Vergessene Gefühle

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    • Vergessene Gefühle

      Mich würde sehr interessieren ob folgendes Phänomen jemandem bekannt ist: Ich vergesse Gefühle!

      Als Beispiel: meine Frau hatte mir mal wieder Vorwürfe gemacht, das ich zu viel arbeite, mich zu wenig um die Kinder kümmere und ansonsten zu viel Zeit am Computer verbringe und/oder mich mit der Reparatur und/oder Modifikation von Handys beschäftige. Mir kochte irgendwann die Galle hoch und ich sagte: "Laß mich in Ruhe! Verschwinde am besten ganz!"

      In diesem Augenblick meinte ich es tatsächlich so, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, aber der Zorn ist sehr schnell verraucht. Schon wenige Stunden später fragte ich meine Frau etwas und sie brach in Tränen aus...und ich hatte keine Ahnung mehr warum sie weinte! Es war weg, einfach weg. Sie sagte mir was ich gesagt hatte und alles was ich dazu als Kommentar abgab war: "Ach, das?!"

      Mehr ging nicht, ich kann solche Vorgänge nicht nachvollziehen, ich kann mich nicht entschuldigen, ich spüre keine Reue. Ich weiß was ich gemacht habe, aber es berührt mich emotional gar nicht.

      Eigentlich reagiere ich anders. Wenn ich es unter Kontrolle habe und nicht spontan bin, dann sagt mir mein Kopf: "Es wäre zumindest jetzt besser mit den Kindern zu spielen." Oder ich blättere im geistigvirtuellen Handbuch nach E...wie entschuldigen: "Entschuldige Dich...das macht man so wen etwas so passiert ist!"

      Kann das jemand hier nachvollziehen?
      F84.5-G- Asperger Syndrom


      Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.
    • Ich hatte schon die Situation, dass jemand sauer auf mich war, und ich vergessen hatte, warum, mich also an den Vorfall, der Ursache dafür war, nicht mehr erinnern konnte. Meistens waren das wohl Sachen, die mir einfach nicht so wichtig waren. Ich verletze nicht absichtlich Leute, ohne mir Gedanken zu machen, aber manchmal passiert es halt, dass man etwas sagt, was beim andern viel negativer ankommt, als es beabsichtigt war.
      Manchmal gibt es auch mal heftigeren Streit. Würde mir jemand gegenüber stehen und in Tränen ausbrechen, würde mir das sehr leid tun. Einen Fehler zugeben und mich entschuldigen ist aber auch nichts, was mir leicht fällt. Evtl. brauche ich dafür ein bisschen Zeit und Abstand. Dann vergesse ich aber auch nicht, dass etwas vorgefallen ist. Vergessen tue ich nur Vorfälle, wo mir einfach nicht bewusst wurde, dass jemand verletzt worden ist, und die mir selber nicht so wichtig waren.
      Menschen sind auch nur Tiere. - Ich mag Tiere!
    • Ich bin ein totaler Aus-Dem-Auge-Aus-Dem-Sinn-Mensch. Soll heißen, ich vergesse Emotionen auch, wenn ich nicht visuell mit den Emotionsauslösern konfrontiert werde. Wenn ich eine Person nicht vor mir stehen sehe, dann vergesse ich schnell, wie wichtig sie mir ist oder welche Emotionen ich zu ihr habe. Die emotionalen Informationen müssen irgendwo gespeichert sein, weil sie auch wieder aktiviert oder "erinnert" werden können, aber ich habe oft keinen Zugang zu ihnen. Das macht Beziehungen pflegen nicht leicht, deshalb mache ich mir Kalendereinträge, wann ich mich bei jemandem melde, sonst wäre es mir egal. Zornige Ausbrüche habe ich aber so gut wie nie.
      So wie die Situation mit der Frau beschrieben ist, würde ich aber nicht sagen, dass du eine Emotion vergessen hast, sondern eher, dass du ihre Verletzung (also ihre Emotion) nicht gespürt hast. Dass der Zorn verraucht ist ja normal.
    • Ich kenne dieses Phänomen, auch wenn ich nicht ganz nachvollziehen kann weshalb man wegen so etwas keine Reue empfindet.

