Wozu geht man als Autist zu einem Neurologen?

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    • Wozu geht man als Autist zu einem Neurologen?

      Kann mir jemand erklären, inwiefern einem ein Neurologe bei psychischen Erkrankungen bzw. Autismus weiterhelfen kann?

      Ich bin momentan bei einer Psychiaterin, die ich aber kaum inhaltlich in Anspruch nehme, weil ich keine Medikamente zu wünschen nehme. Sie kann mir aber Verordnungen (z. B. für Ergotherapie) ausstellen oder eine Einweisung. Deshalb gehe ich zu ihr weiter hin. Wenn es nämlich hart auf hart kommt, muss man teilweise hier mehrere Monate auf einen Psychiatertermin warten. Deshalb gehe ich weiter hin und bespreche mit ihr auch grob meine Situation.

      Meine Frage ist, in welchen Fällen es Sinn macht, zusätzlich zu Psychiater/in bzw. PsychotherapeutIn ein/n Neurologen/In aufzusuchen? Meines Wissens nach ist der/die doch auf technische Aufdeckung von Krankheiten spezialisiert. Was soll man da bei Autismus bzw. Persönlichkeitsstörungen groß testen können?

      Ich überlege das, weil ich womöglich etwas übersehen habe und mir ein Neurologe vielleicht doch irgendwie weiterhelfen könnte. In einem anderen Thread hatten bereits zwei Teilnehmerinnen geschrieben, kürzlich einen Neurologen aufgesucht zu haben. Wozu? :question:
    • Ich hab das jetzt nicht anvisiert, ich wurde viel mehr dort hin geleitet.
      >>Die sittliche Freiheit macht allein den Menschen erst in Wahrheit zum Herrn über sich selbst; denn der Trieb der bloßen Begierde ist Sklaverei und der Gehorsam gegen das Gesetz, das man sich selber vorgeschrieben hat, ist Freiheit.<<

      Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778), Genfer Schriftsteller, Philosoph und Pädagoge; wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution
    • Früher waren Neurologen und Psychiater quasi deckungsgleich, vielleicht stammt das noch aus jener Zeit? Als ich Ende des vorigen Jahrtausends eine Psychotherapie beantragen wollte, war ich dafür auch bei einem Arzt, der Neurologe war und gleichzeitig das psychiatrische Fachgebiet abgedeckt hat - einfach, weil ein Facharzt damals den Bedarf an Psychotherapie bestätigen musste (ist heute nicht mehr so) und er der einzige im weiten Umkreis war. Da war er automatisch für beides zuständig, Neurologie und Psychiatrie. Heute sind es unterschiedliche Fachrichtungen. Der Neurologe, bei dem ich jetzt kürzlich war (aus anderen Gründen als ASS, nichts Psychisches), hat mit Psychiatrie wirklich nicht viel am Hut und auch im Wartezimmer sieht man da eher Menschen mit Parkinson, MS oder vielleicht mal einer Migräne.
    • Ich hatte auch Kontakt zu einer Neurologin die auch Psychiaterin und Psychotherapeutin war, in einer Kopfklinik (es hieß so). Vielleicht gehört das alles zusammen weil es irgendwie mit dem Kopf zu tun hat. Mein Gespräch mit der betreffenden Person war ein Desaster und ich war in einem Schockzustand als ich die Praxis verließ. Das alles war glücklicherweise 6 oder 7 Jahre her.
    • Epilepsie ist eine der häufigsten Komorbiditäten zu ASS und eine neurologische Erkrankung. Ich habe gehört, dass etwa 60% der Personen mit einer ASS auch neurologische Auffälligkeiten zeigen. Neurologische Erkrankungen spielen wohl auch in der Differentialdiagnostik zu ASS eine Rolle.
      Mein Sohn musste im Zuge der Autismus-Diagnostik auch ein EEG über sich ergehen lassen.
      Sohn mit HFA diagnostiziert ...und ich irgendwie ähnlich und doch anders...
    • Psychiatrie und Neurologie ist das selbe Fach zumindest in Österreich. Irgendwann im Studienverlauf spezialisiert man sich dann wohl.

