ZDF Heute-Journal v. 9.6.17 - Kommentar Chefredakteur Dr. Peter Frey

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • ZDF Heute-Journal v. 9.6.17 - Kommentar Chefredakteur Dr. Peter Frey

      Heute Abend sprach der Chefredakteur des ZDF, Dr. Peter Frey den Kommentar zum Brexit bzw. der Wahlergebnisse im Vereinigten Königreich.

      Zitat Dr. Frey in seinem Kommentar im ZDF Heute Journal am 9.6.:

      "Theresa May hat die Wahl in Großbritannien katastrophal verloren. Das Vereinigte Königreich kreist in einer Art Polit-Autismus um sich selbst. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Überheblichkeit und Häme. Im Gegenteil."

      Ist sicher nicht primär auf Autismus bezogen aber das ist auch irgendwie nicht hilfreich und fördert möglicherweise die ohnehin verzerrten Vorstellungen über Autismus - gerade bei vielen, die keinen Kontakt bzw. Erfahrung mit dem Thema bzw. Menschen mit Autismus haben.

      Was denkt Ihr?
      Sohn mit HFA diagnostiziert ...und ich irgendwie ähnlich und doch anders...

      The post was edited 2 times, last by 70Quadrillionen ().

    • Es ist absolut Zeit für Häme :twisted: Da gehe ich nicht konform mit ihm.

      Und es tangiert mich ehrlich überhaupt nicht wenn jemand das Wort "Autismus" falsch benutzt. (Da finde ich "behindert" als Synonym für "dumm" viel schlimmer.)
      Wenn man sich jedesmal aufregen würde wenn irgendwo auf der Welt jemand ein Wort umgangssprachlich / falsch benutzt dann käme man aus dem Aufregen gar nicht mehr heraus. Das ist nicht gut fürs Herz.
      Also: Scheiß' drauf!
      Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe.
      Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.
    • Als Chefredakteur sollte der Herr Doktor seine Wortwahl für einen Fernsehbeitrag vorher gründlich überlegt haben.

      Vielleicht fragt ja mal jemand offiziell vom Verein Aspies e.V. beim ZDF nach, was Herr Dr. Frey mit dem Wort Polit-Autismus eigentlich meint und was er uns damit sagen will.

      Auf die Antwort wäre ich jedenfalls sehr gespannt. Und vielleicht wird das ZDF dadurch sensibilisiert, das Wort Autismus richtig zu verwenden.
    • Ginome wrote:

      Und es tangiert mich ehrlich überhaupt nicht wenn jemand das Wort "Autismus" falsch benutzt.
      Ich mache mir gerne einen Spass daraus.
      Vor ein paar Wochen hat ein Freiberufler mir und zwei Kollegen ein Konzept vorgestellt und an einer Stelle meinte er: "Ich habe da vielleicht eine autistische Sicht auf die Dinge".
      Einer meiner Kollegen, der von meinem Autismus weiss, schielte sofort zu mir rüber.
      Und ich habe gefragt: "Hmmm... Autistische Sicht, was genau meinen Sie damit?".
      Er eierte natürlich rum, weil er keine Ahnung hatte, auf welchem Minenfeld er gerade einen Stepptanz aufführte.
      Ich habe die Diskussion nach fünf Minuten mit dem Hinweis, solche Vergleiche zukünftig besser zu lassen, beendet und ihn aus der peinlichen Situation entlassen.
    • Ich finde die Formulierung unproblematisch. Das Wort Autismus existiert nun mal eben auch noch in dieser anderen Bedeutung im Sinne, dass sich jemand isoliert. Das ist Umgangssprache.
      Menschen sind auch nur Tiere. - Ich mag Tiere!
    • Autisten haben oft Schwierigkeiten mit Interaktionen in der Gruppe weil sie Signale anderer missdeuten oder selbst welche senden, die nicht verstanden werden. Sie bleiben zuweilen an Einzelheiten "hängen", die anderen unwesentlich erscheinen und scheinen mitunter in ihre Welt so vertieft zu sein, dass sie nicht mehr wahrnhemen, was um sie herum geschieht . Diese Eigenschaften überträgt Frey hier auf Großbritannien: Während der Brexit die überaus anspruchsvolle Neuordnung der Beziehungen des Vereinigten Königreiches zu einer sehr großen Zahl von Ländern verlangt, bleibe dieses zur Unzeit in innere Angelegenheiten vertieft.
      An der Aussage finde ich nichts Anstößiges.
      Achtung, eigene Sprache!

