Mal "autistischer", mal nicht?

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    • Mal "autistischer", mal nicht?

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      Hallo zusammen,

      beim Durchlesen der ganzen Themen hier ist mir etwas aufgefallen: Kann es sein, dass der individuelle und aktuelle Grad des "Autismus" mit unter deutlich schwankt?
      Ich meine, dass viele dazu neigen als größere oder komplexer Themen bewertete Aufgaben in Einzelschritte zu unterteilen, sich ggfs. sogar mit gedanklichen Ablaufdiagrammen (Wenn dies, dann A, falls etwas anderes, dann B, ansonsten C) behelfen und die Komplexität so beherrschbar machen.
      In anderen Situationen scheinen mir dieselben Personen aber bestens nach dem Prinzip "Freestyle" zurecht zu kommen. Damit meine ich völlig neue Probleme quasi in Echtzeit lösen, ohne vorher tagelang alles zu durchdenken und negative Empfindungen aufzubauen, sondern wirklich einfach "Hingehen, ansehen, lösen, weiter geht's".

      Könnt ihr das für euch bestätigen?
      Liegt das evtl. daran, dass einem die Lösungen der einen Probleme schwerer und der anderen einfacher fallen? Oder schwankt der Grad der Autismusausprägung tatsächlich, dass man z. B. früh am Morgen, nach dem Essen, nach einem anstrengenden Tag oder in bestimmten Lebenssituationen schlechter mit vergleichbaren Aufgaben zurecht kommt als in Ruhe und Entspannung?

      Was meint ihr?
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      DeepMind wrote:

      In anderen Situationen scheinen mir dieselben Personen aber bestens nach dem Prinzip "Freestyle" zurecht zu kommen. Damit meine ich völlig neue Probleme quasi in Echtzeit lösen, ohne vorher tagelang alles zu durchdenken und negative Empfindungen aufzubauen, sondern wirklich einfach "Hingehen, ansehen, lösen, weiter geht's".
      Kommt auf die Art der Problemstellung an. Wenn es z.B. an der Arbeit darum geht, herauszufinden, wieso ein bestimmter Bug bei der Software auftritt, dann muss ich nichts planen oder vorbereiten. Ich löse allgemein auch gerne Rätsel und da muss man ja oft spontan viele Dinge ausprobieren (u.a. in Escape Rooms).

      Ganz allgemein würde ich sagen, wenn die Probleme meinen Fähigkeiten entsprechen (sprachliches Denken, logisches Denken, schnelles Lesen) und es sich um eine einzige Aufgabe mit einem klaren Ziel handelt, dann bin ich gut in der Problemlösung.

      Schwierig wird es bei meinen zahlreichen Defiziten: Zum einen ist mein räumliches Denken extrem schlecht, was mich beim Finden von Wegen, bei handwerklichen Tätigkeiten und allgemein beim Lösen räumlicher Aufgaben massiv einschränkt. Würde da fast schon von einer Behinderung sprechen.
      Dann scheitere ich bei Tätigkeiten:
      • die Multitasking erfordern bzw. häufige Übergänge zwischen verschiedenen Tätigkeiten (Probleme mit Wechsel der Aufmerksamkeit)
      • die Geschicklichkeit und gute Koordination erfordern
      • wo man spontan Entscheidungen (mit Konsequenzen) treffen muss, inbesondere, ohne alle Parameter zu kennen
      • wo man viele kleine Aufgaben in einer bestimmten Reihenfolge erledigen muss (z.B. mehrere Läden mit verschiedenen Standorten und Öffnungszeiten möglichst effizient abklappern)
      • wo extremer Zeitdruck herrscht
      • wo man viele Kontextinformationen miteinbeziehen muss (ich vergesse z.B. manchmal, dass Läden oder Ärzte zu bestimmten Uhrzeiten gar nicht geöffnet haben, checke nicht, wann Feiertage sind und dass man da vorher einkaufen muss usw.)


