Buchempfehlung - Autisten fühlen mehr als wir - Henry Markram

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    • Danke für den Link! Ich fand das Interview sehr interessant, zumal ich ja selbst mit dem Problem, ein seit früher Kindheit "eingebranntes" Trauma "überschreiben" zu wollen, zu kämpfen habe.
      "In das Popcorn, das Sie gerade essen, hat wer reingepisst!" (Kentucky Fried Movie)


      "Sind Sie Polizisten?" "Nein, Ma'am. Wir sind Musiker!" (The Blues Brothers)
    • Wenn ich in einen gelben Tisch stolpere, dann sag’ ich mir selbst, dass ich nicht aufgepasst habe, entspanne mich wieder und weiß, dass gelbe Tische nicht per se schlecht sind. Wenn Kai in einen gelben Tisch stolpert, dann vergisst er das nie und hat immer Angst vor einem gelben Tisch, und dann stolpert er in etwas anderes, wovor er dann auch immer Angst hat. Irgendwann ist ein autistischer Mensch wie in einem Käfig zwischen all diesen Dingen und Situationen, die Angst vor Schmerzen verursachen. Dann ist die Welt sehr bedrohlich.

      Wow 8o Das trifft eins zu eins auf mich zu. GENAU DAS. Habe das noch nie so beschrieben gefunden.

      Wobei...

      Kai Markram übrigens ist heute so ein Superheld des Alltags. Er ist 25, lebt bei seiner Mutter in Tel Aviv und arbeitet an einem Gericht im Sicherheitsdienst. Es ist im Moment nur ein Job, der ihm guttut und in dem er erfolgreich ist. Welchen Beruf er lernen will, weiß er noch nicht. Musiker oder Koch sind Optionen. Er macht viel Musik, spielt Bowling in der Südisraelischen Liga und gewann Medaillen bei den Special Olympics. Mit dem Geld, das er im Sicherheitsdienst verdient, will er eine Weltreise machen. Er traut es sich.
      Na, dann scheint es bei ihm wohl doch nicht ansatzweise so schlimm zu sein. Ich könnte weder im Sicherheitsdienst arbeiten, noch eine Weltreise machen, noch bei einem Wettbewerb egal welcher Art teilnehmen. Naja.
    • Ihr Gehirn ist unfähig, eine negative Erfahrung einzuordnen und durch eine positive Erfahrung oder auch nur das Ausbleiben einer Wiederholung zu überschreiben.
      Heißt das, bei mir es nie besser, wenn ich das nicht kann? Wird mein Leben immer beschissener, weil sich negative Erfahrungen summieren? Kann ich immer weniger Dinge tun?

      Hilfe!

      8o :cry:
    • seven_of_nine wrote:

      Ihr Gehirn ist unfähig, eine negative Erfahrung einzuordnen und durch eine positive Erfahrung oder auch nur das Ausbleiben einer Wiederholung zu überschreiben.
      Heißt das, bei mir es nie besser, wenn ich das nicht kann? Wird mein Leben immer beschissener, weil sich negative Erfahrungen summieren? Kann ich immer weniger Dinge tun?
      Hilfe!

      8o :cry:
      Nein, so fatalistisch würde ich das nicht sehen.

      Ich glaube eher, dass gute Erfahrungen sich wiederholen müssen, damit man Vertrauen in die Zuverlässigkeit dieses Effekts fassen kann.
      LG Heavyload

      Es gibt zwei Arten von Menschen:
      Die einen kennen mich...
      Die anderen können mich...
    • Heavyload wrote:

      Nein, so fatalistisch würde ich das nicht sehen.
      Ich glaube eher, dass gute Erfahrungen sich wiederholen müssen, damit man Vertrauen in die Zuverlässigkeit dieses Effekts fassen kann.
      Ja, das würde erklären, warum es mehr als 10 Jahre gedauert hat, bis ich sehr langsam anfing, Vertrauen in meine Beziehung zu fassen... :m(:
      Es darf genau so sein.
    • Ich lese es gerade.
      Darauf gestoßen (RW) bin ich letzte Woche durch einen Artikel in einer Zeitschrift im Wartezimmer. Die Passage als die Stiefmutter mit Kai am Bahnhof steht und er die weiße Linie übertritt- ich musste so lachen. Ja, das ist auch mein kleiner Miniterrorist. Entgegen aller gängigen Meinungen kann er sehr wohl so lange ganz bewusst "pisakken"- er will mich testen und meine Reaktion.
      Er hat sich vor kurzem Beschwert, dass ich so ruhig bleibe...
    • @Heavyload

      Danke für diesen Hinweis. Eventuell werde ich mir das Buch dazu holen. In dem Artikel fand ich interessant


      Autisten fühlen viel mehr wrote:

      Aber was ist das dann für ein Prozess? Da ist ein Kind, das gar nicht genug Input von der Außenwelt kriegen kann – gleichzeitig wird es immer sonderbarer, schreit und tobt, hält sich im Kino die Ohren zu und ist gelähmt vor Angst. Entwickelt sich Autismus erst im Laufe der Zeit?



