Trauer

    • Sorry, mir fiel kein besserer Titel ein... Ich möchte darüber reden, wie ihr Trauer empfindet? Wie geht ihr mit dem Tod eines nahestehenden Menschen um? Könnt ihr trauern - und wie?

      Mein Vater starb als ich 16 Jahre alt war. Ich war traurig, ich vermisse ihn oft heute noch - aber geweint habe ich nie um ihn. Lange Zeit dachte ich, dass lag unter anderem auch an meinem Alter, weil ich noch so jung war.

      Wenn entferntere Verwandte oder Bekannte starben, war ich manchmal traurig, oft aber nicht. Und ich kam mir immer gefühlskalt vor, weil ich anscheinend nicht wie andere Menschen fühlte.

      Als meine Katze, die mich fast 17 Jahre lang begleitet hatte, 2004 starb, war es ganz anders. Ich habe wochenlang geweint und getrauert. Zu einem normalen Leben im Alltag war ich monatelang nicht fähig.
      Da dachte ich, dass ein 'Knoten geplatzt' wäre, dass sich etwas in mir verändert hätte, dass ich endlich auch normal empfinden kann.

      Im letzten Dezember starb meine Mutter. Sie war schon alt, aber der Tod kam dennoch plötzlich und unerwartet. Und da war auch wieder das bekannte Gefühl, bzw. Nicht-Gefühl. Ja, ich bin traurig, dass meine Mama nicht mehr da ist, dass wir geplante Dinge nicht mehr gemeinsam unternehmen können. Aber dieses tiefe Gefühl von Verlust ist einfach nicht da.

      Bei Filmen ist mir auch schon aufgefallen, dass mich menschliches Leid relativ kalt lässt, tierisches Leid aber nicht. Wenn z.B. in einem Zombiefilm massenweise Menschen gemeuchelt werden, ist das halt so - ist ja ein Film. Aber wenn im gleichen Film ein Hund leiden muss oder getötet wird, kommen mir die Tränen und ich empfinde Traurigkeit.

      Es fällt mir sehr schwer, dies hier offen zu schreiben. Schließlich wird diese Art von Gefühlskälte ja den Psycho- oder Soziopathen zugeordnet (wo ich mich selbst auch lange Zeit eingeordnet hatte und daran fast zerbrochen wäre). Ich weiß, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der beim Tod anderer Menschen nichts oder nur wenig empfindet (Serienkiller beweisen das Gegenteil) - aber gibt es hier vielleicht jemanden, der ähnlich empfindet oder das nachvollziehen kann?
      ~ Mir egal - ich bin ein Einhorn. ~
    • Als ich 16 war, starb meine Oma die mir auch recht nahe stand aber es dauerte bis ich deswegen weinen konnte. Ich weine meist eh nicht vor anderen, weil man mir anerzogen hat das solche gefühle scheinbar unerwünscht sind. Aber ich habe dann nach mehreren Wochen eine weile immer wieder eine CD gehört und unter der bettdecke geweint.
      Als mein opa starb war ich 6 und ich hab garnichts empfunden.
      Ich hab zwar bemerkt das er nicht mehr da war und es wurde gesagt er sei jetzt ein Engel und wäre im himmel, und da hab ich mir gedacht, er wäre noch eine Weile im Wohnzimmer als Geist auf der Standuhr sitzend oder so XD bis er nach ungefähr einer Woche verschwand.
      Ich denke heute würde ich den Tod meiner Mutter nicht so einfach wegstecken, aber es ist ja oft so, das je wichtiger ein mensch oder auch tier für einen ist, desto tiefgreifender ist das Ausmaß auf das leben und das kann einen stark beeinflussen wie man sich dann verhält.
      Jemand der apatisch reagiert, trauert vielleicht nicht weniger, es ist ja nur ein äußerlicher Ausdruck und sagt wenig über das aus, was man selber als außenstehender eh nicht sehen kann. Die Situation der Psyche eines menschen in diesem Augenblick.
    • Leseratte schrieb:

      Sorry, mir fiel kein besserer Titel ein... Ich möchte darüber reden, wie ihr Trauer empfindet? Wie geht ihr mit dem Tod eines nahestehenden Menschen um? Könnt ihr trauern - und wie?
      Schwieriges Thema... Als mein Vater bei seiner letzten OP beinahe gestorben wäre war es mir egal. Vielmehr genoss ich die Ruhe und war wenig erfreut, dass er wieder nach Hause kam. Als mein Großvater starb weinte ich weil meine Mutter weinte und ich das auf mich übertrage. Ich kann weinen, dass ich mich kaum einbekomme, habe körperliche Schmerzen aber empfinde dennoch kaum etwas sondern fühle mich eher betäubt. Manchmal macht es mich mehr traurig, dass sich die gewohnten Strukturen verändern, es geht dabei weniger um die Person ansich. Aber wenn Haustiere verstarben, mein Kater auch mal ein paar Tage nicht nach Hause kam war ich völlig aufgelöst, das finde ich dann wirklich schlimm. Würde meiner Mutter etwas zustoßen würde ich das auch sehr schlimm finden und eben bei Partnern aber sonst empfinde ich wenig bis nichts.
    • Ich kann das sogar sehr gut nachvollziehen. Meine Eltern leben beide noch, aber was du beschreibst habe ich bei dem Tod von Oma und Tante erlebt, und im Gegensatz dazu steht der Tod meines Hundes vor einigen Jahren.
      Als meine Oma starb, ich war noch ein Kind, habe ich nur beobachtet wie alle weinten und selber nicht viel dazu empfunden. Ich fand es nur merkwürdig das meine Oma nicht mehr da war, aber das war eben so.
      Mein Hund starb vor einigen Jahren und ich dachte mein Herz zerbirst. Ich habe bitterlich geweint, tagelang nichts gegessen, ich musste mir einen Krankenschein holen, ich hatte keine Kraft mehr zum Aufstehen. Es wurde nur langsam besser und erst nach über einem Jahr konnte ich mir Fotos von meinem Hund ansehen und mich über schöne Erinnerungen freuen.
      Meinte Tante starb vor Kurzem und ich habe wieder keine Trauer empfunden. Ich fand es schade, dass ich sie jetzt nicht mehr sehen würde und die Angehörigen taten mir etwas leid, weil sie so viel weinten und Schmerz empfanden. Für meine gestorbene Tante habe ich mich jedoch nur gefreut, da sie nun keine Schmerzen mehr haben würde (sie hatte Krebs).

      Vorhin habe ich Star Wars im Kino gesehen und ich musste fast weinen als ich sah, wie dort im Film Tiere schlecht behandelt wurden. Die vielen Menschen die dort umkamen haben mich nicht so berührt (wie du sagst, es war ja ein Film). Es ist irgendwie so, dass ich mich in Tiere besser hineinversetzen kann als in Menschen. Aber als soziopathisch würde ich das nicht betrachten, ich wünsche ja keinem Menschen ein Leid, ganz im Gegenteil. Wenn es nach mir ginge, gäbe es eine friedliche und gewaltlose Welt.
    • Danke für eurer Rückmeldungen. So ganz ungewöhnlich scheint mein Empfinden dann ja doch nicht zu sein.

      Ich freue mich für meine Mutter, dass sie den Tod hatte, den sie sich gewünscht hat: abends ins Bett gehen und morgens nicht mehr aufwachen. Sie hatte große Angst davor, irgendwann vielleicht einmal in ein Pflegeheim zu müssen. Für mich wäre es sehr schlimm gewesen, sie in so einem Heim zu sehen und es hätte uns beide geschmerzt und belastet.

      Ich frage mich, woran es liegt, dass ich bei Tieren so sehr anders empfinde? Liegt es daran, dass ich Menschen gegenüber eh immer distanziert bin, weil ich ihnen nicht traue oder Angst vor Verletzung habe und es mir leicht fällt, mich Tieren zu öffnen?
      ~ Mir egal - ich bin ein Einhorn. ~
    • Leseratte schrieb:

      Ich frage mich, woran es liegt, dass ich bei Tieren so sehr anders empfinde? Liegt es daran, dass ich Menschen gegenüber eh immer distanziert bin, weil ich ihnen nicht traue oder Angst vor Verletzung habe und es mir leicht fällt, mich Tieren zu öffnen?
      Das habe ich mich auch schon oft gefragt. In meinen Augen sind Tiere immer unschuldig, so wie Menschenbabys auch. Ich habe das Bedürfnis sie zu schützen und wenn ihnen ein Leid geschieht, ist es unerträglich für mich.
      Erwachsenen Menschen gegenüber bin auch ich distanziert und ich lasse sie nicht so nah an mich heran. Von daher macht deine Theorie schon Sinn. Dadurch dass ich distanzierter bin, kann ich das Geschehen objektiver betrachten. Daran ist meiner Meinung nach nichts falsches. Ich habe oft in mich gehorcht um zu schauen ob ich etwas verdränge, aber ich habe nichts gefunden. Ich nehme bei Menschen einfach anders war, das ist nicht falsch sondern nur anders als bei vielen. Davon abgesehen geht wohl jeder Mensch mit dem Tod/Trauer etwas anders um, und bei mir ist es dann wohl einfach rational. Ich sehe den Tod aber generell nicht als etwas schlechtes an, eher als Neuanfang (ich glaube an die Wiedergeburt). Vielleicht finde ich es auch deshalb nicht so schlimm?

      Das deine Mutter einen "schönen" Tod hatte, freut mich für dich (und deine Mutter). Meine Oma ist auch einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, so etwas wünsche ich mir auch irgendwann (gerne erst in vielen, vielen Jahren).
    • Ginkgo schrieb:

      Das deine Mutter einen "schönen" Tod hatte, freut mich für dich (und deine Mutter). Meine Oma ist auch einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, so etwas wünsche ich mir auch irgendwann (gerne erst in vielen, vielen Jahren).
      Danke, dass du das verstehst. Mir wurden in den letzten Wochen wegen meiner Aussage schon öfter Vorwürfe gemacht. Ich habe versucht zu erklären, dass ich traurig bin, dass wir nicht (wie am Vorabend telefonisch geplant) am übernächsten Tag gemeinsam kochen werden (mit dem Fisch, den sie am Todestag auf dem Markt kaufen wollte) - aber dass ich erleichtert bin, dass sie nicht leiden musste und lange krank war.

      Spoiler anzeigen
      Wir haben uns oft über den Tod unterhalten. Sie sagte einmal zu mir: "Wenn ich in deinem Beisein mal umkippe, koch dir erst einen Tee, trink den und ruf dann erst den Notarzt. Ich will nicht ins Heim." Sie hat auch oft gesagt, dass sie sich eher umbringen würde, bevor sie freiwillig in ein Heim geht.
      Und genau darum, weil ich das ja wusste, hat mir die Art ihres Todes gefreut. Zum einen natürlich für sie - aber auch für mich. Denn ich hätte irgendwann das Problem gehabt, wie ich u.U. ihren Suizid unterstützen kann.
      ~ Mir egal - ich bin ein Einhorn. ~
    • Oh so etwas hat meine Mutter auch schon zu mir gesagt. Grade dann ist es doch für alle beteiligten erleichternd, dass sie so unkompliziert und problemlos gehen konnte. Viele Menschen können diese Art zu denken nicht nachvollziehen. Wir sind es gewohnt, dass andere anders denken als wir. Aber die meisten Menschen gehen davon aus, dass alle so zu denken und zu fühlen haben wie sie es tun. In diesem Sinne finde ich viele NTs unempathischer als Menschen mit ASS. Also mach dir nichts draus, dass manche deine Art nicht verstehen, sie können es einfach nicht. Das bedeutet aber nicht, dass deine Art seltsam oder falsch ist. Ich finde sie zum Beispiel genau richtig, weil ich ähnlich denke und dich gut verstehen kann.
    • Hallo Leseratte

      Trauer nicht zeigen heisst ja nicht zwingend, das man nicht doch auf seine Art traurig wäre. Traurig kann man auf viele Arten sein und die wenigsten Formen der Trauer sind äusserlich sichtbar.