      --------------


      So, und was natürlich immer gerne vergessen wird - möchte man vielleicht auch nicht unbedingt so sagen, weil Leute dann meinen, man wäre einfach nur faul und unwillig und könnte in Wirklichkeit viel besser funktionieren - natürlich hängt das massiv von der Motivation und dem Interesse ab. Viele (?) Autisten spielen z.B. Computerspiele, in denen man ja - meinem Verständnis nach - durchaus auch neue Probleme in Echtzeit lösen muss.
      Mit Motivation und Interesse kann man sicherlich viele Defizite zeitweise kompensieren, zudem lernt das Gehirn einfach viel schneller.
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      DeepMind wrote:

      Oder schwankt der Grad der Autismusausprägung tatsächlich, dass man z. B. früh am Morgen, nach dem Essen, nach einem anstrengenden Tag oder in bestimmten Lebenssituationen schlechter mit vergleichbaren Aufgaben zurecht kommt als in Ruhe und Entspannung?
      Auf jeden Fall, es ist ja z.B. auch erwiesen, dass die kognitiven Fähigkeiten schlechter sind, wenn man zu wenig schläft. Und es gibt ja unzählige andere Dinge, die sich auf die kongitive Leistungsfähigkeit auswirken.
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      Ruhe, Entspannung und wenig Stress sind auf jeden Fall Faktoren, mit denen ich meinen Alltag deutlich besser im Griff habe.
      Je weniger davon vorhanden ist, desto mehr fahren sich die sozialen Fähigkeiten zurück.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
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      Also, ich hab vor ein paar Wochen wieder mit Krafttraining angefangen. Mir ist aufgefallen, dass ich dabei meine Routine-Begierden austoben kann, so dass sie für den Rest des Tages weniger ausgeprägt scheinen.
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      DeepMind wrote:

      In anderen Situationen scheinen mir dieselben Personen aber bestens nach dem Prinzip "Freestyle" zurecht zu kommen. Damit meine ich völlig neue Probleme quasi in Echtzeit lösen, ohne vorher tagelang alles zu durchdenken und negative Empfindungen aufzubauen, sondern wirklich einfach "Hingehen, ansehen, lösen, weiter geht's". (...) Liegt das evtl. daran, dass einem die Lösungen der einen Probleme schwerer und der anderen einfacher fallen? Oder schwankt der Grad der Autismusausprägung tatsächlich, ...
      Hängt davon ab, würde ich sagen. Wenn das Situationen sind, die ich gut kenne, die eh immer (fast) exakt gleich ablaufen, ist das "Freestyle", wenn ich mich "verlieren" (also den Kopf "leer kriegen") will, fahre ich halt mit dem Rad los, irgendwo werde ich schon ankommen. Die Ablaufdiagramme im Kopf sind bei mir stärkter ausgeprägt in Situationen, mit denen ich nicht gut umgehen kann, neue Situationen auch. Sowas habe ich außerdem als "Fallback", wenn ich so erledigt bin, dass ich nicht mehr die Energie habe, "normales" Verhalten vorzuspielen.

      Insofern denke ich, treffen deine Theorien beide (teilweise?) zu: Probleme, die wir einfacher lösen können, fallen uns leichter, schwierigere Probleme weniger - so weit teilen wir das mit nicht-Autisten. Dass solche Verhaltensweisen nach anstrengenden Tagen oder bestimmten Situationen auftreten, tritt, denke ich, auch zu.

      Bisschen ab von der eigentlichen Frage, aber was ich jetzt grade merke:
      Ich bin sehr kurzfristig in die Situation geraten, in sehr kurzer Zeit eine sehr wichtige Entscheidung zu treffen, die auch wirklich Auswirkungen auf mein Leben haben wird [betrifft meine Traumwohnung und einen ziemlichen Haufen Geld]. Viel unwichtigere Entscheidungen durchdenke ich wochen- bis monatelang, bis ich eine Entscheidung treffe - in diesem Fall habe ich das in unter 48 Stunden geschafft, muss jetzt nur noch die Voraussetzungen zur Umsetzung schaffen. Wenn es also wirklich drauf ankommt, scheint es noch einen Fallback vom Fallback zu geben.
      Wie das Land, so die Witze: Platt.
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      seven_of_nine wrote:

      Achso. Ist das dann nicht eine Zwangsstörung?
      Es geht nicht nur ums Zählen, sondern diesen einen Weg im richtigen Muster zu begehen (5/4-Takt). Wenn ich da nicht bzw. nicht auf diese Weise lang gehe, bringt es mich ned um, aber es fehlt was. Wenn ich gesportelt habe, ist es egaler.

