Literatur über Autismus

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    • Literatur über Autismus

      Liebe alle,

      ich hoffe, ich bin hier richtig und ein solcher Thread bestand vorher noch nicht.
      Ich wusste nicht, wo ich mein Anliegen am besten ein- oder anbringen kann.

      Und zwar bin ich nicht nur die Schwester eines Asperger-Autisten, sondern interessiere mich auch beruflich sehr für Autismus.

      Momentan schreibe ich meine Examensarbeit (ich studiere Lehramt für Förderschulen) zu dem Thema "Die Darstellung von Autismus in deutschsprachiger Literatur". Im Zuge dessen analysiere ich die Inhalte folgender Bücher:

      - "Eine Seele lernt leben" von Clara C. Park
      - "Buntschatten und Fledermäuse" von Axel Brauns
      - "Supergute Tage ..." von Mark Haddon

      Ich würde mich sehr freuen, wenn ich von euch einen Eindruck/eine Meinung dazu erhalten könnte, ob die Darstellungen von Autismus in diesen Büchern realistisch sind? (Insofern ihr diese natürlich gelesen habt.)
      Das heißt, ob ihr (also Betroffene oder auch Angehörige) euch dort "angesprochen" fühlt oder nicht?

      Ich freue mich auf eure Antworten und eventuelle Fragen zu meiner Arbeit :)

      Line
      Angehörige und interessierte Studentin

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    • Line wrote:

      - "Eine Seele lernt leben" von Clara C. Park
      Das war eines der ersten Bücher über Autismus, das ich als Jugendliche gelesen habe. (Das allererste war wohl "Kai lacht wieder" von Hartmut Gagelmann.)
      Ich habe das o.g. Buch jetzt in der Hand, Ausgabe von 1993.
      Kann mich erinnern, dass es mich damals sehr berührt hat und ich mich in vielem wiedergefunden habe, auch wenn ich damals noch keine Autismus-Diagnose hatte und obwohl Elly/Jessy weitaus größere Beeinträchtigungen hat als ich sie je hatte (Sprechen z.B.).
      Ich fand, dass die Mutter, die das Buch geschrieben hat, sehr gut beobachten und beschreiben konnte; sie hat sehr einfühlsam und v.a. wertschätzend über ihre Tochter geschrieben und auch die positiven Seiten bzw. die "liebenswerten Ecken" von Elly/Jessy betont.
      Ich müsste das Buch heute noch mal lesen, um mehr sagen zu können - und irgendwie habe ich jetzt Lust dazu, jetzt, wo ich es im Regal gefunden habe und es hier bei mir auf dem Bett liegt.

      The post was edited 1 time, last by mnesis ().

    • Rechercheur wrote:

      Line wrote:

      - "Supergute Tage ..." von Mark Haddon
      Nimm das besser ganz raus. In dem Buch geht es nicht um Autismus:markhaddon.com/aspergers-and-autism
      Das wird ja diskutiert .. weil Haddon wohl Kontakt zu Autisten hatte? Ich möchte/will diese Diskussion auch mit aufnehmen, ob Haddon dort wirklich Autismus darstellt oder ihm das nur "unterstellt" wird. Bei der Deutschen Ausgabe steht es im Klappentext sogar dabei ..
      Angehörige und interessierte Studentin

      The post was edited 1 time, last by Line: Zitat eingefügt ().

    • Line wrote:

      - "Eine Seele lernt leben" von Clara C. Park
      - "Buntschatten und Fledermäuse" von Axel Brauns
      - "Supergute Tage ..." von Mark Haddon
      Was mich sehr interessieren würde: Wieso ist Deine Wahl auf genau diese 3 Bücher gefallen?

