Kritischer Artikel über Aktivismus bei Autisten in der TAZ

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    • Kritischer Artikel über Aktivismus bei Autisten in der TAZ

      Denise Linke wrote:

      Wir Autisten müssen uns wehren. Wir müssen laut sein und penetrant. Wir müssen uns für unsere Rechte und unsere Sichtbarkeit starkmachen. Keine Frage. Aber vielleicht schaffen wir mehr, wenn wir mit weniger Aggression und mehr Verständnis vorgehen. Nichts liegt mir ferner als victim blaming. Aber wir gehen die Sache falsch an. So kann Aktivismus, davon bin ich überzeugt, nicht erfolgreich sein.


      taz.de/Aktivisten-mit-Behinderungen/!5358231/

      Meist schreckt es sogar ab, wenn jemand immer aggressiv auftritt.

      Wichtiger finde ich das Brücken bauen. Nicht immer nett sein, aber die gesellschaftlichen Spielregeln einhalten, höflich sein, sich auf den anderen einlassen. Keine explizite Stärke, wenn die Perspektivübernahme nicht funktioniert, aber man wird ja normalerweise nicht dümmer mit dem Alter. Eine andere Möglichkeit ist das, was die autistische Autismusforscherin Michelle Dawson sehr erfolgreich macht: seriös recherchieren und vermeintlich klare Aussagen durch bottom-up-Approach widerlegen (also alle Fakten sichten und dann interpretieren und nicht mit vorgefertigter Meinung die Fakten rauspicken, die der Meinung genehm sind).
    • Pompeji wrote:

      Denise Linke wrote:

      Wir Autisten müssen uns wehren. Wir müssen laut sein und penetrant. Wir müssen uns für unsere Rechte und unsere Sichtbarkeit starkmachen. Keine Frage. Aber vielleicht schaffen wir mehr, wenn wir mit weniger Aggression und mehr Verständnis vorgehen. Nichts liegt mir ferner als victim blaming. Aber wir gehen die Sache falsch an. So kann Aktivismus, davon bin ich überzeugt, nicht erfolgreich sein.
      taz.de/Aktivisten-mit-Behinderungen/!5358231/

      Meist schreckt es sogar ab, wenn jemand immer aggressiv auftritt.
      Ich bin begeistert! :o (Keine ironie!)

      Der Artikel von Denise Linke ist wirklich sehr gut. Ich kann ihr da nur sehr zustimmen. :nod:


      Denise Linke beschreibt auch sehr gut, wie die Aktivisten mit den Leuten umgehen:

      Denise Linke wrote:

      Das Gegenüber auf Twitter wird nicht darum gebeten, eine solche Verwendung des Begriffs künftig zu vermeiden. Stattdessen werden die Twitter-User schon in der ersten Reaktion auf ihren Fehltritt beschimpft.
      Das ist wirklich übel wie die da teilweise abgehen. Ich denke diese Leute tun sich selbst und der Sache auch keinerlei gefallen, wenn sie, wie Denise Linke zutreffend beschreibt, Leute beschimpfen usw.
      ~Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden.~
    • Pompeji wrote:

      also alle Fakten sichten und dann interpretieren und nicht mit vorgefertigter Meinung die Fakten rauspicken, die der Meinung genehm sind
      Das Zitat oben mit dem Minimieren von Aggressionen und vor allem auch dem Einräumen von eigenen Fehlern - das liest sich vernünftig, menschlich und glaubwürdig. Das gehört imo zum Aktivismus, der Zukunft hat. Das mit der vorgefertigten Meinung ("Ich habe immer Recht") da ist imo der Aktivismus eher Egoismus, d. h. eher eine Politik die zuerst die eigene Person berücksichtigt, eigene Fehler zum ultimativen Tabu macht und die Findung der wirklichen Wahrheit, den richtigen Weg doch zugunsten der eigenen Person blockiert. Das ist imo der falsche Weg. It won't work. Da würde mich nicht wundern, wenn es langfristig schwierig ist Leute zu finden, die Bock haben, dass diese vorgefertigte Meinung anderer Leute immer richtig sein soll. Das ist ja auch eher "etwas" unwahrscheinlich und ein ernstes Publikum zieht dann irgendwann sicherlich weiter. :roll: Und ja, man muss nicht immer supernett sein, aber ich finde, dass gerade bei den Zielen für das Gute eine friedliche Basis, auf der sich Menschen vernünftig verständigen können das A und O ist. Wenn beide Seiten oder alle Seiten nur aggressiv sind, dann sucht man vergeblich die gute Seite. :roll:
      In letters of gold on a snow white kite I will write "I love you"
      And send it soaring high above you for all to read
    • Hyperakusis wrote:

      Wenn beide Seiten oder alle Seiten nur aggressiv sind, dann sucht man vergeblich die gute Seite. :roll:
      Gestern hab ich mir wieder mal den Film Verhandlungssache mit Kevin Spacey und Samuel L. Jackson angeschaut, da geht es um eine Geiselnahme,
      und die Cops standen im Einsatzraum, um mit den Entführer zu verhandeln. Die Ehefrau des Entführers wurde hinzugeholt und wurde gleich emotional
      und ließ sich nicht beruhigen. Da sagte der Verhandlungsführer (gespielt von Spacey) einen interessanten Satz "bringt sie bitte wieder raus, sie bringt zu viel Emotion herein und die Leute hier stehen bereits unter großer Anspannung",

      oder anders ausgedrückt... Die Chance, dass sich bei aufeinandertreffenden überschießenden Emotionen etwas konstruktiv lösen lässt, schwindet dramatisch.
    • Das mit dem Begriff "Autismus" oder "autistisch", d. h. auf diesen Ultrafail anderer Leute selbst mit einem Ultrafail zu toppen, ähm ja... das halte ich ähnlich wie in dem Artikel auch für definitiv den total falschen Weg. Ich denke mir, dass Autismus erst durch das Asperger-Syndrom, insbesondere seitdem das Thema etwa 2010 häufiger in den Medien wurde, deutlich bekannter wurde. Was so Dinge wie den politischen Autismus usw. angeht, so hatte ich selbst mal eine Weile mich damit beschäftigt und musste feststellen, dass der politische Autismus u. a. bis auf den Kalten Krieg, genauer gesagt die 60er Jahre zurückgeht. Das war eine Zeit, wo es noch sehr lange dauern sollte bis das Asperger-Syndrom die westlichen Ländern so richtig erreicht. Aber ich fand auch heraus, dass damals schon darauf hingewiesen wurde, dass man den Begriff nicht im psychiatrischen/psychologischen Sinne verstehen sollte. Wenn man sich ganz alte Wörterbücher und Literatur betrachtet, dann kann man auch eine häufige Verwendung des Begriffs "Autismus" oder "autistisch" lange Zeit vor Kanner und Asperger finden. Bekanntlich war der Wortschmied ja Bleuler und Kanner und Asperger haben mit dem frühkindlichen Autismus und den autistischen Psychopathen meines Wissens ein damals bereits etwa 30 Jahre(!) altes Wort benutzt.

      Selbst in den frühen 70ern war Autismus eine Diagnose, von der man laut einem damaligen Artikel "neuerdings öfters etwas hört". Im Jahre 1972 beschrieb der Spiegel in dem Artikel "Leere Festung", das könnte einer der ersten Medienartikel überhaupt gewesen sein, was von autistischen Kindern, die es offiziell gar nicht gibt. Ich denke das lag daran, weil Autismus afaik erst 1980 in den ICD (oder war es DSM?) aufgenommen wurde. Ob nun Kino, die "Stacheldrahtkrankheit", die Politik vor vielen Jahren oder eben gar in den 80ern das Ärzteblatt (1989, klick mich) - es gab so etwas wie den politischen Autismus & Co. schon zu Zeiten, wo die Menschen unmöglich Kanners und Aspergers Arbeiten gekannt haben können. Auch sehr alte Wörterbücher lassen vermuten, dass das Wort früher vielseitiger war, während man heutzutage mehr darin das sieht was Kanner und Asperger beschreiben und Bleulers Wortschöpfung irgendwie untergeht.

