Lotsen zum Abitur- Gleichaltrige begleiten autistische Schüler (NDR)

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Rhianonn wrote:

      Dieser Fall ist imho viel seltener als der umgekehrte. Mit praktischen Talenten tut sich keiner Geisteswissenschaften an, der wird Ingenieur.
      Da ist meine Erfahrung etwas anders. Meinem Eindruck nach gibt es auch in den Geisteswissenschaften relativ wenige Studenten, die Dyspraxie/ ernsthafte motorische Probleme haben. Gut möglich, dass viele tatsächlich wenig für Mathe und Technik begabt sind, aber grundsätzliche "praktische Talente" besitzen viele Geisteswissenschaftler. Ich war selbst überrascht, als ich erfuhr, dass gar nicht so wenige Studentinnen in dem Bereich davon träumen, ein eigenes Café mit Gastronomie oder ähnliches aufzumachen. Nicht wenige sind auch im kunsthandwerklichen Bereich aktiv. Und für nicht wenige affine Berufe, wie Museumspädagoge oder Theaterpädagoge, sind "praktische" Begabungen Voraussetzung. Auch Lehramt wird mit motorischen Einschränkungen schwierig - und ebenso viele Praktika, wo man ja erst einmal "Mädchen für alles" ist. Gerade in den Geisteswissenschaften wird unterschätzt, wie wichtig Motorik vielfach doch ist. Die Motivation, in den Bereich zu gehen, liegt oft in einer Kombination aus Interesse am Fach und Unsicherheit, was die beruflichen Ziele betrifft.

      FrankMatz wrote:

      Noch eine Überlegung: Auf dem Weg zum Handwerksmeister wird man erst mal Geselle. Aus jedem Gesellen wird aber noch lang kein Meister - die Mehrheit bleibt beim Gesellenbrief, aus ganz unterschiedlichen Gründen: Die Meisterausbildung kostet einiges, geht oft nicht am Wohnort, und, ja, jeder packt sie vielleicht auch nicht. Ein Arbeitsleben als Handwerksgeselle (Bäcker oder Klempner, Maler oder Koch u.v.a.m.) lässt einen aber nicht gerade reich werden.
      Das stimmt. Auch Meister verdienen meines Wissens nach zumeist nur richtig gut, wenn sie selbständig sind. Dafür braucht es jedoch oft auch schon entsprechenden finanziellen Rückhalt, das ist vielen gar nicht möglich.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      The post was edited 1 time, last by Leonora ().

    • FrankMatz wrote:

      Frage: Wenn die Vollpfosten nicht an die Uni gehen, sondern Handwerksmeister werden, wem ist dann gedient?
      Nur ob die dann Meister werden? Das sind doch eher die Kandidaten, wo es auch dafür nicht reicht (ich meine jetzt nur diejenigen, die wegen starkem "Rückenwind" von zu Hause trotz intellektueller Minderausstattung bis an die Uni gekommen sind).

      FrankMatz wrote:

      Nein, ich kann es keinem jungen Menschen verübeln, wenn er um das Handwerk einen großen Bogen macht.
      Keine Frage, ich sage ja auch nicht "sollen die nicht". Das Problem sehe ich darin, dass es einen gewissen sozialen Druck in die Richtung gibt und auch die Politik die Akademisierung fördert. Und an der Grundschulklasse meiner Tochter konnte man sehr gut sehen, dass das nicht unbedingt zu einer Selektion der Geeigneten führt - ihre Kindergartenfreundin wurde trotz (berechtigter) Gymnasialempfehlung auf die Realschule geschickt, weil ihre Eltern (beide kein Abitur) wegen ihrer Legasthenie in Sorge waren (was z.B. auf dem Gymnasium, auf das meine Tochter geht, kein Problem gewesen wäre - die kommen ja auch mit AS-Kindern zurecht). Ich plädiere nicht für eine Auswahl, sondern dagegen, dass die jungen Leute in Richtung Uni gedrängt werden.

