Lebensbesonderheiten bei spät diagnostizierten Asperger Autisten

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    • Lebensbesonderheiten bei spät diagnostizierten Asperger Autisten

      hallo Aspies,

      ich bin einer von denen, die erst sehr spät (45 Jahre) diagnostiziert wurden. Habe also mein halbes Leben bereits als undiagnostizierter Aspi gelebt. In dieser Zeit haber ich unter größten Mühen und Wiederständen meine Leben organisiert, bis eben mit 45 nix mehr ging. Psychiatrie, Derpressieonen, Job verloren et.,etc...
      Ich bin der Überzeugung, eine frühre diagnose hätte mir manche falsche Entscheidung erspart, und mein Leben würde vielleicht deutlich harmonischer ablaufen, weil ich besser abschätzen könnte, was gut für mich ist. Ohne Diagnose und der damit zusammenhängenden Förderung konnte ich mir nie Referenzen für mein besonderes Leben bilden. Blöderweise bin ich auch noch "Scheißenschlau" so das mir mein Verstand Dinge ermöglicht, die mich emotional völlig vom Sockel hauen.
      Wie geht ihr damit um, dass ihr rationale Leistungsvermögen so wenig mit emotionalen unvermögen koppeln könnt, damit etwas sinnvolles dabei herauskommt? Ich resigniere zunehmend, da meine Kräfte für eine solche Aufgabe immer geringer werden.
      Grande Malheur de Kack...
      Gruß hinaus in die graue Aspiwelt...
      Holle
    • Ich bin zwar noch jünger und kann daher nicht so gut mitreden, wurde aber auch erst als Erwachsene nach *verkacktem* Start ins Leben diagnostiziert.

      Ja, was macht man da?

      Das mit der Intelligenz ist wohl Fluch und Segen zugleich.

      So kriegt man ganz genau mit, wie mies es einem geht, und was alles möglich wäre, würde man mit Reizen und Menschen - also auch sich selbst - besser klarkommen.

      Ich habe da auch noch keine Lösung für, bewundere aber das Problem.

      Meine Erfahrung hat mir nur gezeigt, dass man sehr vorsichtig damit sein sollte, wem man von der Diagnose erzählt.

      Ich wurde zwar auch von anderen gewarnt, habe aber nicht darauf gehört und bin - schon fast typisch Asperger - naiv davon ausgegangen, dass die Welt ein guter Ort ist und ich allen von meiner Diagnose erzählen kann und mir dann alle helfen und beistehen.

      Das Ende vom Lied ist, dass mich meine Freunde und/oder Kollegen nicht verstehen. Sie kannten mich ja vor der Diagnose und denken jetzt, ich würde ihnen meine Emotionen nur vorspielen und sie fühlen sich verarscht.

      Und meine Lehrer (2. Bildungsweg) sind überfordert und verstehen auch nicht, was "auf einmal" los ist.

      Am Besten ist es mit den Menschen, die ich neu kennenlerne. Da kann ich dann entscheiden, wie viel sie wissen sollen und welches Bild sie von mir haben sollen.

      Aber diese Veränderung von "klug und gesund" zu "irgendwie behindert", die haben viele meiner Beziehungen nicht heil überstanden.

      Entweder, weil es kein echtes Verständnis gab.

      Oder, weil es totgeschwiegen wird.

      Es fragt mich eigentlich nie jemand, wie es mir geht oder mutet mir weniger zu. Die Hoffnung, mehr Hilfe zu erhalten, hat sich nicht erfüllt. Stattdessen ist es eher schwieriger, weil mich jetzt niemand mehr einschätzen kann oder für aufrichtig hält. Mir wurde auch schon gesagt, dass die Diagnose nicht stimmen könne.

      Ich will nicht verschweigen, dass es auch Ausnahmen gibt, einzelne Menschen, die nicht so reagiert haben. Aber im Großen und Ganzen wünschte ich heute, ich hätte das lieber mit mir selbst ausgemacht und nie etwas gesagt.

