Lebensbesonderheiten bei spät diagnostizierten Asperger Autisten

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    • Ich betreibe oft geistige Sandkastenspiele, mit zunehmendem Alter rückwärtsgewandt in die Vergangenheit, und mittlerweile glaube ich, daß ich mit einer frühen Diagnose auch keine bessere Förderung bekommen hätte, weil ich damals schon mit Hilfe meiner Familie und später wenigen Freunden das Optimum "herausgeholt" hatte.

      Die berufliche Eingliederung wäre mit oder ohne spezielle Therapie/Sozialkompetenztraining eh nur mit Glück gelungen, und Glück kann man nicht erzwingen, das ist wie mit dem Kennenlernen von Freunden - entweder zieht man irgendwann einen der "Gewinne" oder man greift immer wieder die "Nieten", wenn man sich ab und zu wieder zu neuen Versuchen aufrafft. Wobei die Bewertung "Niete" meist auf Gegenseitigkeit beruht. ;)

      Kürzlich habe ich für mich einen umfangreichen Berufswahltest gemacht, und es kamen genau die Dinge heraus, die ich tatsächlich gelernt oder ausgeübt habe. Ich habe also keine wesentlichen falschen Entscheidungen getroffen und meine Eltern und andere auch nicht, was mich angeht.
      Wenn einem die Bezüge verlorengehen, wird das "All" zum "Nichts".
    • Fidoline wrote:

      Zebra wrote:

      Ich hätte als Kind ja gar nicht diagnostiziert werden können da es damals in den 80er noch kein AS gab. Muss man ja auch bedenken, und scheinen einige vergessen zu haben.
      Ist ein guter Punkt, aber ab den 1990ern wäre es theoretisch möglich gewesen. Aber schon klar, dass dann erst mal die ganz auffälligen Fälle diagnostiziert werden. Wobei ich leider das Gefühl habe, dass auch heute noch viele Psychiater keine umfassenden Kenntnisse diesbezüglich haben.
      Ich wurde um 2000 rum (weiß ich grad nicht genau), aber das lag wohl primär daran, dass meine Mutter auf das Thema gestoßen ist und sich selbst damit beschäftigt hat. Sie hat dann mit mir gezielt einen Spezialisten in einer anderen Stadt aufgesucht.

      Sonst hätte ich bestimmt keine Diagnose bekommen, damals gingen die Leute hierzulande wohl noch davon aus, dass Autisten nicht sprechen könnten, und ich habe früh, gut und viel gesprochen.
    • Necroghoul7 wrote:

      Ich habe also keine wesentlichen falschen Entscheidungen getroffen und meine Eltern und andere auch nicht, was mich angeht.
      Ich denke, bei mir war es anders herum. Ich hätte einige andere Entscheidungen getroffen und mein Umfeld wohl auch. Vor allem hätte es mir durch Depressionen verlorene Jahre erspart. Was ich heute mache, hätte ich auf direktem Weg anstreben können, auch damals schon, aber weil es "untypisch war für eine Frau und doch so ein einsamer Beruf im Keller" riet mir jeder ab, speziell unter dem Gesichtspunkt ich neige "eh schon zu viel dazu mich abzukapseln" :m(: .

      Heute würde man erfreut meine Neigungen fördern und mir bestätigen IT sein ein für Asperger sehr gut geeignetes Arbeitsfeld.

      Statt dessen flog ich vom Gymnasium, weil ich mit der verzögert eintretenden Pubertät und den Veränderungen im Sozialverhalten der andern Schüler nicht zurecht kam und es keine Rückzugsmöglichkeiten gab, kein akzeptiertes Stimming... nichts um mir zu helfen, landete in einem sozialen Beruf der mich zum völligen Meltdown brachte, inklusive Unfähigkeit zu sprechen oder mich zu bewegen und dann musste ich Jahre über mich ergehen lassen in denen nur die Depression aber nicht der Asperger erkannt wurde, mit immer wieder Arbeitsversuchen im sozialen Feld oder im Großraumbüro, einer Klinkküche mit Akkordarbeit... bis ich endlich, mit 40! und Diagnose, die Umschulung zum Fachinformatiker machen konnte und neben dem späteren Beruf mein Studium ( alles nur möglich weil IT mein SI war, die ganze Zeit über, stets ignoriert und belächelt).
      Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave. - Friedrich Nietzsche
      Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen. - Voltaire

      The post was edited 4 times, last by Liramlis ().

