Sich selbst verloren gehen

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    • Sich selbst verloren gehen

      Gestern hat meine Ergotherapeutin einen interessanten Satz zu mir gesagt: Sie hätte das Gefühl, ich würde mir manchmal selbst verloren gehen. Irgendwie denke ich, hat sie recht mit dieser Analogie. Manchmal komme ich mir vor, als würde ich mich selbst verlieren. Ich finde in solchen Situationen einfach keinen Zugang mehr zu mir, weder zu meinen Gefühlen noch Gedanken. Ich empfinde keine Freude oder Glück mehr, sondern komme mir vor, wie ein gefühlloser Roboter, der nur irgendwie funktioniert, sämtliche Reize und Input sammelt, sie aber nicht mehr verarbeiten kann. Andere Menschen können mich erst recht nicht erreichen, bin wortkarg, gebe nur einsilbige Antworten oder kann überhaupt nicht auf eine Frage antworten. Ziehe mich völlig zurück, manchmal habe ich auch das Gefühl, gleich zu explodieren, da mir alles zu viel wird. In meinem Kopf herrscht reinstes Chaos, kann keinen klaren Gedanken fassen und bin, selbst mit einfachsten Anforderungen total überfordert. Zudem leide ich in solchen Situationen an extremster Reizüberflutung. Vor allem Geräusche sind noch lauter, als ohnehin schon. Beim leisesten Geräusch zucke ich schon zusammen, manchmal triggert es mich sogar so sehr, dass ich den ganzen Tag, wie unter Schock stehe und das Geräusch in mir ewig nachhallt. Habe Angst vor jedem neuem Geräusch oder unerwarteten Situationen, die mich tiefer in meine Isolation hineinführen. Fühle mich sprichwörtlich wie ein rohes Ei, dass jederzeit zerspringen kann. Diese Anspannung und Angst ist kaum auszuhalten. Es gibt nichts, womit ich mich ablenken könnte, nichts bereitet mir mehr Spaß, mein ICH existiert kaum noch, als wäre es so tief in mir vergraben, dass ich einfach nicht mehr an es ran komme. Kennt ihr dieses Gefühl ? Wie geht ihr damit um ?
    • Diesen Zustand kenne ich und erreiche diesen abends nach sehr stressigen Tagen, oder er wird durch etwas einschneidendes am Tag hervor gerufen.

      Soweit ich weiß nennt man so etwas "Shutdown"? Bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege.
      Dein Betriebssystem stürzt ab (RW) und nichts funktioniert gerade mehr.

      Gibt es eventuell besondere Situationen bevor du in diesen Zustand kommst?

      Emsherr :idea:
    • @midnight Ja, kenne ich auch, das war Alltag nach jedem Arbeitstag und passierte dann irgendwann auch an der Arbeitsstelle. Zu der Zeit gab es den AS-Verdacht noch nicht. Ich wurde mit Erschöpfungsdepression krank geschrieben. Wie gehe ich damit um? Ich werde nicht mehr an meinen Arbeitsplatz zurückkehren. In meinem Privatleben vermeide ich derartige Überreizungssituationen nach Möglichkeit. Ich lebe sehr zurückgezogen.
      Es darf genau so sein.
    • midnight wrote:

      Kennt ihr dieses Gefühl ? Wie geht ihr damit um ?
      Ja, ich kenne das auch.

      Aufgrund solcher "Zustände" habe ich in der Vergangeheit (vor dem Verdacht /Diagnose AS)schon eine Arbeitsstelle und einen Hospitationsplatz dauerhaft verlassen da gar nichts mehr ging.

      Heute lebe ich wesentlich zurückgezogener, aber wenn es mal dazu kommt hilft dann auch Rückzug und abwarten, bis es wieder besser wird.
      Wenn wir den Kirschbaum spalten, finden wir dort keine Blüte.
      Es ist der Frühling, der die Blüten hervorbringt.

