Doktormutter von AS erzählen ja/nein

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    • Doktormutter von AS erzählen ja/nein

      Hi Leute,

      eigentlich bin ich niemand, der sein Asperger Syndrom an die große Glocke hängt. Man merkt es mir im Alltag auch kaum noch an. Allerdings ist es so, dass ich im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit und damit verbundenen Veranstaltungen, die ich besuche und gelegentlich auch mit betreue, merke, dass ich zwischendurch an meine aspergerbedingten Grenzen komme. Es macht mir alles großen Spaß, aber manchmal, wenn ich z.B. einer Konferenz beiwohne und dabei aushelfe, merke ich, dass ich zwischendurch reizüberflutet bin und/oder so fasziniert von den Themen, dass ich etwas abschalte. Dann wirke ich wohl manchmal unenthusiastisch oder genervt, obwohl ich es nicht bin. Ich weiß dann auch oft nicht, wie und wann ich auf Leute zugehen soll, wie ich mich mit ihnen unterhalten soll etc. Ich glaube nicht, dass ich da tatsächlich Fehler mache, aber ich fühle mich trotzdem unsicher. Ich glaube, dass ich manchmal nach Außen etwas unbeholfen wirke.

      Letzte Woche hatte ich so eine Situation während einer Konferenz, bei der ich mir nicht sicher war, wie ich das Verhalten meiner Doktormutter zu deuten hatte. Sie wirkte etwas genervt von mir, z.B. als ich nicht immer sofort und intuitiv wusste, was ich machen sollte (z.B. das Mikro bei einer an einen Vortrag anschließenden Diskussion rumreichen- das war vorher auch nicht abgesprochen, aber vielleicht wäre es anderen Leuten ja schneller aufgefallen, dass sie das hätten anbieten können). Ich glaube nicht, dass ich da wirklich viel falsch gemacht habe, aber die Zweifel nagen trotzdem immer an mir. Ich kann in solchen Zusammenhängen oft nicht richtig einschätzen, wie ich mich richtig verhalte (ich habe leider auch immer diesen Perfektionsanspruch an mich selbst, der das Ganze zusätzlich verkompliziert) und, was von mir ungefragt verlangt wird. Ich will nicht faul oder unengagiert wirken, aber manchmal kann ich diese feinen Kleinigkeiten menschlicher Interaktion nicht richtig deuten, um vielleicht etwas zu tun, das andere, ohne, dass sie explizit gefragt werden, automatisch tun würden. Kennt ihr das?

      Ich überlege zurzeit, ob ich meiner Doktormutter, zu der ich ein gutes Verhältnis habe und die ich auch menschlich sehr mag, vom Asperger Syndrom erzählen sollte, damit sie weiß, warum ich vielleicht manchmal etwas zerstreut oder unenthusiastisch wirke (obwohl ich wirklich fast nie unenthusiastisch bin, nur konzentriert und dann wirke ich oft sehr vertieft und anteilnahmslos..lol). Mir ist es wichtig, dass sie keinen falschen Eindruck von mir hat.

      Andererseits frage ich mich, ob das nicht vielleicht falsch bei ihr ankommt und sie mich dann nur noch durch die "Aspergerbrille" sieht. Sie ist eigentlich sehr taktvoll, kann aber manchmal auch etwas sarkastisch und direkt sein. Und Sarkasmus- das könnt ihr ja vielleicht nachvollziehen- ist nicht so ganz meine Spezialität. Ich bin auch schon öfter mal auf einen sarkastischen Spruch "reingefallen" und habe ihn für bahre Münze genommen. Das wurde zwar bisher immer mit Humor genommen, aber ich habe immer das Gefühl, dass ich dann dumm wirke, wenn ich das nicht sofort verstehe oder gar falsch verstehe. Vielleicht würde das Wissen um mein Asperger Syndrom bei ihr dazu führen, dass sie da etwas umsichtiger ist. Sie ist allerdings auch immer sehr beschäftigt und ich weiss nicht, ob sie das wirklich interessiert oder, ob ich in unserem bis jetzt ganz guten Verhältnis etwas zerstöre, wenn ich es ihr sage. Und dann kommt auch noch die Frage, wie ich es ihr sage- per Mail oder persönlich. Sie ist in den nächsten Wochen oft unterwegs, deswegen weiß ich nicht, wann ich sie wieder zu Gesicht bekomme.. Mail würde mir persönlich besser gefallen, weil ich meine Gedanken besser sortieren kann, aber andererseits ist es auch recht unpersönlich.