      Nun gut blablabla... also ich denke dass man AUCH DAS berücksichtigen sollte um ein bisschen besser zu verstehen, dass der Begriff rund um Autismus schon von Menschen verwendet wurde als viele heutige Aspies oder deren Eltern nicht mal geboren waren. Das ist imo deshalb sinnvoll, weil die Welt dann ein Stück weit weniger boshaft wirkt, wenn man diese Dinge weiß... und dann kann man andere vielleicht auch mit weniger Wut und Aggression aufklären, dass dieses Wort im Zuge der AS-Welle in den 2000er Jahren heute zunehmend Menschen diskriminieren kann. Wenn ich aber die Welle mache als wäre das Wort für meine "Neuro-Rasse" patentiert, dann erreicht man vermutlich nicht viel. Gerade weil Autisten so oft selbst davon berichten, dass sie soziale Regeln nicht einhalten oder verletzen, manchmal verletzend direkt sind, wäre es doch umso mehr der richtige Weg es einfach mal mit bisschen mehr Peace zu versuchen. Aggressive Menschen nehmen vermutlich die meisten Menschen auch nicht als glaubwürdig wahr und auch nicht so ernst. Daher sehe ich das ähnlich wie im Artikel angemerkt wurde. :nod:
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    • Pompeji wrote:

      oder anders ausgedrückt... Die Chance, dass sich bei aufeinandertreffenden überschießenden Emotionen etwas konstruktiv lösen lässt, schwindet dramatisch.
      Ja, kann ich an mir selbst beobachten. Würde ich manchmal sofort tippen und abschicken wären in manchen Momenten meine Beiträge auch aggressiver und wenig selbstdiszipliniert. Ich denke mir dann "Cool down, dude!". Wenn ich dann warte, dann merke ich wie ich nach und nach entschärfe und im Grunde werf ich dann viele unnötige, den Fortschritt blockierenden Aggros raus. Ich denke mir, dass es ernste Themen gibt und meine Vorstellung bei solchen Dingen wie Autismus waren immer, dass die Leute auffällig sozial, verständnisvoll und so sind. Wenn mir bei diesem Thema damals Menschen aggro gekommen wären, dann hätte ich das sehr unangemessen, kontraproduktiv und abstossend empfunden. Ich mein so was wie Autismus beinhaltet ja auch viel Privates. Wo kann man sich am besten öffnen? Vermutlich bei Menschen, die okay sind. Bei aggressiven Menschen ist der Autist doch eher der Hase, der vor dem bösen Wolf oder Jäger mit dem Schießgewehr davonhoppelt. Ich finde dass es gerade bei psychischen Themen schon genug Angst gibt... :roll:
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    • Häufig gehörte medizinische bzw. psychiatrische Begriffe dringen irgendwann immer in die Alltagssprache und erhalten dort dann eine ganz andere Bedeutung - wie eben z.B. “autistisch“, “schizophren“, “depri“ usw. So etwas passiert immer, in jeder Sprache, und es lässt sich dann auch nie mehr rückgängig machen, schon weil niemand mehr an die ursprüngliche Diagnose denkt, wenn er das Wort dann alltagssprachlich verwendet. Von daher ist jeder Diskriminierungsvorwurf an denjenigen auch deplatziert - es war ja nie dessen Absicht, Menschen mit einer bestimmten Diagnose herabzusetzen.

      Wenn Betroffene sich dadurch gekränkt fühlen, kann man eigentlich nur die Diagnose umbenennen. Anders ließe sich der Konflikt nicht mehr lösen.
      "Ich würde nie einem Club beitreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen" (Groucho Marx) “Sich zu akzeptieren als den, der man ist, ohne etwas anderes sein zu wollen - das ist Freiheit“ (Ramesh Balsekar)
    • Die "autistischen Psychopathen" sind doch schon zu "Menschen mit Autismus" "befördert" worden, genauso wie die "Schwachsinnigen" zu "Menschen mit geistiger Behinderung".
      Dennoch denke ich, es gehört zum "Spiel" mit und in den Medien, jemanden zu beschämen, der sich mit dem Wort "autistisch" außerhalb des medizinischen Kontext zitieren lässt. Denn die Skandalisierung gehört zu den allseits bekannten Gesetzen der Medienwelt.