes Angeplappert-Werden in den Pausen, das Nicht-Mitsprechen-Können bei Fußball oder oder worüber NTs im Alltag noch so daherreden - das war oft kräftezehrend und frustete, kratzte auch am Ego.

      Nur: Dass Unterrichten nichts für Aspies ist, das würde ich in keinem Fall unterschreiben. Letzten Endes hilft nur Ausprobieren. Ich habe im Studium schon nebenbei erste Versuche gemacht mit Unterrichten von Gruppen und schnell gemerkt, dass da etwas passt. Dass es nachher ein Berufsleben lang gut gegangen ist, war sicher auch eine Portion Glück

      Zebra wrote:

      Naja, im Lehrberuf kommt es ja weniger auf die fachliche Kompetenz an, sondern mehr auf die pädagogische. Das bisschen Mathe z.B. das man für das Abiturniveau braucht
      Mutig, mutig, deine Aussage. Liegt hier der Schlüssel für die angeblichen Niveauunterschiede zwischen dem Abi in Bayern und dem in Bremen? :d
      Ich jedenfalls fand meine fachlichen Kenntnisse immer wichtig und notwendig und sie haben mir auch Selbstvertrauen gegeben (ohne dass ich einen auf Fachidiot gemacht habe, wohlgemerkt!).

      Also, @MathePinguin, rein in die Schule, wenn du das wirklich willst. Probier's und höre auf deine innere Stimme. Scheitern kann man überall, auch im aspie-geeignetsten Beruf. Da reicht ein blöder Abteilungsleiter, eine bescheuerte Chefin, ein doofes Kollegium...
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • @FrankMatz
      Ich habe mein Abitur in Bayern gemacht, danach ein Diplom in Informatik. Du hast ja den Rest meiner Aussage (jede rder ein technisches (!) Studium abgeschlossen hat, wohl absichtlich weggelassen. Das verfälscht natürlich die Aussage. Ich stehe weiter dazu dass jeder der Informatik, Elektrotechnik oder Mathe studiert hat fachlich auch den bayerischen Abituranforderungen gewachsen ist
      Life is now
    • FrankMatz wrote:

      Wenn etwas schwierig war (ich bin in Rente), dann war es der Umgang mit den Kolleg*innen: Smalltalk am Kaffeeautomaten, dauerndes Angeplappert-Werden in den Pausen, das Nicht-Mitsprechen-Können bei Fußball oder oder worüber NTs im Alltag noch so daherreden - das war oft kräftezehrend und frustete, kratzte auch am Ego.
      Das verstehe ich sofort. Ich hatte vor drei Jahren das sogenannte Orientierungspraktikum (zwei Wochen Gymnasium). Das muss man in BW vor dem Studium machen, um überhaupt zum Studium zugelassen zu werden. Ich hab drei Stunden Mathe unterrichtet und war total im Flow. Von meiner Mentorin (die den Unterricht beobachtet hat) kam ein sehr positives Feedback. Und ich hab gedacht: YES! Zwei Tage später kam der verpflichtende Kollegenausflug für alle neuen Praktikanten und ich habe gedacht: Scheiße.
      Die Welt wäre sehr langweilig, wenn alle Vögel fliegen könnten... :)
    • Was glaub ich auch eine große Rolle spielt, ist, dass der "Sozialstress" den ich mit den Kids habe für mich einen Sinn ergibt: Wenn ich diesen Stress aushalte, dann kann ich die Kids begeistern, dann kann ich ihnen was beibringen. Und ehrlich: Wenn da am Ende der Doppelstunde ein frühpubertärer Junge auf einen zukommt und zähneknirschend sagt: "Mathe ist doch nicht so scheiße, wie ich immer dachte.", dann ist das einfach nur mega. :)

      Anders ist das Gruppengekuschel mit anderen Praktikanten/Kollegen. Also natürlich macht das auch Sinn, dass man mit denen klar kommt, genauso wie mit den Eltern. Aber da habe ich für ähnlich viel Stress und Anspannung einfach viel weniger persönlichen "Gewinn". Wenn einer von den Schülern mich fragt, wie das mit der Binomischen Formel funktioniert und ich ihm das so erkläre, dass er das tatsächlich kapiert, dann hat sich doch die Interaktion gelohnt. Oder wenn eins von den schüchternen Mädchen in der Klasse merkt: "Hey, Mädchen können auch Mathe!" Dann lohnt sich die Mühe für mich.
      Aber wenn irgendwelche Kollegen mir Sachen aus ihrem Urlaub oder ihrer Beziehung erzählen, die ich mir nicht merken kann und auch nicht merken will, dann ist das irgendwie Ressourcenverschwendung.

      Kennt ihr das auch, dass soziale Interaktionen weniger anstrengend sind, wenn sie irgendwie "Sinn" machen?
      Die Welt wäre sehr langweilig, wenn alle Vögel fliegen könnten... :)