Autismus und Promovieren/Promotion

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    • Autismus und Promovieren/Promotion

      Hallo zusammen,

      in verschiedenen Threads kam ja schonmal das Thema Studium/Promotion auf. Da ich mich nun am Anfang meiner Promotion befinde, dachte ich, ich mache jetzt mal einen Thread dazu auf, um evtl. Gleichgesinnte zu treffen. Promoviert noch jemand von euch oder ist etwa schon fertig? Was sind eure Erfahrungen? Hat jemand spezielle Ratschläge? Ich weiß, dass die Situation ganz unterschiedlich sein kann und auch vom Fach, dem Verhältnis zur/zum Betreuer/in und der Finanzierung abhängt, aber ich dachte, ich frage trotzdem mal in die Runde.
      Zu mir - ich promoviere mit einem Stipendium in einem geisteswissenschaftlichen Fach und bin zusätzlich noch an der Uni angestellt.

      Viele Grüße,
      Lea
      "Being different isn't a bad thing. It means you're brave enough to be yourself."
    • Ich habe parallel zu Kindererziehung und Arbeitslosigkeit zwischen 2. Staatsexamen und Anstellung promoviert, einen Teil der Stoffsammlung aber schon zwischen 1. Staatsexamen und Beginn der Referendarzeit erledigt.
      Spezielle Ratschläge fallen mir nicht ein, jedenfalls nicht spontan.
    • Ich habe auch promoviert und nebenbei noch einen Master gemacht. Hm, Tipps, ich weiß nicht, so pauschal habe ich keine Tipps. Einfach schreiben und irgendwann einen Schlußpunkt setzen, wissend, dass man nicht alles beachtet, nicht alles einbezogen hat und auf irgendeiner Seite garantiert Kommafehler stehen. Die perfekte Dissertation gibt es nicht, die Erkenntnis kann sehr entlastend werden. Das Buch, das ich dann publiziert habe, habe ich nie wieder gelesen. Vielleicht gehört auch das dazu. Ich weiß es nicht, ich glaube, es gibt da keine pauschalen Ratschläge. Jeder arbeitet so, wie er arbeitet.
    • Hi Lea,

      kann dir nur raten, wenn du ne Doktorarbeit anfängst das dann auch bis zum Ende durchzuziehen. Mittendrin abbrechen ist keine gute Idee.

      Zu Geisteswissenschaftlichen Fächern kann ich auch nicht viel sagen, da ich in was Naturwissenschaftlichem promoviert habe.

      Mußt Du denn viel an der Uni sein dafür oder sitzt du eher in der Bibliothek oder Zuhause und arbeitest dich da selber voran ?
    • Ja, auf keinen Fall abbrechen. Wobei ich 1 x das Thema gewechselt habe und das war gut und richtig. Und so eine Entscheidung muss man dann auch treffen, auch wenn dann ein halbes Jahr verschenkt ist; man muss sie dann nur eben treffen und durchziehen. Mir hat es wirklich geholfen, nebenbei noch mal zu studieren. Ich hatte zwar auch ein Stipendium, aber mir hat es gefehlt, dass ich nicht mehr direkt in geisteswissenschaftliche Debatten eingebunden gewesen bin. Deswegen habe ich nebenbei noch einen Master gemacht. Aber wenn du im Lehrbetrieb stehst, kriegst du ja genug Debatte mit.
    • Ich habe in einem naturwissenschaftlichen Fach promoviert. Nach dem, was ich von Bekannten und Freunden meines Mannes mitbekommen habe, lässt sich das nur schwer mit einer Promotion im geisteswissenschaftlichen Bereich vergleichen. Aber mal ein paar Worte zum Thema "auf keinen Fall abbrechen":

      Ich würde mir nicht so einen Druck aufbauen. Mein Vater hat seine Promotion damals abgebrochen und ist Lehrer geworden. Geht auch. Für mich persönlich war abbrechen keine Option, denn ich bin einfach extrem starrsinnig. Starrsinniger, als es mir gut tut - wenn ich etwas mit Überzeugung angefangen habe, dann muss schon etwas Gewaltiges passieren, damit ich abbreche. Ich habe mich trotz miserabler Rahmenbedingungen (menschlicher Art - sprich: einige richtig miese Kollegen) durchgequält und mir in dieser Zeit langanhaltende Schäden an meiner psychischen Verfassung zugezogen, ohne dass ich mit dem Doktorgrad nun etwas anfangen könnte.