      Eins davon ist ein Bericht einer Mutter über ihre autistische Tochter, eins davon eine Art Autobiographie (und gleichzeitig ein Roman, laut Axel Brauns), und eins ein fiktives Kinder-/Jugendbuch.
      Ist es Absicht, dass das so ist?
      Und nur eins davon ist eigentlich "echte" deutschsprachige Literatur, denn das Buch von Clara C. Park ist im Original auf Englisch, ebenso das Buch von Mark Haddon. D.h. Du analysierst bei zwei der drei Büchern quasi die Übersetzung.

      Was ist denn mit "In den Augen der anderen" von Jodi Picoult? (Das fand ich irgendwe gut, weil es so viele verschiedene Perspektiven beeinhaltet, auch die von Geschwistern.)
    • (Hier wäre ein Zitat von mnesis, wenn die Funktion das täte, was ihr Name suggeriert)

      Das ist "House Rules", oder? Das fand ich gut: einer meiner wenigen Zufallsfunde in Bahnhofsbuchhandlungen (das andere: "Juliet, Naked", von Nick Hornby ... überhaupt, der hat einen autistischen Sohn).

      "The curious incident" mag oder mag nicht in der Hauptrolle einen Autisten haben, für mich war es eine (wohl realistische) Horror-Darstellung einer "special needs unit" in einer "comprehensive school". Urgh.
    • shnoing wrote:

      Das ist "House Rules", oder?
      Ja, genau.
      Ich fand, dass im Buch Autismus ziemlich realistisch dargestellt wird. Phasenweise war es mir richtig unheimlich, wie oft ich mich in Jacob wiederfand, auch in den nicht so schönen Dingen.
      Und die große Stärke des Buchs ist eben, dass die Perspektiven so oft wechseln und man vieles auch aus der Sicht von Jacob, Jacobs Bruder, Jacobs Mutter, Jacobs Anwalt mitbekommt.
      Klar, manches ist etwas klischeehaft, z.B. die Farbentage ("heute essen wir nur weißes Essen"). Aber darüber kann man hinwegsehen.
    • mnesis wrote:

      Eins davon ist ein Bericht einer Mutter über ihre autistische Tochter, eins davon eine Art Autobiographie (und gleichzeitig ein Roman, laut Axel Brauns), und eins ein fiktives Kinder-/Jugendbuch.
      Das ist mir auch sofort aufgefallen.

      Line wrote:

      Ich würde mich sehr freuen, wenn ich von euch einen Eindruck/eine Meinung dazu erhalten könnte, ob die Darstellungen von Autismus in diesen Büchern realistisch sind? (Insofern ihr diese natürlich gelesen habt.)
      Das heißt, ob ihr (also Betroffene oder auch Angehörige) euch dort "angesprochen" fühlt oder nicht?
      Die Frage, ob es realistisch ist, dürfte sich bei den beiden Erfahrungsberichten kaum stellen.
      Ich gehe davon aus, dass die eigenen Erfahrungen der Autoren hier wahrheitsgemäß, wenn auch natürlich stark subjektiv geschildert werden. Da kann ich doch nicht behaupten, es wäre nicht realistisch. Ich war schließlich nicht dabei.
      Aber es ist natürlich auch ganz bestimmt nicht realistisch, anzunehmen, das wäre bei jedem Autisten genauso.
      Die Frage nach einer realistischen Darstellung ist eigentlich nur bei fiktiven Geschichten sinnvoll.

      Angesprochen fühle ich mich durch solche Erfahrungsberichte eigentlich immer. Man findet eigentlich immer ein paar Gemeinsamkeiten und jede Menge Unterschiede zu sich selbst. Aber das ist auch gut so: es zeigt eben, wie unterschiedlich Autisten sein können.

      mnesis wrote:

      Und nur eins davon ist eigentlich "echte" deutschsprachige Literatur, denn das Buch von Clara C. Park ist im Original auf Englisch, ebenso das Buch von Mark Haddon. D.h. Du analysierst bei zwei der drei Büchern quasi die Übersetzung.

