Sich reinsteigern

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    • Lex wrote:

      Die ganzen sogenannten "Rituale" dienen dazu, zumindest ein bischen Kontrolle in einer unkontrollierbaren Welt zu erlangen, denn man muss an irgendetwas Halt finden können. Man braucht einen Ausgangspunkt für die Orientierung. Und man muss auch Pläne machen können, selbst wenn andere da all zu oft einen Strich durch machen.
      Hm, das ist auch ein nachdenkenswerter Ansatz. :roll:
      Das Beispiel mit den Ritualen, dass man sich dadurch das Gefühl von Kontrollierbarkeit schafft, kann ich nachvollziehen. In der Regel nimmt einem auch niemand solche Rituale weg. Aber in der letzten Zeit lösen sich auch viele hergebrachte Rituale (z. B. aus dem religiösen Bereich auf) und ich würde sagen, dass die Menschen neuerdings durchaus 'verrückt' (im Sinne von orientierungslos) werden.
      Was ich damit sagen will: Diese Rituale helfen zwar über das Leben hinweg, aber sind sie nicht doch eine Art von Verdrängung gegenüber der letztendlichen Kontrolllosigkeit? Spätestens wenn ich den letzten Atemzug tue, merke ich, dass ich keine Kontrolle habe. Ob es nun gut oder schlecht ist, das vorher sein ganzes Leben verdrängt zu haben, weiß ich nicht.
      Vielleicht ist bei den meisten Menschen auch dieses Gefühl der Kontrolllosigkeit nicht so stark wie bei mir und es kann von den meisten Menschen so gut mittels Ritualen und andere Dinge, durch die man Kontrolle ausübt, in Schach gehalten werden.

      Bei mir bricht das immer wieder voll durch. Ich fühle mich sozusagen sehr oft so, als würde ich gerade meinen letzten Atemzug tun und erkennen, dass ich keine Kontrolle über mein Leben habe. Das erzeugt Panik bei mir.

      Kann es sein, dass Autisten diese herkömmlichen (sozialen) Rituale nicht ausreichen, um das Gefühl zu bekommen, Kontrolle zu haben? :roll: Falls ja, woran liegt das? Haben Autisten einfach ein höheres Kontrollbedürfnis oder greifen die Kontrollmaßnahmen, die andere anwenden, bei ihnen nicht?
    • FruchtigBunt wrote:

      Kann es sein, dass Autisten diese herkömmlichen (sozialen) Rituale nicht ausreichen, um das Gefühl zu bekommen, Kontrolle zu haben? Falls ja, woran liegt das?
      Für Autisten ist die Welt viel weniger überschaubar als für die meisten Menschen. Deshalb konzentriert man sich auf viele kleine Bereiche, die man überschauen und kontrollieren kann.
      Man muss nicht mal sagen, "die Welt" - es betrifft alle möglichen Bereiche, ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll.
    • Lefty wrote:

      FruchtigBunt wrote:

      Kann es sein, dass Autisten diese herkömmlichen (sozialen) Rituale nicht ausreichen, um das Gefühl zu bekommen, Kontrolle zu haben? Falls ja, woran liegt das?
      Für Autisten ist die Welt viel weniger überschaubar als für die meisten Menschen. Deshalb konzentriert man sich auf viele kleine Bereiche, die man überschauen und kontrollieren kann.Man muss nicht mal sagen, "die Welt" - es betrifft alle möglichen Bereiche, ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll.
      Aber woran liegt das, dass die Welt weniger überschaubar für Autisten ist und somit auch weniger kontrollierbar wirkt und sie deshalben evtl. durch rigide Maßnahmen (wie z. B. "sich reinsteigern") versuchen, Überblick und Kontrolle zurückzuerlangen?

