Pinned Wie denkt ihr über Therapien für autistische Menschen (insbesondere Erwachsene)?

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    • @Leonora

      Ich frage mich auch manchmal, ob ich nicht auch mit Abitur o.ä. beruflich gescheitert wäre.
      Denn ich hätte mich wahrscheinlich gar nicht einmal entscheiden können, was ich überhaupt studieren oder lernen hätte sollen.
      Dazu kommt dann auch noch die Reizüberflutung auf der Uni, die großen Hörsäle und die Selbstständigkeit (Unterrichtsmaterialien etc..), die dort gefordert wird.

      Und wenn man dann noch ständig so in den Tag reinlebt und von den SI (ein perfektes Studienfach gäbe es für mich ohnehin nicht), fixen Ideen oder Ängsten abgelenkt wird, stelle ich mir das Studieren auch nicht gerade einfach vor (von den kommunikativen Angelegenheiten mal ganz abgesehen).

      Trotzdem war es eine besch...... Zeit, mit meinen Defiziten und ohne Abschluss auf dem ersten Arbeitsmarkt herumzukämpfen.
      Gerade im Niedriglohnsektor, wo ja ebenfalls ziemlich viel Stress herrscht und man schnell gemobbt wird, wenn man irgendwie aus der Reihe tanzt.

      Heute bin ich froh, in einer WfpK arbeiten zu können.


      @all

      Bei Hyperlexie kann man übrigens sehr wohl gleichzeitig ein Unverständnis für die gelesenen Inhalte aufweisen.
      Während ich beispielsweise Daten und Fakten, philosophische, nicht zu komplexe naturwissenschaftliche bzw.völker-und länderkundliche Inhalte sehr gut verstehe, kann ich mir auf komplizierte Texte und technische Schriften gar keinen Reim machen (eben wegen der mangelnden bildhaften Vorstellungskraft).
      Da nutzen mir auch meine Fremdwortkenntnisse reichlich wenig.

      So ging es mir beispielsweise auch immer bei den mathematischen Textaufgaben, während ich das mechanische Rechnen eigentlich ganz gut beherrschte.

      The post was edited 1 time, last by SpiritOfNature ().

    • Leonora wrote:

      Da bin ich auch kein Experte, aber ich glaube, das Symptom bezieht sich ohnehin nur auf die frühere Kindheit. Darauf, dass ein Kind extrem früh liest, aber das, was es liest, gar nicht unbedingt inhaltlich erfassen kann. Es liegt "um des Lesens willen", des Leseaktes an sich, der Inhalt spielt eine untergeordnete Rolle. Die spätere Entwicklung, ob und wann die inhaltliche Seite in den Vordergrund tritt, ist hier meines Wissens gar nicht abgedeckt.
      Das ist korrekt.
      Ich habe zB mit 2,5 Jahren lesen gekonnt. Ich las die Zeitung inkl solch schwerer Worte wie zB "Bundeskanzler".
      Verstanden habe ich aber nicht um was es ging. Darum ging es mir aber auch nicht. Es war eine Art Zwang zu lesen...
      Das Verstehen des Inhaltes kommt dann zeitlich passend "hinterher".
      Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe.
      Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.
    • Linnea wrote:

      Ich hatte gehofft, es käme weiterhin alles in mich angeflogen
      Ja, das ist wohl häufig das Problem, wenn man jahrelang nicht ernsthaft dafür arbeiten muss.

      SpiritOfNature wrote:

      Ich frage mich auch manchmal, ob ich nicht auch mit Abitur o.ä. beruflich gescheitert wäre.
      Denn ich hätte mich wahrscheinlich gar nicht einmal entscheiden können, was ich überhaupt studieren oder lernen hätte sollen.
      Dazu kommt dann auch noch die Reizüberflutung auf der Uni, die großen Hörsäle und die Selbstständigkeit (Unterrichtsmaterialien etc..), die dort gefordert wird.
      Diese Probleme kenne ich allerdings leider sehr gut. Zwar wusste ich sehr genau, was mich interessierte, aber auch die organisatorische Seite an der Uni fiel mir sehr schwer, und ich brauchte daher auch lange, "verzettelte" mich oft und machte zahlreiche strategische Fehler.

