Autistische Züge bei Traumatisierten?

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    • Autistische Züge bei Traumatisierten?

      In einem Artikel über Borderline hier: mutmachen.info/die-borderline-diagnose/
      habe ich den Satz gefunden:

      Artikel wrote:

      Je grausamer ein Kind misshandelt wurde, umso stärker ausgeprägte autistische Züge zeigt mitunter der Erwachsene.
      Der Rest des Artikels geht darauf nicht weiter ein.

      Mir ist bekannt, dass hospitalisierte Kinder oft autistisches Verhalten (z.B. Stereotypien) zeigen, das aber später wieder verschwindet.
      Ich dachte, bei Erwachsenen wäre das dann nicht mehr so.

      Weiß jemand mehr darüber, wie diese autistischen Züge bei Traumatisierten genau aussehen können? Fällt darunter nur Rückzugsverhalten/Vermeidung von Sozialkontakten, eine Art Isolationsgefühl, oder auch Dinge wie Stereotypien, Tics, Routinen, Schwierigkeiten mit Veränderungen u.a.?
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      Weiß jemand mehr darüber, wie diese autistischen Züge bei Traumatisierten genau aussehen können? Fällt darunter nur Rückzugsverhalten/Vermeidung von Sozialkontakten, eine Art Isolationsgefühl, oder auch Dinge wie Stereotypien, Tics, Routinen, Schwierigkeiten mit Veränderungen u.a.?
      Ja - es kann die volle Symptomatik umfassen in Abhängigkeit vom Depressionsgrad. Stereotypien und Tics dienen der Kompensation und der Herstellung von Sicherheit.
      Darüber habe ich erst letztens mit meiner Betreuerin gesprochen.

      Ich habe mal gelesen, dass Autisten gegenüber Traumen eine gewisse Resistenz aufweisen. Das war soweit ich weiß im alten Forum.
      Asperger-Autist
      Die Tassen sind leer, wenn man sie austrinkt
    • emanativ wrote:

      Ich habe mal gelesen, dass Autisten gegenüber Traumen eine gewisse Resistenz aufweisen. Das war soweit ich weiß im alten Forum.
      Ich weiß nicht mehr, wer das damals aufgebracht hat. Ging die Diskussion nicht auch darum, ob Autisten speziell Borderline bekommen können? Ich hatte z.B. lange Zeit ein Bild von Borderline, dass das Menschen sind, die nicht allein sein können, die wechselnde (instabile) Beziehungen haben, lügen und manipulativ sind, und das wäre ziemlich gegenteilig zu Autismus. Aber ich glaube, das ist bei Borderline auch nicht so eindeutig, zumal Borderline ja eine Zeitlang eine ziemliche Modediagnose war (Resteschublade). Und nicht jeder Traumatisierte hat Borderline.
      Dass Autisten generell resistenter gegen Traumen wären, glaube ich nicht.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Meine Ex-Freundin hatte BPS, was aber noch mit Depressionen, Selbstmordgefährdung und anderen Dingen einherging.
      Es gab traumatisierende Ereignisse in ihrer Vergangenheit aber ich weiß nicht, ob diese der Auslöser dafür waren, dass sie letztendlich so war wie sie gewesen ist, denn als diese Dinge geschehen sind kannte ich sie ja noch nicht.

      Dazu gehörten starke Impulsivität und ein starkes Temperament... Sie ist sehr schnell auf 180 gewesen und das wegen den kleinsten Dingen.
      Sie hat außerdem starke Stimmungsschwankungen gehabt, fast immer gelogen oder nur Halbwahrheiten erzählt, hat sich mit Bulimie selbst bestraft weil sie immer der Meinung gewesen ist, dass sie das verdient habe, nahm Alkohol zu sich und landete 2 oder 3 mal in der Zeit, wo wir zusammen waren deswegen in einem Krankenhaus wegen einer Alkoholvergiftung, nahm Drogen, war immer sehr selbstkritisch gegenüber ihrem eigenen Körper obwohl sie fast Modelmaße gehabt hat und konnte nie allein sein...

