Buch über erwachsene Asperger im Beruf: Kohl, Seng & Gatti (2017)

    • Morgenstern schrieb:

      Als ich den Namen las, habe ich erst überlegt, ob du das sein könntest Aber das hat sich hiermit wohl erledigt.
      :d Stimmt. Das ist ja auch ihr echter Name - ihre Eltern hatten einen guten Geschmack. ;)

      Shenya schrieb:

      Im ersten Moment kann man das so sehen im Sinne "es ging ja bei (fast) allen schief", aber ich würde das Fazit so ziehen, dass es noch einen Mittelweg zwischen "gar keine Unterstützung" (was häufig schief geht) und "nur BBW und geschützte Umgebung" gibt. Eben weil intellektuell so viel mehr drin ist, bräuchte es eine andere Art von Unterstützung, die nicht in die Richtung geht, die Leute in intellektuell nicht fordernde "einfache" Berufe abzuschieben, sondern sie an dem Arbeitsplatz zu unterstützen, den sie optimalerweise erreichen können. Es sind ja oft Dinge, die machbar wären, wie z.B. eine ruhige Arbeitsumgebung, Homeoffice, oder einen Vermittler bei beginnendem Mobbing am Arbeitsplatz. Oder auch nur einfach jemand, der den Kollegen/Chefs erklärt, wie der Kollege mit AS funktioniert und was er braucht.
      Absolut. Oft würden schon Kleinigkeiten reichen. Sinnvoll fände ich etwa Konzepte wie das "Buddy-System" bei SAP, individuelle Ansprechpartner, die "auf der Seite" des Autisten stehen und bei Bedarf Tipps geben, begleiten, vermitteln etc. Für viele dürfte das schon ein "Sicherheitsnetz" sein, das den Umgang im Berufsalltag einfacher macht. Das zeigen implizit übrigens auch diejenigen, die in den Unternehmen ihrer Familien arbeiten. Sie müssen sich nicht alleine innerhalb der Gruppendynamik behaupten, wo mittels "Flurfunk" etc. ja die Dynamiken untereinander permanent neu ausgehandelt werden, sondern können allein ihre Arbeit machen und sind über Vorgesetzte usw. geschützt. Das könnte man zumindest in Teilen auch für andere Autisten realisieren. Und ja, grundsätzlich stimme ich Dir natürlich zu. Es wäre sehr wünschenswert, aus der Erkenntnis, dass viele Autisten eben doch grundsätzliche soziale Unterstützung bzw. ein "Auffangnetz" brauchen, nicht zu schließen, dass sie nicht zu anspruchsvoller Arbeit in der Lage wären. Das Gegenteil ist ja oft der Fall.

      Shenya schrieb:

      Das fand ich auch sehr gut. Er schreibt auch z.B., dass die Arbeit gerechter verteilt sein müsste, nicht so, dass sich einige bis zum Burnout "totarbeiten" (meine Wortwahl, er schreibt es zurückhaltender), während andere gar keine Arbeit haben. Wenn die Arbeit gerechter verteilt wäre, wären nicht nur Autisten glücklicher. Das als allgemeine Gesellschaftskritik.
      Ja, die Situation von Autisten ist ja im Grunde nur "die Spitze des Eisbergs", und das macht er deutlich. Er diskutiert auch kurz, aber treffend, die zwei Seiten der Diagnose als "Label". Insgesamt fehlt mir bei dem Buch nur ein Abschnitt mit konkreten Tipps, wie eine sinnvolle berufliche Unterstützung junger erwachsener, aber auch spätdiagnostizierter Autisten aussehen könnte. Und es ist schade, dass kein "Experte durch Ausbildung" ausführlicher zu Wort kommt.

      Willowtree schrieb:

      Das hört sich recht negativ an. Kann man denn wirklich sagen, dass es sich bis auf die paar Ausnahmen mit den positiven Konstellationen um objektiv gescheiterte Berufsbiographien handelt, oder geht es da vielleicht nicht öfter darum, dass Leute mit großem Potential eben unter ihren Möglichkeiten geblieben sind? Letztgenanntes passiert ja auch vielen NTs. Ich habe nur reingelesen in die in der Buchvorschau einsehbare Geschichte, und da wurde ja schon ein bisschen was erreicht (Tätigkeit in Indien).
      Stimmt, aber gerade den Fall fand ich besonders krass. Was die Potentiale betrifft, ist da das Glas randvoll, oder schwappt sogar über. Aber der Betreffende ist, auch durch die Prekarisierung in den Bereichen, in denen er tätig war (beispielsweise Übersetzung) letztlich in einem Bereich gelandet, der ihn nicht interessiert, total unterfordert, und wo er unter den Kollegen isoliert ist. Er hat sich damit abgefunden, aber die Geschichte zeigt sehr deutlich die Exklusion, die viele Autisten auf die Dauer erleben. Und ja, was ist schon "gescheitert"? Ich hatte das nicht als moralische Wertung gemeint. Aber trotz guter Fähigkeiten und hoher Qualifikation einen Job zu machen, der einen nicht interessiert und krass unter den eigenen Möglichkeiten liegt, oder schon in vergleichsweise jungen Jahren arbeitsunfähig zu werden .... Das sind zumeist keine schönen Geschichten und sie zeigen, wie "untypische" Menschen in unserer Gesellschaft "hängen gelassen" werden. Auch Eleonora Kohl und Hajo Seng schreiben einiges dazu.