      Das ist exzentrisch, noch nicht störend.
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      ... und andersrum ist es so, wenn ich unsicher bin, dass ich mich gern auf Routine-Arbeiten (Spülmaschine, Schrauben sortieren, Fahrtenbuch zusammenschwindeln) zurückziehe. Es beruhigt. Wenn nicht mal das hilft beim Runterkommen, gibt's immer noch Giecks Technische Formelsammlung. Das wiederum ist keine Routine, sondern Kontemplation.
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      Ich kann das schlecht über andere beurteilen. In meinem Fall scheint das aber schon so zu sein das ich selbst bei Dingen die objektiv betrachtet flüssig gelöst werden (von mir) durchaus durchdacht und geplant sind. Man sieht mir das nur nicht an, aber das liegt dann an der Routine, dem Können und Gewohntsein der Tätigkeit, was auch immer das für eine ist, das spielt dabei keine Rolle. Ich glaube das macht viele Autisten auch aus, denn man traut vielen Autisten nicht zu größere Aufgaben oder wichtige Aufgaben in Jobs zu übernehmen, wegen Behinderung oder schwerer/anders Dinge zu verstehen. Das heißt aber nicht das man nicht durch Routine sich aneignen kann bestimmte Aufgaben zu erlernen, solange man die erlernten Abläufe beibehält und nach dem eigenen Plan arbeiten kann und so ans Ziel kommt...
      Ich habe gedankliche Abläufe bei kleinen Dingen des Alltags aber auch bei der Arbeit, beim Saubermachen etc im Kopf, damit ich nicht im Chaos versinke und was vergesse was ich noch machen muss, anders geht es bei mir leider nicht. Ich weiß nicht wie Nichtautisten das machen...behalten die einfach alles, trotz Chaos im Kopf?
      Bei anderen Dingen die bei mir nicht alltäglich sein zB eine Reise, eine Fahrt zum Amt oder einmal im Monat zum Autismustreffen oder sonst was, was ich nunmal nicht jede Woche mache, brauche ich eine Planung, eine die auf diesen speziellen Moment zugeschnitten ist und damit beschäftige ich mich schon eine Woche im vorraus damit ich mich nicht am vorrigen Tag mit dem ganzen herumärgern muss. Das ist weniger stressig für mich.
      Pläne brauche ich aber wohl bei allen Dingen. Das meiste merkt man sich halt im Kopf je öfter man es macht aber ich denke das ist normal.
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      seven_of_nine wrote:

      DeepMind wrote:

      In anderen Situationen scheinen mir dieselben Personen aber bestens nach dem Prinzip "Freestyle" zurecht zu kommen. Damit meine ich völlig neue Probleme quasi in Echtzeit lösen, ohne vorher tagelang alles zu durchdenken und negative Empfindungen aufzubauen, sondern wirklich einfach "Hingehen, ansehen, lösen, weiter geht's".
      Kommt auf die Art der Problemstellung an. Wenn es z.B. an der Arbeit darum geht, herauszufinden, wieso ein bestimmter Bug bei der Software auftritt, dann muss ich nichts planen oder vorbereiten.
      Schwierig wird es bei meinen zahlreichen Defiziten: Zum einen ist mein räumliches Denken extrem schlecht, was mich beim Finden von Wegen, bei handwerklichen Tätigkeiten und allgemein beim Lösen räumlicher Aufgaben massiv einschränkt. Würde da fast schon von einer Behinderung sprechen.Dann scheitere ich bei Tätigkeiten:
      • die Multitasking erfordern bzw. häufige Übergänge zwischen verschiedenen Tätigkeiten (Probleme mit Wechsel der Aufmerksamkeit)
      • wo man spontan Entscheidungen (mit Konsequenzen) treffen muss, inbesondere, ohne alle Parameter zu kennen
      • wo man viele kleine Aufgaben in einer bestimmten Reihenfolge erledigen muss (z.B. mehrere Läden mit verschiedenen Standorten und Öffnungszeiten möglichst effizient abklappern)
      • wo extremer Zeitdruck herrscht
      • wo man viele Kontextinformationen miteinbeziehen muss (ich vergesse z.B. manchmal, dass Läden oder Ärzte zu bestimmten Uhrzeiten gar nicht geöffnet haben, checke nicht, wann Feiertage sind und dass man da vorher einkaufen muss usw.)


