Ungewollt selbstverschuldete Beeinflussung eines Wissensgebiets

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    • Ungewollt selbstverschuldete Beeinflussung eines Wissensgebiets

      Ich bin ja einer dieser Typen, die (wohl AS-typisch) für unverwertbare Sonderinteressen und Spezialwissen berüchtigt sind.
      In eher langwelligen, mehrjährigen Zyklen begeistere ich mich jeweils für ein neues Thema. Ich verschlinge dann alles an Büchern zu diesem Gebiet, derer ich habhaft werden kann, lese Fachartikel in Internet, und bin froh, wenn ich dann im Internet ein Forum von Fachleuten zu diesem Thema finde, wenn noch Fragen ungeklärt bleiben.
      Dort stelle ich dann meine Fragen, stoße ggf. zunächst auf Unverständnis, erkläre meinen Standpunkt und Ideen, und entwickele mich ungewollt teilweise zum Experten und sogar zum Meinungsführer. Mitunter fühle ich mich dann auch berufen, mein bis dahin akkumuliertes Wissen selber in Form von Fachartikeln weiterzugeben.
      Um meine Anonymität jetzt wenigstens halbwegs zu wahren, erfinde ich mal ein bewusst nicht-existierendes Beispiel: Sagen wir mal, ich wäre rein durch Hobby und Selbstbeschäftigung innerhalb weniger Monate zu einem der wenigen weltweiten Experten für die Auslegung von Luftschiffchronometern geworden. Oder ähnlich nicht-massenkompatible Skurrilitäten halt.

      Und dann passiert etwas ganz Merkwürdiges, weswegen ich Euch anschreibe: Irgendwann ist dann jeweils der Punkt gekommen, dass ich, wenn ich weiter Informationen zu bestimmten Randaspekten des Fachgebiets suche, ich zunehmend nur noch entweder auf eigene Beiträge stoße, oder auf solche, die entweder direkt auf meine eigenen Beiträge referenzieren, oder zumindest indirekt von diesen beeinflusst scheinen.

      Das ist ein ganz merkwürdiges, fast schon frustrierendes Gefühl, weil ich dann den Eindruck habe, kein unbeeinflusstes, ursprüngliches Wissen zu diesem Thema mehr finden zu können, sondern nur noch durch mich selber verfälschtes, einem selbstverschuldeten Bias unterliegendes. Das ist dann oft der Punkt, an dem ich oft das Interesse an dem Thema verliere, weil ich das Gefühl habe, mich nur noch im Kreis zu drehen und nichts Neues mehr dazulernen zu können.
      Irgendwie erinnert mich das an die Heisenbergsche Unschärfe, dass man nichts messen kann, ohne es dadurch zu verfälschen. Ich habe stattdessen den Eindruck, mir kein Wissensgebiet aneignen zu können, ohne es dabei selber zu verfälschen.

      Jetzt meine Frage an Euch: Ist das ein bekanntes Phänomen? Gibt es vielleicht sogar einen Namen dafür?
    • Ich weiß nicht; ich selhe da ehrlich gesagt nur sehr begrenzte Zusammenhänge, geht es darin doch, soweit ich es verstehe, rein technisch um die Zahl der Kommunikationswege, nicht jedoch um die inhaltliche Beeinflussung der Information selbst.

      Vielleicht hat das auch etwas vom Impostor-Syndrom:
      Eigentlich sollte ich mich doch wohl freuen, in einem Fachgebiet zur Koryphäe geworden zu sein. Stattdessen ärgere ich mich aber, weil das Wissensgebiet dadurch für mich entwertet wurde.
      Und eigentlich ist es ja das Wesen von Forschung, sich gegenseitig im Wissensgewinn hochzuschaukeln. Ich dagegen möchte ursprüngliches, makelloses und von mir noch unbeeinflusstes Wissen dazulernen.
    • Vielleicht liegt es an der Auswahl des Themengebiets, das heißt du wählst dir zu leichte, dich unterfordernde Aufgaben aus? Das ist irgendwie verständlich, dass man dann irgendwann frustriert ist, wenn man nichts mehr lernen kann.


