Selektiver Mutismus

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    • Selektiver Mutismus

      Hallo zusammen,
      mich würde interessieren: Gibt es hier noch andere Asperger Autisten, bei denen ein selektiver Mutismus vorlag oder noch immer vorliegt?

      Ich war als Kind und Jugendliche extrem selektiv mutistisch, konnte nur mit ausgewählten Menschen sprechen, beim Rest verstummte ich. Als junge Erwachsene legte sich das Problem allmählich, mittlerweile kann ich mit jedem Menschen mehr oder weniger sprechen.

      ALLERDINGS: Oft habe ich das Gefühl, dass der selektive Mutismus noch immer vorhanden ist.
      Als Beispiel: Ich studiere im naturwissenschaftlichen Bereich. Wir haben nicht nur Übungen, sondern auch praktische Teile, zum Beispiel im Labor. Es gibt im Labor momentan einen Mann und eine Frau, die uns bei den Versuchen unterstützen.

      Nun habe ich bemerkt, dass ich mit dem Mann problemlos reden kann. Ich kann ihm Probleme erklären und Fragen beantworten, ohne dass ich einen Blackout oder eine Sprachblockade bekomme. Bei der Frau ist es widerrum ganz anders: Ich stottere, wenn ich ihr Probleme erklären soll, verstumme und habe regelrechte Blackouts bei Fragen.

      Ich mache mir deswegen sehr große Sorgen, da ich ab dem nächsten Semester mündliche Prüfungen habe. Wie soll ich mit dieser Situation nur umgehen? Aus Erfahrung kann ich sagen, dass ich bei mündlichen Prüfungen sofort einen Blackout habe und nervös werde, wenn bestimmte Menschen dabei sind. Sollte ich mit dem Studiengangleiter reden und ihm von meinen Problemen erzählen? Ich weiß nur nicht, ob das viel Sinn macht und sich etwas für mich ändern würde.

      Ronja Räubertochter
      Ich wünsche mir nichts so sehr, wie einmal die Erde verlassen zu können und den Planeten zu finden, von dem ich stamme.
      Ich bin zu verschieden von den anderen hier, als das ich auf der Erde geboren sein könnte.

      Susanne Schäfer

      Autismus-Diagnose: 2010
      Mutismus-Diagnose: 2002
    • Ich hatte in der 9. Klasse eine sehr lange mutistische Phase, vor allem in der Schule. In meiner Familie hatte ich in dieser Zeit nur soviel geredet, dass es nicht über Gebühr auffiel. Wenn ich heute in so eine Phase des Nicht-Redens-Wollens komme, versuche ich sie selbst zu durchbrechen. Das fühlt sich sehr unecht an, sozusagen simulierte Aufmerksamkeit, aber ich möchte meine Beziehungen nicht überstrapazieren und erst recht nicht verlieren.
      Vor Publikum oder in Prüfungssituationen habe und hatte ich zum Glück nie Probleme. Ich finde diese Situationen insofern leichter, als,dass ich sie richtig vorbereiten kann und es keine normale Konversation ist.
      Heute in mich gegangen - auch nichts los (Karl Valentin)
    • Ich kenne mich mit dem Thema nicht aus. Bei mir war es sehr lange so, dass es bestimmte Personen gab vor denen ich kaum ein Wort rausbekommen oder rumgestammelt habe und vor anderen konnte ich wiederum völlig normal und frei reden. So richtig verstummt bin ich allerdings nicht. Generell hab ich aber immer sehr wenig geredet, auch heute noch.

      The post was edited 1 time, last by numb ().

    • Huckleberry wrote:

      Wenn ich heute in so eine Phase des Nicht-Redens-Wollens komme,
      Mit "wollen" hat selektiver Mutismus gar nichts zu tun. Da liegt eine Fehldeutung des Wortes selektiv bei dir vor.

      Ronja Räubertochter wrote:

      Gibt es hier noch andere Asperger Autisten, bei denen ein selektiver Mutismus vorlag oder noch immer vorliegt?
      Ja.

