Autismus in der Verwandtschaft

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    • Autismus in der Verwandtschaft

      Heute ist mir etwas seltsames passiert. Seit meiner Diagnose frage ich mich, woher mein Autismus eigentlich kommt. Es heißt ja das die Vererblichkeit (sagt man das so?) relativ hoch ist, aber trotzdem hatte ich den Fokus nie auf meiner Familie. Tatsächlich dachte ich immer das ich eine Ausnahme, eben ein Sonderling bin und mich meine Eltern einfach nicht verstehen können. Ich habe zu ihnen keinen besonders guten Kontakt mehr und das hilft mir. Denn es ist stressig, wenn sie in der Nähe sind.

      Heute war es nun aber so, dass mein Vater und mein Bruder zu Besuch waren und ich hatte die Gelegenheit ihr verhalten zu beobachten. Das Verhalten meines Bruders war seit jeher sonderbar, aber dieses Mal fiel mir stark auf, das er Leuten nur selten in die Augen guckt und eigentlich die ganze Zeit über seine Spezialthemen redet und dabei niemanden zu Wort kommen lässt. Überhaupt ist das eine Sache in meiner Familie, die ich immer besonders anstrengend gefunden habe. Jeder redet über sein Thema, ohne das sich die Leute zuhören, alle aneinander vorbei sozusagen.

      Aber bei ihm kommt dazu, dass er bereits mit 4 Jahren in der Lage war eine Bohrmaschine zu bedienen und ein handwerkliches Geschick aufwies, das seinesgleichen sucht. Mein Bruder ist in der Lage Autos instand zu setzen, Computer zu fixen und ein Haus von der Mauer bis zur Elektrik aufzubauen, ohne das er dafür Hilfe benötigen würde. Das alles konnte er zwar nicht schon mit 4 Jahren, aber seine starke Begabung in diesem Bereich und dagegen seine starken sozialen Schwierigkeiten seit jeher sind schon vielen Leuten auffällig gewesen.

      Auch ist er absolut auf bestimmte Abläufe fixiert. Dinge müssen auf einen bestimmte Art gemacht werden, sonst wurde und wird er sehr schnell wütend. Ich will nun gar nicht behaupten das er Autist ist, aber zumindest hat er stark autistische Züge, die mir so vorher nie so deutlich aufgefallen waren.

      Nun ist er kein Mensch der besonders viel redet (wenn es nicht um seine spezialthemen geht) und vor allem nichts mit irgendwelchen Themen der Psyche am Hut hat. Er hat einen Job der ihn ausfüllt und bei dem seine sozialen Besonderheiten egal sind. Aber im Prinzip sehe ich bei ihm eine menge parallelen, auch wenn meine diplomatische Ader etwas stärker ausgeprägt ist und dafür das handwerkliche Geschick total an mir vorbei ging.

      Mein Vater wiederum ist auch so ein besonderer Fall: Von ihm scheint das in meinem Bruder vertretene handwerkliche Geschick zu stammen. Auch er ist schon in frühester Kindheit mit dem Werkzeugkasten durch die Gegend gerannt und hat Dinge auseinander und korrekt oder sogar besser wieder zusammen gesetzt. Er hat ein fast schon absolutes Auge für Genauigkeit und einen Faible für Mathematik.

      Ihm wiederum fehlt es nicht an diplomatischem Geschick und ich sehe in ihm keine der vordergründigen Eigenschaften die den Autismus oft beschreiben. ich kann mir nicht vorstellen das ich meine besondere Weltsicht von ihm habe, aber ganz sicher weiß ich es auch nicht, denn in all seinen Geschichten gibt es besonderheiten, die sich mir nicht ganz schlüssig erklären.

