Reizüberflutung auch ohne Autismus möglich?

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Reizüberflutung auch ohne Autismus möglich?

      Hallo Leute,

      ich bekam gestern mitgeteilt, dass ich keine Autismus-Spektrumsstörung besitze bzw. nicht davon betroffen bin und die Gründe dafür, an die ich mich noch erinnern kann waren diese hier:

      1.) Ich rede und verhalte mich nicht hölzern genug und mache nicht den Eindruck, als sei ich "schüchtern und zurückhaltend" bei der Kommunikation.
      2.) Da ich in meiner Kindheit in mehreren Sportarten über mehrere Jahre im Verein gespielt habe die Kontakt mit meinen Mitmenschen erfordert haben wurde mir erklärt, dass das untypisch für Autisten sei.
      Diese würden eventuell zwar auch mal Sportarten ausprobieren, sich aber sehr ungeschickt dabei anstellen und nach dem ersten Versuch aufhören.
      3.) Ebenfalls sei meine Grobmotorik wohl eher darauf bezogen, dass ich manche Dinge im Unterbewusstsein einfach nicht wollte und mich deshalb ungeschickt dabei angestellt habe.
      Ich habe über mehrere Jahre Tischtennis im Verein gespielt, wo man eine gute Motorik benötigt, um überhaupt den kleinen Ball immer und immer wieder treffen zu können und das auch bei hohen Geschwindigkeiten.
      Dies gelang mir gut, da ich ja sogar auf Turnieren gespielt habe.
      4.) In der Kindheit habe ich beispielsweise mit Action-Figuren gespielt und dadurch auch eine Art "Rollenspiel" vollzogen was laut Spezialist wohl auch untypisch für Autisten sei.
      5.) Ich habe kein wirkliches Spezialinteresse sondern verschiedene Sachen in meinem Leben treten gehäuft in den Vordergrund oder eher weniger.
      Beispiel: Sport, Zeichnen, früher war es noch Musizieren und heute ist es am PC beispielsweise so, dass ich mich nicht für ein bestimmtes Thema oder Gebiet interessiere sondern eben alles lese, was ich aufsaugen kann.

      Ich kann diese Punkte soweit nachvollziehen und bei mir wurde wohl auch Borderline und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ausgeschlossen.
      So wirklich einordnen konnte man bei mir wohl aber auch nicht, was mit mir los ist, da ich zwar irgendwie jeweils 2, 3 Symptome in jeder Persönlichkeitsstörung aufweisen würde, diese aber nicht ausreichen würden um zu sagen, dass es Persönlichkeitsstörung X oder Y ist.


      Nun ist da bei mir aber die Sache mit den Reizüberflutungen und den sozialen Problemen die ich persönlich nicht einordnen kann.
      Ist es nicht so, dass Reizüberflutungen typisch für Autisten sind?
      Ich habe bisher noch keinen Zusammenhang mit möglichen anderen Spektrumsstörungen gefunden.
      Mir wurde zwar empfohlen, dass ich zur Tiefenpsychologie gehen soll und dort aufarbeiten und herausfinden soll, warum ich sozial so anecke und warum ich wohl sehr gestresst zu sein scheine aber Reizüberflutungen sind doch kein Produkt von Stress, oder? Die habe ich seit meiner Kindheit und sie wurden von Jahr zu Jahr stärker. Allerdings wurde ich auch gefragt, ob ich schon mal so stake Reizüberflutungen hatte, dass ich kurze Zeit später nicht mehr wusste, was z.B. vor 15 Minuten passiert ist und das ist mir noch nie passiert. Allerdings ist es bei mir so, dass ich bei und nach Busfahrten, Zugfahrten, Autofahrten und in Anwesenheit von größeren Menschenansammlungen wie beim Einkaufen extrem erschöpft bin und mich ausgelaugt fühle und das muss ja einen Grund haben?


      Versteht mich nicht falsch, es geht mir nicht darum, um eine Autismus-Diagnose zu Kämpfen.
      An sich ist es für mich persönlich positiv, dass ich nicht von der Spektrumsstörung betroffen bin. Auf der anderen Seite habe ich aber wohl massive psychische Probleme die es mir nicht ermöglichen, ein normales Leben mit funktionierender Beziehung/funktionierenden freundschaftlichen Beziehungen führen zu können und das wiederum macht mich extrem traurig. Ich will halt nur mal aus eurer Meinung erfahren, wie ihr das mit den Reizüberflutungen erlebt damit ich auch für mich nachvollziehen kann, dass diese Reizüberflutungen eben nicht unbedingt mit Autismus zusammenhängen müssen.

      The post was edited 6 times, last by exorcist ().