      Ronja Räubertochter wrote:

      Nun habe ich bemerkt, dass ich mit dem Mann problemlos reden kann. Ich kann ihm Probleme erklären und Fragen beantworten, ohne dass ich einen Blackout oder eine Sprachblockade bekomme. Bei der Frau ist es widerrum ganz anders: Ich stottere, wenn ich ihr Probleme erklären soll, verstumme und habe regelrechte Blackouts bei Fragen.
      Kommt mir bekannt vor.

      Ronja Räubertochter wrote:

      da ich ab dem nächsten Semester mündliche Prüfungen habe. Wie soll ich mit dieser Situation nur umgehen?
      Ich würde mich an die Behindertenvertretung der FH / Uni wenden, es gibt Nachteilsausgleiche, z.B. dass Prüfungsleistungen ersatzweise schriftlich erbracht werden können, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Ggf. könnte man alternativ auch vorher absprechen, wer dich prüft.
    • Genau so ist es:
      Ich WILL unbedingt in solchen Situationen reden, aber ich KANN einfach nicht.

      Mark_Twain:
      Wie ist es denn bei Dir? Liegt der Mutismus noch heute vor?
      Ich habe mir auch schon überlegt mit der Behindertenvertretung zu reden, beziehungsweise erst einmal eine Mail zu schreiben. Ich schleiche gerade in letzter Zeit häufiger um die Mailadresse herum, weil ich im nächsten Semester eigentlich nicht "plötzlich", also zwei Tage vor der Prüfung, mit meinem Problem ankommen möchte. Dann ist es vielleicht zu spät. Aber es fällt mir wirklich schwer Kontakt dorthin aufzunehmen, weil ich mich dann so fühle, als würde ich in eine Schublade gesteckt; aber ich möchte das Studium ja unbedingt schaffen.
      Ich wünsche mir nichts so sehr, wie einmal die Erde verlassen zu können und den Planeten zu finden, von dem ich stamme.
      Ich bin zu verschieden von den anderen hier, als das ich auf der Erde geboren sein könnte.

      Susanne Schäfer

      Autismus-Diagnose: 2010
      Mutismus-Diagnose: 2002
    • Oft ist es tatsächlich so, dass ich die Dinge zuvor noch gewusst habe, aber plötzlich eine "Leere" in meinem Kopf entsteht, also wirklich eine Art von Blackout. Manchmal taucht das Wissen dann auch wieder auf, aber es ist, als wäre es nicht greifbar und nur schwer wieder in Worte zu fassen. Manchmal fühle ich mich dann fast "gefesselt", oder vielleicht auch unter Wasser getaucht. Schwer zu beschreiben.

      Bei schriftlichen Arbeiten passiert mir das auf jeden Fall nicht. Da sind dann zwar auch Menschen in meiner Umgebung, aber sie sind eher im Hintergrund und ich kann mich einfach auf das Blatt Papier konzentrieren. Ich fühle mich dann nicht unter Druck. Eine mündliche Prüfung bedeutet ja für viele Menschen Stress, aber für mich ist es irgendwie doppelter Stress und dann versinke ich einfach in meinen Tiefen.
      Ich wünsche mir nichts so sehr, wie einmal die Erde verlassen zu können und den Planeten zu finden, von dem ich stamme.
      Ich bin zu verschieden von den anderen hier, als das ich auf der Erde geboren sein könnte.

      Susanne Schäfer

      Autismus-Diagnose: 2010
      Mutismus-Diagnose: 2002
    • Ronja Räubertochter wrote:

      Oft ist es tatsächlich so, dass ich die Dinge zuvor noch gewusst habe, aber plötzlich eine "Leere" in meinem Kopf entsteht, also wirklich eine Art von Blackout.
      Ich kenne diese Art von Blackout auch sehr gut aus meiner Schulzeit.

      Bei mir trat das gehäuft in den Fremdsprachen auf, und ganz besonders bei einem bestimmten Lehrer. Dieser Lehrer fand es auch sehr lustig, mich in der Oberstufe als Kurssprecher vorzuschlagen und darauf hinzuweisen, wie schade er es finde, dass so qualifizierte Leute wie ich nicht kandidieren würden. Die Ironie in seinen Worten war dabei nicht zu überhören und aus dem Zusammenhang eindeutig klar, da ich in seinem Unterricht bis dahin wenig gesprochen habe und anschließend fast gar nichts mehr gesagt habe. Die mündliche Mitarbeit wurde dann mit 6 bewertet, aufgrund der schriftlichen Arbeiten (beide 2) habe ich es gerade noch auf eine glatte 4 geschafft.