      Als meine Grossmutter, zu der ich eine sehr starke Beziehung trotz der Distanz von 300 km hatte, 1994 starb, war ich sehr traurig. Bei ihr wurde Krebs mit Metastasen diagnostiziert und bei der Diagnose gab man ihr noch 3-6 Monate. Es wurden fast 4 Jahre daraus. Es tat weh, sie zusehends leiden zu sehen, mitzubekommen, wie sie einen künstlichen Darmausgang bekam, welche Medikamente sie schlucken musste, die Schmerzen die sie dennoch hatte. So sehr ich damals schon wusste, das ich sie vermissen werde, wenn sie eines Tages stürbe, so sehr wünschte ich mir, das sie einfach gehen könne um nicht mehr zu leiden.
      Dennoch war es ein Schlag, als an einem Sonntagmorgen kurz vor halb 10 der Anruf kam, sie sei auf dem Sofa eingeschlafen.
      Von der Heimfahrt mit der Bahn nach der Trauerfeier weiss ich gar nichts mehr, ich heulte die ganzen 5 Stunden nonstop im Wagen.
      Ebenso heulte ich fast nonstop, als mein Kater 2012 starb. Er war mein Wegbegleiter, mein wichtigster Freund, der mich immer wieder zum Lachen brachte, mich aufrichtete wenn es mir schlecht ging, immer ein Ohr für mich hatte, das Kuscheln liebte.
      Nach beiden Ereignissen war ich wochenlang nicht wirklich zu gebrauchen sondern trauerte rund um die Uhr.
      Auch heute noch vermisse ich sowohl meine Oma wie auch meinen Kater sehr.

      Als ich im Februar 2006 einen Brief bekam, in dem der Tod meines Vaters verkündet wurde, liess mich das vollkommen kalt. Ich hatte 15 Jahre keinerlei Kontakt mehr zu ihm, keine emotionale Bindung und er war für viel Leid in meiner Kindheit (mit)verantwortlich. Warum soll ich da traurig sein und vorallem auf was?
      Wenn irgendwann so ein Brief kommt, der vom Tod meiner Mutter berichtet, wird es mich auch kalt lassen. Das mag sich kaltschnäuzig anhören, aber es ist die Wahrheit.
      Sie sind zwar meine Erzeuger, aber auch nicht mehr. Wenn man hier Trauer erwarten würde, dann müsste man mit dem gleichen Engagement trauern, wenn Menschen durch einen Autounfall oder eine Naturkatastrophe ums Leben kommen. Machen das Menschen? Wohl eher nicht. Die sagen dann "schrecklich" oder "schlimme Sache", die Zeitungen berichten darüber und das war es dann.
      Lieber ehrlich nicht trauern als unehrlich Trauer zu heucheln... Letzteres finde ich viel schlimmer als Ersteres.

      Möglicherweise ist bei manchen Menschen die Trauer bei einer sehr starken emotionalen Bindung wie zu einem Tier einfach grösser als "normal", bei einer fehlenden emotionalen Bindung ist sie dann geringer ausgeprägt oder manchmal schlicht auch nicht vorhanden? Ich würde mir keine Gedanken darüber machen, ob Deine Form der Trauer "gesellschaftskonform" oder "richtig" ist, so wie Du trauerst oder eben nicht passt es für Dich und das ist das Wichtigste.
      Diagnostiziert - immer noch ein komischer Vogel ;)
    • Oh, wie passend.

      Ich habe gerade einen Todesfall in der Familie, die Schwiegermutter meiner Schwester ist überraschend gestorben. Bei ihr war das so, dass sie noch bis kurz vor Weihnachten in einem Pflegeheim war, weil es wohl gesundheitliche Probleme gegeben hatte. Sie war da nur vorübergehend. Auf ihren eigenen Wunsch hin wurde sie entlassen und war dann allein zuhause. Meine Schwester hatte sich noch um ihre Medikamente etc. gekümmert, aber diese Frau war sehr stur und wollte keine Pflegekraft in ihrer Wohnung haben, deshalb schaute erstmal keiner nach ihr. Sie war eigentlich noch recht fit, deshalb bestand kein Anlass, ständig nachzusehen.

      Naja, inzwischen hat sich herausgestellt, dass sie wohl so um Weihnachten herum in ihrem Bett liegend gestorben ist und anschließend noch über drei Wochen in der Wohnung lag, wobei die Heizung sehr hoch gedreht war. Als man sie dann fand, war sie bereits so stark verwest, dass man sie nur noch mit einem DNA-Test identifizieren konnte. Warum die Nachbarn den Verwesungsgestank nicht wahrgenommen haben, ist mir ein Rätsel, vermutlich hat es sie einfach nicht interessiert.

