Ambivalenzen

    • Ambivalenzen

      Hallo,

      ich habe in einem Vorstellungsbeitrag gelesen ( @Kraehe ) :


      Krähe schrieb:


      Das autistische menschliche Dasein ist insbesondere geprägt von Ambivalenzen. Das macht es anstrengend.
      Aber auch interessant.

      Ich bekomme sehr oft gesagt, ich sei sehr ambivalent. Mein Betreuer "reitet" (RW) da ständig drauf herum.
      zum Beispiel:
      - ich möchte mit Menschen zusammen sein aber es ist mir sehr schnell zu viel. Ich gebe trotzdem viele energien darein und besuche viele gruppenangebote (zum teil aber auch wegen mangelnder guter alternativen). oft bin ich dann auch überstresst. aufgeben will ich es trotzdem nicht. ich glaube, ohne autismus wäre ich ein "Netzwerker"
      - ich brauche dringend beständigkeit, aber gleichzeitig bin ich immer auf der suche nach neuen impulsen und mir wird schnell langweilig (das ist wohl dem ADHS geschuldet). da das verhältnis von beständigkeit zu neuen impulsen auch tagesform abhängig ist, ist es sehr schwierig eine balance zu finden.

      Wie sieht es bei euch mit diesem thema aus? habt ihr wirklich so viele ambivalenzen? es würde mich ehrlich gesagt "freuen", da ich es oft als vorwurf wahrnehme (insbesondere von meinem betreuer). ich geb mir echt mühe, aber immer wieder hänge ich in diesen "zwickmühlen" fest.
    • Gerade im sozial-zwischenmenschlichen Bereich kenne ich das auch. Ich möchte gern Kontakt mit anderen Menschen haben, gleichzeitig überfordern mich die meisten Kontakte - besonders wenn es um Gruppen geht. Richtig schlimm ist das in Bezug auf eine Partnerschaft.
      ~ Mir egal - ich bin ein Einhorn. ~
    • Leseratte schrieb:

      Gerade im sozial-zwischenmenschlichen Bereich kenne ich das auch. Ich möchte gern Kontakt mit anderen Menschen haben, gleichzeitig überfordern mich die meisten Kontakte - besonders wenn es um Gruppen geht. Richtig schlimm ist das in Bezug auf eine Partnerschaft.
      Ja...ein Wechselspeil von Nähe- und Distanz- Bedürfnissen.

      Aber auch das andere..als Kind war ich entweder nur draussen und radelte und ging auf Bäume etc..oder ich hockte drinnen und las und war in meiner Welt.
      Meiner Mutter war das immer extrem.


      kastenfrosch schrieb:

      ich brauche dringend beständigkeit, aber gleichzeitig bin ich immer auf der suche nach neuen impulsen und mir wird schnell langweilig
      ja..und das ist für Jobs ziemlich doof.
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert? "
      (Schrödinger lässt grüßen ;) )
    • Mein Leben kommt mir auch vor wie eine Ansammlung von Gegensätzlichkeiten und Ambivalenzen. Den von dir geschilderten Aspekt kenne ich sehr gut. Ich brauche schon andere Menschen, Input von der Außenwelt, aber ich brauche genauso dringend auch Rückzug.

      Weitere Gegensätzlichkeiten die mir einfallen (teilweise sehr banale Beispiele):

      Ich war in der Schulzeit der beste im Klettern, fast der Einzige, der das Kletterseil in der Sporthalle hochgekommen ist, aber immer der letzte, der im Sportunterricht in eine Mannschaft gewählt wurde (bei Fußball oÄ.) und habe erst spät Schwimmen gelernt, war in den meisten Sportarten ungeschickt.

      Ich mag extrem gegensätzliche Musikrichtungen, ertrage aber keine normale/'Mainstreammusik'.

      Meine Art zu denken empfinde ich als „dialektisch“ was ja ungefähr Ambivalenz bedeutet, ich sehe glaube ich immer Pro- und Kontra Argumente, ohne dass ich sagen würde, die eine Ansicht ist unbedingt richtig und die andere falsch, sondern die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen oder ganz wo anders, ich wundere mich darüber, wie manche in Ideologien verfallen, wodurch man ja nur noch aus einer starren Perspektive alles als Richtig oder Falsch beurteilt.