      In Französisch war es im Unterricht nicht ganz so schlimm, aber auch da habe ich im Unterricht nur wenig gesagt, obwohl ich immer gute Arbeiten geschrieben habe. Außerdem habe ich mal bei einem Gastaufenthalt in einer Familie in Frankreich fast vier Wochen lang kaum gesprochen.

      Ähnliche Blackouts gab es aber auch (etwas seltener) in anderen Fächern (Deutsch, Geschichte, Religion, ...), aber nie in Mathematik oder Physik (Leistungskurse, beide Fächer habe ich später auch studiert).

      Ob das "selektiver Mutismus" war, kann ich nicht eindeutig sagen. In den Diagnosekriterien nach DSM IV heißt es ja eindeutig: "Die Unfähigkeit zu sprechen ist nicht durch fehlende Kenntnisse der
      gesprochenen Sprache bedingt oder dadurch, dass der Betroffene sich in
      dieser Sprache nicht wohl fühlt." Natürlich wurde es damals von den Fachlehrern so interpretiert, dass ich mich in der Zielsprache nicht wohlgefühlt habe. Das gleiche Verhaltensmuster zeigte sich aber auch in der jüngeren Vergangenheit auch in einem Türkischkurs. Obwohl ich in Wortschatz, Grammatik und syntax den anderen Kursteilnehmern deutlich voraus bin, kann ich mich dort überhaupt nicht äußern, wenn es um typische Smalltalk-Situationen oder um Spekulationen über die Intention des Autors oder der handelnden Personen in einem Text geht. Deswegen halte ich das für ein typisch autistisches Verhaltensmuster.

      Es wundert mich etwas, dass "selektiver Mutismus" nirgends als häufige Komorbidität zu ASS genannt wird.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • Das ist interessant für mich. Unser Sohn leidet dann wohl an Selektivem Mutismus. Wenn ihm alles zu viel wird, wie in der ersten Kita mit 3 Jahren, dann verstummt er und verliert sein Sprachvermögen. Behoben habe ich dies, indem ich die Kita umgehend wechselte und ihm ein Leben schaffte, in dem er sich wohl fühlen kann. Zumindest ist das Sprachvermögen nie weiter wie bis zum beginnenden Stottern verloren gegangen, denn wenn ich dies wahrnehme, beende ich sofort was ihn belastet, um dem Schweigen aus dem Weg zu gehen und suche mit ihm nach Lösungen damit umzugehen, was so schwer für ihn ist. Das funktioniert auf diese Weise bei ihm, einem 4 Jährigen sehr gut. Ich bin gespannt, ob dies dann später wenn ich ihn nicht mehr vor groben Schwierigkeiten bewahren kann, noch immer auftritt.

      The post was edited 1 time, last by DieMama ().

    • Lehrer können manchmal solche Idioten sein; um noch einen harmlosen Ausdruck zu verwenden.
      Ich hatte damals in der Schule auch einen Lehrer, der es geliebt hat mich mitten im Unterricht dran zu nehmen. Dann wartete er einige Sekunden und meinte anschließend: "Oh, stimmt ja. Du sprichst ja nicht gern, hahaha." Wie Du schon sagtest: Solche Sprüche machen einem das Leben nicht leichter, stattdessen zog ich mich nur noch weiter "in meine Welt" zurück. Ich denke, dass bei mir der Übergang von Mutismus und Autismus auch eher fließend war und irgendwie immer übereinanderfloss.

      Tuvok wrote:

      Die mündliche Mitarbeit wurde dann mit 6 bewertet, aufgrund der schriftlichen Arbeiten (beide 2) habe ich es gerade noch auf eine glatte 4 geschafft.
      So war es bei mir die meiste Zeit in der Schule. Viele Fächer wurden ja auch so bewertet, dass die Hälfte der Note die schriftliche Arbeit ausmachte und die andere Hälte die mündliche Mitarbeit. Ich habe immer sehr gute bis gute Noten geschrieben, aber im mündlichen Bereich stand ich immer mangelhaft bis ungenügend; dadurch sahen meine Noten auf dem Zeugnis oft ziemlich mies aus.