      Aber wie Shenya schon geschrieben hat, hat nicht jeder Traumatisierte Borderline.
      Soldaten z.B. leiden ja ganz oft an einer posttraumatischen Belastungsstörung aber soweit ich weiß kommt es da auch auf den Grad der Belastung an, wie gut man letztendlich dann damit umgehen kann.

      The post was edited 1 time, last by exorcist ().

    • ich bin in diesem thema ja auch immer auf spurensuche.

      ich weiß, dass auf jeden fall es einige symptome gibt, die durch traumata hervorgerufen werden können, die auch merkmale von autismus sind. gerade was z.b. sozialverhalten angeht (z.b. rückzug).
      "tics" können dabei auch als dissoziative bewegungen (dissoziative Konversionsstörung) auftreten. wie das neuronal/ psychologisch funktioniert weiß ich nicht. dabei gibt es zusammenhänge zu belastenden ereignissen.
      über-/ unterempfindlichkeiten bei sinnenwahrnehmungen können auftreten, da das gehirn sich (vereinfacht ausgedrückt) noch im zustand des traumas befindet oder wegen chronischer überforderung einfach alles abspaltet.
      ob nun quasi die ganze bandbreite auf einmal hervorgerufen werden kann, das weiß ich nicht. vorstellen kann ich es mir. dabei werden vermutlich sehr komplexe traumata vorliegen (also kein monotrauma, z.b. ein autounfall). aussagen einzelner personen, auch wenn sie z.b. betreuer sind, sind mir da ehrlich gesagt auch zu wage. untersuchungen dazu habe ich noch nicht gefunden. mir fällt englisch aber auch schwer und deswegen habe ich nicht "international" gesucht.




      dass autisten resistenzen aufweisen glaube ich persönlich nicht. es erscheint mir in sich unlogisch. es wäre evolutionär wohl auch ein großer vorteil gewesen.
      zum einen kann autismus ja durchaus vorliegen und das kind dann traumatisiert werden. ich kann mir sogar vorstellen, dass manche täter autistische kinder sogar als leichteres opfer (RW) ansehen könnten.
      trotz aller probleme wird auch "das autistische gehirn" über die basalen funktionen "Flucht" oder "Kampf" verfügen. mir fällt die erklärung gerade schwer, deswegen zitiere ich mal einen text (wenn man auf den namen klickt erscheint die quelle):


      Dr. T. Gruyters wrote:


      Der aktuelle Stand der Forschung sieht die zentrale Stelle für die Entstehung einer Traumatisierung im sogenannten limbischen System des Gehirns.

      Das limbische System spielt eine entscheidende Rolle in der Produktion und Regulation von Emotionen und in der Informationsverarbeitung und –speicherung eines Menschen.
      Dieser Teil des Gehirns ist auch dafür zuständig, eine Situation schnell im Sinne von gefährlich oder ungefährlich zu beurteilen und grundlegende Flucht- oder Kampfmuster zu aktivieren. Im Falle einer Traumatisierung ist jedoch beides nicht oder nicht hinreichend möglich: Der betroffene Mensch ist hilflos. Es entsteht ein massiver Stress und eine Überlastung des gesamten Systems.

      es gibt untersuchungen, die zwar zeigen, dass diese bereiche (hier: Amygdala, gehört zum lymbischen system) bei autisten kleiner sein können, aber "gesunde" geschwister dieser testpersonen ebenfalls kleinere areale aufwiesen (Quelle)
      ich würde vermuten, dass die reaktion auf die systemüberlastung gleich abläuft (isolierte, gesplittete Speicherung der Erinnerung > damit keine integrierte speicherung ins gesamtwissen).

      ich kann mir allerdings vorstellen, dass die wahrnehmung innen anders ablaufen kann und die übergriffigkeiten deswegen vielleicht weniger (oder sogar mehr?) "gefährlich" wahrgenommen werden (wodurch die wahrscheinlichkeit einer "systemüberlastung" geringer (höher?) wird). auch wenn diese schwelle vielleicht "versetzt" ist, ist sie vermutlich trotzdem da.

