Nach der Diagnose - wie geht es einem damit?

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    • Nach der Diagnose - wie geht es einem damit?

      Hallo,
      ich habe seit dem 01. Februar eine Diagnose . Im Moment bin ich entspannt , und was doch irgendwie seltsam ist, BESSER im sozialen Umgang. Also besser als in der Zeit , als ich mich 100 % anpassen wollte.
      Ein Beispiel: Oft sagt mir meine Mutter, ich spräche zu laut.
      Vorher war ich dann immer irgendwie beleidigt und dachte, sie wolle mich ärgern. Nur mir sagt man so was , etc.

      Das letzte Mal dachte ich : " OH, ich spreche zu laut und vermutlich auch gleichförmig ." Dann sagte ich: "Ich korrigiere jetzt meine Lautstärke."

      Als wir eine politische Diskussion hatten , sagte ich auch mal: "ERkläre mir deinen Standpunkt bitte so, dass ich ihn verstehen kann." Ich bin auf Worte angewiesen. Schnauben, Augen verdrehen, Kopfschütteln , das verstehe ich nicht wirklich.
      Und o Wunder, ich bekam den Sachverhalt erklärt.
      Kein Streit, kein Stress.

      ich merke, ich kann jetzt besser mit meinen Besonderheiten umgehen. Vorher dachte ich immer : "Es MUSS gehen, weil es bei allen anderen auch geht "- obwohl es nicht ging. ich wollte alles machen.
      Ganz früher hätte ich mich sogar zeitweilig als High Sensation Seeker eingestuft , oft mit dem Kopf durch die Wand, immer auf Suche nach Abenteuern ,
      ich wollte so sein wie die tollen Menschen in tollen Büchern,
      jetzt weiß ich durch die Diagnose erst,
      es tut mir nicht gut,
      aber ich bin nicht schuld daran, weil ich irgendwie schwach wäre,
      es ist okay, ich zu sein.

      Die Aussöhnung mit mir selbst steht im Vordergrund.
    • Von Zweifeln über Trauer bis zu Aha-Effekten war bei mir alles dabei. Einige Leute haben meine Probleme verstanden und bemühen sich Rücksicht zu nehmen. Andere tun es nicht.
      Wenn ich im Beruf auf riesige Tabellen gucke und zügig bestätigen kann, ob ein Wert vorhanden ist, dann freue ich mich irgendwie. Heimvorteil sozusagen. Dafür bin ich bei Gruppengesprächen regelmäßig außen vor. Man kann nicht alles haben.
    • Rhianonn wrote:

      Die Aussöhnung mit mir selbst steht im Vordergrund.
      das ist meiner meinung nach der wichtigste punkt. Ich habe meine diagnose am 14. Februar erhalten. Ich war mir zwar schon vorher sicher, aber eine echte diagnose zu haben hat mir inneren frieden gegeben.
      Vorher war ich nach aussen friedlich, während in mir ein kampf tobte. Nun ist es andersrum. In mir habe ich nun frieden gefunden, dafür trage ich meine kämpfe nun mit der aussenwelt aus.

      Ich bin tatsächlich stolz darauf, autist zu sein. Es ist keine krankheit oder schwäche. Tatsächlich weiß ich nun, dass ich mein leben lang richtig lag, und die anderen um mich herum einer fehleinschätzung unterlagen. Ich war von anfang an richtig. Mit dieser erkenntnis kommen nun lange verborgene talente wieder zum vorschein. Und ich bin richtig wütend, dass ich mich so lange anpassen musste.

      Seit der diagnose arbeiten meine emotionen und mein verstand wieder zusammen nach 30 jahren konflikt. Das gibt mir sehr viel kraft und selbstwertgefühl. Meine stärken sind kein ausgleich für meine schwächen. Ich habe nur nicht die schwächen, die die meisten menschen um mich haben. Darum wirkt es für sie wie eine stärke oder ein talent. Ich falle aber im grunde nur auf, weil ich nicht die selben schwächen wie ein großteil der menschen habe. Stattdessen werden meine schwächen als sonderbar bezeichnet. Ganz ehrlich: ich finde die schwächen von nicht-autisten auch im höchsten maße sonderbar und nicht nachvollziehbar. Hätte ich die wahl, ich würde wieder als autist geboren werden wollen.