      Tuvok wrote:

      Es wundert mich etwas, dass "selektiver Mutismus" nirgends als häufige Komorbidität zu ASS genannt wird.
      Ich weiß nicht wie häufig es tatsächlich ist, im Buch "Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom" von "Tony Attwood" wird der selektive Mutismus auf jeden Fall erwähnt.

      Tuvok wrote:

      "Die Unfähigkeit zu sprechen ist nicht durch fehlende Kenntnisse der gesprochenen Sprache bedingt oder dadurch, dass der Betroffene sich in dieser Sprache nicht wohl fühlt."
      So ist es zumindest bei mir auch.
      Es liegt nicht an der Sprache, denn in der deutschen Sprache fühle ich mich sicher und zuhause.
      Ich wünsche mir nichts so sehr, wie einmal die Erde verlassen zu können und den Planeten zu finden, von dem ich stamme.
      Ich bin zu verschieden von den anderen hier, als das ich auf der Erde geboren sein könnte.

      Susanne Schäfer

      Autismus-Diagnose: 2010
      Mutismus-Diagnose: 2002
    • Ich habe mich im Unterricht so gut wie nie gemeldet, das war echt mein größtes Problem in der Schule. Gemobbt wurde ich deshalb aber zum Glück nie von den Lehrern, wenn die mich mal aufriefen und ich konnte nicht gleich antworten weil ich blockiert war, waren sie trotzdem geduldig. Es gab allerdings welche die sich ständig Sorgen um mich gemacht haben, was extrem belastend für mich war.

      The post was edited 4 times, last by numb ().

    • Ronja Räubertochter wrote:

      Mark_Twain:
      Wie ist es denn bei Dir? Liegt der Mutismus noch heute vor?

      Ja. Selektiv. Bis heute. Wird auch nicht weggehen denke ich. Aber laut Literatur geht es bei vielen im Erwachsenenalter weg. Allerdings ist der Großteil dieser Menschen m.W. neurotypisch.

      Was in mutistischen Phasen passiert fällt mir schwer zu beschreiben. Ich hätte es ähnlich beschrieben wie du, so etwas wie unter Wasser sein, aber ich erlebe es eher so, wie ein Unterwassergefühl im Kopf. Ein ImHalsUndKopfeingesperrt-Gefühl. Ja, wie gefesselt sein in einer Maske über dem Kopf oder so. Die Sprache ist abgetaucht. Das Blackout ist nicht wie ein fachliches Blackout, dass ich nicht weiß was ich sagen möchte. Ich weiß in der Regel genau was ich sagen will. Der Blackout ist eher so, dass ich quasi "vergesse" wie man spricht. Mund, Hals, Zunge bewegen sich nicht, irgendwas in mir hat sich zusammengezogen, ich weiß nicht wo, aber dann weiß ich auch, dass ich nichts tun kann, weil es zu spät ist. Manchmal fängt es an, wie beim tonischen Stottern, bricht sozusagen kurz nach dem Anfang des Satzes oder der ersten Silbe komplett ab, aber meist kommt erst gar nichts heraus. Es ist als hätte ich keine Sprache mehr, sie ist plötzlich einfach weg, nicht mehr greifbar. Es gibt Bilder im Kopf, aber keine Worte für sie. Das ist jedenfalls der Regelfall.