      SpiritOfNature wrote:

      wenn man dann noch ständig so in den Tag reinlebt und von den SI (ein perfektes Studienfach gäbe es für mich ohnehin nicht), fixen Ideen oder Ängsten abgelenkt wird, stelle ich mir das Studieren auch nicht gerade einfach vor (von den kommunikativen Angelegenheiten mal ganz abgesehen).
      Ja, das kann ich leider bestätigen.

      SpiritOfNature wrote:

      Heute bin ich froh, in einer WfpK arbeiten zu können.
      Schön, dass Du dort zufrieden bist, gesellschaftlich ist es aber sehr schade, wenn viele sensible Menschen dort landen. Ich selbst könnte mir das nicht vorstellen.

      Ginome wrote:

      Ich habe zB mit 2,5 Jahren lesen gekonnt. Ich las die Zeitung inkl solch schwerer Worte wie zB "Bundeskanzler".
      Verstanden habe ich aber nicht um was es ging. Darum ging es mir aber auch nicht. Es war eine Art Zwang zu lesen...
      Das Verstehen des Inhaltes kommt dann zeitlich passend "hinterher".
      Ja, etwa so hatte ich "Hyperlexie" auch verstanden.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • SpiritOfNature wrote:

      @Leonora

      Diese Menschen landen deswegen dort, weil es kaum Alternativen zur "normalen" Arbeitsmarktsituation gibt (Kollegen, Stress, 8h-Tag,...).

      Gäbe es dagegen mehr sinnvolle Heimarbeit bzw. Teilzeitstellen oder angepasste Arbeitsplätze, sähe dies wahrscheinlich etwas anders aus.
      Das denke ich auch. Gerade eine sinnvolle Heimarbeit wäre da schon hilfreich.
    • Vulkan wrote:

      SpiritOfNature wrote:

      @Leonora

      Diese Menschen landen deswegen dort, weil es kaum Alternativen zur "normalen" Arbeitsmarktsituation gibt (Kollegen, Stress, 8h-Tag,...).

      Gäbe es dagegen mehr sinnvolle Heimarbeit bzw. Teilzeitstellen oder angepasste Arbeitsplätze, sähe dies wahrscheinlich etwas anders aus.
      Das denke ich auch. Gerade eine sinnvolle Heimarbeit wäre da schon hilfreich.
      Ja. Oder auch eine individuelle, passende "Nische" in Teilzeit. Besser als eine unterfordernde, aber trotzdem sozial anstrengende Vollzeittätigkeit.
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    • Shenya wrote:

      Ich habe Zweifel, ob es diese nonverbale Lernstörung überhaupt gibt. Sie ist ja nicht im ICD, und das wahrscheinlich aus gutem Grund.
      Das könnte man aber doch genauso über Asperger sagen: es war einfach eine Mehrheitsentscheidung es ins DSM-4 (USA) aufzunehmen (und diese soll sehr knapp gewesen sein), und der damals Verantwortliche (Allen Frances) bereut dies heute.
      Bei psychiatrischen Diagnosen liegt auch fürchte ich recht wenig wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde, oftmals kann man sogar eher wirtschaftliche Interessen stark vermuten, so ja auch im Falle DSM-5 in den USA. Autismusdiagnosen berechtigen dort zu besonderer Förderung (andere, ähnliche Diagnosen für Kinder mit ähnlichen Schwierigkeiten, nicht), die Aufnahme des AS hatte dort ja eine starke Zunahme an Autismus-Diagnosen zur Folge... und im DSM-5 wurde es zwar zusammengefasst zur Autismus-Spektrum-Störung, aber auch strenger gemacht (so dass weniger Leute die Diagnose bekommen und somit auch weniger Geld für Förderung ausgegeben werden muss). Echte wissenschaftliche Erkenntnisse liegen dem jedenfalls meines Wissens nicht zugrunde...

