Freundschaften zwischen zwei Aspies

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    • Freundschaften zwischen zwei Aspies

      Ich hoffe, dass über dieses Thema in diesem Sinne noch nichts geposted wurde- wenn doch, sagt mir bitte Bescheid, dann hab ich es übersehen :D

      Mich würde mal interessieren, was eure Erfahrungen im Bereich der näheren Interaktion/Freundschaft mit anderen Aspies sind, und wie sich diese von NT's unterscheiden.
      Ich finde das Thema unheimlich spannend, da ich von meiner Mutter schon seit Jahren vorgehalten bekomme, wie unüblich die Freundschaft zwischen mir und meiner besten Freundin sei. :roll:
      Ich bin nicht diagnostiziert, aber eigentlich mein ganzes Leben lang schon nur mit dieser einzigen Person (mit AS Verdacht) richtig befreundet. Deshalb fehlt mir das nötige 'Referenzmaterial', um die Behauptung meiner Mutter realistisch nachzuprüfen ^^.

      Ich habe mal ein paar Sachen, die wir oft von Außenstehenden gesagt bekommen, zusammengefasst (und ein paar, die uns selbst auffallen)

      -Lautstärke: da wir uns im Gespräch extrem in ein Thema vertiefen können, blenden wir die Umwelt oft komplett aus. Wir müssen uns in der Öffentlichkeit konstant gegenseitig ermahnen, leiser zu sein, und dass auch nur, wenn es einem von uns überhaupt auffällt. Wegen diesem und anderen Gründen, die wir bis jetzt noch nicht komplett ausmachen konnten, ernten wir grundsätzlich schräge Blicke von Anderen.

      -Themen: Anscheinend fällt es anderen schwer, unseren Gesprächsthemen zu folgen. Ein bisschen kann ich das nachvollziehen- unsere Gespräche sind gespickt mit Referenzen zu Insidern, Büchern, Serien, etc., werden regelmäßig durch Spontangesang unterbrochen, in den die Andere miteinstimmt, bevor ohne Umschweife das zuvor angeschnittene Thema wieder aufgegriffen wird. (jetzt, wo ich das so reflektiere, muss das extrem nervig für andere sein) Wir reden zur Hälfte der Zeit auf Englisch, wenn uns bestimmte deutsche Begriffe nicht einfallen/passend erscheinen. Wir haben zuweilen so ähnliche Gedankengänge, dass z.B. ein bestimmter Geruch ausreicht, um das Thema komplett zu wechseln und auf irgendeine Kleinigkeit, die vor 10 Jahren passiert ist, zu lenken.

      Es erscheint mir manchmal fast so, als hätten wir unsere eigene Sprache entwickelt. Das Ganze ist sowohl Segen als auch Fluch. Sie ist die Einzige, die 'mich versteht' und bei der ich mich nicht verstellen muss. Zum anderen sind wir mittlerweile so sehr aufeinander eingespielt, dass ich mich nicht in der Lage sehe, jemals andere Freundschaften zu schließen oder das überhaupt zu wollen.

      -'falsche' Freundschaft: Auf diesem Punkt reitet besonders meine Mutter gerne herum. So sei die Freundschaft doch keine 'richtige'. Sie habe Angst, dass ich im Umgang mit ihr sozial verwahrlose, keine anderen Kontakte knüpfe und im Fallle einer Trennung alleine dastehe. Ich weiß keine oberflächlichen Details über sie, die man über seine beste Freundi doch selbstverständlich wissen solle. In ihren Augen gleiche das eher einer 'Jungsfreundschaft', wir reden nicht genug über unsere Gefühle, etc. x( Wir sehen uns manchmal nur alle paar Wochen, obwohl sie im gleichen Ort wohnt, und schreiben oft wochenlang nicht miteinander, bevor sich einer meldet. Aber genau diese Sachen schätze ich sehr. Das ist unter anderem der Grund, weshalb die Freundschaft so lange gehalten hat, und alle anderen nicht. Ich kann mich längere Zeit nicht melden, ohne ein eingeschnapptes 'Was ist denn los? Bist du sauer?' zurückzubekommen.