      Es ist ein Prozess, den wir als Hirnforscher erst verstanden haben, weil Kai uns gelehrt hat, andere Fragen als bisher zu stellen und an anderen Stellen im Gehirn nach Antworten zu suchen. Dieser Prozess beginnt mit einer enormen Aufnahmefähigkeit des autistischen Gehirns – und endet in Schmerzen und Qual wegen dieser Intensität.
      Genau das erlebe ich bei mir ähnlich. Mittlerweile mache ich ja Neurofeedback. Auch da ist anhand bestimmter Ableitungen im EEG erkennbar, dass mein Hirn in enormem Ausmaß Informationen verarbeitet und deswegen in viel höherem Ausmaß als die Vergleichsgruppe (3- 4 Standardabweichungen, so erklärte es mir die Therapeutin) stärker in diesen Arealen arbeitet. Und ja, ich kann diesen Satz unterschreiben: Für mich ist die Intensität meines Denkens und Erlebens zuweilen auch eine Qual und manchmal gleicht es körperlichen Schmerzen.


      Autisten fühlen viel mehr wrote:

      Autisten empfinden nicht weniger, sondern viel mehr als andere. Die neuronalen Mikroschaltungen in ihrem Gehirn sind ständig überladen. Die Hirnareale, die für Wahrnehmung, Gedächtnis und Emotionen zuständig sind, sind hyperaktiv. Autisten leben in einer Welt, die über alle Maßen laut und grell und so intensiv ist, dass es wehtut. Und Angst macht.
      Schön, dass das endlich mal jemand erkennt. :yawn:


      Autisten fühlen viel mehr wrote:

      Die Ironie ist doch: Die meisten Leute sehen in Autisten bis heute einen Mangel an Mitgefühl. Aber uns „Normalen“ fehlt die Empathie, um den Schmerz zu verstehen, dem Autisten ausgesetzt sind. Das habe ich erst durch die Intense World Theory erkannt, und es hat uns alle in der Familie ein bisschen mehr Nachdenklichkeit gelehrt. Ich glaube, dass wir uns wegen Kai bewusster sind, wie gering unser Verständnis für die Gefühle anderer Menschen ist.
      :nod:

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().

    • seven_of_nine wrote:

      Ihr Gehirn ist unfähig, eine negative Erfahrung einzuordnen und durch eine positive Erfahrung oder auch nur das Ausbleiben einer Wiederholung zu überschreiben.
      Heißt das, bei mir es nie besser, wenn ich das nicht kann? Wird mein Leben immer beschissener, weil sich negative Erfahrungen summieren? Kann ich immer weniger Dinge tun?
      Hilfe!

      8o :cry:
      Ich habe für mich selbst herausgefunden, dass ich es aktiver machen muss als andere. Dafür sind diese negativen Erfahrungen aber auch wesentlich komplexer. Bei mir ist es eben nicht "gelbe Tische sind böse", sondern "gelbe Tische mit dieser Beschichtung in diesem Licht in der Größe an so einem Ort sind derart böse, dass ich sofort mehrere Km Sicherheitsabstand haben muss". Dadurch bin ich seltener eingeschränkt beim Anblick eines gelben Tisches, aber wenn -> dann extrem. Und da hilft es nicht, wenn ich mich nicht an einem gelben Tisch stoße, sondern nur wenn ich mich nicht an einem gelben Tisch mit dieser Beschichtung in diesem Licht in der Größe an so einem Ort stoße.



      Kai fordert uns heraus, mental an Orte zu gehen, an die wir sonst nie gegangen wären, die uns wesensfremd sind. Ich bin eher schüchtern und wandere nicht einfach los, um mit Fremden zu reden. Wenn Kai dabei ist, muss ich es tun.
      Ich denke, das ist tatsächlich etwas, was meinen Charm aus macht für viele. Ich bin so stur bei meinen Regeln teilweise, dass Menschen sie nicht verstehen können und trotzdem fordere ich sie ein, ohne dass es für andere negativ wäre. Andere lassen sich einfach darauf ein, mal ein paar Meter mit mir so zu laufen, wie ich es tue. Auch, weil ich sie teilweise einfach an die Hand nehme und sage "aber das muss jetzt so gemacht werden". :)