      Es stellt sich ja auch die interessante Frage, wenn statt dem AS, die NVLS es ins ICD aufgenommen worden wäre. Man hätte doch eine sehr ähnliche Patientengruppe abgedeckt (sehr große Symptom-Überschneidungen), und beides sind auch Störungen, die die Entwicklung stark beeinträchtigen können, also mehr als nur Teilleistungsstörungen von schulischen Fertigkeiten (bei Wiki steht: "Eine Nonverbale Lernstörung führt bereits im Kindergarten und in der Schule zu Schwierigkeiten beim Erwerb von Wissen, beim Spielen, bei sportlicher Betätigung und beim Sozialverhalten. Auch die Berufsausbildung und -ausübung ist eingeschränkt. Es kann zu Schwierigkeiten mit der selbständigen Lebensführung kommen;")

      Leonora wrote:

      Ich denke, das ist einfach eine andere "diagnostische Schiene" als Autismus, die nicht so bekannt geworden ist. Ähnlich wie Dyspraxie, ADHS oder MCD, mit denen sie einiges gemeinsam hat, nimmt sie ein bestimmtes "Cluster" von Teilleistungsstörungen und fasst das zu einem Syndrom zusammen. Diese diffusen, aber im Einzelfall durchaus sehr tiefgehenden Schwierigkeiten sind halt schwer zu fassen. Und man merkt, dass sie irgendwie zusammenhängen, doch das genau festzumachen und voneinander abzugrenzen ist schwierig.
      Vorweg: was ist "MCD"?

      Ich denke auch, dass es so ist wie du schreibst. Nach dem Lesen dieses Textes "The Boundaries between Aspergerand Nonverbal Learning Disability Syndromes" hier nldline.com/as_vs_nld.htm wurde mir bewusst, dass es offensichtlich verschiedene Definitionen für NVLS gibt: und je nachdem, welche man mit dem AS vergleicht, wird man natürlich verschiedene (abweichende) Unterschiede zwischen AS und NVLS feststellen.
      Erschwerend kommt noch hinzu, dass es auch für das AS verschiedene Definitionen gibt (zb Diagnosekriterien nach Gillberg ist Verzögerung der Sprachentwicklung beim AS ein Kriterium! Bei Wing ist der Sprachbebinn bei AS "normal bis spät"; ebensolche Unterschiede gibts betreffs dem Merkmal Motorische Ungeschicklichkeit, mal ist es ein Kriterium, mal nicht).
      Das führt natürlich zusätzlich zu Verwirrung.

      Es scheint laut dem Text ja auch Kinder zu geben, die NVLS haben, aber die sozialen Probleme sind nicht so ausgeprägt. Aber sie können auch ausgeprägt sein, und dann bekommt so ein Kind wohl die Diagnose AS (und ist somit Autist).
      Betreffs dem frühkindlichem Autismus ist es ja ähnlich verwirrend.
      Es ist doch denkbar dass sich aufgrund einer zusätzlichen AWVS (auditive Wahrnehmungs- Verarbeitungsstörung) und einer Störung der Mundmotorik ein Kind erst spät sprechen lernt. Und das ist dann definitionsgemäß hochfunktionaler frühkindlicher Autismus...