      PTBS wird ja auch bei autisten diagnostiziert.
    • Ich hatte eine ziemlich traumatische Kindheit und habe auch lange an den Symptomen einer PTBS gelitten. Die haben sich aber ganz deutlich von den Asperger Symptomen unterschieden und sind jetzt auch weg. Ich glaube, dass in solch komplexen Situationen und Symptomkonstellationen die Diagnose nicht so ganz einfach ist. Allerdings meinte meine Psychologin mal, dass, wenn meine Symptome durch eine PTBS hervorgerrufen würden, dann hätten sie sich nicht schon in meiner frühesten Kindheit manifestiert (die traumatischen Erlebnisse sind auch erst später aufgetreten). Ich denke, dass es sich bei Menschen mit traumatischer Vergangenheit lohnt, genauer zu analysieren, wann welche Symptome aufgetreten sind und wie die zeitlichen Zusammenhänge aussehen. Ausserdem habe ich auch keinerlei Probleme, Bindungen zu Menschen aufzubauen.

      Was ich aber definitiv glaube ist, dass mir mein Aspergersyndrom dabei geholfen hat, meine Kindheit schadloser zu überstehen. Ich habe die Dinge schon früh rational betrachtet und wusste schon als Prä-Kindergartenkind, dass meine Mutter diejenige ist, die nicht normal ist (viele Kinder neigen ja dazu, sich selbst die Schuld für das Verhalten ihrer Eltern zu geben, das war bei mir nie so). Ich denke, dass ich durch das AS resilienter bin, als ich es ohne AS wäre. Klar, mir hat das herabwürdigende und unemotionale Verhalten meiner Mutter zu schaffen gemacht- aber ich konnte es anders einordnen, vor allem ohne Schudgefühle zu haben.

      Ich denke, dass die Diagnostik bei komplexen Vorgeschichten nicht so ganz leicht ist, aber ich glaube auch, dass man das in den meisten Fällen gut auseinanderdröseln kann, wenn man eine genaue zeitliche Analyse betreibt und die Symptomkonstellation genau unter die Lupe nimmt. Wenn ein Menschen seine autististischen Züge erst später im Leben entwickelt, sollte dasimmer auffällig sein und dann sollte man, auch wenn die Überschneidung mit Autismus groß ist, die Diagnostik mit äußerster Sorgfalt betreiben.
    • geetarist wrote:

      Ich denke, dass die Diagnostik bei komplexen Vorgeschichten nicht so ganz leicht ist, aber ich glaube auch, dass man das in den meisten Fällen gut auseinanderdröseln kann, wenn man eine genaue zeitliche Analyse betreibt und die Symptomkonstellation genau unter die Lupe nimmt. Wenn ein Menschen seine autististischen Züge erst später im Leben entwickelt, sollte dasimmer auffällig sein und dann sollte man, auch wenn die Überschneidung mit Autismus groß ist, die Diagnostik mit äußerster Sorgfalt betreiben.
      ich glaub, die diagnostik ist dann echt schwer und erfordert umso mehr einen kompetenten diagnostiker!

      je komplexer das trauma ist, desto schwieriger wird es allerdings mit dem aufdröseln. :(
      - es kann sehr belastend sein, an die vergangenheit denken zu müssen, bis hin zur destabilisierung
      - es können große erinnerungslücken für die kindheit bestehen
      - menschen die man fragen könnte, können wegen der belastenden geschichte vielleicht garnicht mehr herangezogen werden.
      - selbst wenn früh z.b. kontakte zu fachmenschen bestanden, kann deren blick durch die vorgeschichte völlig einseitig gewesen sein


      ---
      ich für mich lehne eine diagnose u.a. auch aus diesen gründen erstmal ab (zu anstrengend). ich kann meine "familie" nicht befragen, ich kann mich an kaum etwas aus der kindheit erinnern, das "häusliche umfeld" hat definitiv auch "weggeschaut". selbst wenn ich die belastung der erinnerungen ertragen würde, könnte ich keine antworten auf das "früher" geben.
      auch bei real "positiver diagnose" weiß ich nicht, ob mir die erkenntnis wirklich was bringen würde. probleme habe ich echt auch so genug (aber das is ein anderes thema)