      Was meint ihr dazu? Hat jemand von euch vielleicht schon mal Erfahrungen damit gemacht?

      LG und vielen Dank für eure Ideen :d ,
      geetarist

      The post was edited 1 time, last by geetarist ().

    • Im Berufsleben mache ich gerade die Erfahrung, dass es sehr gut ist, dass jeder in meinem direkten Arbeitsumfeld von meinem AS weiß. So werden die üblichen Missverständnisse vermieden, die mangelnder Blickkontakt, ausdrucksarme Mimik und gelegentliches Rumgezappele meinerseits sonst immer häufig hervorgerufen hat.

      Wenn ich mich recht erinnere bist Du (angehender) Mediziner … da erwarte ich, dass Deine Doktormutter mit dem AS Thema angemessen umgehen kann. Weiterhin sollte Deine Offenheit geschätzt werden, da Du um Deine Schwächen weißt und Dich darum bemühst, Missverständnissen vorzubeugen.

      Ein persönliches Gespräch halte ich für besser, als das per E–Mail zu kommunizieren. Du kannst ja vorab Deine Gedanken schriftlich sortieren und auch die Einleitung ausformulieren — so bereite ich mich regelmäßig auf schwierige Gespräche vor. Wichtig: nicht direkt loslegen, sondern zuerst fragen, ob sie ein paar Minuten Zeit für ein persönliches Gespräch hat und das eigentliche Gespräch ggfs auf einen späteren Zeitpunkt terminieren. So ein heikles Thema sollte man nicht "zwischen Tür und Angel" besprechen.

      Viel Erfolg!

      Dada
      ## E–Mail: Die beste Erfindung, seit man Computer mit elektrischem Strom betreiben kann. ##
    • Ergänzung: es ist auch vollkommen legitim, zu solch einem Gespräch einen "Spickzettel" mitzunehmen. Ich mache mir z. B. für die tägliche Kurzbesprechung mit der Projektleiterin vorab Notizen — so vermeide ich, dass mir nach dem Meeting wieder zig Punkte einfallen, die ich eigentlich ansprechen wollte … und der Projektleiterin gefällt diese strukturierte Herangehensweise sehr gut.

      Dada
      ## E–Mail: Die beste Erfindung, seit man Computer mit elektrischem Strom betreiben kann. ##
    • Du schreibst ja selbst, dass man Dir kaum etwas anmerkt. Deine hier geschilderten Sorgen aber zielen ja gerade auf die Außenwirkung ab. Es könnte aber auch sein, dass Deine Befürchtungen unbegründet sind und Du gar nicht negativ auffällst. Zumal aus psychologischer Sicht bei Situationen wie einer Konferenz noch der sogenannte Spotlight-Effekt hinzukommt- man selbst hat sich häufig kritischer im Blick als die anderen Menschen. Und auch wenn: Was ist an kleinen Schwierigkeiten und gelegentlicher Unbeholfenheit schlimm? Es gibt ja auch "ganz normale" Introvertierte, denen soziale Situationen nicht immer leicht fallen.


      Da Du ja insgesamt recht positiv von Deiner Doktormutter schreibst, würde ich an Deiner Stelle darauf setzen, dass sie, wenn sie wirklich etwas stören sollte,das bei einer passenden Gelegenheit anspricht. Ich würde mich also für so einen Fall vorbereiten und dann etwas in der "geistigen Schublade" haben. Da muss dann auch nicht sofort die Diagnose auf den Tisch, sondern Du kannst hingegen schildern, dass Dir sozialer Umgang nicht immer leicht fällt, Du aber ständig an Dir arbeitest und Dich verbesserst. Genauso kannst Du auch einräumen, dass Du etwas reizsensitiv bist. Von der Nachricht einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung ist der Gegenüber dagegen zuweilen überrumpelt bzw. auch überfordert. Das könnte "Schlafende Hunde wecken" (RW) bedeuten.
      In dem Zusammenhang ein kurzes Interview mit Tony Attwood, der sich gleich am Anfang (ab etwa 0:35 im Video) zu der Problematik äußert, wie man die eigenen Schwierigkeiten schildern könnte:




      Eine ganz andere Lage ergibt sich aber, wenn Du selbst aufgrund des Anpassungsdrucks ernsthafte Schwierigkeiten bekommst- also großen Stress erlebst, weil Du immer kompensieren musst bzw. die Reizüberflutung zu viel wird. Und in der Folge noch drohst krank zu werden, wenn sich Deine Situation nicht ändert. Genau in so einem Fall ist das Offenbaren der Diagnose meiner Meinung nach der richtige Schritt. Da sind dann die Empfehlungen von Dada hier im Thread sehr gut.
    • Tony Attwood beschreibt das ganz gut finde ich, wie man das erklären kann.

      Vielleicht bietet es sich nach so einer Konferenz an, das Gespräch zu suchen und zu fragen, wie sie Dich erlebt hat. Vielleicht liefert sie Punkte, wo Du direkt anknüpfen kannst. Dazu kannst Du Momente schildern, wo Du Dich nicht wohl gefühlt hast, und erklären, warum. Dabei kannst Du zunächst das A-Wort, wie Attwood sagt, vermeiden. Wenn sie mit ASS halbwegs vertraut ist, bringt sie das Thema vielleicht von sich aus auf. Ich hatte schon ein derartiges Gespräch. Ich beschrieb, dass ich Probleme mit großen Menschenmengen habe und erklärte dann, dass ich sehr schlecht darin bin, Gesichtsausdrücke zu lesen. Mein Gegenüber hat im Kopf die Verbindung zu ASS gezogen und bat um einen kurzen Moment, um zu überlegen, wie er die Frage, die ihm gerade durch den Kopf ging, formulieren könne, ohne dass er mit zu nahe tritt. (Offenbar ist es unhöflich jemanden direkt zu fragen, ob er Autist ist ... wieder was gelernt.) Jedenfalls war ihm ASS aus der eigenen Familie bekannt und der Rest des Gesprächs ging fast von alleine.

      Es müssen ja auch nicht gleich alle Probleme auf den Tisch (RW). Offenheit darüber kann aber helfen Missverständnisse zu vermeiden, insbesondere solche Situationen, wo sie meint Dir zu helfen (und es funktionieren auch würde, wenn Du NT wärst) aber es für Dich nur schlimmer macht.
    • Dadaist wrote:

      Im Berufsleben mache ich gerade die Erfahrung, dass es sehr gut ist, dass jeder in meinem direkten Arbeitsumfeld von meinem AS weiß. So werden die üblichen Missverständnisse vermieden, die mangelnder Blickkontakt, ausdrucksarme Mimik und gelegentliches Rumgezappele meinerseits sonst immer häufig hervorgerufen hat.
      Ich kann das nur bestätigen. Wo ich arbeite, weiß jeder, der eng mit mir zusammenarbeitet, bescheid. Und das ist sehr gut so.
      Ich bin leider im Berufsalltag alles andere als unauffällig. Mir wurde rückgemeldet, dass man spätestens nach ein paar Stunden der Zusammenarbeit mit mir den Eindruck hat, dass ich sehr seltsam bin; dass ich sehr distanziert und z.T. desinteressiert wirke (v.a. weil ich wenig Blickkontakt aufnehme und oft am Computer etwas mache, während jemand mit mir redet - ich kriege trotzdem alles mit und rechne z.B. nebenher schon Analysen durch, die mir mein Gesprächspartner vorschlägt); dass ich z.T. sehr unhöflich wirke (z.B. weil ich nie frage, wie es den anderen geht, oder zumindest zu Beginn meines Jobs einfach wortlos aus dem Zimmer gegangen bin - mir war nicht klar, dass man da so etwas wie "ich bin gleich wieder da" oder "bis später" sagt); dass ich zu viel wörtlich verstehe und man mir vieles "extra erklären" müsse, was andere "zwischen den Zeilen verstehen".
      Eine gute Kollegin hat mir nach ein paar Monaten gesagt, wenn sie nicht vorgewarnt gewesen wäre, wäre sie am ersten Tag wohl bereits verzweifelt. Heute sind wie ein gutes Team, das sich optimal ergänzt, sie mit viel Empathie und Talent im Umgang mit unseren Probanden und ich mit viel Sachlichkeit, Nüchternheit, Logik und Organisationstalent.
      In den letzten Jahren konnte ich Tätigkeiten machen, die mir sehr lagen, viel Daten- und Projektmanagement, vieles entweder in einem Einzelbüro oder Home Office, und ich war extrem gut und habe vieles hinbekommen, woran Leute vor mir gescheitert sind. Insofern - bis vor kurzem der optimale Job für mich, und das u.a. deshalb, weil alle wissen, was mit mir los ist.

