Ausbildung zum EX-IN Genesungsbegleiter - auch ein Weg für Autisten?

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    • Ausbildung zum EX-IN Genesungsbegleiter - auch ein Weg für Autisten?

      Die Ausbildung zum EX-IN Genesungsbegleiter wurde vor über zehn Jahren im Rahmen eines EU-Projekts entwickelt und ist vom Prinzip des Peer-Counseling aus der Selbsthilfe geprägt. Der Gedanke dahinter ist, dass Beratung dann am besten funktioniert, wenn sie "auf Augenhöhe" stattfindet und der Rat von Menschen stammt, die die betreffenden Probleme aus eigener Erfahrung aus der Innensicht kennen. In erster Linie richtet die EX-IN-Ausbildung sich an Menschen mit Psychose- bzw. Psychiatrieerfahrung, die stabil genug sind, um Menschen in akuten Krisensituationen als "Peers" zu unterstützen und ihnen Hoffnung zu geben, dass auch ihr Leben noch einmal wieder besser werden kann. Schon der Name ist im gewissen Sinne ein als mutmachend gedachtes Wortspiel. Offiziell steht er für "Experienced Involvement" - spielt aber auch auf die Vorstellung an, dass ein Psychiatriepatient einen anderen Blick auf seine Situation bekommt, wenn er plötzlich einem "Experten aus Erfahrung" begegnet, der ganz anders redet und auftritt als die übrigen Fachkräfte. "Hey, ich war auch mal drin" ..... Durch die "Innensicht", so die Vorstellung, sollen EX-IN Genesungsbegleiter ebenso Hoffnung vermitteln wie aufklären - und so auf lange Sicht das "System" "von innen" verändern.

      Besonders gefällt mir an diesem Ansatz, dass hier etwas, was ansonsten als "Makel" gilt, nämlich die psychische "Andersartigkeit", als Qualifikation gesehen wird und Wertschätzung erfährt. Zudem bietet der Beruf Menschen, die sonst oft keine Chance mehr auf einen inhaltlich interessanten, sinnerfüllenden Arbeitsplatz hätten, einen Weg, bei dem sie ihre Stärken einsetzen können, ohne sich "verbiegen" zu müssen. Sie sind gewissermaßen "Sozialarbeiter mit der Lizenz zum Anderssein". Eventuell wäre das auch ein Ansatz für manche Autisten, für die Berufe im technischen oder handwerklichen Bereich nicht passen und denen ansonsten nur geringqualifizierte Hilfstätigkeiten bzw. Arbeitslosigkeit blieben. Allerdings habe ich auch Zweifel, ob die gegenwärtige EX-IN-Ausbildung wirklich für Autisten geeignet wäre. Zwar hat sie sich mittlerweile für Menschen ohne Psychietrieerfahrung geöffnet, sofern sie dennoch tiefgreifende psychische Krisen erlebt haben. Die Ausbildung ist jedoch als ein Weg vom "Ich-Wissen" zum "Wir-Wissen" konzipiert, bei dem die eigenen Krisenerfahrungen innerhalb einer Gruppe kritisch reflektiert werden. So soll eine neue, nicht akademische, sondern auf persönlicher Erfahrung beruhende "Wissen-Schaft" entstehen, die dann dazu befähigt, auch die Krisenerfahrungen anderer besser verstehen und sie unterstützen zu können. Das ganze impliziert daher eine recht enge Gruppendynamik, in der es wohl auch emotional sehr "zur Sache" geht (es wird darauf Wert gelegt, dass EX-IN-Auszubildende in ihrem persönlichen Umfeld außerhalb der Gruppe Menschen haben, mit denen sie über die oft sehr intensiven Gruppenerfahrungen sprechen können), die Kommunikation aber bewusst nicht zu "verkopft" sein soll. Ich kann mir doch vorstellen, dass das für manche Autisten, die eine Neigung zu "besserwisserischer" Außenwirkung, aber zugleich auch Probleme mit dem Schildern eigener Emotionen und dem emotionalen "Mitschwingen" haben, auch sehr schwierig werden kann. Insofern hätte ich für mich persönlich doch ziemliche Zweifel an diesem Weg, so sympathisch und interessant er mir auch erscheint. Daher würde mich sehr interessieren, ob es hier Autisten gibt, die die EX-IN-Ausbildung gemacht haben oder vielleicht sogar als EX-IN Genesungsbegleiter arbeiten. :)
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      The post was edited 3 times, last by Leonora ().