      Ama Samy
    • EmsHerr wrote:

      Diesen Zustand kenne ich und erreiche diesen abends nach sehr stressigen Tagen, oder er wird durch etwas einschneidendes am Tag hervor gerufen.

      Soweit ich weiß nennt man so etwas "Shutdown"? Bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege.
      Dein Betriebssystem stürzt ab (RW) und nichts funktioniert gerade mehr.

      Gibt es eventuell besondere Situationen bevor du in diesen Zustand kommst?

      Emsherr :idea:
      Ja, nach einem stressigen Tag, schlafloser Nacht, lauten Geräuschen die mich triggern, Gefühle, die ich nicht zuordnen kann usw.
      Der Vergleich mit einem abstürzendem Betriebssystem trifft es ganz gut.
      Bisher konnte kein Arzt oder Therapeut etwas damit anfangen, meist hieß es nur Panikattacke und versuchen sie es mit Entspannungsübungen (was mir allerdings überhaupt nicht hilft). Oft hält so ein Zustand mehrere Stunden bis 1 oder 2 Tage an.
    • Entweder du kümmerst dich darum, dass du diesen Zustand nicht erreichst, oder du stehst ihn durch.


      Stimming ist dir ein Begriff?

      Ich persönlich kann mich mit meinem Tastsinn und Gehör durch einen Fidget Cube stimulieren und dadurch den Stress, welcher mein Betriebssystem belastet, abbauen.

      Dadurch wurde ich in meiner Kindheit jedoch oft mit ADHS diagnostiziert. Was definitiv nicht vor liegt... Jedoch passt das nicht zum Thema.

      Emsherr :idea:
    • @midnight
      Damit bist du hier nicht alleine, kenne ich auch sehr gut.

      Ich arbeite auch schon länger an versuchen, wie ich das verhindern kann. Von Übungen, Ablenkungen und co habe ich schon einiges probiert. Bis jetzt hat es am meisten gebracht, triggernde Situationen einzuschränken und sich darauf zu sensibilisieren, wann es genug ist.
      Grüße aus der Pegasus Galaxie. :)
    • Das kenne ich sehr gut. Ich führe es darauf zurück, dass ich an Tagen mit vielen Interaktionen, egal welcher Art, zu sehr im Masking bin. Masking entfernt mich von mir selbst, es ist aber notwendig, um bestimmte Situationen in dieser Welt zu bewältigen. Masking bedeutet ja, mein autistisches Selbst ein Stück weit zu verleugnen und in eine Rolle zu schlüpfen. Das ist extrem anstrengend, was ich vor allem merke, wenn ich dann wieder zu Hause bin und total überfordert bin sogar mit eigentlich vertrauten Handlungen- und mit mir selbst. Es dauert dann mindestens eine Nacht, bis ich alles soweit verarbeitet habe, dass ich mich "wiedergefunden" habe. Als ich noch im Job war, war ich ständig meilenweit von mir selbst weg, weil ich ständig in Rollen war und nicht genug Zeit hatte, zu erholen. Jetzt geht es besser. Die Lösung ist also: genug ME-TIME.
    • Ani wrote:

      Das kenne ich sehr gut. Ich führe es darauf zurück, dass ich an Tagen mit vielen Interaktionen, egal welcher Art, zu sehr im Masking bin. Masking entfernt mich von mir selbst, es ist aber notwendig, um bestimmte Situationen in dieser Welt zu bewältigen. Masking bedeutet ja, mein autistisches Selbst ein Stück weit zu verleugnen und in eine Rolle zu schlüpfen. Das ist extrem anstrengend, was ich vor allem merke, wenn ich dann wieder zu Hause bin und total überfordert bin sogar mit eigentlich vertrauten Handlungen- und mit mir selbst.
      @midnight Ani hat das genau so beschrieben wie es bei mir auch ist. Bei mir hält der Zustand zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden an. Die Erschöpfung, die darauf folgt, kann mehrere Tage anhalten.

      midnight wrote:

      Kennt ihr dieses Gefühl ? Wie geht ihr damit um ?
      @midnight

      Ich arbeite daran Überlastung frühzeitiger zu erkennen, was aber schwierig ist, weil die Reaktion darauf bei mir zeitverzögert eintritt.
      Leider neige ich in schlimmen Fällen zu autoaggressivem Verhalten... x(

      In der Situation hilft mir je nach Intensität:

      - Rückzug
      - Draußen sein mit meinem Hund
      - Mit dem Hund kuscheln
      - Bewusstes Atmen
      - Mantren sprechen
    • midnight wrote:

      Zudem leide ich in solchen Situationen an extremster Reizüberflutung.
      Bei mir ist es so, dass extreme Reizüberflutung zu solchen Situationen / Zuständen führt.

      Wenn ich z.B. einen Arzttermin in der Innenstadt habe (Anfahrt, Parkplatzsuche, laufen durch volle Fußgängerzone, lange Wartezeit beim Arzt und dann durchs Chaos nach Hause), bin ich völlig erledigt, wenn ich wieder zu Hause bin. Das ist aber keine (bzw. nicht nur) körperliche Erschöpfung, ich bin einfach leer und nicht einmal zu einfachsten Dingen in der Lage.

      Ich verziehe mich aufs Sofa oder sogar ins Bett und mache oft noch ein Hörbuch an*. Meist merken die Miezen, dass es mir nicht gut geht und kommen, um mich zu beschmusen und in den Schlaf zu schnurren. Wenn ich nach ein paar Stunden wieder wach werde, geht es mir sehr viel besser.

      Andere Möglichkeiten funktionieren leider nicht. Ich muss wirklich in eine 'Höhle' und mich einkuscheln.


      *Für solche Situationen habe ein paar 'Hypnose' Dinger, die meinem Unterbewusstsein einflüstern sollen, dass ich keine Süßigkeiten mag oder anderen Abnehmkram. Ich höre die nur, weil die Stimmen angenehm sind und ich dabei schnell einschlafe. Eine Wirkung aufs Gewicht habe ich leider nicht feststellen können.
      ~ What the fuck is real life and where can I download it? ~
    • Leseratte wrote:

      Wenn ich z.B. einen Arzttermin in der Innenstadt habe (Anfahrt, Parkplatzsuche, laufen durch volle Fußgängerzone, lange Wartezeit beim Arzt und dann durchs Chaos nach Hause), bin ich völlig erledigt, wenn ich wieder zu Hause bin. Das ist aber keine (bzw. nicht nur) körperliche Erschöpfung, ich bin einfach leer und nicht einmal zu einfachsten Dingen in der Lage.
      Ich verziehe mich aufs Sofa oder sogar ins Bett und mache oft noch ein Hörbuch an*. Meist merken die Miezen, dass es mir nicht gut geht und kommen, um mich zu beschmusen und in den Schlaf zu schnurren. Wenn ich nach ein paar Stunden wieder wach werde, geht es mir sehr viel besser.

      Andere Möglichkeiten funktionieren leider nicht. Ich muss wirklich in eine 'Höhle' und mich einkuscheln.


      *Für solche Situationen habe ein paar 'Hypnose' Dinger, die meinem Unterbewusstsein einflüstern sollen, dass ich keine Süßigkeiten mag oder anderen Abnehmkram. Ich höre die nur, weil die Stimmen angenehm sind und ich dabei schnell einschlafe. Eine Wirkung aufs Gewicht habe ich leider nicht feststellen können.
      Mir geht's schon jeden Tag nach der Arbeit so. Ab in die Höhle, sprich: Zimmer etwas abdunkeln (hab helle Vorhänge, also ist es immer noch hell genug, aber angenehmer, als wenn die Sonne reinscheint, falls sie scheint - und ich möchte dann auch nichts mehr außerhalb des Fensters sehen), auf dem Bett verkriechen und erstmal wieder zu mir kommen. Wenn ich nach der Arbeit noch einen Arzttermin hatte, ist es besonders schlimm. Da würde ich mich am liebsten K.O. schlagen lassen, damit ich nichts mehr mitkriege.