      Dummerweise werden von mir aber seit einigen Wochen zunehmend Tätigkeiten verlangt, die sehr "asperger-unfreundlich" sind und mich nach kurzer Zeit völlig an meine Grenzen bringen, z.B. der Umgang mit mehreren mir vorher unbekannten Probanden gleichzeitig, deren Gesichter ich mir merken muss (quasi unmöglich), die ich z.T. für Untersuchungen körperlich berühren muss und mit denen ich Small-Talk machen soll, um die Wartezeiten für sie angenehmer zu gestalten, während ich gleichzeitig "nebenher" schauen muss, welche Räume gerade frei werden und die richtigen Probanden da rein schicken muss. Und das alles in einer Geräuschkulisse, die es mir schwer macht, Gespräche zu verstehen und zu führen. Einmal konnte ich nicht mehr anders, als die Situation einfach zu verlassen und aufs Klo zu flüchten, wo ich mich erst mal für 15 min eingeschlossen und geheult habe, weil es einfach nicht mehr ging. Ich bin nicht sicher, ob meinen Vorgesetzten, die mir das abverlangen, klar ist, dass solche Tätigkeiten für mich einfach kaum möglich sind. Wegen Personalmangels geht es momentan nicht anders, das sehe ich ja ein, und ich möchte mein Team auch nicht hängenlassen - aber ich merke einfach, dass das auf Dauer zu einem völligen Zusammenbruch führen wird. :(
    • Interessante Beiträge bisher, danke dafür :). Ich weiss immer noch nicht so richtig, wie ich es für mich handhaben soll. Wenn mein Eindruck stimmt und ich vielleicht das eine oder andere Mal für Verwirrung gesorgt habe, wäre es vielleicht wirklich besser, wenn ich es auflöse und erkläre. Ich muss das Gespräch ja nicht mit "ich bin Asperger Autist" beginnen, sondern erstmal umschreiben, was mir Probleme bereitet und das dann im späteren Verlauf des Gesprächs konkret benennen- vielleicht, wenn ich merke, dass sie darauf verständnisvoll reagiert. Ansonsten belasse ich es einfach dabei. Ich denke aber auch, dass sie, weil sie ja Ärztin ist und dazu auch noch in einem Bereich, in dem man sehr taktvoll agieren und eine Vertrauensbasis schaffen muss, positiv reagieren wird. Mal gucken :D. Ich halte euch auf dem Laufenden und bin trotzdem weiterhin auf eure Erfahrungsberichte gespannt.
    • geetarist wrote:

      Ich muss das Gespräch ja nicht mit "ich bin Asperger Autist" beginnen, sondern erstmal umschreiben, was mir Probleme bereitet und das dann im späteren Verlauf des Gesprächs konkret benennen- vielleicht, wenn ich merke, dass sie darauf verständnisvoll reagiert.
      :thumbup:


      Meinen besten Freund habe ich seinerzeit gefragt, wie er mich sieht. Er hat dann beschrieben, wie er mich als Mensch wahrnimmt und dabei bereits ein paar Punkte genannt, die ich aufgreifen konnte, um das Gespräch allmählich in Richtung AS zu lenken. Ja, das war nicht einfach, aber ich hatte mich gut (über etwa 3,5 Monate) auf dieses Gespräch vorbereitet.

      Dada
      ## E–Mail: Die beste Erfindung, seit man Computer mit elektrischem Strom betreiben kann. ##
    • Hallo geetarist,

      bisher haben Dir vorwiegend Autisten geantwortet und wichtige Argumente genannt.

      Ich bin NT, habe Deinen Tread auf dem Dashboard gelesen und habe besonders Deine Unsicherheit, die Selbstzweifel, die Dich sehr zu beschäftigen scheinen, wahrgenommen.