    • Grundsätzlich finde ich das EX-IN-Konzept sehr gut. Weniger schön ist allerdings, dass die Absolventen dieses Trainings anschließend an den Kliniken nur einen Hungerlohn (inzwischen wohl wenigstens Mindestlohn) verdienen.

      Ich denke auch, dass so ein Konzept durchaus übertragbar wäre auf den Bereich Autismus, natürlich entspr. modifiziert - bei Autisten geht es ja weniger darum, einer lebenslangen Klinikkarriere vorzubeugen, sondern sie z.B. in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ihnen zu selbständigem Wohnen zu verhelfen, sie bei Behördenkram zu unterstützen usw. Der kritische Punkt ist nur leider der: im Gegensatz zu EX-IN wird man nirgendwo die nötige finanzielle Unterstützung auftreiben können, so dass man auf rein ehrenamtlicher Basis arbeiten muss. Das sind jedenfalls die Erfahrungen derer, die vergleichbare Projekte jahrelang mit großem Engagement betrieben haben.
      "Ich würde nie einem Club beitreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen" (Groucho Marx) “Sich zu akzeptieren als den, der man ist, ohne etwas anderes sein zu wollen - das ist Freiheit“ (Ramesh Balsekar)
    • Für mich wäre das überhaupt nicht möglich. Ich verstehe andere Menschen da zu wenig. Die Kommunikation wäre auch noch ein Problem.

      Zudem bekomme ich selber ambulante Betreuung um in einer eigenen Wohnung leben zu können.
    • Bhai wrote:

      Weniger schön ist allerdings, dass die Absolventen dieses Trainings anschließend an den Kliniken nur einen Hungerlohn (inzwischen wohl wenigstens Mindestlohn) verdienen.
      Das ist leider traurige Realität in diesem Land, dass immer mehr Tätigkeiten in den Bereich des "Niedriglohnsektors" fallen.
      Der Staat scheint gar nicht zu merken, wie er sich nur selbst nachhaltig schädigt. All diese Menschen die im NS arbeiten, können nämlich keine Steuern zahlen.
      Je mehr sich dieses Gewerbe ausbreitet, desto mehr Steuereinnahmen fehlen dem Staat. Sieht man an Schulen, öffentlichen Einrichtungen, Straßen..
      Rot Orange Gelb Grün Blau Violett
    • Rasmuss wrote:

      Bhai wrote:

      Weniger schön ist allerdings, dass die Absolventen dieses Trainings anschließend an den Kliniken nur einen Hungerlohn (inzwischen wohl wenigstens Mindestlohn) verdienen.
      Das ist leider traurige Realität in diesem Land, dass immer mehr Tätigkeiten in den Bereich des "Niedriglohnsektors" fallen.Der Staat scheint gar nicht zu merken, wie er sich nur selbst nachhaltig schädigt. All diese Menschen die im NS arbeiten, können nämlich keine Steuern zahlen.
      Der Staat merkt das durchaus.
      Er hat nur nicht die Zielsetzung, daran etwas zu aendern.

      Sollte er, hat er aber nicht.


      Man liest sich ... Sascha
    • Rasmuss wrote:

      Der Staat scheint gar nicht zu merken, wie er sich nur selbst nachhaltig schädigt. All diese Menschen die im NS arbeiten, können nämlich keine Steuern zahlen.
      Ist doch egal.
      Die Menschen verdienen sich ihren Hartz4-Satz selbst, das reicht dem Staat völlig aus.
    • Die Ausbildung zum EX-IN Genesungsbegleiter
      Da es bei Autismus keine Genesung gibt, zeigt alleine schon die Bezeichnung, dass es sich für Autismus nicht eignet.