      Was die genauen Gründe sind bzw. in welchen Situationen es auftritt kann ich nicht immer vorhersagen. Es gibt mehrere Gründe denke ich, aber die folgende Aufzählung ist nicht vollständig:
      • Ein möglicher Auslöser ist Fremdheit der anderen Person.
      • Ein anderer Grund ist Antipathie, die auch unbewusst sein kann. In beiden Fällen kann ich die Person, Gesicht, Körperschema schlecht wahrnehmen, das Gegenüber ist schwammig, neblig und dann ist auch Sprechen überhaupt nicht möglich. (Habe ich auch hier schonmal berichtet).
      • Es kann aber durch Stress bzw. Reizüberflutung ausgelöst werden, selbst wenn es mir umstandsgemäß gut geht. Dann ist es als ob mich andere Reize- und deren Verarbeitung zu sehr einnehmen und keine Kapazität mehr zur Verfügung steht Sprache zu formulieren. In solchen Fällen resultiert die Sprachlosigkeit tatsächlich aus der Unfähigkeit Sprache zu bilden, d.h. einer Unfähigkeit Gefühle, Bedürfnisse, die Bilder meiner Antwort in verbale Buchstabenfolgen zu übersetzen, d.h. einem intellektuellen Überfordertsein damit, was man sagen kann.
      • Es kam auch schon vor, dass ich bei Einnahme eines Psychopharmakons als unerwünschte Nebenwirkung kompletten Mutismus hatte. Das war besonders schlimm. Da ging wochenlang gar nichts!
      • Ein weiterer Grund ist, wenn ich länger nicht spreche, z.B. weil ich eine Woche keinen Termin mit Menschenkontakt hatte und nur zuhause war. Das vermeide ich. Externe Maßnahmen / Therapie zielen u.a. darauf ab, dass ich regelmäßig kommunizieren muss und ich mache da auch freiwillig mit, weil ich genau weiß, dass wenn ich es nicht tue, dann schaltet sich nach einer bestimmten Anzahl von wortlosen Wochen ein Schalter im Kopf um und ich spreche nie wieder. Eine realistische Gefahr, weil es mir nach einer Weile dann auch nicht mehr fehlt. Es wird proportional schwerer wieder anzufragen, je nachdem wie lange die Pause war.
      • Wenn es mir schlecht geht, kommt auch nichts raus. Gegenüber niemandem. Das finde ich besonders belastend, weil manchmal etwas was diesen Zustand auslöst nicht behoben werden kann, weil ich niemanden darauf hinweisen kann! Z.B. wenn ich beim Arzt bin und der eine Untersuchung oder Berührung macht, die ich nicht ertrage, die mich überflutet und dann fällt wegen der Überflutung die Sprache weg und irgendwann raste ich dann aus.
      Wenn ich mutistisch bin, ob komplett oder selektiv, gibt es keine Möglichkeit es selbst zu kontrollieren oder verändern. Es schlägt wie ein Blitz ein und es ist unausweichbar. Es bleibt mir nur, es zu akzeptieren und zu entspannen, was nicht immer einfach ist.

      Ich habe mir auch schon überlegt mit der Behindertenvertretung zu reden, beziehungsweise erst einmal eine Mail zu schreiben. Ich schleiche gerade in letzter Zeit häufiger um die Mailadresse herum, weil ich im nächsten Semester eigentlich nicht "plötzlich", also zwei Tage vor der Prüfung, mit meinem Problem ankommen möchte. Dann ist es vielleicht zu spät. Aber es fällt mir wirklich schwer Kontakt dorthin aufzunehmen, weil ich mich dann so fühle, als würde ich in eine Schublade gesteckt; aber ich möchte das Studium ja unbedingt schaffen.
      Ich würde das an deiner Stelle nicht so persönlich sehen. Bei mir in der Uni wusste nur der jeweilige Prof und der entsprechende Behindertenvertreter davon, sowas kann man auch absprechen, also... wen man wie sehr einweiht. Du solltest den Nachteilsausgleich wirklich als das sehen, was er ist: Ein Ausgleich deines Nachteils. Du wirst dadurch nicht bevorzugt oder anders behandelt, sondern du hast einen Nachteil, den andere nicht haben, der deine Leistungen beeinträchtigt und hast dieselbe Chance verdient wie jeder andere dich zu beweisen. Es ist nicht sinnvoll erst zwei Tage vor der Klausur an den Beauftragten heranzutreten, insbesondere weil es einer gewissen Organisation bedarf, wenn für dich die Prüfung umstrukturiert werden soll, ggfs. wird auch ein Attest o.ä. verlangt, zum Nachweis deiner Problematik.