      The post was edited 1 time, last by Eurich Wolkengrob ().

    • Ginome wrote:

      Und es tangiert mich ehrlich überhaupt nicht wenn jemand das Wort "Autismus" falsch benutzt. (Da finde ich "behindert" als Synonym für "dumm" viel schlimmer.)
      Wenn man sich jedesmal aufregen würde wenn irgendwo auf der Welt jemand ein Wort umgangssprachlich / falsch benutzt dann käme man aus dem Aufregen gar nicht mehr heraus. Das ist nicht gut fürs Herz.
      Also: Scheiß' drauf!
      Volle Zustimmung!
    • So gesehen..ja.
      Wenn es abfällig zum Umgangsslang verkommt, nein.
      Wenn wie z.B.: du alter Asie ...du doofer Aspie ....in die Alltagssprache kommt, fände ich das kontraproduktiv.
      "Wie kann es sein, dass ein solch subjektives Element wie ein Beobachter (Mensch) die Wirklichkeit definiert?"
      (Schrödinger lässt grüßen :) )
      ‚Der häufigste Fehler liegt in der Annahme, dass die Grenzen unserer Wahrnehmung auch die Grenzen des Wahrzunehmenden sind.’
      C.W. Leadbeater

    • Man sollte sich darüber nicht aufregen und ich finde zaphs souveränes Verhalten, in der von ihm geschilderten Situation, sehr beeindruckend, aber mich regen Formulierungen wie "Polit-Autismus" und definitiv nicht autistische Menschen, die hinsichtlich ihrer Eigenheiten mit der Selbstbezeichnung "autistisch" kokettieren, doch jedes Mal sehr auf.

      Es ist sicherlich nicht im gleichen Maße abwertend gemeint, wie es in der Umgangssprache bei "schwul", "behindert", "Spast" und "Jude" der Fall ist, aber ich fühle mich jedes Mal extrem vor den Kopf gestoßen (RW), weil die unterstellte Selbstbezüglichkeit/Selbstverliebtheit (wie in "Polit-Autismus") mit meinem Denken und Tun überhaupt nichts gemein hat. Gleiches gilt für Arbeitskollegen, die mich erst mit meinem unfreiwilligen Dauersinglestatus (meiner Einsamkeit) necken, um dann ihre neurotische Zwanghaftigkeit als "autistisch" zu bezeichnen.

      Die Berichterstattung über Autismus scheint sich in den vergangenen Jahren schon verbessert zu haben, aber sie reproduziert weiterhin das Bild von den "netten, verschrobenen Außenseitern/Behinderten, die man halt zu tolerieren hat". Mit einer Aufklärung, die zur wirklichen Akzeptanz (sowohl Rücksichtnahme als auch Wertschätzung der jeweiligen Stärken) von Autismus führt, hat das nichts zu tun, die müsste nämlich unser gesellschaftliches Leben komplett in Frage stellen - wie krank (menschenfeindlich) dieses eigentlich ist. Diskriminierende Sprache formt und reproduziert eben auch praktisches Handeln.

      The post was edited 3 times, last by Sisyphos ().

    • Wikipedia wrote:

      Bleuler verstand unter Autismus „die Loslösung von der Wirklichkeit zusammen mit dem relativen oder absoluten Überwiegen des Binnenlebens.“
      Das trifft ja schon auf das UK zu, alleine dass überhaupt Neuwahlen angesetzt wurden zeigt das.
      Andererseits passt es natürlich nicht, da ein Autist das nicht willentlich macht, die Briten aber schon, zumindest die entscheidene Elite.
    • Das Wort Autismus wurde doch zuerst erfunden (von Bleuler) für einen Zustand bei der Schizophrenie. Erst 30 Jahre danach haben es Kanner und Asperger für ihre Entdeckungen verwendet. Und im Politik-Bereich verwendet man es glaube ich auch schon sehr lange. Umgangssprachlich natürlich auch. Da finde ich es schon "autistisch" (im Sinne von Selbstbezüglich, Egoistisch), dass man bestimmen will dass das Wort aber nur einem selbst "gehört", und niemand sonst es haben darf *g* Und auch diese Kleinlichkeit bei der "korrekten" Verwendung von Wörtern und auch das Hinweisen anderer Menschen auf deren "Fehler" ist irgendwie echt passend... :)
      Dazu kommt doch noch, so vor 30 Jahren oder so, da wären Leute wie wir hier in diesem Forum in vielen Fällen noch gar keine "Autisten" gewesen.
      Also Fazit: ich seh das nicht so eng.
      Und daran dass die politisch-Korrektisierung der Sprache in der Realität des tägl Miteinanders tatsächlich anhaltende positive Auswirkungen hat, glaube ich sowieso nicht. Das "menscheln" ändert sich doch nicht durch die Sprache.
      Außerdem hieß es schon, dass an mir diese "Selbstbezüglichkeit" nervt, und es hieß auch mal, ich wirke egoistisch. Das in sich gekehrt sein, das in eigener Welt leben und wenig auf die Außenwelt inkl Mitmenschen achten (können), sowieso. So unpassend find ich es also nicht, wie dieser Dr. Frey das Wort verwendet hat.
    • 70Quadrillionen wrote:

      Was denkt Ihr?
      Begriffe aus der Medizin haben ihren Platz im Alltag. Menschen sagen "Das ist doch schizophren, was du da sagst!" oder "Das ist doch Wahnsinn!". Aber ich denke, dass die allermeisten Menschen verstehen, dass diese Begriffe in diesem Kontext nicht im Sinne der Psychiatrie zu verstehen sind. Wenn es um Autismus geht, dann fängt die Welt für viele im Forum sicherlich bei Asperger und Kanner an, nur haben die selbst ein Wort benutzt (→ autistische Psychopathen, → frühkindlicher Autismus), dass bereits 30 Jahre im Umlauf war. Das wird meiner Meinung nach oft vergessen. Und dann findet man in manchen Wörterbüchern auch eindeutig eine Bedeutung, ohne dass die Diagnosen, die das Wort enthalten, damit gemeint sind. Das müsste man meiner Meinung nach auch berücksichtigen, dass "autistisch" auch als selbstisch, in sich gekehrt, ohne Kontakt zu anderen zu verstehen ist und bei der Verwendung nicht der Autismus gemeint ist, der hier besprochen wird. Wäre man genau müsste man sich eigentlich auch an den Wortschöpfer orientieren. Denn Bleuler hat diese Wortkreation erschaffen um ein isolierendes Verhalten bei der Schizophrenie zu beschreiben.

      Das mit dem politischen Autismus ist eine sehr alte Sache und geht meines Wissens auf den Kalten Krieg zurück. Die Verwendung des Begriffs "Autismus" oder "autistisch" in der Politik ist üblich, offenbar sogar offiziell, mindestens seit den 60er Jahren und taucht sogar in Lexika der Politikwissenschaft auf.

      Autismus in Lexikon der Politikwissenschaft
      Autismus in Politikwissenschaft III - internationale Politik
      Autismus in Politikwissenschaft
      Autismus in Internationale Politik - Probleme und Grundbegriffe

      Man findet ziemlich viel dazu, vieles bei Google Books...