      Übrigens Rasmuss: Vermeide bitte die Abkürzung "NS", wenn du nicht "Nationalsozialismus" meinst. Damit kannst du Leute nämlich gewaltig beleidigen!
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    • Sascha wrote:

      Der Staat merkt das durchaus.
      Er hat nur nicht die Zielsetzung, daran etwas zu aendern.

      Sollte er, hat er aber nicht.
      Genau. Eigentlich wollte ich auch schreiben- oder er will es nicht merken.
      Diese ganze unsägliche Agenda 2010, der Niedriglohnsektor. Keine Dinge die sich so ergeben haben, sondern waren von Anfang an so gewollt.
      Wer im Bezug von ALG II ist, muss ja jeden Job annehmen. Da hat man genug Auswahl an mies bezahlten Jobs im Dienstleistungsgewerbe. Das ist die Drohkulisse.
      Rot Orange Gelb Grün Blau Violett
    • Lex wrote:

      Da es bei Autismus keine Genesung gibt, zeigt alleine schon die Bezeichnung, dass es sich für Autismus nicht eignet.
      Dass es sich nicht richtig eignet - ja, da stimme ich zu. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich die Ausbildung für Autisten doch skeptisch sehe. Ich selbst beispielsweise könnte mir nicht vorstellen, in einer psychiatrischen Klinik zu arbeiten. Einfach, weil ich selbst keine Psychiatrieerfahrung habe und das tiefere Verständnis aus dem gemeinsamen Erfahrungswissen den Patienten dort gerade nicht bieten könnte. Es gibt aber ja durchaus viele Autisten mit Psychiatrieerfahrung - und auch Autisten haben oft Komorbiditäten, von denen sie genesen können. Daher könnte das für manche durchaus geeignet sein. Inzwischen hat sich das Feld aber auch erweitert. Manche EX-IN Genesungsbegleiter arbeiten bei ambulanten Trägern, bei gemeinnützigen Vereinen, die etwa über das Thema Depressionen aufklären, oder sie sind als Dozenten und Angehörigen- und Betroffenen-Berater selbständig (wobei es sicher nicht einfach ist, davon zu leben). Genau das sind Bereiche, wo Autisten meiner Vermutung nach gut "andocken" könnten. Was ich so passend sind, sind die Aspekte des "Peer-Counseling" sowie des "Sozialarbeiters mit der Lizenz zum Anderssein", der Möglichkeit für Menschen mit "kaputtem" Lebenslauf bzw. ungeradem Werdegang. Genau das wäre so wichtig, um auch spätdiagnostizierten Autisten, deren Stärken nicht im technischen oder handwerklichen Bereich liegen, wieder Hoffnung bzw. eine Perspektive zu bieten. Aktuell gibt es da meines Wissens nach so gut wie nichts - und EX-IN hat hier die meisten "Schnittmengen".


      Ameline wrote:

      Eine Ausbildung zur EX-IN Genesungsbegleiter/in habe ich nicht.

      Dass es soetwas gibt, ist interessant. Danke für den Beitrag.
      Gern geschehen. :) Ich fände es sehr erfreulich, wenn auch verstärkt Autisten diesen Weg gehen und die Ausbildung vielleicht langfristig für diese Zielgruppe erweitert wird. Denn wie gesagt - in dem Feld selbst gäbe es potentiell schon jede Menge passender Möglichkeiten.


      shnoing wrote:

      Ich habe davon in anderem Kontext gehört (Heimkinder) und auch dort lässt sich damit nicht der Lebensunterhalt bestreiten.
      Schade. Das wäre tatsächlich auch ein Bereich, wo ich mir vorstellen kann, dass das funktionieren könnte. Auch das Engagement von Menschen mit Behinderung bleibt ja auch oft ehrenamtlich, auch dort, wo es professionell betrieben und andere für ähnliches bezahlt werden. Raul Krauthausen hat dazu einen lesenswerten Artikel verfasst.