    • Necroghoul7 wrote:

      Bei Kindern muß man nach bestem Gewissen entscheiden und weiß erst rückwirkend, was richtig und was falsch war, d.h. man kann nur immer wieder neu "anpassen" bzw. nachjustieren (wie bei normalen Kindern auch). Leider vertrauen die meisten Eltern ihrer Intuition und Beobachtung oft weniger als den Worten von - wie hieß es weiter oben gleich noch - gesellschaftlich "Höherrangigen" - dabei kriegen sie später die Vorwürfe der Kinder zu hören, nicht die anderen.
      So erlebe ich es auch. Den Sarkasmus-Smiley hätte es nicht gebraucht, es ist traurige Wahrheit. Auch wohlmeinendste Eltern können mal was falsch machen. Besonders wenn sie selber autistisches Verhalten zeigen.

      Beispiel von mir: Wenn mir gegenüber jemand Kritik übt, der mir ausgesprochen blöd/borniert/ überheblich/selten dämlich erscheint - dann nehme ich diesen Jemand gar nicht mehr ernst. Innerlich klappe ich die Ohren zu.
      Dabei kann die Information ja wichtig sein. Aber von "diesem Idioten" mag ich dann nichts mehr hören. Und damit schneide ich am ehesten noch ins eigene Fleisch(RW!).
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Als Mensch der mit 19 diagnostiziert wurde, bin ich dafür sehr dankbar. Ich überlege jedoch auch oft, was wäre, wenn es noch eher gekommen wäre?
      Ich hätte wohl ein besseres Abiturzeugnis. Meine Mutter hätte mit mir als Kind und Teenager besser umgehen können und ich hätte mich gleich für eine Ausbildung entschieden und nicht für ein Studium voller Menschen und Leistungsdruck.
      Aber ich denke auch, der Zeitpunkt war genau rechtzeitig. Ich war kurz vor einem absoluten Zusammenbruch, weil das Studium nicht klappte, da ich nicht mit 100 Leuten im Hörsaal Klausuren schreiben konnte und ich in der Uni keine Tics zeigen wollte und das mich so unter Druck gesetzt hat, dass ich regelmäßig Meltdowns hatte und mit Selbstverletzung versucht habe die Reize auszublenden.
      Mit der Diagnose konnte ich mein Leben genau an meine Bedürfnisse anpassen und einen Ausbildungsplatz finden, wo ich akzeptiert werde wie ich bin, wo es meinem Chef egal ist, ob ich mit den Händen flattere und wo ich nur mit wenigen Kollegen ruhig arbeiten kann. Ich habe jetzt eine Klasse mit unter 15 Schülern in der Berufsschule und keinen riesigen Hörsaal mehr. Ich habe jetzt eine Zukunft, auf die ich mich wirklich freue und ich fühle mich wohl.
      Ohne die Diagnose wäre ich vermutlich jetzt mit Depressionen in Therapie und hätte nur ein abgebrochenes Studium und würde damit kämpfen nicht zu wissen, was "falsch" mit mir ist.
    • MangoMambo wrote:

      Mit der Diagnose konnte ich mein Leben genau an meine Bedürfnisse anpassen und einen Ausbildungsplatz finden, wo ich akzeptiert werde wie ich bin, wo es meinem Chef egal ist, ob ich mit den Händen flattere und wo ich nur mit wenigen Kollegen ruhig arbeiten kann. Ich habe jetzt eine Klasse mit unter 15 Schülern in der Berufsschule und keinen riesigen Hörsaal mehr. Ich habe jetzt eine Zukunft, auf die ich mich wirklich freue und ich fühle mich wohl.
      Das kliingt super, aber wie kommt man dahin, ein Umfeld zu haben, dass zu seinen Bedürfnisse passt bzw. sich daran anpasst?
      Ich find das echt schwer.
    • Darlina wrote:

      MangoMambo wrote:

      Mit der Diagnose konnte ich mein Leben genau an meine Bedürfnisse anpassen und einen Ausbildungsplatz finden, wo ich akzeptiert werde wie ich bin, wo es meinem Chef egal ist, ob ich mit den Händen flattere und wo ich nur mit wenigen Kollegen ruhig arbeiten kann. Ich habe jetzt eine Klasse mit unter 15 Schülern in der Berufsschule und keinen riesigen Hörsaal mehr. Ich habe jetzt eine Zukunft, auf die ich mich wirklich freue und ich fühle mich wohl.
      Das kliingt super, aber wie kommt man dahin, ein Umfeld zu haben, dass zu seinen Bedürfnisse passt bzw. sich daran anpasst?Ich find das echt schwer.
      In dem man die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten ehrlich einschätzt, erkennt und sich danach richtet. Ich brauchte etwas Verlässliches, etwas in dem ich Vorwissen habe, etwas, was meine Interessen unterstützt und eine Sicherheit, dass es kein Problem wäre, wenn ich doch irgendwann auffalle. Deshalb bin ich in den öffentlichen Dienst gegangen und ich sehe jeden Tag, dass das ein Platz ist, wo sich viele "seltsame" Menschen vereinen. Ich weiß, dass ich das was ich tue gut kann, grade weil ich Aspie bin und ich weiß, dass das was ich tue anderen hilft und dieses Wissen brauche ich. Ich muss etwas Sinnvolles tun, damit es mir gut geht. Ich brauche Gleitzeit, denn dann kann ich den Berufsverkehr vermeiden und meinen Tag selbst einteilen. Ich brauchte eine eigene ruhige Wohnung und ich brauchte einen Kater, denn Tiere beruhigen mich. Ich wusste, dass ich zum Lernen weniger Menschen um mich herum brauche, deshalb habe ich die Gelegenheit ergriffen in eine kleine Klasse zu kommen und falls ich wieder studieren will, weiß ich heute, dass es ein Fernstudium werden wird. Ich habe akzeptiert, dass ich andere Menschen nicht verändern kann, aber ich kann bestimmen wie sehr mich etwas aufregt und ob ich Zeit mit diesen Menschen verbringe. Wenn mir etwas nicht guttut versuche ich dabei Strategien zu finden um mich wohlzufühlen, wenn ich es tun muss und wenn ich es nicht tun muss, dann lasse ich es.
    • MangoMambo wrote:

      In dem man die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten ehrlich einschätzt, erkennt und sich danach richtet.
      Ich weiß, was meine Bedürfnisse und Fähigkeiten sind. Ich weiß nur nicht, wo ich (beruflich) einen Platz finden kann, wo ich das auch so ausleben kann.

      MangoMambo wrote:

      etwas, was meine Interessen unterstützt und eine Sicherheit, dass es kein Problem wäre, wenn ich doch irgendwann auffalle.
      Woher weiß man (im Vorfeld), dass es kein Problem macht, wenn man irgendwo auffällt?

      MangoMambo wrote:

      Ich weiß, dass ich das was ich tue gut kann, grade weil ich Aspie bin und ich weiß, dass das was ich tue anderen hilft und dieses Wissen brauche ich.
      Was kann man denn besonders gut, weil man Aspi ist, was wieder herum Anderen gut tut?

      ...und...ist öffentlicher Dienst nur Büro?
    • Liramlis wrote:

      Für mich war nach der Diagnose wichtig, mich von meiner vorherigen Ansicht ich müsse mich immer und überall "durchkämpfen" zu verabschieden. Ich muss das nicht und ich kann das auch nicht, wenn ich aus der Spirale Überforderung -> Depression -> Rückzug und Ruhe -> Wiedereinstieg wie vorher -> Überforderung -> Depression -> Rückzug und Ruhe .... aussteigen will.

      "Geht nicht" und auch "ich will nicht" sind eine Option. Ich habe lange gebraucht mir das zugestehen zu können, ohne ständig ein schlechtes Gewissen zu haben.

      Hallo Liramlis (schön, dich hier zu treffen),
      Hallo an alle anderen,

      ich bin ebenfalls sehr spät diagnostiziert, mit 56 Jahren und 10 Monaten.
      3 Jahre vor der Diagnose großes Auf und Ab. Erkennen und Zweifel ohne Ende ( auch noch nach der Diagnose).