      Am "Besten" war die Lehrerin, die meinte, ich solle mich dann eben mit meinem Asperger zusammenreißen oder die Schule abbrechen.

      Sorry, wenn es gerade nicht viel positiver wird. Aber vielleicht ist es dir ein Trost, dass du nicht alleine bist.
      Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgendetwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind. - Sir Arthur Conan Doyle

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    • Holle schrieb:

      Wie geht ihr damit um, dass ihr rationale Leistungsvermögen so wenig mit emotionalen unvermögen koppeln könnt, damit etwas sinnvolles dabei herauskommt? Ich resigniere zunehmend, da meine Kräfte für eine solche Aufgabe immer geringer werden.
      Seit der Diagnose kann ich das ganz entspannt sehen - und mich so langsam an einen ganz anderen Lebensrhythmus gewöhnen. An die Schwierigkeiten von früher mag ich mich nicht gern erinnern, weil ich sonst Gefahr laufe, im Selbstmitleid zu versinken.
      ~ What the fuck is real life and where can I download it? ~
    • Ich habe mein Leben schon viele Jahre vor der Entdeckung meines Autismus in ruhige Gewässer gebracht (aber auch da gibts Stürme - vor und danach...). Mir hätte mit 18 oder 19 die Erkenntnis oder auch Diagnose geholfen (denke ich zumindest)... ich glaube, dann wäre vieles nicht passiert. Die beiden großen Abstürze und viele andere Dinge.
    • Shenya schrieb:

      Ich verstehe nicht, was damit gemeint sein könnte. Hast du ein Beispiel?
      Ich versteh es auch nicht.
      Es erinnert mich aber an eine andere Diskussion....hm....ich krame noch.. :roll:
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert?"
      (Schrödinger lässt grüßen :) )

      ‚Der häufigste Fehler liegt in der Annahme, dass die Grenzen unserer Wahrnehmung auch die Grenzen des Wahrzunehmenden sind.’
      C.W. Leadbeater
    • Chch schrieb:

      Mir hätte mit 18 oder 19 die Erkenntnis oder auch Diagnose geholfen (denke ich zumindest)... ich glaube, dann wäre vieles nicht passiert.
      Spätestens da - ja. Aber auch früher wäre durchaus angebracht gewesen. Aber vermutlich ging man damals noch zu sehr davon aus, dass 'es' Mädchen nicht so betrifft, besonders wenn sie klug genug sind, sich weitgehend anzupassen und 'brav' zu sein.
      ~ What the fuck is real life and where can I download it? ~
    • Holle schrieb:

      Blöderweise bin ich auch noch "Scheißenschlau" so das mir mein Verstand Dinge ermöglicht, die mich emotional völlig vom Sockel hauen.
      Ich verstehe das auch nicht, was genau meinst du damit?
      Ich lese es so, das du die Begabung hast mit fantasie dir Dinge vorzustellen, die so nicht möglich sind, verstehe ich das richtig?

      Ich verstehe auch den Titel nicht, was hat der mit deinem Text zutun?

      Zu deinem text kann ich aber sagen, das ich das Gefühl selbst schon etwas kenne.
      Ich hätte mir auch gewünscht, das schon eher was passiert wäre, aber es ist nichts passiert bzw sollte ich, obwohl die Förderschule damals die einzige war auf der ich mich integriert empfand, wieder auf eine richtige und das ich probleme in vielen Dingen habe, wurde eifach verdrängt bzw mir ausgereden oder zumindest kleingeredet anstatt es mir zu erklären und mir beizubringen was es ist und wie ich damit umgehen soll.
      Das war schlecht. Meine Mutter hat man damit auch allein gelassen, hauptsache die waren mich wieder los und sollte die Frau wieder probleme mit mir haben, hätte sie sich ja bei sich vor ort melden können, was sie aber nicht tat.