      Ganz spontan war meine Empfindung dazu: Teile Deiner Doktormutter doch einfach genau diese Gedanken, diese Selbstreflexion, diese Unsicherheit mit. Genau so, wie Du es hier im Forum getan hast, mit präzisen Beispielen, das "Hin- und Hergerissensein" (RW) also die Unentschiedenheit über die Angemessenheit Deiner Reaktionen in bestimmten Situationen. Die Diagnose Asperger brauchst Du gar nicht zu benennen, sondern nur die Dinge, die Dir Schwierigkeiten bereiten.

      geetarist wrote:

      im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit und damit verbundenen Veranstaltungen, die ich besuche und gelegentlich auch mit betreue, merke, dass ich zwischendurch an meine aspergerbedingten Grenzen komme.
      Diesen Punkt finde ich sehr wichtig, damit Ihr gemeinsam erarbeiten/entscheiden könnt, was für Dich machbar ist, was grenzwertig wird und welche Wege Du dann gehen kannst, um die Situation gut durchzustehen. Asperger einfach weg lassen. Jeder Mensch hat seine Grenzen und es zeugt von guter Selbstreflexion und Stärke, wenn man die eigenen Grenzen erkennen und rechtzeitig Massnahmen ergreifen kann, bevor dadurch grössere Probleme entstehen.

      geetarist wrote:

      Ich glaube nicht, dass ich da wirklich viel falsch gemacht habe, aber die Zweifel nagen trotzdem immer an mir. Ich kann in solchen Zusammenhängen oft nicht richtig einschätzen, wie ich mich richtig verhalte (ich habe leider auch immer diesen Perfektionsanspruch an mich selbst, der das Ganze zusätzlich verkompliziert) und, was von mir ungefragt verlangt wird. Ich will nicht faul oder unengagiert wirken, aber manchmal kann ich diese feinen Kleinigkeiten menschlicher Interaktion nicht richtig deuten, um vielleicht etwas zu tun, das andere, ohne, dass sie explizit gefragt werden, automatisch tun würden.
      Vermutlich hast Du auch nicht viel falsch gemacht. Doch ich denke, dass gerade diese Zweifel Dich zu sehr beschäftigen und womöglich auch belasten. Und wahrscheinlich hilft es Deiner Doktormutter, wenn Du ihr genau dieses (fett markiert) erklärst.

      geetarist wrote:

      obwohl ich wirklich fast nie unenthusiastisch bin, nur konzentriert und dann wirke ich oft sehr vertieft und anteilnahmslos
      Auch das sollte Deine Doktormutter unbedingt wissen! Ich kenne genau diesen Gesichtsausdruck sehr gut und weiss, dass er unglücklich oder abwesend wirken kann, aber ausschliesslich durch hohe Konzentration hervorgerufen wird. Ich halte dieses für sehr wichtig!

      geetarist wrote:

      ob das nicht vielleicht falsch bei ihr ankommt und sie mich dann nur noch durch die "Aspergerbrille" sieht.
      Genau deswegen kannst Du Asperger vorerst einfach weglassen. Sollte sie dich allerdings von sich aus direkt darauf ansprechen, halte ich es für einen guten Moment, darauf einzugehen.

      geetarist wrote:

      Und Sarkasmus- das könnt ihr ja vielleicht nachvollziehen- ist nicht so ganz meine Spezialität. Ich bin auch schon öfter mal auf einen sarkastischen Spruch "reingefallen" und habe ihn für bahre Münze genommen.
      Ganz unabhängig vom Asperger ist auch das Thema Nicht-Verstehen von Sarkasmus (vielleicht auch Ironie?) eine wichtige Information an Deine Doktormutter - es ist doch wichtig, dass Du korrekt verstehst, was Sie Dir mitteilt! Das wird sie sicher auch so sehen.

      geetarist wrote:

      Sie ist allerdings auch immer sehr beschäftigt und ich weiss nicht, ob sie das wirklich interessiert oder, ob ich in unserem bis jetzt ganz guten Verhältnis etwas zerstöre, wenn ich es ihr sage.
      Bei Doktormüttern/-vätern ist es so, dass sie viel beschäftigt sind. Aber wenn ich da an meinen Onkel (Professor, stellvertretender Institutsleiter und mehrfacher Doktorvater) denke, er würde solche Informationen über Schwierigkeiten in Kommunikation und Interpretation menschlicher Interaktion, Konzentration statt Abwesenheit, erreichte Grenzen und Bedenken über fehlerhafte Handlungen durchaus als wichtiges Diskussionsthema betrachten. Seine eigenen Schwächen zu kennen und damit begrenzt offen umzugehen, um negative Auswirkungen zu vermeiden ist eine grosse Stärke, die viele Menschen leider nicht haben.

      geetarist wrote:

      Und dann kommt auch noch die Frage, wie ich es ihr sage- per Mail oder persönlich. Sie ist in den nächsten Wochen oft unterwegs, deswegen weiß ich nicht, wann ich sie wieder zu Gesicht bekomme.. Mail würde mir persönlich besser gefallen, weil ich meine Gedanken besser sortieren kann, aber andererseits ist es auch recht unpersönlich.
      Also vor 4 Wochen habe ich - ganz NT - noch ganz klar gesagt, ein persönliches Gespräch ist zum Lösen von Problemen der beste Weg. Dann erfuhr ich: "Ich rede darüber lieber am Telefon als wenn ich Dir gegenüber sitze." Und inzwischen nehme ich wahr, dass der schriftliche Weg doch immer noch am besten funktioniert - in der Konstellation NT-AS.
      Meine persönliche Überzeugung lautet, dass Du den Weg wählen solltest, der für Dich persönlich am wenigsten stressbelastet ist. Du hast Deinen Thread hier so verständlich und nachvollziehbar formuliert, dass ich überzeugt bin, auch eine schriftliche Mitteilung Deiner Bedenken, Grenzen und Informationen wird von Deiner Doktormutter positiv aufgenommen.
      Und es gibt auch weitere Möglichkeiten zwischen den Extremen e-Mail oder persönlichem Gespräch (zu dem Du schriftliche Notizen mitnehmen kannst): Telefonat (Deine schriftliche Vorbereitung auf das Gespräch sieht dann keiner) oder ganz altmodisch ein handgeschriebener Brief - der wirkt auf den NT-Empfänger deutlich persönlicher als eine e-Mail. Und Du kannst in Deiner e-Mail oder Deinem Brief am Ende auch um ein persönliches Gespräch zur Klärung Deiner Bedenken bitten.

      Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, eine solche Konferenz oder Ähnliches mal zu filmen und hinterher gemeinsam zu besprechen, dann kannst Du ihr exakt am Film verdeutlichen, in welchem Moment Du unsicher warst oder über welche Deiner Reaktionen Du grübelst - und sie kann Dir präzises Feedback geben, wie sie Dich in diesem Moment wahrgenommen hat.

      Willowtree wrote:

      Da Du ja insgesamt recht positiv von Deiner Doktormutter schreibst, würde ich an Deiner Stelle darauf setzen, dass sie, wenn sie wirklich etwas stören sollte,das bei einer passenden Gelegenheit anspricht. Ich würde mich also für so einen Fall vorbereiten und dann etwas in der "geistigen Schublade" haben. Da muss dann auch nicht sofort die Diagnose auf den Tisch, sondern Du kannst hingegen schildern, dass Dir sozialer Umgang nicht immer leicht fällt, Du aber ständig an Dir arbeitest und Dich verbesserst. Genauso kannst Du auch einräumen, dass Du etwas reizsensitiv bist.
      Das halte ich für einen sehr guten Vorschlag.

      Viel Erfolg und eine gute Entscheidung!



      TalkativeP wrote:

      Mein Gegenüber hat im Kopf die Verbindung zu ASS gezogen und bat um einen kurzen Moment, um zu überlegen, wie er die Frage, die ihm gerade durch den Kopf ging, formulieren könne, ohne dass er mit zu nahe tritt. (Offenbar ist es unhöflich jemanden direkt zu fragen, ob er Autist ist ... wieder was gelernt.)
      @TalkativeP
      Wir NT stehen oft vor dem Problem, dass der eine Autist ganz sachlich auf solch eine Vermutung/Frage durch den NT reagiert, der nächste aber beleidigt oder angegriffen oder schockiert... Da gibt es viele Reaktionsmöglichkeiten. Dein Gegenüber wusste ja auch nicht sicher, ob Du Deine Diagnose kennst - ich Trampel habe neulich auch jemanden darauf "gestossen" (RW), als ich sagte "Aber Ihr wisst, dass Autismus erblich ist?" Und plötzlich sahen Ehemann und Autistin die Welt "mit offenen Augen" (RW). Vorher sahen sie nur ihren autistischen Sohn... Ich könnte mich Ohrfeigen für meine fehlende Sensibilität in dem Moment - und habe auch etwas gelernt ;)
      Also für uns NT kann es schwierig sein, einen Autisten taktvoll auf seinen Autismus anzusprechen, zumal leider viele NT Autismus als eine Behinderung betrachten und konnotativ negativ belegen, was dann zu negativen vergangenen Erfahrungen bei den Autisten geführt haben kann. Da ist es für uns dann wesentlich einfacher, wenn der Autist selber sagt: "Ich bin Autist." Ging jedenfalls mir so, als ich es von einem sehr angepassten Autisten erfuhr. Ich weiss nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, ihn zu fragen... Allerdings war unser Verhältnis eher freundschaftlich als beruflich.
    • Also ich denke, ohne viel hier gelesen zu haben, dass sowas sehr helfen könnte!

      Es kann eine Behinderung im Studienalltag darstellen und gewöhnlich gibt es für sowas auch Bevorrechtigungen oder sowas in der Art! Viele Leute, die irgendeine Behinderung haben, nehmen das auch in Anspruch. Man sollte sich meiner Meinung nach dessen nciht scheuen. Es gibt nciht zu verlieren, denke ich. Vor allem gibt es bei Doktoranden und Professor_innen auch einen engeren Kontakt, als bei Dozierenden, die nur Hausarbeiten betreuen und Studierenden. Ich glaube, ich habe es niemandem gesagt aber ich denke, es könnte eher Vor- als Nachteile bringen bezüglich Benotungen oder sonstwas.
      Tippfehler bitte streng ignorieren!
    • ich würd ihr die wahrheit nur dann sagen, wenn du ganz sicher bist, dass sie dich deswegen nicht ausgrenzen wird. es zuerst mit der benennung der probleme zu versuchen liefert dir ja auch schon wertvolle informationen, wie sie allgemein mit problemen umgeht. du schriebst ja sehr positiv von ihr.

      ich bin bei sowas sehr zurückhaltend geworden, da ich mal in einem inklusiven projekt gearbeitet habe, in dem in einem ungünstigen moment heraus kam, dass ich probleme psychischer natur habe. die reaktion darauf war sehr negativ obwohl meine arbeit zuvor gelobt wurde. ich hätte es auch nicht mitgeteilt, wenn ich "bei verstand" gewesen wäre (die chefin quetschte mich unangemessen in einer krise am telefon aus (RW)). ich wusste jedoch vorher schon, dass ich im falle eines konfliktes mit dieser chefin große probleme bekommen würde. mein team hat mich zwar unterstützt, aber ich konnte die probleme, die dadurch entstanden (z.b. degradierung in form von kopierarbeiten statt seminarbetreuung u.ä.) nicht ertragen und habe schließlich von selbst gekündigt. mit der frau konnte man nicht reden* (=konflikte klären). ich glaube, sie hatte auch große vorurteile. neben den problemen war ich allerdings auch massiv enttäuscht, wie mit meiner "einschränkung" so garnicht inklusiv umgegangen wurde, was dem grundgedanken unseren ganzen projektes entgegen stand :shake: :( .

      deine berichte hören sich aber besser an.



      *im nachhinein betrachtet werde ich wohl auch große probleme damit gehabt haben, auf ihre höchst emotionale reaktionsweise einzugehen (jedenfalls versucht mein betreuer mir gerade zu zeigen, wie oft es da hapert)

      The post was edited 2 times, last by kastenfrosch ().