      Auf jeden Fall bin ich aber zufrieden damit, dass ich es nicht schon früh erfahren habe.
      Ich denke, ich hätte dann nicht so viel erreicht. Keinen Grund gehabt, mich anzustrengen, was zu ändern, Neues auszuprobieren. Ich wäre wohl den für mich "leichten" Weg gegangen mit "geht nicht, kann ich nicht".
      Ich habe sehr viel gelernt, was ich nicht vermissen möchte.

      Der Preis war allerdings auch hoch. Seit 2 Jahren geht fast nichts mehr. Ich bin total erschöpft.

      Ein bisschen bin ich auch traurig, dass mit dem Wissen über mich eventuell einiges in meiner Jugend anders abgelaufen wäre. Aber, was wäre wenn....

      Aktuell habe ich das Problem der großen Kluft zwischen Wollen und Können. Ich will mehr als geht.
      Ich möchte das Erlernte beibehalten und so weiter machen, obwohl es nicht mehr funktioniert.
      Ich kann mich doch nicht "rückentwickeln"?

      Wie machst du das Liramlis - siehe Zitat von dir - ?

      The post was edited 1 time, last by tip: Die Anrede war abhanden gekommen. ().

    • seinn wrote:


      Ich wurde zwar auch von anderen gewarnt, habe aber nicht darauf gehört und bin - schon fast typisch Asperger - naiv davon ausgegangen, dass die Welt ein guter Ort ist und ich allen von meiner Diagnose erzählen kann und mir dann alle helfen und beistehen.

      Das Ende vom Lied ist, dass mich meine Freunde und/oder Kollegen nicht verstehen. Sie kannten mich ja vor der Diagnose und denken jetzt, ich würde ihnen meine Emotionen nur vorspielen und sie fühlen sich verarscht.


      [...]

      Am "Besten" war die Lehrerin, die meinte, ich solle mich dann eben mit meinem Asperger zusammenreißen oder die Schule abbrechen.

      @ Hypie and whom else it may concern :):
      Ist es für euch eigentlich so eine Art "unerwünschtes Necro-Post" wenn jemand bei einem multi-page thread was zitiert was ziemlich am Anfang von ihm jemand gesagt hat, selbst wenn bereits Monate oder gar Jahre vergangen wären?

      Davon abgesehen...
      an dem, was seinn geschrieben hat, würde mich gleich mehr als nur ein einziger Aspekt interessieren. Und zwar unabhängig davon, wer es genau beantworten würde :).

      Wie kam es dazu, dass manche andere sich so fühlen _würden_, dass man die Emotionen nur vorspielen würde, und sich jetzt veräppelt vorkommen? Ich meine... wäre es nicht zumindest möglich, dass sie so etwas sagen würden wie: "Wir können nicht ausschließen, dass du uns hier was vorspielen möchtest, also wie ist das eigentlich wirklich?". Selbst eine solche Aussage wäre etwas völlig anderes als gleich, nach dem "Ja nee ist klar!"-Prinzip, Sachen auszudrücken wie "wir sind uns sicher das du uns was vorspielen willst!".

      (Grund für den Konjunktiv von "_würden_": Es kann, allgemein gesprochen, auch immer wieder vorkommen, dass bestimmte Personen etwas anderes nach außen zeigen, als sie sich wirklich denken. Dafür haben die verschiedensten Menschen komplett unterschiedliche Gründe. Das ist eine Beobachtung von jemandem, der sich sehr, sehr viel mit All Things Communication beschäftigt, auch wenn er sehr oft nicht dazusagt, wie er selbst zu einem bestimmten Verhaltensmuster stehen würde).

      Und die Sache mit der Lehrerin... wie kann man so etwas verstehen? Wirklich 1:1 ca. so: "Entweder du reißt dich zusammen mit deinem Syndrom, oder du kannst gleich die Schule abbrechen, hat ja eh alles keinen Sinn"?
      SomehowGeekyPolyglot = SomewhatGeekyPolyglot = SGP ;)
      (oder in der Landessprache des deutschen Internet: einfach jemand, der mehrere Sprachen spricht)
    • tip wrote:

      Auf jeden Fall bin ich aber zufrieden damit, dass ich es nicht schon früh erfahren habe.
      Ich denke, ich hätte dann nicht so viel erreicht. Keinen Grund gehabt, mich anzustrengen, was zu ändern, Neues auszuprobieren. Ich wäre wohl den für mich "leichten" Weg gegangen mit "geht nicht, kann ich nicht".
      Ist deine Persönlichkeit / dein Charakter wirklich so, dass du dich mit der 'Entschuldigung' nicht angestrengt hättest? Hättest du nicht nach Möglichkeiten gesucht, dass zu erreichen, was du erreichen willst?

      tip wrote:

      Ein bisschen bin ich auch traurig, dass mit dem Wissen über mich eventuell einiges in meiner Jugend anders abgelaufen wäre. Aber, was wäre wenn....
      Ich bin mehr als nur ein bisschen traurig. Und ich denke, ich hätte sogar mehr erreichen können, wenn ich frühzeitig über meine 'Behinderung' Bescheid gewusst hätte. Nicht weil ich gewisse Dinge nicht gemacht oder gewagt hätte - sondern weil ich Möglichkeiten hätte finden können, es auf eine mir kompatible Art zu machen.
      ~ Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein. ~
    • Leseratte wrote:

      Ist deine Persönlichkeit / dein Charakter wirklich so, dass du dich mit der 'Entschuldigung' nicht angestrengt hättest? Hättest du nicht nach Möglichkeiten gesucht, dass zu erreichen, was du erreichen willst?
      Ich habe in dieser Überlegung meinen Lebenslauf insgesamt berücksichtigt, alle Umstände.
      Meine Eltern waren immer seeeehr besorgt. Ich war zusätzlich organisch chronisch krank. Durfte als Kind u.a. keinen Sport machen. Wurde immer sehr geschont.

      Außer meine anderen Probleme, die keiner verstand. Da wurde ich angetrieben.

      Wenn ich also als Kind rundum geschont worden wäre, weil meine Eltern dann noch fürsorglicher gewesen wären, denke ich, dass mich das wohl anders geprägt hätte.

      Mein Vater wäre inzwischen 93 Jahre alt. Das war damals alles noch anders als heute.
    • tip wrote:

      Hallo Liramlis (schön, dich hier zu treffen),
      :d ein liebes Hallo zurück!

      tip wrote:

      Wie machst du das Liramlis - siehe Zitat von dir - ?
      Also früher bin ich mit meiner Kraft verschwenderisch umgegangen, habe aber recht wenig erreicht gemessen an der aufgewendeten Energie und mich halt auf Dauer, bis zur völligen Zwangsabschaltung verausgabt.

      Heute mache ich gar nicht so viel weniger, aber ich mache es intelligenter, ressourcenschonender, balancierter. Ich will aber nicht so tun als ob das immer und überall funktioniert, aber über das Jahr verteilt funktioniert es gut genug, daß ich mit der selben Menge Kraft in eine neues Jahr starte mit dem ich das letzte begonnen habe.

      Ich habe mich definitiv von ein paar Sachen verabschiedet. Freundschaften und Bekanntschaften sind weniger geworden, dafür wertvoller und spenden jetzt auch Kraft und ziehen nicht nur welche ab. Ich habe mich von einem Teil meines Perfektionismus auf der Arbeit verabschiedet und gewöhne mich gerade an den Gedanken es sicher nicht bis zur Rente im Beruf zu schaffen, dazu habe ich zu viel auf dem Buckel und jedes Jahr wird es schwerer. Ich plane einen langsamen Rückzug über Altersteilzeit.

      Ich gönne mir vieles was mir vorher undenkbar erschien: Stimmen wenn ich es brauche, das Telefon ist aus wenn ich es nicht gebrauchen kann, wer will spricht auf den AB, wer nicht will... da war es wohl auch nicht so wichtig. Ich regele vieles über Regelmäßigkeit im Alltag, nicht daß ich nicht mehr reagieren kann auf Unvorhergesehenes, aber ein geregelter Tagesablauf war lange etwas daß ich für unmöglich gehalten habe und jetzt habe ich es und schätze es über alle Maßen!

      Ich denke schon, daß ich, je älter ich werde, desto empfindlicher reagiere und schneller belastet bin und auch länger brauche mich zu erholen, aber gute Planung macht viel davon wett, das anpassen von Ansprüchen an meine Möglichkeiten auch, auch wenn es manchmal weh tut.