      Holle schrieb:

      Wie geht ihr damit um, dass ihr rationale Leistungsvermögen so wenig mit emotionalen unvermögen koppeln könnt, damit etwas sinnvolles dabei herauskommt? Ich resigniere zunehmend, da meine Kräfte für eine solche Aufgabe immer geringer werden.
      Ja, ich kenne dieses problem sehr gut. Man erlebt es immer wieder mal sobald man mit Menschen (egal ob in echt oder schriftlich im Internet) kommuniziert.
      Ich versuche damit so umzugehen, das ich 1. meine Konversationen auf einfache Limits beschränke (standartfloskeln beim Einkaufen sofern die überhaupt mal passieren) oder auch online sind dafür gut geeignet, auch wenn man dann meist immer das gleiche sagt/schreibt. In spezifischere Diskussionen lasse ich mich im RL kaum verwickeln, zu ansträngend und nervenaufreibend und im Internet mache ich es heute sehr viel bewusster und 2. versuche ich den Weg der Erklärung zu gehen anstatt den Weg der gegenwehr, wenn man das Gefühl hat das eine Diskussion auf einmal emotional wird.
      Das hilft leider nicht immer, aber doch in vielen Fällen, so das eine Diskussion auch eine bleibt und nicht zu einem Shitstorm ausartet.
    • Holle schrieb:

      Ich resigniere zunehmend, da meine Kräfte für eine solche Aufgabe immer geringer werden.
      Grande Malheur de Kack...
      Als jemand der auch erst sehr spät diagnostiziert wurde und jetzt 52 Jahre ist, kann ich das gut verstehen.

      Für mich war nach der Diagnose wichtig, mich von meiner vorherigen Ansicht ich müsse mich immer und überall "durchkämpfen" zu verabschieden. Ich muss das nicht und ich kann das auch nicht, wenn ich aus der Spirale Überforderung -> Depression -> Rückzug und Ruhe -> Wiedereinstieg wie vorher -> Überforderung -> Depression -> Rückzug und Ruhe .... aussteigen will.

      "Geht nicht" und auch "ich will nicht" sind eine Option. Ich habe lange gebraucht mir das zugestehen zu können, ohne ständig ein schlechtes Gewissen zu haben.

      Darüber hinaus musste ich auch eine zeitlang traurig sein über mein Leiden vor meiner Diagnose. All die Situationen in denen ich gescheitert bin und mich selbst dafür zerfleischt habe und mich geschämt habe für mein Versagen und immer dachte ich müsse mich nur noch mehr anstrengen... All die buchstäblichen Berge die ich erklommen habe und die unsagbaren Anstrengungen die ich unternommen habe um zu funktionieren, während mein Leid ein heimliches und stilles war. Ich musste mich sozusagen mal selber in den Arm nehmen und den ganzen Kummer den ich hinter einer Maske, Lügen und Ausreden versteckt hatte raus lassen, bevor ich mich einem neuen Leben als Aspie zuwenden konnte.

      Das Alter macht manches schwieriger weil ich unter manchem mehr leide, wie daß mein Gleichgewicht nachlässt und ich mir jetzt Stöcke angeschafft habe, zwei für längere Wanderungen und einen zusammenklappbaren für den Notfall, den ich nun im Rucksack immer dabei habe, egal wohin ich gehe und auch immer öfter nutze (übrigens eine Empfehlung hier aus dem Forum).

      Ich reagiere auch empfindlicher auf Lärm oder Lichter und ich brauche zunehmend länger mich von Stress zu erholen.

      Dafür werde ich aber auch besser darin mein Leben zu planen, an den richtigen Stellen und in den richtigen Situationen "nein" zu sagen, entwickle Methoden mich vor Lärm zu schützen oder anderen Einflüssen, habe gelernt meinem Umfeld zu kommunizieren wie schlecht es mir geht, weil man es mir nicht unbedingt ansieht und ich bin geduldiger mit mir selbst geworden.

      Ohrstöpsel, Kopfhörer, Sonnenbrille und die beste Erfindung überhaupt: Jede Art von Hut mit Krempe, welche für jede Jahreszeit.
      Fidgets jeder Art die mich beruhigen, Routinen die mir Sicherheit verleihen....