      Also ja, durch die diagnose habe ich frieden gefunden, und fordere nun meinen platz im leben. Ich nehme auch kein blatt mehr vorm mund oder halte mich zurück
    • Hm, also ich bekam meine schon als Kind, aber es dauerte sehr lange, bis ich wirklich damit umgehen konnte und es akzeptiert habe. Ich glaube, letzten Endes war das erst vor 3 Jahren :oops:

      Das geht aber glaub ich den Spätdiagnostizierten normalerweise anders. Ihr seid ja freiwillig zum Arzt gegangen und in der Regel auch schon mit dem konkreten Verdacht. Da stellt man sich ganz anders drauf ein.
      BUH!
    • Dennis82HH wrote:

      Ich bin tatsächlich stolz darauf, autist zu sein.

      Dennis82HH wrote:

      Hätte ich die wahl, ich würde wieder als autist geboren werden wollen.
      Nee, so pauschal sehe ich das nicht. Ich bin nicht stolz, dass ich einige Sachen besser kann, dafür andere schlechter. Das ist für mich eine Verschiebung der Fähigkeiten, die nunmal so ist. Ob ich wieder so geboren werden wollte, kann ich nicht beurteilen, denn ich kenne es nicht anders.
    • Dennis hat einen sehr treffenden Satz geschrieben. Nämlich:“Ich war von Anfang an richtig.“
      Ich denke darum geht es bei mir auch viel. Ich war immer anders. Das hab ich gespürt bzw. auch zu spüren bekommen.
      Aber ich war, das weiß ich heute, nie falsch. Es gibt kein falsch. Ein kleiner Mensch kommt auf die Welt und gibt sein bestes. Egal ob autist oder nicht.

      Ich weiß nicht ob ich stolz drauf bin, Asperger Syndrom zu haben, aber ich bin stolz auf mich.
      Auf mein Leben und wie ich es bis hierher schon geschafft habe. Das war harte Arbeit.
      Und Asperger machte es nicht gerade leichter, verständlicherweise.

      Nach meiner Diagnose habe ich fast 2,5 Jahre gebraucht. Zum richtig annehmen. Das war lang. Aber heute gehts mir gut damit.
      Es fühlt sich richtig an. Ich kann schon offener mit der Diagnose umgehen.
      Wichtig ist, sich selber Zeit zu geben und vor allem keine Schuld. Für nichts.

      Lg Veronika.
      Man sieht nur mit dem Herzen gut.
      Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
      (Antoine de Saint-Exupéry)


      "Was ist falsch an sonderbar?"
    • Veronika wrote:

      Dennis hat einen sehr treffenden Satz geschrieben. Nämlich:“Ich war von Anfang an richtig.“
      Ich denke darum geht es bei mir auch viel. Ich war immer anders. Das hab ich gespürt bzw. auch zu spüren bekommen.
      Aber ich war, das weiß ich heute, nie falsch. Es gibt kein falsch. Ein kleiner Mensch kommt auf die Welt und gibt sein bestes. Egal ob autist oder nicht.

      Ich weiß nicht ob ich stolz drauf bin, Asperger Syndrom zu haben, aber ich bin stolz auf mich.
      Auf mein Leben und wie ich es bis hierher schon geschafft habe. Das war harte Arbeit.
      Und Asperger machte es nicht gerade leichter, verständlicherweise.

      Nach meiner Diagnose habe ich fast 2,5 Jahre gebraucht. Zum richtig annehmen. Das war lang. Aber heute gehts mir gut damit.
      Es fühlt sich richtig an. Ich kann schon offener mit der Diagnose umgehen.
      Wichtig ist, sich selber Zeit zu geben und vor allem keine Schuld. Für nichts.