      Ich hoffe natürlich, dass deine Promotionszeit besser wird als meine, doch man sollte zusätzlich mitbedenken, dass man mit Promotion für viele Stellen außerhalb der Wissenschaft dann halt auch überqualifiziert ist. Auch wenn dein momentaner Plan lautet, in der Wissenschaft zu bleiben, so "schläft auch die Konkurrenz nicht", und man sollte versuchen, seine Chancen auch realistisch zu sehen. Wie es bei dir im Fachbereich aussieht, weiß ich natürlich nicht. Wenn der Chef einen unterstützt, sieht es mit den Chancen auch schon mal besser aus, als wenn man eher grad so geduldet wird, solange man das Budget nicht zu sehr belastet. Ob das Projekt gut läuft, macht natürlich enorm viel aus (wobei ich nicht weiß, wieviel Pech man da in den Geisteswissenschaften haben kann).

      Ich denke mir manchmal, ich hätte mich lieber aus dem laufenden Vertrag (bzw. Stipendium) heraus auf eine Stelle in der Industrie wegbewerben sollen. Ich glaube, mit der richtigen Begründung würde einem da auch keiner "einen Strick draus drehen", z.B.: Man habe festgestellt, der Wissenschaftsbetrieb sei doch nix für einen, man möchte lieber <füge ein: eine anbiedernde, aber nicht zu anbiedernde Phrase, die das enorme Interesse an dem Unternehmen und der Stelle bekundet>. Begründen müsste man es nach Abschluss der Promotion ggf. auch, weshalb man diese vielversprechende (*hust*) wissenschaftliche Laufbahn verlässt, falls man nicht das Glück hat, im Wissenschaftsbetrieb "Fuß zu fassen".

      Damit will ich dir aber "um Himmels Willen" nicht das Promovieren ausreden. "Versuch macht klug" - und vielleicht klappt es ja sogar mit der weiteren wissenschaftlichen Laufbahn, falls du diese überhaupt anstrebst. Ich würde es nur nicht als alternativlos sehen, es unter allen Umständen bis zum Ende durchzuziehen, denn es gibt ja schon Alternativen. Das bringt mich zum einzigen Punkt, der sich aus meinen Erfahrungen evt. übertragen lässt:

      Bei mir am Institut gab es Vortragsreihen zu "career pathways", in denen an persönlichen Beispielen verschiedene Möglichkeiten präsentiert wurden, nach dem Abschluss einen Berufseinstieg zu finden abseits des typischen Postdoc-und-dann-vielleicht-irgendwann-Gruppenleiter-oder-man-kann-froh-sein-wenn-man wenigstens-prekär-beschäftigt-wird-Karrierewegs. Solche Veranstaltungen würde ich auf jeden Fall "mitnehmen", um entsprechende Ideen zu bekommen. Wenn man nicht so stark in den "Flurfunk" eingebunden ist, kriegt man so etwas anderweitig auch kaum mit, finde ich. Ich war leider abends schon oft zu erschöpft dafür bzw. familiär eingespannt. Es wäre wahrscheinlich gut gewesen, hätte ich mir dafür mehr "Zeit freischaufeln" können, aber ich war schon mit dem Überleben ausgelastet.

      Und vielleicht noch ein Gedanke, falls es bei dir in der Arbeitsgruppe auch anfangen sollte im zwischenmenschlichen Bereich zu "knirschen": In diesem Thread hatte jemand überlegt, sich gegenüber der Doktormutter zu outen. Könnte unter Umständen auch eine Überlegung wert sein.
      Alle Menschen sind Ausländer – fast überall.
      Alle Rassisten sind Arschlöcher – überall.

      The post was edited 3 times, last by Turtle ().

    • Turtle wrote:

      Ich würde mir nicht so einen Druck aufbauen. Mein Vater hat seine Promotion damals abgebrochen und ist Lehrer geworden. Geht auch. Für mich persönlich war abbrechen keine Option, denn ich bin einfach extrem starrsinnig. Starrsinniger, als es mir gut tut - wenn ich etwas mit Überzeugung angefangen habe, dann muss schon etwas Gewaltiges passieren, damit ich abbreche.
      Bei mir ebenfalls. Leider neige ich aber gerade in problematischen Situationen auch zu extremer Prokrastination bzw. zu Blockaden bis zur Handlungsunfähigkeit, so dass sich wichtige Dinge bei mir teilweise schon von selbst "totgelaufen" haben.