      Ich komme jedenfalls auch mehr und mehr zu dem Schluss, dass diese ganzen Diagnosen keine Zugehörigkeit zu einer "Neuro-Rasse" darstellen sondern nur dazu dienen, Problemen die ein Mensch hat, einen übergeordneten Namen zu geben. Eine "Seelenverwandschaft" und dieselbe Wahrnehmung der Welt, muss man nicht unbedingt erwarten.
    • Hypatia wrote:

      Ich weiß, wobei das nicht heißt, dass es mich nicht jedesmal aufs neue verwirrt

      Bei der Diagnostik wurde bei mir ein "partieller IQ-Test" durchgeführt. Daher gibt es auch kein echtes Ergebnis, nur Tendenzen.
      Und der Verbalteil ist bei mir auch nicht unterdurchschnittlich, nur der Handlungsteil halt etwas besser.
      Wirklich extrem ist die Differenz aber glaube ich nicht (genaue Zahlen, wie gesagt, gibt es bei mir dazu aber auch nicht).
      Der Text von Girsberger nennt bei Kindern mit AS eine durchschnittliche Differenz zwischen VT unfd HT von 22 IQ-Punkten. Remschmid zitiert er auch, der berichtete von einer Differenz von 24.
      Bei HFA wäre erstens der Gesamt-IQ niedriger als bei AS. Zweitens, VT und HT sind dort recht ausgeglichen (wie bei NT auch schätze ich), da ist nur eine Differenz von durchschnittlich 3 Punkten (zugunsten des HT).
    • Neoni wrote:

      Vorweg: was ist "MCD"?
      Die Abkürzung steht für Minimal Cerebral Dysfunction, eine heute veraltete Diagnose, die sowohl Elemente von hochfunktionalem Autismus wie von ADHS beinhaltet. Hier ein kurzer Abriss dazu.

      Neoni wrote:

      Nach dem Lesen dieses Textes "The Boundaries between Aspergerand Nonverbal Learning Disability Syndromes" hier nldline.com/as_vs_nld.htm wurde mir bewusst, dass es offensichtlich verschiedene Definitionen für NVLS gibt: und je nachdem, welche man mit dem AS vergleicht, wird man natürlich verschiedene (abweichende) Unterschiede zwischen AS und NVLS feststellen.
      Erschwerend kommt noch hinzu, dass es auch für das AS verschiedene Definitionen gibt (zb Diagnosekriterien nach Gillberg ist Verzögerung der Sprachentwicklung beim AS ein Kriterium! Bei Wing ist der Sprachbebinn bei AS "normal bis spät"; ebensolche Unterschiede gibts betreffs dem Merkmal Motorische Ungeschicklichkeit, mal ist es ein Kriterium, mal nicht).
      Das führt natürlich zusätzlich zu Verwirrung.
      Ebenso "fließend" und diffus war es auch bei MCD - und bei ADHS ist es ähnlich, was die Unterschiede zu Autismus ebenfalls an manchen Punkten "verwischt".

      Neoni wrote:

      Ich komme jedenfalls auch mehr und mehr zu dem Schluss, dass diese ganzen Diagnosen keine Zugehörigkeit zu einer "Neuro-Rasse" darstellen sondern nur dazu dienen, Problemen die ein Mensch hat, einen übergeordneten Namen zu geben. Eine "Seelenverwandschaft" und dieselbe Wahrnehmung der Welt, muss man nicht unbedingt erwarten.
      Das stimmt. Eher handelt es sich um jeweils in unterschiedlicher Kombination auftretende "Cluster" von Teilleistungsstörungen, von denen in unterschiedlicher, jeweils einzigartiger Ausprägung, eine relativ große Minderheit der Menschen betroffen ist, so ca. 10%. An dem hohen Anteil sieht man schon, dass es nicht per se eine Behinderung ist, sondern ein Spektrum von "Andersartigkeiten", das einen evolutionären Sinn hat, weil eine Minderheit mit "anderer" Perspektive für die Gruppe als ganzes von Vorteil ist.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      dass es nicht per se eine Behinderung ist, sondern ein Spektrum von "Andersartigkeiten", das einen evolutionären Sinn hat, weil eine Minderheit mit "anderer" Perspektive für die Gruppe als ganzes von Vorteil ist.
      Ja, sogar wohl im Tierreich.