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      So, und was natürlich immer gerne vergessen wird - möchte man vielleicht auch nicht unbedingt so sagen, weil Leute dann meinen, man wäre einfach nur faul und unwillig und könnte in Wirklichkeit viel besser funktionieren - natürlich hängt das massiv von der Motivation und dem Interesse ab. Viele (?) Autisten spielen z.B. Computerspiele, in denen man ja - meinem Verständnis nach - durchaus auch neue Probleme in Echtzeit lösen muss.
      Mit Motivation und Interesse kann man sicherlich viele Defizite zeitweise kompensieren, zudem lernt das Gehirn einfach viel schneller.
      Sorry, dass ich dich da jetzt persönlich als Beispiel rauspicke. Aber das von mir zugegebenermaßen verkürzte Zitat von dir finde ich interessant:
      Du kannst also beim Bugfixen
      • häufige Übergänge zwischen "Was sagt der Quelltext hier?", "Was habe ich für Variablen?", "Wie ist der aktuelle Zustand?", "Welchen Zustand erwarte ich als nächstes?", "Welcher Zustand tritt aus welchen Gründen ein?" wechseln
      • triffst (Achtung: Unterstellung), je nach Komplexität des Quelltextes möglicherweise spontane Entscheidungen mit Konsequenzen für die Anwendung, weil du ggfs. nicht alle Parameter kennst bzw. durch deine Anpassungen sogar änderst
      • musst das "Bugfixing" in viele kleine Aufgaben bestimmter Reihenfolge zerlegen (z. B. Debugger öffnen, Quelltext ansehen, Kontext verstehen, Änderungen vornehmen, Testen, etc)
      • musst (Achtung: Annahme) bei produktiven Problemen ggfs. mit Zeitdruck klarkommen
      • und musst viele Kontextinformationen (Kunde, Umgebungen, Eingaben, Systemlandschaft, Schnittstellenabhängigkeiten, etc) mit einbeziehen
      aber scheiterst im Alltag an Aufgaben:
      • die Multitasking erfordern bzw. häufige Übergänge zwischen verschiedenen Tätigkeiten (Probleme mit Wechsel der Aufmerksamkeit)
      • wo man spontan Entscheidungen (mit Konsequenzen) treffen muss, inbesondere, ohne alle Parameter zu kennen
      • wo man viele kleine Aufgaben in einer bestimmten Reihenfolge erledigen muss (z.B. mehrere Läden mit verschiedenen Standorten und Öffnungszeiten möglichst effizient abklappern)
      • wo extremer Zeitdruck herrscht
      • wo man viele Kontextinformationen miteinbeziehen muss (ich vergesse z.B. manchmal, dass Läden oder Ärzte zu bestimmten Uhrzeiten gar nicht geöffnet haben, checke nicht, wann Feiertage sind und dass man da vorher einkaufen muss usw.)

      Das ist das, was mich zur initialen Frage des Topics geführt hat ;)

      Und noch mal ganz dick: Sorry! Ich will dich da in keinem Fall an der Nase rumziehen oder mit meinen Annahmen und Unterstellungen für deine konkreten Bugfixsessions ins Fettnäpfchen treten. Ich weiß ja nicht mal was du genau treibst. Vermutlich sind auch nicht alle meiner Annahmen/Unterstellungen korrekt. Mir ging es nur um das Veranschaulichen meines Gedankens.