      Auch das war mir aufgefallen, und ich wollte schon selbst darauf aufmerksam machen, aber mnesis ist mir zuvor gekommen. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, sollte aber auf jeden Fall mit dem betreuenden Hochschullehrer abgesprochen werden. Ich weiß nicht, ob die Bezeichnung "deutschsprachige Literatur" da die korrekte Fachsprache ist. Unser Deutschlehrer in der Schule hat es damals abgelehnt, sich im Deutschunterricht mit Übersetzungen aus dem Englischen zu befassen. Aber es soll ja bei dir wohl keine Deutscharbeit werden.

      mnesis wrote:

      Was ist denn mit "In den Augen der anderen" von Jodi Picoult? (Das fand ich irgendwe gut, weil es so viele verschiedene Perspektiven beeinhaltet, auch die von Geschwistern.)

      Das fiel mir auch sofort als mögliche Alternative oder Ergänzung ein.
      Mein urteil darüber fällt aber nicht ganz so positiv aus. Jodie Picoult hat zwar umfangreich recherchiert und mit vielen Autisten und deren Angehörigen gesprochen, bevor sie das Buch geschrieben hat.
      Aus meiner Sicht hat sie aber im Endeffekt aus dem, was ihr wohl von verschiedenen Personen erzählt wurde, einen mit Symptomen überfrachteten hyperintelligenten Super-Aspie zusammengestellt. Da hätte sie sich besser etwas mäßigen sollen.
      Übel nehme ich ihr außerdem, dass die Hauptperson angeblich kurz nach einer Impfung in autistische Verhaltensweisen verfallen ist. Da ist sie wohl auf Laienätiologie von Betroffenen hereingefallen.


      mnesis wrote:

      Was mich sehr interessieren würde: Wieso ist Deine Wahl auf genau diese 3 Bücher gefallen?
      Das würde mich auch interessieren.
      Und sind das die einzigen Bücher, die du analysieren willst, oder bist du vielleicht noch an Alternativen und/oder Ergänzungen interessiert?
      Interessant wäre sicher auch
      Craig Lancaster: 600 Stunden aus Edwards Leben und die Fortsetzung Edward auf Reisen
      oder
      Kathryne Erskin: Schwarzweiß hat viele Fraben
      Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anderswerden, wenn es besser werden soll. (Georg Christoph Lichtenberg)
      Veränderungen führen deutlich öfter zu Einsichten, als dass Einsichten zu Veränderungen führen. (Milton H. Erickson)
      Morgen werde ich mich ändern, gestern wollte ich es heute schon. (Christine Busta)
    • Ich denke auch, dass man bei dem Erfahrungsbericht und der Biographie nicht von realistisch/unrealistisch sprechen kann.
      "Eine Seele lernt leben" habe ich nicht gelesen, wohl aber "Buntschatten und Fledermäuse", das zwar irgendwie interessant zu lesen war, aber mit meiner Ausprägung von Autismus hat es nicht viel zu tun. Es resonierte nicht. "Supergute Tage..." war im Sinne eines Romans ganz nett zu lesen (ist beides schon einige Jahre her), aber ich glaube mich zu erinnern, dass ich damals fand, dass das beschriebene nur an der Oberfläche wie Autismus wirkt, die Begründungen und Denkstrukturen teilweise aber recht anders waren. Aber, wie schon geschrieben, sollte es im Original ja auch gar keinen Asperger beschreiben?