    • exorcist wrote:

      Ist es nicht so, dass Reizüberflutungen typisch für Autisten sind?
      Nein, nicht nur bei Autisten! Die gibt es auch bei vielen anderen Störungen. Sie sind auch bei AD(H)S häufig sowie bei hochsensiblen Personen. Google mal das Thema Hochsensibilität, vielleicht bist du da ja betroffen.
    • exorcist wrote:

      Ich will halt nur mal aus eurer Meinung erfahren, wie ihr das mit den Reizüberflutungen erlebt damit ich auch für mich nachvollziehen kann, dass diese Reizüberflutungen eben nicht unbedingt mit Autismus zusammenhängen müssen.
      Reizüberflutungen kommen auch bei sensiblen Menschen (NAs, die empfindliche Sinne haben) vor, und bei ADHS. Ich vermute, dass für AS die Meltdowns typisch sind. Empfindliche NAs sind zwar völlig gestresst, rasten aber eher nicht aus im Sinne von Wutanfällen, und ADHSler auch nicht, soviel ich weiß. Dass ich Erinnerungslücken nach einem Meltdown habe, ist mir aber auch noch nie passiert. Ich erinnere mich schon an alles.

      Was die sozialen Schwierigkeiten betrifft: hat man da denn nicht näher hingeschaut, was das genau für Schwierigkeiten sind? Ob es z.B. solche Schwierigkeiten sind, die durch schlechte ToM-Fähigkeiten zustande kommen, wörtlich nehmen, oder mangelnde Gegenseitigkeit, sich nicht auf das Gegenüber einstellen können? Wenn ja, dann würde das alles meiner Meinung nach für AS sprechen. Oder auch Schwierigkeiten aufgrund der Wahrnehmung, z.B. mit größeren Gruppen oder unbekannten Orten, neuen Situationen?

      Motorische Ungeschicklichkeit muss dagegen nicht zwingend vorliegen. Sie tritt nur bei einer Untergruppe von AS auf, aber nicht bei allen. Ich selbst habe in meiner Jugend auch Mannschaftssport gemacht (Volleyball), und natürlich ist es nicht so, dass das alleine AS ausschließen würde. Es ist ja auch nicht so, dass man sich solche Dinge aussucht, sondern oft kommt man rein durch Zufall dazu, in meinem Fall z.B. weil mich eine Cousine eben zum Training mitgenommen hat. Ob man dann nach dem ersten Versuch gleich wieder aufhört, ist sicher auch Typsache. Ich habe nie schnell aufgegeben.
      Im Tischtennis war ich btw auch nicht schlecht.

      exorcist wrote:

      1.) Ich rede und verhalte mich nicht hölzern genug und mache nicht den Eindruck, als sei ich "schüchtern und zurückhaltend" bei der Kommunikation.
      Das ist das einzige aus dem Genannten, was wirklich gegen AS sprechen könnte. Ich finde schon, dass man bei der Art zu kommunizieren bei allen ASlern etwas Auffälliges findet. Ob das immer "schüchtern und zurückhaltend" sein muss, weiß ich aber nicht. Ich selbst wirke wohl so und rede auch eher wenig (im Gegensatz zum schreiben...), aber manche sagen ja, dass sie sehr viel reden und andere zutexten können, das dürfte dann ja nicht mehr schüchtern wirken. Aber auf jeden Fall ist immer irgendetwas anders und auffällig beim Reden. Merkt man vielleicht nicht gleich nach den ersten zwei Sätzen, aber in einem längeren Gespräch bei einer Diagnostik auf jeden Fall. Da müsste auch etwas beim Blickkontakt auffallen, nicht dass man unbedingt gar nicht den Arzt anschaut, aber vielleicht kürzer, länger oder sonst anders als normal.


      Gibt es denn etwas in deinem Leben, was deine Schwierigkeiten ebenso erklären könnte, oder haben der/die Ärzt/in eine Möglichkeit aufgezeigt, wie das zustande kommt? Zum Beispiel schlechte Erfahrungen in der Kindheit, Probleme mit/bei den Eltern, wenig Kontakt zu Gleichaltrigen (keine Geschwister, kein Kindergartenbesuch vielleicht) oder irgend sowas?
      Alles wird galaktisch gut.
    • exorcist wrote:

      Ist es nicht so, dass Reizüberflutungen typisch für Autisten sind?
      Spannendes Thema.

      Aktuell kommt das Thema "Reizüberflutung" in den Diagnose-Kriterien nicht vor, also zumindest in denen, die in Deutschland gelten (ICD-10).
      In DSM-5 wurde es aufgenommen, jedoch nur als einer von vielen Aspekten und nicht wirklich entscheidend für eine Diagnose.