      Du kannst ruhig erst per Email Kontakt aufnehmen, wenn das dir leichter fällt. Habe ich auch gemacht. Ich bin damals mit Begleitung zum Termin gegangen, nur falls mir vorort dann auch die Sprache wegbleibt. Du kannst auch alleine hingehen. Du kannst schon vorher per Email dein Problem ansprechen. Oder erst im persönlichen Gespräch. Meistens sind die Vertreter sehr zuvorkommend und hilfsbereit. Sie sind ja dafür berufen, sie machen das gerne. Manchmal haben die auch gute Ideen oder entwickeln mit einem im Gespräch Ideen, was helfen könnte. Und nach der Prüfung ist alles wieder normal.
    • Ronja Räubertochter wrote:

      Lehrer können manchmal solche Idioten sein; um noch einen harmlosen Ausdruck zu verwenden.
      Ich hatte damals in der Schule auch einen Lehrer, der es geliebt hat mich mitten im Unterricht dran zu nehmen. Dann wartete er einige Sekunden und meinte anschließend: "Oh, stimmt ja. Du sprichst ja nicht gern, hahaha." Wie Du schon sagtest: Solche Sprüche machen einem das Leben nicht leichter, stattdessen zog ich mich nur noch weiter "in meine Welt" zurück. Ich denke, dass bei mir der Übergang von Mutismus und Autismus auch eher fließend war und irgendwie immer übereinanderfloss.

      Oh ja. Ich denke ich hatte da noch großes Glück, weil eigl in der Oberstufe nur eine Lehrerin wirklich feindlich war, die hab ich allerdings gehasst. Hat die ganze Zeit über Privatthemen gesprochen etc. Als ich dann am Ende vom Schuljahr die mündliche Note gekriegt hab (war glaub ich 5 Punkte) dachte ich zuerst, die will mich verarschen. Hatte in demselben Fach vorher jahrelang einen wahnsinnig guten Lehrer bei dem ich meistens eine 2 in mündlich hatte.

      Aber wie gesagt, das Bildungssystem in Deutschland ist eh der größte Müll überhaupt. Lehrer sind quasi allmächtig, und wenn sie dich nicht mögen hast du halt Pech gehabt. :|
      "They say humans are social animals, they can't live alone. But you can live pretty well by yourself. I tell ya...instead of feeling alone in a group, It's better to have real solitude all by yourself."―Faye Valentine
    • Ich spreche allgemein nicht gerne. In der Schule so gut wie gar nichts. Nicht weil ich es nicht weiß, manchmal "sage" ich die Antworten im Kopf. Werde ich dann dran genommen bekomme ich aber trotzdem keinen halbwegs gescheiten Satz hervor. Dürfte ich die Antwort aufschreiben würde es mir leichter fallen.
      Von manchen Lehrern wird man einfach so aufgerufen. Sie sagen dann, sie müssten mich ja mal drannehmen, damit sie noch wissen wie meine Stimme sich anhört. Die mündliche Note ist bei mir aber in allen Fächern schlecht. Schriftlich bin ich 1-2, da ist es natürlich ärgerlich wenn man durch das Mündliche bei 3-4 landet, wünsche mir dann manchmal schon einfach so sprechen zu können wie ich schreibe....
    • Mark_Twain wrote:

      Was in mutistischen Phasen passiert fällt mir schwer zu beschreiben.
      Ich finde, dass Du es perfekt beschrieben hast.
      Du sprichst mir mit Deinen Worten richtig aus der Seele (RW).
      Es ist bei mir tatsächlich haargenau wie bei Dir, vor allem was Deine Aufzählung betrifft. Ich wollte hier schon eher schreiben, aber ich brauchte den heutigen Tag zum Teil auch, weil ich Deinen Beitag unterbewusst verarbeiten musste. Du hast einfach alles mit genau den richtigen Worten aufgeschrieben, genau wie es bei mir und in meinem Leben ist; das hat mir zunächst etwas die Fassung genommen, also im positiven Sinne.

      Auch das Problem mit dem Telefonieren kenne ich; ich habe viele Jahre lang gar nicht telefoniert.
      In meiner Kindheit rief mich mal eine Freundin an und fragte mich: "Sag mal, wieso rufst Du mich eigentlich nie an?"
      Mit Verwandten und Freunden kann ich mittlerweile einigermaßen telefonieren, aber mit fremden Menschen habe ich noch oft meine Probleme. Häufig übernimmt deswegen mein Vater das Telefonieren für mich, gerade wenn es um Behörden, Telefongesellschaften oder wichtige Termine geht.