      Turtle wrote:

      Ich hoffe natürlich, dass deine Promotionszeit besser wird als meine, doch man sollte zusätzlich mitbedenken, dass man mit Promotion für viele Stellen außerhalb der Wissenschaft dann halt auch überqualifiziert ist. Auch wenn dein momentaner Plan lautet, in der Wissenschaft zu bleiben, so "schläft auch die Konkurrenz nicht", und man sollte versuchen, seine Chancen auch realistisch zu sehen. Wie es bei dir im Fachbereich aussieht, weiß ich natürlich nicht. Wenn der Chef einen unterstützt, sieht es mit den Chancen auch schon mal besser aus, als wenn man eher grad so geduldet wird, solange man das Budget nicht zu sehr belastet. Ob das Projekt gut läuft, macht natürlich enorm viel aus (wobei ich nicht weiß, wieviel Pech man da in den Geisteswissenschaften haben kann).
      Auch hier kann ich mich voll anschließen. Ich habe in einem geisteswissenschaftlichen Fach promoviert, und da sind Methoden und Arbeitsweise zwar anders als in den Naturwissenschaften, dennoch kann auch ein geisteswissenschaftliches Projekt gut oder "schief" laufen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Es kann durchaus passieren, dass man dann am Ende zwar den Titel hat, damit aber nichts anfangen kann. Und absolut, in der Wissenschaft zu bleiben ist alles andere als einfach (und damit meine ich jetzt nicht allein die fachliche Seite) und in vieler Hinsicht auch von Glück, guten Verbindungen und guten Fähigkeiten zur Selbstinszenierung und geschickten Positionierung abhängig. Die Konkurrenz ist sehr groß, und unter Umständen trifft man auf eine "Schlangengrube". Meiner Erfahrung nach ist ein Doktorvater bzw. eine Doktormutter, der/ die einen unterstützt und fördert sowie gleichzeitig selbst im Fach sehr gut angesehen ist und über gute Netzwerke verfügt, unverzichtbar, um überhaupt eine Chance zu haben. Man muss ihm oder ihr auch "präsent" sein, wenn man gerade nicht im Raum ist, so dass man Kollegen gegenüber erwähnt oder passende Möglichkeiten an einen weitergeleitet werden. Auch nach Abschluss der Promotion.

      Turtle wrote:

      Bei mir am Institut gab es Vortragsreihen zu "career pathways", in denen an persönlichen Beispielen verschiedene Möglichkeiten präsentiert wurden, nach dem Abschluss einen Berufseinstieg zu finden abseits des typischen Postdoc-und-dann-vielleicht-irgendwann-Gruppenleiter-oder-man-kann-froh-sein-wenn-man wenigstens-prekär-beschäftigt-wird-Karrierewegs. Solche Veranstaltungen würde ich auf jeden Fall "mitnehmen", um entsprechende Ideen zu bekommen. Wenn man nicht so stark in den "Flurfunk" eingebunden ist, kriegt man so etwas anderweitig auch kaum mit, finde ich.
      Absolut. Und wenn, erfährt man es nicht selten zu spät. Was alternative Karrieren angeht, muss ich gestehen, dass ich das ganze viel zu lange viel zu sehr verdrängt hatte. Ich kann auch nur empfehlen, sich dem zu stellen und sich umzuschauen, was für einen sonst noch passen könnte. Denn wenn nach der Promotion erst einige Zeit vergangen ist, wird es immer schwieriger. Und auch das eigene Selbstwertgefühl sinkt dann schnell erheblich.

      Turtle wrote:

      Und vielleicht noch ein Gedanke, falls es bei dir in der Arbeitsgruppe auch anfangen sollte im zwischenmenschlichen Bereich zu "knirschen": In diesem Thread hatte jemand überlegt, sich gegenüber der Doktormutter zu outen. Könnte unter Umständen auch eine Überlegung wert sein.
      Ich wusste zu dem Zeitpunkt leider noch nichts von meinem Autismus. Heute würde ich empfehlen, die Entscheidung davon abhängig zu machen, wie man zurecht kommt. Wenn eigentlich alles gut läuft, man im Fachbereich, bei Kollegen etc. gut angesehen und eingebunden ist und das eigene Projekt gut voran kommt, würde ich eher kein Outing empfehlen. Dann könnte man sich damit eventuell unnötigerweise Schwierigkeiten machen und "Türen verschließen". Wenn man jedoch ohnehin eher auffällig ist und es auch immer wieder zu Problemen kommt (etwa aufgrund von "unüblichen" Reaktionen) ist ein Outing, denke ich, auf jeden Fall der bessere Weg. Dann hat man nicht viel zu verlieren, selbst wenn man die Promotion eventuell auch ohne abschließen könnte. Für mich selbst wäre ein offener Umgang damit (hätte ich damals davon gewusst) sicher besser gewesen und hätte mir helfen können, so manche Missverständnisse zu vermeiden.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      The post was edited 1 time, last by Leonora ().