      Die erste Biographie einer Autistin, die ich kurz nach meiner Entdeckung las, war "Heute singe ich mein Leben" von Dawn Prince-Hughes. Der Titel im Deutschen ist zwar bekloppt, das Buch hat aber sehr stark resoniert, ich habe mich in sehr vielem ziemlich genau wiedererkannt. War ein weiteres Aha-Erlebnis.
      Nichts ist, wie es scheint...
    • Line wrote:

      Das wird ja diskutiert .. weil Haddon wohl Kontakt zu Autisten hatte? Ich möchte/will diese Diskussion auch mit aufnehmen, ob Haddon dort wirklich Autismus darstellt oder ihm das nur "unterstellt" wird. Bei der Deutschen Ausgabe steht es im Klappentext sogar dabei ..
      Auf der Rückseite des Einbandes der englischen Originalausgabe steht ein kurzer Kommentar der britischen Tageszeitung "Sunday Telegraph", in dem eine sehr kurze Zusammenfassung gegeben wird. Dort steht auch: "Christopher is fifteen and has Asperger's Syndrome".
      Das ist lediglich die Interpretation eines Zeitungsredakteurs, der Buchverlag hat sie abgedruckt und der deutsche Verlag hat das übernommen.
      Der Autor hat in Interviews mehrfach erwähnt, dass er Christopher nicht als Autist dargestellt hat, dass er keinerlei Kenntnisse über das Asperger-Syndrom hatte zu dem Zeitpunkt, als er das Buch schrieb und wie im Link der Beitrages von Rechercheur (Website von Mark Haddon) zu lesen ist, distanziert er sich auch dort davon, dass Christopher Autist wäre.

      Ich würde es ganz korrekt finden, wenn man das nun endlich mal akzeptieren und nicht immer wieder diskutieren würde.
      Wenn der Autor (mehrfach!) deutlich macht, dass die Hauptperson seines Buches kein Autist ist, dann ist es völliger Schwachfug, immer wieder das Gegenteil zu behaupten.
    • Von den drei Büchern kenne ich nur das von Axel Brauns. Mir hat es gut gefallen, und ich habe mich in etlichen Dingen wiedererkannt, aber natürlich nicht in allen. Z.B. hatte er eine Sprachentwicklungsverzögerung oder sogar einen Sprachverlust, ich nicht. Und auch dass er Gesichter nur als "Pfützen" sieht, ist bei mir nicht so.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • (Das zitieren funktioniert bei mir leider nicht... daher löse ich das so: )


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      mnesis: Was mich sehr interessieren würde: Wieso ist Deine Wahl auf genau diese 3 Bücher gefallen?
      Eins davon ist ein Bericht einer Mutter über ihre autistische Tochter,
      eins davon eine Art Autobiographie (und gleichzeitig ein Roman, laut
      Axel Brauns), und eins ein fiktives Kinder-/Jugendbuch.
      Ist es Absicht, dass das so ist?
      Und nur eins davon ist eigentlich "echte" deutschsprachige Literatur,
      denn das Buch von Clara C. Park ist im Original auf Englisch, ebenso das
      Buch von Mark Haddon. D.h. Du analysierst bei zwei der drei Büchern
      quasi die Übersetzung.

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      Tuvok: Das würde mich auch interessieren.
      Und sind das die einzigen Bücher, die du analysieren willst, oder bist
      du vielleicht noch an Alternativen und/oder Ergänzungen interessiert?

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      Diese drei Bücher habe ich tatsächlich mit Absicht so gewählt. Ein Aspekt war beispielsweise, dass ich ein Buch analysieren wollte, welches älteren Jahrgangs ist, daher fiel meine Wahl auf das Buch von Clara Park.
      "Buntschatten und Fledermäuse" habe ich zum einen gewählt, weil ich es privat schon einmal gelesen hatte und zum anderen, weil es, so finde ich (als Außenstehende), eine spannende Sicht auf den Autismus bietet und weil es eine Autobiographie ist.
      Das Buch von Haddon habe ich gewählt, da es eine fiktive Darstellung von Autismus ist/sein könnte (auch wenn Haddon es abstreitet) und ich diese Sicht auch sehr interessant finde. Zudem haben wir das Buch in einem Seminar zum Thema "Literatur über Behinderte" bearbeitet, und mein Dozent hat sich auch gewünscht, dass ich dieses Buch, bzw. eine fiktive Darstellung, in meine Arbeit einbeziehe.