      Mark_Twain wrote:

      Ein weiterer Grund ist, wenn ich länger nicht spreche, z.B. weil ich eine Woche keinen Termin mit Menschenkontakt hatte und nur zuhause war. Das vermeide ich. Externe Maßnahmen / Therapie zielen u.a. darauf ab, dass ich regelmäßig kommunizieren muss und ich mache da auch freiwillig mit, weil ich genau weiß, dass wenn ich es nicht tue, dann schaltet sich nach einer bestimmten Anzahl von wortlosen Wochen ein Schalter im Kopf um und ich spreche nie wieder. Eine realistische Gefahr, weil es mir nach einer Weile dann auch nicht mehr fehlt. Es wird proportional schwerer wieder anzufragen, je nachdem wie lange die Pause war.
      Vor allem bei diesem Punkt musste ich erst einmal schlucken, tief Luft holen.
      Im Oktober waren Freunde von mir hier am Studienort, wir haben gemeinsam eine Messe besucht und danach noch bei mir am Tisch gesessen und geredet. Ich habe ihnen an diesem Tag zum ersten mal von meiner Diagnose bezüglich des Autismus erzählt. Wir kamen dann auch auf das Thema Hobby.
      Einer meiner Freunde meinte: "Wenn ich Geld gewinnen würde, würde ich mich vermutlich wochenlang um meine Hobbies kümmern und vollkommen darin versinken."
      Daraufhin meinte ich: "Ich würde auch gerne wochenlang in meinen Hobbies und Interessen versinken, aber wenn ich nach ein paar Tagen nicht unter Menschen komme, dann versinke ich immer weiter in meine eigene Welt. Es fällt mir dann immer schwerer, mit den Menschen zu kommunizieren, das Haus zu verlassen und normale Dinge zu erledigen. Ich würde so tief in meiner Welt versinken, dass ich sie am Ende vielleicht gar nicht mehr verlassen könnte."
      Ich habe das schon häufig gemerkt, zum Beispiel an langen Wochenenden. Wenn ich das Haus kaum verlassen und mit keinem Menschen gesprochen habe, fühle ich mich am ersten Tag nach dem langen Wochenende wie mit Watte umhüllt. Es kommt mir dann fast vor, als hätte ich mich sogar körperlich von den Menschen entfernt und könnte sie nur noch schwer erreichen.

      Auch wenn ich beispielsweise extem müde bin, falle ich in diesen Zustand hinein. Dann kann ich kaum bis gar nicht mehr sprechen.

      Mark_Twain wrote:

      Z.B. wenn ich beim Arzt bin und der eine Untersuchung oder Berührung macht, die ich nicht ertrage, die mich überflutet und dann fällt wegen der Überflutung die Sprache weg und irgendwann raste ich dann aus.
      Ich hatte einmal den Fall, dass ich beim Orthopäden war aufgrund meines Rückens. Ich bekam Akupunktur; eine Akupunkturnadel wurde mir genau in einen blauen Fleck gesetzt, der von einer anderen Rückenbehandlung stammte. Am Anfang bemerkte ich nichts, aber als ich allein im dunklen Behandlungszimmer lag bekam ich unheimliche Schmerzen. Ich war aber unfähig nach Hilfe zu rufen, also schlug ich mit meiner Hand immer wieder auf die Liege. Leider bemerkte das Geräusch niemand.

      Mark_Twain wrote:

      ggfs. wird auch ein Attest o.ä. verlangt, zum Nachweis deiner Problematik

      Das Attest wäre auf jeden Fall kein Problem, denn das habe ich mir bereits in weiser Voraussicht vor dem Studium ausstellen lassen.
      Ich habe mich heute auch hingesetzt und eine Mail an die Behindertenvertretung geschickt. Ich bin gespannt, ob und wann und welche Antwort zurückkommt. Ein wenig nervös bin ich trotzdem, aber irgendwie habe ich doch keine andere Wahl als den Kontakt aufzunehmen. Ich bin jetzt wirklich aufgeregt wie es weitergeht. Danke für Deine lieben Worte und die Unterstützung.

      Tabantus wrote:

      Lehrer sind quasi allmächtig, und wenn sie dich nicht mögen hast du halt Pech gehabt. :|

      Das ist leider wahr; obwohl ich wünschte, dass ich etwas anderes sagen könnte.
      Es gab zwar viele Lehrer die mich mochten, gerade aufgrund meiner stillen Art, aber es gab auch genug Lehrer die mir das Leben erschwerten und mich noch weiter runterzogen.