      Bei mir funktoniert das Hören von Hypnosen auch sehr gut zum Entspannen. Ich höre z.B. die Schlaf-Hypnose von Paul McKenna gern. Ich schlafe dabei IMMER ein, aber es ist so ein anderer Schlafzustand - ich merke, dass ich am Ende aufwache, also muss ich geschlafen haben, aber ich fühl mich viel besser, als wenn ich normalerweise aufwache - ganz klar und entspannt und erholt. Nur leider höre ich oft gerade, wenn ich es SEHR dringend bräuchte, KEINE solche Hypnose an. Ich denke dann: du solltest jetzt eine Hypnose hören. Aber ich TUE es einfach nicht. Ich kriege mich nicht dazu, die nötigen Schritte auszuführen.
    • Hab jetzt auch angefangen vor dem Schlafen gehen eine Schlaf Hypnose anzuhören, da ich auch unter schlimmen Einschlafstörungen leide. Finde diese hier von der Stimme her sehr angenehm youtube.com/watch?v=8JYBExTL1fw .Bisher wirkt es nur bedingt, aber es beruhigt. Wenn ich mich jedoch total verloren habe, hilft noch nicht mal das. Es ist, als könne mein Gehirn einfach keine neuen Eindrücke mehr verarbeiten. Ziehe mich dann auch immer vollkommen zurück, verkrieche mich den ganzen Tag im Bett, alles muss dunkel und ruhig sein.
    • Leseratte wrote:

      midnight wrote:

      Zudem leide ich in solchen Situationen an extremster Reizüberflutung.
      Bei mir ist es so, dass extreme Reizüberflutung zu solchen Situationen / Zuständen führt.
      Wenn ich z.B. einen Arzttermin in der Innenstadt habe (Anfahrt, Parkplatzsuche, laufen durch volle Fußgängerzone, lange Wartezeit beim Arzt und dann durchs Chaos nach Hause), bin ich völlig erledigt, wenn ich wieder zu Hause bin. Das ist aber keine (bzw. nicht nur) körperliche Erschöpfung, ich bin einfach leer und nicht einmal zu einfachsten Dingen in der Lage.

      Ich verziehe mich aufs Sofa oder sogar ins Bett und mache oft noch ein Hörbuch an*. Meist merken die Miezen, dass es mir nicht gut geht und kommen, um mich zu beschmusen und in den Schlaf zu schnurren. Wenn ich nach ein paar Stunden wieder wach werde, geht es mir sehr viel besser.
      So geht es mir auch und ich warte noch auf meinen Diagnosetermin.
    • Bei mir ist das auch so, dass ich nach großer Reizüberflutung und/oder wenn ich längere Zeit in einer Menschenmasse war, mich auch in mich zurückziehe. Ich brauch dann bis zu mehrere Stunden Ruhe, fühle mich wie ruhig gestellt (funktioniere langsamer als normalerweise) und hab das Gefühl, nicht mehr sprechen zu können. Früher hab ich da wirklich gar nicht mehr gesprochen, jetzt hab ich zwar immer noch das Gefühl in diesen Situationen, als ob ich nicht in der Lage wäre, zu reden, aber dann kommen hier und da doch Antworten aus meinem Mund, wenn ich angesprochen werde, allerdings auch nur einsilbige, wie du sagst. Teilweise versuche ich dann, ohne Worte zu kommunizieren, also mit Blicken und Gesten.
      Ich denke mal auch, dass das dieser "shutdown" ist.
    • Lefty wrote:

      (funktioniere langsamer als normalerweise)
      ja. Wie ich jetzt. Das Wochenende war eigentlich gut und schön und seit gestern bin ich balla und viel müde und tue sehr wenig.
      Und fühlt sich kriselig an.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”


      (Sylvia Boorstein)