      Am Ende habe ich also drei verschiedene Darstellungsarten: die Sicht einer Mutter, eines Betroffenen und eine fiktive Darstellung. Zudem habe ich auch Darstellungen aus verschiedenen Zeiträumen. Parks Buch ist aus den 1960ern und die anderen aus den 2000ern.

      Und mein Titel der Examensarbeit (also dass ich "deutschsprachige Literatur" analysiere) wurde auch extra so gewählt, damit ich Übersetzungen verwenden kann. Würde mein Titel "deutsche Literatur" beinhalten, so dürfte ich das nicht. Da verlasse ich mich auf die Meinung meines Dozenten :)

      An Alternative/Ergänzungen bin ich stark interessiert! Nur leider werde ich diese nicht mehr in meine Arbeit einbeziehen können, da das den Rahmen sprengt und mir die Zeit davon läuft... Aber für meine private kleine Bibliothek nehme ich gerne Tipps an und werde die Bücher mit großer Freude lesen, sobald ich meine Arbeit abgegeben habe :)
      Angehörige und interessierte Studentin
    • zaph wrote:

      Auf der Rückseite des Einbandes der englischen Originalausgabe steht ein kurzer Kommentar der britischen Tageszeitung "Sunday Telegraph", in dem eine sehr kurze Zusammenfassung gegeben wird. Dort steht auch: "Christopher is fifteen and has Asperger's Syndrome".
      Das ist lediglich die Interpretation eines Zeitungsredakteurs, der Buchverlag hat sie abgedruckt und der deutsche Verlag hat das übernommen.
      Ich fürchte, dass "zaphileaks" :d bei seinen Enthüllungen zur angeblichen Herkunft der Behauptung, die Hauptfigur der Geschichte habe AS, etwas zu nachlässig recherchiert hat.
      Man kann hier amazon.de/Curious-Incident-Dog…nt+with#reader_0099470438 die Rückseite des Einbandes einsehen (zur letzten Seite blättern).
      Aus dem Sunday Telegraph ist nur die Zeile "EXCEPTIONAL by any standard ..." zitiert, erkennbar an den Anführungszeichen.

      Deutlich in einer anderen Farbe und ohne Anführungszeichen geschrieben ist die Zusammenfassung des Inhaltes über dem Zitat.
      Branchenüblich ist, dass diese Klappentexte in Abstimmung mit dem Autor vom Verlag (meist vom Lektor) verfasst werden, da für die Gestaltung des Covers in der Regel der Verlag verantwortlich ist.

      Die Klappentexte sind für potentielle Käufer oft eine wichtige Orientierungshilfe und sind auf jeden Fall als Bestandteil des Gesamtwerkes anzusehen.
      Es ist somit festzuhalten: das Buch wird auch in der neuesten Auflage explizit als Geschichte über eine Person mit AS angeboten und vermarktet.

      zaph wrote:

      Der Autor hat in Interviews mehrfach erwähnt, dass er Christopher nicht als Autist dargestellt hat, dass er keinerlei Kenntnisse über das Asperger-Syndrom hatte zu dem Zeitpunkt, als er das Buch schrieb und wie im Link der Beitrages von Rechercheur (Website von Mark Haddon) zu lesen ist, distanziert er sich auch dort davon, dass Christopher Autist wäre.
      Ich kenne nicht alle Interviews, die Mark Haddon gegeben hat, aber auf seiner Homepage distanziert er sich eben nicht ausdrücklich davon, dass die Hauptfigur Autist wäre.
      Er schreibt nur, dass er selbst kein Fachmann für Autismus ist und nicht die Absicht hatte, ein Buch über die Besonderheiten von Autismus zu schreiben.
      Die Charakterzüge von Christopher hat er aus den Eigenarten mehrerer verschiedener Menschen aus seinem Umfeld zusammengestellt. Keinen dieser Menschen würde er als behindert ansehen.
      Wenn die Hauptfigur also tatsächlich AS haben sollte, wäre das Zufall, weil sich entweder die autistischen Einzelsymptome verschiedener Menschen bei Christopher zu AS ergänzen, oder weil tatsächlich mindestens eines der realen Vorbilder AS hatte, ohne dass der Autor (und möglicherweise auch der Betroffene selbst) davon wusste.
      Es scheint Mark Hadden ziemlich egal zu sein, ob seine Hauptfigur nun AS hat oder nicht. Er möchte mit seinem Buch für Verständnis und Toleranz gegenüber jeder Art von Andersartigkeit werben.
      Deswegen bedauert er es leicht, dass im Klappentext ausdrücklich von AS die Rede ist.