      Gecko wrote:

      Nicht weil ich es nicht weiß, manchmal "sage" ich die Antworten im Kopf. Werde ich dann dran genommen bekomme ich aber trotzdem keinen halbwegs gescheiten Satz hervor.

      Genau so war es bei mir zu Schulzeiten auch immer. Aber es ist manchmal wirklich deprimierend, oder? Und irgendwie fühlte es sich für mich immer auch ungerecht an, weil eigentlich konnte ich ja gar nichts für die Problematik und wusste sie auch nicht zu ändern, aber schlechte Noten bekam ich deswegen trotzdem immer.
      Ich wünsche mir nichts so sehr, wie einmal die Erde verlassen zu können und den Planeten zu finden, von dem ich stamme.
      Ich bin zu verschieden von den anderen hier, als das ich auf der Erde geboren sein könnte.

      Susanne Schäfer

      Autismus-Diagnose: 2010
      Mutismus-Diagnose: 2002
    • Sie sagen dann, sie müssten mich ja mal drannehmen, damit sie noch wissen wie meine Stimme sich anhört.
      Sowas in etwa hat eine ehemalige Klassenlehrerin auch zu mir gesagt.

      Ich würde so tief in meiner Welt versinken, dass ich sie am Ende vielleicht gar nicht mehr verlassen könnte."
      meine Mutter meinte mal zu mir, ich rede so wenig und ziehe mich so sehr zurück, sie kenne mich eigentlich gar nicht. Dass sie gar nicht weiss welche Interessen ich habe, welche Musik ich mag usw.
    • Ich habe mit mir gerungen (RW), wie ausführlich ich antworte. Danke für dein großzügiges Feedback, das zeigt, dass sich die Mühe gelohnt und der Beitrag von Nutzen war. Ich hoffe du hast deine Fassung auch wiedergefunden :d.

      Viel Erfolg mit dem Vertreter. Gratulation zum ersten Schritt. Sollte diese Person wider Erwarten unproduktiv sein, gibt es in der Regel auch eine studentische Behindertenvertretung an die man sich wenden kann. Wenn du magst, kannst du uns ja berichten, wie es ausging.
    • Mark_Twain wrote:

      Danke für dein großzügiges Feedback, das zeigt, dass sich die Mühe gelohnt und der Beitrag von Nutzen war.

      Das war er allein schon deswegen, weil ich der Schwerbehindertenbeauftragten endlich eine Mail geschrieben hatte.
      Es kam auch sehr schnell eine Antwort. Sie schrieb mir, dass sie die Beauftragte der Mitarbeiter ist, aber nicht für die Studenten verantwortlich. Oh man! Natürlich hat sie meine Mail weitergeleitet, aber es war ein kleiner Schock für mich. Die Behindertenbeauftragte der Studenten ist nämlich eine Person, bei der ich im ersten Semester bereits Vorlesungen hatte. Ich war daher etwas nervös, auch wenn ich in Zukunft keine Vorlesungen mehr bei ihr haben werde.

      Heute hatte ich dann endlich mein Gespräch.
      Ich war die letzten sieben Tage nur noch nervös; auch jetzt denke ich noch die ganze Zeit über das Gespräch nach und fühle mich innerlich aufgewühlt und "verletzlich".
      Sie hat sich einige Notizen gemacht, da sie sich wohl an sich nicht mit dem Thema Autismus und selektiver Mutismus auskennt, zeigte aber viel Verständnis und war während des Gesprächs auch sehr freundlich.
      Jetzt muss ich einen schriftlichen Antrag beim Prüfungsausschuss stellen, plus Attest. Fühle mich gerade mit alldem etwas überfordert, aber sie sagte schon, dass ich mich zur Not bei ihr melden kann, falls ich nicht die richtigen Worte finde.
      Ich wünsche mir nichts so sehr, wie einmal die Erde verlassen zu können und den Planeten zu finden, von dem ich stamme.
      Ich bin zu verschieden von den anderen hier, als das ich auf der Erde geboren sein könnte.

      Susanne Schäfer

      Autismus-Diagnose: 2010
      Mutismus-Diagnose: 2002