      Soweit mir bekannt, gibt es inbesondere bei AD(H)S starkte Reizüberflutungszustände, aber auch bei Psychosen, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass die Eigenschaft "Neigung zu Reizüberflutung" in der Bevölkerung normalverteilt ist und das deshalb nichts krankhaftes ist.
    • Shenya wrote:

      Was die sozialen Schwierigkeiten betrifft: hat man da denn nicht näher hingeschaut, was das genau für Schwierigkeiten sind? Ob es z.B. solche Schwierigkeiten sind, die durch schlechte ToM-Fähigkeiten zustande kommen, wörtlich nehmen, oder mangelnde Gegenseitigkeit, sich nicht auf das Gegenüber einstellen können? Wenn ja, dann würde das alles meiner Meinung nach für AS sprechen. Oder auch Schwierigkeiten aufgrund der Wahrnehmung, z.B. mit größeren Gruppen oder unbekannten Orten, neuen Situationen?


      Das ist das einzige aus dem Genannten, was wirklich gegen AS sprechen könnte. Ich finde schon, dass man bei der Art zu kommunizieren bei allen ASlern etwas Auffälliges findet. Ob das immer "schüchtern und zurückhaltend" sein muss, weiß ich aber nicht. Ich selbst wirke wohl so und rede auch eher wenig (im Gegensatz zum schreiben...), aber manche sagen ja, dass sie sehr viel reden und andere zutexten können, das dürfte dann ja nicht mehr schüchtern wirken. Aber auf jeden Fall ist immer irgendetwas anders und auffällig beim Reden. Merkt man vielleicht nicht gleich nach den ersten zwei Sätzen, aber in einem längeren Gespräch bei einer Diagnostik auf jeden Fall. Da müsste auch etwas beim Blickkontakt auffallen, nicht dass man unbedingt gar nicht den Arzt anschaut, aber vielleicht kürzer, länger oder sonst anders als normal.


      Gibt es denn etwas in deinem Leben, was deine Schwierigkeiten ebenso erklären könnte, oder haben der/die Ärzt/in eine Möglichkeit aufgezeigt, wie das zustande kommt? Zum Beispiel schlechte Erfahrungen in der Kindheit, Probleme mit/bei den Eltern, wenig Kontakt zu Gleichaltrigen (keine Geschwister, kein Kindergartenbesuch vielleicht) oder irgend sowas?


      Nein, man hat mir nicht gesagt, in welche Richtung es dabei gehen könnte oder welche Schwierigkeiten es genau sind, die das soziale Anecken verursachen.
      Bei mir ist es aber halt z.B. so, dass ich ein extremer Klugscheißer bin und immer frei heraus das sage, was ich denke. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob das den anderen verletzt oder nicht. Ich wurde so erzogen, immer ehrlich zu sein und bin es daher auch. Dies erwarte ich aber auch von meinen Mitmenschen. Und in genau dieser Hinsicht wurde ich schon sehr oft enttäuscht und hintergangen, gerade in partnerschaftlichen Beziehungen (Ich wurde oft angelogen und das hasse ich wie die Pest (RW)). Ich selber habe den starken Verdacht, dass sich meine Psyche extrem verändert hat, als ich so ca. 14 Jahre alt gewesen bin. Das war nämlich die Zeit, wo ich meine erste wirkliche (große) Liebe kennengelernt habe und sie hat mir damals nur vorgespielt, dass sie mich lieben würde. Ich habe dann ganz zum Schluss erfahren, dass sie mit einem ehemaligen Klassenkameraden von mir darum gewettet hat ob sie es schaffen würde, mir das Herz zu brechen und das hatte sie auch geschafft. Sie war bzw. ist 2 Jahre älter als ich und ich hatte damals noch keine Ahnung davon, wie das so abläuft mit Küssen und Sex etc.

