Naivität

    • Schon x mal in meinem Leben bin ich auf Menschen reingefallen.
      Menschen haben sich als meine "wahren" Freunde ausgegeben. Die wollten aber nur ihren Frust an mir auslassen, oder ihre Neugier befriedigen, oder mich "in der Hand haben"- oder gleich alles zusammen..
      Mich haben diese Erlebnisse sehr misstrauisch werden lassen. Ich öffne mich Menschen gar nicht mehr- oder nur sehr, sehr schwer. Und wenn ich das dann tue, werde ich wieder enttäuscht.
      Hat das etwas mit Gutgläubigkeit, Naivität als "Begleitung" des AS zu tun..?..
      Kennt ihr solche Situationen- oder wie geht ihr damit um..?

      Doch Zeit kann grausam sein, sie bricht dein Herz dann wird sie es wieder heilen. (Rosenstolz)
      Ich glaubte nie an Liebe die dann immer Liebe bliebe, und ich glaubte nie an Sehnsucht die mir mein verdammtes Herz bricht. (MM Westernhagen)
    • Ja, ich kenne das.
      Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass wir diese subtilen Informationen nicht mitbekommen, die andere warnen, die anderen mitteilen, was wirklich beim anderen abgeht, was er denkt.

      Ich bin auch immer wieder überrascht, was mein Gegenüber plötzlich für eine andere Seite zeigt ( z.B. von super nett zu brüllend aggressiv).

      Ich gehe mit solchen Situationen einfach um... ich tue so, als ob es mich nicht überrascht, bzw. erstarre auch irgendwie...also weder Flucht, noch Angriff...

      Ansonsten bei Enttäuschungen, da werde ich einfach traurig und rede mir ein „naja, wirklich geglaubt, hast du‘s doch auch nicht“...
      >>Warte nicht auf das Jüngste Gericht. Du stehst jeden Tag vor deinem Richter.<<
      Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker
    • Ich würde das Verhalten nicht als Naivität bezeichnen.

      Bei wikipedia (de.wikipedia.org/wiki/Naivit%C3%A4t) habe ich gefunden: "Naivität ist nicht deckungsgleich mit Unwissenheit. Die reine Unwissenheit kann durch die Kenntnisnahme von Fakten ausgefüllt werden."


      Und diese Unwissenheit, was das Einschätzen von Mitmenschen angeht, hängt in meinen Augen unmittelbar mit dem Autismus zusammen.


      Ich kenne das Problem aus diversen Situationen bis in die Gegenwart, Menschen, die mich finanziell, auch sexuell ausgebeutet haben, ich kann persönlich / professionell (Situation Chef auf der Arbeit), nicht gut unterscheiden. Die Folgen sind bei mir ähnlich, ich bin sehr skeptisch Menschen gegenüber, zu den Kontaktproblemen kommen dann noch Ängste in bzw. bewusstes Zurückziehen aus sozialen Situationen.
      diagn.
    • Da das Problem auch bei Leuten ohne AS verbreitet ist, sehe ich es nicht als Folge von AS. Das ist oft gelerntes Verhalten aus der Kindheit, also Prägung. Man hat Erwartungen und kreiiert sich seine Täuschungen selbst und sucht sich dann auch die passenden Leute dazu aus.
      Durch AS kommen Missverständnisse und Defizite auf emotionaler Ebene, was auch zu Kontaktabbrüchen führt.
      Vielleicht ist es dein Thema das unterscheiden zu lernen.
    • Cloudactive schrieb:

      Ja, ich kenne das.
      Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass wir diese subtilen Informationen nicht mitbekommen, die andere warnen, die anderen mitteilen, was wirklich beim anderen abgeht, was er denkt.

      Ich bin auch immer wieder überrascht, was mein Gegenüber plötzlich für eine andere Seite zeigt ( z.B. von super nett zu brüllend aggressiv).
      Dito. Immer wieder.
      Ich weiss da auch keine Lösung.
      Manchmal merke ich im Nachhinein, dass es einige Signale gab..vom Gegenüber oder in mir..ich sie aber nicht einsortieren konnte.
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert? "
      (Schrödinger lässt grüßen ;) )
    • Linnea schrieb:

      Cloudactive schrieb:

      Ja, ich kenne das.
      Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass wir diese subtilen Informationen nicht mitbekommen, die andere warnen, die anderen mitteilen, was wirklich beim anderen abgeht, was er denkt.

      Ich bin auch immer wieder überrascht, was mein Gegenüber plötzlich für eine andere Seite zeigt ( z.B. von super nett zu brüllend aggressiv).
      Dito. Immer wieder.Ich weiss da auch keine Lösung.
      Manchmal merke ich im Nachhinein, dass es einige Signale gab..vom Gegenüber oder in mir..ich sie aber nicht einsortieren konnte.
      So kenne ich es auch von mir.
    • Vielleicht ist man auch empfänglich für Leute, die einen vereinnahmen wollen. Die empathischsten Menschen sind einerseits diejenigen, die einen am schnellsten durchschauen und mit denen deshalb die Kommunikation besser funktioniert, häufig sind die empathischsten Menschen aber auch diejenigen, die am besten manipulieren können. Die Empathie an sich ist für mich erstmal nichts positives (manchmal gibt es natürlich auch tolle empathische Menschen, manchmal aber auch schreckliche).