      Meine Schwester und mein Schwager haben nun einigen Ärger am Hals, die Kripo wurde eingeschaltet, weil es ja nicht ausgeschlossen werden konnte, dass sie eines unnatürlichen Todes gestorben ist, die Obduktion war gestern, ich weiß noch nicht, was da rausgekommen ist. Die Wohnung muss von einem speziellen Tatortreiniger saubergemacht werden, was wieder Kosten verursacht, ebenso wie die Sanierung, da dort einiges kaputt ist (manche alte Leute lassen ungern Handwerker in die Wohnung), die Entsorgung ihres Besitzstandes und natürlich die Beerdigung.

      Ich muss dazu sagen, dass die Frau in unserer Familie nicht unbedingt gemocht wurde, sie war ein ziemliches Biest. Außer meiner Nichte hat bislang noch keiner eine Träne vergossen, auch ihr Sohn nicht.

      Ich empfinde momentan eigentlich gar nichts, wenn ich daran denke. Ich bin weder froh noch traurig, dass sie gestorben ist. Mir tut es nur um meine Schwester und ihren Mann leid, weil die jetzt so viel Ärger an der Backe haben.

      In Kürze dürfte die Beerdigung anstehen, ich werde ihr die letzte Ehre erweisen, aber ich werde wohl nichts dabei empfinden.

      Ich war schon auf vielen Beerdigungen, es wird oft gestorben in meinem Umfeld. Ich empfinde da eigentlich nie etwas, und wenn die Beerdigung vorbei ist, gehe ich für gewöhnlich auch nie wieder zum Grab, egal wer da liegt. Als meine Oma vor einigen Jahren starb, war es genauso, ich habe nichts empfunden, die Beerdigung war für mich einfach eine Veranstaltung, an der man teilnehmen muss, ob man will oder nicht.

      Es macht freilich einen Unterschied, wer stirbt. Als mein Opa vor langer Zeit starb, war ich traurig, als mein Klassenlehrer im selben Jahr starb, war ich traurig, als ein Freund Suizid beging, war ich auch traurig. Geweint habe ich aber nie. Es waren für mich wichtige Menschen, die eine Lücke in meinen Leben hinterlassen haben.

      Beim aktuellen Todesfall bin ich aber nicht traurig. Das einzige, was mir von dieser Frau in Erinnerung bleiben wird, waren ihre vollkommen sinn- und geschmacklosen Weihnachtsgeschenke, irgendein wertloser Plunder, über den sie sich null Gedanken gemacht hatte, den man kurz nach Weihnachten schnellstmöglich loswerden wollte, entweder durch Weiterverschenken oder die Mülltonne.

      Tja, was soll ich noch groß sagen? Friede ihrer Asche. Sie wird nicht der letzte Mensch gewesen sein, der durch den Tod aus meinen Leben verschwindet.

      Das ist einfach die Natur der Sache. Erst war es die Großelterngeneration, die nach und nach gestorben ist, jetzt ist es die Elterngeneration, und als nächstes wird es meine Generation sein...

      That's life.
      "I don't hate people. I just feel better when they aren't around."
      (Charles Bukowski)
    • Nayeli schrieb:

      Möglicherweise ist bei manchen Menschen die Trauer bei einer sehr starken emotionalen Bindung wie zu einem Tier einfach grösser als "normal", bei einer fehlenden emotionalen Bindung ist sie dann geringer ausgeprägt oder manchmal schlicht auch nicht vorhanden?
      Das ist schon richtig - aber zu meiner Mutter hatte ich guten und regelmäßigen Kontakt. Ich würde die Bindung auch als sehr eng bezeichnen, obwohl wir nicht immer ein gutes Verhältnis hatten. Aber auch da habe ich rational urteilen können (z.B. dass die Verletzungen, die sie mir zugefügt hat, nicht absichtlich geschahen - hätte sie es anders und besser machen können, hätte sie das sicher getan).