      Aber anstatt mit mir zu Reden hat sie nie von sich aus die Initiative ergriffen und mich sozusagen an die Hand genommen und mir alles gezeigt sondern ist dann lieber mit dem nächstbesten in die Kiste gesprungen und hat dann ein paar Wochen später als sie im Krankenhaus lag und meine Oma auf dem selben Zimmer gelegen hat zu ihr gesagt, dass ich es doch gewesen bin, der was mit 2 anderen Frauen am Laufen hatte obwohl das dreist gelogen gewesen ist. Auf der Berufsschule bin ich dann ein zweites Mal auf sie hereingefallen als ich sie wiedergesehen habe und sie hat mich erneut verarscht und wollte nie wirklich was von mir. Ich Idiot wollte es aber unbedingt nochmal mit ihr versuchen weil ich sie noch nicht aus meinem Kopf gestrichen hatte zu der Zeit. Damals empfand ich dann eine lange Zeit Selbsthass und wusste einfach nicht, warum das passiert ist. Und alle Frauen, die danach gekommen sind haben das Gleiche mit mir gemacht, nur mit unterschiedlichen Ausreden am Ende die es rechtfertigen sollten, mit mir "Schluss zu machen".
      Ich habe Anfangs immer den Frauen die Schuld dafür gegeben und bin später aber auf den Gedanken gekommen, dass es wohl auch an mir liegt, dass die Dinge so ausgeartet sind. Denn genauer betrachtet habe ich im Unterbewusstsein jede Frau, die sich verdächtig verhalten hat mit meiner Jugendliebe verglichen und ziemlich schnell Rückschlüsse gezogen. Irgendwann kam es dann dazu, dass ich kein Vertrauen mehr aufbauen konnte und nach meiner letzten Beziehung war ich emotional so fertig (weil ich sie extrem geliebt habe und sie mich verlassen hat mit der Begründung, dass sie ihren Freiraum benötigt und ich was besseres verdient habe), dass ich das einfach alles in Sachen Beziehungen hinter mir lassen wollte. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang, der bis in meine Jugend zurückreicht.

      Reden tue ich selber an sich auch nur dann, wenn man mich etwas fragt und ich mir auch absolut sicher bin, dass ich die Antwort parat habe.
      Das gestern in der Diagnose war für mich aber kein Problem (ging ca. eine Stunde). Wenn die Fragen deutlich gestellt werden, dann kann ich zu erlebten Dingen auch viel erzählen. Und in diesem Fall waren die Informationen ja auch nötig, um eine richtige Diagnose stellen bzw. eine falsche Diagnose ausschließen zu können. Ich bin in der Lage, mit meinem Gesprächspartner Blickkontakt zu halten aber eher dann, wenn mein Gesprächspartner gerade spricht und ich nur zuhöre. Wenn ich dann selber rede, dann schaue ich die meiste Zeit über auch eher wo anders hin. Das soll bei mir wohl aber auch eher was mit der Psyche zu tun haben.


      @Febry: Ich habe mir mal auf die Schnelle bei Wikipedia alles dazu durchgelesen und muss feststellen, dass das alles bis auf das intensive Erleben von Kunst auf mich zutrifft.
      Das wäre dann zumindest schon mal eine Erklärung dafür, wieso ich doch an recht starken Reizüberflutungen leide. Danke für die Idee.

      @mnesis: Gut zu wissen. Dann gibt es da wohl tatsächlich nicht unbedingt einen Zusammenhang. ADHS wurde bei mir aber mit keinem Wort erwähnt also gehe ich mal davon aus, dass es bei mir tatsächlich "nur" tief verborgene psychische Probleme sind, die aufgearbeitet werden sollten. :|

      The post was edited 6 times, last by exorcist ().

    • exorcist wrote:

      Aber anstatt mit mir zu Reden hat sie nie von sich aus die Initiative ergriffen und mich sozusagen an die Hand genommen und mir alles gezeigt sondern ist dann lieber mit dem nächstbesten in die Kiste gesprungen
      In welche Kiste? Ich kann Dir ehrlich gesagt in diesem Abschnitt Deines Textes überhaupt nicht folgen.
    • mnesis wrote:

      exorcist wrote:

      Aber anstatt mit mir zu Reden hat sie nie von sich aus die Initiative ergriffen und mich sozusagen an die Hand genommen und mir alles gezeigt sondern ist dann lieber mit dem nächstbesten in die Kiste gesprungen
      In welche Kiste? Ich kann Dir ehrlich gesagt in diesem Abschnitt Deines Textes überhaupt nicht folgen.
      Sorry. Kiste bzw. in die Kiste springen ist in dem Zusammenhang ein anderes Wort für Bett bzw. miteinander ins Bett gehen = Sex haben.

      The post was edited 1 time, last by exorcist ().

    • Mich wundert ein wenig, dass die Argumente ausschließlich negativ waren. Dass ein Teil der Symptomatik fehlt, gehört ja sozusagen zu den Symptomen dazu. Und gerade bei der Motorik - ich habe eindeutige motorische Defizite (mal ganz unabhängig von der Frage AS/NA, aber sie sind definitv da), aber für Tischtennis hat es gereicht, Deine sportlichen Aktivitäten beweisen also nicht, dass Du motorisch normal bist.
      Und Rollenspiele als Kind sind auch nur ein Hinweis - meine Tochter hat das regelmäßig gemacht und trotzdem eine AS-Diagnose.