      Ich erlebe das auch oft, dass ich nachdem ich mies gelaunt war und ich mich beruhigt habe, ich alles emotional vergessen habe.
      Ich weis noch was passiert ist, aber mich berührt das nicht mehr.
      Das dauert allerdings nur eine halbe Stunde bis maximal 2 Stunden, danach habe ich mich beruhigt oder etwas verziehen, falls
      jemand etwas zu mir gesagt hat.

      Reue empfinde ich dann doch, zumindest wenn ich weis, dass ich etwas wirklich schlimmes getan oder gesagt habe.
      Wenn ich mir nicht klar bin was ich gesagt habe, oder wenn es für mich nicht weiter schlimm ist, dann empfinde ich jedoch keine Reue
      Mit freundlichen Grüßen
      Chris

      Sollte es Misstände geben, die sie verzweifeln lassen; beseitigen Sie nicht die Misstände, sondern ihre Zweifel! :prof:
    • Ich vergesse oft die Dinge die passiert sind. Seit ich verheiratet bin habe ich in meinem Mann ein "externes Gedächtnis". Zum Beispiel erinnert er mich daran dass das letzte Familienessen aus dem Ruder lief, und viele andere auch, weil meine Eltern oft zu viel Alkohol trinken und sich dann gemein benehmen.
      Wenn ich Leute wiedertreffe mit denen ich Probleme hatte, dann erinnere ich mich oft nicht genu an Begebenheiten, aber fast immer daran von dieser Person angebrüllt worden zu sein. Wer mich anbrüllt, der macht mir so extrem Angst dass ich kein Vertrauen mehr habe. Absolutes Misstrauen und "auf der Hut sein" prägt dann jeden Kontakt in der Zukunft. Ich sage mir dann selbst dass ich "es nicht so schwer nehmen" sollte, dass ich "drüber stehen" sollte, "ein dickeres Fell haben muss" etc. . Das aber hilft nie. Ich brauche die Person dann nur sehen und reagiere mit Angst und Starre, ob ich will oder nicht.
      In der Vergangenheit habe ich versucht sachlich Dinge zu klären, gerate aber immer an Menschen die nur ihre eigene Sicht nachvollziehen können oder wollen. Dann bekomme ich auch immer zu hören dass ich eben zu empfindlich bin.

      Gerade vor wenigen Tagen ist mir so etwas wieder passiert und ich spiele mit dem Gedanken nach 7 Jahren wieder einmal mein Pferd umziehen zu lassen. Ich werde beobachten ob meine Angst bleibt, aber ich kenne mich ja inzwischen. Es ist wie es ist.

      Ich bekomme oft an verschiedenen Orten an denen ich etws erlebt habe gleich dasselbe Gefühl. In dem Ort wo ich zehn Jahre zur Schule ging wird mir schlecht und ich bekomme Angst, dabei weiß ich gar kein großes, außergewöhnliches Ereignis was mir dort passiert ist. Ich erinnere mich an fast gar nichts aus zehn Schuljahren, eher an die Beschaffenheit der Fußböden und Stuhlkissen als an die Menschen, schon gar nicht an Begebenheiten. Ich erinnere mich aber vor Ort sofort an die Gefühle, an zehn Jahre morgendliche Magenschmerzen und an ds Gefühl gejagt zu werden. In diesen zehn Jahren lernte ich zu schweigen, mich nicht zu bewegen und "mich unsichtbar" zu machen indem ich passiv wurde.