      Leonora wrote:

      Auch Meister verdienen meines Wissens nach zumeist nur richtig gut, wenn sie selbständig sind.
      Aber nur dann, wenn man nur auf das klassische Handwerk schaut. In der Industrie hat man als Meister durchaus Karrierechancen bis zum Abteilungsleiter. Und der Geisteswissenschaftler, der keinen seiner Ausbildung angemessenen Arbeitsplatz kriegt (bei Ethnologen lag die Quote derjenigen, die im Fach blieben, schon in den 80er Jahren bei 1%, und der Rest ist keineswegs geschlossen als Journalisten o.ä. untergekommen - eher als Taxifahrer), oder die BWL-BAs, die z.T. nicht besser sind als Bürokaufleute gleichen Alters und entsprechend schlecht bezahlt werden, sind genausogut Kandidaten für Altersarmut.
    • HCS wrote:

      oder die BWL-BAs, die z.T. nicht besser sind als Bürokaufleute gleichen Alters und entsprechend schlecht bezahlt werden, sind genausogut Kandidaten für Altersarmut.
      Stimmt. Ich hab dafür sogar ein Beispiel in meinem weiteren Umfeld: Abitur nach fünf Jahren Oberstufe, BWL-Studium bis zum Bachelor mit maximal möglichen Wiederholungen von Prüfungen, Master nicht möglich, und mit 26 Einstieg in den Bereich "Spedition und Logistik" auf einem Posten für Speditionskaufleute. Kaufmann für Spedition und Logistik kann man aber auch mit mittlerer Reife werden und ist dann mit 19 fertig.

      Ich wollte aber auf etwas anderes hinweisen: Vom gesellschaftlichen Ansehen und von der Bezahlung her ist zwischen der Ausbildung in einem Lehrberuf (ob jetzt gewerblich oder kaufmännisch) immer noch ein Riesenunterschied. Die großen Unterschiede in der Bezahlung kommen hinzu. Wir leiden eben immer noch an den Auswirkungen des dreigliedrigen Schulsystems, wo die "nur" handwerklich Begabten auf die Hauptschule geschickt wurden (früher: auf der Volksschule blieben). Dass in unserer Gesellschaft schon immer der Mythos vom gediegenen Handwerk hochgehalten wurde (vor allem auch über das Loblied auf die deutsche duale Ausbildung), ändert nichts daran, dass für eine Akademikerfamilie bis heute die Katastrophe eintritt, wenn das Kind im allgemeinbildenden Schulwesen nur die mittlere Reife schafft und dann eine Ausbildung, am Ende gar noch eine im Handwerk machen muss. Und zack, ist vom Loblied aufs Handwerk nichts mehr zu hören. Polemisch: Der arme Zahnarztsohn wird Maler und Lackierer!

      Und sonst bleiben Fakten: Je höher das Ausbildungsniveau, desto geringer die Gefahr von Phasen der Arbeitslosigkeit im Lebenslauf, besonders in den letzten Jahren vor der Rente. Auf die unterschiedliche Lebenserwartung (eigentlich etwas ganz Brutales!) habe ich ja schon hingewiesen. Und ich glaube, auch die Glücksforschung hat etwas beizutragen: Der studierte Ethnologe, der nachher Taxifahrer wird, hat eine höhere Lebenszufriedenheit als der Bäckergeselle, der nach seiner Mehlstauballergie auf der Taxe landet.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • FrankMatz wrote:

      Je höher das Ausbildungsniveau, desto geringer die Gefahr von Phasen der Arbeitslosigkeit im Lebenslauf, besonders in den letzten Jahren vor der Rente.
      Kein Widerspruch, statistisch stimmt das natürlich - aber auch da möchte ich doch annehmen, dass der zweitklassige Akademiker ein höheres Risiko hat als der erstklassige Geselle oder gar Meister. Ich glaube, wir schreiben beide im gleichen Sinne über das gleiche Problem und setzen nur die Akzente etwas anders. Ich schaue auf die, die besser nicht studiert hätten, Du auf die, die es nicht getan haben, obwohl es eigentlich dafür gereicht hätte.
    • HCS wrote:

      (...) da möchte ich doch annehmen, dass der zweitklassige Akademiker ein höheres Risiko hat als der erstklassige Geselle oder gar Meister.
      Wenn der zweitklassige Akademiker im öffentlichen Dienst untergekommen ist, wohl nicht. Und auch denn erstklassigen Gesellen kann es beuteln, wenn sein Betrieb genau dann schließt, wenn er so um die 50 ist. Außerdem: Wer ist schon wirklich erstklassig? Und ist zweitklassig gleich etwas Schlechtes? Mein Hausarzt hat jetzt sicher weder die tolle Facharztkarriere hingelegt noch ist er Chefarzt im Krankenhaus geworden und auch kein zweiter Lauterbach. Aber seinen Zweck erfüllt er, wenn ich Husten habe, Einlegesohlen oder eine Impfauffrischung brauche oder eine Überweisung zum Facharzt benötige. Und ich selber? Erst- oder zweitklassig? Ich wage das nicht zu entscheiden...
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • FrankMatz wrote:

      Und ist zweitklassig gleich etwas Schlechtes? Mein Hausarzt hat jetzt sicher weder die tolle Facharztkarriere hingelegt noch ist er Chefarzt im Krankenhaus geworden und auch kein zweiter Lauterbach.
      Erstklassig heißt ja nicht, absolute Spitze des grundsätzlich Erreichbaren. Man kann ein erstklassiger Hausarzt sein und dennoch ungeeignet für eine Chefarztstelle. Ich glaube ein erstklassiger Wissenschaftler zu sein, weiß aber, dass ich als Prof krachend gescheitert wäre (und habe es deshalb garnicht erst versucht).

      Und der öD ist ja nun kein Akademikerreservat - da gibt es genauso auch (erst- wie zweitklassige) Facharbeiter, Bürokaufleute und Angelernte, die alle die gleiche Sicherheit wie die Akademiker im gleichen Laden haben.
    • Nicht ganz - für die mittleren und einfachen Tätigkeiten im öffentlichen Dienst werden inzwischen fast nie mehr Beamte eingestellt, nur noch Angestellte, die im Prinzip kündbar sind. "Rausgeworfen" werden sie allerdings normalerweise auch nicht.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      "Rausgeworfen" werden sie allerdings normalerweise auch nicht.
      Ja, aber...:

      Wikipedia (Stichwort "Unkündbarkeit") wrote:

      Im Rahmen der wichtigen Gründe kann nach der ständigen Rechtsprechung des BAG aufgrund tarifvertraglicher Vorschriften eine außerordentliche Kündigung aus wichtigem Grund bei Krankheit in Betracht kommen, und zwar bei Langzeiterkrankungen oder häufigen Kurzerkrankungen.[19]Im Falle eines „sinnentleerten Arbeitsverhältnisses“ (Orlando-Kündigung), bei dem der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer auf „unabsehbare Dauer“ Arbeitsentgelt fortzahlen müsste, ohne ihn beschäftigen zu können,[20] ist eine außerordentliche betriebsbedingte Kündigung durch den Arbeitgeber möglich. Das trifft auf Fälle zu, wo dem Arbeitgeber Unternehmerfreiheit zugesprochen wird und hierdurch Tätigkeiten wegfallen (etwa Personalabbau durch Outsourcing).
      Der Artikel bezieht sich auf Arbeitnehmer (früher: Angestellte) im ÖD. Sie sind nach 15 Jahren nicht so ohne Weiteres kündbar, aber zwei entscheidende Gründe nennt Wiki eben doch. Nur Beamte haben es deutlich besser. Sie können bei Krankheit nicht gekündigt werden (nur in den Ruhestand versetzt) und die außerordentliche betriebsbedingte Kündigung geht gar nicht. Briefträger, Lokführer waren mal Beamte: kleines Gehalt und große Sicherheit. Heute sind die Gehälter der Nicht-mehr-Beamten kaum größer geworden, aber die Sicherheit ist weg (ja schon wegen der Privatisierung), und in der Rente (statt Pension) sind die Unterschiede dann richtig groß. Wundert's einen, wenn die Lokführer fehlen? Erscheint auf der Anzeigentafel am Bahnsteig "Zug fällt aus", liegt es in der Regel am fehlenden Personal, nicht an der Technik.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • Zwangsweise in den Ruhestand versetzt werden ist auch nicht toll, das gibt ne mickrige Frührente. Und blöd, wenn man das bei frisch diagnostizierten Aspergern macht, die ihre "Krankheit" schon ihr ganzes Leben lang hatten und eigentlich weiterarbeiten wollten!
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Leonora wrote:

      für die mittleren und einfachen Tätigkeiten im öffentlichen Dienst werden inzwischen fast nie mehr Beamte eingestellt, nur noch Angestellte, die im Prinzip kündbar sind.
      Gilt auch nur noch begrenzt als Unterscheidungskriterium - neuerdings müssen sie Lehrer zwar wieder mit dem Köder "Verbeamtung" locken, aber lange genug gab es das nicht. Ich kenne sogar Fälle, wo Lehrer immer wieder vom 1.9-31.7. befristet eingestellt wurden - und zwar jedes Jahr wieder mit der niedrigsten Tarifgruppe, weil "ohne relevante Berufserfahrung". Bei anderen akademischen Berufen gilt sicher heute noch, dass die Verbeamtung kein Selbstläufer mehr ist.
    • Lex wrote:

      Dass sie meinen die hätten kaum relevante Berufserfahrung.
      Das ist bei manchen staatlichen Stellen normal, so auch Uni Köln. Da wurde ich bei einem kurzfristigen Vertrag genauso eingestuft - und ich sollte ein Thema bearbeiten, an dem ich schon 30 Jahre dran war, mit entsprechenden Publikationen, und bei dem niemand anderes auch nur annähernd meine Erfahrung hatte.
    • FrankMatz wrote:

      Der Artikel bezieht sich auf Arbeitnehmer (früher: Angestellte) im ÖD. Sie sind nach 15 Jahren nicht so ohne Weiteres kündbar, aber zwei entscheidende Gründe nennt Wiki eben doch. Nur Beamte haben es deutlich besser.
      Das stimmt, im Vergleich zu den Verhältnissen vor einigen Jahrzehnten haben sich die Bedingungen für die Leute, die im öffentlichen Dienst für "einfache" oder mittlere Tätigkeiten beschäftigt sind, deutlich verschlechtert. Verglichen mit der "freien Wirtschaft" sind die Jobs aber noch immer sicherer.

      FrankMatz wrote:

      Briefträger, Lokführer waren mal Beamte: kleines Gehalt und große Sicherheit. Heute sind die Gehälter der Nicht-mehr-Beamten kaum größer geworden, aber die Sicherheit ist weg (ja schon wegen der Privatisierung), und in der Rente (statt Pension) sind die Unterschiede dann richtig groß.
      Ja, ich weiß. Zusätzlich zur Sicherheit gab es gerade bei Post und Bahn häufig noch geldwerte Vorteile, wie kostengünstige oder sogar kostenfreie Dienstwohnungen und/oder freie Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Stellen waren lange sehr beliebt. Heute ist der öffentliche Dienst in vieler Hinsicht längst nicht mehr das, was er war, aufgrund bewusster politischer Entscheidungen. Auch da sind gerade für Autisten "Nischen" geschlossen wurden.

      FrankMatz wrote:

      Wundert's einen, wenn die Lokführer fehlen? Erscheint auf der Anzeigentafel am Bahnsteig "Zug fällt aus", liegt es in der Regel am fehlenden Personal, nicht an der Technik.
      Das ist hier in den letzten Monaten extrem. Inzwischen geben die Zugbegleiter offen zu, dass es am Personalmangel liegt.

      HCS wrote:

      Ich kenne sogar Fälle, wo Lehrer immer wieder vom 1.9-31.7. befristet eingestellt wurden - und zwar jedes Jahr wieder mit der niedrigsten Tarifgruppe, weil "ohne relevante Berufserfahrung". Bei anderen akademischen Berufen gilt sicher heute noch, dass die Verbeamtung kein Selbstläufer mehr ist.
      Stimmt. Diese Praxis ist einfach nur zynisch, und das vom öffentlichen Dienst.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.