      Ich will Dir natürlich keine ASS einreden, aber es überrascht mich, dass man Dich so stehen lässt, mit einer Negativdiagnose für einige wenige Störungsbilder und der freundlichen Mitteilung "Bei Ihnen stimmt trotzdem etwas nicht, wir haben aber keine Ahnung, was es sein könnte". Soll es noch weitere Diagnostik geben, oder will man es dabei belassen?
    • mnesis wrote:

      exorcist wrote:

      Ist es nicht so, dass Reizüberflutungen typisch für Autisten sind?
      Spannendes Thema.
      Aktuell kommt das Thema "Reizüberflutung" in den Diagnose-Kriterien nicht vor, also zumindest in denen, die in Deutschland gelten (ICD-10).
      In DSM-5 wurde es aufgenommen, jedoch nur als einer von vielen Aspekten und nicht wirklich entscheidend für eine Diagnose.
      In den Medien, und auch in nahezu jedem neueren Laienbuch, wird leider genau das vermittelt. Das verwirrt natürlich.
      Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe.
      Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.
    • Reizfilterschwäche gibt es auch bei PTBS, außerdem bei Hochsensiblen und einigen anderen Störungen. Auch Leute, die einfach 'nur' Depressionen haben, kann sowas auftreten. Soziale Probleme inkl. Rückzug sind auch bei vielen anderen Störungen zu beobachten. Eine tiefenpsychologische Therapie würde ich - bei völliger Unkenntnis der Ursache - ebenfalls empfehlen, weil man dort große Chancen hat, die Ursachen zu erfahren und Wege lernt, damit umzugehen.

      Sieh es einfach so: Eine Sache als Ursache kannst du nun ausschließen, das ist doch auch schon was wert.
      Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren findet, der ihn versteht.
      (Friedrich Nietzsche)
    • HCS wrote:

      Mich wundert ein wenig, dass die Argumente ausschließlich negativ waren. Dass ein Teil der Symptomatik fehlt, gehört ja sozusagen zu den Symptomen dazu. Und gerade bei der Motorik - ich habe eindeutige motorische Defizite (mal ganz unabhängig von der Frage AS/NA, aber sie sind definitv da), aber für Tischtennis hat es gereicht, Deine sportlichen Aktivitäten beweisen also nicht, dass Du motorisch normal bist.
      Und Rollenspiele als Kind sind auch nur ein Hinweis - meine Tochter hat das regelmäßig gemacht und trotzdem eine AS-Diagnose.

      Ich will Dir natürlich keine ASS einreden, aber es überrascht mich, dass man Dich so stehen lässt, mit einer Negativdiagnose für einige wenige Störungsbilder und der freundlichen Mitteilung "Bei Ihnen stimmt trotzdem etwas nicht, wir haben aber keine Ahnung, was es sein könnte". Soll es noch weitere Diagnostik geben, oder will man es dabei belassen?
      Wie bereits erwähnt stellte der Diagnostiker fest, dass es sich bei der Grobmotorik die ich erwähnt hatte eher um ein psychisches Problem handeln würde und ich im Unterbewusstsein bestimmte Dinge wie Möbel aufbauen einfach nicht machen wollte und deshalb so oft ungeschickt dabei gewesen bin. Und im Prinzip ist da auch etwas Wahres dran. Als Kind "musste" ich immer mit meinem Vater Möbel zusammenbauen, der mich dann immer angebrüllt und als dämlich bezeichnet hat, wenn ich eben etwas falsch gemacht habe. Das hat dann im Laufe der Jahre dazu geführt, dass ich darauf keine Lust mehr hatte. Wenn ich heute in meiner eigenen Wohnung z.B. einen Computertisch aufgebaut habe, dann gab es da keine Probleme. Es hat zwar etwas länger gedauert aber beim Aufbau an sich gab es keine Probleme.

      In Bezug auf die Sportaktivitäten hat er es mir aus der neurologischen Sicht im Gehirn erklärt.
      Bei einem Autisten sind die Gehirnstränge wohl anders aufgebaut als bei einem NT was dazu führt, dass eben auch solche Abläufe wie im Tischtennis dazu führen würden, dass man den Ball kaum trifft und nicht präzise Schmettern kann und die Rückhand nicht in der Form benutzen kann, dass sie im Spiel eine Unterstützung ist (Feinmotorik war ein Wort, welches gefallen ist). Auch beim Basketball gab er mir das Beispiel und zeigte mir, wie ein Autist z.B. den Ball werfen würde, so mit einer Art abgeknickten Hand. Dies würde wiederum dazu führen, dass man selten mal in den Korb trifft. Und diese Probleme hatte ich ja nie.