      Ich bin endlos nachtragend. Ich sage niemandem meine Meinung, aber ich streiche Menschen aus meinem Leben und wer einmal gegen das Gesetz verstoßen hat dass man mich nicht anbrüllt, der hat kein Recht mehr in meinem Leben eine Rolle zu spielen. Ich vergesse dann das Gefühl und den menschen bis ich ihn wiedersehe.
      Viele Grüße von MissChili
    • Mark_Twain schrieb:

      Ich bin ein totaler Aus-Dem-Auge-Aus-Dem-Sinn-Mensch. Soll heißen, ich vergesse Emotionen auch, wenn ich nicht visuell mit den Emotionsauslösern konfrontiert werde. Wenn ich eine Person nicht vor mir stehen sehe, dann vergesse ich schnell, wie wichtig sie mir ist oder welche Emotionen ich zu ihr habe. Die emotionalen Informationen müssen irgendwo gespeichert sein, weil sie auch wieder aktiviert oder "erinnert" werden können, aber ich habe oft keinen Zugang zu ihnen.

      Geht mir auch so. Man sagt, man kann von schönen Erinnerungen zehren, aber ich kann das nicht, kann mich zwar erinnern, dass ich mich in Sitation xy glücklich fühlte, aber das Gefühl kann ich nicht wieder hochholen. Geht das noch wem so?

      Ich finde es schlimm, so leben zu müssen.
      "Ich neige zur Redundanz. Zudem wiederhole ich mich gern." Fishismus
    • Kleine schrieb:

      Geht mir auch so. Man sagt, man kann von schönen Erinnerungen zehren, aber ich kann das nicht, kann mich zwar erinnern, dass ich mich in Sitation xy glücklich fühlte, aber das Gefühl kann ich nicht wieder hochholen. Geht das noch wem so?
      Mir geht es ebenso. Ich kann dann sagen: es war ein guter Tag und ich habe mich wohlgefühlt.....das ist aber nur die "gespeicherte Information", aber nicht das Gefühl das ich noch einmal fühlen kann.
      Grüsse
      Alys
    • @Alys Danke! Ich bin erleichtert, dass das Beschriebene hier jemand kennt. Ich suche gerade für mich alles zusammen, was zu Autismus gehören könnte, die Gefühlswelt hab ich bisher noch nicht weiter unter die Lupe genommen, dabei ist das, wie mir jetzt langsam scheint, eine der größten die Lebensqualität einschränkenden Faktoren.

      (Bzw. hab ich das Them bisher eher auf Ängste und Affekte beschränkt betrachtet.)
      "Ich neige zur Redundanz. Zudem wiederhole ich mich gern." Fishismus
    • Kleine schrieb:

      Geht mir auch so. Man sagt, man kann von schönen Erinnerungen zehren, aber ich kann das nicht, kann mich zwar erinnern, dass ich mich in Sitation xy glücklich fühlte, aber das Gefühl kann ich nicht wieder hochholen. Geht das noch wem so?
      Ich wusste gar nicht, dass das "nicht normal" sein soll. Ich fühle doch im hier und jetzt. :?
      Dafür kann ich mich an Gerüche erinnern, immerhin etwas. ;)

    • Ich habe immer gedacht, dass alle Menschen so sind und habe das gar nicht als "defekt" empfunden. Gemerkt habe ich in Psychotherapien, denn die arbeiten
      gerne mit "Imagination" und den dazugehörigen Gefühlen. Nur habe ich da eben keine und verstand jahrelang nicht, was die eigentlich von mir wollen und bin bald durchgedreht, weil ich nicht herausgefunden habe was ich falsch mache.....
      Ich weiß aber nicht, ob das ein autistisches Problem ist .....oder vielleicht andere Gründe hat ?!
      Grüsse
      Alys
    • Bin auch so. Liegt aber daran, dass Gefühlsexplosionen bei mir inflationär und kurz sind. Mir sind die gar nicht so wichtig :lol:

      Mein Dad hat sich am Abend mal für was entschuldigt, was ihm am Mittag passiert war und mich zum Ausrasten (RW) gebracht hat... ich hatte total vergessen, wovon er sprach. Anscheinend dachte er, ich wäre immer noch sauer aber so lange kann ich gar nicht echt sauer sein - eine kurze, heftige Explosion und gut ists. Schwamm sofort danach drüber (RW)
      Dieser Weg wird kein leichter sein/ Dieser Weg wird steinig und schwer
      Nicht mit vielen wirst du dir einig sein / Doch dieses Leben bietet so viel mehr.
      Profilbild von David Gaillet