      Noch was aus den Ärzteblatt :d
      aerzteblatt.de/pdf.asp?id=107014

      Für mich ist das okay, weil ich mich einerseits zu keiner Zeit angesprochen fühlen würde, denn das Wort wird eindeutig in seiner direkten Bedeutung verwendet (und die ist älter als alle Diagnosen im ASS) und der politische Kontext ist hier doch eindeutig. Ich finde die heutige Zeit in gewisser Hinsicht furchtbar, dass man sich auf der Ebene der Kommunikation oft nur noch durch ein Minenfeld begibt. Im aktuellen Fall wäre es dann vermutlich wieder so, dass ein Frey öffentlich äußern "müsste", dass er niemanden diskriminieren wollte und blablabla. Die Formulierung ist imo unbedenklich. Es kam ja öfters vor, dass der Begriff "autistisch" oder "Autismus" verwendet wurde. Ich weiß nicht was die Aspies da erwartet haben, vermutlich eine "neurotypische Entschuldigung" oder ein künftiger Verzicht. Für mich liegt der Fehler aber eher bei den Leuten, die die 30 Jahre vor Kanner und Asperger ausblenden und nicht berücksichtigen, dass "autistisch" z. B. in manchen Wörterbüchern aufgeführt ist und dort steht selbstisch, in sich gekehrt, ohne Außenkontakt als Bedeutung. Heutzutage wird autistisch und Autismus vermutlich überwiegend im psychiatrische Sinne als tiefgreifende Entwicklungsstörung verstanden, aber das muss nicht unbedingt bedeuten, dass die Verwendung jenseits dieser F84er-Diagnosen damit abgelöst ist.

      autistisch-undiszipliniertes Denken
      In letters of gold on a snow white kite I will write "I love you"
      And send it soaring high above you for all to read
    • Ich denke, Großbritannien ist gerade dabei, einen eigenen Planeten zu gründen. Einen falschen Planeten. Also irgendwie passt der Vergleich doch bestens.
      Die britischen Politiker erleben gerade, was mir und sicherlich auch Anderen hier täglich passiert: Man stellt sich vor, wie etwas funktionieren kann, aber die doofen Mitmenschen machen lieber ihr eigenes, unlogisches Ding und fallen auf Betrüger herein, die das Blaue vom Himmel versprechen.

      Man könnte sicherlich den Autor mal fragen, wie genau er die Formulierung "Polit-Autismus" denn überhaupt gemeint hat, bevor man sich Gedanken macht, ob sie falsch ist oder nicht.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
    • in meiner nächtelangen autismus blog- und forenrecherche begegnete mir das öfters, dass der begriff missbräuchlich metaphorisch verwendet wird. es verhält sich übrigens ähnlich mit dem begriff 'panikattacke'. völlig normale NT verwenden das neben dem begriff burnout in jedem zweiten satz. leidet aber wer tatsächlich drunter, und kennen sie überhaupt die definition der PA, dann schauen sie betroffene an, als wären sie vom mond, dann fangen sie an zu dissen. soviel zur empathie der metapher-affinen NT's.
    • @Hyperakusis
      Hinsichtlich Herkunft und ursprünglicher Bedeutung möchte ich deine Ausführungen gar nicht bestreiten, wenn aber heute öffentlich von autistisch/Autismus die Rede ist, dürften die meisten Menschen das schon mit dem Autismus-Spektrum assoziieren. Darauf wollte ich mit meinem Alltagsbeispiel hinaus und so hatte ich auch zaphs Erlebnis verstanden. Und diese sehr enge Auffassung von Autismus(-Spektrum) im Wortsinn, wie sie sich auch im "politischen Autismus" wiederfindet, halte ich eben für sehr nachteilig, was das Verständnis des Spektrums angeht.
      Jetzt, wo es eine definierte und zunehmend sichtbare gesellschaftliche Minderheit Autismus-Spektrum gibt, steht der bisherige Sprachgebrauch eben in einem anderen Kontext. An das Wort Bundeskanzlerin haben sich die meisten ja auch gewöhnt, das ist sogar deutlich jünger als die Arbeiten von Kanner und Asperger.
    • Sisyphos wrote:

      Hinsichtlich Herkunft und ursprünglicher Bedeutung möchte ich deine Ausführungen gar nicht bestreiten, wenn aber heute öffentlich von autistisch/Autismus die Rede ist, dürften die meisten Menschen das schon mit dem Autismus-Spektrum assoziieren.
      Ich glaube, dass die allermeisten Menschen sich überhaupt nicht für Autismus interessieren und sich gar nicht so viele Gedanken machen. Ich glaube, dass die allermeisten Menschen noch nie was von diesem Spektrum gehört haben. Wenn Menschen überhaupt eine grobe Vorstellung von Autismus haben, dann vermutlich eine solche, die dem Begriff "Autismus" auch gerecht wird. Also wirklich Menschen, die keinen Kontakt zur Umwelt haben bzw. aufnehmen können. Schwerstfälle. Ich denke, dass manche "autistisch" aber auch als Wort kennen, um eine Insichgekehrtheit zu beschreiben. Wenn dann im TV von Polit-Autismus die Rede ist, dann denke ich, dass das die allermeisten Menschen in dem Kontext verstehen und natürlich ähnlich wie bei "Wahnsinn" etc. nicht an Psychiatrie denken.

