Genereller Umgang mit Wut(anfällen)

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    • Genereller Umgang mit Wut(anfällen)

      Hallo,
      ich habe die Suche genutzt aber meistens waren eure Themen sehr spezifisch.

      Daher eine allgemeinere Frage: was tut ihr generell oder habt ihr Strategien für Wutanfälle? In dem Buch von Tony Atwood steht unter anderen, dass er beobachtet hat, dass Autisten eher nur "sehr wütend" oder "nicht wütend" können, nicht langsam ansteigend wie NTs. Das mag von außen oft unverhältnismäßig aussehen, vor allem, wenn eine "Kleinigkeit" der Auslöser ist.

      Mir passiert das leider auch manchmal und es ist ganz schlimm, also ich schreie dann und werfe auch schon mal Sachen. :oops: (Ich mache nichts kaputt.)
      Ich selbst suche jetzt nach Strategien, diese Wut irgendwie zu regulieren oder zu unterbrechen, um nicht ausfallend zu werden oder so extrem unverhältnismäßig wegen einer Aussage/Handlung zu reagieren.
      Für mich ist das dann so, dass ich im Kopf nur noch "error-error-error" habe, irgendwas geht gerade gar nicht für mich und dann läuft das auch schon mal in Schleifen ab, wo ich mich immer wieder von vorne über diese eine Sache aufrege und auch keine wirkliche Lösung oder so gefunden werden kann.

      Bis ich mich beruhige, kann es dann länger dauern.

      Wie ist das bei euch und hat einer von euch wirkungsvolle Strategien finden können?
    • Wut erfahre ich so: sie ist schlagartig da, wie ein Impuls - wenn ich z.B. versuche mir quer über den Tisch ein Stück Butter zu angeln und das unterwegs verliere, kann es sein, dass das Messer hinterher fliegt. Oft kommt dann ein Kommentar von meiner Frau ala "manchmal habe ich eben drei kleine Kinder" (anstatt wirklich 2)
      Oder ich will etwas aus dem Schrank holen, das fällt mir runter und das Teil in der anderen Hand fliegt hinterher. Waren es Tassen - dann haben wir danach zwei weniger. Im besten Fall fliegt nur der Flummi quer durch die Bude.

      Bei wiederkehrenden Triggern wie der verdrehten Klopapierrolle kann ich die Wut sobald ich sie erkannt habe umleiten. Der Tipp sie doch einfach umzudrehen und dann ein Blatt abzureißen war hier Gold wert :m(:

      Wenn ich z.B. etwas anschraube und die zweite der Baumarktschrauben frühzeitig abreißt, dann weiß das u.U. auch mein Nachbar weil ich schlagartig lautstark explodiere.

      Früher hatte ich das besser "im Griff", als permanent großer Ärger drohte - mir ging es dabei aber richtig scheiße.
      Heute ist es abhängig von meinem Stresslevel und den Folgen und manchmal genieße ich es sogar, weil sich eine Spannung löst.

      Du schreibst, du schaffst es nichts kaputt zu machen, also hast du noch genug Kontrolle - kannst du darauf vielleicht aufbauen?
      Jemandem gegenüber ausfällig zu werden macht ja auch indirekt "etwas kaputt". Stell dir vor wie es sich anfühlt, wenn sich dir gegenüber jemand so verhält.
    • Meine Strategie hängt davon ab, was mich aufregt.

      Wenn mir Missgeschicke passieren, neige ich (vor allem, wenn ich alleine bin) dazu, den betreffenden Gegenstand zu beschimpfen oder ihm "ins Gewissen zu reden" (RW), z.B. wenn mir beim Herumtragen von Geschirr immer das Besteck unter lautem Geschepper von den Tellern rutscht:

      Könntest du nicht einmal auf dem Teller liegen bleiben, du verdammtes Messer! Macht du das absichtlich?!
      Natürlich weiß ich, dass das nichts bringt, aber es hilft mir irgendwie.


      Wenn ich mich über Personen aufrege, ist das nicht so einfach. Meistens versuche ich, mich der Situation schnellstmöglich zu entziehen und beginne an einem ungestörten Ort, über besagte Person zu schimpfen.