      eine ärztin meinte mal, es sei letztlich egal, was der grund für mein verhalten sei (ging um weiterführende diagnostik, ohne aber von autismus als konkrete wortnennung zu sprechen). sehe ich nicht ganz so. sicher kann man vieles einüben und "lernen". aber auf "teufel komm raus" nur kompensieren wäre wohl kaum "gesund". ich würde jedenfalls lieber lernen mit auffälligkeiten umzugehen als ewig "im hamsterrad" zu laufen beim versuch ein "normales verhalten" anzutrainieren.
      traumatherapie bin ich "schwer dabei". erst dadurch bin ich jetzt in der lage, überhaupt einen blick auf andere symptome zu werfen. vorher war ich bildlich gesprochen den ganzen tag nur am flashbacks kompensieren. jetzt merke ich, was darunter noch so alles liegt. :nerved:

      The post was edited 1 time, last by kastenfrosch ().

    • Wenn ein Kind von Anfang an traumatisiert wird, also schon als Kleinkind, dann würde man es später nicht mehr so leicht auseinanderdröseln können. Gestern habe ich sogar irgendwo gelesen, dass Kinder schon im Mutterleib traumatisiert werden können, und selbst Epigenetik spielt eine Rolle, also dass Eltern ihre eigenen Traumata und deren Auswirkungen an die Kinder sozusagen weitervererben. Wie das genau funktioniert, weiß ich aber nicht.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Jap, das ist richtig Shenya.
      Google sollte was zur berühmten Kriegsgeneration finden.
      Selbst ein Kind im Mutterleib nimmt wahr. Das ist schon länger empirisch.
      Außerdem nimmt Musik bereits großen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib. Wenn das Musik schafft, dann auch Streit und jede Form von Gewalt und Stress. Ich gehe davon aus, dass die Mutter weitaus mehr als Nahrung und Metabolismus mit dem Kind teilt.
      Neurologische Impulse und Stimuli ausgehend vom limbischen System wären denkbar.
      Asperger-Autist
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    • emanativ wrote:

      Außerdem nimmt Musik bereits großen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes im Mutterleib. Wenn das Musik schafft, dann auch Streit und jede Form von Gewalt und Stress. Ich gehe davon aus, dass die Mutter weitaus mehr als Nahrung und Metabolismus mit dem Kind teilt.
      Mir fallen da spontan Gifte (Drogen) und Hormone ein.
      ## E–Mail: Die beste Erfindung, seit man Computer mit elektrischem Strom betreiben kann. ##
    • Mir scheint hier werden gerade zwei Themen durcheinandergemischt. Dass traumatisierte Menschen mitunter Verhaltensweisen entwickeln, die denen von Autisten ähneln, lässt nicht den Umkehrschluss zu, dass Autisten häufiger Traumata und/oder Borderline bekommen als andere Leute.

      Zu beachten ist hierbei, dass "autistische Züge" eine rein beschreibende Formulierung ist, die lediglich das Beobachtbare erfasst unabhängig von der Ursache bzw. unabhängig davon, was in der Person währenddessen vorgeht, was sie dabei wahrnimt und empfindet.

      Und ja, ab und an mag es vorkommen, dass Autisten eine Borderline-Störung entwickeln, aber es ist doch eher selten und es geschieht natürlich auch nicht ohne Auslöser.

      Und ja, Autisten haben schon relativ oft eine traumatische oder sonstwie schlimme Jugend, aber das liegt eher an der schlimmen Art, wie oftmals mit ihnen umgegangen wird (Reaktionen des Umfelds), und teils vielleicht auch dadurch, dass sich für Autisten (z. B. durch die erhöhte Reizempfindlichkeit) manche dieser Dinge (z. B. angeschrien werden oder in eine Gruppe von Kindern geraten, die von allen Seiten zugleich ärgern/piesaken) noch schlimmer anfühlen und/oder noch schwerer zu händeln sind. Allerdings resultiert das scheinbar doch öfter in sowas wie Depressionen oder Zwangsstörungen und wie gesagt eher selten in Borderline. Borderline kann aber leicht das Resultat sein von wiederholtem sexuellem Missbrauch durch ein Elternteil in der Kindheit beispielsweise.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Eine Zwangsstörung ist keine Primärerkrankung. Eine Manifestation mit Hierarchie (Komorbität)könnte so aussehen: Borderline, Essstörung, Depressionen, Zwangserkrankung. Das Erste ist der Verursacher des Weiteren. Wenn das Trauma und der Schmerz zu groß ist, beginnt die Spaltung der Person.