      Bhai wrote:

      Grundsätzlich finde ich das EX-IN-Konzept sehr gut. Weniger schön ist allerdings, dass die Absolventen dieses Trainings anschließend an den Kliniken nur einen Hungerlohn (inzwischen wohl wenigstens Mindestlohn) verdienen.
      Ja, das ist ein großes Problem. Das Konzept lädt halt auch zum Missbrauch ein, kann es doch leicht dazu führen, dass intrinsisch motivierte und engagierte Menschen, die nicht viele andere Möglichkeiten haben, als "Lohndrücker" instrumentalisiert werden. Auf persönlicher Ebene ist es allerdings wohl oft besser als mies bezahlte Hilfstätigkeiten, die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt oder "Zuverdienstmodelle" "sozialer" Träger, bei denen psychisch Kranke für 1,50 Euro pro Stunde (plus ALG II) einfache Arbeiten im Servicebereich machen (etwa Wäscherei, Catering u. ä.).


      Bhai wrote:

      Ich denke auch, dass so ein Konzept durchaus übertragbar wäre auf den Bereich Autismus, natürlich entspr. modifiziert - bei Autisten geht es ja weniger darum, einer lebenslangen Klinikkarriere vorzubeugen, sondern sie z.B. in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ihnen zu selbständigem Wohnen zu verhelfen, sie bei Behördenkram zu unterstützen usw.
      Sehe ich ebenso. Vielfach scheint es mir bei Autisten auch biographischer Zufall zu sein, ob sie in eine "Therapie"- oder gar "Klinik-Karriere" geraten oder (bei entsprechender familiärer Unterstützung und Glück) vor der Diagnose noch nie im psychiatrischen System "aufgeschlagen" sind. "Typisch" scheint mir eher zu sein, dass andere Diagnosen, sofern sie die vorher bekamen, oft "atypisch" waren, sich ein ganzer "Strauß davon angesammelt hat. Und die Therapien ihnen nie nachhaltig halfen. In der gegenwärtigen Form halte ich die EX-IN-Ausbildung auch nicht wirklich für passend, weil sie eben so extrem gruppendynamisch ist und auf emotionalem "Mitschwingen" beruht. Geeignet finde ich eher den Gedanken dahinter und den Peer-Ansatz.

      Die Probleme in der Arbeitswelt haben Menschen mit psychischer Erkrankung aber durchaus auch. Ich war schon auf Veranstaltungen dazu und sah da viele Parallelen. Vor allem bei höherem Bildungsniveau und "kaputtem" Lebenslauf, dem schon anzusehen ist, dass etwas "nicht stimmt", sind die Schwierigkeiten sehr ähnlich wie bei Autisten. Wobei Menschen mit psychischer Erkrankung ja oft keine Dyspraxie und insofern zumindest potentiell die Möglichkeit haben, auf praktische Bereiche umzusteigen.


      Bhai wrote:

      Der kritische Punkt ist nur leider der: im Gegensatz zu EX-IN wird man nirgendwo die nötige finanzielle Unterstützung auftreiben können, so dass man auf rein ehrenamtlicher Basis arbeiten muss. Das sind jedenfalls die Erfahrungen derer, die vergleichbare Projekte jahrelang mit großem Engagement betrieben haben.
      Ja, ich weiß. :( Ohne entsprechende "Fördertöpfe" wie bei EX-IN ist es wohl auch kaum möglich, derartige Projekte langfristig tragfähig zu betreiben. Und für Autisten wird es jenseits von IT und Technik schwer, an Fördergelder zu kommen, einfach, weil sie als Gruppe viel zu heterogen sind. Auch das Projekt MAASarbeit von der Lebenshilfe in Hessen wurde ja trotz des Engagements der Mitarbeiter eingestellt, vermutlich, weil es doch nur mäßigen Erfolg gab. Wo es keine passenden Stellen gibt, können auch das beste Coaching und die beste Aufklärung sie nicht vermitteln, da müsste man schon richtig Geld "in die Hand nehmen" und die passenden "Nischen" schaffen und finanzieren. Oder den Menschen ein "Teilhabegeld" zahlen, das ihnen eine Grundlage gibt, auf der sie sich etwas aufbauen können. Da all das aber aktuell (noch?) nicht existiert, scheint EX-IN mir trotz aller Zweifel noch die größte Passung zu haben. Aber ich fände auch eine Diskussion sehr interessant, wie tragfähige Projekte und Lösungen gerade für spätdiagnostizierte Autisten außerhalb von Technik und IT aussehen könnten. :)
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    • Es müsste sich am "EX-IN"-Modell etwas ändern: erweitern, nochmal - eben nicht nur in den "Aufnahmevoraussetzungen" (neu dort ist ja inzwischen: auch ohne eigene Erfahrungen im psychiatrischen System kann man EX-IN werden), sondern vor allem auch im "Zuschnitt": auf wen es (als "zu Behandelnden-Zielgruppe") zugeschnitten ist.