      Sisyphos wrote:

      Und diese sehr enge Auffassung von Autismus(-Spektrum) im Wortsinn, wie sie sich auch im "politischen Autismus" wiederfindet, halte ich eben für sehr nachteilig, was das Verständnis des Spektrums angeht.
      Inwiefern sehr nachteilig? Woran denkst du dabei?



      Sisyphos wrote:

      Jetzt, wo es eine definierte und zunehmend sichtbare gesellschaftliche Minderheit Autismus-Spektrum gibt, steht der bisherige Sprachgebrauch eben in einem anderen Kontext.
      Aber was soll geschehen?
      Ich denke, dass "autistisch" auch weiterhin selbst im Bereich der Medizin verwendet werden wird, ohne dass es dabei ums ASS geht.

      Zwei Beispiele:

      Depressiver Stupor

      Er ist das Ergebnis extremster Antriebshemmung bei Menschen mit einer schweren Depression. Die Betroffenen wirken resigniert und weniger autistisch wie bei der katatonen Form. Trotz der starken Antriebshemmung besteht Suizidgefahr, was eine Überwachung des Patienten erforderlich macht.
      netdoktor.de/symptome/stupor/

      Um diesen frühesten Modus des vorwiegend sensorischen Erlebens zu beschreiben, führt Ogden das Konzept der autistisch-berührenden Position ein. Darunter versteht er einen sensorisch dominierten, vorsymbolischen Erlebnisbereich, in dem die primitivste Form von Bedeutung auf der Grundlage von Sinneseindrücken, besonders an der Hautoberfläche erzeugt wird.
      amazon.de/Fr%C3%BChe-Formen-Er…homas-Ogden/dp/3211826793

      Selbst ein Psychiater erzählte mal, dass viele Menschen autistische Verhaltensweisen an den Tag legen, ohne dass sie mit der Diagnose was zu tun haben. Ich denke da muss man unterscheiden.
      In letters of gold on a snow white kite I will write "I love you"
      And send it soaring high above you for all to read
    • Medial und auch in meinem persönlichen Umfeld wird Autismus schon häufiger erwähnt, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war. Aber gesamtgesellschaftlich kann ich das natürlich nicht nachweisen.

      Hyperakusis wrote:

      Inwiefern sehr nachteilig? Woran denkst du dabei?
      Autistisch im Wortsinn oder ein ausschließlich medizinischer Blick auf Autisten, der notwendig die Abweichung zur Norm/Defizite fokussiert, unterschlägt, meiner Meinung nach, die Vielfalt im Spektrum (autistischer Charaktere und Lebensentwürfe). Mit der Folge, dass es immer noch viele (zu) spät oder nicht Diagnostizierte sowie trotz Diagnose un-/missverstandene Autisten gibt.
      Mag sein, dass das meine sehr persönliche Sicht ist, die wiederum nur auf einen kleinen Teil des Spektrums zutrifft, aber abgesehen davon, dass ich schon mehr Zeit für mich allein brauche und auch nur begrenzte Kapazitäten für soziale Interaktion besitze, ist meine relative Isoliertheit nicht frei gewählt oder gar ein Bedürfnis.

      Hyperakusis wrote:

      Aber was soll geschehen?
      Ich denke, dass "autistisch" auch weiterhin selbst im Bereich der Medizin verwendet werden wird, ohne dass es dabei ums ASS geht.
      Womit ich gar kein Problem habe. Im medizinischen Kontext ist das ideengeschichtlich zu erklären und gleichermaßen auch abgrenzbar.