      Liegt das an der Reizfilterschwäche und somit Reizüberflutung oder an der fehlenden zentralen Kohärenz und teils schlechten Theory-of-mind? Ehrlich gesagt finde ich diese "Erkrankung" (was es ja offiziell nicht ist) ziemlich krass, weil sie so an den Grundfesten des Lebens rüttelt. "Behandelt" wird aber meist nur mit so simplen Dingen wie Konditionierung und Verhaltenstherapie. Ich frage mich, ob das sinnvoll sein kann. :roll:

      Meiner Meinung nach müsste man an die Angst dahinter rankommen (falls die wirklich auch bei anderen Autisten dahintersteckt und es nicht nur bei mir so ist, dass die Kontrollmaßnahmen und Spezialinteressen etc. aus dieser Angst resultieren, die daher kommt, dass ich wegen meiner Hirnverschaltungen glaube, keinen Überblick und keine Kontrolle über die Welt zu haben).

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().

    • Ich denke es liegt teils an der Reizfilterschwäche, teils aber auch an der fehlenden automatisierten Gleichschaltung mit anderen Menschen. Nichtautisten finden mehr Halt durch Gruppendynamiken, durch das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein und durch das automatisierte sensorische Erfassen und teils auch Übernehmen der Gefühlslage anderer. Soll heißen meist fühlen Menschen sich gemeinsam sicher. Manchmal kippt das auch und es kommt zur Masenpanik oder zu einem wütenden Mob.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.

      The post was edited 1 time, last by Lex ().

    • Lex wrote:

      Leider versteht das Umfeld oft nicht, dass wenn jemand lauter und vehementer wird, das auf einer gesteigerten inneren Not resultiert. Sie denken dann eher die Person sei unverschämt unhöflich, bestimmerisch, übergriffig etc. Und reagiert entsprechend.

      Ähnlich auch das Problem, wenn jemand mir nicht glaubt und ich deshalb aus Verzweiflung lauter werde. Die glauben dann an den Spruch "wer schreit hat Unrecht!" Wäre bei mir umgekehrt. Eine Lüge durch die Gegend schreien würde ich nicht tun, sie überhaupt auszusprechen würde mir schon schwer genug fallen.

      Und die Erkenntnis, nichts unter Kontrolle zu haben, wäre für mich nicht erlösend sondern würde das Drama noch verstärken bzw. tut es.
      Du hast es so gut auf den Punkt gebracht. Ich habe genau solche Situationen immer und immer wieder erlebt. Irgendwann hat sich dadurch auch eine Angst vor Konflikten (weil Angst vor meinen starken Gefühlen) entwickelt.

      Erlösende Worte bedarf es dann, genau . Oder meine reine Selbstfürsorge. Manchmal muss ich Entscheidungen für mich treffen, um aus der Situation zu entkommen. Klarheit schaffen, Grenzen setzen, liebevoll mit mir sein - klappt bei mir nicht immer, aber immer öfter.
    • FruchtigBunt wrote:

      Aber woran liegt das, dass die Welt weniger überschaubar für Autisten ist und somit auch weniger kontrollierbar wirkt und sie deshalben evtl. durch rigide Maßnahmen (wie z. B. "sich reinsteigern") versuchen, Überblick und Kontrolle zurückzuerlangen?
      Ich versuche das mal aus meiner Sicht als Ergänzung zu Lex guten Ansätzen:
      > Autisten sehen oft die Details und nicht "das große Ganze", wodurch sie eben mehr wahrnehmen, was dann wieder zu Reizüberflutung führt.
      > Ferner lernen NTs irgendwann, welche Details zu was führen, weil sie nur teilweise Details wahrnehmen und diese dann in einen Kausalzusammenhang bringen. Sprich: "Sonne scheint - Mutter ist weg (arbeiten)." Einfacher Zusammenhang. Autisten sehen aber "Sonne scheint, Geschirr ist in der Spüle, Spinne in der Ecke, draußen bellt ein Hund - Mutter ist weg (arbeiten)." Es ist schwierig zu verstehen, was davon jetzt der Zusammenhang ist, welche "Regel" also zugrunde liegt. Ist die Mutter immer weg, wenn der Hund bellt? Oder doch tagsüber, wenn die Sonne scheint?
      > NTs können gut erkennen, was andere wollen oder fühlen, Autisten nicht. Da die Menschheit ein großer Bestandteil der Welt ist, ist die Welt damit insgesamt weniger überschaubar.
      > Redewendungen werden uU von Autisten richtig verstanden, was aber "falsch" ist laut NTs. Sarkasmus wird uU "falsch" verstanden, also zu wörtlich.
      > Dh wir machen von Anfang an die Sachen "richtiger", haben die Worte "besser" verstanden und werden dafür angemault / angemotzt. Das sorgt für fehlendes Schuldbewusstsein in dem Bereich -> man traut sich gar nicht erst zu, etwas zu überschauen ohne Regeln.
      > Autisten werden generell oft angemault, weil sie etwas gemacht oder nicht gemacht haben, ohne das ansatzweise zu verstehen.
      > Autisten haben oft nicht gelernt, wie sie sich eigtl effektiv wehren sollen. Sie haben immer nur gehört, was sie tun sollen oder nicht zu tun haben. Ist davon abgewichen wurde sich oft nicht damit beschäftigt, warum. Oder in meinem Fall sogar zu sehr. Dh sie haben die Kontrolle tatsächlich nicht, ihre eigenen Bedürfnisse zB gegenüber anderen durchzusetzen.
      > Soziale Kontakte werden oft nicht gesucht, die Orientierung anbieten.
      > nicht abschließend


      Tatsächlich muss es aber meiner Meinung nach auch eine "andere Verknüpfung" im Gehirn geben, da mir Absprachen zB sehr wichtig sind, ohne dass es eine Regel ist, um Ordnung zu schaffen.
      Andererseits kenne ich das "reinsteigern" vor allem in Situationen, in denen ich etwas zB nicht verstehe. Also tatsächlich, um dann die Kontrolle zu behalten.
    • FruchtigBunt wrote:

      Ich glaube, dass dieses Reinsteigern überdecken soll, dass man nichts unter Kontrolle hat.
      ja. es ist furchtbar.
      Bin gerade wieder in einer ohnmächtigen Situation, wo ich gerne mehr Einfluss hätte,....was ich nicht gut aushalte,
      wenn ich sehe, wieviel Negatives daran klebt und weggewischt wird.
      Da ist null Selbstwirksamkeit in solchen Situationen.

      Lex wrote:

      Und man muss auch Pläne machen können, selbst wenn andere da all zu oft einen Strich durch machen.
      Ja.

      Und ich hasse Ohnmacht, wenn etwas Negatives vor Augen steht.
      Und zudem wäre es unnötig.

      Was habe ich sonst davon?.....worst case szenario vielleicht.
      Wenn einer sagt : vertraue....frage iich: worauf?
      Denn es geht eben nicht alles gut aus in der Welt.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Das ist ein gutes Beispiel:
      weiter helfen kann immer nur die eigene Entwicklung. :)
      Ich habe irgendwann gelernt, dass "immer" ein Wort ist, das meist nicht zutrifft. Nun lese ich das aber und glaube anderen Personen im ersten Moment das, was sie sagen. Ich bin eher gutmütig und vielleicht etwas naiv. Dann denke ich allerdings darüber nach und stelle fest, dass die Aussage ja gar keinen Sinn ergibt. Nun bin ich verwirrt. Da ich mit diesem Zustand der Verwirrung nicht umgehen kann, muss ich anders damit umgehen. NTs würden über sowas meist einfach hinweglesen. "immer" hat für die nicht die Bedeutung "immer". Deswegen sehen sie solche Aussagen nicht als unmöglich und denken, die Welt wäre überschaubar. Eben vielleicht gerade weil sie darüber hinwegsehen und Schubladen wie "immer" bilden. Wenn etwas "immer" so ist, ist es leicht. Damit kann man umgehen. Ich kann diese einfachen Schubladen aber nicht bilden, weil sie falsch sind. Dadurch fehlt mir aber 1. Orientierung, 2. mache ich mir zu viele Gedanken und 3. bringt mich sowas aus dem Konzept. Ich würde am liebsten den Leuten jedes Mal erklären, warum genau das falsch ist, damit die das lernen und die Welt wieder "richtig" läuft. Ich komme nämlich wunderbar klar mit der Aussage: "weiterhelfen kann vor allem die eigene Entwicklung". Die wäre richtig. Ich brauche diese Schubladen nicht. Nur die Schubladen anderer Menschen verwirren mich - und dann kann ich mich auch gut reinsteigern. (siehe hier)