      Autisten empfinden nicht weniger, sondern viel mehr als andere. Die neuronalen Mikroschaltungen in ihrem Gehirnsind ständig überladen. Die Hirnareale, die für Wahrnehmung, Gedächtnis und Emotionen zuständig sind, sind hyperaktiv.
      Ich habe mal versucht, das so zu erklären: Wenn mir jemand sagt, dass er traurig ist, weil sein Hund gestorben ist, dann verstehe ich seine Gefühle nicht. Für mich ist "traurig" kein wirkliches Gefühl. Es gibt hunderte auf kleinste Weise verschiedene Gefühle, die unter den Überbegriff "traurig" fallen. Dafür gibt es allerdings keine Namen. Ich käme aber nicht auf die Idee, irgendeines dieser Gefühle auf den anderen zu projizieren und zu sagen, dass ich weiß, wie er sich fühlt. Gleichzeitig können Gefühle verschiedener Kategorien auch überlappen und man kann berührt, traurig und froh zugleich sein - auf verschiedenste Weisen. Wie soll ich denn da verstehen, was ein anderer fühlt? Und wie soll ich da angemessen reagieren? Ein "oh, das tut mir aber leid" käme mir sehr heuchlerisch vor, wenn ich doch nicht verstehe, wie der andere fühlt.
      Und zusätzlich überlasten mich meine eigenen Gefühle auch teilweise und dann geht noch weniger.


      Dazu gab es ja mal einen Versuch.
      Autisten wurden Bilder von Menschen gezeigt, die zB vor einem brennendem Haus standen und sie sollten sagen, was die Menschen fühlten. Das konnten viele Autisten nicht. Ich müsste auch raten. Dann wurden die selben Bilder genutzt und die Autisten sollten sagen, was sie selbst fühlen beim Anblick - es war meist das, was die Menschen auf den Bildern laut den Testern fühlten. Nur die Autisten sehen da keinen Zusammenhang oder keinen Anlass, die Gefühle anderer zu erraten.

      The post was edited 1 time, last by Louveteau ().

    • Louveteau wrote:


      Dazu gab es ja mal einen Versuch.
      Autisten wurden Bilder von Menschen gezeigt, die zB vor einem brennendem Haus standen und sie sollten sagen, was die Menschen fühlten. Das konnten viele Autisten nicht. Ich müsste auch raten. Dann wurden die selben Bilder genutzt und die Autisten sollten sagen, was sie selbst fühlen beim Anblick - es war meist das, was die Menschen auf den Bildern laut den Testern fühlten. Nur die Autisten sehen da keinen Zusammenhang oder keinen Anlass, die Gefühle anderer zu erraten.
      Das finde ich interessant.
      Ich meine, dass mir das mal im klinischen Kontext begegnet ist, wo von mir erwartet wurde, mich in andere hineinzuversetzen (ich bekam solche gezeichneten Bildergeschichten) und sollte dann sagen, was die Person wohl gerade fühlt. Ich bin bei dieser Übung unglaublich aggressiv geworden, weil ich immer meinte, dass ich nicht weiß, was die Personen fühlen, sie könnten X-verschiedene Dinge fühlen. Mich hatte die Aufgabenstellung total überfordert.
      Irgendwann wurde ich dann gefragt, was ICH denn in der Situation fühlen würde und als ich das dann sagte, hieß es so auf die Art, dass ich das (die Aufgabe) ja doch könne. :roll: x(

      Aber ich sehe es auch so, dass ich mir nicht anmaßen kann (wenn ich gezielt danach gefragt werde), zu wissen, was andere Leute denken. Man könnte das vielleicht mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit sagen, mehr aber auch nicht. Wahrscheinlich nehmen Aspies so eine Aufgabe auch wieder zu wörtlich oder verstehen nicht wirklich, dass die Testleiter eigentlich wissen wollen, was sie selbst in so einer Situation fühlen würden (denn genau das ist wohl das, was die Menschen anderen immer unterstellen, auch zu denken. Mit Einfühlungsvermögen hat das meiner Meinung nach gar nicht so viel zu tun. Es ist nur ein Übertragen von dem, was man vermutlich selbst fühlen würde, auf andere, und das ganze wird dann fälschlicherweise Empathie genannt). :sarcasm:

      Ob ich selbst wüsste, was ich in der Situation fühlen würde, weiß ich aber auch nicht. Manchmal gelingt es mir sehr gut, mich in eine Situation zu versetzen (dann spüre ich die Gefühle richtig), manchmal finde ich aber gar keine Zugang dazu. Ich denke aber mal, dass die TEstleiter sowas hören wollten wie "ich hätte dann Angst". Mich würde mal interessieren, wie viele Leute dann einfach "ich hätte dann Angst" angeben, weil sie gelernt haben, dass man in einer solchen Situation Angst hat oder weil sie sich wirklich in diese Situation versetzen können und dann spüren und somit wissen, dass sie selbst auch Angst hätten. :roll:
    • FruchtigBunt wrote:

      Ob ich selbst wüsste, was ich in der Situation fühlen würde, weiß ich aber auch nicht. Manchmal gelingt es mir sehr gut, mich in eine Situation zu versetzen (dann spüre ich die Gefühle richtig), manchmal finde ich aber gar keine Zugang dazu.
      So geht es mir auch. Wenn möglich versuche ich mit Erinnerungen zu arbeiten. Wenn mir z.B. jemand erzählt es gehe ihm schlecht, weil sein Haustier gestorben ist, versuche ich bewusst, mir zu vergegenwärtigen wie es mir ging, als mein Tier starb. Dann habe ich das Gefühl, mich hineinversetzen zu können. Wobei es natürlich für die andere Person trotzdem anders sein kann.
      Wenn es um etwas geht, dass ich selbst noch nie erlebt habe oder wozu ich gar keinen Bezug habe, dann wird es schwieriger.

      Louveteau wrote:

      Ein "oh, das tut mir aber leid" käme mir sehr heuchlerisch vor, wenn ich doch nicht verstehe, wie der andere fühlt.
      Unabhängig davon, ob es mir gelingt, Gefühle nachzuvollziehen oder nicht, ist angemessen zu reagieren auch immer ein Problem für mich.
      Ich weiß natürlich, was man so sagen könnte, aber wenn ich einfach etwas abspule, dann komme ich mir wie ein schlechter Schauspieler oder eben wie ein Heuchler vor. Oft kommt dann gar nichts aus mir raus und das missinterpretieren die Leute dann eben völlig.

      Wenn ich mich so in der Welt umsehe, komme ich mir aber manchmal wirklich "fühlender" vor, als viele NTs...
    • Natti wrote:

      FruchtigBunt wrote:

      Ob ich selbst wüsste, was ich in der Situation fühlen würde, weiß ich aber auch nicht. Manchmal gelingt es mir sehr gut, mich in eine Situation zu versetzen (dann spüre ich die Gefühle richtig), manchmal finde ich aber gar keine Zugang dazu.
      So geht es mir auch. Wenn möglich versuche ich mit Erinnerungen zu arbeiten. Wenn mir z.B. jemand erzählt es gehe ihm schlecht, weil sein Haustier gestorben ist, versuche ich bewusst, mir zu vergegenwärtigen wie es mir ging, als mein Tier starb. Dann habe ich das Gefühl, mich hineinversetzen zu können. Wobei es natürlich für die andere Person trotzdem anders sein kann.Wenn es um etwas geht, dass ich selbst noch nie erlebt habe oder wozu ich gar keinen Bezug habe, dann wird es schwieriger.


      Wenn ich Haustier denke , denke ich natürlich an meine drei , ja - halt Lebensgefärten. Meine beiden Katzen, die sehr alt wurden und die klene Zwergschnauzerin, "mein" Begleithund. Nie wurde mir meine übertriebene eigennützige "Tierliebe" vorgeworfen oder angezweifelt. Oder ich hab es nie wargenommen, weil ich da auch nicht an meinen Emotionen zweifle.
      Aber ich kann heute einfach nicht verstehen, wie ich es ein Leben lang verdrängen konnte Probleme meiner Mitmenschen mit mir zu ignorieren. Es ist absurd, meine Beziehungen und Freundschaften gelten für mich immer , wieso sollte sich das ändern.
      Meine Logik sagt mir , dass wer mich mag eben darum auch weil ich so bin. Und ich bin sehr offensichtlich so. Eben auch schwarz weiß gestrickt(RW?) sche..s Rechtschreibung sowieso.
      Will einfach nur sagen, da wo ich einfach keinen Zugang habe , kann ich nichts wieder gutmachen, dass hat nunmal in der Welt auch Schaden angerichtet, aber Autismus ist keine Ausrede sondern das womit ich leben muss.
      Und weil ich Details aus 50 Jahren genauso im Kopf habe wie komplette Filmausstattungen habe ich die nächsten 50 Jahre genug zu tun :roll:
      Rede mal wieder nur über mich , aber was soll man sonst zu Emotionen sagen :-p
    • Natti wrote:

      Wenn ich mich so in der Welt umsehe, komme ich mir aber manchmal wirklich "fühlender" vor, als viele NTs...
      Ich glaube, dass das mit den emotionslosen Autisten auch längst überholt ist. Ich könnte mir vorstellen, dass damals viel von den schweren Fällen des frühkindlichen und atypischen Autismus übernommen wurde. Aber ich wäre selbst dort vorsichtig mit dem Fühlen, man weiß es wohl oft einfach nicht, was gefühlt wird.