      Ich denke die einzige Alternative zu Rückzug ist mit Glück wirklich gute Leute kennenzulernen. Vielleicht hilft es, um Menschen zu beurteilen, sie an dem zu messen, was sie (sachlich) tatsächlich leisten, anstatt daran, wie sie anfänglich auf einen wirken.

      Aber es ist mühsam sich das jedesmal neu vor Augen zu halten, dass ein zunächst besser funktionierender neuer Kontakt nicht bedeuten muss, dass man der Person vertrauen kann.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ortx ()

    • Naiv war ich früher in meiner Jugend- und jungen Erwachsenenzeit auch. Das habe ich mir durch diverse und teils schwerwiegende Negativvorfälle abgewöhnt. Heute bin ich das genaue Gegenteil und übermäßig misstrauisch, selbst in meiner Beziehung, dem Menschen gegenüber der mir am nahesten steht. Das ist auch nicht besser.
    • Neu

      ortx schrieb:

      Vielleicht ist man auch empfänglich für Leute, die einen vereinnahmen wollen. Die empathischsten Menschen sind einerseits diejenigen, die einen am schnellsten durchschauen und mit denen deshalb die Kommunikation besser funktioniert, häufig sind die empathischsten Menschen aber auch diejenigen, die am besten manipulieren können. Die Empathie an sich ist für mich erstmal nichts positives (manchmal gibt es natürlich auch tolle empathische Menschen, manchmal aber auch schreckliche).

      Ich denke die einzige Alternative zu Rückzug ist mit Glück wirklich gute Leute kennenzulernen. Vielleicht hilft es, um Menschen zu beurteilen, sie an dem zu messen, was sie (sachlich) tatsächlich leisten, anstatt daran, wie sie anfänglich auf einen wirken.

      Aber es ist mühsam sich das jedesmal neu vor Augen zu halten, dass ein zunächst besser funktionierender neuer Kontakt nicht bedeuten muss, dass man der Person vertrauen kann.
      Da fällt mir ein englischer Spruch ein:

      What a Man sais and what a Man do, is a different Pair of Shoe.

      Ich habe hart lernen müssen, dass man Menschen nicht nach Worten, sondern nach Taten bewertet.

      Seitdem geht es mir besser.
      Das Misstrauen blieb, aber es ist nicht mehr so stark.
      Schwarzer Humor ist wie Essen. Hat nicht jeder.
    • Neu

      Mir hat eher mein krankhaftes Misstrauen immer zu schaffen gemacht und die Tatsache, dass ich meinen Mitmenschen erst gar keine Chance gegeben habe, mich zu enttäuschen. Das ist aber nichts, worauf ich stolz wäre, denn sicher sind mir dadurch auch viele fantastische Momente entgangen.
      Der Grund für mein Misstrauen ist, dass ich meine Mitmenschen ganz und gar nicht einschätzen kann - aber auch nur sehr selten genug Interesse aufbringe, es zu versuchen.
      Schon im Kindergarten-Alter habe ich mich mehr für Dinge als für Menschen interessiert. Ich konnte nie das Gefühl aufbringen, Teil einer Gruppe zu sein. Meine Mitmenschen waren mir egal bis lästig. Es waren keine Vorurteile, sondern eher weil ich mich am liebsten mit mir selbst beschäftigte und mich dabei von ihnen gestört fühlte, wenn sie auf mich zukamen. Aber es ist nicht so, dass ich nicht auch unter meiner Isolation gelitten hätte.
      Wegen meiner angeborenen Introvertiertheit und Anpassungsschwierigkeiten erntete ich schon immer negative Reaktionen. Darauf reagierte ich umgekehrt mit noch mehr Distanz und so steigerte sich das auf Gegenseitigkeit bis hin zur Gewalt im Teenie-Alter. Ein Teufelskreis. Natürlich trieben mich noch sämtliche Maßnahmen und Therapien wegen meinem Distanzverhalten noch mehr in die Isolation - kein Daran-Gewöhnen, kein Vertrauen-Lernen, nur noch mehr Ablehnung und auch Aggression.
      Besser kann ich es erklären, wenn ich eine unsichtbare imaginäre Wand um mich herum beschreibe. Diese unsichtbare Wand war schon immer da, seit ich denken kann. Durch sie beobachte ich mein Umfeld, habe mich aber nie als ein Teil davon gefühlt. Hat jemand versucht, diese Wand zu durchbrechen, wurde sie nur noch dicker. Ich kenne kein Bewusstsein ohne diese Wand.
      Allein meine Mutter war für eine lange Zeit die einzige Vertrauensperson. Aber sie war in meinen Augen auch die Einzige, deren Interesse an meinem Seelenheil nicht geheuchelt oder berufsbedingt war und die ich umgekehrt liebte. Erst als Erwachsene begegnete ich wenigen Leuten, die mir interessant genug schienen, um ihnen überhaupt eine Chance zu geben.
      Da ich mir heute erklären kann, was es mit dieser Wand um mich herum auf sich hat, kann ich besser damit umgehen. Und ich habe gelernt, dass Musik sie durchdringen kann. Die Musik hat die Kraft, mich mit Leuten zusammenzubringen, die mir ähnlich sind und meine Interessen teilen - und was für mich noch entscheidender ist - die mich als Person interessieren. Vor allem muss man sich da nicht verbiegen.
      Mein krankhaftes Misstrauen konnte ich trotzdem nie ganz ablegen. Wenn ich doch einmal enttäuscht oder verletzt werde, bin ich unerbittlich nachtragend, weil ich nichts vergessen kann und beende dann nach Möglichkeit auch den Kontakt.