      Theoretisch sollte es da draußen aber doch genügend Dinge geben, an denen du dich abarbeiten kannst und nicht so ganz schnell Gefahr läufst, zur Koryphäe zu werden.

      Schau doch vielleicht mal beispielhaft hier:

      de.wikipedia.org/wiki/Millennium-Probleme

      Da lockt nicht nur die Aussicht auf längere Beschäftigungsdauer, sondern sogar Ruhm und Reichtum.
    • :thumbup: sehr gute Idee!
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert?"
      (Schrödinger lässt grüßen :) )

      ‚Der häufigste Fehler liegt in der Annahme, dass die Grenzen unserer Wahrnehmung auch die Grenzen des Wahrzunehmenden sind.’
      C.W. Leadbeater
    • OK, ich muss Euch ein etwas konkreteres Beispiel liefern. Allerdings wäre dann auch die Anonymität dahin, weil das alles schon sehr, sehr speziell ist.
      Daher übertrage ich es geringfügig auf ein anderes Produkt -auf dem Frühstückstisch umherblick- Salami? Perfekt!

      Also sagen wir, ich hätte aus Spaß an der Freund angefangen mit Hobbymetzgern. Allerdings nicht durch Ausprobieren oder Zuschauen, sondern indem ich mir zunächst eine Reihe von Fachbüchern reingezogen habe. Und mich erst dann mit wahrscheinlich AS-typischem Perfektionismus und Pedanterie in die Küche gestellt habe, indem ich die Zutaten mit der Feinwaage abwiege, während des Wurstens ständig die Temperatur aufs Zehntelgrad und den pH-Wert des Bräts messe usw.
      Dadurch hatte ich in kurzer Zeit ganz ansehnliche Erfolge, und hab mit meinen Würsten augf Anhieb sogar einige vielbeachtete Wettbewerbe gewonnen. Es gibt inzwischen Großmetzgereien, die meine Rezepturen und Verfahren verwenden.
      Weil mich das jedoch irgendwann langweilte, habe ich mich an die Rekonstruktion ausgestorbener, historischer Rezepte gemacht. Beispielsweise eine nur aus nebulösen Überlieferungen bekannte etruskische Urform der Salami, von der niemand mehr weiß, woraus sie genau bestand und wie sie ihre legendäre Haltbarkeit und ihr spezielles Aroma erlangte. Ich konnte jedoch die an ihrer Reifung beteiligten Mikroorganismen anhand alter Quellen mit hoher Wahrscheinlichkeit identifizieren und nachzüchten. Ein Erfolg, der auch in der Fachwelt mit Interesse aufgenommen wurde.
      Ich weiß nicht, ob man das nun als Größenwahn beschreiben kann. Ich denke nicht, ich bin ja auch nicht stolz darauf - es stört mich ja ausdrücklich: Ich würde gerne noch mehr über etruskische Salami lernen, es geht aber nicht mehr, weil ich, sobald ich weiter zum Thema "etruskische Salami" recherchiere, fast nur noch auf Zitate oder Plagiate meiner eigenen Verfahren stoße.

      Mag sich jetzt einigermaßen gaga anhören, aber wenn man "metzgern" und "Salami" durch ein anderes Produkt ersetzt, wäre es absolut real.
      Und so geht es mir halt ständig.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Anachronist ()

    • Spezielles oder altertümliches Wissen ist oftmals nicht online zu finden, aber lässt sich durchaus in Bibliotheken finden.
      Versuch es doch mal bei einigen sobald du online alles ausgeschöpft hast oder frag bei Universitäten nach, falls es in irgendeiner Weise einen Zusammenhang zu möglichem Lehrmaterial hat.
      Und falls du nur in deutsch recherchierst, solltest du dir vielleicht mal überlegen es in englisch zu tun.
      -So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab.