      Ich persönlich halte dieses "mehr fühlen als (das Phantom) NT", aber auch nicht für den richtigen Weg. Das wäre imo keine Korrektur. Ich denke es ist recht unterschiedlich und man findet sowohl bei den Autisten die Menschen, die Dinge stark fühlen als auch bei den Nichtautisten. Daher muss man wohl den Einzelfall betrachten, Pauschalisierungen werden die Wahrheit wohl oft verfehlen.
      In letters of gold on a snow white kite I will write "I love you"
      And send it soaring high above you for all to read
    • Hyperakusis wrote:

      Ich denke es ist recht unterschiedlich und man findet sowohl bei den Autisten die Menschen, die Dinge stark fühlen als auch bei den Nichtautisten. Daher muss man wohl den Einzelfall betrachten, Pauschalisierungen werden die Wahrheit wohl oft verfehlen.
      Da gebe ich dir absolut Recht. Ich habe das auch absolut nicht pauschal gemeint. Ich wollte eher ein Gefühl zum Ausdruck bringen, das ich manchmal habe. Ich lese immer noch oft Beschreibungen von Autismus, die mir irgendwie nach...wie soll ich das jetzt sagen?... unfähig zu Mitgefühl und sozial schwer verträglich klingen. Und dann sehe ich mir an, wie die Menschen im Allgemeinen miteinander umgehen und frage mich, wie man denn das als Maßstab nehmen will.
      Mal als Beispiel: Ich habe nicht das Bedürfnis, mich über andere lustig zu machen, aufgrund dessen, wie sie aussehen oder was sie anhaben. Das erscheint mir einfach sinnlos und lächerlich. Viele, die als "normal" gelten, tun das aber und finden es noch amüsant, ihr Gegenüber mit irgendwelchen blöden Sprüchen, mehr oder weniger offen, bewusst zu kränken und zu verletzen. Trotzdem gelte ich als diejenige, die Probleme mit sozialer Interaktion hat. (Vielleicht ja sogar weil mir entgeht, was denn witzig daran sein soll.)
      Man kann also als sozial defizitär gelten, wenn man andere ungewollt und unbewusst verletzt, einfach weil man ihre Interaktionen nicht richtig verstehen und deuten kann, und andererseits aber als normal und gut angepasst, wenn man andere absichtlich verletzt und sich damit noch gut fühlt.
      Ich habe auch so meine Zweifel an einer klaren Gegenüberstellung von NT auf der einen Seite und nicht NT auf der anderen und natürlich gibt es blödes, unsoziales Verhalten und mangelndes Mitgefühl überall und mitfühlende freundliche Menschen genauso. Das macht die ganze Sache ja so kompliziert und komplex und schwer greifbar.
    • Natti wrote:

      Ich habe das auch absolut nicht pauschal gemeint.
      Ich meinte dich auch nicht, sondern eher die Überschrift in dem Artikel. Auf mich wirkt so etwas immer wie eine Art "Gegenregulierung" auf etwas, das als falsch/nicht wahr empfunden wird. Und dabei wird dann meinem Eindruck nach manchmal zu fest in die andere Richtung gezogen, so dass dann im Falle AS und "NT" nicht mehr die "NTs" mehr fühlen, sondern die Autisten. Ich finde anbei, dass diese "Zweiteilung" der Menschheit in Autisten und "NTs"/Nichtautisten irgendwie auch zu sehr isoliert oder trennt. In Diskussionen ist es der Einfachheit wegen ganz praktisch, aber die Dinge lassen sich oft so pauschal gar nicht sagen, schon gar nicht eine Allgemeingültigkeit für alle, die in eine der beiden Schubladen gehören. Der Mensch besteht ja noch aus viel mehr als eine handvoll Diagnosekriterien und einen Namen für diese Dinge. Man weiß, dass manche Autisten noch weitere Diagnosen haben, man kann davon ausgehen, dass manches bis dato auch unentdeckt geblieben ist und daher noch keinen Namen hat, ganz egal ob AS oder "NT". Daher weiß man nie so recht was all die Menschen da draußen im Alltag wirklich sind.