      Im öffentlichen Diskurs lege ich tatsächlich einen anderen Maßstab an, da dieser, zumindest dem Ideal nach, einen universellen Anspruch besitzt. Ich unterstelle dem Herrn Frey und den vielen Anderen, die diese Begrifflichkeit nutzen, keine böse Absicht, vielmehr eine fehlende Sensibilität hinsichtlich des Bildes, das im "Polit-Autismus" mitschwingt und, wie ich meine, auch ein falsches (unzureichendes) Bild des autistischen Teiles der angesprochenen Öffentlichkeit zeichnet.

      Meinerseits soll es das gewesen sein, ich gehe jetzt in die Sonne (RW). ;)

      The post was edited 1 time, last by Sisyphos ().

    • Sisyphos wrote:

      Autistisch im Wortsinn oder ein ausschließlich medizinischer Blick auf Autisten, der notwendig die Abweichung zur Norm/Defizite fokussiert, unterschlägt, meiner Meinung nach, die Vielfalt im Spektrum (autistischer Charaktere und Lebensentwürfe). Mit der Folge, dass es immer noch viele (zu) spät oder nicht Diagnostizierte sowie trotz Diagnose un-/missverstandene Autisten gibt.
      Mag sein, dass das meine sehr persönliche Sicht ist, die wiederum nur auf einen kleinen Teil des Spektrums zutrifft, aber abgesehen davon, dass ich schon mehr Zeit für mich allein brauche und auch nur begrenzte Kapazitäten für soziale Interaktion besitze, ist meine relative Isoliertheit nicht frei gewählt oder gar ein Bedürfnis.
      Was ich nicht verstanden habe bzw. was ich meinte ist, inwiefern die Verwendung, wie durch diesen Frey, sich nachteilig auswirkt?

      Ich glaube, wenn es in der Gesellschaft überhaupt eine Vorstellung von Autismus gibt, dass diese sehr heftig sein wird. Heftig im Sinne von einer sehr schweren Störung. An Leute wie in diesem Forum, werden vermutlich die wenigsten Leute denken und sie würden meist wohl so reagieren wie nicht wenige hier selbst einst reagiert haben "Autismus? Häh? Ich?". Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass es irgendeinen Einfluss hat, wenn jemand wie Frey dieses Wort zum Einsatz bringt. Ich würde vielleicht sogar eher sagen, dass manch einer online nach "Autismus" googelt und sich dadurch sogar ein bisschen weiterbildet. :d


      Sisyphos wrote:

      Womit ich gar kein Problem habe. Im medizinischen Kontext ist das ideengeschichtlich zu erklären und gleichermaßen auch abgrenzbar.
      Ich finde gerade im medizinischen Kontext kann es zunächst zur Verwirrung kommen. Wenn ich bei Springer z. B. "autistisch-stuporöse Zustände" als Suchergebnis finde, dann bin ich mir nicht sicher, ob es was mit Autismus zu tun hat. Denn das tummelt sich zwischen vielen Ergebnissen, die wirklich was mit Autismus zu tun haben. In diesem Fall hat es aber nichts mit Autismus zu tun.



      Sisyphos wrote:

      Im öffentlichen Diskurs lege ich tatsächlich einen anderen Maßstab an, da dieser, zumindest dem Ideal nach, einen universellen Anspruch besitzt. Ich unterstelle dem Herrn Frey und den vielen Anderen, die diese Begrifflichkeit nutzen, keine böse Absicht, vielmehr eine fehlende Sensibilität hinsichtlich des Bildes, das im "Polit-Autismus" mitschwingt und, wie ich meine, auch ein falsches (unzureichendes) Bild des autistischen Teiles der angesprochenen Öffentlichkeit zeichnet.