      The post was edited 1 time, last by Louveteau ().

    • Linnea wrote:

      Denn es geht eben nicht alles gut aus in der Welt.
      Genau das ist wohl unser aller problem immer mal wieder. Darf man sich den Glauben bewahren, irgendetwas sich ausdenken um das gute Ende zu erzwingen oder muss man da umdenken. Eine spannende Frage.
      Kann sicher nur jeder für sich entscheiden...hauptsache, man kann damit umgehen und es bringt eine Erleichterng. :)
      „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“
      Rumi
    • @Louveteau: ich ersetze 'immer' durch 'meistens'. ;) Manche Menschen habe das Glück auch ohne Entwicklung dahin zu kommen, wo es ihnen gut geht.

      PS: ich fänd es wirklich schön, wenn ich hier nicht immer von den 'NTs' lesen müsste...meistens finde ich mich in den Beschreibungen einfach nicht wieder und das verwirrt mich dann auch etwas. :d
      „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“
      Rumi
    • FruchtigBunt wrote:

      Ehrlich gesagt finde ich diese "Erkrankung" (was es ja offiziell nicht ist) ziemlich krass, weil sie so an den Grundfesten des Lebens rüttelt. "Behandelt" wird aber meist nur mit so simplen Dingen wie Konditionierung und Verhaltenstherapie.
      Ja.
      Da fühlt man sich ziemlich unverwurzelt.

      FruchtigBunt wrote:

      Meiner Meinung nach müsste man an die Angst dahinter rankommen
      Ich fühle sie ja.....hatte auch Kindheitserlebnisse, die sie mit begründen..aber dennoch kann ich sie nicht lösen.

      Ausgeliefertsein, was man null ändern kann...auch mit anderen....finde ich fürchterlich.
      Das erzeugt Widerstand und hohe Sapnnungen in mir.

      Das tut mir nicht gut.
      Noch finde ich keine Lösung.

      Lefty wrote:

      Und ich denke, dass das Worthülsen sind, die nichts mit den Problemen, um die es hier geht, zu tun haben bzw. nicht weiter helfen.
      Ich verstehe es auch gar nicht.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • @Linnea: das bleibt jedem selbst überlassen. Die Frage ist doch, worum es wirklich geht? Darum dass wir uns wohl fühlen, oder? Und demgemäß darf eben jeder seine Weltanschauung finden mit der es ihm gut geht. Wenn das 'schlechte Ende' vieler Geschichten einem Bauchschmerzen macht...nun, dann geht es darum etwas zu finden, was das mildert, oder?

      Und ja, wenn man etwas nicht versteht, dann darf man auch gerne mal nachfragen. Empfinde ich als wesentlich zielführend. Ich meinte damit, dass es immer wieder um die Grundfrage geht, dass sich die Menschen irgendwie nicht ok fühlen...ohne das wären die meisten Probleme wesentlich besser zu händeln...also, wenn beide Parteien sich ok fühlen und man das eben einfach miteinander abspricht. ;)
      „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“
      Rumi