    • Hi zusammen,

      ich wollte euch mal ein bisschen auf dem Laufenden halten. Ich habe mich erst mal dazu entschieden, nichts zu sagen. Seit ein paar Tagen bin ich mir nicht mehr sicher, ob das Projekt noch das Richtige für mich ist. Meine Doktormutter wird ja in den nächsten 6 Monaten länger weg sein. Enttäuschend finde ich immer noch, dass sie das nur beiläufig erwähnte, ohne mit mir zu besprechen, wie es weitergeht und bis jetzt immer noch nicht klar ist, wer mich dann übergangsweise betreuen wird bzw. ob es überhaupt eine Übergangslösung geben wird. Es ist Vieles ungeklärt und da ich schon seit einigen Wochen keine Antwort auf meine Mail mit einer inhaltlichen/organisatorischen Frage an sie erhalten habe, finde ich, dass das Vertrauensverhältnis irgendwie aktuell etwas beschädigt ist. Erstens wegen der Tatsache, dass ich jetzt schon seit Wochen zwischen den Seilen hänge (RW) und zweitens, weil sie nicht mal auf meine Mail antwortet, obwohl ich darin Fragen gestellt hatte, deren Beantwortung für die Einhaltung diverser Deadlines wichtig gewesen wäre. Man merkt irgendwie, dass es schon jetzt nicht mehr so gut läuft. bzw. im Moment kann man auch sagen, dass es eigentlich gar nicht läuft.

      In den nächsten Tagen möchte ich vorrangig versuchen, mit ihr ein klärendes Gespräch zu führen, um herauszufinden, welche Form von Betreuung überhaupt nocht gewährleistet werden kann und, um ein bisschen "abzuklopfen" (RW), inwiefern sie sich mir gegenüber überhaupt verantwortlich fühlt.

      Ich hätte noch ein Angebot für ein neurophysiologisches Projekt in Aussicht, deren Betreuerin mir erst letztens sagte, dass sie mich immer noch gerne in ihrem Team hätte. Das hat mich sehr beeindruckt, weil ich ihr ja damals wegen des anderen Projektes abgesagt hatte. Sie ist u.a. auch Psychologin, vielleicht kann sie auch meine Asperger Thematik besser verstehen. Ich glaube, dass wir menschlich besser harmonieren, aber mit dieser Einschätzung will ich mich jetzt nicht so weit aus dem Fenster lehnen (RW).

      (Mir fällt gerade auf, dass ich im Moment viele RWs benutze..lol)

      Viele Grüße,
      geetarist
    • vielleicht hat deine doktormutter die mail ja "einfach" vergessen (ist wirklich nicht schön, passiert aber gerade wenn "großprojekte" anstehen doch eher häufiger (wenn sie wegen ihrer abwesenheit stress hat)).
      ich drück dir die daumen (RW ;) ), dass sie offen und ehrlich zu dir sein wird.
    • Was ich in letzter Zeit beobachte ist, das AS inzwischen derart Mainstream ist, dass gebildete und intelligente Menschen schon längst wissen bzw vermuten, das jemand in ihrem Umfeld Asperger hat. Die letzten fünf Jahre war Asperger sehr stark in den Medien vertreten. Zumindest ich habe es erlebt, dass ich jemand es erzählen wollte und mein Gegenüber nur sagte "ich weiß doch ;)"... war ehrlich gesagt eine intereessante Erfahrung.

      Grundsätzlich spricht heutzutage überhaupt nichts mehr dagegen, sich quasi als Aspie schon vorzustellen. Klar, gibt auch Situationen, wo man sich das sparen kann... aber in der Regel kommt dabei nur Gutes rum.
    • Kleines Update: ich bin heute mal persönlich bei ihr vorbeigegangen (hatte gesehen, dass sie da ist) und irgendwie war es eine merkwürdige Atmosphäre. Sie war ziemlich reserviert und nicht so herzlich, wie sonst. Ich habe irgendwie das Geühl, dass sie seit der Konferenz so komisch zu mir ist. Ich kann mir aber nicht erklären, woran das liegt. Ich glaube nicht, dass ich so unheimlich viel falsch gemacht habe. Eine Freundin war auch dabei und meinte, dass sie nichts merkwürdiges an meinem Verhalten finden konnte, nur ihres manchmal merkwürdig fand, weil sie mich immer so "rumkommandiert" hat. Ich beobachte das mal noch eine Weile und führe dann mal ein Gespräch mit ihr. Es kann auch sein, dass ich mir die Veränderung in ihrem Verhalten nur einbilde.