      Was es bringt. Abklärung ob organische Ursachen vorliegen. Oder ok Kormobitäten vorliegen. Ein Rund um Check schadet sicher nicht.
    • Ich fände einen ganzheitlichen Ansatz wieder besser.
      ich trete ja auch als ganze Person mit meiner Sonderbarkeit vor den Arzt oder Therapeuten.
      Und es greift ja nun auch in Vielem eines ins Andere. Sogar bei physischen Symptomen.
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert?"
      (Schrödinger lässt grüßen :) )

      ‚Der häufigste Fehler liegt in der Annahme, dass die Grenzen unserer Wahrnehmung auch die Grenzen des Wahrzunehmenden sind.’
      C.W. Leadbeater
    • ich gehe da alle drei Monate hin und sie notiert aktuelles, Fortschritte und Rückschläge.
      Das ist hilfreich, wenn ich Arztberichte brauche (für Ämter, rentenkasse, krankenkasse, therapeuten, gdb, atz usw)
      Auch hat sie mit schon oft gute Tipps gegeben und Einsichten ermöglicht und hilft mir, Entscheidungen bezüglich der weiterbehandlung zu treffen, den Überblick zu behalten mit Anträgen usw, bin schon froh, dass ich sie habe.
      Davor hatte ich aber auch schon ein paar sehr wenig hilfreiche Ärzte. Da sollte man dann wechseln, aber das lohnt sich (in meinem fall).
    • FruchtigBunt schrieb:

      Ich überlege das, weil ich womöglich etwas übersehen habe und mir ein Neurologe vielleicht doch irgendwie weiterhelfen könnte. In einem anderen Thread hatten bereits zwei Teilnehmerinnen geschrieben, kürzlich einen Neurologen aufgesucht zu haben. Wozu?
      Mein Psychiater kümmert sich um alle Sachen wie Autismus und mein Neurologe behandelt erstrangig meine körperliche Nervenkrankheit. Wer Nervenschäden oder neurologische Diagnosen wie ALS, Multiple Sklerose oder Epilepsie hat, braucht zusätzlich zum Psychiater einen Neurologen.

      Wegen Autismus ist ein Psychiater der richtige Ansprechpartner. Nur bei zusätzlichen Erkrankungen aus dem Neurologiebereich muss man zusätzlich zum Neurologen. Wenn du ein Karpaltunnelsyndrom bekommst, wäre der Neurologe der richtige Ansrpechpartner.
      Wieder hier
    • Wie hier schon gesagt wurde ist der Neurologe dafür zuständig Krankheitsbilder aufgrund von biologischen Auffälligkeiten zu diagnostizieren und zu behandeln und der Psychiater aufgrund psychischer Ursachen. Da lange Zeit eine Differenzierung der Ursachen nicht möglich war und gleiche Symptome unterschiedliche Ursachen haben können war es ursprünglich auch als Fachgebiet zusammengefasst.
    • FruchtigBunt schrieb:

      Kann mir jemand erklären, inwiefern einem ein Neurologe bei psychischen Erkrankungen bzw. Autismus weiterhelfen kann?
      Ein Neurologe kann feststellen, welche somatischen (körperlichen) Symptome aus seinem Fachgebiet mit dem Autismus einhergehen.

      Er kann zum Beispiel Hyper- oder Hyposensibilitäten aufdecken, die dem Patienten vielleicht bis dahin garnicht bewusst waren, weil er es nie anders kennengelernt hat. Das kann dem Patienten helfen, sich besser darauf einzustellen und ggf. Kompensationsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen.

      Das kann je nach Defizit zum Beispiel Ergotherapie und/oder Gleichgewichtschulung sein, wenn beispielsweise die Eigenwahrnehmung/das Körperbewusstsein (Propriozeption) beeinträchtigt ist.

      Außerdem kann der Neurologe untersuchen, ob eine neurologische Problematik somatisch (körperlich) bedingt ist, siehe oben. Oder ob die Störung psychisch bedingt ist. Autistmus geht ja oft mit Komorbiditäten wie zum Beispiel Depressionen einher. Durch die Depression können sich weitere neurologische Probleme entwickeln. In diesem Falle wäre eher Psychotherapie angezeigt.