      Allgemein ist Fluchen aber hilfreich. Ich habe mal irgendwo gehört, dass es sogar wissenschaftlich erwiesen sei, das Fluchen Aggressionen abbaut. Kann aber gut sein, dass das Veranlagungssache ist. Mir hilft es aber in akuten Situationen meist ganz gut.
    • ich habe quasi Angst vor Wut. Vor der eigenen, sowie vor anderer. Ich hab die große Sorge, auch wenn es noch nie passiert ist, dass wenn, es extrem ausartet und man die Kontrolle verliert. Ich verkrampfe so sehr, das ich nahezu Handlungsunfähig werde. Ganz automatisch.
      Das was du beschreibt und ich in ähnlicher Form z.B. in einer Reportage gelesen habe, klingt stark nach einem Meltdown. Also eine Über(be)lastung, die durch nach außen wirkend "Kleinigkeit" triggert. Sozusagen das Wut-Fass zum Überlaufen bringt (RW) odet den Damm zu brechen. (hoffe das war jetzt richtig).
      Bei mir kommt das so vor, dass die Angst den Meltdown überbrückt und in einem Shutdown führt, also eine gedanklichen und körperliche Bewegungsunfähigkeit.

      Das Wut (kontrolliert) raus lassen helfen kann hab ich auch schon gehört. Ich kanns nur nicht. Also keine Strategien von mir. Sorry
      "Man muss mich nicht verstehen - liebhaben reicht."
    • Windtänzerin schrieb:

      Meinst du Wutanfälle oder Meltdowns?
      Das kann ich persönlich nicht gut auseinander halten. Ich hatte noch keine autismusspezifische Therapie und meine "normale" Psychotherapeutin kennt sich damit leider auch nicht so aus.

      Hutmacher schrieb:

      Du schreibst, du schaffst es nichts kaputt zu machen, also hast du noch genug Kontrolle - kannst du darauf vielleicht aufbauen?
      Jemandem gegenüber ausfällig zu werden macht ja auch indirekt "etwas kaputt". Stell dir vor wie es sich anfühlt, wenn sich dir gegenüber jemand so verhält.
      Das Problem ist, dass ich in den Situationen diese Fähigkeit nicht mehr habe, also die Empathie ist weg und auch andere Gedanken scheinen schwer zu fassen, die Wut überlagert alles!

      Rusty Mike schrieb:

      Wut? Was ist das? Ist das dieses nervenaufreibende Aufregen über Dinge, die es eigentlich gar nicht wert sind? Wenn ja, hab ich das aus Energiespargründen abgeschafft. Kostet viel zu viel Energie, die ich für sinnvollere Dinge nutzen kann.
      Das ist mir objektiv und logisch betrachtet auch klar, aber meine Emotionen abschaffen gelingt mir bisher nicht.

      Moertel_43 schrieb:

      Wenn ich mich über Personen aufrege, ist das nicht so einfach. Meistens versuche ich, mich der Situation schnellstmöglich zu entziehen und beginne an einem ungestörten Ort, über besagte Person zu schimpfen.
      Vielleicht wäre ein Ortswechsel eine Idee.

      Christian87 schrieb:

      Das was du beschreibt und ich in ähnlicher Form z.B. in einer Reportage gelesen habe, klingt stark nach einem Meltdown. Also eine Über(be)lastung, die durch nach außen wirkend "Kleinigkeit" triggert. Sozusagen das Wut-Fass zum Überlaufen bringt (RW) odet den Damm zu brechen. (hoffe das war jetzt richtig).
      Bei mir kommt das so vor, dass die Angst den Meltdown überbrückt und in einem Shutdown führt, also eine gedanklichen und körperliche Bewegungsunfähigkeit.

      Auch das ist erst einmal ein interessanter Hinweis für mich!

      Danke schon mal an dieser Stelle, es gab durchaus hilfreiche Denkanstösse für mich.
    • Ich kann meine Emotionen auch nicht einfach so abschaffen (das wär wohl auch nicht so gesund). Aber als ich dank meiner Freundin erkannt hab, das Wutanfälle nur unnütz Energie kosten und einem nicht wirklich weiterhelfen, bin ich dazu übergegangen, mir das jedes mal in Erinnerung zu rufen (anfangs musste meine Freundin mir dabei noch helfen) und mir dann wie 'ne Art Mantra zu sagen: "Nicht aufregen! Erst mal tief durchatmen und dann ist alles nur noch halb so wild! Keep calm and smile!". Dann hab ich 'n paar mal tief durchgeatmet, dabei bewusst gelächelt und von mal zu mal bin ich ruhiger und gelassener geblieben. Wenn mir jetzt mal 'n Missgeschick passiert, lach ich drüber. Ich muss jetzt nur noch dran arbeiten, mich nicht mehr so über andere Menschen aufzuregen. Aber das klappt auch immer besser. :d
    • Meine Wutanfälle waren als Kind und Jugendliche so heftig, dass bei mir eine Impullskontrollstörung diagnostiziert wurde.

      Ich war sehr, sehr, sehr aggressiv...

      Noch heute habe ich große Probleme mit meiner Wut.