      Als könnte man im Flow Dinge erledigen, die einem im privaten Alltag anscheinend schwer fallen, nur weil die Rahmenbedingungen andere sind. Sobald sie einen selbst betreffen (Ärzte raussuchen und Termine ausmachen, Job suchen, Ämtergänge/Unterlagen einholen, etc) scheint es komplizierter zu werden.
      Liegt das daran, dass man sich für die Arbeit mehr oder weniger freiwillig entschieden hat? Dass man dafür einen bestimmten Zeitrahmen vorgegeben hat, den man privat erst mal nicht hätte? Dass die tatsächlichen Aufgaben (in dem Beispiel Fehlerbehebung in Softwareprodukten) einen nur indirekt betreffen und man deshalb anders an die Sache rangeht? Weil die Aufgabenstellung (meist) klar definiert ist? Weil man Routine in seiner Tätigkeit hat?

      Das finde ich ein echt spannendes Themenfeld...

      RegenbogenWusli wrote:

      Ich kann das schlecht über andere beurteilen. In meinem Fall scheint das aber schon so zu sein das ich selbst bei Dingen die objektiv betrachtet flüssig gelöst werden (von mir) durchaus durchdacht und geplant sind. Man sieht mir das nur nicht an, aber das liegt dann an der Routine, dem Können und Gewohntsein der Tätigkeit, was auch immer das für eine ist, das spielt dabei keine Rolle. Ich glaube das macht viele Autisten auch aus, denn man traut vielen Autisten nicht zu größere Aufgaben oder wichtige Aufgaben in Jobs zu übernehmen, wegen Behinderung oder schwerer/anders Dinge zu verstehen. Das heißt aber nicht das man nicht durch Routine sich aneignen kann bestimmte Aufgaben zu erlernen, solange man die erlernten Abläufe beibehält und nach dem eigenen Plan arbeiten kann und so ans Ziel kommt...
      Ich habe gedankliche Abläufe bei kleinen Dingen des Alltags aber auch bei der Arbeit, beim Saubermachen etc im Kopf, damit ich nicht im Chaos versinke und was vergesse was ich noch machen muss, anders geht es bei mir leider nicht. Ich weiß nicht wie Nichtautisten das machen...behalten die einfach alles, trotz Chaos im Kopf?
      Bei anderen Dingen die bei mir nicht alltäglich sein zB eine Reise, eine Fahrt zum Amt oder einmal im Monat zum Autismustreffen oder sonst was, was ich nunmal nicht jede Woche mache, brauche ich eine Planung, eine die auf diesen speziellen Moment zugeschnitten ist und damit beschäftige ich mich schon eine Woche im vorraus damit ich mich nicht am vorrigen Tag mit dem ganzen herumärgern muss. Das ist weniger stressig für mich.
      Pläne brauche ich aber wohl bei allen Dingen. Das meiste merkt man sich halt im Kopf je öfter man es macht aber ich denke das ist normal.
      Das kann ich so komplett nachvollziehen. Grade der Plan für z. B. Reisen ist so eine Sache. Ich verstehe nicht wie Leute "einfach so in den Urlaub fahren". Selbst wenn Ort und Buchung klar sind: Man braucht doch mindestens mal eine Adresse wo man hinfährt, schaut vorher was man so an Aktivitäten machen kann, wo es was zu Futtern gibt und wie man sich dort fortbewegt.
      Ich glaube, dass NTs nicht unbedingt so viele "Pläne" im Kopf haben wie Autisten, sondern dass sie einfach entspannter auf neue Situationen reagieren können. Man fährt also einfach in den Ort, und wenn man seine Unterkunft nicht findet fragt man jemanden. In der Unterkunft liegen sicherlich auch Prospekte mit Aktivitäten aus, an denen man sich orientieren kann. Zum Essen kann man ja einfach mal in den Ort/Innenstadt gehen.
      Auf den Alltag bezogen würde ich sogar sagen, dass NTs das Chaos nicht im Kopf, sondern "in der Realität" haben :D. Während Autisten möglicherweise immer denselben Ablauf haben (Lappen holen, Eimer holen, Putzmittel rein, Wasser rein, im Schlafzimmer anfangen zu putzen, etc) vergessen NTs dann mal das Putzmittel, fangen im "strategisch falschen Raum" an so dass sie selbst über frisch geputzte Bereiche latschen müssen. Wenn man keine Ordnung braucht und mit dem Chaos fertig wird, braucht man vermutlichauch keine Schritt-für-Schritt-Pläne. Ich bin da regelmäßig mit meiner Partnerin aneinander geraten, wenn ich das Henne-Ei-Problem hatte, dass ich erst dusche um danach wie Wäsche zu machen, weil ich nicht erst waschen will wenn ich noch Klamotten für die Wäsche habe. Oder dass ich immer erst am Ende den Müll rausbringen und das Bad putze, und nicht als erstes den halb vollen Müll rausbringe und beim Aufräumen einen neuen Beutel anzufangen sowie das Bad zuerst putze und danach beim Reinigen der restlichen Räume wieder die Hälfte schmutzig mache :D