      Der Neurologe kann also, je nach dem wo die Ursache für die autistische Begleitsymptomatik liegt, entsprechend differenzierte Überweisungen tätigen.
    • Input schrieb:

      Er kann zum Beispiel Hyper- oder Hyposensibilitäten aufdecken, die dem Patienten vielleicht bis dahin garnicht bewusst waren, weil er es nie anders kennengelernt hat. Das kann dem Patienten helfen, sich besser darauf einzustellen und ggf. Kompensationsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen.
      Wie deckt er die denn auf?
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      (Schrödinger lässt grüßen :) )

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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Linnea ()

    • 70Quadrillionen schrieb:

      Epilepsie ist eine der häufigsten Komorbiditäten zu ASS und eine neurologische Erkrankung.
      Das wäre mir neu (dass es eine der häufigsten ist), eigentlich stehen an erster Stelle Depressionen, Zwangsstörungen und AD(H)S. Eine (von vielen) Komorbiditäten ist die Epilepsie natürlich, aber wohl nicht unbedingt eine der häufigsten.

      Aber falls du erhellende Links parat hast, immer her damit. Man lernt schließlich nie aus. :d
      Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren findet, der ihn versteht.
      (Friedrich Nietzsche)
    • Input schrieb:

      Ganz allgemein gesagt zum Beispiel durch Setzen von gezielten Reizen und Befragung des Patienten, wie der Reiz empfunden wird. Dies wird dann mit der Norm verglichen.
      Oh...was sind das zum Beispiel für Reize?
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert?"
      (Schrödinger lässt grüßen :) )

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      C.W. Leadbeater
    • Linnea schrieb:

      Oh...was sind das zum Beispiel für Reize?
      Nehmen wir dafür nochmal das von mir oben erwähnte Beispiel Eigenwahrnehmung/Körperbewusstsein, im Fachbegriff Propriozeption oder Tiefensensibilität. Die kann der Neurologe mit einem vibrierenden Gegenstand testen. Du kennst es vielleicht, wenn ein Arzt eine medizinische Stimmgabel zum Vibrieren bringt, an eine bestimmte Körperstelle hält und fragt, ob und wie lange man die Vibration wahrnimmt. Das "ob und wie lange" wird dann der Norm verglichen.
    • Palinurus schrieb:

      70Quadrillionen schrieb:

      Epilepsie ist eine der häufigsten Komorbiditäten zu ASS und eine neurologische Erkrankung.
      Das wäre mir neu (dass es eine der häufigsten ist), eigentlich stehen an erster Stelle Depressionen, Zwangsstörungen und AD(H)S. Eine (von vielen) Komorbiditäten ist die Epilepsie natürlich, aber wohl nicht unbedingt eine der häufigsten.
      Aber falls du erhellende Links parat hast, immer her damit. Man lernt schließlich nie aus. :d
      Ich habe mich auf eine fachliche Aussage aus einem Vortrag und aus einem Fachbuch bezogen - allerdings wohl leider nicht richtig wiedergegeben :oops: . Bitte entschuldige den Faux pas.
      Es muss heißen, dass neurologische Auffälligkeiten bei mehr als die Hälfte autistischer Personen vorkämen.
      Das muss es aber erst noch nachlesen, da ich die Unterlagen zuhause habe und gerade woanders bin :d

      Natürlich ist die Angabe "eine der häufigsten Komorbiditäten" etwas dehnbar. Epilepsie ist natürlich nicht die häufigste Komorbidität, das hatte ich auch nicht gemeint ;) Depressionen stehen wohl an der Spitze.
      Sohn mit HFA diagnostiziert ...und ich irgendwie ähnlich und doch anders...
    • Input schrieb:

      Linnea schrieb:

      Oh...was sind das zum Beispiel für Reize?
      Nehmen wir dafür nochmal das von mir oben erwähnte Beispiel Eigenwahrnehmung/Körperbewusstsein, im Fachbegriff Propriozeption oder Tiefensensibilität. Die kann der Neurologe mit einem vibrierenden Gegenstand testen. Du kennst es vielleicht, wenn ein Arzt eine medizinische Stimmgabel zum Vibrieren bringt, an eine bestimmte Körperstelle hält und fragt, ob und wie lange man die Vibration wahrnimmt. Das "ob und wie lange" wird dann der Norm verglichen.
      Also kann es sein, dass die Reizüberflutung bei Autisten organische Ursachen hat? Oder prüft der Neurologe das nur (mit technischen Mitteln), um festzustellen, OB das jemand hat.