    • Hallo zusammen,

      ups -- ich hatte den Thread hier ganz vergessen und habe erst jetzt wieder hineingeschaut. Danke erstmal für die vielen Antworten! :thumbup:

      Zweiradfahrer wrote:

      Hi Lea,

      kann dir nur raten, wenn du ne Doktorarbeit anfängst das dann auch bis zum Ende durchzuziehen. Mittendrin abbrechen ist keine gute Idee.

      Zu Geisteswissenschaftlichen Fächern kann ich auch nicht viel sagen, da ich in was Naturwissenschaftlichem promoviert habe.

      Mußt Du denn viel an der Uni sein dafür oder sitzt du eher in der Bibliothek oder Zuhause und arbeitest dich da selber voran ?
      Das mit dem auf keinen Fall Abbrechen habe ich auch schon von sehr vielen Seiten gehört. Ich möchte auch gar nicht abbrechen, ich mag mein (Nischen-)Thema und habe richtig Lust drauf. :)

      Das Verhältnis Uni und Zuhause ist bei mir etwa 50:50. Durch die Stelle bin ich sowieso noch an die Uni gebunden, was ich auch gar nicht schlecht finde. So ganz allein fände ich es nicht gut. Aber im wesentlichen arbeite ich mich selbst voran, habe allerdings diverse Fristen durch Konferenzen, Publikationen und Präsentationen im Kolloquium.

      Turtle wrote:

      Bei mir am Institut gab es Vortragsreihen zu "career pathways", in denen an persönlichen Beispielen verschiedene Möglichkeiten präsentiert wurden, nach dem Abschluss einen Berufseinstieg zu finden abseits des typischen Postdoc-und-dann-vielleicht-irgendwann-Gruppenleiter-oder-man-kann-froh-sein-wenn-man wenigstens-prekär-beschäftigt-wird-Karrierewegs. Solche Veranstaltungen würde ich auf jeden Fall "mitnehmen", um entsprechende Ideen zu bekommen. Wenn man nicht so stark in den "Flurfunk" eingebunden ist, kriegt man so etwas anderweitig auch kaum mit, finde ich. Ich war leider abends schon oft zu erschöpft dafür bzw. familiär eingespannt. Es wäre wahrscheinlich gut gewesen, hätte ich mir dafür mehr "Zeit freischaufeln" können, aber ich war schon mit dem Überleben ausgelastet.

      Und vielleicht noch ein Gedanke, falls es bei dir in der Arbeitsgruppe auch anfangen sollte im zwischenmenschlichen Bereich zu "knirschen": In diesem Thread hatte jemand überlegt, sich gegenüber der Doktormutter zu outen. Könnte unter Umständen auch eine Überlegung wert sein.
      Danke für deine aufbauenden Worte! Vorträge zu anderen career pathways/Wege abseits der Wissenschaft werden bei uns auch angeboten. Es gibt sogar ein Netzwerk zum Wissenschaftsmanagement, bei dem man mitmachen und Zertifikate erwerben kann. Das ist allerdings ein Gebiet, in dem ich mich gar nicht sehe. :roll: Ich wäre allein mit diesem Netzwerk total überfordert, sowohl sozial wie auch arbeitstechnisch (ich bin schon ziemlich gut ausgelastet).

      Danke auch für den Link! Das mit dem Outen ist auch so eine Sache. Meine Doktormutter ist sehr verständnisvoll aber ich habe mich schon als behindert outen müssen, da ich eine nicht einstellbare Epilepsie habe und habe da teilweise sehr ablehnende, ausgrenzende und auch verletzende Reaktionen von meinen Kollegen erfahren. Ich hatte auch schon Anfälle in der Uni und damit können nicht immer alle Kollegen gut umgehen .... Von daher bin ich da noch echt am überlegen. Es wäre schon gut (ich habe ziemliche Kommunikationsprobleme...), aber ich habe einfach Angst, dann meine Stelle zu verlieren oder noch mehr als Freak zu gelten. :cry: :cry:

      Was die Konkurrenz angeht: das weiß ich bzw. erfahre ich auch. Aber ich habe ein ziemliches Nischen-Thema in einem Gebiet, das noch nicht erforscht ist, von daher erhoffe ich mir dadurch einfach weiteres bzw. würde gern in meinem Gebiet bleiben und forschen. Und für die nächsten drei Jahre bin ich noch abgesichert (ja, ich weiß, die Zeit vergeht schnell), da will (und muss) ich erstmal schauen, wie sich das entwickelt.