      @Dadaist - Denkst Du, Drogen wirken auf ein Kind,ohne aktives Wirken von bewusstem und reflexivem Erfahren, traumatisierenden?
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    • Ja, klar, es können schon früh im Leben eines Menschen Traumatisierungen stattfinden. Ob jetzt aber hormonelle/pharmakologische/epigenetische Einflüsse wirklich als eine Traumatisierung im eigentlichen Sinne durchgehen, wage ich zu bezweifeln. Diese Veränderungen wechselwirken sicherlich mit der Neurobiochemie, aber auf eine andere Art und Weise und ich finde, dass es etwas anderes ist, ob jemand durch handfeste Taten, die er selbst mit vollem Bewußtsein erlebt hat, traumatisiert wird, oder ob die negativen Einflüsse auf molekularer Ebene stattfinden, ohne, dass man dazu auch einen passenden "Film" im Kopf hat. Bei einer PTBS spielt vor allem das traumatische Wiedererleben von Traumata (Flashbacks) eine große Rolle. Diese "Filme" kann man nicht mehr löschen, allenfalls in die richtigen Schubladen ablegen und hoffen, dass sie nur noch zu Erinnerungen werden, an die man sich zwar erinnert, aber nicht mehr so intensiv wieder erlebt. Die Flashbacks verfolgen einen immer wieder und zwar insb. dann, wenn sie durch bestimmte Reize reaktiviert/getriggert werden. Wenn sich mein Gehirn ohne so einen "Film" anders entwickelt, als es normalerweise der Fall wäre, dann ist das zwar auch schlimm, aber wenigstens hat man dann nicht die Flashbacks, die einen im Alltag ständig so offensichtlich verfolgen.

      Hirnorganische Veränderungen durch hormonelle/pharmakologische/epigenetische könnten ja an sich auch die Ursache von Autismus sein- man ist sich ja noch gar nicht sicher, welche Ursache Autismus hat. Wenn man mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen geboren wird, ohne die Ursache dafür zu kennen, kann man damit sicherlich ganz anders umgehen, als wenn man täglich mit den auslösenden Erlebnissen konfrontiert wird und diese 1:1 zuordnen kann. Ich glaube, dass man pränatal vor allem die Prädisposition für spätere Störungen/Schwierigkeiten entstehen lassen kann, wobei eine gewisse genetische Komponente, auch ohne "Fehlverhalten" der Mutter, sicherlich auch bereits vorhanden sein kann. Hirnentwicklung und Entstehung von psychischen Schwierigkeiten ist fast immer ein Zusammenspiel aus "nature and nuture". Meistens werden diese Merkmale ja auch nicht monogen vererbt, sondern polygen, d.h. es gibt viele Gene, die entsprechend verändert werden müssen, um eine bestimmte Krankheit entstehen zu lassen.

      Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass PTBS und Autismus parallel auftreten können und dass man bei mir auch eindeutig trennen kann, was PTBS (war) und was AS ist. Das kann man, wenn man sich Mühe gibt, und alles, soweit wie möglich, nachverfolgt und analysiert, sicherlich auch bei vielen anderen Menschen. Damit möchte ich aber nicht ausschließen, dass es auch Fälle gibt, bei denen die Grenzen viel verwaschener sind. Das ist aber auch irgendwie logisch, weil selbst Diagnosen wie "Asperger Syndrom", vor allem aber "Depression" und insbesondere "Borderline" nicht in Stein gemeißelt sind. Im Prinzip sind das Symptomkonstellationen/künstliche Schubladen mit zum Teil weichen Übergängen zu anderen Störungen oder keinen Störungen, d.h. oft ist es sogar schwierig, die Grenze zu ziehen, was noch "normal" ist und was "abnormal" ist. In der Tat kann man sagen, dass es keine wirklich objektiven Kriterien für "normal" oder "abnormal" in der Psychologie gibt. Man muss immer den individuellen Fall betrachten und dann abwägen, in welche Schublade für ein Individuum am besten passt, sofern denn überhaupt ein Leidensdruck vorhanden ist.