      Nayeli schrieb:

      Ich würde mir keine Gedanken darüber machen, ob Deine Form der Trauer "gesellschaftskonform" oder "richtig" ist, so wie Du trauerst oder eben nicht passt es für Dich und das ist das Wichtigste.
      Darüber mache ich mir auch keine Gedanken. Ich mache mir über meine fehlenden Emotionen und Gefühle Gedanken.

      Palinurus schrieb:

      die Beerdigung war für mich einfach eine Veranstaltung, an der man teilnehmen muss, ob man will oder nicht.
      Beerdigungen sind niemals eine Pflichtveranstaltung. Ich werde bei der Beisetzung meiner Mutter nicht dabei sein, weil sie (auf Wunsch) anonym bestattet wird. Und eine Trauerfeier wird es auch nicht geben, weil ich (als einzige Tochter) sie nicht brauche (und mein Sohn auch nicht).
      ~ Mir egal - ich bin ein Einhorn. ~
    • Leseratte schrieb:

      Ich möchte darüber reden, wie ihr Trauer empfindet?
      Um mein "Gefühlsleben" zu beschreiben, sage ich immer, dass ich nur die "Basisemotionen" kenne - allerdings lasse ich die Trauer da immer weg (womit nur Freude, Angst und Ärger übrig bleiben). Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, wann ich das letzte mal traurig war. Aber ich gehe sehr davon aus, dass das vor allem daran liegt, dass ich normalerweise keine Situationen erlebe, die mich traurig machen könnten. Wenn jetzt z.B. meine Eltern sterben würden, dann wäre ich bestimmt traurig. Aber abgesehen von einer solchen extremen Situation fällt mir nichts ein, was mich traurig machen könnte. Von daher weiß ich auch nicht, wie ich damit umgehen würde. Ich hoffe mal, dass ich, wenn es dann mal soweit ist, einigermaßen damit klar kommen werde - immerhin fehlt mir ja offenbar die Übung :d .
    • @Leseratte

      Meine Eltern leben beide noch, wenn auch gesundheitlich arg angeschlagen. Wenn ihnen was passieren würde, könnte ich mir schon vorstellen, daß das sehr schwer für mich zu ertragen würde.

      Bei den ganzen Großeltern, die schon vor langem gestorben sind, habe ich keine wirkliche Trauer empfunden, Tränen meinerseits gab es da auch nicht.

      Da war es in der Tat schlimmer, möchte ich meinen, als die Katze meiner Eltern (und ich wohnte ja zeitweise zu Hause) starb, oder auch schon der Wellensittich.


      Ich habe eigentlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr geweint, es geht einfach nicht, liegt sicher auch an meiner häufigen Depressivität, die weniger Trauer und mehr Leere u.ä. ist.


      Wie gesagt, bei den Eltern, Freundin, da würde es mich sicher arg mitnehmen.
    • Leseratte schrieb:

      Ich möchte darüber reden, wie ihr Trauer empfindet? Wie geht ihr mit dem Tod eines nahestehenden Menschen um? Könnt ihr trauern - und wie?
      Trauer habe ich bisher nur bei meinem Vater und bei einem Kaninchen empfunden. Den Tod von Freunden und anderen Verwandten bedauere ich zwar, aber ich empfinde keine oder kaum "echte" Trauer. Nach dem Tod meines Vaters konnte ich ein halbes Jahr lang keine Horrorfilme usw. sehen, weil ich immer an ihn denken mußte, ich dachte schon, ich sei nun sozusagen "schockgeheilt", aber leider "trennte" sich das dann wieder in meinem Kopf, und so ca. 1 Jahr später dachte ich nicht mehr an ihn, wenn ich irgend etwas zu dem Thema sah/hörte/dachte usw.