      Ich lese schon seit bald 10 Jahren immer mal wieder etwas zu diesem Ansatz in "der Psychiatrie" / (Selbst)Hilfe-Projekte / bis hin zu "Anti-Psychiatrie" (-Gruppen, -Bewegungen, -Einrichtungen), finde es interessant, also von der Idee her, mit den EX-IN, aber es ist finde ich sehr deutlich, woher es kommt: aus der "Psychosen-Ecke" und den (damit zusammenhängenden / daraus entstanden) "Anti"-Bewegungen, "Irrenoffensive" und ähnliches. Aus der Ecke haben sich auch andere "alternative" Ansätze entwickelt wie z.B. Soteria, oder Krisenpension. Der "Trialog"-Ansatz. Und eben auch Betroffene helfen Betroffenen. Und ist halt auch die 'Gruppe' mit am ehesten so etwas wie einer "Lobby".

      Das ist leider nicht nur von der Entstehungsgeschichte so, dass es aus dieser Ecke kommt, sondern wird finde ich auch im Inhalt und in der Herangehensweise immer wieder sehr deutlich, leider, dass es (eigentlich nur) auf solche Problematiken zugeschnitten ist. Und sich auch im Laufe der Zeit nicht so sehr "geöffnet" hat für was anderen Diagnosen bzw. Problematiken / Problembereichen hilfreich wäre (ob nun mit oder ohne entsprechende Diagnose).

      Ich habe im Laufe der Zeit auch mit einigen gesprochen, die in solchen Bereichen tätig sind (oder waren), und habe auch von da her den Eindruck eigentlich nur bestätigt bekommen, dass da weniger Bewusstsein oder Offenheit für andersgelagerte Problematik ist: unter den Schlagworten "psychische Probleme", "psychische Krankheit" und "Krisen" werden halt ebendiese unter dem Psychose-Blickwinkel gesehen und definiert. (Als Beispiel mal: die "Angebote zur Hilfe bei Krisenbewältigung" bestehen dann z.B. aus "Nachtwache"/Beistand-zum-nachts-nicht-alleine-sein, davon ausgehend, dass eine Krise darin besteht, dass man nachts alleine unerträgliche Angst hat bzw es dann zu schlimm ist. (Sarkastisch ausgedrückt: "Händchenhalten" und "emotional Mitschwingen"...) - Was vielleicht bei Angstpsychosen hilfreich sein kann? (kann ich nicht beurteilen) ... aber bei manchen anderen psychischen Krankheiten nicht wirklich das trifft, was da das Problem in/an/mit der Krise ist. - Hilfe/Unterstützung für Nicht-allein-sein-könner sieht halt anders aus als Allein-sein-braucher sie brauchen.)
      Dies jetzt nicht speziell nur auf EX-IN bezogen, sondern insgesamt auf die "alternativen" Ansätze, die sich aus der "psychatriekritischen" Bewegung entwickelt haben (und die Ansätze in der psychiatrischen Hilfe verändert/erweitert haben).

      Nicht nur Aspies/Autisten stehen da vor dem Problem, dass es ihre "Eigenheiten" und wo & wie sie Hilfe bräuchten nicht so ganz trifft.

      Von daher würde es, denke ich, diesen "alternativ-psychiatrischen" Ansätzen ("komplementären Ansätzen"? - ich weiss gerade kein gutes Wort dafür) auch insgesamt gut tun, inhaltlich und in den (Denk- und Hilfe-) Ansätzen etwas Erweiterung einzubauen.