      Ich spule meistens auch nur Pläne ab. Der Unterschied zu NTs ist wohl, dass die keine "Probleme" bekommen, wenn man sich nicht an den Plan hält. Wer mir meine Routine verbockt der lebt nicht immer nur im Paradies ;)

      Um aber nochmal auf meinen initialen Gedanken des Topics zu kommen, der mir vermutlich nicht so gut geglückt ist: Ich glaube, dass Autisten viele vergleichbare Dinge besser von der Hand gehen als andere vergleichbare, und versuche den Unterschied rauszubekommen. Die meisten Sachen lassen sich auf ein einfaches Ablaufschema runterbrechen.
      Dabei sind manche Vorgänge deterministischer (Es ist wahrscheinlicher, dass der Putzlappen funktioniert, Wasser aus der Wand kommt und das Wohnzimmer noch da ist) als andere (Es ist unwahrscheinlicher, dass man ohne alle Ärzte einer Fachrichtung zu kennen sich sicher sein kann durch Internetrecherche den besten Arzt identifiziert zu haben, dass man beim ersten Anruf erfolgreich ist weil die Leitung nicht blockiert ist [Welcher gute Arzt sollte denn schon wenig zutun haben?], etc). Vielleicht ist es gar nicht mal so die eigene seelische und geistige Verfassung die Ausschlaggebend ist, sondern viel mehr das Vorbewerten von Situationen?
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      Das kommt auch wieder ganz auf den Autisten an. Es gibt ja auch welche die gut telefonieren können und auch sehr geduldig sind, die nicht gleich einknicken weil der erste Versuch fehlschlug. (Ich gehöre nicht dazu aber ich weiß das es die auch gibt) und dann gibt es eben die, die gleich die Kriese bekommen weil ihnen beim Putzen der Eimer versehentlich umfällt und der Raum halb unterwasser steht. Zu denen gehöre ich dann wieder eher, weil ich früher als Kind oft angeschnauzt wurde wenn mir auch nur ein Wasserglas umkippte, das hat wohl ein leichtes Trauma hinterlassen. Mittlerweile weiß ich was ich machen muss, viele Handtücher holen, am besten aus der Schmutzwäsche, aber als Kind stand ich nur verloren da weil ich nur das "Bor wie dumm is man denn?" hörte, als klare anweisungen was ich tun soll. Diese unnötigen überemotionalen Reaktionen haben mich mehr blockiert, und sowas passiert mir auch heute noch wenn Leute so mit mir umgehen, ich bin dann unfähig überhaupt noch logisch und zielorientiert zu handeln, was für viele Autisten wieder normal ist, aber auch hier hängt es vermutlich vom Individuum ab, ob jemand die eine Sache dennoch weiterhin beherscht oder eben nicht. Das denke ich liegt dann aber am individuellen Routinealltag der Person. Jeder hat seine eigenen Routinen und wenn irgendwas passiert, kann der eine seine eigenen Routinen weiterhin anwänden wo ein anderer scheitert weil er diese nicht als gängige Routine in seinem Kopf hat.
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      RegenbogenWusli wrote:

      Diese unnötigen überemotionalen Reaktionen haben mich mehr blockiert, und sowas passiert mir auch heute noch wenn Leute so mit mir umgehen, ich bin dann unfähig überhaupt noch logisch und zielorientiert zu handeln...
      Volltreffer. Dieser Satz sprang mich mitten aus deinem Post heraus an. Ich verstehe generell nicht (das Beispiel mit dem verlebberten Wasser), wie man sich überhaupt über solche leicht behebbaren Schäden aufregen kann. Als Kind war ich durch solche Erfahrungen bereits so verbogen, dass ich mal auswärts schockstarr gefror, als ich (wie so oft) mein Wasser umgeleert hatte. Ein fremder Erwachsener sprach die Erlösungsformel: "Ach, das bisschen Wasser..."