      Lebensqualität, das Vermeiden einer Depression und Überlastung allgemein, das Feiern auch kleiner Erfolge, das sein im Hier und Jetzt und mein abendliches Tagebuch in das ich nur die guten Sachen das vergangenen Tages schreibe und was ich mir Gutes vom nächsten Tag erwarte, das hilft. Nicht immer, aber oft genug. Insgesamt würde ich sagen ich bin so viel zufriedener als früher, stehe nicht ständig unter Spannung ... um nichts in der Welt würde ich vor die Diagnose zurück wollen. Ich mag zum ersten Mal in meinem Leben zu tiefst wer und was ich bin. Speziell mich zu kennenund zu mögen, das hätte eine frühere Diagnose mir vielleicht auch ermöglicht, vielleicht auch nicht, weil ich jünger und anders war als zur Zeit der Diagnose.... Letztendlich können wir es nicht wissen, aber die Fragen: warum ich, warum ausgerechnet Asperger, warum nicht früher oder später erkannt... ich denke das sind Fragen die zum Verarbeiten notwendig sind.

      Die Diagnose ist jetzt 12 Jahre her und ich bin froh wo ich jetzt bin und irgendwie auch ok damit wie alles gelaufen ist. Es hat mich genau zu dem ICH gemacht daß ich jetzt bin. Wer weiß was für eine Dödeline ich heute wäre, wenn alles anders gelaufen wäre... vielleicht jemand den mein heutiges Ich garnicht mögen würde? :m(:

      Wow, das klingt jetzt aber alles milde und altersweise... ähm...ich lasse es mal so stehen, verrate aber auch, daß ich heute eine Krise hatte, weil jemand mich im Bus unabsichtlich gestoßen hat und mir dann auch noch die Schuld gab und ich so geschockt war von allem, daß mir absolut die Worte weggeblieben sind und ich bin volle 10 Stunden später immer noch nicht ganz damit durch... so viel zu meiner Weisheit und Abgeklärtheit. :oops:
      Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave. - Friedrich Nietzsche
      Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen. - Voltaire

      The post was edited 3 times, last by Liramlis ().

    • Liramlis wrote:

      Lebensqualität, das Vermeiden einer Depression und Überlastung allgemein, das Feiern auch kleiner Erfolge, das sein im Hier und Jetzt und mein abentliches Tagebuch in das ich nur die guten Sachen das vergangenen Tages schreibe und was ich mir Gutes vom nächsten Tag erwarte, das hilft. Nicht immer, aber oft genug. Insgesamt würde ich sagen ich bin so viel zufriedener als früher, stehe nicht ständig unter Spannung ... um nichts in der Welt würde ich vor die Diagnose zurück wollen. Ich mag zum ersten Mal in meinem Leben zu tiefst wer und was ich bin.
      :) :) :)
    • Darlina wrote:

      Liramlis wrote:

      Lebensqualität, das Vermeiden einer Depression und Überlastung allgemein, das Feiern auch kleiner Erfolge, das sein im Hier und Jetzt und mein abentliches Tagebuch in das ich nur die guten Sachen das vergangenen Tages schreibe und was ich mir Gutes vom nächsten Tag erwarte, das hilft. Nicht immer, aber oft genug. Insgesamt würde ich sagen ich bin so viel zufriedener als früher, stehe nicht ständig unter Spannung ... um nichts in der Welt würde ich vor die Diagnose zurück wollen. Ich mag zum ersten Mal in meinem Leben zu tiefst wer und was ich bin.
      :) :) :)
      JAJAJA. Ich bin viel netter zu mir als vor der Diagnose. Ich akzeptiere mich eher und versuche weniger, meine Mitmenschen zu kopieren, nur um zu sein wie sie. Das ist mehr Lebensqualität! Ich bin deutlich entspannter als früher.
      Jedes mal, wenn man mir sagt, ich wäre nicht gesellschaftsfähig,
      werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin überaus erleichtert.
    • Liramlis wrote:

      Ich habe mich definitiv von ein paar Sachen verabschiedet.
      Ich gönne mir vieles was mir vorher undenkbar erschien:
      ...
      Danke für die Antwort.

      Ich habe wohl zu lange im "Allesschaff- und -kann-Modus" gelebt. Mir fehlt der Resetknopf und Pausemodus. Mal suchen, wo ich die damals abgelegt habe . Ich will auch einfach immernoch weiter machen.