      Leonora wrote:

      Auch hier kann ich mich voll anschließen. Ich habe in einem geisteswissenschaftlichen Fach promoviert, und da sind Methoden und Arbeitsweise zwar anders als in den Naturwissenschaften, dennoch kann auch ein geisteswissenschaftliches Projekt gut oder "schief" laufen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Es kann durchaus passieren, dass man dann am Ende zwar den Titel hat, damit aber nichts anfangen kann. Und absolut, in der Wissenschaft zu bleiben ist alles andere als einfach (und damit meine ich jetzt nicht allein die fachliche Seite) und in vieler Hinsicht auch von Glück, guten Verbindungen und guten Fähigkeiten zur Selbstinszenierung und geschickten Positionierung abhängig. Die Konkurrenz ist sehr groß, und unter Umständen trifft man auf eine "Schlangengrube". Meiner Erfahrung nach ist ein Doktorvater bzw. eine Doktormutter, der/ die einen unterstützt und fördert sowie gleichzeitig selbst im Fach sehr gut angesehen ist und über gute Netzwerke verfügt, unverzichtbar, um überhaupt eine Chance zu haben. Man muss ihm oder ihr auch "präsent" sein, wenn man gerade nicht im Raum ist, so dass man Kollegen gegenüber erwähnt oder passende Möglichkeiten an einen weitergeleitet werden. Auch nach Abschluss der Promotion.
      Das tut mir Leid mit der Handlungsblockade. :( Und das gehe ich bei mir auch, wenn auch nicht so extrem.
      Das mit der Schlangengrube stimmt definitiv. Ich weiß, dass es immer an verschiedenen Faktoren hängt, ob es gut oder schlecht läuft (sehe ich auch bei den Leuten, die bei uns am Lehrstuhl promovieren bzw. gerade dabei sind). Das ist schon frustrierend, dass man es selbst so wenig in der Hand hat. Manchmal habe ich das Gefühl, es geht beim Promovieren zu wie bei den Gladiatorspielen in Rom -- Daumen hoch oder runter. :roll: :x

      Das mit dem Outing werde ich mir mal durch den Kopf gehen lassen, habe aber wie gesagt echt vorbehalte... ich muss auch nicht in der Wissenschaft bleiben bzw. wie sich alles entwickeln wird, muss ich auch zum Großteil von meiner Gesundheit abhängig machen. Also mache ich erstmal einen Schritt nach dem anderen, dachte ich.
      "Being different isn't a bad thing. It means you're brave enough to be yourself."

      The post was edited 3 times, last by Lea_ ().

    • Lea_ wrote:

      Das mit dem auf keinen Fall Abbrechen habe ich auch schon von sehr vielen Seiten gehört. Ich möchte auch gar nicht abbrechen, ich mag mein (Nischen-)Thema und habe richtig Lust drauf.
      Ich denke, das ist die beste Voraussetzung. :)

      Lea_ wrote:

      Das Verhältnis Uni und Zuhause ist bei mir etwa 50:50. Durch die Stelle bin ich sowieso noch an die Uni gebunden, was ich auch gar nicht schlecht finde. So ganz allein fände ich es nicht gut. Aber im wesentlichen arbeite ich mich selbst voran, habe allerdings diverse Fristen durch Konferenzen, Publikationen und Präsentationen im Kolloquium.
      Klingt ideal. Eine solche Kombination wäre meiner Einschätzung nach perfekt für viele Autisten. Dauerhaft für ihre Arbeitssituation, nicht nur für die Promotion. Derartige "Nischen" gibt es allerdings außerhalb der Wissenschaft wohl kaum.