      Was bei deiner Tochter ist kann ich natürlich nicht sagen aber mir wurde halt erklärt, dass ich zwar 2, 3 Symptome hätte, die in das Bild passen würden (wenig bis keine Freunde + das soziale Anecken und eventuell auch die Reizüberflutungen aber die wurden eher ausgeschlossen) und diese 2 Sachen würden nicht für eine Autismus-Spektrum-Diagnose ausreichen. Vielleicht gab es bei deiner Tochter einfach weitaus mehr Symptome die ins Bild gepasst haben.

      Es wurde mir angeboten, die Tiefenpsychologie dort in Berlin zu machen aber da ich nun mal von außerhalb komme (250 km Entfernung) habe ich das aufgrund der Kosten verworfen und werde mal schauen, ob sich hier in meiner Nähe etwas finden lässt. Aber leider wird wohl auch da die Kostenfrage ein Problem werden. Man sagte mir nämlich, dass man wohl 5 Stunden auf Probe kostenlos machen kann und jede weitere Stunde dann Geld kostet. Ich glaube kaum, dass sich meine Probleme innerhalb von 5 Stunden bzw. Sitzungen beheben lassen und deshalb weiß ich noch nicht so wirklich, was ich tun werde.

      @Palinurus: Da hast du absolut Recht. :nod:

      The post was edited 5 times, last by exorcist ().

    • exorcist wrote:

      Man sagte mir nämlich, dass man wohl 5 Stunden auf Probe kostenlos machen kann und jede weitere Stunde dann Geld kostet. Ich glaube kaum, dass sich meine Probleme innerhalb von 5 Stunden bzw. Sitzungen beheben lassen und deshalb weiß ich noch nicht so wirklich, was ich tun werde.
      Ist es nicht so, dass die Kasse nach den 5 Stunden neu entscheiden muss, ob eine weitere Behandlung nicht doch notwendig ist? Und 5 Stunden helfen zwar wahrscheinlich noch nicht wirklich, aber vielleicht kommst Du damit iwenigstens bei der Ursachenforschung weiter.
      Immerhin hätte es einen Vorteil, wenn es "nur" tief vergrabene Probleme wären: im Gegensatz zu AS hat man eine Chance, sie wegzutherapieren.
    • exorcist wrote:

      . Man sagte mir nämlich, dass man wohl 5 Stunden auf Probe kostenlos machen kann und jede weitere Stunde dann Geld kostet.
      Das stimmt so nicht (ganz).
      5 Stunden sind "Probe-Sitzungen", in denen Du und der Therapeut herausfinden könnt, ob die Voraussetzungen für eine Therapie auf beiden Seiten gegeben sind (z.B. kann der Therapeut mit Deinen Problemen was anfangen und denkt er, er kann Dir helfen? Ist Sympathie vorhanden?).
      Falls Ihr Euch einig seid, eine Therapie versuchen zu wollen, muss der Therapeut einen Antrag schreiben und bei Deiner Krankenkasse einreichen. Sobald der Antrag genehmigt ist, zahlt die Krankenkasse die Stunden bis zur festgelegten Höchstgrenze (die sind unterschiedlich, je nach Therapieform).
    • mnesis wrote:

      exorcist wrote:

      . Man sagte mir nämlich, dass man wohl 5 Stunden auf Probe kostenlos machen kann und jede weitere Stunde dann Geld kostet.
      Das stimmt so nicht (ganz).5 Stunden sind "Probe-Sitzungen", in denen Du und der Therapeut herausfinden könnt, ob die Voraussetzungen für eine Therapie auf beiden Seiten gegeben sind (z.B. kann der Therapeut mit Deinen Problemen was anfangen und denkt er, er kann Dir helfen? Ist Sympathie vorhanden?).
      Falls Ihr Euch einig seid, eine Therapie versuchen zu wollen, muss der Therapeut einen Antrag schreiben und bei Deiner Krankenkasse einreichen. Sobald der Antrag genehmigt ist, zahlt die Krankenkasse die Stunden bis zur festgelegten Höchstgrenze (die sind unterschiedlich, je nach Therapieform).

      Ah OK. Danke für die Information.
      Wenn es tatsächlich so ablaufen sollte dann wäre es ja wiederum kein Problem.
      Blöd wird es nur, wenn sich auf Anhieb nicht der Therapeut finden lässt, der in der Lage dazu ist, die Probleme zu erkennen und anzugehen.
      Dann rennt man nämlich von Therapeut zu Therapeut und erzählt seine Lebensgeschichte immer und immer wieder und irgendwann weiß es der gesamte Therapeutenkreis in der Umgebung, was mit einem los ist. x(

      Aber ja, man soll ja nicht immer vom Schlimmsten ausgehen und deswegen sollte ich es wohl wenigstens versuchen in der Hoffnung, dass die Ursache(n) gefunden werden und sich eine Lösung dafür findet.