      Ich stelle fest, dass ich mich Frage woher das kommt. Wo in meiner Familie gab es Autisten oder zumindest sehr exzentrische Leute und da gab es dem Anschein nach so einige.
      Da wäre etwa mein Urgroßvater, der mit Menschen so gut wie nie ein Wort wechselte und vollständig in seiner Kunst aufging. Er malte Stillleben und Portraits und auch er sah leuten selten direkt in die Augen und es war schwer überhaupt einen Zugang zu ihm zu finden. Man sagt allerdings das er ein großes (gutes) Herz gehabt haben soll und sich nach dem Krieg noch mehr in seine innere Welt zurück gezogen hatte, sodass eigentlich kaum noch ein Wort über seine Lippen kam. (Er hatte seinen Arm verloren und das Malen konnte er mit der anderen Hand nur noch schlecht ausüben)

      Mütterlicherseits wiederum kommt bei meiner Familie eher Borderline ins Spiel. Eine ängstlich vermeidende Persönlichkeit, deren strengen Großeltern das Ihrige dazu beitrugen die Situation zu verschlimmern.

      Meine Mutter war in den Augen ihres Großvaters nichts wert und das ließ er sie bis an sein Lebensende spüren. Solche Erziehung wirkt sich natürlich auch Nachhaltig auf den Charakter aus, will sagen, woher eine Eigenschaft rührt ist sicher nicht immer leicht zu erklären, aber es gibt einem schon zu denken.

      Da es sowhl bei meinem Bruder und mir sehr starke Anzeichen gibt frage ich mich, wer wohl noch betroffen war.
    • Gedankenwildkind wrote:

      und eigentlich die ganze Zeit über seine Spezialthemen redet und dabei niemanden zu Wort kommen lässt. Überhaupt ist das eine Sache in meiner Familie, die ich immer besonders anstrengend gefunden habe. Jeder redet über sein Thema, ohne das sich die Leute zuhören, alle aneinander vorbei sozusagen.
      Das zeigt gut, dass auch Autisten untereinander nicht immer kompatibel sind. :d
      Ich bin auch jemandem begegnet über längere Zeit und das war schon anstrengend, wenn man dem anderen dann sogar noch sagt, dass es einen nicht interessiert, und er trotzdem weiter macht. :roll:
      Da bin ich noch einsichtiger und höre dann meistens auf.

      Gedankenwildkind wrote:

      Da wäre etwa mein Urgroßvater, der mit Menschen so gut wie nie ein Wort wechselte und vollständig in seiner Kunst aufging. Er malte Stillleben und Portraits und auch er sah leuten selten direkt in die Augen und es war schwer überhaupt einen Zugang zu ihm zu finden. Man sagt allerdings das er ein großes (gutes) Herz gehabt haben soll und sich nach dem Krieg noch mehr in seine innere Welt zurück gezogen hatte, sodass eigentlich kaum noch ein Wort über seine Lippen kam. (Er hatte seinen Arm verloren und das Malen konnte er mit der anderen Hand nur noch schlecht ausüben)
      Um dich etwas zu bremsen, sage ich mal, dass ich über einige ältere Leute aus früheren Generationen gehört habe, dass sie so wären.
      Vor allem zu Zeiten des Krieges, wurde die Psyche der Leute stark beeinflusst.
      „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
      (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 - 322 v. Chr.)
    • Mein Autismus kommt über die Gene meines Vaters, bei dem ich das allerdings so gar nicht sehe. Übersprungen oder keine Ahnung. Seine Mutter und seine beiden Halbgeschwister sind garantiert auch Autisten (gewesen) - sie waren in der Familie die einzigen, zu denen ich mich hingezogen und verstanden fühlte. Alle anderen, insbesondere die Familie meiner Mutter, sind für mich schon immer fremd und unverständlich gewesen. Daher kam auch sehr früh mein Aliengefühl.

      Meine Schwester ist garantiert nicht betroffen. Ihre Tochter auch nicht.

      Weitergegeben habe ich es an meinen Sohn.
      Corona ist dem Ring ähnlich.
      Der Ring in "Der Herr der Ringe" zeigt die Intensität der dunklen Seite der Wesen. Corona auch...
    • Cloudactive wrote:

      Um dich etwas zu bremsen, sage ich mal, dass ich über einige ältere Leute aus früheren Generationen gehört habe, dass sie so wären.
      Vor allem zu Zeiten des Krieges, wurde die Psyche der Leute stark beeinflusst.
      ist durchaus möglich.