      Wenn das EX-IN Programm sich da etwas erweitern und "öffnen" könnte, auch der Tatsache gegenüber, dass es eben auch andere (und sehr unterschiedliche) psychische / psychiatrische Erkrankungen gibt, wäre das in vielerlei Hinsicht eine gute Sache. Und würde dann vielleicht die Möglichkeit bieten können, sowas sowohl von der Hilfe-Angebots-Ausrichtung als auch von der Ausbildung her auch für Autisten tauglicher zu machen. Peer Counseling hätte jedenfalls meiner Meinung nach so einige Vorteile und gutes Potential, (ergänzend-)hilfreich zu sein. Und wenn jemand, der mit so einen "Blumenstrauß" von Verlegenheitsdiagnosen im psychiatrischen System landet, autistische Züge hat, dann wäre es sicherlich sehr erleichternd, auf einen EX-IN zu treffen, der versteht wie sehr einen so ein Krankenhausaufenthalt aus dem Gleichgewicht bringen kann (und aus welchen Gründen). - Und für Autisten-Selbsthilfe / Peer Counseling könnte es auch gut sein, in einem Programm wie EX-IN mit bei zu sein, und nicht als komplett unfinanziertes Projekt aufgeben zu müssen.

      Dass die inzwischen auch "Menschen mit Krisenerfahrung" aber ohne Psychiatrieerfahrung nehmen, könnte auch daran liegen, dass sie nach ihren ursprünglichen Kriterien nicht so sehr viele Leute für ihre Kurse hatten? (Von anderen "Betroffenen-Hilfe"-Einrichtungen weiß ich dass die ihre Kriterien gelockert haben weil sie ihre Quoten nicht halten konnten, schlicht zu wenig akzeptierte Bewerber die die Kriterien erfüllten. (... und manche halt auch das Glück/Elternhaus hatten, trotz "Krisen" der direkten Begegnung mit einem Psychiater zu entgehen.))
      Oder vielleicht auch, weil es so wenig attraktiv ist, sich im Niedriglohnsektor zu verausgaben.

      The post was edited 1 time, last by Mira ().

    • Verwechselst Du da nicht etwas? Eine Angststörung ist doch keine Psychose.... es sei denn derjenige hat Angst vor den eingebildeten Stimmen, die er hört, wenn er allein ist... oder davor dass Aliens ihn entführen, während er nachts allein im Bett liegt, etc...

      Ich meine Ängstlichkeit kann schon ein zusätzliches Symptom einer Psychose sein aber nicht das definierende, nahezu einzige Symptom, oder? Selbst die paranoide Schizophrenie besteht ja nicht nur aus Paranoia sondern vor allem auch aus Schizophrenie. Und Paranoia ist auch nicht ganz das gleiche wie eine Angststörung.

      Und im übrigen möchte ich niemandem Empfehlen, bei einem echten Psychotiker, der gerade einen psychotischen Schub hat bzw. akut zu diesen neigt, Nachtwache zu spielen, da man hierdurch seine eigene Gesundheit gefährden, vielleicht sogar sein Leben aufs Spiel setzen würde!
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    • @Lex, das war als ein Beispiel gemeint, für was mir z.B. genannt wurde an "Angeboten" / Hilfen von alternativen/komplementären Einrichtungen (wie z.B. Krisenpension, oder Betroffenen-Hilfeverein), was getan wird / helfen soll, in Krisen. Dass Angst oder nicht-allein-sein-können "DAS" (einzige) Symptom bei Psychosen/Schizophrenie sei, ist damit weder gesagt noch gemeint.
      Mein Nachfragen beim Psychiater (da mir nicht ersichtlich war, wieso das als "Krisenhilfe" - und als Krisenhilfe nur das - gesehen und angeboten wird) ergab, dass dies eben aus der Psychose/Schizophrenie-Ecke kommt (und da wohl oft hilft beim durch die Krise kommen). Eine Fachkrankenschwester für Psychiatrie sagte mir ähnliches, auch aus ihrer (Arbeits-)Erfahrung mit dem Soteria-Ansatz.