      -Fear and desire hold the power to disrupt one's rhythm. Desire clouds one's vision, while fear stills one's step.
    • Anachronist schrieb:

      Eigentlich sollte ich mich doch wohl freuen, in einem Fachgebiet zur Koryphäe geworden zu sein. Stattdessen ärgere ich mich aber, weil das Wissensgebiet dadurch für mich entwertet wurde.
      Wähle andere Wissensgebiete - vorzugsweise solche, wo es noch keinerlei gesicherte Erkenntnisse gibt. Wenn dich die Mathematikprobleme des Milleniums nicht interessieren, gibt es auf dem Gebiet der Quantentheorie(n) noch ein weites Feld.
      ~ What the fuck is real life and where can I download it? ~
    • ein bisschen kenne ich das Problem, denn ich führe oft Theorien aus Psychologie/Kognitionswissenschaft/Neuropsychologie zusammen und denke mir dann: Mensch, dazu müsste es doch schon Forschung geben! ... und ich suche ...aber es gibt anscheinend keine :(
      Dass du so sehr zum Experten werden kannst, finde ich übrigens einigermaßen beeindruckend.

      Es gibt, finde ich, so viel Wissen auf der Welt, dass ich persönlich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll... ich würde mich am liebsten mit allem beschäftigen! Und spezielle Wissensgebiete gibt es wirklich mehr als genug. Allein wenn ich auf Wikipedia unterwegs bin und einem Link folge, der mich zum nächsten Artikel führt, der mich wiederum zum nächsten Artikel führt, und so fort, merke ich, wie viele Experten es geben muss, die jeweils in ihrer eigenen speziellen Fachwelt unterwegs sind.

      Wie wäre es mit Transzendentalphilosophie? :fun: (oder auch kein Spaß, ist echt interessant!)
      je länger ihr sie anseht, desto absurder erscheint die Welt... und jetzt erst... undjetzterst!
    • Anachronist schrieb:

      Jetzt meine Frage an Euch: Ist das ein bekanntes Phänomen? Gibt es vielleicht sogar einen Namen dafür?
      Bei deinem Forscherdrang würde es mich wundern, wenn du nicht selbst bald die Antwort zu der Frage findest. :d
      Was mir einfallen würde, um aus diesen "unendlichen Regress" herauszukommen, wäre wenn du deine Nachforschungen nicht alleine betreibst, sondern dir noch einen Kollegen mit ins Boot holst, vielleicht auch auf internationaler Ebene. Ist natürlich die Frage ob es Gleichgesinnte gibt.

    • Auf das Problem kann man relativ leicht stoßen. Ich habe auch schon meine Beiträge im öffentlichen Teil vom Aspies-Forum bei Google wiedergefunden, als ich nach Infos zu eher seltenen AS-Begleiterscheinungen gesucht habe :d .

      Das liegt auch daran, dass man gern recht spezifische Suchbegriffe verwendet: Man gibt die Begriffe/Stichworte in die Suchmaschine ein, die man schon kennt und eben evtl. auch selbst schon irgendwo geschrieben hat.
      Und zu vielen speziellen Themen gibt's gar nicht so viel im Internet, das musste ich auch schon feststellen. Wenn man also mal was dazu gepostet hat ist die Chance nicht gering es wiederzufinden.
      Wenn das Thema speziell genug und die Anzahl der Interessenten entsprechend gering ist, kann natürlich eine einzelne Person einen deutlichen Einfluss auf Forenbeiträge und ggf. auch Publikationen dazu haben.

      Anachronist schrieb:

      Ich habe stattdessen den Eindruck, mir kein Wissensgebiet aneignen zu können, ohne es dabei selber zu verfälschen.
      Wenn man nichts dazu schreibt (egal ob in Foren, Zeitschriftenartikeln, Papers oder sonstwo) sondern nur liest, kann man nichts verfälschen :d .
      Falls es kein absolut exotisches Thema ist, dürfte der eigene Einfluss aber vernachlässigbar gering sein.


      Eismensch schrieb:

      Feinwaage ...
      Hmm. Du hast eigentlich blaues Meth hergestellt?
      Warum denkt jeder bei einer Feinwaage gleich an Drogen? :d
      Vielleicht will man ja zum zuckerfreie Nutella kochen bestes ungestrecktes Sucralose-Süßstoffpulver verwenden, weil normale Discounter-Süßstoffware Streckmittel wie Maltodextrin enthält. Der Wirkstoff-Gehalt liegt meist unterhalb von 2 %, und das Streckmittel verfälscht Geschmack und Konsistenz der Nutella.
      Der weiße, reine Sucralose-Stoff ist 600mal so süß wie Zucker. Um eine Überdosis zu vermeiden, ist eine Feinwaage mit 0,01g, besser noch 0,001g Auflösung durchaus empfehlenswert.
      :lol:
      *scnr*
    • Kommt mir bekannt vor....