      Bei mir lief das in folgenden "Stufen" ab:
      1. Verleugnung und Verzweiflung, ich denke, das kann nicht sein bzw. das ist nur ein Traum bzw. da muß ein Irrtum vorliegen, und manchmal "vergesse" ich, daß derjenige tot ist, oder ich denke, jetzt wird alles andere auch den Bach runtergehen (RW). Dabei funktioniere ich nach außen so rational und kühl wie ein Feuerwehrmann (Schutzmechanismus?).
      2. Verarbeitung, d.h. ich vermisse denjenigen und die Vergangenheit und was mir nun fehlt (ja, ist auch etwas egoistisch) - Das ist wohl das typische "Trauern", also Vieles nochmals gedanklich durchleben (und teilweise neu bewerten) und auch einen neuen Platz finden (ich fühlte mich schutzlos und verlassen einer feindlichen Welt ausgeliefert, nachdem mein Vater tot war, jetzt fühle ich mich stärker als vorher, weil ich gemerkt habe, daß ich niemanden brauche)
      3. Verblassen, akzeptieren, d.h. ich denke seltener an denjenigen und eher zu seltenen Momenten (durch "Erinnerungs-Auslöser"), die dann wie ein Aufflackern so eine Art Nostalgik zurückbringen, wobei derjenige verklärt wird (also Erlebnisse positiver/einflußreicher empfunden werden, als sie wirklich waren)

      Mit dem Grab, das ich ab und zu pflegen muß, kann ich gar nichts verbinden, ich habe jedenfalls nicht wie andere Angehörige das Gefühl, daß derjenige bei mir wäre oder ich mich besser erinnern könnte, es ist keine Verbindung da und hat mir auch nie beim Trauern geholfen.

      Ich ärgere mich immer, wenn Leute behaupten, Nekrophile wüßten nicht, was Trauer ist oder wären froh über jeden, der stirbt. Vielleicht habe ich auch nur deshalb geantwortet, um das zu widerlegen.

      Das Weinen oder Nicht-Weinen ist für mich kein Maßstab, jedenfalls nicht bei mir selbst. Manchmal weine ich nicht, obwohl etwas schrecklich ist (da raste ich eher aus), und manchmal weine ich und weiß nicht einmal wieso bzw. welches Gefühl dahintersteht, also einfach nur so aus spontaner Überwältigung.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Necroghoul7 ()

    • Die Trauerphasen, die du beschreibst @Necroghoul7 sind den 'offziellen' ja sehr ähnlich.

      Als erste Phase wird der Schock und Nicht-Wahrhaben-Wollen beschrieben - was ich nicht wirklich hatte. Als Mamas Nachbarin anrief, war ich natürlich erschrocken. Nach dem Telefonat war ich auch traurig - aber nicht so sehr wegen dem Tod meiner Mutter, sondern eher meinetwegen, weil wir ja noch so viele Dinge geplant hatten, die es nun nicht mehr geben wird.

      Es folgt die zweite Phase mit dem Aufbrechen von Emotionen. Auch hier sind keine typischen Traurigkeitsgefühle, die man erwarten würde - die ich erwartet habe. Ich war und bin erleichtert und froh, dass sie nicht leiden musste und ihren Wunschtod hatte. Ich bin aber auch erleichtert, weil für mich die Zukunft einfacher wird und ich nicht das Fortschreiten der beginnenden Demenz erleben muss. Auch der Zwang mindestens einmal pro Tag mit ihr zu telefonieren hat mich belastet und ich bin froh, dass das auch nicht mehr sein muss - und schon gar nicht, die 3 bis 6 Anrufe von ihr, weil sie vergessen hatte, dass wir schon telefoniert hatten.
      Und ich bin erleichtert, weil ich das Weihnachtsfest endlich nicht mehr feiern muss (was mein Sohn auch sehr begrüßt hat). Ich bin erleichtert, weil keine konfliktträchtigen Gespräche über AS mehr stattfinden müssen - und froh, dass ich vieles noch mit ihr klären konnte.

      Einen sehr traurigen Moment, wo ich liebevoll und eben auch mit Traurigkeit an sie gedacht habe, war Silvester. Seit 1975 (als ich das erste Mal außer Haus war) haben wir jedes Jahr pünktlich um Mitternacht telefoniert. Und zwar immer so, dass wir den Jahreswechsel gemeinsam am Telefon erleben konnten. Auch wenn ich im Ausland war oder auf Parties, dieser Augenblick gehörte uns. Beim letzten Jahreswechsel schaute ich auf das Telefon und war traurig. Und auch jetzt, wenn ich das beschreibe, bin ich traurig.