      Eine deutliche Distanzierung sieht anders aus. Er hätte ja beim Verlag auch darauf drängen können, dass in späteren Auflagen der Klappentext geändert wird und/oder der Kommentar auf seiner Homepage als Nachwort ins Buch eingefügt wird. Aber so tief scheint das Bedauern dann doch nicht zu sein, solange sich das Buch in dieser Form nur gut verkauft.


      zaph wrote:

      Wenn der Autor (mehrfach!) deutlich macht, dass die Hauptperson seines Buches kein Autist ist, dann ist es völliger Schwachfug, immer wieder das Gegenteil zu behaupten.
      Er hat eben nicht behauptet, die Hauptperson seines Buches sei kein Autist, sondern nur, dass er dieser Person nicht bewusst autistische Eigenschaften gegeben hat, weil er vorher gar nicht über Autismus recherchiert hatte.
      Wenn er tatsächlich so wenig von Autismus versteht, ist er auch nicht kompetent, Autismus bei seiner Hauptfigur auszuschließen.

      Die Behauptung, die Hauptfigur habe AS, ist Bestandteil des Klappentextes und somit des Gesamtwerkes.
      Mein Eindruck ist, dass derjenige, der diesen Klappentext geschrieben hat, mehr von Autismus versteht, als der Autor selbst.
      Die Hypothese, dass Christopher AS hat, ist zumindest plausibel.
      Die fiktive Person Christopher Boone hat jedenfalls deutlich mehr typisch autistische Eigenschaften mit mir gemeinsam, als mancher reale Autist.


      zaph wrote:

      Ich würde es ganz korrekt finden, wenn man das nun endlich mal akzeptieren und nicht immer wieder diskutieren würde.

      Solange Autor und Verlag das Buch weiter als Geschichte über eine Person über AS vermarkten, kann und soll die Diskussion weitergehen.
      Mir fällt jedenfalls spontan kein notwendiges Diagnosekriterium ein, dass Christopher eindeutig nicht erfüllt.
      Solange mir niemand mit Textstellen belegen kann, dass Christopher Bonne ein notwendiges Diagnosekriterium eindeutig nicht erfüllt, halte ich die These, dass er AS hat, für plausibel.
      Wenn ich Zeit habe, lese ich das Buch gerne nochmal und achte darauf, ob wirklich alle Diagnosekriterien erfüllt sind und mit Textstellen belgt werden können.

      Line wrote:

      Und mein Titel der Examensarbeit (also dass ich "deutschsprachige Literatur" analysiere) wurde auch extra so gewählt, damit ich Übersetzungen verwenden kann. Würde mein Titel "deutsche Literatur" beinhalten, so dürfte ich das nicht. Da verlasse ich mich auf die Meinung meines Dozenten
      Danke. Der Unterschied zwischen "deutscher Literatur" und "deutschsprachiger Literatur" war mir nicht genau bekannt. Ich hätte da eher gedacht, deutsche Literatur müsste aus Deutschland kommen und "Deutschsprachige Literatur" könnte auch z.B. aus Österreich oder der Schweiz kommen. Aber man lernt nie aus.