      Lea_ wrote:

      Danke für deine aufbauenden Worte! Vorträge zu anderen career pathways/Wege abseits der Wissenschaft werden bei uns auch angeboten. Es gibt sogar ein Netzwerk zum Wissenschaftsmanagement, bei dem man mitmachen und Zertifikate erwerben kann. Das ist allerdings ein Gebiet, in dem ich mich gar nicht sehe.
      Das kann ich gut verstehen. Für mich wäre das ebenfalls nichts gewesen, obwohl ich den Bereich für Menschen mit akademischem Hintergrund grundsätzlich attraktiv finde. Man kann im universitären Umfeld bleiben, vielleicht sogar noch einen gewissen "Link" zur Forschung behalten, und hat gleichzeitig zumeist einen sicheren, einigermaßen gut bezahlten und dabei auch anspruchsvollen und interessanten Job, in dem man sich in anderer Weise für die Universität und die Wissenschaft generell einsetzen kann. Für viele Autisten ist das meiner Einschätzung nach allerdings nur eingeschränkt geeignet, da es wohl sehr gute Kommunikations- und Netzwerkfähigkeiten, Multitasking etc. voraussetzt. Oft ist man da wohl auch "Puffer" zwischen der Wissenschaft und außeruniversitären Einrichtungen wie Behörden, "der Wirtschaft" u. ä., aber intern an der Uni vielleicht auch zwischen dem wissenschaftlichen und dem nichtwissenschaftlichen Personal. Stelle ich mir nicht einfach vor.

      Lea_ wrote:

      Das mit der Schlangengrube stimmt definitiv. Ich weiß, dass es immer an verschiedenen Faktoren hängt, ob es gut oder schlecht läuft (sehe ich auch bei den Leuten, die bei uns am Lehrstuhl promovieren bzw. gerade dabei sind). Das ist schon frustrierend, dass man es selbst so wenig in der Hand hat. Manchmal habe ich das Gefühl, es geht beim Promovieren zu wie bei den Gladiatorspielen in Rom -- Daumen hoch oder runter.
      Ja, da ist eine Menge dran.

      Lea_ wrote:

      ich muss auch nicht in der Wissenschaft bleiben bzw. wie sich alles entwickeln wird, muss ich auch zum Großteil von meiner Gesundheit abhängig machen. Also mache ich erstmal einen Schritt nach dem anderen, dachte ich.
      Klar. Aber es ist auf jeden Fall gut, sich nicht nur darauf zu "versteifen" und schon einmal über mögliche Alternativen nachzudenken. Gibt es denn Bereiche, die Du Dir vorstellen kannst? Meinem Eindruck nach ist es gerade für autistische Geisteswissenschaftler nicht einfach, weil die typischen Felder außerhalb der Wissenschaft meist gerade große Netzwerk- und Kommunikationsfähigkeiten verlangen.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Nalc wrote:

      Ja, auf keinen Fall abbrechen. Wobei ich 1 x das Thema gewechselt habe und das war gut und richtig. Und so eine Entscheidung muss man dann auch treffen, auch wenn dann ein halbes Jahr verschenkt ist; man muss sie dann nur eben treffen und durchziehen.
      An dem Punkt habe ich leider aus heutiger Sicht viel falsch gemacht. Ich habe "durchgezogen", trotz Schwierigkeiten mit Doktorvater etc. Allerdings mit viel Prokrastination - und dann deutlich zu lange gebraucht. Besser wäre aus heutiger Sicht ein Wechsel des Themas und vielleicht auch der Uni gewesen. Aber nachher ist man immer schlauer.

      Nalc wrote:

      Ich hatte zwar auch ein Stipendium, aber mir hat es gefehlt, dass ich nicht mehr direkt in geisteswissenschaftliche Debatten eingebunden gewesen bin. Deswegen habe ich nebenbei noch einen Master gemacht.
      Neben der Promotion? Wow! Als Präsenzstudium oder berufsbegleitend? Und in Deinem Bereich, oder was ganz anderes, wenn ich fragen darf?
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      Neben der Promotion? Wow! Als Präsenzstudium oder berufsbegleitend? Und in Deinem Bereich, oder was ganz anderes, wenn ich fragen darf?
      Ja, neben der Promotion. Ich bin promovierte Geisteswissenschaftlerin und habe in einem anderen geisteswissenschaftlichen Fach noch einen Master gemacht. Das war auch nicht so ohne, vor allem, weil es ein sehr kleiner Studiengang war und man den Kommiliton*innen auch nicht aus dem Weg gehen konnte und alles irgendwie "sehr dicht" war, aber es hat sich für meine Promotion gelohnt, einfach wieder in geisteswissenschaftliche Debatten eingebunden zu sein. Meine Promotion hat dadurch nicht nur gewonnen, sie ist überhaupt erst so möglich gewesen. Das haben sowohl die Stipendiatsstiftung als auch mein Doktorvater am Anfang nicht glauben wollen, aber es ist aufgegangen.
    • Nalc wrote:

      Ja, neben der Promotion. Ich bin promovierte Geisteswissenschaftlerin und habe in einem anderen geisteswissenschaftlichen Fach noch einen Master gemacht. Das war auch nicht so ohne, vor allem, weil es ein sehr kleiner Studiengang war und man den Kommiliton*innen auch nicht aus dem Weg gehen konnte und alles irgendwie "sehr dicht" war, aber es hat sich für meine Promotion gelohnt, einfach wieder in geisteswissenschaftliche Debatten eingebunden zu sein. Meine Promotion hat dadurch nicht nur gewonnen, sie ist überhaupt erst so möglich gewesen. Das haben sowohl die Stipendiatsstiftung als auch mein Doktorvater am Anfang nicht glauben wollen, aber es ist aufgegangen.
      Das klingt wirklich bewundernswert und sehr gut. Abgesehen vom Time Management, das ich mir nicht einfach vorstelle, finde ich das übrigens total nachvollziehbar. Die intensive Beschäftigung mit einem anderen, aber verwandten Fach verändert und erweitert sicher den eigenen Blick. Und ich weiß, was für einen Unterschied es in den Geisteswissenschaften macht, Kontakte innerhalb der Wissenschaft zu haben und in aktuelle Debatten eingebunden zu sein.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:


      Das kann ich gut verstehen. Für mich wäre das ebenfalls nichts gewesen, obwohl ich den Bereich für Menschen mit akademischem Hintergrund grundsätzlich attraktiv finde. Man kann im universitären Umfeld bleiben, vielleicht sogar noch einen gewissen "Link" zur Forschung behalten, und hat gleichzeitig zumeist einen sicheren, einigermaßen gut bezahlten und dabei auch anspruchsvollen und interessanten Job, in dem man sich in anderer Weise für die Universität und die Wissenschaft generell einsetzen kann. Für viele Autisten ist das meiner Einschätzung nach allerdings nur eingeschränkt geeignet, da es wohl sehr gute Kommunikations- und Netzwerkfähigkeiten, Multitasking etc. voraussetzt. Oft ist man da wohl auch "Puffer" zwischen der Wissenschaft und außeruniversitären Einrichtungen wie Behörden, "der Wirtschaft" u. ä., aber intern an der Uni vielleicht auch zwischen dem wissenschaftlichen und dem nichtwissenschaftlichen Personal. Stelle ich mir nicht einfach vor.
      [...]
      Klar. Aber es ist auf jeden Fall gut, sich nicht nur darauf zu "versteifen" und schon einmal über mögliche Alternativen nachzudenken. Gibt es denn Bereiche, die Du Dir vorstellen kannst? Meinem Eindruck nach ist es gerade für autistische Geisteswissenschaftler nicht einfach, weil die typischen Felder außerhalb der Wissenschaft meist gerade große Netzwerk- und Kommunikationsfähigkeiten verlangen.
      Ja, das sehe ich auch so. Ich würde den Bereich nicht grundsätzlich ausschließen, je nach Umfeld und Arbeitskollegen. Das kann sich ja wie Tag und Nacht unterscheiden. Und dann die kommunikativen Ansprüche und Anforderungen, das stelle ich mir auch auf Dauer wirklich schwierig vor bzw. meckern da schon die nicht-autistischen Kollegen nur. :roll: Aber ich glaube, wenn die Tätigkeit passt und man einen verständnisvollen Vorgesetzten hat, könnte es auch klappen.

      Ob man allerdings über solche Netzwerkprogramme da reinkommt? Das weiß ich auch nicht. Meiner Erfahrung nach machen das viele für ihren Lebenslauf und dann ist der Konkurrenzkampf auch wieder da. Erzwungenes Netzwerken ist sowieso das schlimmste, finde ich.

      Und ja, das stimmt. Auf der anderen Seite kann ich das bislang noch -relativ- gut über die fachliche Ebene abdecken. Viele meiner Kontakte entstanden dadurch, dass es so ein Nischenthema und noch nicht erforscht ist. Was ich mir gut vorstellen könnte, ist nicht unbedingt an einen Lehrstuhl angebunden zu sein, aber in einer Research Unit o.ä. zu arbeiten. Oder eben im administrativen Bereich. Aber ich hoffe ehrlich gesagt erst mal, meine Diss anfangen und beenden zu können, ohne dass mir meine Epi dauernd dazwischenfunkt und ich mehr im Krankenhaus wie an der Uni bin...