      -Öffentliches Auftreten: Wir haben beide immense Probleme damit, in der Öffentlichkeit etwas zu unternehmen. Zum einen sehen wir nicht den Sinn dahinter, sich z.B. in lauten Clubs zu betrinken, zum anderen sind uns Menschenmassen einfach nicht geheuer. So bleiben wir die meiste Zeit daheim und reden, zeichnen, oder schauen Serien. Wenn wir aber doch einmal ein Restaurant besuchen, kommt vor dem Telefonat die verhasste Diskussion, wer den Tisch reserviert. So geht das grundsätzlich mit allen Dingen dieser Richtung. Es ist zwar schön, verstanden zu werden, allerdings brauchen wir uns gegenseitig auch nicht um Rat zu fragen. 'Was sage ich eigentlich am Telefon, wenn ich schon diejenige bin, die anrufen muss?' - 'Keine Ahnung, deswegen wollte ich ja auch nicht!' ^^

      Meine Beispiele müssen nicht unbedingt etwas mit AS zu tun haben, sondern können auch einfach an der langen Dauer der Freundschaft liegen- ich weiß es nicht.

      Wie steht es mit euch?
      "If the brain were so simple we could understand it, we would be so simple we couldn't."
    • Ich bin mit einer VA befreundet (selbst ihr Psychiater meinte sie könnte sehr wahrscheinlich AS haben aber für eine Diagnose müsste sie ihre Eltern fragen weil noch nicht volljährig und das möchte sie nicht). Allerdings kenne ich sie nur übers Internet. Sie lebt in Amerika und ich chatte mit ihr regelmäßig bereits über Jahre hinweg.

      Wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut, besonders da mich etwaige Beleidigungen auf Englisch nicht so verletzen wie sie es auf Deutsch tun würden :d ja sie ist sehr direkt und ehrlich. Aber das schätze ich an ihr und im Gegenzug bin ich auch ehrlich und direkt zu ihr.

      Ich lerne sehr viel von ihr da sie in einem schlechten Umfeld aufwächst (das erweitert meinen Horizont) und andersrum lernt sie von mir dass nicht immer alles so schlecht sein muss, sie ist halt bei einer ungünstigen Familie gelandet :? . Wir reden sehr viel über tiefsinniges Zeug, Smalltalk gibt es kaum, jede erzählt von ihren Problemen und hört den Problemen der anderen zu und sagt ggf. kurz, was sie dazu denkt und dann philosophieren wir weiter.

      Wenn es einer von uns schlecht geht, muntert die andere einen mit logischen Fakten auf, mir hilft das wenn ich traurig oder ängstlich bin und ihr auch.

      Allerdings mache ich mir Sorgen um sie, die letzte Nachricht die ich von ihr bekam war ein out-of-context "ACK" das wohl einen erstickten Schrei darstellen soll. Das war am Silvestertag. Seitdem meldet sie sich nicht mehr und postet auch nicht mehr auf Instagram oder so. Ich hoffe, ihr geht es gut :cry:
      Dieser Weg wird kein leichter sein/ Dieser Weg wird steinig und schwer
      Nicht mit vielen wirst du dir einig sein / Doch dieses Leben bietet so viel mehr.
      Profilbild von David Gaillet
    • Meine Freundin und ich sind jetzt seit fast 30 Jahren befreundet. Wir haben eine ähnliche Geschichte. Von ihrem Wesen her würde sie sehr gut hier her passen, sie ist ein freier und unabhängiger Mensch, das mag ich so an ihr. Wir sind uns sehr vertraut. Unsere Freundschaft ist geprägt von Offenheit, Akzeptanz und Toleranz. Wir telefonieren alle paar Monate und sehen uns ungefähr alle anderthalbe Jahre mal - das genügt uns und trotzdem ist es jedes Mal so, als hätten wir uns erst gestern gesehen.

      Meine Freundin ist der einzige Mensch, der mich so akzeptiert wie ich bin, dafür bin ich dankbar.
      Unsere Gespräche sind eher sachlich/logisch orientiert - und doch ist da etwas, was uns schon so lange zusammenhält, wofür wir keine Worte finden.