      Wenn ich alles logisch und rational betrachte, ist da doch nicht viel, was wirklich schlimm ist. Ja, wir können in Zukunft nicht mehr zusammen sein. Aber die positiven Dinge (für sie und mich) wiegen das doch bei weitem auf.
      Ich erinnere mich, dass ich wütend war, als mein Vater starb. Wütend auf wen auch immer, dass mein Vater so jung sterben musste (Herzinfarkt) - und auch wütend auf ihn, dass er mich allein gelassen hat.
      Aber meine Mutter war fast 84 Jahre alt. Sie hatte ein erfülltes und größtenteils zufriedenes Leben. Sie war auch bereit für den Tod, obwohl sie ihn nicht herbei gesehnt hat.
      ~ Mir egal - ich bin ein Einhorn. ~
    • Als meine Oma starb, habe ich kaum getrauert. Als meine Katze starb auch nicht.

      Bevor es eingetreten ist, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass mich der Tod meines Vaters dermaßen emotional "mitnimmt". Es hat mich in den ersten Wochen danach unerwartet eine riesige Welle von Verzweiflung und Nicht-Fassen-Können erfasst, obwohl sein Tod absolut nicht unerwartet kam (er war bereits seit Monaten sehr krank gewesen).

      Auch bei der Beisetzung musste ich sehr weinen. Meine mit großer Wahrscheinlichkeit nicht-autistische Schwester hat dagegen kaum geweint, obwohl unser Vater erklärtermaßen ihr Lieblingselternteil war. Sie sagte, sie konnte es überhaupt nicht nachvollziehen, dass meine Mutter und ich so weinen mussten.

      Nachtrag:

      Nayeli schrieb:

      Möglicherweise ist bei manchen Menschen die Trauer bei einer sehr starken emotionalen Bindung wie zu einem Tier einfach grösser als "normal", bei einer fehlenden emotionalen Bindung ist sie dann geringer ausgeprägt oder manchmal schlicht auch nicht vorhanden?
      So denke ich auch in Bezug auf mich selbst, mit dem Unterschied, dass ich offenbar keine ungewöhnlich starke Bindung zu Tieren habe (vielleicht schon eher zu besonderen Dingen :roll: ).
      Allerdings: Wenn man bereits bei unbekannten Tieren im Fernsehen so stark empfindet, hat das ja eigentlich nichts mit Bindung zu tun? :roll:

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    • Leseratte schrieb:

      Könnt ihr trauern - und wie?
      Ja. Vor allem schnell.

      Ich war bisher bei insgesamt sieben Beerdigungen zugegen. Außer denen meiner Großeltern mütterlicherseits, bei denen ich in den ersten vier Lebensjahren aufgewachsen bin, hat mich keine Beerdigung emotional mitgerissen. Ich habe versucht, mich mit einem dem Anlass entsprechenden Gesichtsausdruck den anderen ein wenig anzupassen. Bei den Beisetzungen meiner Großeltern war das erst ähnlich, nur danach habe ich kurz, aber heftig geweint. Danach war es gleich wieder "gut". Ich vermisse die beiden sehr, so ist es nicht, aber das ist nunmal der Lauf der Dinge. Man lebt und man stirbt.

      Spoiler anzeigen
      In dem Zusammenhang: Man sollte die Welt so verlassen, wie man sie betreten hat.

      Spoiler anzeigen
      Gut. Schreiend und mit fremdem Blut bedeckt war ohnehin mein Plan. :d



      Nun bezieht sich Trauer ja nicht nur auf Beerdigungen, man kann ja auch über andere Sachen trauern.
      MIr fällt bloß nichts ein. 8o
      Lohnsteuer wäre so'n Ding. Hmm. Aber sonst?
      What doesn't kill me makes me stranger.
    • Neu

      Leseratte schrieb:

      typischen Traurigkeitsgefühle, die man erwarten würde - die ich erwartet habe
      Mir wurde schon mehrmals erklärt, daß es da falsche Vorstellungen gibt, wie "Trauern" abzulaufen hätte und was erwartbar sei, der "normale" Rahmen ist breiter als gedacht.

      Leseratte schrieb:

      und bin erleichtert und froh
      Das finde ich bei der Situation, die du beschreibst, auch angemessen. Es macht ja auch einen Unterschied, unter welchen Umständen jemand stirbt und der Schock ist wohl größer, wenn es "aus heiterem Himmel" (rw) kommt.