      Sogar in der Sexualität sehe ich bei mir große Ambivalenzen und Gegensätzlichkeiten.

      In Mathe war ich immer ganz schlecht, aber wenn Geometrie auf dem Halbjahresplan war, wusste ich, dass ich im großen Kontrast zu den anderen 4 und 5er Klausuren auch eine 1 schreiben werde.

      Die Schule war wirklich katastrophal, wenn ich das so schreibe, wird trotzdem keiner ahnen, wie schlimm es wirklich war, und im Studium gehörte ich dann mit Abstand zu den besten, auch in Fächern, in denen ich in der Schule versagt hatte, auch eine merkwürdige extreme Gegensätzlichkeit.

      In Dingen, die ich beherrsche, die ich mag, bin ich dazu imstande mir autodidaktisch professionelle Kompetenz und intellektuelle Leistung zu erarbeiten, aber in sozialen Situationen halten mich viele sicherlich für sehr dumm.

      Es gibt noch mehr Beispiele, aber mir fallen gerade keine mehr ein. Für mich sind Ambivalenzen und Gegensätzlichkeiten sehr signifikant und typisch. Meine Beispiele sind natürlich aus sehr verschiedenen Bereichen und vielleicht besteht zwischen ihnen kein Zusammenhang. Aber eigentlich wundert mich gerade genau das, dass ich Gegensätzlichkeiten an mir in so unterschiedlichen Bereichen feststelle.
    • Das hat mich bei mir auch immer schon gewundert. Seit der zusätzliche Verdacht auf ADS besteht, erkläre ich mir das dadurch.
      Zb:
      Ich hätte so gerne Ordnung und schaffe es nicht, bei der Hausarbeit "dran zu bleiben". genau, wie bei den anderen Dingen, wenn sie nicht meine spezial Interessen betreffen.
      Dann der Widerspruch zwischen meiner Spontanität und meinem Bedürfnis nach Beständigkeit. Das stresst mich unheimlich.
      Und gerne draussen sein, aber die ganzen Reize usw, das fällt mir so schwer die Wohnung zu verlassen.
      Oder ich müsste so dringend " runter kommen" Entspannungs Übungen machen, bin aber zu zappelig. Der horror...ich stehe fast permanent " unter Strom"
    • kastenfrosch schrieb:

      Wie sieht es bei euch mit diesem thema aus? habt ihr wirklich so viele ambivalenzen?
      Ja, ich kenne auch so Ambivalnzen. Zum Beispiel auffallen wollen, sich aber schnell verstecken wollen, wenn zu viele Leute auf dich schauen.

      Bei der Diagnose bekam ich das Bild mit: Jemand in mir möchte die Fenster aufreisen, der andere möchte sie zumachen. Aber dann kann es passieren, dass man die Fenster nicht mehr zubekommt, wenn sie aufgerissen sind.

      Meine Lösung aus dem Ganzen ist es, mehr auf die eigenen Gefühle zu hören oder metakognitiv nachdenken:

      Beispiel 1: Ich bin in der Lage, leichte Gespräche zu führen. Oft hatte ich so stark den Eindruck, ich müsste es tun, dass ich meinte, ich will es tun. Als ich dann aber merkte, wie mich Small Talk anstrengt, kam ich zu dem Schluss, ich wollte es eigentlich gar nicht.

      Exkurs: Ich bin momentan stark von dem Psychoanalytiker Schmidbauer beeinflusst: Er sieht einen Unterschied zwischen Liebe und Anpassung. In der Liebe geht es einfach darum, ein Gefühl auszudrücken und zu freuen, wenn es erwidert wird.
      In der Anpassung geht es darum, etwas zu leisten, was man verrechnen kann, sodass der andere etwas gegenleisten muss. Ich habe in mir festgestellt, dass ich stark dazu neige, mich anpassen zu wollen, was ich aber dann im Nachhinein auf der Gefühlsebene für unauthentisch halte.