      Bezeichnend ist, wie Leute mit sich selbst umgehen, wenn ihnen ein Missgeschick vergleichbarer Schwere widerfährt: "Ich Depp" - "Ich Idiot" etc. Wer so zu sich selbst spricht (oder denkt), dem entfleucht's genauso gegen andere.
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      Erstmal: wir sind alle Menschen und Menschen haben Stärken und Schwächen, gute und schlechte Tage. NT sind genauso "mal so mal anders" wie das viele von uns auch kennen, nur vielleicht in anderen Bereichen.

      Ich fühle mich sicher, in dem was ich kann und unsicher, in dem, was ich nicht kann.
      An schlechten Tagen kriege ich das, was ich nicht kann, gar nicht hin und manchmal auch das nicht, was ich gut kann. An guten Tagen läuft alles einigermaßen zufriedenstellend und ich staune oft, dass ich plötzlich keine großen Schwierigkeiten habe, z.B. zu telefonieren.

      Wenn ich etwas, das mir normalerweise schwer fällt, aus irgend einem Grund oft tun muss, wird es leichter. Auch das ist nicht typisch autistisch, sondern normal. Das nennt man lernen :d und lernen passiert durch wiederholen. Also wenn etwas schwer fällt, ist die Strategie ganz gut, es in die Routinen aufzunehmen.

      Mein Erfolg hält allerdings dann nur so lange an, bis ich die Fähigkeiten eben nicht mehr brauche. Dann bin ich beim nächsten Mal quasi wieder auf Null. Manche Lernerfahrung schreibt sich nicht rein in meinen Langzeitlernspeicher. Sie legt keine neuronalen Bahnen an. Das allerdings lese ich oft bei Autisten.

      Ich glaube, bei mir ist der Punkt, an dem ich in bestimmten Bereichen nicht mehr so recht funktioniere, einfach wesentlich schneller erreicht, als bei nicht Autisten . Außerdem können meine Kompetenzen, meinen Autismus zu maskieren, stündlich wechseln.

      Und: ich "verkacke" dann in Bereichen, die für nicht Autisten auch in den schwierigsten Momenten kein großes Problem darstellen.


      PS: Ich glaube, diese Momente, in denen wir uns ganz "normal" fühlen, sind die, in denen einige an ihrer Diagnose zweifeln.

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      DeepMind wrote:

      häufige Übergänge zwischen "Was sagt der Quelltext hier?", "Was habe ich für Variablen?", "Wie ist der aktuelle Zustand?", "Welchen Zustand erwarte ich als nächstes?", "Welcher Zustand tritt aus welchen Gründen ein?" wechseln
      Ja, das ist ein Punkt, den ich auch noch nicht richtig verstehe. Wann nimmt mein Gehirn etwas als eine Aufgabe wahr und wann nicht? Am Computer ein bestimmtes Problem zu lösen nehme ich als eine Aufgabe wahr.

      Beim Aufräumen ist das z.B. etwas anderes, das sind extrem viele unterschiedliche Aufgaben für mich, manchmal gefühlt 50 einzelne Subtasks oder so. Das macht das Aufräumen dann extrem anstrengend für mich.

      DeepMind wrote:

      triffst (Achtung: Unterstellung), je nach Komplexität des Quelltextes möglicherweise spontane Entscheidungen mit Konsequenzen für die Anwendung, weil du ggfs. nicht alle Parameter kennst bzw. durch deine Anpassungen sogar änderst
      Normalerweise ist alles, was ich mache, reversibel. Anders ist es im Alltag, wo ich z.B. permament Angst habe, Geld zu verlieren, zu viel Geld auszugeben, nicht genug Geld zurückgefordert zu haben usw. Oder man verpasst eine Frist und hat dann unglaublich viel Ärger und Aufwand. Oder man trifft eine falsche Kaufentscheidung und muss das Teil dann wieder zurücksenden oder zu Geld machen oder sowas.