      Das kompensiert nicht alles, was schlechter wird mit dem Alter, aber doch einiges.
      Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave. - Friedrich Nietzsche
      Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen. - Voltaire

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Liramlis ()

    • Holle schrieb:

      hallo Aspies,

      ich bin einer von denen, die erst sehr spät (45 Jahre) diagnostiziert wurden. Habe also mein halbes Leben bereits als undiagnostizierter Aspi gelebt. In dieser Zeit haber ich unter größten Mühen und Wiederständen meine Leben organisiert, bis eben mit 45 nix mehr ging. Psychiatrie, Derpressieonen, Job verloren et.,etc...
      Ich bin der Überzeugung, eine frühre diagnose hätte mir manche falsche Entscheidung erspart, und mein Leben würde vielleicht deutlich harmonischer ablaufen, weil ich besser abschätzen könnte, was gut für mich ist. Ohne Diagnose und der damit zusammenhängenden Förderung konnte ich mir nie Referenzen für mein besonderes Leben bilden. Blöderweise bin ich auch noch "Scheißenschlau" so das mir mein Verstand Dinge ermöglicht, die mich emotional völlig vom Sockel hauen.
      Wie geht ihr damit um, dass ihr rationale Leistungsvermögen so wenig mit emotionalen unvermögen koppeln könnt, damit etwas sinnvolles dabei herauskommt? Ich resigniere zunehmend, da meine Kräfte für eine solche Aufgabe immer geringer werden.
      Grande Malheur de Kack...
      Gruß hinaus in die graue Aspiwelt...
      Holle
      Was wird denn jetzt aus dir? Wie sie die Erwartungen von dir und von den Ärzten und Behörden?
    • Holle schrieb:

      Blöderweise bin ich auch noch "Scheißenschlau" so das mir mein Verstand Dinge ermöglicht, die mich emotional völlig vom Sockel hauen.
      Also, ich kann mit der Aussage was anfangen, da ich auch zu den "Scheißenschlauchen" gehöre ;) . Durch hohe Intelligenz kann man besser simulieren, kommt irgendwie mehr recht als schlecht zurecht im Leben, obwohl man vieles eigentlich nicht versteht (soziales Verhalten etc.). Da ist es dann kein Wunder, wenn die Depressionen oder ein Zusammenbruch kommen. Ich habe sogar die Vermutung, dass sehr schlaue Autisten womöglich häufiger spät Diagnostizierte sind ... Ich werde, falls ich die Diagnose erhalte, auch zu den spät Diagnostizierten (dann mit 37) gehören. Und wenn ich auf mein Leben zurückblicke, hätte ich mir dann auch gewünscht, es früher zu wissen ... allerdings ist momentan nicht die allerschlimmste Zeit in meinem Leben. Es gab noch härtere. (Obwohl ich gerade leider keinen Job habe, da der letzte befristet war und hier in der Stadt auch kaum soziale Kontakte).

      seinn schrieb:

      Das Ende vom Lied ist, dass mich meine Freunde und/oder Kollegen nicht verstehen. Sie kannten mich ja vor der Diagnose und denken jetzt, ich würde ihnen meine Emotionen nur vorspielen und sie fühlen sich verarscht.
      Irgendwelchen Kollegen würde ich das auch nicht erzählen. Aber zwei richtige Freunde, die von meinem Verdacht wissen, verhalten sich nicht komisch. Ich bin ja auch nicht anders als früher - deshalb verstehe ich diesen Satz vielleicht auch nicht richtig. Meine Emotionen ändern sich ja nicht durch die Diagnose? Die Diagnose kann aber eine Erklärung für manches sein, was die NA nicht verstehen ...
    • seinn schrieb:

      Sie kannten mich ja vor der Diagnose und denken jetzt, ich würde ihnen meine Emotionen nur vorspielen und sie fühlen sich verarscht.
      Wenn die das wirklich denken, dann sind das keine Freunde.
      「人上人不造」 All Men Are Created Equal