      Beispiel 2: Gestern war ich fotografieren, als plötzlich ein Demonstrationszug durch die Straße lief. Es kam so ein Gedanke, dass ich in das Getümmel gehe. Aber dann dachte ich über das Denken nach und kam zum Schluss: Nein, ich möchte Vögel fotografieren.

      kastenfrosch schrieb:

      das ist wohl dem ADHS geschuldet
      Das war es im Beispiel 2 sicher auch. Ich würde noch ergänzen: leichte Ablenkbarkeit.
    • Ich kenne das Wort Ambivalenz nur vom Klang her, aber nicht dessen bedeutung, aber von dem was ich so raus lese, kann ich mich da teilweise wiedererkennen.

      Ich mag geselligkeit im Grunde auch nur unter ganz bestimmten Umständen und Maßen, es wird mir schnell zu viel.
      Es wird schnell ansträngend und ich brauche wieder nur meine Alleinzeit wo ich mich auf eine Sache nur für mich selbst konzentrieren kann.
      Besonders merke ich das, wenn verwannte uns besuchen. Ich freue mich auf sowas, da es was besonderes ist und ich mich gut mit ihnen verstehe, aber wenn sie dann da sind, wird es schnell schon nach einem tag oder manchmal auch paar Stunden zu viel und ich mach dann was für mich allein.

      Das mit dem Wunsch nach Beständigkeit aber gleichzeitig dem Wunsch mal was neues zu erleben kenne ich auch.
      Das geht bei mir nur, wenn das neue auch nach Plan verläuft. Unerwartet was neues mag ich nicht, wie als wir mit der S-bahn fahren wollten und plötzlich wegen Baustelle nicht mehr fuhr und ein Ersatzbus eingerichtet wurde, was mich heute immernoch stört, da in dem Bus immer weniger Platz ist als im Zug.
      Früher kamen immer 2 Busse, was besser war, denn der hintere war immer fast leer, was ich dann schon toller fand als S-bahn fahren XD
      Das Geld wollten sie sich diesesmal wohl sparen -.-
      Ich mache auch gerne Reisen, schaue mir gern neue orte an, aber mache das alles mit Vorrausplanung, also das ich schaue immer meine Musik dabei zu haben, genug geld, weiß wie man dahin und wieder zurück kommt etc etc, und das wird meistens dann schon 3 Monate im vorraus geplant, je nachdem wie weit weg es geht.
      Momentan haben wir für sowas aber eh kein geld.
      Ich könnte nie jemanden um mich haben der noch am gleichen Tag sagt "So heute fahren wir hier oder da hin" weil ich meistens schon was ganz anderes vor habe was schon Tage vorher so geplant war.
    • kastenfrosch schrieb:

      Wie sieht es bei euch mit diesem thema aus? habt ihr wirklich so viele ambivalenzen?
      Ambivalenzen jein (also in sich schon mal eine ambivalente Ansicht dazu ob ich ambivalent bin)

      Ich sehe meine Verhalten oft nicht als ambivalent. Es sind oft Nuancen unterschiedlich, die ich sehe aber andere nicht. Für diese ist mein Verhalten mal so mal so.

      Andere Ambivalenzen sind wohl dadurch bedingt, dass ich gerne Dinge möchte, die ich nicht schaffe.
      Ich möchte zb Freundschaften aufbauen und Kontakte mit Menschen. Aber die Kommunikation ist mir dann zuviel. Es ist stressig. Dann will ich dieses nicht und jenes nicht. Die Unternehmungen nerven mich. Die Gesprächsthemen langweilen mich.

      Für Außenstehnde wirkt das wohl ambivalent. Die sehen und verstehen nicht, dass ich zwar den einen Aspekt wollen würde aber die anderen nicht.

      Ordnung ist auch so etwas. Einerseits werde ich unruhig, wenn zb das Besteck falsch sortiert ist oder die Zahnbürsten falsch vorm Spiel stehen. Andererseits habe ich ein Chaos. Andere finden ich sei unordentlich.

      Körperliche Nähe. Phasenweise schrecklich. Jede Berührung zuviel. Kuscheln oder Sex eine Qual. Aber gleichzeitig sehne ich mich danach.

      Vorwürfe dahingehend resultieren wohl daraus, dass andere die Probleme nicht verstehen und den gleichzeitigen Wunsch manche Dinge zu können.