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Kleines Licht ()

    • MissChili schrieb:

      Wer mich anbrüllt, der macht mir so extrem Angst dass ich kein Vertrauen mehr habe. Absolutes Misstrauen und "auf der Hut sein" prägt dann jeden Kontakt in der Zukunft. Ich sage mir dann selbst dass ich "es nicht so schwer nehmen" sollte, dass ich "drüber stehen" sollte, "ein dickeres Fell haben muss" etc. . Das aber hilft nie. Ich brauche die Person dann nur sehen und reagiere mit Angst und Starre, ob ich will oder nicht.
      In der Vergangenheit habe ich versucht sachlich Dinge zu klären, gerate aber immer an Menschen die nur ihre eigene Sicht nachvollziehen können oder wollen. Dann bekomme ich auch immer zu hören dass ich eben zu empfindlich bin.
      Das ist doch auch sinnvoll. Warum solltest Du das "nicht so schwer nehmen?" Warum solltest Du diesen Leuten vertrauen, zu Vertrauen gehört Respekt und den haben sie nicht, also verdienen sie auch Dein Vertrauen nicht, das ist doch logisch.
      Leute dürfen nicht einfach jemanden anbrüllen, das ist psychische Gewalt, und das verletzt, da musst Du nicht "drüber stehen".

      Es kann passieren dass man sich im Ton vergreift (RW) wobei anbrüllen schon viel mehr ist das das, es geht weit über die Grenzen hinweg die im Umgang angemessen sind und eingehalten werden sollten...ich finde es wichtig diese Situationen zu klären und zwar sachlich, so wie Du ja auch schreibst. Ich selbst habe mich auch schon bei Leuten entschuldigt wenn ich schroff war oder Fehler gemacht habe. Das ist wichtig.

      Diese Leute die das nicht wollen, und meinen Du seist zu empfindlich, halte ich für feige, zu feige um zu ihren Fehlern zu stehen und das ist erst recht eine Schwäche.

      Es ist besser solche Menschen in Zukunft zu meiden. Wenn mich jemand angebrüllt hat und er sich nicht entschuldigt hat später, dann muss ich davon ausgehen dass es wieder passieren kann, jederzeit. Das kann ich nicht ertragen.
      In Gegenwart dieser Menschen fühle ich mich völlig unwohl, ständig in Alarmbereitschaft und angespannt. Das ist ungesund.

      Ich denke überhaupt nicht dass Du zu empfindlich bist, ich denke die anderen sind zu grob, jedenfalls die Leute die das behaupten.
      Die denken weil jemand sich nicht wehren kann, und eventuell unsicher ist, können sie machen was sie wollen, das ist nicht in Ordnung.

      Kleines Licht schrieb:

      Mein Dad hat sich am Abend mal für was entschuldigt, was ihm am Mittag passiert war und mich zum Ausrasten (RW) gebracht hat.
      Das finde ich gut. :thumbup:

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Kraehe ()

    • Ich lebe größtenteils auch im Moment. Das, was mancher in buddhistischen Seminaren zu lernen versucht, ist mein Normalzustand.

      Leere ist der Normalzustand. Ein Gefühl geht durch mich hindurch - kommt also, ist da, und geht auch gleich wieder - dann ist da wieder Leere.

      Das bedeutet aber auch: Haltlosigleit. Und ein Gefühl wie - einsam Herumschwirren im Weltall -, wenn gerade nichts von außen etwas in mir bewegt.

      @Alys Genau solche Visualisierungsübungen haben mir auch deutlich gezeigt, dass mein Gehirn scheinbar Dinge können sollte, die es nicht kann.
      "Ich neige zur Redundanz. Zudem wiederhole ich mich gern." Fishismus