      Ich gehe bald zu einem Neurologen wegen einer Augenmigräne (habe dorthin eine Überweisung bekommen).
      Ich überlege, ob ich nur das Augen"leiden" anspreche oder - wenn ich schonmal dort bin - auch noch etwas anderen testen lassen könnte. Ich weiß nicht, ob das sinnvoll wäre.
      Ich bin auch extrem reizempfindlich. Aber was würde mir das bringen, wenn mir das ein Neurologe bestätigen würde?
    • FruchtigBunt schrieb:

      Also kann es sein, dass die Reizüberflutung bei Autisten organische Ursachen hat? Oder prüft der Neurologe das nur (mit technischen Mitteln), um festzustellen, OB das jemand hat.
      Das ist eine gute Frage. Ich bin zwar selber Ärztin und habe früher in einem Bereich gearbeitet, in dem neurologische Untersuchungen (außer Stimmgabel nicht apparatetechnisch) zum Alltag gehörten. Aber was Autismus angeht, reichen meine Kennnisse in der Beziehung nicht aus. In meinem Medizinstudium wurde das noch nicht thematisiert.

      FruchtigBunt schrieb:

      Ich gehe bald zu einem Neurologen wegen einer Augenmigräne (habe dorthin eine Überweisung bekommen).
      Ich überlege, ob ich nur das Augen"leiden" anspreche oder - wenn ich schonmal dort bin - auch noch etwas anderen testen lassen könnte. Ich weiß nicht, ob das sinnvoll wäre.
      Ein guter Neurologe macht bei einer Erstuntersuchung eine neurologische Ganzkörperuntersuchung, alleine schon um nichts zu übersehen, was in seinen Fachbereich fällt.
      Ob er bei diesem Routine-Check ohne ihn bekannte Anhaltspunkte andere autismusspezifische Symptome herauserkennt, ist eher unwahrscheinlich.

      Wenn Du möchtest, kannst Du den Neurologen natürlich auf andere eventuelle Symptome hinweisen. Aber auch dann halte ich es bei einem "Migräne-Termin" für nicht einfach, andere autismusbedingte, neurologische Symptome zu diagnostizieren. Das kommt aber sehr auf die Erfahrung des Neurologen mit dem Thema an. Und auch darauf, was die in Deinem Fall tatsächlich beste Diagnostik-Methode wäre.

      Ich bin zum Beispiel schon oft neurologisch untersucht worden. Bei mir ist dabei noch nie etwas festgestellt worden, was autismusbedingt sein könnte. Als ich dann aber neulich bei einer neuropsychologischen Diagnostik beim Psychologen war, schien das erste Mal etwas von meiner Reizfilterschwäche diagnostisch erfasst zu werden.

      FruchtigBunt schrieb:

      Ich bin auch extrem reizempfindlich. Aber was würde mir das bringen, wenn mir das ein Neurologe bestätigen würde?
      Gute Frage. Eventuell "nur" die Gewissheit, dass Du Dir das nicht einbildest und Dich nicht einfach nur anstellst.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Input ()

    • Input schrieb:

      Nehmen wir dafür nochmal das von mir oben erwähnte Beispiel Eigenwahrnehmung/Körperbewusstsein, im Fachbegriff Propriozeption oder Tiefensensibilität. Die kann der Neurologe mit einem vibrierenden Gegenstand testen. Du kennst es vielleicht, wenn ein Arzt eine medizinische Stimmgabel zum Vibrieren bringt, an eine bestimmte Körperstelle hält und fragt, ob und wie lange man die Vibration wahrnimmt. Das "ob und wie lange" wird dann der Norm verglichen.
      Achso...das ist ja interessant und wusste ich gar nicht.
      Dankeschön.
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert?"
      (Schrödinger lässt grüßen :) )

      ‚Der häufigste Fehler liegt in der Annahme, dass die Grenzen unserer Wahrnehmung auch die Grenzen des Wahrzunehmenden sind.’
      C.W. Leadbeater