      Es würde Zeit, mehr voneinander zu lernen. sich zu ergänzen. Sich alle mit diesen Augen zu sehen, dass sich da Gaben ergänzen, nicht bekämpfen.
      Aber dafür muss man schon bei sich beginnen und ganz gut selbst reflektieren. Und auch dann, im eigenen Rahmen, dazu lernen, was sinnvoll erscheint und einen evtl sogar "erweitert" in Denk-und Verhaltensmustern, ohne sich fremd zu fühlen. Unverarbeitetes zum Teil aufarbeiten, um nicht dauernd getriggert zu werden...da, wo es halt möglich ist.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Aspies e.V. - Vorstand wrote:

      1.) "Welche Ziele könnten autistische Menschen (insbesondere Erwachsene) mit einer Therapie für sich erreichen wollen?

      2.) „Welche Therapieverfahren bzw. welche therapeutische Maßnahme oder andere Unterstützungsmöglichkeiten haltet ihr für autistische Menschen (insbesondere Erwachsene) für geeignet (oder auch ganz und gar nicht geeignet)“?

      3.) „Welche Verfahren könnten besonders hilfreich sein im Gegensatz zu anderen?“ - Das sind ja u.U. gar nicht immer die „herkömmlichen“ …
      Da mir ja ein Coaching bevorsteht, antworte ich mal für mich:

      zu 1.) Berufliche Selbstfindung und Integration, muß nicht im ersten Arbeitsmarkt sein - realistische Analyse der bisherigen Hindernisse, der Stärken und Schwächen, des Lebenslaufes und entsprechend angepaßte neue Zielfindungen // Strukturierung des Alltags und der Zielsetzungen, um sich nicht zu verlieren // Herausfinden, was einem guttut und was nicht (Selbstwahrnehmung), weil das oftmals vorher ignoriert wurde // Strategien (praktischer Umgang) für typische Problemsituationen, die immer wieder auftreten und nicht allein durch Vermeidung zu bewältigen sind/sein sollten (vor allem in der Kommunikation mit anderen, mein Hauptproblem) // für mich speziell vielleicht noch Umgang mit meinen Neigungen, also vor allem in Bezug auf meine Umgebung // realistische Ziele und Pläne für das Schließen langfristiger Freundschaften, Kommunikation von Nähe-Distanz ohne Mißverständnisse (Abgrenzung und Öffnung kommunizieren und auch beim anderen verstehen)

      zu 2.) Gar nicht geeignet aus meiner Erfahrung heraus sind für mich undurchschaubare Methoden "black box" wie z.B. Psychoanalyse, jedenfalls, wenn nicht genau erklärt wird und nachvollziehbar wird, welche Erkenntnisse und welcher Nutzen und welche Vorteile daraus gezogen werden können. Besonders geeignet finde ich alle Methoden, die für mich als Patienten/Klienten rational (idealerweise auch emotional, aber das erwarte ich nicht) nachvollziehbar=transparent sind. Der Behandelnde sollte willens und in der Lage sein, auch auf nervende und scheinbar unwichtige Nachfragen geduldig und genau einzugehen (das war meiner leider nicht) und das Nachbohren als sinnvoll, nicht als Störung anzusehen.

      zu 3.) Für mich ist alles hilfreich, was ich zuhause selbst ausprobieren kann, was mir vorher genau erläutert wurde. Dann kann ich beim nächsten Mal auch besser Rückmeldung geben. Besonders hilfreich könnten Verfahren sein, bei denen man die Sichtweise und die Entscheidungen anderer besser analysieren lernt, z.B. ein Rollentauschspiel "Heute sind Sie mal der Psychologe und ich der Patient..." Außerdem finde ich das penible Abarbeiten ganz konkreter "Kleinigkeiten" hilfreich und wichtig, auch wenn die meisten Psychologen gerade Kleinthemen als Nebenkriegsschauplätze ansehen würden. Denn wenn man für ein "kleines" Problem ("Wie halte ich meine Wohnung sauber und ordentlich?") einen Lösungsweg lernt bzw. sich erfolgreich eine Strategie aufbaut, wobei der Therapeut hilft, und das dann funktioniert, kann man solche Strategien auch auf größere Aufgaben und Probleme nach und nach anwenden, ohne daß man den Therapeuten noch großartig benötigt.