      Nalc wrote:

      Leonora wrote:

      Neben der Promotion? Wow! Als Präsenzstudium oder berufsbegleitend? Und in Deinem Bereich, oder was ganz anderes, wenn ich fragen darf?
      Ja, neben der Promotion. Ich bin promovierte Geisteswissenschaftlerin und habe in einem anderen geisteswissenschaftlichen Fach noch einen Master gemacht. Das war auch nicht so ohne, vor allem, weil es ein sehr kleiner Studiengang war und man den Kommiliton*innen auch nicht aus dem Weg gehen konnte und alles irgendwie "sehr dicht" war, aber es hat sich für meine Promotion gelohnt, einfach wieder in geisteswissenschaftliche Debatten eingebunden zu sein. Meine Promotion hat dadurch nicht nur gewonnen, sie ist überhaupt erst so möglich gewesen. Das haben sowohl die Stipendiatsstiftung als auch mein Doktorvater am Anfang nicht glauben wollen, aber es ist aufgegangen.
      Wow! Das ist echt bewundernswert.
      "Being different isn't a bad thing. It means you're brave enough to be yourself."
    • Wow, dass mein Thema noh existiert! Ich war sehr lange nicht aktiv hier. Ich habe meine Diss nicht abgeschlossen, arbeite trotzdem in einem verwandten Gebiet an einer Universität und bin sehr glücklich damit (und meiner unbefristeten Stelle). :) Die Diss nicht abzuschließen war die beste Entscheidung bislang. Das "Haifischbecken" Forschung vermisse ich nicht.
      "Being different isn't a bad thing. It means you're brave enough to be yourself."
    • Surprised wrote:

      Innerhalb dieser Veranstaltung ist ein Workshop zu "Promovieren mit Beeinträchtigung" geplant: Microsoft Word - Einladung und Programm Promoseminar 2021 (gew.de)
      Das klingt echt vielversprechend - vielen Dank für den Tipp. :) Besonders sympathisch finde ich, dass es explizit auch um Menschen mit Beeinträchtigungen wie um Menschen, die erst im späteren Alter promovieren, geht. Das sind Themen, die noch vor einigen Jahren nicht vorgekommen wären. Vielleicht ändert sich allmählich ja doch etwas.

      Lea_ wrote:

      Ich habe meine Diss nicht abgeschlossen, arbeite trotzdem in einem verwandten Gebiet an einer Universität und bin sehr glücklich damit (und meiner unbefristeten Stelle). Die Diss nicht abzuschließen war die beste Entscheidung bislang. Das "Haifischbecken" Forschung vermisse ich nicht.
      Schön, dass Du Dich hier noch einmal meldest. :) Was Du über Deinen Job schreibst, klingt gut. Ob man seine Diss abschließt oder nicht, scheint meinem Eindruck nach in vielen Fällen ohnehin biographischer Zufall zu sein. Genauso wie die Frage, ob man etwas damit anfangen kann. Wenn Du magst, würde ich mich freuen, wenn Du mal von Deinem Job berichtest, und wie Du daran gekommen bist. Ich finde es immer spannend, wie solche "Nischen" aussehen.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      Wenn Du magst, würde ich mich freuen, wenn Du mal von Deinem Job berichtest, und wie Du daran gekommen bist. Ich finde es immer spannend, wie solche "Nischen" aussehen.
      :thumbup:

      Ich fände es auch interessant zu hören ob die Stelle im Rahmen von Maßnahmen zur Inklusion extra für dich geschaffen wurde oder ob du sie ohne "Behindertenstatus" erlangt hast. Einfach weil mich interessiert wie viel Optionen es da aktuell an "Deutschlands Unis" gibt.
      Surprised by the joy of life.
    • Surprised wrote:

      Ich fände es auch interessant zu hören ob die Stelle im Rahmen von Maßnahmen zur Inklusion extra für dich geschaffen wurde oder ob du sie ohne "Behindertenstatus" erlangt hast. Einfach weil mich interessiert wie viel Optionen es da aktuell an "Deutschlands Unis" gibt.
      Dito. Was speziell zu Zwecken der Inklusion geschaffene Stellen an Unis angeht, gab es da ja das Projekt PROMI - Promotion inklusive. Ein Vertreter davon wird ja auch bei der Veranstaltung sprechen, die Du verlinkt hast. An anderer Stelle las ich, dass wohl ein Großteil der Teilnehmenden abgebrochen hätte, was ich schade finde.
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