      Nicht jedes Verhalten ist gleich autistisch. Trotzdem liegt es natürlich nahe zu schauen über welchen Weg der Autismus vielleicht vererbt wurde, ohne das ich das mit letzter Sicherheit festmachen könnte.
    • Ich habe mich schon sehr oft gefragt, woher meine autistischen Merkmale überhaupt kommen könnten und habe dabei durchaus auch meine Familie und die genetische Komponente in Betracht gezogen.

      Ohne Erfolg. Meine Familie ist bei beiden Elternteilen anscheinend komplett neurotypisch. Meine Mutter erzählt mir zwar oft, sie wäre als Kind "schüchtern" gewesen (was ich mir aber gerade bei ihr noch nicht so richtig vorstellen kann). Schüchternheit hat allerdings nicht direkt etwas mit Autismus tun und kommt auch bei NTs aufgrund schlechter Erfahrungen im Sozialen oder eine strenge Erziehung z. B. sehr häufig vor.

      Ob ich mein Asperger-Syndrom von einem entfernten Vorfahren vererbt bekommen habe? Durchaus möglich, aber dann müsste das schon mehrere Generationen zurückliegen (Urgroßeltern oder gar noch früher). Es könnte allerdings auch sein, dass es durch eine zufällige Mutation entstanden ist - wer weiß.

      (Wobei mir gerade einfällt, dass mein Neffe zweiten Grades unter Kanner-Autismus (?) leidet...)
    • Ich hatte mal eine Doku über das Down Syndrom gesehen. Dort wurde gesagt, dass mit geringer Wahrscheinlichkeit auch gesunde Eltern ein Kind mit Down Syndrom bekommen können. Aber, wenn Eltern mit Down Syndrom ein Kind bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit einfach extrem höher, dass deren Kind auch das Down Syndrom hat.

      So ähnlich stelle ich mir das auch bei Autismus vor. Irgendwer gesundes in der Familie bekam ein Kind mit Autismus. In nachfolgenden Generationen wurde dann die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es erblich weiter gegeben wurde. Was ja nicht heißt, dass jeder Nachfahre Autist ist, aber es vielleicht wahrscheinlicher ist.
      Toleranz ist, wenn Toleranz kein Thema sein muss.
    • Ich habe meinen Autismus höchstwahrscheinlich von meinem Grossvater mütterlicherseits geerbt. Der eine Onkel hat vom Verhalten her auch gewisse autistische Züge und beim Sohn des anderen Onkels wurde - erst im jungen Erwachsenenalter - ADHS diagnostiziert, was ja auch in gewissen Bereichen Parallelen zum Autismus aufweist. Väterlicherseits kann ich nichts sagen, da die Grossmutter schon vor meiner Geburt verstorben ist und zum (auch längst verstorbenen) biologischen Grossvater nie Kontakt bestand.
      Ich wurde ungefragt auf diesem Planeten abgesetzt - und dann haben sie mir nicht mal ein Handbuch mitgegeben...
    • In der Verwandtschaft war ein Großonkel, der immer extrem auf gleichförmige, stark strukturierte Abläufe und Pünktlichkeit fixiert war. Er war anderen Menschen wenig zugetan, und meine Mutter berichtet, dass es so wirkte, als sei er seiner Frau gegenüber völlig gefühlskalt.

      Als Kind wurde ich oft (scherzhaft) mit diesem Onkel verglichen, als Kind konnte ich den Scherz darin aber leider nicht begreifen. :nerved: Ich bestand auch immer darauf, dass alles gleich abläuft. Auch im Urlaub sollte immer zu genau der gleichen Zeit gegessen werden. Meine Eltern wären da lieber etwas freier gewesen in der Gestaltung. Ich bestellte mir dann in immer dem gleichen Restaurant immer das gleiche Gericht. Meine Eltern fanden das doof, sie wären wohl gerne auch mal woanders essen gegangen. :d Aber dann aß ich nichts, das war dann auch nicht in ihrem Sinne. :lol:

      Aber auch beide Elternteile haben gewisse Anteile. Nur eben nicht so stark ausgeprägt wie bei mir. Es hat sich dann bei mir quasi summiert.
      In den nachfolgenden Generationen gibt es zwar einige Auffälligkeiten und zwei ADS Diagnosen (Ich habe selbst auch eine ADS Diagnose.), aber bislang keine Autismus Diagnose. Schauen wir mal, wie es weiter geht.... ;)
      Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d
    • Seelenlos wrote:

      Dort wurde gesagt, dass mit geringer Wahrscheinlichkeit auch gesunde Eltern ein Kind mit Down Syndrom bekommen können. Aber, wenn Eltern mit Down Syndrom ein Kind bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit einfach extrem höher, dass deren Kind auch das Down Syndrom hat.

      So ähnlich stelle ich mir das auch bei Autismus vor.
      Das ist so definitiv falsch, weil die Entstehung eine völlig andere ist (außer bei seltenen Fällen von syndromischem Autismus). Trisomie (egal welche) heißt ja, dass ein komplettes Chromosom zu viel da ist. Das kommt durch Fehler bei der Zellteilung zustande, und zwar in stark erhöhter Häufigkeit bei späten Eltern. Autismus dagegen (soweit genetisch bedingt) beruht Stand heute auf dem Zusammenspiel einer (womöglich bei jedem einzelnen Autisten individuellen) Reihe von mutierten Einzelgenen mit weiteren Einflüssen, und das ist eine komplett andere Sache. Deshalb ist (wieder abgesehen von wenigen Fällen von syndromischem Autismus) die genetische Ursache auch nicht klar und einfach auszumachen, ganz im Gegensatz zu Trisomien.

      Zwar hat die Weitergabe an die folgende Generation in beiden Fällen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, aber die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Entstehung bei der ersten Generation ist bei Trisomien ungleich häufiger, weil ein einfacher Reproduktionsfehler ausreicht, während bei Autismus mehrere passende Spontanmutationen zusammentreffen müssen.
    • Ich habe es über meine Oma väterlicherseits. Sie hatte drei Kinder, zwei sind\waren autistisch wie ich und eines nicht (mein Vater)
      Corona ist dem Ring ähnlich.
      Der Ring in "Der Herr der Ringe" zeigt die Intensität der dunklen Seite der Wesen. Corona auch...
    • Ich habe den starken Verdacht, dass mein Onkel auch Autist ist. Er ist schon immer ein Einzelgänger und Eigenbrötler gewesen, hatte seit ich Denken kann noch nie
      eine Frau an seiner Seite. Wenige ausgewählte Freunde, hauptsächlich von seiner früheren Arbeitsstelle. Er kann sich gut in komplexe Themengebiete einarbeiten und aufbringen,
      ist technisch sehr begabt - und sammelt als alter Post/Telekommitarbeiter Telefone.

      Auch zwischenmenschlich scheint er Probleme zu haben. Auf der Arbeit ging es ihm so lange gut, so lange er im Außendienst und bei Kunden Telefone reparieren durfte.
      Allein ohne Kollegen, zwar mit Kundenkontakt, aber das war ja am Ende nur Problemlösung (defektes Telefon/Leitung wieder herstellen). Durch Sparmaßnahmen und
      die Umstrukturierung Post zu Telekom wurde er in ein Callcenter in einem Großraumbüro versetzt. Ab da ging es mit seiner Gesundheit immer weiter bergab. Migräne,
      Rückenschmerzen, schließlich Frühpensionierung.

      Eine Zeitlang hatte er die Wohnung über sich in seinem Haus an einen Verwandten vermietet. Leider duschte der mitten in der Nacht nach der Spätschicht gerne,
      was im ganzen Haus zu hören war und meinen Onkel um den Schlaf brachte. Trotz mehrfacher Gespräche musste das Mietverhältnis dann beendet werden.

      Anekdote am Rande: der Sohn seines besten Freundes ist auch Asperger-Autist, wir sind im selben Verein an der Trompete und besuchen eine Gruppe gemeinsam.