      Wichtig finde ich allgemein, daß der Therapeut oder Coach nicht angegriffen oder verärgert reagiert und umgekehrt Verärgerung/Enttäuschung des Klienten/Patienten wenigstens zu 99% als Kommunikationsproblem wertet, nicht als Absicht, solcherlei Gefühle hervorzurufen. Sobald so ein Gefühl auf einer Seite aufkommt, sollte es genauestens analysiert werden, weil man daraus wertvolle Erkenntnisse über Wesen und mögliche Lösungen von Kommunikationsschwierigkeiten bekommen kann. Wie gesagt, das alles würde ich mir für mich selbst wünschen.

      Aber ich habe meine Therapeuten-/Coachsuche mittlerweile frustriert aufgegeben und werde mein vermutlich letztens Lebensdrittel wohl auch so wie die zwei ersten bewältigen können.
      Wenn einem die Bezüge verlorengehen, wird das "All" zum "Nichts".

      The post was edited 5 times, last by Necroghoul7 ().

    • Necroghoul7 wrote:

      Der Behandelnde sollte willens und in der Lage sein, auch auf nervende und scheinbar unwichtige Nachfragen geduldig und genau einzugehen (das war meiner leider nicht) und das Nachbohren als sinnvoll, nicht als Störung anzusehen.
      Ganz wichtig. "Keine psychodynamische Interpretation autismustypischer Verhaltensweisen", wie ich irgendwo mal las (hier aus der Erinnerung zitiert). Ich glaube, das könnte oft schon ganz viel helfen, um als autistischer Mensch von einer Therapie profitieren zu können und sie nicht als ein weiteres Misserfolgserlebnis verbuchen zu müssen. Wichtig wäre für mich auch Transparenz und Einigkeit von beiden Seiten darüber, welche Aspekte in der Therapie bearbeitet und was erreicht werden soll. Und genau das sollte auch respektiert werden. Beispielsweise ein Wunsch, für sich eine Strategie zu finden, nicht in einer "normalen" Gruppendynamik (etwa in einem gängigen Bürojob) "funktionieren" zu müssen, sollte verstanden und unterstützt und nicht etwa als irrationale Angst vor Gruppen und negatives Denken abgetan werden. Wenn man möchte, sollte man dann an geeigneten Strategien arbeiten können und nicht beispielsweise darein gedrängt zu werden, die eigene Angst vor Gruppen aufzuarbeiten. Wichtig für mich persönlich wäre auch ein Verzicht auf "rhetorische Tricks" seitens des Therapeuten. Und in die eigenen Aussagen sollten möglichst nicht Dinge interpretiert werden, die ich nicht ausdrücken wollte.

      Necroghoul7 wrote:

      Außerdem finde ich das penible Abarbeiten ganz konkreter "Kleinigkeiten" hilfreich und wichtig, auch wenn die meisten Psychologen gerade Kleinthemen als Nebenkriegsschauplätze ansehen würden. Denn wenn man für ein "kleines" Problem einen Lösungsweg lernt, der funktioniert, kann man ihn auch auf größere nach und nach anwenden.
      Das sehe ich auch als wichtigen Punkt. Dinge, die anderen als "Kleinigkeiten" erscheinen, sind für mich unter Umständen ernsthafte Probleme, deren Bearbeitung mich eventuell einen gewaltigen "Schritt weiter" bringen kann. Das sollte ein guter Therapeut respektieren.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Dazu fällt mir gerade etwas ein, auch wegen dem Thema Abgrenzung AS / SPS

      Besonders bei spät Diagnostizierten, die mehr oder weniger starke schizoide Anteile haben, macht es Sinn, wenn man genau an diesen Punkten im Rahmen einer Therapie arbeitet.