    • HCS wrote:

      Deine sportlichen Aktivitäten beweisen also nicht, dass Du motorisch normal bist.
      Motorische Schwierigkeiten/ Auffälligkeiten in Kombination mit guter Motorik in Einzelaspekten kommt meines Wissens nach häufig vor.

      HCS wrote:

      Und Rollenspiele als Kind sind auch nur ein Hinweis - meine Tochter hat das regelmäßig gemacht und trotzdem eine AS-Diagnose.
      Viele autistische Kinder, insbesondere (aber nicht ausschließlich) Mädchen, lernen durch Rollenspiele sogar viel über Kommunikation und soziales Verhalten. Typisch ist aber, dass die Rollenspiele sich in der Art und der Inspiration von den typischen Mädchen-Rollenspielen unterscheiden. Die Inspiration ist meist nicht das Alltagsleben, sondern oft Filme oder Bücher. Häufig wird zunächst das "Skript" ziemlich genau nachgespielt und erst von da aus variiert (auch autistische Kreativität scheint oft auf diese Weise ein wenig anders zu funktionieren). Beliebt sind oft nicht Themen wie "Topmodel", "Internat", "Schule", "Vater-Mutter-Kind" etc., sondern beispielsweise Fantasy und Science Fiction. Typisch ist auch, dass das Rollenspiel mit Gleichaltrigen oft nicht funktioniert, weil das Kind ein genaues Setting im Kopf hat und bestimmen will. Besser geht es mit jüngeren, die noch mitmachen, oder deutlich älteren Kindern bzw. Erwachsenen, die das Kind dann halt "machen lassen". Oder es wird allein gespielt. Interessantes Thema.

      HCS wrote:

      es überrascht mich, dass man Dich so stehen lässt, mit einer Negativdiagnose für einige wenige Störungsbilder und der freundlichen Mitteilung "Bei Ihnen stimmt trotzdem etwas nicht, wir haben aber keine Ahnung, was es sein könnte".
      Das scheint leider nicht selten zu sein - einer Freundin von mir ging es genauso. Leider zu einem Zeitpunkt, wo sie die Diagnose dringend gebraucht hätte und so letztlich ihren Arbeitsplatz verlor.

      Ginome wrote:

      mnesis wrote:

      exorcist wrote:

      Ist es nicht so, dass Reizüberflutungen typisch für Autisten sind?
      Spannendes Thema.Aktuell kommt das Thema "Reizüberflutung" in den Diagnose-Kriterien nicht vor, also zumindest in denen, die in Deutschland gelten (ICD-10).
      In DSM-5 wurde es aufgenommen, jedoch nur als einer von vielen Aspekten und nicht wirklich entscheidend für eine Diagnose.
      In den Medien, und auch in nahezu jedem neueren Laienbuch, wird leider genau das vermittelt. Das verwirrt natürlich.
      Die Entwicklung finde ich auch problematisch. Meinem Eindruck nach macht die Reizfilterschwäche zumindest im Erwachsenenalter bei vielen Autisten nicht die "Kernproblematik" aus. Und wenn, dann teilweise auch in einer Weise, wo gar nicht die Reizfilterschwäche selbst als auffällig oder belastend wahrgenommen wird, sondern ihre Auswirkungen (etwa, wenn man bei vielen Nebengeräuschen Gesprächen nicht mehr folgen kann). Bei autistischen Kindern (aber etwa auch ADHS-Kindern) ist die Reizfilterschwäche oft ein großes Problem. Aber im Erwachsenenalter verschwindet das oft oder schwächt sich zumindest sehr ab (ähnlich wie manche anderen Wahrnehmungsbesonderheiten wie Synästhesie oder die "Perspektivenverschiebungen", die auch Asperger erwähnt). Oftmals ist es dann viel weniger spektakulär als die populäre Darstellung in den Medien. Dazu kommt, dass viele Autisten gerade im Erwachsenenalter sogar hyposensitiv manchen Reizen gegenüber sind. Wenn dann noch ein schlechtes Körpergefühl hinzu kommt, durch das sie im wahrsten Sinne des Wortes oft "anecken", wirken sie oft so gar nicht so wie die "empfindlichen Seelen", die man bei den Beschreibungen reizempfindlicher Autisten vermutet. Eventuell sogar wie das genaue Gegenteil.