      Natti wrote:

      Ich lese immer noch oft Beschreibungen von Autismus, die mir irgendwie nach...wie soll ich das jetzt sagen?... unfähig zu Mitgefühl und sozial schwer verträglich klingen.
      Ja, genau... manches liest sich gruselig, erst recht wenn mit Autismus dann das gesamte Spektrum gemeint ist und jeder so sein soll. Ich hatte die Tage noch etwas gelesen, dass Autisten in einem Meltdown um sich schlagen würden oder Gegenstände werfen (mitunter auch auf Personen). Nee, da muss ich sagen "ICH NICHT!". Ich kann aber auch gar nicht immer allem so einen Namen geben. Damit meine ich, dass ich jetzt nicht sagen kann "Das war eben ein Meltdown, vorgestern das war ein gewöhnlicher Wutanfall.". Ebenso finde ich es schwierig in Situationen zu sagen, weil sich jemand vielleicht gerade nicht so mitfühlend zeigt und ausdrückt "Das kann eigentlich nur am Autismus liegen!". Das glaube ich nämlich nicht. Würden die Menschen überall die Dinge in ihre Atome zerlegen und über alles so diskutieren, wie es glaube ich erst im Zeitalter von Foren allmählich entstanden ist und möglich ist in dieser Dimension, dann würde man das eine oder andere sicherlich auch bei anderen Menschen feststellen.

      Zum Mitgefühl fällt mir noch etwas vor Jahren ein. Eine Schlagzeile in den Medien "Ganz Deutschland trauert um XY". Dann kommen Aspies daher und sagen "Das ist doch Heuchelei!". Es könnte also manchmal auch was mit den sozialen Erwartungen und Regeln zu tun haben. Weil manches ist ja gar nicht so wie behauptet, aber es wäre gesellschaftlich daneben, wenn damals dann irgendjemand im Fernsehen gesagt hätte "Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich NICHT trauere, also sagen Sie nicht ganz Deutschland würde trauern!". :d



      Natti wrote:

      Mal als Beispiel: Ich habe nicht das Bedürfnis, mich über andere lustig zu machen, aufgrund dessen, wie sie aussehen oder was sie anhaben. Das erscheint mir einfach sinnlos und lächerlich. Viele, die als "normal" gelten, tun das aber und finden es noch amüsant, ihr Gegenüber mit irgendwelchen blöden Sprüchen, mehr oder weniger offen, bewusst zu kränken und zu verletzen. Trotzdem gelte ich als diejenige, die Probleme mit sozialer Interaktion hat.
      Die soziale Interaktion ist sicherlich ein großes Spielfeld und man wird sicherlich bei nahezu allen Menschen Schwachstellen finden. Aber manche Menschen haben sie an so ungünstigen Stellen und so zahlreich, dass sie eben durchaus in Eigenregie zum Psychiater gehen. Mit "NT" sind ja im Grunde psychiatrisch unauffällige Menschen gemeint, aber "NT" wird auch sehr häufig als Synonym für Nichtautisten (NA) verwendet. Ferner werden unter "NTs" auch oft die "Normalen" verstanden. Ich würde aber nicht sagen, dass "NT" bedeutet, dass all diese Menschen nicht auch Punkte an sich haben, wo sie mal nicht so gut sind. Wenn an einem Ort plötzlich viele Menschen zusammenkommen, dann fällt schnell auf, dass es solche gibt, die im Mittelpunkt stehen, andere äußern sich vielleicht eher am Rande, manche halten sich eher zurück. Ich glaube, dass man dort, wo es Gruppen gibt (Schule, Beruf) immer auch Leute finden wird, die schwer umgänglicher sind als andere, aber ohne dass deshalb stets eine psychiatrische Diagnose vorliegen muss. Ich denke man kann auch als "NT" Probleme haben. Das soll aber natürlich nicht heißen so nach dem Motto "Ach AS... haben wir Menschen nicht alle unsere Probleme?" - das meine ich damit natürlich nicht. :d

      Zu den blöden Sprüchen und dem Aussehen anderer:
      Ich denke auch hier ist es recht unterschiedlich. Früher galten Aspies öfters als die Menschen, die auch das aussprechen, womit sie nicht unbedingt den Idealanschluss zur Gruppe finden. Viele Aspies haben oft gesagt "Ich sage was ich denke!". Und es wurde sich schon auch über "NTs" und so lustig gemacht. Ich bin der Meinung, dass man auch unter den Aspies/Autisten nicht die heilere Welt finden wird. Ein Stück weit verhalten sich alle Menschen immer mehr oder weniger wie Menschen. Ich sage nicht immer was ich denke. Wir hatten hier oder im alten Forum so Threads, wo es um das Kommentieren von Aussehen, Leistungen und so ging. Also ich bin da nicht immer ehrlich und ich würde nicht jemanden sagen, dass er scheiße aussieht oder so. Auch wenn soziale Regeln unter Aspies oft verpönt waren, so habe ich im Laufe des Lebens schon mehr und mehr erkannt, dass sie doch auch ihre Funktion und ihren Sinn haben können. Weil wenn jeder jedem nur noch ehrlich sagt wie er ausschaut, wie seine Leistungen sind, dann würde das gewisse Freundlichkeit im Alltag vermutlich vielfach durch unschöne Dinge ersetzt werden.