      Meinerseits soll es das gewesen sein, ich gehe jetzt in die Sonne (RW).
      ;)

      Ä ä ä ä - so leicht kommst du hier nicht raus. Erst eine Diskussion ankurbeln und dann Sonne tanken gehen, um Vitamin D3 zu synthetisieren - so geht das aber nicht. :-p
      (Spaß) :lol:

      Du sprichst was interessantes an, denn du schreibst von fehlender Sensibilität. Ich würde eher sagen, dass man in AS-Kreisen häufig zu sensibel ist, wenn es um solche Dinge geht. Es hängt möglicherweise auch mit der AS-bedingten Selbstbezogenheit zusammen, vielleicht auch mit schlechten Erfahrungen, dass viele sich da so angegriffen oder gar diskriminiert fühlen, wenn so jemand wie Frey das Wort verwendet. Ich denke, dass dieser Frey auch weiß, dass es Autismus, genauso wie Wahnsinn, in der Psychiatrie gibt, aber wie gesagt er meint nicht die berühmten Diagnosen, sondern eine Insichgekehrtheit, wie man es als Beschreibung in manchen Wörterbüchern als weitere Bedeutung findet.

      wissen.de/fremdwort/autismus
      wissen.de/lexikon/autismus
      In letters of gold on a snow white kite I will write "I love you"
      And send it soaring high above you for all to read
    • "politischer Autismus" oder "Polit-Autismus" scheint ja in Politik-Kreisen sowas wie ein Fachwort zu sein. (Genauso also, wie in Psychiatriekreisen es auch ein Fachwort ist).
      Ich frage mich auch, welches Wort er sonst hätte verwenden sollen, um ganz genau zu beschreiben, was er meint?
    • Neoni wrote:

      "politischer Autismus" oder "Polit-Autismus" scheint ja in Politik-Kreisen sowas wie ein Fachwort zu sein. (Genauso also, wie in Psychiatriekreisen es auch ein Fachwort ist).
      Ja. Ich hab mich intensiver damit mal vor zwei oder drei Jahren beschäftigt. Ich war überrascht, dass das in der Politikwissenschaft wirklich eine übliche Bezeichnung ist, die sogar in manchen entsprechenden Lexika enthalten ist. Die manchmal verbreitete Geschichte, dass man im Zuge der AS-Diagnosen in den Medien angefangen hätte Autismus als Schimpfwort zu missbrauchen entspricht nicht der Wahrheit. Zeitungsarchive, Google Books & Co. haben es ein Stück weit dokumentiert, wie es wirklich ist und war.


      Neoni wrote:

      "politischer Autismus" oder "Polit-Autismus" scheint ja in Politik-Kreisen sowas wie ein Fachwort zu sein. (Genauso also, wie in Psychiatriekreisen es auch ein Fachwort ist).
      Ich frage mich auch, welches Wort er sonst hätte verwenden sollen, um ganz genau zu beschreiben, was er meint?
      Ich würde sagen, dass "Autismus" eine etwas seltenere Wortwahl ist für Menschen, die in sich gekehrt sind. Manch einer regt sich darüber auf, dass man Autismus bzw. autistisch falsch verstehen könnte. Aber was haben denn Kanner und Asperger in den 40er Jahren gemacht? Sie haben Persönlichkeiten beschrieben und sich ebenso an der Wortschöpfung Bleulers bedient.


      Zwei Zitate aus meinem Thread im alten Forum:

      Die psychologische Ursache dieser verhängnisvollen Entwicklung erklärt Berghahn mit dem Autismus-Modell von Senghaas. Kern dieser Theorie ist die Annahme wachsender Selbstbezogenheit der Akteure in einem Konfliktfeld, die sie blind macht für die Realitäten der Umwelt. Durch Abbau der Kommunikation mit dem Gegner steigert sich die Virulenz der Konflikte, die schließlich nur noch begreifbar ist aus der im jeweiligen Akteur entwickelten, in autistischer Abgeschlossenheit produzierten, potentiell aggressiven Eigendynamik.
      Quelle: Die Zeit (17/1974)
      zeit.de/1974/17/kalter-krieg


      Auf den Begriff "Autismus" wurde ich im Juni 1966 in einem Gespräch über die vorliegende Studie durch Hardold D.Lasswell (Yale Law School) in New Haven aufmerksam gemacht. Zu betonen ist, dass Autismus hier im systemanalytischen und nicht im individual-psychologischen Sinne verstanden wird.
      Quelle (Google Books): "Kritik der Abschreckung: ein Beitrag zu einer Theorie der internationalen Politik" (Johann Wolfgang Goethe-Universität, 1967)
      In letters of gold on a snow white kite I will write "I love you"
      And send it soaring high above you for all to read