      Und damit ist definitiv NICHT gemeint, dass irgendwer das selber versuchen sollte! - Das sind "professionelle Hilfsangebote", die so etwas anbieten / machen. (Im Rahmen von stationären Möglichkeiten / Angeboten, die im Laufe der Jahre / Jahrzehnte auch "alternative" Ansätze und Ideen aus der "Antipsychiatrie-Bewegung" aufgenommen / übernommen haben, oder als "alternative zu stationär"-Angebote, oder im Rahmen von professionellen Betroffene-helfen-Betroffenen Projekten (sozusagen "geheilte" - also nicht-akute - Betroffene MIT Fachausbildung die in solchen Projekten arbeiten).
    • Lex wrote:

      Verwechselst Du da nicht etwas? Eine Angststörung ist doch
      Und im übrigen möchte ich niemandem Empfehlen, bei einem echten Psychotiker, der gerade einen psychotischen Schub hat bzw. akut zu diesen neigt, Nachtwache zu spielen, da man hierdurch seine eigene Gesundheit gefährden, vielleicht sogar sein Leben aufs Spiel setzen würde!
      Statistisch sind Psychotiker nur geringfügig gewalttätiger als Nicht-Psychotiker - ungefähr so, wie junge Männer zwischen 16 und 20. Die allermeisten Gewalttaten entstehen im Rahmen familiärer Konflikte, wenn der Betroffene andauernd so was zu hören kriegt wie: “Jetzt reiß Dich mal am Riemen!“, und halt irgendwann ausrastet. Das geht aber meistens gut aus. Der schizophrene Mörder ist v.a. ein Klischee. Ich habe auch schon Nachtwache gehalten bei einem akut psychotischen Freund. Solange man ihn nicht korrigiert (“Das bildest du dir ein!“) oder maßregelt o.ä. besteht da keine wirkliche Gefahr.
      "Ich würde nie einem Club beitreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen" (Groucho Marx) “Sich zu akzeptieren als den, der man ist, ohne etwas anderes sein zu wollen - das ist Freiheit“ (Ramesh Balsekar)
    • Mira wrote:

      Das ist leider nicht nur von der Entstehungsgeschichte so, dass es aus dieser Ecke kommt, sondern wird finde ich auch im Inhalt und in der Herangehensweise immer wieder sehr deutlich, leider, dass es (eigentlich nur) auf solche Problematiken zugeschnitten ist. Und sich auch im Laufe der Zeit nicht so sehr "geöffnet" hat für was anderen Diagnosen bzw. Problematiken / Problembereichen hilfreich wäre (ob nun mit oder ohne entsprechende Diagnose).
      Ich kenne EX-IN im Prinzip seit der Gründung und war inzwischen auf 2 Info-Veranstaltungen, die zur Anwerbung von Teilnehmern dienten, und bei 2-3 weiteren Vorträgen, die EX-IN als Thema hatten (auch auf Psychiatrie-Kongressen).
      Ich kann nicht ganz bestätigen, was Du über EX-IN schreibst.
      Ich nehme es zwar auch so wahr, dass EX-IN ganz sicher aus der Ecke der "Trialog"-Bewegung kommt und viele, die sich für EX-IN engagieren, ihre Erfahrungen von dort haben - aber ich habe zumindest die Info-Veranstaltungen hier vor Ort (Stuttgart) nicht als "psychose-focussiert" erlebt. Da war Psychose nur ein Krankheitsbild von vielen, das angesprochen wurde. Affektive Erkrankungen, wie z.B. Depression und Bipolare Störungen, nahmen dort einen mindestens eben so breiten Raum ein. Autismus kam nur am Rand vor, ich glaube, eigentlich nur deshalb, weil ich das Thema in meinen Kleingruppen eingebracht habe. Aber es wurde positiv und interessiert darauf reagiert.