      Gott hat mir diese Gabe nicht gegeben - also kann er sie mir auch nicht nehmen.
    • Leseratte schrieb:

      Chch schrieb:

      Mir hätte mit 18 oder 19 die Erkenntnis oder auch Diagnose geholfen (denke ich zumindest)... ich glaube, dann wäre vieles nicht passiert.
      Spätestens da - ja. Aber auch früher wäre durchaus angebracht gewesen. Aber vermutlich ging man damals noch zu sehr davon aus, dass 'es' Mädchen nicht so betrifft, besonders wenn sie klug genug sind, sich weitgehend anzupassen und 'brav' zu sein.
      bei mir mit den Eltern die ich hatte, wäre das schlecht gewesen. Die hätten mich glatt auf das "Behindertengleis" geschoben. Mir wären die Wege versperrt gewesen, die ich gegangen bin.
    • "was wäre wenn" ist immer schwierig. Ich denke aber, eine Diagnose mit 12 (als ich ziemliche Probleme hatte) hätte - so es sie denn damals überhaupt schon gegeben hätte - nichts verbessert (warum hätten die anderen deshalb mit dem Mobbing aufhören sollen?), aber womöglich manches verschlechtert, zumal immer die Gefahr besteht, dass Kinder die Diagnose als Ausrede für alles mögliche nutzen. Mit Anfang 20 wäre sie hilfreich gewesen, um Schwächen anzunehmen und Stärken mehr als solche wahrzunehmen. Ob sie mir mit 40 wirklich geholfen und mich nicht eher tiefer in die Depression gejagt hätte ("dann wird das mit Familie sowieso nix mehr, wegen der Meise"), ist schwer zu sagen. Jetzt, wo die Symptome ohne die Erklärung AS das Potenzial hätten, die Beziehung zu belasten (wegen der Auszeiten, die ich brauche) und ich im Beruf an Belastungsgrenzen komme, kommt sie zur rechten Zeit. Übrigens ganz unabhängig davon, ob es wie seit zweieinhalb Jahren nur der Eigenverdacht ist oder demnächst die offizielle Diagnose (übermorgen bin ich wieder beim Psychiater), entscheidend ist, dass sie genug erklärt, um Probleme zu vermeiden.

      Aber alles in allem habe ich auch ohne Diagnose intuitiv alle wichtigen Entscheidungen im Leben richtig getroffen. Da war natürlich auch viel Glück dabei, aber ich habe das passende Fach gewählt, mich dort passend spezialisiert, den fachfremden Job bei der Bank passend ausgesucht (kein Kundenkontakt, viele Zahlen) und jetzt schon seit vielen Jahren den autistengerechten Arbeitsplatz zu Hause.

      Am Anfang von alledem stand aber auch ein Elternhaus, das einerseits mit einer relativ konservativen Erziehung feste Strukturen bot, andererseits sehr verständnisvoll war und viele Freiheiten über das damals übliche hinaus ließ. Und wenn ich so sehe, was viele hier über ihr Elternhaus schreiben, war das wahrscheinlich das Wichtigste
    • Was hätte sich denn für Euch verändert, wenn ihr es früher gewusst hättet? Hättet ihr dann keinen Beruf erlernt und hättet einen Behindertenstatus gehabt?

      Mich spricht so etwas sehr an:

      Liramlis schrieb:

      mich von meiner vorherigen Ansicht ich müsse mich immer und überall "durchkämpfen" zu verabschieden. Ich muss das nicht und ich kann das auch nicht, wenn ich aus der Spirale Überforderung -> Depression -> Rückzug und Ruhe -> Wiedereinstieg wie vorher -> Überforderung -> Depression -> Rückzug und Ruhe .... aussteigen will.

      "Geht nicht" und auch "ich will nicht" sind eine Option. Ich habe lange gebraucht mir das zugestehen zu können, ohne ständig ein schlechtes Gewissen zu haben.