      Willowtree schrieb:

      Ich erinnere mich jedenfalls an ein Statement von Dr. Peter Schmidt in einem Welt-Artikel:


      „Die Medien feiern das, was ich überhaupt als Karriere vorzuweisen habe, als großen Erfolg für einen Autisten“, sagt er deshalb. „Aber ich sage mir: Der Autismus hat dir letztlich die ganz große Karriere doch genommen.“


      nachzulesen unter: welt.de/vermischtes/article135…utistischen-Kollegen.html


      Ist also wohl eine klassische "Glas halb voll oder halb leer" -Sache. Und ich denke, das trifft auf sehr viele hochfunktionale Autisten und Beruf zu. Oft hilft vielleicht als Perspektivwechsel die Erkenntnis, dass mit einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung es nicht so leicht ist, dass die "Bäume in den Himmel wachsen" (RW). Und deswegen man sich auch selbst über das Erreichte freuen kann und der Vergleich mit sogenannten NTs nicht immer sinnvoll ist.
      Was die Beiträge in dem Buch betrifft, finde ich Peter Schmidts Geschichte allerdings am ehesten vergleichbar mit der von Hajo, den ich als das einzige positive Beispiel, das mir spontan einfällt, genannt hatte. Beide konnten ihre Pläne von einer wissenschaftlichen Karriere nicht verwirklichen und sind dann in der IT gelandet - nicht im Traumjob, aber in einem Beruf, der ihnen liegt, ihrer Bildung entspricht und wo sie ihre Stärken einsetzen können. Das finde ich okay. Und während Peter Schmidt besser verdient, ist Hajos Arbeit im höheren öffentlichen Dienst vermutlich angenehmer, weniger stressig und autismuskompatibler. Ein fester Rahmen, aber er macht anspruchsvolle Arbeit weitgehend selbständig, ohne so enge Einbindung in das übrige Bibliotheksteam. Berufe im höheren öffentlichen Dienst ohne Personalverantwortung dürften ohnehin meiner Einschätzung nach ein gutes Feld für Autisten sein.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Leonora ()

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      Leonora schrieb:

      Aber trotz guten Fähigkeiten und hoher Qualifikation eine Job zu machen, der einen nicht interessiert und krass unter den eigenen Möglichkeiten liegt, oder schon in vergleichsweise jungen Jahren arbeitsunfähig zu werden .... Das sind zumeist keine schönen Geschichten und sie zeigen, wie "untypische" Menschen in unserer Gesellschaft "hängen gelassen" werden.

      Das trifft ja wie gesagt auch viele NTs, dass sie im Beruf unter ihren Möglichkeiten bleiben und letztlich einen Job machen, der ihnen keine große Zufriedenheit / Sinnstiftung einbringt. Typisch sind da z.B. Leute, die ein "Orchideenfach" studiert haben. Aber auch jene, die aus dem Ausland kommen und deren Qualifikationen hier nicht anerkannt werden. Oder Topqualifizierte aus der ehemaligen DDR, die nach der Wende auf dem Abstellgleis (RW) landeten. Da liegt dann auch viel Potential brach, wenn der Arbeitsmarkt sie nicht entsprechend ihrer Fähigkeiten aufnimmt. Ich würde nicht sagen, dass jenes das charakteristische autistische Problem ist.

      Aber:Die NTs nutzen dann eben oft andere Möglichkeiten, um im Leben und der Gesellschaft verankert zu sein- Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Vereine, soziale Hobbies- und auf der Arbeit selbst nicht zuletzt das Verhältnis zu den Kollegen, was den drögen Job etwas erträglicher macht. Ein Gemeinschaftsgefühl, weswegen man dann trotzdem auch ein Stück weit gern zur Arbeit geht. Und für die all die Nebentätigkeiten und das soziale Agieren haben die oft Energien über, die den Autisten in aller Regel nicht zur Verfügung stehen.

      ASSler haben oft eigentlich nur den Arbeitsmarkt, um sich Lebenschancen zu erarbeiten, und deswegen ist ein Scheitern dort für sie wohl bitterer. Deswegen ist die Integration in (gute) Arbeit bei Autismus besonders wichtig, ein so brisantes Thema. Da könnte man unter Gerechtigkeitsaspekten auch argumentieren, dass gerade bei diesem Personenkreis Arbeit so wichtig ist, weil sie andernfalls viel mehr als andere Gruppen davon bedroht sind, in die soziale Isolation zu geraten.