      Lg Veronika.
      Das hast du schön geschrieben! Ich hoffe, ich kann das auch einmal so über mich sagen, ich bin grad mittendrin, im Prozess des Annehmens...
    • @Morgenstern : Dann bin ich die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich bin spätdiagnostiziert, bin aber weder freiwillig zum Arzt (wurde vom Arbeitsamt zum Arzt geschickt; wäre ich nicht hingegangen, hätten die mich sanktioniert) noch hatte ich 'nen Eigenverdacht (ich hatte höchstens den Verdacht, die anderen spinnen alle). Und akzeptieren konnte und wollte ich die Diagnose anfangs schon mal gar nicht (Ich und behindert? Never! Alles böswillige Unterstellungen!). :oops:
      "Never give up, it's such a wonderful life"
      aus "Wonderful Life" von "Hurts"
    • Dennis82HH wrote:

      Ich bin tatsächlich stolz darauf, autist zu sein. Es ist keine krankheit oder schwäche. Tatsächlich weiß ich nun, dass ich mein leben lang richtig lag, und die anderen um mich herum einer fehleinschätzung unterlagen. ... Hätte ich die wahl, ich würde wieder als autist geboren werden wollen.
      Bei mir ist es anders. Ich würde sagen: "Ich bin nicht stolz darauf, Autist zu sein. Es ist eine Behinderung. Tatsächlich weiss ich nun, dass ich mein Leben lang falsch lag und die Anderen um mich herum Recht hatten. Hätte ich die Wahl, würde ich nicht wieder als Autist geboren werden wollen."

      Ich hab mehr Schwächen und weniger Stärken als "normale" Menschen und dadurch halt auch viele Probleme. Schön ist das nun wahrlich nicht und stolz kann ich da schon gar nicht drauf sein. :shake:
      "Never give up, it's such a wonderful life"
      aus "Wonderful Life" von "Hurts"
    • Es war obwohl ich eine stärkere Vorahnung hatte, erstmal ein Riesenchaos von noch schneller wechselnden Gefühlen und Stimmungen, wie dieses Chaos während der Pubertät nur dass ich es mit Ende 22 nochmal durchleben musste. Da ich an diesem Tag sehr gestresst war (schlaflose Nacht vorher wegen Angst vor der Reaktion meiner liebsten, Alptraum in der Entspannungstherapie, Sport fiel aus), ging ich nach dem Einzelgespräch mit meinem Bezugstherapeuten in der Tagesklinik, direkt nach Hause. Die Stunden bis zur Ankunft meiner liebsten waren sehr beängstigend, aber als ich ihnen das Ergebnis sagte, haben sie mir gesagt dass es nicht schlimm ist.
      Mein Gefühlschaos hielt etwas mehr als 2 Jahre, es gab da alle Gefühle in verschiedensten Formen und Abstufungen. Mal war ich glücklich endlich mein Rätsel zu lösen, mal war ich traurig wegen der vielen Zeit die ich im Dunkeln tappte und zu keiner plausiblen Erklärung meiner starken Aversionen gegenüber unter Leuten zu sein kam, mal war ich wütend wegen meinen Erfahrungen mit bestimmten Charaktertypen, mal gab es Erleichterung weil ich endlich eine Antwort hatte, mal gab es Angst vor der Zukunft und neuen Umständen, mal war ich verzweifelt wenn ich einen Overload bekam, mal hatte ich starke Rachegelüste gegenüber denjenigen die mich verbiegen wollen, mal war ich wütend wenn meine liebsten die Diagnose vergessen haben, mal hatte ich Angst vor der neuen Verantwortung und dem Umgang mit der Diagnose, mal kamen mehrere Gefühle auf einmal die ich nicht identifizieren konnte, meine Welt stand Kopf und trotz des eigenen Verdachts waren die ersten 26 Monate schwer und hart, aber ich habe selbst die schlimmsten Momente geschafft. Diese "Reise" durch zum Teil neue oder als neu empfundene Gefühlswelten war besonders in der Zeit von etwa August 2016 bis etwa Oktober 2018 besonders hart, erst ab November 2018 wurde es besser. Auch dieser "Schub" von neuem Bewusstsein für meine früher nicht gut unterdrückten Wahrnehmungen war lehrreich, er hat mir beigebracht besser auf mich zu achten. Ein As Freund hat mir Achtsamkeitsübungen und Techniken zum Erkennen und Einschätzen von (potentiellen) Overloads beigebracht, Kompliment an ihn dass er eigene Taktiken dafür entwickelt und mir damit sehr geholfen hat, hier würde ich ihm gerne Danke sagen. Ich kann von diesen Übungen zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung über die Sinne und des neuen Bewusstseins für die eigene Verfassung gut profitieren. Es war auch erleichternd, mich nicht mehr so radikal gegen die unterdrückende "Maske" wehren zu müssen, die ich extrem destruktiv finde und deshalb schon immer boykottiert habe. Insgesamt hat sich diese lange Reise auf jeden Fall gelohnt, schließlich hilft mir diese Erkenntnis weiter, auch die Probleme mit meinen Gefühlen haben mich gelehrt stärker zu werden, die Zeit seit 2002 (Beginn meiner Reise von Arzt zu Arzt / Therapeut zu Therapeut) mit den vielen Therapien war und ist eine lehrreiche Erfahrung. Hat sonst noch jemand diesen Zustand, nennen wir ihn mal 2. Pubertät wegen der Diagnose (dieser "Umbruch" hat sich für mich wie eine 2. Pubertät angefühlt und ich kann das nicht mit anderen Worten beschreiben), ähnlich intensiv erlebt und wie hat es sich angefühlt?
    • Asesina wrote:

      Mein Gefühlschaos hielt etwas mehr als 2 Jahre, es gab da alle Gefühle in verschiedensten Formen und Abstufungen.....

      Asesina wrote:

      Hat sonst noch jemand diesen Zustand, nennen wir ihn mal 2. Pubertät wegen der Diagnose (dieser "Umbruch" hat sich für mich wie eine 2. Pubertät angefühlt und ich kann das nicht mit anderen Worten beschreiben), ähnlich intensiv erlebt und wie hat es sich angefühlt?

      Das hört sich komisch an, aber ich habe das Gefühl, dass ich mich nun "autistischer" benehme als vorher - und dabei entspannter bin. Ich habe vorher akribisch darauf geachtet Blickkontakt zu halten, jetzt denke ich: WArum soll ich mich abrackern und unwohl fühlen?

      ich glaube aber auch, dass ich noch mehrere Gefühle durchmachen werde.
      Heute morgen bin ich aufgewacht und habe im Ernst gedacht: Und wenn das nicht stimmt, wenn sie sich auch wieder irren.

      Zweite Pubertät , der Ausdruck ist gut.


      Veronika wrote:

      Ich weiß nicht ob ich stolz drauf bin, Asperger Syndrom zu haben, aber ich bin stolz auf mich.
      Auf mein Leben und wie ich es bis hierher schon geschafft habe. Das war harte Arbeit.
      Ich bin stolz darauf, dass ich so viel geschafft habe, auch wenn ich dann zusammengebrochen bin.

      Ich hielt mich immer für schwach und labil - das erste Mal, dass mir eine Psychologin sagte : "Sie haben einen starken Willen."


      Dennis82HH wrote:

      Ich bin tatsächlich stolz darauf, autist zu sein. Es ist keine krankheit oder schwäche. Tatsächlich weiß ich nun, dass ich mein leben lang richtig lag, und die anderen um mich herum einer fehleinschätzung unterlagen. Ich war von anfang an richtig.
      ich bin sogar nachsichtiger mit meiner Umwelt.
      #Ich bin Jahrgang 1963 - kein Mensch, meine Eltern nicht und auch kein Lehrer konnte wissen, was los ist.
      ( Nur die Psychiater - 2005 hätte ich eine richtige Diagnose bekommen und mir viel Leid ersparen können. Damit habe ich mich nicht ausgesöhnt. Auch mein Mann ist wütend deswegen)

      Ich bin dankbar denjenigen, die mich bestärkt haben, zu sein wie ich bin - auch ohne Diagnose. Es gab nicht viele, aber meine Oma gehörte dazu :)


      Rusty Mike wrote:

      Bei mir ist es anders. Ich würde sagen: "Ich bin nicht stolz darauf, Autist zu sein. Es ist eine Behinderung. Tatsächlich weiss ich nun, dass ich mein Leben lang falsch lag und die Anderen um mich herum Recht hatten. Hätte ich die Wahl, würde ich nicht wieder als Autist geboren werden wollen."
      Ich habe über mich nicht so gedacht , aber auch ohne Diagnose hatte ich Angst, dass meine Tochter so wird wie ich. Ich wollte, dass sie glücklich ist und keine traurige Kindheit mit Mobbing und ohne Freunde erlebt. Wenn jemand sagte: "DEine Tochter macht das genauso wie du" , bin ich furchtbar erschrocken.
      Also bei mir steht es nicht so zur Debatte , ich kann mir schlecht vorstellen, anders zu sein,
      doch wünsche ich mir sehr, dass andere nicht so leiden müssen.

      An @all - outet ihr euch? Wie fühlt sich das an ?

      ich war letzens beim Arzt (Orthopäden) und habe meine Diagnose erwähnt. Der Hintergrund ist, dass ich Schmerzen oft nicht richtig äußere und die dann in der Vergangenheit übersehen worden sind. Daraufhin hat er gesagt : "DAnn wollen Sie bestimmt, dass ich Ihnen Details zu Ihrem Röntgenbild erkläre" - ja, das war auch der Fall.
      Bei Ärzten habe ich also bisher eine poitive Erfahrung mit Outen gemacht.
    • Rhianonn wrote:

      An @all - outet ihr euch? Wie fühlt sich das an ?
      Bis auf die Arbeit versuche ich mich inzwischen in allen Lebensbereichen zu "outen". Warum? Weil ich sonst oft als absichtlich sich daneben benehmend und unangenehm wahrgenommen werde. Viele Menschen können mein Verhalten nicht einordnen und denken ich würde lügen oder etwas verbergen. So kann ich mich eher trauen, ich zu sein und das "Social Masking" abzulegen. Es fühlt sich sehr gut an, denn ich habe weniger Stress damit Augenkontakt vorzutäuschen, meine Tonlage zu kontrollieren, meine Selbststimulation zu unterdrücken und zu versuchen das passende Gesicht zu machen. So kann ich mit weniger Stress soziale Kontakte pflegen, die mir wichtig sind. Wenn mein Umfeld in der Freizeit damit nicht umgehen kann ist es eindeutig das Falsche.

      Auf der Arbeit hätte ich sorge, dass es meine Karriere beeinflusst, ich habe dort zum Glück Kollegen, die mir recht ähnlich sind, bzw. ein Umfeld, was mich als seltsam, aber nett und gut im Job akzeptiert mit all meinen "Macken" und Eigenheiten, auch ohne Erklärung. (Da habe ich großes Glück und bin sehr dankbar für.)
    • Outen fand ich am Anfang schwierig. Ich habe mich meistens nur getraut, es schriftlich zu machen, z.B. in einer Mail. Die ersten Outing-Versuche waren auch nicht sehr positiv. Es kamen keine Rückfragen und selber wusste ich nicht, was oder wieviel ich dazu erklären soll/kann.
      Mit der Zeit ist es ein bisschen besser geworden, jetzt kann ich es auch mal mündlich sagen. Die Erklärungen dazu finde ich aber immer noch schwierig, oder auch der Umgang mit den Reaktionen.

      Bei Ärzten ist es einfacher, ich trage es ins Anmeldeformular ein, wenn nach Diagnosen gefragt wird, oder sage es im Gespräch. Aber eher nur bei Ärzten, wo ich häufiger bin. Rückfragen sind da aber auch noch keine gekommen.