      Vor etwas über einem Jahr habe ich mal ein Wochenendseminar über Hochsensibilität mitgemacht, wo die Teilnehmer sich auch selbst als hochsensibel einstuften. Dort gab es zwar Leute, die sicher eine Affinität zum Spektrum hatten (bei zweien hatte ich die Vermutung sehr stark), und es gab viele Überschneidungen. Insgesamt war der "Schwerpunkt" der Alltagsprobleme aber doch ein anderer.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      Bei autistischen Kindern (aber etwa auch ADHS-Kindern) ist die Reizfilterschwäche oft ein großes Problem. Aber im Erwachsenenalter verschwindet das oft oder schwächt sich zumindest sehr ab
      Das kann ich zumindest aus meiner Sicht nicht bestätigen, sondern das Gegenteil ist der Fall. Als ich jünger war, konnte ich einige Dinge besser tolerieren als heute.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      Leonora wrote:

      Bei autistischen Kindern (aber etwa auch ADHS-Kindern) ist die Reizfilterschwäche oft ein großes Problem. Aber im Erwachsenenalter verschwindet das oft oder schwächt sich zumindest sehr ab
      Das kann ich zumindest aus meiner Sicht nicht bestätigen, sondern das Gegenteil ist der Fall. Als ich jünger war, konnte ich einige Dinge besser tolerieren als heute.
      Das ist sicher individuell verschieden, kommt aber darauf an, auf welche Aspekte sich die Reizfilterschwäche bezieht. Als Kind war ich beispielsweise extrem empfindlich, was die Textur von Nahrungsmitteln oder auch Kleidung anging. Auch manche "Lichtreflexe" (helles Licht, das sich auf dunklem Grund bewegte) konnte ich kaum aushalten und sie machten mir Angst. Eine Zeitlang sah ich Nachbilder extrem stark farbig und intensiv, was mich ebenfalls ängstigte. Ich wusste seinerzeit noch nicht, was das war, und konnte es meinen Eltern auch nicht wirklich beschreiben. Ich nannte sie "die Dinger", wodurch sie wohl dachten, ich hätte Halluzinationen oder Angst vor Monstern bzw. Geistern (diese "normalen" Kinderängste gab es durchaus auch). Das hat sich in der späteren Kindheit dann zunehmend verflüchtigt und mit der Pubertät dann gegeben. In sozialer Hinsicht wiederum bin ich in den letzten Jahren auch eher empfindlicher geworden (etwa, was das Mithören von Gesprächen angeht, die mir aufgedrängt werden). Das hat aber wohl weniger mit dem zu tun, was ich als "neurologische Reizfilterschwäche" verstehe.

      HCS wrote:

      Leonora wrote:

      sondern beispielsweise Fantasy und Science Fiction. Typisch ist auch, dass das Rollenspiel mit Gleichaltrigen oft nicht funktioniert, weil das Kind ein genaues Setting im Kopf hat und bestimmen will.
      So ist es in der Tat bei meiner Tochter
      War bei mir ebenso, und ich habe schon oft ähnliches von Autistinnen gehört.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Hm, an deiner Stelle würde ich mir eine Liste machen mit den Schwierigkeiten die Du hast, wie Du sie wahrnimmst und welche Auswirkungen sie auf dich haben -
      z. B. Missverständnisse mit/ durch Mitmenschen - Du bist davon ausgeangen, dass Du dein Gegenüber richtig verstanden hast, oder umgekehrt - Du eckst an, bzw. Mitmenschen schätzen dich anders ein als Du bist...

      Mache Selbstbeobachtungen und notiere dir auftretende Probleme, damit Du Beispiele hast. Nützlich sind wohl auch Zeugnisse (besonders aus der Grundschulzeit) oder gar deine Schulakte, damit der/die Diagnosesteller auch nachvollziehen können, wie es früher bei dir war. Evtl. kannst Du auch diesen Selbsttest (der mit dem ausführlichen Diagramm) machen und mitbringen, damit deutlicher ersichtlich ist, wo deine Probleme liegen könnten.
      Sprich: Du machst einen neuen Termin aus oder holst dir wo anders eine zweite Meinung ein.

      Einfach und ohne sichere Ausschlussdiagnostik in der eigenen Psyche "herumbohren lassen" kann einem im dümmsten Fall komplett "den Kopf verdrehen"

      Edit: Wichtig ist auch, was für ein Feedback Du von anderen bekommst, z. B. bezüglich der Sprechweise (lauter, leiser, zu monoton, etc.)
      Mein Partner hat übrigens auch schon in jüngsten Jahren Mannschaftssport gemacht und konnte das auch gut kompensieren (vermutlich wegen dem frühzeitigen Beginn), denn ungeschickt ist er trotzdem, es stört in seinem Leben nur nicht weiter.

      The post was edited 2 times, last by FailureForever ().