      Ich hab mal 3 Aquarien gehapt, mit schönen Malawi See Barben 500L, hab mich über 5 Jahre damit beschäftigt,
      Bücher gelesen, Internet auch da alles mögliche in mich aufgenommen, in Foren gelesen und geschrieben, und hab in mir nacher so viel Wissen angehäuft das es mir ähnlich ging, es wurde irgendwie eintönig, ich fand auch nur noch Sachen die ich schon wusste, und ja auch eigene Artikel/Beiträge von mir hab ich immer wieder gefunden. Was mich tierisch aufregte das vieles Halbwissen verbreitet wird oder sogar zu falsches FATALES geraten wird.
      Hab mich schon fast mal mit einer Zoohandlung angelegt weil ich daneben stand und sie Kunden total falsch beraten haben! Kompetenzen = 0.
      Ich hatte in 6 Wochen mehr wissen als der Laden selber über Aquaristik. Natürlich weiß auch ich nicht alles in diesem Bereich, aber halt das was mich interessierte :)
      Es ging aber schon teilweise sehr ins Detail, schon sachen die man eigentlich garnicht wissen muss, aber ich :d

      Feinwage? Ja hab ich,
      Hab mal mein eigenes FitzRoy-Sturmglas gebaut, oder auch Dünger fürs Aquarium damals Hergestellt in kleinen mengen.

      Das mit Wiki kenne ich sehr gut, z.b. ich guck mir an wie ein Atomrreaktor so aussieht und wie er aufgebaut ist, dann gehts ins Detail, bis was im Wasser ist, wie genau die Brennstäbe aussehen was da drin ist wie es da drin aussieht, ja sogar wie oft die Elemente gewechselt werden, dann klick ich auf Atombombe wie das geht, wie das drin ausssieht, wie sie ins Weltall kommt, alles weil mich jemand fragte, dann sag ich es ihm, und Plapper los, als Reaktion darauf "Alter.... so genau wollt ich das jetzt eigentlich nicht wissen! Das Interssiert doch kein Mensch" MICH aber, dann komm zu Atombombe "Au man ...." :lol:
      "Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß , wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch."

      *George Bernard Shaw


    • Anachronist schrieb:

      Daher übertrage ich es geringfügig auf ein anderes Produkt -auf dem Frühstückstisch umherblick- Salami? Perfekt!
      Genauso kenn ich das nun nicht, weil ich sonst nirgendwo geschrieben habe; sich in ein Thema theoretisch einarbeiten, bevor ich es praktisch umsetze (oder eben nicht weil die Kohle fehlt), kenn ich aber auch.

      Oben waren noch gute Tipps die ich nochmal hervorheben würde:

      Bibliothekskataloge hat jede Universität eigentlich online: Campus Katalog Uni Hamburg oder den Begriff auch auf English suchen.

      Viele Grüße Miiep
      (Klammerfreak) :d
    • Es ist doch logisch: Wenn man absoluter Experte auf einem Randgebiet wird und andere damit nicht mithalten können und du extrem viel selbst publizierst, die anderen aber nicht ansatzweise so viel, dann liest du halt fast nur noch Sachen von dir selbst.

      Ich würde mir ein Wissensgebiet suchen, in dem mehr andere Menschen auch publizieren. Also etwas Gängigeres als das von dir genanne Beispiel. Dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es mehrere "Koryphäen" auf dem Gebiet gibt.

      Wenn dir intellektuell tatsächlich niemand das Wasser reichen können solte (RW) und dich das so extrem belastet, könntest du dafür sorgen, dass du dümmer wirst und die anderen Beiträge dir damit wieder interessant erscheinen :o Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. :-p
      Ganz schnell geht es, wenn du Drogen nimmst oder die "falschen" Medikamente.

      (falls die Frage ernst gemeint war).