      Ob es eine 'falsche' Freundschaft geben kann, weiß ich nicht - bin mir da nicht so sicher. Entweder man spürt etwas füreinander oder eben nicht. Da können so viele Dinge eine Rolle spielen - Zuneigung, gemeinsame Interessen, gemeinsame Erlebnisse, gleiche Schwingungen ...

      Meine Freundin und ich haben über die Jahre so viel zusammen erlebt - wir denken nicht drüber nach - wir sind einfach nur.
    • wenn man gemeinsame Interessen hat, ist das sicher möglich und ein Gewinn für beide seiten.
      Die asperger\ autisten, die ich kenne, haben andere und das macht es dann recht schwer, weil ja jeder gerne über seinen kram nur reden will.
      Ausserdem sind autisten meist sehr starr in ihren ansichten( ich auch^^), was es mir auch so schwer macht, mit anderen autisten auszukommen.
      Das ist mir dann zu anstrengend und für mich ist dann der Kontakt zu nicht autisten einfacher.
      Was du beschreibst, kenne ich so mit meinem Bruder.
    • Außer meinen Partner kenne ich keinen AS´ler mit dem ich zurecht komme, im Gegenteil, endeten praktisch alle Gespräche die mit Autisten zustande kamen im Streit. Da reichte schon der kleinste Funkenflug. Für mich war der Kontakt zu NT´lern immer weit entspannter.
    • Meine Erfahrungen mit Freundschaften sind rar. Das liegt aber wohl auch an meiner Definition von Freundschaft.
      Aktuell sind es bei mir 3 Freundinnen die ich habe. Zwei davon sind NT's und eine Aspergerin. Wobei ich dazu sagen muss, dass wir beide entweder nur "milde Autisten" sind oder hochkompensiert. Spielt aber auch nicht so die Rolle wie das jetzt zu definieren ist.
      Ich kann nur sagen, dass es mit diesen drei Frauen super läuft.
      Mit einer der "normalen" bin ich seid über 10 Jahren befreundet mit mal mehr und mal weniger Kontakt. Aber auch wenn wir uns lange nicht mehr gesehen/gehört haben, ist es immer so, als wären wir gestern erst das letzte mal zusammen gewesen. Nachdem sie ihre Grenzen aufgezeigt hatte, über was ich alles reden darf, lief alles super. Also würde ich behaupten beruht alles auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen. Der Vorteil bei ihr ist, dass ich mir nie Gedanken machen muss, über was wir reden. Sie findet immer etwas ;) .
      Mit der Aspergerin ist das anders. Also nicht das von wegen Respekt und Vertrauen. Ohne das geht es ja nicht. Aber mit ihr kann es auch sein, dass wir auch einfach mal nicht reden und zusammen irgendwelche Brettspiele spielen oder fotografieren gehen.
      Aber alle drei eint, dass sie mich nehmen wie ich bin und damit auch meine Macken aktzeptieren. Umgekehrt natürlich auch :lol:
      Daher behaupte ich jetzt einfach mal, dass es da grundsätzlich kein Unterschied gibt zwischen "autistischer" oder "normaler" Freundschaft, sofern man sich gegenseitig respektiert.
      "Nur zwei Dinge sind unendlich...
      ... das Universum und die Dummheit der Menschen...
      ... wobei ich mir bei erstem nicht sicher bin"
      Zitat nach Albert Einstein
    • Nomi wrote:

      Wir sehen uns manchmal nur alle paar Wochen, obwohl sie im gleichen Ort wohnt, und schreiben oft wochenlang nicht miteinander, bevor sich einer meldet. ... Ich kann mich längere Zeit nicht melden, ohne ein eingeschnapptes 'Was ist denn los? Bist du sauer?' zurückzubekommen.
      Das sehe ich ebenfalls als Vorteil einer Freundschaft zwischen zwei Autisten an. Wobei ich mir mit dem Begriff Freundschaft schwer tue. Ab wann ist es eine Freundschaft und nicht, wie ich es definieren würde, eine nähere Bekanntschaft?