      Bei mir ist es schon so, dass ich NATÜRLICH manches nicht mag, aber ich würde das nicht sagen. Ich denke im Allgemeinen, dass es auch sehr darauf ankommt wie man etwas sagt, wie man etwas zum Ausdruck bringt bzw. dem anderen mitteilt.




      Natti wrote:

      Man kann also als sozial defizitär gelten, wenn man andere ungewollt und unbewusst verletzt, einfach weil man ihre Interaktionen nicht richtig verstehen und deuten kann, und andererseits aber als normal und gut angepasst, wenn man andere absichtlich verletzt und sich damit noch gut fühlt.
      Ich habe auch so meine Zweifel an einer klaren Gegenüberstellung von NT auf der einen Seite und nicht NT auf der anderen und natürlich gibt es blödes, unsoziales Verhalten und mangelndes Mitgefühl überall und mitfühlende freundliche Menschen genauso. Das macht die ganze Sache ja so kompliziert und komplex und schwer greifbar.
      Ich würde bei solchen Diagnosen sagen, dass sie sicherlich noch nicht in ihrer Final-Version vorliegen. Meines Wissens wurde Autismus als Diagnose erst im ICD-9 etwa um 1979/1980 überhaupt aufgenommen. Damals noch eine Psychose im Kindesalter und quasi der Nachbar der Schizophrenie. Noch in den 80er Jahren findet man in Ärztezeitschriften den Hinweis, dass Eltern keine Schuld haben für den Autismus ihrer Kinder (→ Kühlschrankmutter). Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Glaube sich noch bis in die 80er Jahre hineingezogen hat. So um 1992/1993 kam dann das Ding mit dem Spektrum und das Asperger-Syndrom wurde mit aufgenommen. Aber es blieb noch viele Jahre eher still um das Asperger-Syndrom. Um die Jahrtausendwende dann Hinweise, an diese Diagnose zu denken. Es dauerte aber nochmals einige Jahre, bis es allmählich ins Rollen kam. Und ich würde sagen in der Zwischenzeit hat sich schon wieder einiges geändert. Ich glaube, dass das noch in Zukunft so sein wird.

      Ich würde ansonsten im Falle von AS und "NT" berücksichtigen, dass "NT" einst eine Erfindung von Autisten war, um den Menschen da draußen einen Namen zu geben. Es ist gesellschaftlich NICHT wirklich normal und gut angesehen, wenn man andere verletzt. Aber das "NT"-Etikett kleben quasi die Aspies/Autisten stets auf die Sache. Wenn ein Mensch in seinem Leben 5000 Interaktionen mit verschiedenen Menschen hat und danach die Menschen da draußen bewertet, dann weiß er bei über 90 Prozent dieser Menschen nicht, welchen psychiatrischen Status jeder einzelne Mensch eigentlich hat. Es ist doch sehr wahrscheinlich, dass Menschen a) solche Dinge verschweigen im Alltag (so wie ich), b) Menschen bis dato nicht zum Psychiater gegangen sind und das auch nicht vorhaben (was aber nicht unbedingt bedeutet, dass so ein Mensch bei einem "psychiatrischen TÜV" die "NT"-Plakette bekommen würde... DENN! Bereits vor 15-20 Jahren sagte die Psychiatrie, dass in Deutschland aus ihrer Sicht jeder zweite bis dritte Bundesbürger psychiatrisch auffällig sei... damit wäre "NT" dann auf 1/2 oder 1/3 geschrumpft... aber selbst dann wüsste man bei den 5000 Interaktionen nicht, was jemand ist oder war).

      Ich denke ansonsten noch, dass man in so eine Gesellschaft öfters solche Diagnosen offenbar braucht. Denn vieles muss begründet sein. Kann jemand nicht? Oder will jemand nicht? Hat jemand ein Recht auf Sonderrecht oder nicht? Insofern können anerkannte Defizite und Probleme auch ein Segen sein und meinen Erinnerungen nach waren viele damals sehr froh, dass es ENDLICH ENDLICH einen Namen für diese Langzeitgrübelei gab.

      Vorschau klick... oh XXL... wollte nur paar Zeilen schreiben... :d
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    • Natti wrote:

      Ich weiß natürlich, was man so sagen könnte, aber wenn ich einfach etwas abspule, dann komme ich mir wie ein schlechter Schauspieler oder ebenwie ein Heuchler vor. Oft kommt dann gar nichts aus mir raus und das missinterpretieren die Leute dann eben völlig.