      Wobei man auch sagen muss, dass ich Autismus, als Diagnose, wesentlich seriöser und objektivierbarer finde, als "Borderline", weil letzteres oft eine Ausweichdiagnose für alles mögliche sein kann, das man nicht einordnen kann.

      Alles in allem würde ich also sagen: ja, klar, auch im Mutterleib kann man seinem Kind erheblichen Schaden zufügen. Diese Traumatisierungen würde ich aber nicht in die gleiche Schublade stecken, wie jene Traumatisierungen, die man bei vollem Bewußtsein erlebt und an die man sich später noch lebhaft zurück erinnern kann. Damit möchte ich diese beiden "Traumatisierungen" aber nicht gegeneinander aufwiegen- beides kann extrem schlimm sein, aber eben auf unterschiedliche Weise bzw. sie manifestieren sich später im Leben sicherlich unterschiedlich.

      Ich bin mir z.B. ziemlich sicher, dass meine Mutter Autistin ist, aber in viel krasserer Ausprägung als ich. Ich denke, dass ich von ihr vor allem die prädispositionierenden Gene abbekommen habe.

      EDIT:

      Die Eingangsfrage war ja, wie solche "autistischen" Züge aussehen könnten. Ich denke, dass Menschen mit einer PTBS auch dazu neigen, eher zurückgezogen zu leben und mangels Vertrauen zu anderen Menschen (durch ihre negativen Erlebnisse) eher kontaktscheu sein können. Ich kenne ein paar Menschen mit einer weiterhin akuten PTBS und Borderline, die nicht gerne unter Menschen sind, vor allem, weil sie Angst vor Flashbacks haben. Sie sind auch schnell überfordert und haben Konzentrationsschwierigkeiten. Das könnten ja auch Symptome von AS sein. Die Leute, die ich kenne, unterscheiden sich aber schon stark von (Asperger) Autisten. Das kann man schlecht in Worte fassen, aber man merkt es schon irgendwie. Diejenigen, die ich kenne, meiden die soziale Interaktion, weil sie anderen Menschen nicht vertrauen und sich durch sie irgendwie bedroht fühlen. Sie sind eher ängstlich und schreckhaft.

      Aspies meiden Interaktion ja u.a. auch eher deswegen, weil sie sie überfordert. Als Aspie/Autist kann man sicherlich auch ängstlich sein, aber ich glaube, dass das was anderes ist. Ausserdem scheint es ja auch oft zu passieren, dass traumatisierte Kinder aufhören zu sprechen- was ja auch etwas ist, dass einige Autisten nicht tun. Ich denke allerdings, dass am Ende die individuelle Symptomkonstellation entscheidet, welche Diagnose am besten passt, wenn beides vorliegt (Traumatisierung und AS). Ich würde z.B. sagen, dass ausgeprägte Spezialinteressen bereits in der Vorschulzeit und eine hohe sprachliche Entwicklung (wie es bei mir der Fall war) eher untypisch für ein schwerst-traumatisches Kind ist. Da würde man dann eher AS als Ursache vermuten, als eine PTBS. Wenn ich als kleines Kind schon schwerst traumatisiert worden wäre, hätte ich mich sprachlich/intellektuell sicherlich nicht so gut entwickelt und meine Spezialinteressen mit großer Ausdauer und Freunde gepflegt.

      The post was edited 4 times, last by geetarist ().

    • Ich finde schon, dass Borderline einen gleichwertigen objektivierbaren "Duktus" besitzt. Wer Erfahrung im Umgang mit Betroffenen hat, weiß das.
      Viele Schreiben, dass ihr Psychologe Diagnosen erhebt, dass ein Psychologe das aber nicht darf weiß nicht jeder. Nur Neurologen und Psychiater.
      Bei dem anderen gebe ich dir allerdings recht.