      Am Arbeitsplatz wissen es der Chef und eine Kollegin, die anderen nicht (zumindest nicht von mir, falls sie doch etwas wissen).
      Menschen sind auch nur Tiere. - Ich mag Tiere!
    • Da ich vor nicht allzu langer Zeit Schwierigkeiten damit hatte, überhaupt das Wort Autismus auszusprechen, ergibt es sich, dass ich mich freiwillig noch nie vor Fremden geoutet habe.
      Nur bei der Uni wegen Nachteilsausgleich und beim Sozialamt.
      Ich frage mich auch immer, was das überhaupt bringen würde.
      Bessere Behandlung und Verständnis ist ja gut, aber aufgrund eines Etiketts?
      Ist das nicht ein falsches Spiel, wenn mein Gegenüber dadurch dermaßen in seinem Verhalten beeinflusst werden kann, also, natürlicherweise würde das autistische Verhalten ihm/ihr nicht angenehm oder störend sein, durch das Wissen darüber, dass es autistisch ist, ändert ja eigentlich nichts daran, dass es angenehm oder störend ist. Es ändert halt nur die Behandlung in Bezug auf mich, zu meinen Gunsten auf Kosten meines Gegenübers. Wofür?
      Also, ich meine, nur weil ich ein radioaktives Element benenne und “verstehe”, ändert es ja nichts daran, dass es radioaktiv ist...
      kA, is doof
      „Kein Mensch sollte sich dafür schämen müssen, wer er ist."
      - CSI - Den Tätern auf der Spur S4E6
    • Ich denke mir halt, warum soll ich etwas von mir verstecken? Es ist ein Teil von mir.
      Außerdem nimmt es mir den Druck, immer funktionieren zu müssen. Wer mich dann so nicht akzeptiert, soll es lassen.
      Soweit die Theorie.
      Menschen sind auch nur Tiere. - Ich mag Tiere!
    • Cloudactive wrote:

      Ich frage mich auch immer, was das überhaupt bringen würde.

      Bessere Behandlung und Verständnis ist ja gut, aber aufgrund eines Etiketts?
      Ist das nicht ein falsches Spiel, wenn mein Gegenüber dadurch dermaßen in seinem Verhalten beeinflusst werden kann, also, natürlicherweise würde das autistische Verhalten ihm/ihr nicht angenehm oder störend sein, durch das Wissen darüber, dass es autistisch ist, ändert ja eigentlich nichts daran, dass es angenehm oder störend ist. Es ändert halt nur die Behandlung in Bezug auf mich, zu meinen Gunsten auf Kosten meines Gegenübers. Wofür?
      Ich muss vorausschicken, dass ich noch mitten in der Diagnostik stecke.
      Während meiner 4-wöchigen ambulanten Reha habe ich mich von Anfang an den Therapeuten und meinen Mitpatienten anvertraut und meinen Verdacht geäußert. Da ich sehr quirlig bin und ein ziemlich loses Mundwerk habe (RW), habe ich gleich darauf hingewiesen, dass ich Kommunikationsschwierigkeiten und Wahrnehmungstörungen habe. Ich habe darum gebeten, mir klare Hinweise zu geben, wenn ich etwas nicht/falsch verstehe, etwas Unangemessenes sage, zu weitschweifig werde...
      Das hat wunderbar funktioniert und wir hatten ein super Verhältnis untereinander, auch wenn die Zeit für mich wahnsinnig anstrengend war.
      Es hat mir sehr gut getan, dass ich meine Probleme offen und ehrlich ansprechen konnte, dass ich mich nicht verstellen musste. Es gab dort kein "falsch".
      Hier (wieder Zuhause) ist es extrem frustrierend und anstrengend, dass ich aufpassen muss, wem gegenüber ich welche Äußerungen mache. Es könnte mir berufliche Nachteile bringen, wenn ich mich ohne offizielle Diagnose oute, obwohl es manchmal wirklich nur Kleinigkeiten sind, die man ändern müsste/könnte, um mir große Erleichterung zu verschaffen :? .
    • Rhianonn wrote:

      ich war letzens beim Arzt (Orthopäden) und habe meine Diagnose erwähnt. Der Hintergrund ist, dass ich Schmerzen oft nicht richtig äußere und die dann in der Vergangenheit übersehen worden sind. Daraufhin hat er gesagt : "DAnn wollen Sie bestimmt, dass ich Ihnen Details zu Ihrem Röntgenbild erkläre" - ja, das war auch der Fall.
      Das ist super :) Ich mag es wenn Ärzte sich die Zeit dafür nehmen einem etwas zu erklären und näher auszuführen. Mein Hausarzt konnte mit dem Begriff Asperger z.B. gar nichts anfangen, er wusste nicht was das sein soll. Das mag daran liegen, dass er schon etwas älter ist.
    • Mir geht es nach der Diagnose wieder erwarten schlecht. Die ist aber auch erst 20 Tage her.
      Ich bin traurig und auch wütend (wegen unterschiedlichen Aspekten meines bisherigen Lebens) und irgendwie plötzlich überhaupt nicht mehr bereit mich anzupassen oder noch irgendwie anzustrengen.
      Für mich hat sich jetzt zunächst ein tiefes Loch aufgetan was ich so überhaupt nicht erwartet hatte.
      Erwartet hatte ich, mich besser zu fühlen da ich jetzt ja eine bestätigte Erklärung für alle Widrigkeiten und Besonderheiten habe.
      Ich hatte naiv so etwas wie ein "Superwomen" Gefühl erwartet, da ich ja auch sagen/denken KÖNNTE (und auch wollte): Du (ich) hast es trotzdessen geschafft 42 Jahre irgendwie den "Boden unter den Füßen zu behalten", jetzt weißt du (ich) ja auch warum das so schwierig und anstrengend war.
      Mich "autistisch" gehen zu lassen funktioniert selbstverständlich auch nicht (wäre wohl auch eher dumm, kontraproduktiv und ebenso sinnlos wie sich weiterhin so anzustrengen und zu "verbiegen"- da muss noch ein Mittelweg her) da ich meinen Alltag einfach so weiterführen muss wie vorher auch (es sind nur kleine Änderungen möglich zur Zeit), allein schon wegen meinem Sohn.
      Outen kommt für mich auch nicht in Frage.
      Das alles muss man sich doch erst einmal "zurechtdenken" offensichtlich. Die Zeit wird es hoffentlich mit sich nehmen.

      “We’re all stories, in the end. Just make it a good one, eh?”
      — The Doctor, Season 5, Episode 13
    • Der Satz des Psychiaters hat bei mir nichts mehr verändert. Entscheidend war die Selbsterkenntnis, dass es wohl AS sei (die als Folge der Diagnose meiner Tochter wuchs). Auf einmal waren viele Dinge in der Vergangenheit nicht mehr Dokumente des Versagens, sondern unvermeidliche Folgen von AS. Und nach und nach wurde mir klar, dass ich zwar nicht die unglaubliche Selbstdisziplin meines Vaters (der wohl auch AS hatte) geerbt habe, aber doch genug davon - nicht Mangel an Selbstdisziplin ist Schuld am einen oder anderen Problem, ganz im Gegenteil, nur weil ich alles in allem recht konsequent bin, bin ich einigermaßen unauffällig durchs Leben gekommen. Und ich habe rückblickend erkannt, dass ich intuitiv die meisten wichtigen Entscheidungen im Leben richtig getroffen habe, nämlich so, dass sie die Einschränkungen durch AS soweit möglich berücksichtigt haben.

      Ich war die letzten Jahre davor schon nicht unzufrieden mit meinem Leben - endlich Familie, beruflich lief es auch besser - aber seit dem Wissen um AS kann ich sagen: immer Glück gehabt, angefangen mit meinem Elternhaus, nichts grundlegend falsch gemacht, die auch rückblickend noch bedeutsamen Niederlagen im Leben waren unvermeidlich, und jetzt lebe ich auch beruflich in Umständen, die optimal sind - SI als Job, Arbeitsplatz zu Hause - ich kann wirklich zufrieden sein. Wären nur zwei oder drei grundlegende Dinge anders gelaufen - und dafür hätte es kein Pech gebraucht, nur weniger Glück - sähe die Welt für mich weit trüber aus. Trotzdem bin ich nicht froh über oder gar stolz auf meinen Autismus, dafür war er doch zu hinderlich über weite Strecken des Lebens. Er ist Teil von mir, ohne ihn wäre ich nicht ich, aber das macht es nicht besser.