      DeepMind wrote:

      musst das "Bugfixing" in viele kleine Aufgaben bestimmter Reihenfolge zerlegen (z. B. Debugger öffnen, Quelltext ansehen, Kontext verstehen, Änderungen vornehmen, Testen, etc)
      Abläufe am PC fand ich schon immer absolut intuitiv. Ich habe mir nie bewusst irgendwelche Abläufe gemerkt (und auch selten bewusst welche angeeignet) und fand es immer merkwürdig, wenn sich Leute genau auf einen Zettel geschrieben haben, wo sie z.B. hinklicken müssen. Ich fand das immer selbsterklärend, habe sogar Leuten am Telefon bei Programmen helfen können, die ich nie gesehen hatte, und das, wo meine visuelle Vorstellung auch noch extrem schlecht ist (ich konnte immer gut raten, welche Buttons dieses Programm wohl hat und wie der Workflow sein könnte).
      Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich hatte schon als Kind den Ruf, gut mit Computern umgehen zu können, obwohl ich im Grunde extrem wenig Ahnung hatte.

      Wenn es um Abläufe im Alltag geht, bin ich hingegen eine Katastrophe.

      DeepMind wrote:

      musst (Achtung: Annahme) bei produktiven Problemen ggfs. mit Zeitdruck klarkommen
      Komme ich nicht so gut, muss ich kaum.

      DeepMind wrote:

      und musst viele Kontextinformationen (Kunde, Umgebungen, Eingaben, Systemlandschaft, Schnittstellenabhängigkeiten, etc) mit einbeziehen
      Ja, die Informationen sind irgendwie alle da, das gehört alles zusammen für mich. Natürlich übersehe ich auch mal Dinge und schieße mich auf eine falsche Lösung ein, aber irgendwie ist das alles eine Aufgabe und ein System für mich. Die Verbindungen sind in meinem Kopf da.

      Warum das im Alltag nicht funktioniert, weiß ich nicht. Ich habe mit meinem Freund eine Woche für unseren Urlaub gesucht und ich habe mehrfach geschaut, dass da in zwei Ländern keine Schulferien sind, habe geschaut, dass da nicht das eine Konzert ist, wo wir hinfahren. Eben sieht mein Freund eine Hochzeitseinladung an der Wand hängen und meint: Hey, wir sind ja einen Tag vor Abreise auf der Hochzeit?

      Ich hatte den Termin für die Hochzeit in den Kalender eingetragen, ich verstehe einfach nicht, wie mir das entgehen konnte?


      ---

      Vielleicht ist es ja auch ganz anders: Auch bei Aufgaben am PC übersehe ich sicher eine Menge. Nur ist das da normal, dass man nicht alles im Kopf hat, dass man nicht auf alles kommt (außer, man ist ein Genie :d ), v.a., wenn man noch nicht so lange in dem Bereich arbeitet. Wenn ich jetzt eine halbe Stunde nicht drauf komme, mir Logfile xy anzuschauen, denkt sich niemand was dabei.


      Aber dass man nicht checkt, dass zwei Termine an einem Tag sind, dass man versucht, am Sonntag einkaufen zu gehen, das sind Dinge, die Leute sehr wunderlich finden. Für die meisten Leute sind solche Dinge absolut selbstverständlich und sie machen solche Fehler extrem selten.

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      DeepMind wrote:

      Oder schwankt der Grad der Autismusausprägung tatsächlich, dass man z. B. früh am Morgen, nach dem Essen, nach einem anstrengenden Tag oder in bestimmten Lebenssituationen schlechter mit vergleichbaren Aufgaben zurecht kommt als in Ruhe und Entspannung?
      ja, ist bei mir so

      Garfield wrote:

      Ruhe, Entspannung und wenig Stress sind auf jeden Fall Faktoren, mit denen ich meinen Alltag deutlich besser im Griff habe.
      Je weniger davon vorhanden ist, desto mehr fahren sich die sozialen Fähigkeiten zurück.
      genau so!