      Der Unterschied zu vor und nach der Diagnose ist, dass ich jetzt weiß, warum es mir gerade bzw. vorhin schlecht geht/ging.
    • Nelke wrote:

      AJAJA. Ich bin viel netter zu mir als vor der Diagnose. Ich akzeptiere mich eher und versuche weniger, meine Mitmenschen zu kopieren, nur um zu sein wie sie. Das ist mehr Lebensqualität! Ich bin deutlich entspannter als früher.
      Ich finde das schön. Schwierig finde ich eher zu verstehen, wieso das allein die Diagnose ausmacht. Weil man sich dann weniger "die Schuld gibt"?
      Die Themen bleiben aber die Gleichen. Das, was gut geht und das, woran man hadert.
    • Darlina wrote:

      Schwierig finde ich eher zu verstehen, wieso das allein die Diagnose ausmacht.
      Ich war vorher offensichtlich anders als die anderen, aber ich wusste nicht warum. Jeder sagte mir ich müsse mich mehr anstrengen und das tat ich, wieder und wieder, bis zur völligen Erschöpfung. Bei manchen Sachen dachte ich auch, daß alle Menschen so empfinden wie ich, zum Beispiel was Lärm und Licht und andere Reize anging, ich dachte die anderen würden nur härter damit kämpfen und ich sei eine Versagerin und zu empfindlich. Ich war nicht gut genug, ich konnte Dinge, die anderen so leicht fielen wie atmen nicht tun, nicht erkennen und nicht aushalten. Dabei war ich intelligent und konnte vieles, aber ich wurde durch Kleinigkeiten immer wieder zurückgeworfen, was unendlich frustrierend ist und Selbsthass erzeugt hat. Mobbing und ständige Zurückweisungen bestätigten mir dann auch noch daß ich mit dem Gefühl recht hatte. Noch verdrehter: Wer mich mochte und mich respektierte, tat das ja nicht gegenüber mir sondern der Maske.

      Ich zog eine Maske auf um zu überleben und log mich durch mein Leben, erfand Ausreden weil ich nicht sagen konnte "heh ihr seid nett und ich mag euch, aber noch eine Stunde mit euch und ich möchte einfach nur sterben". So fühlt "man" nicht, das ist unfair und ungerecht. so wie ich denkt man nicht. So wie ich bin darf ich öffentlich nicht sein. Wenn je jemand herausfindet wie ich bin, werden alle weggehen und mich nicht mehr mögen. Ich schämte mich für mein Versagen, verheimlichte es wo ich nur konnte, wollte nicht auffallen und irgendwann wusste ich nicht mehr welche Maske ich wo tragen musste und unter all den Masken war kein Ich mehr, nur noch Scham, Schuld und Verzweiflung und Müdigkeit. Aus Scham konnte ich auch nie nein sagen, weil das hatte ich nicht verdient, wo ich doch so miese Empfindungen hatte und gelogen hatte, das musste ich wieder gut machen...

      Dann kam jemand und sagte: Es ist nicht deine Schuld. Es gibt keinen Grund zur Scham. Es gibt eine Möglichkeit offen mit deinen Problemen umzugehen. Wie du bist, sind auch andere. Du bist weder allein noch ein schlechter Mensch. Deine Hoffnung, wenn du dich nur noch mehr anstrengst, wirst du dich völlig ändern und anpassen können, ist nicht real, aber du kannst diese Kraft investieren in die zu sein die du bist und lernen das beste "DU" zu sein daß du sein kannst und das ist gut und genug. Du kannst Lebensqualität haben. Du kannst und darfst um Hilfe bitten und es gibt Hilfe. Dein Leben muss keine Spirale geradewegs nach unten sein, ein Horror aus Panik oder dieser schreckliche Kreislauf von so tun als ob, dich überlasten, in Depression versinken und dann Rückzug, Erholung und alles wieder von vorn, du musst dich nicht mehr selbst verletzen und bestrafen....

      Die Diagnose war für mich kein Zettel, kein Wort, nicht nur eine Bezeichnung für eine Behinderung/Krankheit, es war eine zweite Geburt. Schmerzhaft, weil eben auch die Hoffnung ich könnte es schaffen "normal" zu werden weg war, aber auch ein kompletter Neuanfang.