      Probleme dabei:
      - überhaupt erst einmal einen Therapeuten finden, der sich mit AS auskennt
      - der dann auch noch, AS und SPS auseinander "fummeln" kann
      - Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, was änderbar ist und nicht aus Bequemlichkeit beibehalten werden soll

      Bei jungen Menschen würde ich jedem selbst, aber auch Therapeuten, empfehlen auf die Gefahr von schizoidem Verhalten zu achten. Ohne natürlich den Fehler zu machen, jedes Vermeidungsverhalten als Flucht anzusehen.
      ~ Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein. ~
    • @Leseratte,
      ich habe mich noch mal über Schizoidie belesen und da einen Satz gefunden, der auch für Nicht-Betroffene sehr heilsam wäre:
      "auch die Erfahrung machen, wie es ist, ernst genommen zu werden."
      Das geht in dieselbe Richtung wie der Beitrag von @Leonora
      Mit ernst genommen meine ich weniger mich als Person, sondern meine Äußerungen und Argumente. Die werden gerade von Fachleuten häufig abgetan.
      Wenn einem die Bezüge verlorengehen, wird das "All" zum "Nichts".
    • Necroghoul7 wrote:

      Mit ernst genommen meine ich weniger mich als Person, sondern meine Äußerungen und Argumente. Die werden gerade von Fachleuten häufig abgetan.
      Da ist für mich kein Unterschied. Wer meine Äußerungen nicht ernst nimmt, nimmt mich als Menschen nicht ernst. Man darf gern gegen meine Argumente sein - aber nicht ernst nehmen geht gar nicht.
      ~ Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein. ~
    • Leseratte wrote:

      meine Äußerungen nicht ernst nimmt, nimmt mich als Menschen nicht ernst
      Das ist aber sehr streng. Nimmst du denn selbst all deine eigenen Äußerungen ernst? Ich jedenfalls nicht, inhaltlich meine ich, und ich habe gelernt, auch nicht alles auf die Goldwaage zu legen, was andere sagen (sonst wäre ich ja oft enttäuscht oder sauer). Ich denke auch, daß mein Therapeut mich damals sehr ernst genommen hat und sich viel Mühe gegeben hat, aber er hat Vieles, das ich eben ernst meinte und wichtig fand, leider nicht ernst genug genommen. Ich hatte auch nicht erwartet, daß er jeden Huster von mir ernst nimmt, aber wenn ich schon betone, daß mir etwas wichtig ist, dann hätte ich erwartet, daß es auch wichtig genommen wird, auch wenn der Therapeut es erst mal nebensächlich oder irrelevant findet. Ein Punkt war eben das "Zerreden", mir wurde ständig gesagt, ich sei nicht zum Diskutieren da, mein Bedürfnis nach Verhinderung von Mißverständnissen wurde nicht ernst genommen, und genau dadurch sind die Mißverständnisse wieder entstanden. Die Therapie war sozusagen die Spiegelung und perfekte Reinszenierung meines Scheiterns in der Kommunikation, die dann beide Seiten irgendwie hilflos und frustriert und mißverstanden zurückließ. Nur daß ich um eine Stange Geld ärmer war.
      Besonders frustrierend war für mich das zu erkennen, also daß mein Therapeut wohlmeinend, bemüht und sehr intelligent und gut ausgebildet war, und ich ebenfalls bemüht und zumidnest sprachlich intelligent, und trotzdem immer wieder aneinander vorbei geredet wurde, inhaltlich zwar eine Antwort gegeben wurde, aber oft wechselseitig der Sinn und die Intention der Äußerung nicht rüberkamen oder nicht ernst genommen wurden.