      Darüber hinaus musste ich auch eine zeitlang traurig sein über mein Leiden vor meiner Diagnose. All die Situationen in denen ich gescheitert bin und mich selbst dafür zerfleischt habe
      Nur wie lebt man dann heute, wenn man für sich z.B. sieht, dass der Job einen überfordert hat, dass man in Beziehungen Schwierigkeiten hat,... . Lebt man dann "einfach ohne Arbeit und ohne Beziehung"? Geht es einem dann wirklich besser? ...oder einfach anders?
    • Fidoline schrieb:

      seinn schrieb:

      Das Ende vom Lied ist, dass mich meine Freunde und/oder Kollegen nicht verstehen. Sie kannten mich ja vor der Diagnose und denken jetzt, ich würde ihnen meine Emotionen nur vorspielen und sie fühlen sich verarscht.
      Irgendwelchen Kollegen würde ich das auch nicht erzählen. Aber zwei richtige Freunde, die von meinem Verdacht wissen, verhalten sich nicht komisch. Ich bin ja auch nicht anders als früher - deshalb verstehe ich diesen Satz vielleicht auch nicht richtig. Meine Emotionen ändern sich ja nicht durch die Diagnose? Die Diagnose kann aber eine Erklärung für manches sein, was die NA nicht verstehen ...
      Naja... die Betreffenden kennen mich halt nur als starke, schlaue, warmherzige Persönlichkeit - dieses Bild, dass ich sehr lange aufrecht erhalten habe. Diese andere Seite, die Überforderung und die Behinderung eben, das kannten sie nicht. Eine der ersten Reaktionen neben "Das kann nicht sein." und "Reißen Sie sich zusammen." war: "Aber du bist doch so empathisch." Heute würde ich wohl sagen: "Ja, und? Das können Autisten auch. Du weißt nicht viel darüber, oder?" Aber damals war ich so perplex, dass ich nur allgemeine Fakten runtergebetet habe, wie... Autisten können sich gut anpassen etc. Aber seitdem hat auch nie wieder jemand gefragt und es ist so... wie geht die Redewendung? Der Elefant im Raum, über den niemand spricht...

      Heute würde ich es auch keinen Kollegen mehr erzählen, sondern nur noch ganz engen Vertrauten. Aber damals hatte ich, wie gesagt, eine andere Vorstellung von den bevorstehenden Reaktionen. Das war alles so frisch und ich dachte, jetzt wird alles besser. Ich dachte, die anderen würden mehr nachfragen oder wüssten besser Bescheid. Ich dachte, sie würden mich dann eher so akzeptieren, wie ich bin. Wie gesagt, weiß ich heute, dass das leider naiv war. Aber damals eben noch nicht.


      Joker schrieb:

      seinn schrieb:

      Sie kannten mich ja vor der Diagnose und denken jetzt, ich würde ihnen meine Emotionen nur vorspielen und sie fühlen sich verarscht.
      Wenn die das wirklich denken, dann sind das keine Freunde.
      Ja, da hast du vermutlich Recht. Ist nur eine blöde Erkenntnis.

      Wobei ich mi auch vorstellen kann, dass die Leute einfach nicht wissen, was sie sagen sollen und was sie fragen dürfen.
      Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgendetwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind. - Sir Arthur Conan Doyle
    • Holle schrieb:



      Wie geht ihr damit um, dass ihr rationale Leistungsvermögen so wenig mit emotionalen unvermögen koppeln könnt, damit etwas sinnvolles dabei herauskommt? Ich resigniere zunehmend, da meine Kräfte für eine solche Aufgabe immer geringer werden.
      Hallo Holle, Du könntest Dich erholen, um wieder die Kräfte zu sammeln, die Du bereits aktiviert hattest. Wenn Du das nicht mehr möchtest suchst Du Dir eine andere geeignete Tätigkeit, vielleicht weißt Du jetzt auch noch besser worauf Du achten musst. Scheißenschlau zu sein ist doch keine Verpflichtung, das Maximum an Leistungsfähigkeit herauszuholen, nutze es doch, um das richtige Maß zu finden.
      Ich habe das schon öfter gemacht, es ist wunderbar.
    • Darlina schrieb:

      Was hätte sich denn für Euch verändert, wenn ihr es früher gewusst hättet? Hättet ihr dann keinen Beruf erlernt und hättet einen Behindertenstatus gehabt?
      Früher war ich der Meinung, dass ich mir wahrscheinlich mit Diagnose dann viel weniger zugetraut hätte, weil mir vielleicht auch mein Umfeld weniger zugetraut hätte. Zum Beispiel stand für meine Eltern außer Frage, dass ich mal in einer eigenen Wohnung leben würde, weil ich für sie normal war. Wenn ich mir die heute diagnostizierten Kinder anschaue, dann gibt es da doch einige Eltern, die gluckenhaft sind und ihren Kindern sowas gar nicht zutrauen, und dann können die Kinder das ja auch gar nicht lernen. Also dachte ich, vielleicht geht man unvoreingenommener an viele Dinge heran, wenn man keine Diagnose hat.

      Auf der anderen Seite gibt es aber auch den Aspekt, dass der Selbstwert ja ziemlich gelitten hat ohne Diagnose. Wenn man z.B. die meiste Zeit Außenseiter war, aber nie wusste, warum, dann hat man sich doch häufig selbst die Schuld daran gegeben. Mit einer Diagnose hätte das vielleicht verhindert werden können.

      Aber alles steht und fällt damit, wie man mit einer gestellten Diagnose umgeht. Sie sollte im besten Fall dazu führen, dass ein Kind sich selbst verstehen kann, seine Stärken und Schwächen kennt, ein gutes Selbstwertgefühl bekommt und in seiner Entwicklung nicht behindert wird.
      Dabei gibt es aber auch viel, was schief gehen kann. Deshalb finde ich heute, dass man diese Frage gar nicht abschließend beantworten kann, weil es sehr vom Einzelfall und vom Umfeld abhängt.

      Ich denke, meine Mutter hätte eine Diagnose damals nicht akzeptiert. Sie hätte so getan, als sei alles normal, hätte es verdrängt und nicht mehr davon gesprochen. So macht sie es ja heute noch.
      Daher hätte sich für mich womöglich gar nicht viel verändert, denn als Kind kann man das ja noch nicht alles so einordnen.
      Menschen sind auch nur Tiere. - Ich mag Tiere!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Shenya ()

    • Darlina schrieb:

      dass man in Beziehungen Schwierigkeiten hat,... . Lebt man dann "einfach .... ohne Beziehung"? Geht es einem dann wirklich besser? ...oder einfach anders?
      Ich habe das erste Mal gemerkt, wie gut mir eine Auszeit von der Familie tut, als meine Frau mit unserer Tochter drei Wochen in Kur war. Das hat mich schon ziemlich beschäftigt, dass es mir reicht, mit den beiden zu telefonieren, ich dachte, womöglich stimmt etwas mit unserer Beziehung nicht, ich habe es nur noch nicht realisiert. Kurz danach kam dann die Diagnose unserer Tochter und als Folge der Eigenverdacht - danach wusste ich, woran das lag und konnte mit meiner Frau auch darüber sprechen. Anders als vorher ist, dass man angstfrei drüber reden und eine entsprechende Regelung vereinbaren kann, ohne dass die Beziehung drunter leidet. Oder auch: anders ist, dass man das Problem benennen und eine Lösung dafür finden kann, während es ohne Eigenverdacht im Untergrund geschwelt hätte. Es geht mir so viel besser, als es sich andernfalls vermutlich entwickelt hätte.
      Ich hatte diese Auszeiten auch in den drei Jahren davor schon gehabt, sie nur nicht als solche erkannt, da war ich regelmäßig die ganze Woche beruflich unterwegs, saß in einem staubigen Museumsdepot und habe (gut bezahlt) meinem SI gefrönt. Deshalb war mir das auch früher nicht aufgefallen