      Es klingt so schwülstig wenn ich es hier hin schreibe :oops: , aber ich weiß sonst nicht wie ich beschreiben soll in welcher Einsamkeit trotz Menschen um mich, ich gelebt habe vorher. In wieviel brutaler Angst, die ich mit mir allein ausgemacht habe. Wieviel seelische und körperliche Schmerzen mir das alltägliche Leben bereitet hat und ich habe mir noch zusätzlich die alleinige Schuld dafür gegeben. Ich war so eingeübt jemanden anderen darzustellen, daß ich meiner Therapeutin eine Patientin vorgespielt habe, weil ich nicht formulieren und nach aussen zeigen konnte wer ich bin und was ich denke und fühle. Wenn ich daran heute zurück denke kann ich es kaum fassen. Mich hat die Diagnose befreit. Mir war völlig egal wer sie jemals liest oder ob sie mir bei anderen nutzt oder schadet. Ich habe sie mindestens 20 mal auf dem Heimweg gelesen und Rotz und Wasser geheult tagelang noch danach. Allein nochmal daran so intensiv zu denken lässt die Tränen wieder laufen.

      Wenn ich daran denke, daß die Erkenntnis ein Asperger zu sein, nur durch einen Zufall zustande kam und ich vielleicht ohne Diagnose hätte weiter machen müssen, glaube ich ganz ehrlich nicht, daß ich noch am Leben wäre. Ich hatte jedenfalls innerlich schon aufgegeben.

      Die Diagnose muss nicht für jeden das Gleiche bedeuten. Nicht jeder erhält sie, wie ich, nach 30+ Jahren schwersten Depressionsschüben und in einer Situation wo man auch körperlich am Ende ist und schon plant wie man aus dem Leben scheidet, möglichst ohne viel Aufhebens, weil man das nicht einmal im Tod wert ist.

      Vor 12 Jahren sah die Welt auch noch anders aus. Es gab erst wenige Stellen die Autismus bei Erwachsenen und dann noch Frauen, überhaupt in Erwägung ziehen wollten oder wenn hätten diagnostizieren können. Daß ich innerhalb von 3 Monaten in Köln eine Diagnose bekam und Dr. Vogeley mir Mut machte nochmal neu anzufangen... heute denke ich, ich hatte das verdient und bin stolz was ich aus der Chance machen konnte. :smug: Entschuldigung für die Schmonzette... irgendwie musste das mal auf virtuelles Papier und aus mir raus. :shake:
      Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave. - Friedrich Nietzsche
      Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen. - Voltaire
    • Liramlis wrote:

      Ich war vorher offensichtlich anders als die anderen, aber ich wusste nicht warum. Jeder sagte mir ich müsse mich mehr anstrengen und das tat ich, wieder und wieder, bis zur völligen Erschöpfung. Bei manchen Sachen dachte ich auch, daß alle Menschen so empfinden wie ich, zum Beispiel was Lärm und Licht und andere Reize anging, ich dachte die anderen würden nur härter damit kämpfen und ich sei eine Versagerin und zu empfindlich. Ich war nicht gut genug, ich konnte Dinge, die anderen so leicht fielen wie atmen nicht tun, nicht erkennen und nicht aushalten. Dabei war ich intelligent und konnte vieles, aber ich wurde durch Kleinigkeiten immer wieder zurückgeworfen,
      Den ersten Teil kenne ich auch genau so.

      Aber bei mir war es trotzdem komplett anders.

      Wenn man z.B. kaputte Beine hat und tanzen will und dann tanzt, obwohl es komisch aussieht, schmerzt und gar nicht richtig funktioniert. Und man damit aber zufrieden ist, weil das Tanzen an sich wichtig und gut ist - trotz Schmerz und ausgelacht oder sogar weggeschickt werden mit: "Du kannst das ja gar nicht richtig".
      Um bei dem Beispiel zu bleiben:
      Die Beine wurden dadurch allerdings komplett unbrauchbar.
      Ich könnte sie wahrscheinlich doch noch etwas nutzen, wenn ich aufhören würde, zu tanzen. Und DAS gelingt mir nicht.

      Gut, dass du so einen tollen Arzt gefunden hattest und deinen Weg gehen kannst.