"Das ist bei dir dann ja wohl nicht so stark ausgeprägt"

    • Bei mir sehe ich so eine Art Teufelskreis: Ich möchte nicht auffallen und passe mich sehr an. Da ich schon als Kind wenig über meine Innenwelten kommunziert habe, ist für Aussenstehende erst einmal nichts erkennbar: Ich funktioniere soweit ich es kann. Dann werden die Erwartungen von der Außenwelt weiter gestellt oder auch gesteigert, und mein Anpassungsdruck wächst. Die Anforderungen werden mit zunehmenden Alter immer mehr und dann kommt irgendwann der Moment, bei dem ich platze. Für das Platzen gibt es bei der Umwelt dann wenig Verständnis, da ich bis zu dem Punkt ja immer funktioniert habe.

      Außerdem denke ich, dass die Diskrepanz zwischen kognitiven und sozialen Fähigkeiten nicht gut reflektierbar ist für andere, da wir rein gesellschaftlich auf das Kognitive geschult sind. Gute Noten stehen vor Freundschaften und es ist gesellschaftlich akzeptabel, dass ein Manager Karriere macht, aber charakterlich sich als A*****o** gibt.

      Ich höre von allen Seiten immer wieder, dass du doch nur ein "Schräubchen" drehen musst und dann ist alles gut. Aber welches "Schräubchen" es ist, konnte mir keiner beantworten. Im Moment würde ich gerne auf die Suche gehen, wer ich mal war und wo das Ich sich mittlerweile versteckt hat. Es ist für mich auch nicht gut begreifbar, welchen Punkt ich ändern müsste, damit ich mich z.B. beruflich auf der Arbeit besser einbringen kann und vor allem auch meine Fähigkeiten. Ich leide darunter, dass ich das Gefühl habe, dass ich mehr mit meinen Schwächen den ganzen Tag beschäftigt bin und meine Stärken kaum Beachtung finden.
    • Ich weiß was du meinst... Gib dir Zeit für den Weg und sei gut zu dir, auch wenn du mal das Gefühl hast, dass du feststeckst oder sogar Rückschritte machst. Das wirkt oft so, stimmt aber nie, du kannst dich nur vorwärts entwickeln. Und es gibt dabei keine Fehler, denn egal welchen Schritt du machst, so oder so wirst du daraus etwas lernen können. Ich wünsche dir viel Kraft und Erfolg (und Unterstützung) für die Reise...
      Multiple choice? Multiple, allright, but there was no choice.
      Draco dormiens nunquam titilliandus.
    • Im Januar habe ich meiner Mutter endlich (7,5 Jahre nach der Diagnostik) erzählt, dass ich Asperger habe.
      Da sie nicht wusste, was Asperger ist, habe ich es ihr ganz kurz und etwas verharmlost erklärt (damit sie sich nicht so viele Sorgen macht). Daraufhin meinte sie, "also wenn das Asperger ist, dann haben wir das alle."
      Mit "wir" meinte sie die ganze Familie.
      Das war eine Reaktion, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte, ich dachte eher, sie würde sowas sagen wie "das kann nicht sein" oder "Ärzte täuschen sich auch mal". Aber ich fand es dann echt witzig. :o
      Zumal sie recht haben könnte, es gibt in der Familie noch einige Verdachtsfälle, nur meine Mutter selbst hätte ich eigentlich nicht dazu gezählt.

      Im übrigen hat sie das Thema seither nicht mehr von sich aus erwähnt, also vermute ich, dass sie es doch nicht so ganz wahrhaben will. Aber ich habe es ihr auch nur gesagt, um ein reines Gewissen zu haben, weil ich nicht länger etwas verheimlichen wollte. Und das habe ich damit erreicht. Insofern ist es für mich gut gelaufen.

      Ansonsten hatte ich bei Kolleginnen mal die Reaktiion "Asperger, du doch nicht!" und einmal "mir ist das schon aufgefallen, dass du anders bist". Also sehr unterschiedliche Reaktionen.
      Menschen sind auch nur Tiere. - Ich mag Tiere!
    • Schon möglich dass sie nicht ernsthaft denkt, dass alle das haben in der Familie, sondern das wieder die übliche Verharmlosung sei die im Grunde heißt das sind typische Alltagsprobleme, die alle Menschen haben, da braucht man keine Diagnose für.

      Meine Mutter hat allerdings auch wenig überrascht reagiert, als ich eines Tages mit dem Thema Autismus (bezogen auf meine Person) ankam. Sie meinte dann auch in der Familie seien doch alle (außer ihr) ein bischen autistisch (besonders auch auf meinen Vater bezogen, obwohl der keine Diagnose hat und sich auch nicht als Autist wahrnimmt) und es stellte sich dann heraus, dass meine Schwester sogar bereits ne Autismusdiagnostik (ohne mein Wissen) durchlaufen hatte, wo meine Mutter nen Fragebogen für ausfüllen hatte müssen.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Lex schrieb:

      Schon möglich dass sie nicht ernsthaft denkt, dass alle das haben in der Familie, sondern das wieder die übliche Verharmlosung sei die im Grunde heißt das sind typische Alltagsprobleme, die alle Menschen haben, da braucht man keine Diagnose für.
      Es war vielleicht so ein Zwischending. Denn sie sieht schon, dass in unserer Familie bestimmte Charakterzüge häufig vorkommen und dass das durchaus Probleme macht. Aber sie will sicher auch nicht, dass das als echte Behinderung eingestuft wird, weil sie noch zu einer Generation gehört, wo man keine psychischen Probleme und Handicaps haben darf.
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    • Ist bei meinem Vater auch so, habe ich den Eindruck. Sein Bruder z. B. (mein Onkel) wirkt im Verhalten schon sehr typisch autistisch (also wie ein frühkindlicher Autist), aber die schwören immer er hätte seine geistige Behinderung erst im Alter von 12(?) Jahren bekommen als Folge einer (Ge)hirn(haut)entzündung oder irgendsowas. Angeborene Probleme wären wohl noch weit ehrenrühriger für die Familie. Oder vielleicht war er ursprünglich Aspie und ist dann später durch den Hirnschaden wie ein frühkindlicher Autist geworden? - Nichts Genaues weiß man nicht...
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    • Neu

      Tja, solange die Leute dich mit Rainman vergleichen... Bei dem es ironischerweise im Film hieß er habe eine vergleichsweise gering ausgeprägte Form von Autismus und kein Intelligenzminderung... :(
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