      Satureja Antares wrote:

      Die asperger\ autisten, die ich kenne, haben andere und das macht es dann recht schwer, weil ja jeder gerne über seinen kram nur reden will.
      Wenn ich mich alle paar Monate mit einer meiner zwei näher bekannten Autistinnen treffe, dann läuft es eigentlich immer darauf hinaus, dass jede die andere über den Kram, der seit dem letzten Treffen passiert ist, updatet. Danach gehen wir wieder auseinander, gibt ja nichts mehr zu besprechen, und haben dazwischen nur sporadisch Kontakt über einen Messenger. Dort besprechen wir in der Regel den organisatorischen Ablauf unseres nächsten Treffens.

      Nomi wrote:

      Mich würde mal interessieren, was eure Erfahrungen im Bereich der näheren Interaktion/Freundschaft mit anderen Aspies sind, und wie sich diese von NT's unterscheiden.
      Ich habe ein langjährige nichtautistische Freundin, die sehe ich immer dann, wenn sie sich meldet und bei mir vorbeikommt. Was sie im Schnitt alle drei Wochen tut. Dass ein Treffen von mir ausgeht und ich sie besuche, passiert eher selten. Dazu habe ich noch zwei nähere nichtautistische Bekannte, die hatte ich über mein Fernstudium kennengelernt und in den letzten drei Jahren nur jeweils dreimal im Jahr von Angesicht zu Angesicht gesehen. Wir interagieren primär schriftlich über diverse Messenger. Der Unterschied bei den Treffen ist meiner Erfahrung nach, dass es bei meinen Nichtautistinnen weniger um den sachlichen Austausch geht, sondern stets um die Mitteilungen von Gefühlszuständen. Ein augenfälliger Unterschied besteht auch in der schriftlichen Kommunikation, die Nichtautistinnen benutzen signifikant mehr Emojis.
      21 is only half of the answer.
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      Hallo zusammen,
      da mich das Thema interessiert möchte ich es aufgreifen anstatt einen neuen Thread dazu aufzumachen.

      Ich habe es lange Zeit und viele Male versucht, mit (vermutlichen) nicht-Autisten zumindest mal einen Kontakt aufzubauen. Es funktionierte einfach nicht, aus unterschiedlichen Gründen.

      Kürzlich kam mir der Gedanke, ob es vielleicht (besser?) klappen könnte, sich als Autist mit einem Autist "anzufreunden". (Damit meine ich einfach Zeit zusammen verbringen, ab und zu Kontakt haben, usw.) Mir sind dabei mögliche Vorteile eingefallen, das die Andersartigkeiten kein Problem sind sondern normal, weil man es von sich selbst auch kennt. Manche Verhaltensweisen oder Probleme sind vielleicht sogar gleich.

      Andererseits sind mir auch genau so mögliche Hürden eingefallen, es ist ja auch nicht jeder Autist gleich von seinen Bedürfnissen, Problemen, usw. Das hat mich dann widerum verunsichert, ob meine Vorstellung von einer realen Freundschaft/Bekanntschaft mit einer autistischen Person vielleicht mehr eine tolle Fantasie-Vorstellung von mir ist aber in Wirklichkeit nicht so wäre, wie ich mri das vorstelle.

      Ich weiß nicht ob das seltsam klingt, aber ich habe manchmal z.B. die Vorstellung, das ich gerne eine Kopie von mir hätte mit der ich befreundet wäre. Jemand der denkt wie ich, agiert wie ich, der ohne Probleme versteht was in meinem Kopf vorgeht. Ich vermute, dass das bei normalen Menschen der Fall ist (oder zumindest häufiger vorkommt). Ich kenne es (überwiegend) nur, anzuecken und nicht verstanden zu werden.
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      Phreno wrote:

      Kürzlich kam mir der Gedanke, ob es vielleicht (besser?) klappen könnte
      Klappt natürlich nicht mit jedem, aber ja mir fällt das auch leichter als bei Nicht-Autisten. Bzw. generell Menschen, die sich vorstellen können, wie es ist Schwierigkeiten und Einschränkungen zu haben und wenige Vorurteile haben und sehr ehrlich sind, sind ein guter Start.

      Autisten können oft meine Probleme besser verstehen und meine Körpersprache und fehlender Blickkontakt etc. sind kein Problem.