      Ich habe lange überlegt, die EX-IN-Ausbildung zu machen und hatte sogar Bewerbungsunterlagen fast fertig gemacht bzw. geschrieben.
      Was mich zögern ließ, waren eigentlich nur äußere Umstände, die mit mir und meinen damaligen Lebensumständen zu tun hatten, z.B. konnte ich nicht abschätzen, ob ich wirklich an allen Modul-Wochenenden Zeit habe (bzw. bei 2 pro Jahr war klar, dass es sicher nicht klappt) und wie ich die Ausbildung bzw. v.a. die Anreise-Kosten finanzieren soll (Hartz IV). Inzwischen scheint es da vereinzelt Fördermöglichkeiten zu geben (überwiegend jedoch leider nicht), aber damals musste man die Kosten praktisch komplett selber zahlen, was für viele Interessierte nicht möglich war.
      Das ist aus meiner Sicht auch der Grund, wieso trotz großen Interesses (die Info-Veranstaltungen sind immer sehr gut besucht) nur sehr wenige Leute eine Ausbildung beginnen. Das kann man sich nämlich leider wirklich nur unter besonderen Voraussetzungen leisten. Und ich könnte mir vorstellen, dass EX-IN inzwischen deshalb für Nicht-Psychiatrie-Erfahrene geöffnet wurde, weil diese Menschen noch eher in einer stabilen Lebenssituation mit ausreichendem Einkommen und Mobilität sind, um die EX-IN-Ausbildung machen zu können. Schwerer betroffene Psychiatrie-Erfahrene leben meist von EU-Rente, Hartz IV oder Sozialhilfe und sind wenig mobil (kein Auto, kein Geld für Bahnfahren), so dass diese Personengruppe, für die EX-IN eigentlich gedacht war, hier systematisch ausgeschlossen wird.

      Vom Prinzip her finde ich EX-IN toll.
      Aber meine Erfahrungen (und wohl auch die von EX-IN) sind, dass die Psychiatrie sich sehr schwer damit tut, ehemalige Betroffene in ihre Arbeit miteinzubeziehen und als gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe zu behandeln.
      Auf einer EX-IN-Veranstaltung wurde berichtet, dass die meisten Ausbildungsabsolventen keine Stelle bekommen hätten, und wenn, dann allenfalls ehrenamtlich. Schon während der EX-IN-Ausbildung Praktikumsstellen zu finden, sei sehr schwer gewesen. Die Psychiatrie hier vor Ort lehnt bislang ab, EX-IN-Absolventen zu beschäftigen, egal ob ehrenamtlich oder bezahlt.
    • Was ich über gewalttätiges Verhalten bei Schizophrenen schrieb, entsprang nicht nur Klischeevorstellungen. Habe das auch in meiner Nachbarschaft erlebt. Da kann dann auch mal die Mutter oder Schwester kräftig eine geballt bekommen mit ebenso heftigem Bluterguss als Folge. Richtig, Familienstreitigkeiten. Anlass: Er wollte was von McDonalds aber die Mutter wollte es ihm nicht holen, da die gerade mit viel Aufwand leckere Steaks oder Koteletts gebraten und ein komplettes Mittag für ihn und sie alle zubereitet hatte...

      Hinzu kam noch zu diversen Anlässen die Zerstörung von Mobiliar, Türen und Einrichtungsgegenstände mittels brachialer Gewalt. Vor der Gitarre seines Bruders hat er auch nicht Halt gemacht, wie ich gleich ahnte. Und seine komplette eigene Zimmereinrichtung (einschließlich Matratze) fiel einer "Reinigung" zum Opfer, da er sie raus in den Regen brachte, um das teuflich-dämonische da rauszuspülen.

      Kann man es einem dann verdenken, sich nicht sicher zu fühlen, wenn einer Grade einen psychotischen Schub hat? Ich meine ins Besondere, wenn es ein stark ausgeprägter ist.

      Und ja, sicher gibt es durch professionelle (z. B. Sozialarbeiter) Hausbesuche und auch betreute Wohnformen. Nur da hier von Hilfe durch selbst Betroffene die Rede war, dachte ich hier würde die eigenen Erfahrungen als Qualifikation gewertet werden.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.