      Da fällt mir noch etwas ein:
      Ich erwarte von einem Therapeuten, daß er auch bereit ist, mal bei Bedarf über andere Themen zu sprechen. Als ich JobCenterprobleme hatte, wurde mir nur gesagt, das könne jetzt auch nicht noch in der kurzen Zeit abgehandelt werden, und ich mußte dann über etwas reden, was mir gerade eigentlich nicht wichtig war, aber vom Therapeuten als hilfreich erachtet wurde. Dabei kann ich doch selbst am besten beurteilen, zumindest nachträglich, was für mich hilfreich war.
      Wenn einem die Bezüge verlorengehen, wird das "All" zum "Nichts".

      The post was edited 1 time, last by Necroghoul7 ().

    • Necroghoul7 wrote:

      Leseratte wrote:

      meine Äußerungen nicht ernst nimmt, nimmt mich als Menschen nicht ernst
      Das ist aber sehr streng. Nimmst du denn selbst all deine eigenen Äußerungen ernst? Ich jedenfalls nicht, inhaltlich meine ich, und ich habe gelernt, auch nicht alles auf die Goldwaage zu legen, was andere sagen (sonst wäre ich ja oft enttäuscht oder sauer).
      Wenn es wiederholt oder dauernd vorkommt, dann sehe ich das so - und verdammt eng. Wenn das ab und zu oder im Einzelfall vorkommt - kein Problem, passiert mich auch. Blöde Sprüche oder dumme Witze kann ich auch vertragen. Aber es gibt Menschen, die einen nie ernst nehmen - gerade Ärzte können so etwas gut. Und viele Chancen es besser zu machen haben sie auch nicht, weil man sie ja nur selten sieht.
      ~ Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein. ~
    • Ich musste meine nicht-autismusspezifische Therapie abbrechen, nachdem mein Therapeut umgezogen ist, und nachdem die Therapie auch doch nicht ganz so gut lief, wie ich anfangs dachte.
      Jetzt werde ich voraussichtlich eine autismusspezifische Therapie beginnen, bin gerade bei den probatorischen Sitzungen und muss die Kostenübernahme der Krankenkasse (in meinem Fall Beihilfe und privat) noch abwarten.
      Bisher ist es angenehm bei der Therapeutin, fast schon unheimlich, weil sie alles so gut versteht und mir sogar noch erklären kann, wie ich ticke und warum die Dinge so sind wie sie sind. Vorher war es umgekehrt, ich musste dem Therapeuten erklären, wie ich ticke, und das war nicht immer so ganz einfach, vor allem, wenn man sich selber gar nicht wirklich immer versteht und dafür eigentlich eine Erklärung von außen bräuchte. Die Gesprächsführung scheint bisher auch ganz gut zu funktionieren, obwohl mir dann hinterher doch noch Dinge eingefallen sind, die ich im Gespräch nicht bedacht hatte. Aber das ist wohl immer so.
      Insofern habe ich gerade wieder einen Zuwachs an Zuversicht und Hoffnung für die nächsten paar Monate.
      Was es am Ende bringt, wird man sehen. Ich finde es auf jeden Fall gut, überhaupt jemanden zum Reden zu haben, der Ahnung hat und wo man mal nicht dauernd auf Unverständnis stößt, wo man nicht alles erklären muss.
      Für mich ist das Ziel, dass ich mich selber und die Diagnose noch besser akzeptieren lerne, und dass ich noch Hilfen für den Alltag bekomme, damit manche Dinge besser funktionieren. Im Endeffekt möchte ich weniger depressive Phasen haben, mehr Lebensfreude und Lebensinhalt. Das Gefühl ständiger Überforderung oder Funktionieren am Limit sollte mal weniger werden. Ich möchte nicht mehr, dass mein Leben gefühlt nur aus dem Abarbeiten einer unendlichen To-Do-Liste besteht.
      Alles wird galaktisch gut.

      The post was edited 1 time, last by Shenya ().