      Wenn ich mich so in der Welt umsehe, komme ich mir aber manchmal wirklich "fühlender" vor, als viele NTs...
      Bei mir ist das ähnlich. Insbesondere auch die Tatsache, dass aus meinem Verhalten und meinen Reaktionen oft geschlossen wurde (vor allem früher), dass ich herzlos und gefühlskalt sei. :( Dabei war eher das Gegenteil der Fall.
      Ich mache mir auch sehr oft Gedanken darüber, dass ich eben gerade nicht wie ein Heuchler herüberkommen möchte. Vielleicht ist mir manchmal sogar sehr wohl bewusst, was andere Personen erwarten, aber ich reagiere nicht wunschgemäß, weil ich es als verlogen empfinden würde, wenn ich die eigentlichen Gefühle dabei auf die Schnelle nicht empfinden kann, aber trotzdem so tue, als würde ich die empfinden (also genau das mit dem "oh, das tut mir aber leid", wenn es mir in dem Moment überhaupt nicht leid tut, sondern ich z. B. erstmal nur irritiert bin oder überrollt durch eine Mitteilung. :| )

      Ich glaube, die meisten Menschen sind einfach konditioniert darauf, das zu antworten, was das Gegenüber möchte. Ich möchte eine Gefühlsäußerung auch nur dann abgeben, wenn ich sie so empfinde. :| Eigentlich finde ich das viel ehrlicher. :?

      Im Gegensatz zum "nichts Klares fühlen können" (was dann schnell für einen selbst oder die Umgebung so aussieht, als würde man gar nichts fühlen), gibt es mir dann noch das "alles Mögliche fühlen" (was auch dazu führt, dass ich nicht weiß, was ich fühle und nach außen entweder nicht reagiere oder emotional richtiggehend zusammenbreche und dann vor lauter Überwältigung weine oder einen Wutanfall bekomme.
    • Natti wrote:

      Man kann also als sozial defizitär gelten, wenn man andere ungewollt und unbewusst verletzt, einfach weil man ihre Interaktionen nicht richtig verstehen und deuten kann, und andererseits aber als normal und gut angepasst, wenn man andere absichtlich verletzt und sich damit noch gut fühlt.
      Das ist doch skurril. :(
      Wenn dann von denjenigen, die einen verletzen mit fiesen Sprüchen, dann auch noch ein "ach, du Spaßbremse!" oder "du verstehst auch gar keinen Spaß!" kommt, bin ich z. B. kurz vorm Meltdown. :| Dann wird oft verleugnet, dass man den anderen verletzen wollte und es heißt, derjenige, den das stört, verstehe nur keinen Spaß. Für mich ist das 100% mangelndes Einfühlungsvermögen, denn als Mensch sollte man irgendwann kapieren, dass es Leute gibt, die es eben nicht lustig finden, wenn sie damit aufgezogen werden, dass sie wenig sprechen oder vieles ernst nehmen.
      Aber das ist nun etwas off-topic.


      Hyperakusis wrote:

      Zum Mitgefühl fällt mir noch etwas vor Jahren ein. Eine Schlagzeile in den Medien "Ganz Deutschland trauert um XY". Dann kommen Aspies daher und sagen "Das ist doch Heuchelei!". Es könnte also manchmal auch was mit den sozialen Erwartungen und Regeln zu tun haben.
      Die Antwort hätte auch von mir kommen können. Für mich ist das tatsächlich Heuchelei, wenn irgendeine Zeitung schreibt "ganz Deutschland trauert", weil die doch wirklich nicht wissen können ob (und es sehr unwahrscheinlich ist dass) jeder (!) trauert. Sowas regt man dann oft auf. So ein Satz will wohl nach außen transportieren, dass man das Gegenüber (z. B. ein anderes Land oder eine andere Person) trösten und unterstützen will. Ich verstehe aber trotzdem nicht, wieso man das in so pauschalen Aussagen tun muss. Wahrscheinlich darf man so etwas wie "ganz Deutschland" dann wiederum nicht wörtlich nehmen. Das sind wohl wirklich die sozialen Erwartungen bzw. Handlungsweisen. Den Medienmachern und den Lesern der Zeitung ist dann wohl wichtiger, zu wissen, dass sie getröstet werden, als eine korrekte Angabe (die wahrscheinlich eh nicht möglich ist) darüber, wie viel Prozent der Bevölkerung tatsächlich trauern. Ich weiß sowieso nicht, was das soll. Es würde mich Null interessieren, ob irgendwelche Bild-Zeitung-Leser (oder andere Zeitungleser) mit mir fühlen oder nicht.

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().