      So gesehen ist das sSammeln bereits minimaler schlechter Erfahrung bereits traumatisierend- egal in welche Richtung und in Abhängigkeit von der Kompensierbarkeit. Oder?
      Asperger-Autist
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    • Shenya wrote:

      selbst Epigenetik spielt eine Rolle, also dass Eltern ihre eigenen Traumata und deren Auswirkungen an die Kinder sozusagen weitervererben. Wie das genau funktioniert, weiß ich aber nicht.
      Gene werden je nach Bedarf an- oder abgeschaltet, Letzteres, indem ein methyl-bindendes Protein das Gen deaktiviert. Jede Zelle besitzt ja das komplette Genom, eine Muskelzelle also auch den Bauplan fürs Gehirn z.B. Die Muskelzelle braucht aber nicht den Bauplan des gesamten Körpers, sondern nur den Abschnitt für den jeweiligen Muskel. Alle anderen Gene werden abgeschaltet.

      Traumatisierungen verändern in gleicher Weise die Schaltpläne des Genoms. Und v.a.: Diese Schaltpläne werden vererbt. 1944 schnitten die Nazis z.B. Holland von der Nahrungsmittelzufuhr ab, was eine Hungersnot auslöste. Die Kinder und Enkelkinder jener Frauen, die damals gerade schwanger waren, sind auch Jahrzehnte später weitaus anfälliger für alle möglichen Krankheiten (Allergien z.B.) als der statistische Durchschnitt.

      Gestern hörte ich einen interessanten Vortrag über die "Intense World Theory of Autism", entwickelt von den Autismusforschern Henry und Kamila Markram. Die wollen herausgefunden haben, dass Autismus in all seinen Erscheinungsformen auf eine Störung der Hirnentwicklung in der 20.-24. Schwangerschaftswoche zurückgeht, die sich genetisch oder epigenetisch niederschlägt. Die Folge davon ist ein Gehirn mit einer übergroßen Zahl von Neuronen, Verschaltungen usw., was dann wiederum im weiteren Verlauf zu einer Übersensibilität gegenüber Umweltreizen führe. Die autistische Symptomatik sei dann der Versuch, sich gegen diese als viel zu intensiv erlebte Umwelt irgendwie abzuschotten.

      Welche Einflüsse das sein sollen, die da in der frühen Schwangerschaft auf das Gehirn des Embryos einwirken, darüber könne man gegenwärtig nur spekulieren. Es kämen also auch Traumata der Mutter infrage. Selbst erlebte Traumata, nach der Geburt, aber nicht (wenn ich's richtig verstanden habe), die beträfen nur das Großhirn. Umwelteinflüsse in der frühen Schwangerschaft aber Hirnstamm und Kleinhirn ebenso wie das Großhirn.
      "Ich würde nie einem Club beitreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen" (Groucho Marx) “Sich zu akzeptieren als den, der man ist, ohne etwas anderes sein zu wollen - das ist Freiheit“ (Ramesh Balsekar)
    • Ein Versuch sich von Reizen abzuschotten mündet in Autismus...
      Ich dachte, ein normales Hirn schafft das und Autismus erzeugt Anfälligkeit gegenüber Reize... Komisch oder habe ich da was missverstanden?
      Asperger-Autist
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    • Also erstens: Eine Zwangserkrankung ist eine Neurose, keine Psychose, somit tritt sie auch nicht als Folge einer Spaltung auf.

      Zweitens: Primär ist nicht die Borderlinestörung sondern das Trauma. Somit kann variieren, was auf das Trauma folgt. Es führt nicht immer zu Borderline und/oder zu einer Spaltung.

      Drittens: Echter Autismus entsteht nicht als Folge von Reizüberflutung sondern ist angeboren.

      Viertens: Bedingt durch den Autismus geraten Autisten schneller in eine Reizüberflutung als andere Leute, die Reize besser filtern können.