      Mit Sport (u. A. Kampfkunst) (und pflanzlichen Hilfsmittelchen) habe ich das ein bisschen in den Griff gekriegt
      ADHS und Autismus.
      Mich zu mögen ist ein Talent was nicht jeder hat.
    • Ich kann mit Wut sehr schlecht umgehen. Ich schreie und tobe dann rum. Manchmal werfe ich auch Gegenstände die gerade da sind auf den Boden. Es ist schon einiges an Porzellan im laufe der Jahre
      kaputt gegangen. Ich denke auch das ich eine Störung der Impulskontrolle habe.
    • Neu

      Hallo zusammen, ich bin neu hier im Forum und kein diagnostizierter Aspie. Ich erkenne mich allerdings in vielen Dingen wieder und suche hier Antworten und Austausch. Denn ich denke, letztendlich ist es egal, was für einen Namen ich den Dingen gebe, wenn sie doch dieselben zu sein scheinen.

      Dein Thema mit den Wutanfällen beschäftigt mich momentan extrem aus gegebenem Anlass und eine Lösung konnte ich bislang nur bedingt finden.

      Ich neige dazu sehr, sehr wütend zu werden. So wütend, dass es mir Angst macht und ich die Kontrolle verliere. Ich mache Dinge kaputt und verletze mich selbst dabei, weil ich alles und jeden hasse, am meisten jedoch meine eigene Unfähigkeit zu finktionieren. Meist geht dem Ganzen ein Tag voraus, an dem ich früh schon unruhig und verunsichert bin und mir nicht vorstellen kann, meinem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Teils weil ich selbst nicht in der richtigen Konstitution bin, manchmal auch, weil etwas meinen Ablauf durcheinander wirft. Damit habe ich sehr zu kämpfen. Manchmal kommt dann etwas Druck von aussen, funktionieren zu müssen und etwas Unverständnis meiner Mitmenschen hinzu. Dann brauchts nur noch einen winzigen Auslöser und ich breche komplett zusammen. Das kann ein erschreckendes Geräusch sein oder auch nur die Tatsache, dass es Zuhause unaufgeräumt ist und ich halte es nicht mehr aus. Ich wüte, schreie, kann nicht in Worte fassen, was los ist. Werfe Dinge um mich und mache Sachen kaputt, schlage mich selbst. Andere sind damit überfordert, noch mehr als ich selbst manchmal. Es kann lange dauern, bis es vorbei ist. Danach ist alles ruhig. Als würde man in ner windstillen Sommernacht am See sitzen. Ich bin dann auch noch lange kraftlos aber irgendwie entspannt.

      Am schlimmsten ist es, dass ich manchmal gerade die Menschen anbrülle und ihnen vorwerfe, sie würden mich nicht verstehen, die sich die meiste Mühe geben genau das zu tun. Mirzuliebe.

      Also ich kann nur sagen, dass ich Glück habe, dass mein Partner sehr viel Verständnis zeigt und durch Verhaltens- und Traumatherapie (Diagnosen hab ich in der Vorstellung erwähnt) habe ich mäßig gelernt, meine Grenzen zu wahren um nicht in diese Überforderung zu gelangen. Immer wieder Wohlfühlzonen suchen. Ich ziehe mich viel zurück und setze mich weniger Reizen aus. Das schränkt mich natürlich ein, aber fühlt sich für mich natürlicher und besser an. Wenn ich unterwegs bin, geht das nur mit Kopfhörern und Musik, wenn überhaupt.

      Allerdings erfordert diese Verhaltenstherapie auch, dass man sich genau diesen überfordernden Situationen immer wieder stellt um die Reize besser aushalten zu können. Das funktioniert bei mir nicht, so sehr ich mich auch anstrenge, die Gefühle dabei bleiben stets dieselben, ich mache halt manchmal die Erfahrung, dass ich es besser oder schlechter aushalten kann, das ist alles. Ich denke also, das ist nicht empfehlenswert, aber vielleicht auch nur auf mich nicht anwendbar.

      Irgendwer sagte hier etwas von einem Mantra. Manchmal hilft es mir, frühzeitig durchzuatmen und die Situation von oben zu betrachten. Also als würde ich mich selbst beobachten. Dann seh ich, dass es unangebracht ist. Gelernt hab ich das durch Meditation und indemich so im Alltag immer wieder inne halte und mein Verhalten aus ner anderen Sicht betrachte. Gelingt manchmal. Aber ist nie ne Garantie.

      Sorry, manchmal find ich kein Ende und verlier mich drin.

      :oops:

      “I wonder if I've been changed in the night. Let me think. Was I
      the same when I got up this morning? I almost think I can remember
      feeling a little different. But if I'm not the same, the next question
      is 'Who in the world am I?' Ah, that's the great puzzle!”

      Lewis Carroll,
      Alice in Wonderland