      Line wrote:

      An Alternative/Ergänzungen bin ich stark interessiert! Nur leider werde ich diese nicht mehr in meine Arbeit einbeziehen können, da das den Rahmen sprengt und mir die Zeit davon läuft... Aber für meine private kleine Bibliothek nehme ich gerne Tipps an und werde die Bücher mit großer Freude lesen, sobald ich meine Arbeit abgegeben habe
      Interessant ist sicher noch
      Graeme Simsion: Das Rosie-Projekt
      Auch da wird nicht ausdrücklich gesagt, dass die Hauptfigur AS hat, aber der Leser wird recht deutlich in den ersten Kapiteln mit der Nase darauf gestoßen (RW). Hier ist es offenbar Absicht, dass die Hauptperson als autistisch dargestellt wird.

      Eine interessante Figur im Kinder- und Jugendbuchbereich ist auch Georgin(i)a/Georg(e) aus der Fünf-Freunde-Reihe von Enid Blyton.
      Sie hat aus meiner Sicht (ohne Absicht der Autorin!) eindeutig zumindest autistische Züge, die sie wohl vom realen Vorbild für diese Figur (=Enid Blyton selbst) geerbt hat.
      Interessant ist auch die Kombination von autistischen Symptomen mit dem, was man heute wohl als Transgendereigenschaften bezeichnen würde. Das scheint ja bei AS nicht selten zu vorzukommen.
      Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anderswerden, wenn es besser werden soll. (Georg Christoph Lichtenberg)
      Veränderungen führen deutlich öfter zu Einsichten, als dass Einsichten zu Veränderungen führen. (Milton H. Erickson)
      Morgen werde ich mich ändern, gestern wollte ich es heute schon. (Christine Busta)

      The post was edited 2 times, last by Tuvok ().

    • mnesis wrote:

      shnoing wrote:

      Das ist "House Rules", oder?
      Ja, genau.Ich fand, dass im Buch Autismus ziemlich realistisch dargestellt wird. Phasenweise war es mir richtig unheimlich, wie oft ich mich in Jacob wiederfand, auch in den nicht so schönen Dingen.
      Und die große Stärke des Buchs ist eben, dass die Perspektiven so oft wechseln und man vieles auch aus der Sicht von Jacob, Jacobs Bruder, Jacobs Mutter, Jacobs Anwalt mitbekommt.
      Klar, manches ist etwas klischeehaft, z.B. die Farbentage ("heute essen wir nur weißes Essen"). Aber darüber kann man hinwegsehen.

      Ich fand das Buch nett geschrieben, es war aber schon recht früh erkennbar was in etwa wirklich vorgefallen war. ich las es abervtrotzdem zuende, weil der Schreibstil angenehm war. Wiederfinden in Jacob konnte ich mich jedoch kaum.
      Diagnose: Mensch
    • gerade wieder enteckt...dies war mein erstes bewusste Buch zu Autismus:

      lovelybooks.de/autor/Virginia-M.-Axline/Dibs-112557873-w/

      auch dies hatte mich fasziniert:

      lovelybooks.de/autor/Howard-Bu…illed-Myself-142315240-w/

      Howart Buten hat ja später das Centre Kochise für autistische Menschen gegründet
      und teils ungewöhnliche Zugänge zu ihnen gefunden und gestaltet.
      Er war zudem ein seltsamer interessanter Clown.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Aldaris-Adun wrote:

      Die erste Biographie einer Autistin, die ich kurz nach meiner Entdeckung las, war "Heute singe ich mein Leben" von Dawn Prince-Hughes. Der Titel im Deutschen ist zwar bekloppt, das Buch hat aber sehr stark resoniert, ich habe mich in sehr vielem ziemlich genau wiedererkannt. War ein weiteres Aha-Erlebnis.
      Hat das sonst noch jemand gelesen?
      Surprised by the joy of life.