      Fünftens: Aber auch HSP-Leute und Leute mit ADHS geraten leichter in Reizüberflutung als andere, und das natürlich ohne dadurch Autismus zu entwickeln. Wenn sie Autismus haben, hatten sie vorher schon Autismus und haben es nur vielleicht nicht gemerkt.
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    • Was ist unechter Autismus? "Wenn er Aspi ist, Kanners auch?" Sorry für das Wortspiel.

      Das Zwangserkrankungen neurotisch sind, wurde nur durch fremdbestimmtes Wissen terminiert. Ich streng gern meinen Kopf selbst an. Was interessiert es mich, was andere sich Intelligentes für andere ausdenken, um Intellektualität und Wissensprahlerei betreiben zu können. Von mir aus können Zwangserkrankungen auch Chinanudeln sein. Ich seh viele Dinge anders und liebe es selbst nachzudenken, habe aber gelernt zu schweigen.
      Das man weiß, das BL als Folge eines Traumas auftritt setz ich voraus. Das diese Dinge nicht immer zu etwas führen, wurde auch nicht behauptet und bedarf daher keinerlei Korrektur. Profilierung incoming.

      Ich will aber auch was sagen, was ich weiß! Fünf Tassen Kaffee am Tag , vermindern das Krebsrisiko!

      lg
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      The post was edited 1 time, last by emanativ ().

    • emanativ wrote:

      Viele Schreiben, dass ihr Psychologe Diagnosen erhebt, dass ein Psychologe das aber nicht darf weiß nicht jeder. Nur Neurologen und Psychiater.
      Das stimmt nicht. Auch ein entsprechend ausgebildeter Psychologe (häufig: psychologischer Psychotherapeut) darf Diagnosen stellen und tut das auch ständig in seinem Berufsalltag, denn als (kassenzugelassener) Therapeut wird er nur bezahlt, wenn er der KK eine Diagnose vorlegen kann.

      Ein anderes Thema ist, dass manche offiziellen Stellen explizit eine ärztliche Diagnose verlangen. Also ist die offizielle Nützlichkeit der Diagnose unterschiedlich, je nachdem, ob sie ein Arzt oder ein Psychologe gestellt hat. Die Validität und die Qualität sind jedoch nicht grundsätzlich unterschiedlich - da hängt es wiederum rein von der Qualifikation und den Fähigkeiten ab. Manch ein Psychologe ist ein hundertmal besserer Diagnostiker als manch ein Facharzt...
    • emanativ wrote:



      Viele Schreiben, dass ihr Psychologe Diagnosen erhebt, dass ein Psychologe das aber nicht darf weiß nicht jeder. Nur Neurologen und Psychiater.
      Bei dem anderen gebe ich dir allerdings recht.
      Das ist leider falsch!

      Siehe hier: bdp-verband.org/bdp/politik/alte/010_sachverstaendige.shtml

      Dort steht:

      "Mit Rechtswirksamkeit des Psychotherapeutengesetzes (Januar 1999) sind die Unsicherheiten über den Status des psychologischen Psychotherapeuten beseitigt.

      Der approbierte Psychologe hat das Recht und trägt die Verantwortung sowohl für die Erstellung von Diagnosen als auch für seine Entscheidung über eine Psychotherapie und ihre Durchführung."

      Ärzte sind vorranging für die somatische Seite zuständig, Psychologen vorranging für die psychologische Seite. Patienten können selbst entscheiden, für welche Form der Therapie sie sich entscheiden (rein psychologisch, medizinisch oder beides). Psychologen, welche als psychologische Psychotherapeuten approbiert sind, dürfen, auch Diagnostik betreiben und Diagnosen stellen. Dazu werden sie ausgebildet und das ist auch u.a. ihre Aufgabe. Ein Psychologe kann im Zweifelsfall viel besser einschätzen, welche psychischen Probleme ein Mensch hat.

      Weitere Details finden sich in dem o.g. Link.

      Es ist also völlig in Ordnung zu sagen, dass der Psychologe psychologische Diagnosen erhebt. Das tut er auch und daür wurde er ausgebildet und das im Zweifelsfall sogar noch viel besser, als ein Mediziner. Die "Psychoterhapie" Zusatzbezeichnung für einen Mediziner ist ein Witz und nicht mal ansatzweise so fundiert, wie die eines Psychologen.